Donnerstag den |8. November II -ry * W WhL?- Rhemlandstöchter. Roman von Clara Biebig. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) „Es is ja akkurat so wunderbar, daß Sie hier sind! Ne, noch viel wunderbarer, denn Sie sind doch die jüngste net mehr, Madam," sagte Hommes ziemlich grob. Er war ärgerlich auf das garstige, alte Frauenzimmer und den schlappen Menschen, der, weiß wie Käse und zitternd wie Espenlaub, sich an die Wand drückte. „Wir sind vor zwei Stuirden beim schönsten Wetter von Manderscheid weg-- gegangen, wer kann't wissen, daß ei'm so was in die Quer kömmt! Wundern Sie sich als net so Viel, Madam, sein Se froh, daß Se unter Dach sind. Eweil geht et erst recht los!" Welch' ein grober Mensch! Fräulein Planke war empört, aber sie machte gute Miene. Sie begann eine Unterhaltung mit Nelda, wenn auch ziemlich bekniffen; sie erzählte, daß sie zur Erholung einen kleinen Ausflug in die Eifel unternommen, und zum Schutz — hierbei schlug sie die Augen nieder — einen jungen Freund mitgenommen habe. „Ah, Sie kennen sich noch nicht?! Herr Heinrich Susemiehl, so Gott will, bald Prediger — Fräulein Nelda Dallmer aus Koblenz!" Der junge blonde Mensch verbeugte sich linkisch und sah Nelda schüchtern an. Fräulein Aurora fuhr klagend fort: „Wer hätte dieses Wetter geahnt, als wir heute von Daun zur Besteigung de« Mosenkopses auswanderten! Nein, daß unser letzter Reisetag so enden muß! Lieber Heinrich, kommen Sie hierher, Sie können noch auf der Bank sitzen." Sie kreischte laut auf. „Ein Blitz!" Tageshell ward alles erkeilchtet, in der Oeffuung der Tür erschienen Hunsrück und Moselberge auf einmal tn blendendem Glanz, aber nur für kurze Augenblicke. Jetzt schwarze Nacht und rollende Donnerschläge, neue Blitze und wolkenbruchähnlicher Regen. Aurora Planke kam nicht aus dem Entsetzen heraus; bei jedem Mitz kreischte sie aus und umklammerte krampfhaft den Arm ihres Beschützers. Der Blonde schien ganz geknickt. „Heinrich, lieber Heinrich — ha — huh —-1" In sinnloser Aufregung ließ sie seinen Arm fahren und hielt sich die Augen zu. Ein Donner krachte, der den Berg in seinen Grundvesten erschütterte. . „ rr . „Hah !" Sie warf sich ihm mit einem Entsetzensschrei Mi die Brust. Er stand da wie ein Steinbild, die langen Arme hingen ihm anr Leib herunter. Ein furchtbares Wetter. Auch Nelda tvar bleich geworden, aber sie verhielt sich Whig; neben ihr stand Hommes, seine Hand glitt verstohlen ............- _______sie keuchte, als sie lief, trat achtlos "in das aufgeweichte Erdreich; das Unwetter hatte tiefe Rinnen in den Weg gerissen und nut braunem, schart, mendem Wasser gefüllt, sie sprang hinirber, — zu kurz, das °°° »m W» Wie« an den Falten ihres Kleides herunter. Nun hatte er ihre kalten Finger gefunden, nun hielt er sie fest. Das Dach bot nicht länger Widerstand, der Regen lief von allen Seiten herein; Hommes hielt den Schirm über Nelda, jetzt zog er sich mit ihr in die geschützteste Ecke zurück. In dert anderen kauerten Fräulein Aurora und der blonde junge Mann. Bis jetzt hatte letzterer noch kein Wort von sich gegeben, nun sagte er plötzlich, nach Luft schnappend: „Ich mutz nach dem Wetter sehen!" machte sich los und schritt der Tür zu. „Nein — Heinrich!" Ein schreckliches Rollen dröhnte. „Lieber Heinrich, bleiben Sie!" Mit gellendem Aufschrei stürzte sie ihm nach — sie wankte — sie sank ihm in dis kirnte. Er machte Miene, sie auf die Bank niedergleiten zu, lassen. „Nein, nein!" Sie hielt ihn krampfhaft fest. Werschüchtert setzte er sich neben sie nieder. Der Regen floß ihm auf's Haupt, er senkte es tief — wollte baÄ Gewitter denn nie enden?! Nach zwei Stunden wagten sie den Abstieg. Der Himmel hatte sich geklärt, der Regen aufgehört. Fräulein Aurora glitschte den Berg herunter, mit einer Hand sich an den lieben Heinrich klammernd, mit der andern Hommes am Rockschotz fassend. Das Kleid hing schlaff um ihren magern Leib, der Zopf war verrutscht, aus den glatten Scheiteln hatten sich