M9 — Nr. P8 Samstag den (8. Dezember isT^/ II \ f S^W ÄrM» L B WUMK '.jl ■ Rheinlandstöchter. Roman von Clara V i e b i g. (Fortsetzung.)' (Nachdruck verboten.) VII. Ans styl anders Fenstern in. Moabit hatte man eine Weite Aussicht bis nach dem Kriminalgericht und nach der Kuppet des Ausstellungspalastes; über die Schienenstränge der Lehrter Bahn und die ganze lange Straße herunter. „Ru kommt sie," schrieen Karl, Viky und Lollo, die im Fenster lagen und strampelten mit den Beinen. „Wo?" Frau Elisabeth fuhr rasch auf und reckte sich über ihre Kinder. „Unsinn! Das ist ja eine uralte Person!" „Aber, du sagtest doch, sie wäre 'ne alte Jungfer!" Lollo rieb sich sehr enttäuscht ihre kleine Stumpfnase; sie tvar das entschiedene enfant terrible der Familie. „Um.Gotteswillen, Lollo, mach' nur nicht etwa solche Bemerkungen, wenn sie da ist," mahnte die Mutter. „Papa wird riesig böse, wenn er's hört!" „Ja, das glaub' ick!" Die Kleine lachte verschmitzt. „Der guckt immerfort nach der Uhr, und seinen guten Uniformrock bat er auch an!" „Sie kommt, sie. kommt!" Örtchen kreischte auf und schabte mit den Stiefeln noch rasch ein bißchen mehr Tapete von der Wand. „Jetzt ist sie an der Tür! Sie hat den Fritz an der Hand, der ist ihr entgegengelaufen, 'ne Viertelstunde hat er schon unten gelauert. .Jetzt mach'- ich ihr auf, Hurra!" Er stürmte davon. ' „Ich bin recht neugierig/! sagte Frau Elisabeth. „Ich auch, Mama!" Die hübsche Bich zog slch das halblange Kleid tiefer auf die Füße. . Lollo sprang von einem Bein auf's andre, daß dre blonden Zöpfe flogen. „Die alte Jungfer kommt! Hau, achtundzwanzig Jahr, tote uralt!" — — Zwei, drei Wochen waren vergangen, ehe Nelda den versprochenen Besuch bei Xylanders machen konnte; es gab zu viel der Abhaltung für sie. Im „Berliner" saß man allabendlich in wichtigen Beratungen beisammen; rn Schmoltes Vorderstuben war ein kleines Ausstattungs- straga'in eröffnet, man tvollte sich doch nett und modern einrichten. „Den alten Krempel verkaufen wir dann," sagte Frau Rätin. Allerhand hübsche Möbel würben angeschafft; sw standen schon vorne herum und in der großen Hinter- stube Die kleine Hinterstube war zugeschlossen und der- waift „Stellt mir nur ja nichts herein," — Frau Rätin schüttelte sich — „da hat die Berg gewohnt, das bringt^ Unglück!" - In glühender Sonnenhitze besah man Wohnungen; von jeder war Fran Rätin entzückt, wenn sie Teppiche auf den Treppen hatte und am Eingang die Inschrift „Aufgang nur für Herrschaften". Auch ein neues Schwarzseidnes und ein Grauseidnes, wie sie es so schön nie besessen, wurden Angeschafft; das SchwgrMdne sür's StaudesaM, dos Krau-- seidne für die Kirche. Nelda mußte überall mit, sie hatte! nie gewußt, daß sie der Mutter so 'unentbehrlich war. Fetzt, wo es zur Trennung kanr, schien Frau Rätin gut macheu zu wollen, was sie eigentlich immer vergessen hatte oder was ihr nur sehr selten eingefallen war — sie überschüttete die Tochter mit Liebe. „Neldachen hier — Reldachen da — wie Nelda meint" Und Nelda lächelte dazu und nahm es hin wie ein Geschenk, das einem in den Schoß fällt, ohne daß man's begehrt hat. Ja, an eine Trennung ging's. Es war nun ausge- machte Sache, gleich nach der Hochzeit reiste Nelda zunt Onkel; vor der Hand würde sie dort blerben, sie hatte das fest und bestimmt erklärt. „Du brauchst mich nicht, Mama. Er braucht mich, und so mancher andre da auch noch!" Frau Rätin weinte sehr, zum Schluß War es ihr aber ganz recht, „Sie kann ja jede Minute ivieder- kommen," tröstete sie sich; „das Reisegeld spielt ja gar keine Rolle," Und Schmolte hatte hinzugesetzt: „Jederzeit willkommen, Reldachen, jederzeit! Das. will mir gar nich einleuchten, daß du den ollen Onkel verziehst. Blech man keine Ewigkeit!" Heute ging sie nun endlich zu Xhlanders, die Frau Major hatte in einem freundlichen Briefchen um den Be- such zum Kaffee an diesem Sonntagnächmitiag gebeten. Nun schritt. Nelda die Treppe hinauf, an ihrer Hand hing Fritz, er führte sie wie im Triumph. „Ich kenn' sie schon," hatte er sich heute den ganzen Tag vor den Geschwistern groß gemacht. „Und sie gefällt uns sehr, gelt on, Papa?" . ........ st'm ander, in einer Art festlicher Unruhe, schrat die Zimmer ab und sah seine Kinder prüfend an waren sie auch nett und ordentlich? Dafür sorgte scho-t Frau Elisa- betl:; die sah selbst aus Wie auS dem Ei geschält, so frisch und heiter. Und der Kaffeetisch allerliebst gedeckt mit der gestickten Serviette, der Arbeit sauren Fleißes von Bickh und Lollo, und den altmodischen buntbemalten Tassen dev eliaen Tante: „Zum Andenken" — „Sei glücklich" — „Aus Freundschaft". „Die hat Nelda immer so hübsch gefunden, sagte Frau Elisabeth zu ihrem Mann, und er küßte sie dafür. „ ... ... Es ivar alles noch ivie früher; tote in dem getaut- sichen Eßzimmer draußen auf der Chaussee, Nur vor den Fenstern brandete die Großstadt, und eine Brandung ivar cs ja auch gewesen, aus der mau sich hierher gerettet Bei den; einen hatten die Wellen nur stürmischer gekost als bet dem andern; aber Wellen waren es immer. Die Kmdew die wußten noch nichts von dergleichen, die saßen mit großen Augen und kuchenhungrigen Mäulern und sähe« abwechselnd den Gast an und den lockenden Teller. Nelda blickte ihnen der Reihe nach in die buchenden Gesichter. Bald hingen sie an ihr wie die Kletten, sie mußte alles anhören, Schreibhefte, und Handarbeiten anfwnnen; nach einer halben Stunde erklärte Lollo ganz keck: „Dm Dante, du bist ja gar keine alte Jungfer! " 790 — Frau Elisabeth wurde glübeud rot. „Aber Lollo!" „Mer, Mama, im hast doch gesagt" — „Still!" Reida ivollte sich ausschütten vor Lachen. „Danke schön, Fran. Major!" Sie streckte Vie Hand über den Tisch, ihr Lachen !var so herzlich, die andern mußten nut ein- stimmeu. „O wie schade, Nelda, daß Sie so bald fortgehen! Müssen Sie denn absolut zu den; Onkel?" Iran Lylander hielt des Mädchens ausgestreckte Hand fest. „Was würden wir nun für gute Freundinnen werden, luie nett sind Sie geworden!" Sie sah Nelda mit wohlwollenden Augen an, und dann rutschte sie auf ihren! Stuhl hin und her, man inerkte ihr an, sie hatte was aus den: Herzen. Zerstreut klopfte sie auf den Tisch und zupfte am Tuch und rückte mit den Tassen hin und her. „Kinder, geht jetzt mal 'raus," sagte sie plötzlich energisch. Tie vier zögerten. „Geht nur, geht" — sie trieb sie von dannen — „ich komme gleich nach!" lind dann selbst schon halb auf denr Sprung: „Ich muß lvirklich mal was sagen, es drückt mich ordentlich!" Sie schnappte nach Luft. „Paul, du willst zwar absolut nicht, daß ich davon spreche, aber ich sehe das gar nicht ein, jetzt lvo ivir so gut befreundet sind. Der Paul, der ist ja auch so ein Idealist, vor lauter zarten Mcksichten verpaßt der die beste Gelegenheit — ja, laß mich nur ausreden, wenn du auch Gesichter «nächst! Denken Sie, Nelda, Ramer hat den Abschied genommen, gleich nach dem Tode seiner Mutter! Davon haben Sie doch auch gelesen, gräßlich, nicht ivahr Niemand antwortete; Xylander sah b-.s von der Seite auf Nelda. Frau Elisabeth plauderte munter fort. „Es war eigentlich ganz gescheit von ihm, mit d e m Namen macht er ja doch keine Karriere. Nun ist er angestellt in einer Gewehr- fa'brik in Köln — ja, ja, ich komme schon, was wollt ihr? Schreit nur nicht so!" Sie streckte bett Kopf zur Tür heraus, zog ihn" aber dann eilig wieder zurück und trat noch einmal an den Tisch. „Ich hätte ihm gar nicht so viel Schneid zugetraut, dem Ramer!" Wieder dieser Name! Es gab Nelda einen Schlag; ie konnte es nicht verhindern, daß eine zudringliche Röte angsam in die Wangen drängte und hinauf bis zur Stirn i Heg. Und dabei war