Haarsträhnen losgemocht und wehten um's Gesicht. Aber sie war guter Laune. „Welches Erlebnis, mein lieber Heinrich! Ja, solche Erlebnisse verbinden; habe ich nicht recht, lieber Heinrich?!" Nelda konnte das „lieber Heinrich" nicht mehr mit anhören, der blonde Mensch tat ihr in der Seele leid, er sab so angstvoll drein. Sie eilte voran. In ihr tobte ein wilder'Aufruhr. Was hatte Hommes geflüstert unter dem Schirm in der dunklen Ecke? Sie fühlte seine heißen Lippen auf ihrem Nacken. Die lagen da, als wollten sw sich festsaugem „Heinrich, lieber Heinrich!" Ja richria, der blonde Jüngling hieß so, wie Hommes auch - ob sw je zu dem auch „lieber Heinrich" sagen könnte?! Sie ötinete heftig und rannte tollkühn bergab, beide Hande auf das klopfende Herz drückend, das Mut stieg ihr in den Adern auf und nieder. „Morgen, morgen", hatte er geflüstert, „in aller Früh am Tempelchen, ja? Fräulein Nelda, Swsind netter als alle Mädchen in der Welt!" Und dabei hatte seine Hand ihre Taille umspannt und an der herumgefmgert! Und sie? Sie hakte einen Blick getan nach dem Paar druben in der Ecke selbst - die Planke, die alte Jungfer mit den herben Grundsätzen fühlte sich hingezogen zu einem andern Wesen, Nelda lachte nicht darüber, *•••**“ — 722 — Funken, die Kniee bebten ihr — nicht bom schnellen Lauf — es fuhr etwas in ihr auf und nieder Und rüttelte sie durch und durch. Eine wilde Lust überkam sie. Sie Hütte hinausschreien mögen in die regendurchfeuchtete Welt, über die eine versöhnende Abendsonne niederglänzte und sich grüngolden in jedem Tropfen spiegelte. Sie war nicht Herr ihrer Sinne. Sie stand still und preßte beide Hände an ihre hämmernden Schläfen, dann fuhr sie sich nach dem Nacken und wischte drüber hin. Da hatten seine Lippen gelegen — sie fühlte noch den brennenden Druck — es lief ihr von dort den Hinterkopf herauf wie ein magnetischer Strom, setzte sich oben auf dem Scheitel fest und spreizte die Strahlen nach allen Seiten. Sie konnte nichts anderes fühlen. Wie durch einen Nebel sah sie die drei auf sich zukommen. Sobald Fräulein Planke festen Boden, das heißt die Manderscheider Landstraße unter sich fühlte, wurde sie ganz Würde. Der liebe Heinrich durfte den zerfetzten Schirm tragen; sie selbst schritt daher, steif wie ein Pfahl, unter dem ungestalten Hut mißbilligende Blicke auf Nelda schießend. „Es muß nnch doch sehr wundern," sagte sie spitz, „daß Sie ohne Begleitung" — mit einem verächtlichen Lippenkräuseln sah sie an Hommes vorbei — „hier herumstreifen! Heutzutage sind die jungen Mädchen merkwürdig emanzipiert. Gott sei Dank, es gibt noch Ausnahmen!" Sie legte ben Kopf auf die Seite und lächelte. „Nicht wahr, lieber Heinrich?" Der Angeredte schreckte zusammen. „Gewiß — o ja — natürlich," stotterte er. Aurora fuhr fort: „Natürlich, die Ansichten sind ja ehr verschieden! Mich wundert nur, liebe Nelda, daß Sie ich hier amüsieren können! Freilich, Koblenz?!" Sie zuckte die Achseln. „Aber Ihr Papa soll recht leidend sein!" „Ich weiß, er hat die Grippe gehabt!" Nelda ging ein paar Schritte vorauf, sie wendete jetzt kaum den Kopf und sagte das leicht hin. Hommes hatte sich, an ihre Seite gestohlen, sie ga!b nicht mehr acht auf die Redensarten der Planke, die gingen wie leerer Schall an ihren Ohren vorbei. An den ersten Häusern t’oit Manderscheid trennte man sich, es war ein kühler Abschied. „Biel Vergnügen," sagte Fräulein Aurora und neigte hölzern das Haupt. Nelda schritt mit ihrem Begleiter durch die wohlbekannte Dorfgasse, die Leute standen in den Türen und grüßten freundlich, aber sie erwiderte nicht wie sonst lachend ben Gruß; ein bittrer Geschmack lag ihr auf der Zunge. „Der Vorgeschmack jener andren Welt, der Koblenzer Geruch hat mich angeweht," sagte sie sich und schauderte. „Noch nicht daran denken, die kürze Zeit noch genießen!" Sie lächelte Hommes an und verlangsamte unwillkürlich den Schritt. Jetzt waren sie an der Bürgermeisterei, er stieß die Tür auf — jetzt — im dunklen Flur