ihr Herz, doch ruhig, ganz ruhig. Sie ärgerte sich über sich selbst. Frau Elisabeth sah das Mädchen verstohlen an und blinzelte idann ihrem Mann zu. „So, nun muß ich mal für ein paar Momente zu den Kindern gehen; entschuldigen! Sie, die machen sonst Unfug!" Sie raffte noch rasch ein paar von den benutzten Tassen zusammen und lief zur Tür, leichtfüßig wie ein München. Hinter Neldas Rücken blieb sie einen Augenblick stehen, machte ihrem Mann aller- hand Zeichen, wies mit dem Zeigefinger auf die regungslos Sitzende und ^nickte energisch mit dem Kopf. Tann verschwand sie. „So," sagte sie draußen mit einem; triumphierenden Lachen. „Fritz, Karl, was lungert ihr denn hier herum, ihr wolltet wohl am Schlüsselloch horchen? Kommt mal mit!" ’ Drinnen die beiden waren einen Augenblick ganz still, dann sprach Xylander mit einem entschuldigenden Lächeln: „Verzeihen Sie, der Name mußte sie unangenehm berühren! Halten Sie mich nicht für charakterlos, liebe Nelda, vor Jahren habe ich selbst nicht geglaubt, daß je wieder eine Beziehung zwischen ihm und mir sein könnte; ich, habe ihm sehr gezürnt. Aber man wird milder mit der Zeit, glauben Sie mir's!" „Ja, man wird milder!" Sie nickte, wie eine Vision schoß Römers Gesicht an ihr vorüber; sie konnte es sich doch noch vorstellen, aber wie durch einen dicken, dicken Schleier gesehen. „Ich glaube, wenn iutr uns selbst einen Charakter, oder sagen tmr besser: ein Temperament zu wählen hätten," sagte Lhlanders sympathische Stimme, „wir würden für ein Seilen- stück zu dem Ramerschen höflich danken. Was kann er für den Sinn, der ihm angeboren ist, zu seinem Unglück?!" Er richtete einen bittenden Blick auf Nelda. „Sie sollten ihm verleihen — können Sie ihm verzeihen?" „Und das fragen Sie mich — Sie?" Sie sah ihn mit großen, erstaunten Angen an. „Sie, der Sie wissen —■!" .Ich weiß, ich weiß!" Er legte seine Hand auf die ihre. „Nelda, man muß so vieles im Leben vergessen — Vergessen und verwinden!" Langsam schlug sie die Augen ttieber. „Glauben Sie nicht, daß ich auch vergessen mußte?" Sie sah nicht den wehmütigen Ausdruck über fein Gesicht ziehen und die Falte zwischen den Brauen, sie sah sinnend in ihren Schoß. „Glauben Sie mir, Ramer bereut schwer, was er Ihnen gegenüber gefehlt hat; niemand hat mit einem Gefühl tieferer Beleidigung an ihn denken können als ich, ja y uuterbrechen Sie mich nicht — ich! Nelda, ich habe Sie so hoch gehalten, mich an Ihrer Frische erfreut, erquickt, mir war —", er fuhr sich mit der Hand über die Stirn — „aber lassen wir das! So mag der Gärtner dem Buben zürnen, der nachts über den Zaun steigt und ihm die schönsten Rosen abschneidet, 's war nicht mein Garten, aber doch der des Nachbars. Bald nach dem Tode Ihres Herrn Vaters — Sie hatten schon Koblenz verlassen — schrieb Ramer an mich; er fragte nach Ihnen, er wollte wissen, wie Sie den Verlust ertrügen. Ich war zu böse auf ihn; ich antwortete nicht. Dann nach zwei Jahren kam noch ein Bries; wieder die Frage nach Ihnen, aber noch intensiver, und zwischen den Zeilen eine brennende Selbstanklage. Ich antwortete wieder nicht. Aber als ich einen Kameraden aus Mainz traf, fragte ich nach Ramer. Der sprach mit Achtung von ihm, nicht mit dem sonst üblichen Achselzucken; er sei sehr fleißig, beschäftige sich mit allen möglichen technischen Sachen, halte sich zurück, finde aber bei den ernsteren Elementen im Regiment Anklang und so weiter. „Er trägt Schweres mit sich herum," sagte der Kamerad, „aber er müht sich, es nicht zu zeigen, er hält den Kopf hoch." Da fing ich an, wieder Sympathie für ihn zu bekommen und ließ ihn grüßen. Geschrieben habe ich wieder nicht. Von Ihnen lmißte ich auch nichts, Sie waren mir entschwunden, so wie mir inzwischen die Jugend entschwunden ist sehen Sie, ganz grau!" Er neigte den Kopf, daß sie den grauen Scheitel sehen konnte; da nützte kein Auszupfen von Frau Elisabeth mehr, es waren zu viele der bedenklichen Fäden. „Und dann zuletzt — Sie wissen's ja — kam der schreckliche Tod von Frau von Ramer, und gleich darauf las ich im Militärwochenblatt die Abschiedsbewilligung für den Sohu. Da schrieb ich nun doch ein paar kondolierende Zeilen. Sie werden erstaunt sein, ich bekam als Antwort keine Jeremiade; nein, einen ganz vernünftigen Brief, ernst nnd gehalten natürlich — die Mutter sei nun tot, er habe bett Abschied nachgesucht, er sei es müde, einer eingebildeten Ehre nachzujagen, wolle versuchen, sich anderweitig zu betätigen und habe eine Stellung an der großen Geivehrfabrik von Faber & Co. in Köln angenommen. Anständig, nicht wahr? In diesem Brief keine Frage mehr nach Ihnen!" „Wie könnte das auch sein?" Sie lachte kurz auf. „Er hat mich nie geliebt, warum denn jetzt Interesse heucheln?!" Wie kalt ihre Stimme klang! Und doch fing Xylanders feines Ohr das verletzte Empfinden darin auf. „Nicht so," bat er. „Er fragte nicht mehr direkt nach Ihnen, aber da stand ein Satz, der viel mehr bedeutet. „Ich habe eiusehn gelernt, daß äußere Ehre und Namen 'nicht das Höchste sind. £), daß ich das Beste, das Edelste von mir gestoßen habe, das sich mir jemals im Leben geboten hat! Könnte ich gut machen!" — Da ist mir denn doch ein Licht aufgegangen. Sehen Sie, Nelda, er möchte gern heraus aus seiner Unglückshaut: es wäre unrecht, ihm die helfende Hand zu verweigern. Was meinen Sie?" „Warum sagen Sie mir all' das, warum sragcu Sie mich?" Sie zuckte die Achseln. „Ich kann ihm nicht helfen l" Starr sah sie an Xylander vorbei in die flimmernde Sommer-; lüft, die draußen vor'm Fenster spielte. (Fortsetzung folgt.) Eingeschneit. Eine Weihnachtsgeschichte von Gerhard Walte?. (Nachdruck verboten.) Durch die Straßen fegte der Schneesturm. In schrägen Streifen wirbelte er die dichten Flocken gegen die Scherben des Gastziminers in der Posthalterei. Mit Mühe und Not hatte der Zug unter anderthalb Stunden Verspätung sich bis zu dieser Station durchgearbeitet und war hier hegen geblieben, verzweifelnd an der Möglichkeit, die Durchfahrt dmch die schneeverwehte Schlucht jenseits des Städtchens er- Pvingen $11 können. (Sine hoch-gewachsene Tarne stand im Reisemantel und Baschlik, beide noch reichlich mit Schnee bestreut, vor dem Posthalter. Aus oem jugendlichen, frischen Gesicht blitzten ihn zwei sehr schöne braune Augen voll zornigen Lebens au. „Aber ich sage Ihnen ja, ich Muß Pferde haben ! Ich kann hier doch unmöglich Weihnachten bei Ihnen feiern! Ich will nach Hause!" _____„Mein liebstes Fräulein, ich kann's beim allerbesten Willen nicht, — es geht wahrhaftig nicht; ich kann's Ihretwegen und des Postillons wegen und des königlichen Materials wegen nicht verantworten!" beteuerte der kleine Mann inständigst. ^■te wandte ihm kurz den Rücken und warf den pelz- gesiitterten Ivetten Mantel mit schnellem Ruck ab. Groß und schlank, von elegantem Wuchs, stand das stattlich schöne Mädchen da. Jetzt flog auch der Baschlik auf den Stuhl, und es war ein Vergnügen, auf das Fräulein zu blicken, wie sie mit leichtem Schritt ans Fenster trat und hinausschaute. — Ungeduldig trat der knapp und fest be- stiefelte kleine Fuß auf. Draußen sah es wenig verheißend aus. Immer neue Schneewolken rieselten herab und mehrten die Tiefe der weichen, feinkörnigen, schimmernden Decke, Unter der feit Stunden alles Pflaster und alle Rinnsteine Und die ersten Treppenstufen der Hausaufgänge verschwunden waren. Dort an der Straßenecke, um die der Wind so recht pfeifen konnte, türmte sich die Schanze altmählich höher und höher, daß kaum noch die Mündung des alten eisernen Kanonenrohrs schwarz aus der weißen Masse heraussah, das dort als. Eck- und Prellstein ein beschauliches, außerdienstliches