fühlte sie sich von seinen Armen umschlungen. Sie wollte sich losmachen und konnte doch nicht. „Bis morgen, Fräulein Nelda," flüsterte er. Ein Druck >— ein stürmischer Kuß — sie taumelte gegen die Stubentür. Der Onkel trat eben heraus. „Befa, ob meine Nichte denn noch nicht — ah, Nelda du bist's, Gott sei Dank!" Er zog sie in die Stube. „Ich hab mich uni dich geängstigt, Kind! Und dann —" „O es war schön, Onkel! Warum ängstigen?" Sie sprach noch ganz atemlos; durch das Halbdunkel sah sie nicht, wie bleich sein Gesicht war. Sie lachte überlaut auf. Er zog sie an's Fenster und sah ihr dort ins Gesicht mit einer seltsam feierlichen Miene: er strich ihr Über das wirre Haar und die erbitzten Wangen. Er wollte sprechen und stockte, dann faßte er sie an beiden Händen — wie lebensvoll die Pulse in ihren festen Handgelenken stürmten! Sie hielt die Lippen halb geöffnet und sah ihn lächelnd, mit glitzernden, unruhigen Blicken an. „Was hast du, Onkel?" Er antwortete nicht gleich, er seufzte und neigte dann den grauen Kopf, daß seine Stirn auf ihrem blonden Scheitel lag- „Liebes Kind," sagte er mit bedeckter Stimme, „wir müssen zum Bieruhrzug morgen in aller Frühe in Wittlich sein. Wir müssen reisen!" „Warum?" Sie fuhr hastig zurück und starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an. „Ich habe vor einer halben Stunde ein Telegramm bekommen" — seine bebenden Finger suchten in der Brust- tascho — „dein dein guter Vater — ist kränker geworden. Sehr krank!" , Eine bange Pause. Es war unheimlich still in der dunklen Stube. Plötzlich ein gellender Schrei. „Tot — — ?!" Nelda stürzte vornüber, mit der Stirn auf eine Stuhlkante schlagend. „Noch nicht!" (Fortsetzung folgt.) Wann beginnt in Deutschland der Winter? Bon Dr. Richard Hennig. Ein selten schöner und warmer Herbst war uns in diesem Jahre nach einem recht trübseligen Sommer beschieden. In der zweiten Oktoberhälfte, zu einer Zeit, wo in vereinzelten Jahren schon der Winter mit Frost und Eis sein Regiment angetreten hat, konnte man noch unbedenklich zeitweilig bis in den Abend hinein, ohne Mantel, im Sommeranzug im Freien weilen, und bei Tage lachte die Sonne so warm auf die Erde nieder, als sei man im Mai und nicht mitten im Herbst.. Das Jahr 1909 steht ja in dieser Hinsicht nicht vereinzelt da, uno gerade in den letzten Jahren haben sich die schönen, warmen Herbste auffallend gehäuft; aber gerade deshalb mag leicht hier und da die Meinung aufkommen, als Hütten wir in Deutschland gewissermaßen einen Anspruch aus so langdauernde und prächtige Herbste, und die Enttäuschung ist dann umso größer, wenn uns in einem künftigen Jahre vielleicht wieder einmal ein kalter und unfreundlicher Oktober beschert wird, wie er z. B. nach 1902 und 1905 in besonders unangenehmer Form zu verzeichnen war. Darum ist es vielleicht nicht unangebracht, einmal die Frage zu erörtern, wann eigentlich der Winter in Deutschland normalerweise beginnt, und welche bedeutenden Schwankungen innerhalb der einzelnen Jahre Vorkommen. Die Berliner Verhältnisse sind im allgemeinen für die Durchschnittswinterung der ganzen norddeu.scheu Tiefebene maßgebend. Hier nun stellt sich der erste Frost im langjährigen Durchschnitt am 4. November ein, der früheste je beobachtete Frost siel in den letzten 60 Jahren auf den 3. Oktober (1902) und in älterer Zeit auf den 24. September (1834), der späteste Eintritt des ersten Frostes hingegen warum Winter 1870/1 zu verzeichnen, wo das Thermometer erst am 30. November zum ersten Male unter den Gefrierpunkt sank, um mit diesem Winterbeginn dann freilich auch den kältesten Winter der letzten siebzig Jahre einzuleiten. Der erste Schneefall hingegen stellt sich im Durchschnitt am 12. November ein. Allerdings sind die Termine des ersten Schnees noch viel schwankender als die des ersten Frostes; so fielen die ersten Schneeflocken 1906 schon am 24, September, ja, im gegenwärtigen Jahr 1909 wurden in Berlin und an einigen anderen Orten sogar bereits am 1. September von verschiedenen Beobachtern leichte Flocken während eines Regenschauers festgestellt. In anderen Jahren verschiebt sich dieses Ereignis wiederum bis in den Dezember hinein. So fiel der erste Schnee 1865 und 1877 erst am 14. Dezember, 1894 am 16. Dezember, 18u3 sogar erst am 23. Dezember und 1888 nicht vor dem Sil- vestertagc! Die Bedeutung des ersten Eintritts von Frost und Schnee hat im einzelnen Fall auch nur ziemlich fragwürdigen Wert, denn es ist natürlich gar nicht ausgeschlossen, daß auf ein vereinzeltes solches Vorkommnis nochmals durchaus warmes, prächtiges Herbstwetter folgt. Für die Beurteilung des Charakters eines Herbstes und des Winteranfangs^ sind die Zeitpunkte des ersten Frostes und Schnees nur von geringer Bedeutung. Wichtiger ist schon etwa die. Feststellung, wann sich zuerst schärferer Frost von —10 Grad und weniger zeigt, was im langjährigen Durchschnitt tu der ersten Dezemberhälfte der Fall ist. Immerhin gibt es auch inilde Winter, in denen überhaupt niemals die Temperatur bis auf - 10 Grad fällt. So sank z. B. in Berlin und auch an zahlreichen anderen Orten Norddeutschlands das Thermometer in der Zeit vom Februar 1897 bis Dezember 1899 nicht ein einziges Mal bis zu dieser Diese, ja, nicht einmal bis — 8 Grad Celsius! Andererseits pflegen diejenigen Wiiiter, in denen Jrostgrade von dieser Tiefe Wit ziemlich zeitig im Jahr aufzutreten pflegen, sich m der Regel auch nachher, mindestens während eines größeren Teiles des Winters, durch ziemliche Strenge auszuzeichnen. — 723 — Ms beiden einzige!! Novembermouaie der letzten 60 Jahre, die an einzelnen Tagen schon sehr strenge Kälte brachten ünd die den Jahren 1849 und 1890 angehörten, gingen beide einem sehr harten und langandauernden Winter voraus, und der November 1902, der in seiner zweiten Wkfte unerwartet plötzlich anhaltenden, mäßig strengen Frost brachte, blieb wenigstens bis Mitte Dezember sehr kalt, um nachher milderen Normalcharakter anzunehmen. Gehen wir in ältere Zeit zurück, so finden wir die Regel, daß ein unzeitig früher Eintritt strenger Winterkälte zumeist auch auf einen ungewöhnlich harten Winter schließen läßt. Z. B. soll int Winter 1739/40, den man mit großer Berechtigung als den wahrscheinlich! härtesten dieses ganzen Jahrtausends bezeichnen kann, die Winterkälte bereits am 24. Oktober begonnen haben, um dann mit Unterbrechungen bis tief in den Mai, ja, noch in den Juni hinein in meist erheblicher Strenge anzuhalten. Die fürchterlich kalten, be- rüchtigten Dezembermonate der Jahre 1788 und 1812 (der Winter des Feldzugs Napoleons nach Rußland) setzten gleichfalls mit einem plötzlichen scharfen Frost bereits in der zweiten Novemberhälfte ein. Ebenso ist uns von zahlreichen „großen Wintern" des Mittelalters ein zum Teil ganz erstaunlich früher Beginn gemeldet. So soll int Fahre 822, das einen fast sieben Monate dauernden, ungemein harten Winter brachte, der Frost schon am 22. September ange- fan gen haben, und int Jahre 763, das wohl den kältesten, überhaupt je in Europa vorgekommenen Winter aufwies, soll Ende September die Elte gleich mit solcher Intensität eingesetzt haben, daß schon am 1. Oktober alle Meere und Flüsse gefroren waren, um bis in den Februar nicht mehr aufzutauen! Born Jahre 443 wissen die Chroniken ferner zu erzählen, daß die Schneedecke sich ganze sechs Monate hindurch gehalten habe. Um diese (vielleicht übertriebene) Angabe richtig zu bewerten, muß erivähut werden, daß im mittleren Norddeutschland seit Jahrzehnten keine Schneedecke von mehr als etwa zweimonatiger Dauer mehr vorgekommen ist! Der ungewöhnlich strenge Winter 1076/77, der durch die an den Namen Canossa anknüpfenden Ereignisse so traurige Berühmtheit erlangt hat, begann gleichfalls schon Ende Oktober, der große Winter 1407/08 am 11. November und so weiter. Im Gegensatz hierzu sei auch noch von einigen anderen Jahren die Rede, in denen der Winterbeginn, vereinzelt sogar der ganze Winter, den prachtvoll