Leben führte. Die junge Dame rang aus dem Fensterbrett die Hände. ,Mein, aber solch' Pech! Kein Wagen, kein Schlitten, das Rest wie ansgesiorben! Das Nimmt von der Bescheidenheit her! Was schreibe ich auch, daß ich mit der Post kommen werde! Hätte ich den braven Onkel doch nur ruhig seine dicken Gäule anspanneu lassen! Aber das hätte auch nichts geholfen. Bei dem Wetter wäre er nie dahin zu bringen gewesen, seine Goldmähren aus dem Stalle zu ziehen!" „Hier, Fräulein!" sagte die Magd hinter ihr und setzte eine dampfende Tasse Kaffee auf den Tisch. „Soll ich ein Zimmer siir Sie zurecht mach en?" fügte sie hinzu, als die Angerodete rasch herümfuhr. „Ja, mir bleibt ja wohl nichts anderes übrig!" seufzte sie aus tiefstem Herzen und stützte halb wehmütig den Kopf tu die feine Hand. „Na, das' bißchen Weihnachten aber! Und deswegen Tag und Nacht gereist! " Die Magd blieb in der Tür stehen und horchte. Schellengeläute klang die Straße herauf. Auch das Fräulein hob das Gesicht. Das Geklingel kam näher und wurde immer lauter; jetzt schallte es dicht vor dem Hanse und dazu das Getrappel von einer ganzen Menge Pferdebeinen, gedämpft durch den tiefen Schnee. Und die vier Pferde, denen sie an- gchörten und die, vom Sattel gefahren, einen leichten Schlitten hinter sich> jetzt vor der Einfahrt ungehalten wurden, dampften in der kalten, düsigen Lust. Kurz darauf erklang heftiges Trampeln schwerer Stiefel draußen in der Durchfahrt, 'wie von einem, der sich die Füße wärmen wollte, und eine tiefe, klare Stimme rief dazu: „Donnerschlag, ist das ein Hundewetter!" Dann flog hie Tür auf, und in einen schweren Pelz, gehüllt, in blanken, weiten Reiterstiefeln, die bis zu den .Hüften reichten, eine weiße, rotverbrämte Kürassiermütze verwegen auf die Stirn hinaufgeschoben, trat schnell ein hoher, schtverer Herr herein, etwas breitspurig, aber doch mit einem Gesicht, das so deutlich von unverwüstlich guter Laune-und gutem Herzen sprach, daß es gar nicht nötig gehabt hätte, noch dazu so mannhaft ansprechend zu sein, wie es von Natur gebildet war, um -doch M gefallen. — Der Schlitten klingelte und schurrte durch den Torweg, und die Pferdehufe trappelten klirrend dazu chif dem Pflaster. , z •... ... ..., Das Fräulein musterte mit ichnellem Bück bte ritterliche Gestalt. Der neue Gast hatte sie noch gar nicht bemerkt. Nun warf er die Mütze auf den Tisch und strich sich den, Schnee aus dem hingen Schnurrbart. Mit energischem Griff entledigte er sich des Pelzes und stand in seiner nicht besonders neuen, aber auch so immer noch vorieuhasi genug sich zeigenden Uniform der Panzerreiter mitten nn Zimmer, hie Arme dehnend. „Na, Sie kleine, niedliche Hexe da," rief er der Magd zu, „bringen Sie mir mal das ^größte Glas Grog, das Sie flüssig machen können! — Ah, Morsen, Postmeisterchen! Ra, wollen sich hier wohl ein bißchen einspinnen und behaglichen Weihnachtsabend feiern ohne Zugankunft, Postabgang und- Paketaustragen, was? — Ganz vernünftige Idee. Aber meine. Kiste mit griechischem Wein für meinen alten Herrn händigen Sie mir wohl noch aus! Und mm schnell eine gehörige Portion Beefsteak mit Eiern und eine halbe Flasche Portwein — aber flink; ich muß in einer halben Stunde wieder fort, sonst schneien mir die iiifmueit Wege hier noch ganz Und gar zu! War so wie so schon schlecht genug durch- zukommen." „Aber Herr Leutnant sind bloß wegen dem Wein heute die zwei Meilen gefahren? Bei dem Wetter?" fragte das Postmeisterleiii erstaunt. „Na, freilich; glauben Sie, daß ich meinen alten Papa darunter leiden lassen will? Meine größte Leistung in Weihnachtsgeschenken soll hier bei Ihnen liegen bleiben und etwa zu Ostern, ivenn der Schnee schmilzt, nachträglich kommen? Nein, dann kennen Sie Oskar Holm schlecht!" Da. sprang das Fräulein plötzlich ans. Der Offizier schaute