warmen, fast spät- sommerlichen Charakter beibehielt, tote wir ihn in diesem Oktobermonat größtenteils bewundern konnten. Berühmte Beispiele int neunzehnten Jahrhundert für eine erstaunlich lange Herrschaft der warmen Jahreszeit boten insbesondere die Jahre 1822, 1839, 1863, 1868. Iw letztgenannten Jahr war besonders in Oesterreich der Dezember von einer geradezu beispiellosen Wärme. Der Monat brachte Temperaturen bis zu 15i/2 Grad Reaumur, also von durchaus sommerlicher Höhe, die Wiesen waren grün, die Laub- und Blütenknospen geschwollen, am Weihnachts-Heiligabend fand mau vereinzelte Primeln und Birkenkätzchen; am 27. Dezember wurde in Slavonien eine blühende Anemone gefunden, und man fing fröhlich herumfliegende Nesselfalter und Mauer- märttel; am 3. Januar 1869 wurde in Steiermark ein Strauß von blühenden, wilden Rosen gepflückt. Aehnlich warm war der Spätherbst, oder vielmehr der ganze Herbst und Winteranfang 1839: Anfang Oktober blühten bei Marseille die Kirschen -und Mandelbäume zum zweiten Male, in Ungarn trat im November Baumblüte ein, am 24. Dezember gab es in der Heilbronner Gegend blühende Gartengewächse und frisches Grün bei 11 Grad Reaumur, am zweiten Werh- nachtsfeiertag beobachtete mau sogar auf der Schneekoppe eine Schattentemperatur von + 8 Grad Reaumur und im Sonnenschein spielende Insekten. Solche merkwürdig warmen Herbstwochen, die freilich nicht immer gleichmäßig ganz Europa betrafen und zumeist Mch von kurzen Epochen kälterer Witterung abgelöst wurden, sind nun freilich keineswegs etwa immer ein zuverlässiges Anzeichen für einen sehr milden Winter. Ein typisches Beispiel dafür ist der Winter 1822/23. Ms in den Dezember hinein brachte er ähnlich auffallende, unzeitgemäße Witterungsphänomene, wie sie soeben von 1839 und 1868 berichtet wurden. Dann aber setzte ungemein strenge Kälte ein, (und der Januar 1823 wurde sogar bei einer Mittel- tentperatur von 9,4 Grad Reaumur der überhaupt kälteste Wintermonat, der seit 200 Jahren in Berlin vorgekommen ist, , Erberen Jahren hält dafür die abnorme Wärme tatsächlich während des ganzen Winters an. Aus den letzten zwei Jahrhunderten ist das eklatanteste Beispiel dafür der Winter 1755/56, in dem der „kälteste" Monat, der Dezember, noch immer eine Temperatur von durchschnittlich st-4 Grad Reaumur, d.i. ungefähr iy2 Grad mehr als für den März normal ist, hatte, während die anderen „Wintermonate"- noch inärmer waren! — Aus alter Zeit sind noch mehrfach Fälle bekannt, in denen eigentlich der ganze Winter nur ein einziger, schöner, langdauernder Spätherbst oder Frühling war. Immerhin ist die Zahl der besonders typischen Beispiele nur klein. Am eigenartigsten waren jedenfalls die Winter 1185/86, 1289/90, 1420/21 und 1538/39. Der erstgenannte muß, nach! den vorliegenden Berichten bet’ Chroniken, das eigenartigste Bild von allen geivährt haben: Im Januar blühten die Bäume, im Februar trugen die Aepfelbäume haselnußgroße Früchte, im Mai waren die Früchte und das Getreide reif und Anfang August die Trauben. 1289 blühten zu Weihnachten Bä tune und Blumen, die Mädchen zogen mit Kränzen aus frischen Feldblumen zur Kirche, und die Knaben badeten in den Flüssen; un Januar 1290 brüteten die Vögel, und man fand Erdbeeren. 1420/21 war der Winter ganz ohne Frost und Schnee, am 7. April gab es blühende Rosen, Mitte April reise Kirschen und Erdbeeren, am 22. Juli reife Weintrauben. Der Winter 1538/39 schließlich gehörte einer Periode merkwürdig warmer Witterung an, die von 1538 bis 1540 dauerte und der auch der heißeste Sommer unseres Jahrtausends, 1540, angehörte. Zur Kennzeichnung der Wärme des genannten Winters genügt es wohl, zu erwähnen, daß am Neujahrs- Und Dreikönigstage 1539 in der Mark Brandenburg die Mädchen mit Kränzen aus frisch- geflückten Korttblumen und Betlchen zur Kirche kamen! Wir sehen somit, daß der Spätherbst und Winterbeginn in Mitteleuropa in allen Uur denkbaren Varietäten in bezug auf seilte Witterung zu schillern