hinter sich. „Ah, Pardon!" näselte er etivas, in alte Gewohnheit zurückfallend, und verbeugte sich tief. Lächelnd stand das junge Mädchen vor ihm, blühend und frisch und schön, und reichte ihm die Hand dar. „Oskar, kennen Sie mich nicht mehr?" fragte sie. „Ich wüßte nicht," stotterte er etwas verlegen, und sein Auge forschte in ihrem Gesicht. Sie hielt den Blick der stahlblauen, durchdringenden Augen aus. Plötzlich flog es über sein Gesicht: „Nein, wär's möglich — die kleine Julie Plockmann? Famos!" rief er jubelnd. „Julchen! Das ist ja eine Weihnachtsfreude ganz besonderer Art!" Und er streckte ihr beide Hände hin. „Aber wie können Sie auch verlangen, daß man in dieser Prachtgestalt den kleinen zwölfjährigen Wildfang wiedererkennen soll! Ist ja über zehn Jahre her, daß ich in den Sommerferien als Sekün- daner mit Ihnen int Backtrog auf Ihres Onkels Hofteich umkippte; da sahen wir uns zum letztenmal; denn damals jagte er mich im Zorn vom Hof, und darüber entstand die große Feindschaft der Montecchi und Capnletti, die bis auf beit heutigen Tag dauert — aber wir begraben die Streitaxt, nicht wahr, Julchen?" rief er herzlich und zog erst langsam die eine, dann die andere Hand an seine Lippen. „Ja, mir wollen verständiger sein als die Alten, und die Sünden der Väter nicht an uns selber rächen/'gab sie ebenso zurück. „Und- nun gleich eine Bitte —" Sie sah freundlich mit reizendem Blick zu ihm auf. „Ich soll Sie nach Hause fahren mit meinen Vieren, nicht wahr? Haben Sie es denn gaiH darauf abgesehen, mir den Köpf vor Glück zu verdrehen? Bis ans Ende der Welitz. fahre ich Sie; und au der Mergelgrube, in die ich mit Ihnen zusammen hineinfalle, Julchen, laß ich einen Gedenkstein fetzen." , , , „Nun, malen Sie's nur nicht allzu verlockend — aber Sie glauben gar nicht, wie mich diese Begegnung und Ihre Hilfe freuen! Meinen Sie, daß wir durch- konnnen?" ' ■ „Mit vier Gäulen kann man viel!" gab er sicher zur Antwort; „aber wir dürfen nicht zu lange warten! Jetzt seien Sie mein lieber Gast — und dann los!" Hub dann fegte der Schnee weiter über die Ga seit unb über die Felder. — Er hatte das Mädchen freudig und beglückt in den Schlitten gehoben und sie eingewickelt und eingehüllt wie ein Kind- für das er sorgen mußte. „Wie gut Sie sind!" sagte sie dankbar. Der Knecht knallte mit der langen Peitsche, unb im schlanken Trab aiiig's auf ebener, weicher Bahn dahingieitend durch die krummen Hauptstraßen des Städtchens. Schneekappen auf allen Pfählen; Schnee klebend an den Laternengläsern; Schnee auf den Dächern - jetzt eine kleine Lmmne von oben kommend, silbernen Staub versprühend un iMlen, tiefe Stille ringsum, jeder Laut gedämpft, und von oben immer neue Schueemasstm herabwirbelnd vorm eis'M'i Nordost, der in kürzen Stößen heulend über die --ächer hin fuhr, unten auf Erden und oben aus den ^achernnebel- artige Wolken aufjagend. Vom Kirchturm fchalltc es mit tiefen, hallenden Schlägen elf Uhr. still und groß «n; einer Seite weiß, auf der anderen lch'varz, ragre er YinmZ in die wilde, wirre Flockenjagd- zur Hälfte feiner Höh. 792 — verborgen tut Gestöber, das um seinen Helm tobte. — Und unten, in einer Ecke au seinem Fuß, schauten aus einem großen Schneehaufen einzelne Zweige von beit Dannen- bäumen heraus, die da znm Verkauf mtfgestellk gewesen waren.. . „Prächtig so!" sagte das Fräulein vergnügt, „recht so, wie's am Heiligabendtag sein soll — der Wald verschneit und die Herzen still, fröhlich und warm, nicht wahr?" „Ich lernte nichts besseres l" gab er Zurück, „aber a l le i n kann's einem doch zu viel werden: so, mit solch' reizendem Kameraden, — das.glaub' ich!" Nun lag das freie Land vor ihnen. Aber eben war's nicht. Mühsam arbeiteten die Pferde sich durch die Schanzen; schief zum Umwerfen ging oft der Schlitten; über den weiten, breiten Acker fuhr die wilde Flockenjagd unaufhörlich, lautlos, gespenstisch, alles Leben begrabend dahin. Der Kürassier sah hinter sich. „Nichts mehr zu sehen von dem edlen Nest; wer sich.heule verirrt, dem ist nicht Wohl. Fürchten Sie sich?" „An der Seite eines Reiteroffiz-iers mich fürchten?" klang es mit freundlichem Ton aus dem dicht vorm Gesicht znsammengehaltenen Baschlik heraus. „Recht so! Aber nun habe ich Ihnen eine Bitte erfüllt; nun tun Sie es mir auch!" „Und welche wäre das?" „Lassen Sie mich Ihr Gesicht sehen! Mr haben hier den Wind im Muken! Bitte!" Er neigte sich gegen sie. ■— Sie schob die Sanrmetflügel zurück und sah ihn heiter an. „Warum?" "" „Sie sind schön, Julchen, und ich muß mich hier au Ihnen satt sehen ; nachher bekomme ich Sie doch nicht mehr Zn Gesicht;" „Die alberne Feindschaft soll aufhören!" sagte sie fest, „ich stehe dafür ein! Dann wollen wir Zusammenkommen und gute Freunde und Kameraden sein tote je! Aber sehen Sie, es wird immer ärger; man sieht nicht zehn Schritt weit!" Der Kürassier schaute besorgt um sich. „Fritz!" rief er dem Knecht zu, „wie geht's?" „Ja, Herr Leutnant," sagte dieser mit bedenklichem Don, „hier geht's ja noch; aber wenn wir auf den Landweg abbiegen, dann wird's schlimm werden, in der Schlucht ist's nun ja wohl rein arg. Ich bin bang, die Pferde halten's nicht aus. Sehen Sie nur, wie sie dampfen." „Ja, Fritz, das hilft nichts; auf der Straße töirnen wir nicht liegen bleiben; toenn die Schlucht vollgeweht ist, müssen wir übers Feld fahren und sie umgehen!" „Wenn die Mergelgruben und die Wassergraben nur nicht wären!" brummte Fritz und schwang knallend seine Peitsche über seinem schwer arbeitenden Gespann. Es ging schon lange Zeit im Schritt, die Kufen schnitten zu tief ein in dem lockeren, frischgefallenen Schnee, und die Pferde hatten Mühe, die Beine zu heben. (Fortsetzung folgt.) Derimfebtes. * Ein Besuch bei Maxim Gorki in Capri. In seinem stillen Heime in Capri, wo Maxim Gorki zurzeit mit der Vollendung eines neuen größeren. Werkes beschäftigt ist, hat der russische Dichter, von dessen angeblichem Ausschluß aus der revolutionären Partei seines Vaterlandes in den letzten Tagen allerlei Meldungen durch die Blätter gingen, den Mitarbeiter des Sortiere de la Sera Francesco Dell'Erba empfangen. Gorkis Gefährtin, Maria Piescoff, die unter ihrem Bühnennamen An- dreiewna bekannt ist, vermittelte die. ilnterrednng, gegen die Gorki,. der völlig zurückgezogen lebt und Besuch nicht empfängt, sich Anfangs sträubte. Man führt den Gast in ein großes Studierzimmer; eine seltsame melancholische Stimmung liegt über dem Hermetisch verschlossenen Raume. Zn einer Ecke brennt ein Ofen und verbreitet so große Hitze, daß die Fremden anfangs fast Atemnot erleiden. Ein Fenster führt zum Meere und beherrscht den Golf von Neapel. Draußen schlägt der Regen klirrend an die Scheiben, vom Meere ist nichts zu sehen, nur das Echo seines Rauschens schlägt matt in das Gemach. Hinter einem großen Tische, der mit Papieren bedeckt ist, die Gorkis klare runde. Handschrift zeigen, sitzt der Dichter. Er scheint gealtert, er ist blässer als früher und auch magerer; Er scheint traurig, aber beim Sprechen .erhellen sich seine Züge. „Welches Leben ich führe? Seit drei Monaten habe ich mein Hans nicht verlassen. Jur September überfiel mich eine Bronchitis, an der ich heute zwch leide. Die Aerzte dringen auf Vorsicht und Schonung. Redaktion: K. Neurath. -- Rotationsdruck und Verlag der Brii Darin» breünt auch stets der Ost»." Als der Besucher daA Gespräch auf den. angeblichen Ausschluß auö der revolutionäres Partei lenkt, gleitet ein leises Lächeln über Gorkis Züge. „Nie- maud ist nach Capri gekommeit und auch brieflich habe ich keine Nachricht erhalten." Ec nennt die Nachricht eilte Zeitungs- Phantasie. Die Schute, von der in den Meldungen die Redä War, wurde im Einverständnis mit der revolutionären ZentvaL- partei begründet. Hörer waren Sekretäre der Ärbeit.