vermag. In der kalten Jahreszeit sind ja angemein die Gegensätze der möglichen Extreme viel stärker als in der warmen Hälfte des Jahres’ ausgeprägt. Diese Tatsache gilt, in abgeschwächtem Maße, auch schon für den Zeitpunkt des Winterbeginns. Rückschlüsse zu ziehen aus dem sehr schönen Herbst dieses Jahres aus den Charakter des tomineubeu Winters und seinen Anfang ist vvllkomnten ein Ding der Unmöglichkeit. Ein ähnlich wundervoller Herbst wie in diesem Jahre leitete zum Beispiel 1795/96 einen ungemein milden Winter ein, der u. a. für Norddeutsch!and den wärmsten Januar der letzten 200 Jähre brachte. Aber ebenso prächtiges Herbstwetter herrschte z. B. auch im Jahre 1812, das dann zum Schluß einen der furchtbarsten Winter der letzten Jahrhunderte brachte. Und daß schließlich auf einen ungewöhnlich schönen und langandaneruden Herbst auch ein ganz gewöhnlicher Durchschnitts- und Normaltoiuter ohne jedes individuelle Gepräge folgert kann, hat ja erst der wunder- volle Herbst 1907 zur Genüge bewiesen. Ein Zusammen- haug zwischen schönem Herbstwetter und dem Charakter des kommenden Wiitters wird sich also keinesfalls kori- struieren lassen, und jedes Prophezeien würde als durchaus! willkürlich bezeichnet werden müssen. Eine Forschungsreise in bas unbekannte Grenzland zwischen Sibel und China. Ungeheure Höhlenwohnungen einer vorgeschichtlichen Rasse, ein riesiger Bronzeelesant, ein paradiesisches Tal, Mohnblumen, bereit Blüten einen Durchmesser von 8 Zoll haben, ein starkes Schloß, von einem weiblichen Häupüing verteidigt, und die Wildheit kannibalischer Stämme — das sind die Hauptmomente eines hoch? interessanten Reiseberichtes, den der englische Forscher Mears gegeben hat. Er hatte seine Forschungsreise zusammen mit zwei andern Reisenden, Brocke und Fergasson, unternommen, wurde jedoch zur plötzlichen Umkehr gezwungen, als Brocke von einem Stamm von Wilden ermordet worden war. „Das Hauptziel des ersten Teils unserer Reise", so erzählt Mears, „war die Erforschung jenes unbekannten Gebietes nahe bei der chinesisch-tibetanischen Grenze, dessen Ränder zwar schon von Missionaren besucht sind, in dessen Inneres aber vor uns niemand eingedrungen war; es wird von 18 halb unabhängigen Stämmen bewohnt. Wir hatten so viel Glück, daß wir auf einer zweiten Reise in das fast unbekannte Land der Lolos eindrangen, um Rima zu erreichen, einen geheimnisvollen Ort, der das ersehnte, aber nicht betretene Ziel vieler Reisenden gewesen und auch für die indische Jtex 724 ßtenntg vvn politischem Interesse ist. Man kann nach Rima nur durch ein gefährliches, von Kannibalen bewohntes Gebiet gelangen. Tas Volk war außerordentlich mißtrauisch. Gerüchte vvn unserer Expedition waren schon hingebracht worden, und sie verweigerten uns jeden Proviant, obwohl sie uns nicht tätlich angriffen. Bei der Hauptstadt des Rungastammes fanden wir eine hohe Burg, auf unzugänglichen Klippen errichtet und von einem weiblichen Häuptling befehligt. Tie Dame gestattete uns zwar nicht, vor ihr Angesicht zu treten, aber wir durften in einem Haus außerhalb der Mauern bleiben und machten ims beliebt, indem wir dem Volk ärztliche Hilfe leisteten. Während des Besuches eines großen Klosters verteilten wir eine Anzahl von Spiegeln an die Kinder, machten aber damit grade den entgegengesetzten Eindruck, denn man klagte uns an, wir tvollten sie mit diesen Dingern blind machen. Sie hielten daher eine große Zeremonie ab, in der wir feierlich verflucht wurden. Das war ein eindrucksvolles Schauspiel, bei dem ein großer Sängerchor und viele Musiker versammelt waren. Wir erregten ihr Erstaunen dadurch, daß wir ganz gemütlich dabei unsere Zigaretten rauchten und die ganze Gesellschaft photographierten. Noch verwunderter waren sie, daß der schreckliche Fluch uns so garnichts anhaben konnte. Wir zogen es jedoch danach vor, uns aus dein Staube zu machen. Wir nahmen nun unfern Weg südwestlich über einen hohen PW, wo unsere Leute alle von schwerer Bergkrankheit ergriffen wurden, und entdeckten dabei eine wundervolle Art von Mohnblumen, deren Blüten im Durchmesser 8 Zoll groß sind, lieber den Kermer-Fluß setzten wir ans lederenen Fischerbooten, eine Form von Fahrzeugen, die wir nie in China gesehen hatten. Dann zogen wir durch eine Landschaft von außerordentlicher Lieblichkeit, die von herrlich gefiederten Papageien und bunten Schmetterlingen in reicher Fülle belebt war. Ein Teil der Expedition wandte sich westwärts in ein Land, das von nomadischen Räubern bewohnt war. In Auke verbrachte Fergusson drei Tage damit, den Häuptling zu massieren, und erwarb damit seine ganze Liebe, so daß der mächtige Wann die Reisenden durch das ganze Land geleiten ließ. Im August vereinigten sich wieder beide Abteilungen der Expedition zu Mungen, dem am weitesten vorgeschobenen Posten der Chinesen. Dann kehrten wir nach Cheirtu zurück und unternahmen von dort eine zweite Reise zu den unbekannten Lolos, die leider so tragisch eichen sollte. Wir besuchten zunächst, den. heiligen Berg von Omei Shan, einen berühmten Wallfahrtsort, an bem sich ein ungeheurer Bronzeelefant erhebt. In der Nähe davon durchforschten wir eine Anzahl bemerkenswerter Höhlenwohnungen, die bisher noch niemand vor uns studiert hatte. Die Eingeborenen betreten sie niemals aus abergläubischer Furcht, und auch unsere Führer wollten nicht in ihre Nähe kommen. Wir konnten keine Spuren menschlicher Ueberreste entdecken, aber die Wände ivaren mit interessanten Bildern bedeckt von Menschen und Tieren, die auf eine alte und sehr hohe Zivilisation schließen ließen, die hier vielleicht vor 1000 Jahren einmal geherrscht hat. Ueberall in den Höhlen waren Feuerplätze, und wir fanden Anzeichen, daß sie den Lebenden und den Toten zu gleicher Zeit als Wohnung gedient hatten. Als wir die Hauptstadt Mngyafu erreicht hatten, trennte sich Brocke von mir, um die Lolos zu photographieren. Als er nicht zurückkehrte, wurde ich unruhig und erfuhr nach langen Ermittlungen alle Einzelheiten über seinen Tod, fand seinen Körper und einiges von seiner Ausrüstung wieder. Das bereitete unserer Reise ein jähes Ende; ich fuhr sobald als möglich fort, nachdem ich meinen Freund in Chentu begraben." VeNM!?ehtes. * Verdaulichkeit. Die Verdaulichkeit unserer Speisen wird in dem eben erschienenen „Chemischen Koch- und Wirtsch aits b u ch" von Dr. K lenk in einer übersichtlichen Tabelle dargestelit. Danach ist gekochter Reis die am leichtesten verdauliche Nahrung, da eine Stunde zum Verdauen genügt. Es brauchen 1^, Stunden: geschlagene Eier, Gerstensuppe, gebratenes Wildbret, weich gekochte Aepwl uiib Birnen, Obst als MuS gekocht, Lachs und Forelle, gekocht, Spinat, Sellerie, Spargel, Erbfen- und Bohnenbrei, Hafergrütze; !•/, Stunden: gekochtes Hirn und gekochter Sago; 2 Stunden: gekochte Milch, rohes Et, gekochte Gerste, gebratene Ochsenleber, gekochte saure Aepiel, gekochter Stockstich; 2'/t Stunden: frische ungekochte Milch, gekochter Truthahn; 2'/, Stunden: gebratener Truthahn, gebrateire Gans, Lainmfleisch, Spanferkel, in den Hülsen gekochte Bohnen, Linsen; 2*4 Stunden: Pudding, geröstetes zartes Rindfleisch, Hühner-Frikassee, Austern; 3 Stunden: weich gesottene Eier, geschmortes Hammel» fleisch, roher Schinken, Beefsteak, gebratener Barsch, Steiubcitt und Scholle, Kuchen; 3h, Stunden: gebratenes Schweinefleisch, gesalzene Butter, hartgesottene Eier, acter Käse, irijche Bratwurst, eingesalzenes Rindfleisch, gekochte Kartoffeln, frisches Weizenbrot, gekochter Weißkohl, gekochte Zwiebel; 4 Stunden: gekochtes und gebräteltes Geflügel, Kalbsbraten, Hammelbraten, gesalzener Lachs, trockenes Brot mit Kaffee; 4'/, Stunden: gekochtes zartes Haminelfleisch, irisch gesalzenes Pökelfleisch imb Sauerkraut; 5 Stunden: sehr hart gesottene Eier, gebratene Rauch- ivurst, Steinobst, Kirschen, Pflauinen, Rosinen, Mandeln, Nüsse, Pilze; 6 Stunden: altes Pökelfleisch, gebratene Neunaugen und fetter Aal. Zusatz von viel Oel, Fett imb Säuren erschwert