-rorganiv sationen, die eigens dazu aus Rußland nach Capri kamen. „Ich lehrte Literatur meine Freunde Lumazarski, Bogdanoff und Alexienski Geschickte, Nationalökonomie und Naturwissenschaft." Die Schule wurde aufgelöst, weil die Kosten zu groß waren! und sie zu weit abseits vom Zentrum lag. Sie wird nach Paris verlegt. Die Schüler, ihrer 15, bewohnten als Gäste Gorkis das Parterre seines Hauses ; die meiste» sind bereits nach Paris abgereist. Gorki arbeitet fast den ganzen Tag: er spricht dann Volt dem neue n Wer,ke, das nahezu Abgeschlossen ist. „Ich schreibe an denk dritte.» Teile eines Roma »es, der den Titel führt „Chronik der kleine» Stadt Chunoff". Der erste und der zweite Test, find bereits in den Händen des Verlegers. Der dritte Test, der den Titel führt „Kleiner Roman", ist auch nahezu vollendet." Mit feinem Freunde Prof. Mäher hat Gorki auch ein Bu ch ü der das Erdbeben von Messina und Reggio geschrieben. Die Erträgnisse fließen den Atintm der beiden von vsu Kata- stcophen getroffenen Städten ?<*. Gorki fom'mt dann auf Politik zu sprechen, erkundigt sich na... deut Eindruck des .starenbesückstA in Italien. Wann Rußland küe Regierung hätte, die es haben sollte, dann wäre nach Gorkis Meinung ein Wlndnis zwischen Rußland, Frankreich,. England und Italien die sicherste Gewähr für den europäischen Frieden. Bon Gorkis Lebensgefährtin sprechen! die Nachbarn mit schrrmlvnloser Bewunderung. Den ganzen Tag verwendet sie darauf, die Armen rind die Kranken, in ihren Häusern! aufzusncken. Sie pflegt die Kranken, verteilt Heilmittel, unter- stützt die Mütter bei der Pflege Wer Kleinen und kauft ihnen Hefte und Schulbücher. Im letzten Sommer sandte sie aus ibre Kosten' einen armen rachitischen Jungen ins Bad. Nichts bleibt übrig von dec Legende, die von einem Leben in Luxus erzählt. Alles ist streng« Arbeit und Pflichterfüllung. „Mer," so schließt der italienische Besucher feinen Bericht, „das bleibt nun einmal -richt zu ändern: für die .Fremden ist Capri immer noch die Insel des. Tiberius." * Im Ehehafen. Sie (als der Mann zu später Stund« angeheitert nach Hanse kommt): „Aber Theobald, vergebens suche ick nach Worten..." — Er: „Liebe Agathe, da kannst du dich aus dich verlassen; du wirst sie finden!" * A u! „Die bei Ihnen gekauften Streichhölzer müssen feucht sein, sie zünden gar nicht!" — „Dafür sind's ja auch Sicher- • heitszündhölzer!" * Das ändert hie Sache. Er: „Eben hörte ich im Salon ein verdächtiges Geräusch — ich trete leise ein, und was sehe ich? Der Klavierlehrer küßt —" Sie: „— uns're Lotte, Rege dich nur nicht gleich auf; es sind junge Leute —" — „Das Dienstmädchen hat er geküßt!" — Sie: „Na so 'ne Gemeinheit! Der Kerl muß auf der Stelle raus!" * I m Heiratsbureau. Vermittler: „Ich habe Ihnen doch gesagt, daß der Herr schwarze. Haare und blaue Augen hat." — Dame: „Aber die, rote Rase haben Sie mir verschwiegen." _____________ Literatur. — Das c c f< c Werk über Michael Pacher, den große» deutschen Maler und Bildhauer der zweiten Hälüe deS 15. Jahrhunderts, ift soeben im Verlage deS dewsche» Deukmälec Archivs „VerlagSanstalt Dr. Franz Stoedtner, Berti» erschiene». .Köuigsp» omeuade. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weise miteinander verbinden, daß man — wie der König nuf dem Schachbrett — sterr von einem Feld aus nuf ein benachbartes übergeht Auslösung in nächster Nuinmer: sind wrrt das inan dem sucht tiefen iiiinS segen das, beste von das heraus und für ein es be schick was nein haus jedes ist sal schert ei Auflösung de§ Ziiatenrätseis in voriger Nummer: Gebet dem Kaiser,'was des Kaisers ist. bl'schen Uuiverstiäis-Buch- imb Steindruckerei, R, stgnge, Gießen-