die Verdauung, dagegen ivird sie befördert durch Zusatz von Salz, Ge- würz (Pfeffer, Senf), altem Käse, Rettich, Zucker und Wein. Daß alte Leute schon cm Indigestionen (Verdailiiiigsbeschiverden), so z. B. «lach dem Genliß von Spickaal gestorben sind, ist geschichtlich erwiesen. ff * Di« Abnahme der englischen Geburtszi ffek» Ans London wird berichtet: Der soeben veröffentlichte ueursstl Bericht über den Bevölkernngszustand Englands zeigt eine bemerkenswerte Abnahme der Geburten. In dem letzten! Vierteljahre betrug bie Anzahl der Geburten in England und Wales 226 619, was einer jährlichen Geburtsziffer Vvn 25,4 pro Tausenb ber Bevölkerung gleichkänre. Das sind 2,5 pro Tausend weniger als die Durchschnittszahl der letzten 10 Vierteljahre und die niedrigste Geburtsziffer überhaupt feit der Einführung ber Zivilstandslisten. Dagegen zeigt auch bie Todesziffer eine Verringerung. Im letzten Vierteljahre wurden in England ttnd Wales 104 741 Todesfälle ausgezeichnet, über 11 je Tausend und zugleich 3,4 je Tausend weniger als die Durchschnittsziffer der vvrherp gehenden 10 Vierteljahre. * Armut als Erholung. Vvn den seltsamen Svmmer- erhvktlngen, in denen bie dollarbelasteten amerikanischen Millionär« Schutz und Rettung vor der drückenden Last ihres GeldüberflüsseA suchen, wissen Nvs Loifirs charakteristische Einzelheiten zu erzählen. Es ist in bett letzten Jahren Mode geworden, in den Sommerferien die Rolle des armen Mannes zit spieleir; itt abgelagerten Gegenden des Rocky Mountains, au der Küste Grönlands ziehen die Millionäre und suchen hier in einem einfachen ärmlichen Leben Erholung von bent Komfort, ber sie bas ganze Jahr über umgibt. In beit schwarzen Bergen lebt man in dürftigen Hütten, ein Strohlager dient als Bettstatt, feilt Bedienter leistet Handreichungen, kein Friseur kräuselt den Bart: mit vollen Zügelt genießt man den ungewohnten Reiz der Arnnck. Aber ntcht alle können sich den Luxus der Armut fei stau; weniger das Geld als die Zeit machen manchem reichen Amerikaner diese Sommer- erholung zur Unmöglichkeit. Sie können ber Geschäfte ivegen nicht längere Zeit abwesend sein. Um auch ihnen den Genuß ber Besitzlosigkeit zu verschaffen, hat man neue Auswege ersonnen: uächt- liche Sommerfrischen. An jedem Sommerabend fährt Vvn BvovkllM ein besonderes Schiff ab; die Plätze sind sehr teuer, aber man hat die Genugtuung allerschlechtester Verpflegung und führt das Lebe» eines gemeinen Matrosen. Die Nacht durch kreuzt das Schiff auf dem Meere; am Morgen werden dann die Passagiere löiebet ans Land gesetzt und können ihren, täglichen Beruf nachgehen. Für Liebhaber des Landlebens hat ein großes tztovyorker Hotel auf seiner Terrasse eine regelrechte „Steppe" eingerichtet. Hier kamt matt für teueres Geld einige Duadratmeter Platz mieten und fei« Zelt aufschlagen. Nach vollbrachtem Tagewerk zieht der Millionär vorn Kontor in die Steppe, er selbst kocht sich eine frugale Abend- suppe; zwischen rauhen Fellen sucht er Schlaf und erst am folgenden Morgen verläßt er die „einsame Natur", besteigt den List- fahrt zum .Friseur, legt int Hotelzimmer wieder weltmämüschs Garderobe an und betritt eine Stunde später als eleganter Cstutle- man bie Straße, dem nionWnd es ansieht, daß er die Nacht M Vagabund unter zerfetztem Zeltbach geschlummert. * AMerikanischZeitungsnvtiz. „Eine jultgeDam« von Oswego verlor, während sie in ihren Kirchenfitz trat, etnck Augenbraue. Der junge Mann, ber sie begleitete, erblickte, letztere am Boden liegend und siel in Ohnmacht — er glaubte nämlich, das 'Ding, das auf bem; Boden lag, fei sein Schnurrbart!" ScherzrttLsel. Nimm ein Stück Apielsine, sodann ein klein wenig Pfeffer; Hast du dies beides vereint, wirst du ein Mägdlein erschau'n. Auflösung in nächster Nummer; i Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummert A dler fangen keine Fliegen. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brtthl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gießen.