1909 WS A Rheinlandstöchter. Roman von Clara Viebig. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) „®rme, arme Nelda," hatte Hauptmann Xylander gesagt — war sie wirklich arm? Sie saß in ihrer kleinen Giebelstube; es war drückend heiß hier, so nah unter'm Dach. Sie hockte auf dem Tritt am Fenster, arbeitete nicht, las auch nicht, hielt die Arme um's Knie geschlungen und sah in's Leere. Das Vierteljahr seit jenem Hochzeitsfest hatte sie verändert. Ihre Augen waren größer geworden, ihre Wangen schmaler, ihre Gestalt magerer. Was ciiit meisten fehlte, war der frische gerade Ausdruck; ein gespannter banger Zug lag um ihren Mund. Sie sah nicht glücklich aus. Jetzt seufzte sie, veränderte ihre Stellung und stützte den Kopf zwischen beide Hände. So blieb sie still sitzen wie schon manchen Tag. Sie konnte jetzt gut still sitzen, das Vierteljahr hatte fie’3 gelehrt. Ihr war nicht mehr, als müsse sie vor Glück jubelnd in alle Welt stürmen, wie in den ersten Frühlingstagen ihrer Liebe; jetzt war ihr Herz oft schwer, sie glaubte, es nicht erschleppen zu können. Warum? War es die Heimlichkeit, die sie drückte? Die immer andauernde Kränklichkeit des Vaters? Was war es eigentlich? Es war etwas da, das lastete wie ein Alp auf ihr, der sich nicht wegrücken ließ. „Nur in der Heimlichkeit liegt's," sagte sich Nelda tröstend. „Könnte ich frei vor meinen Eltern, vor allen Leuten sagen: wir lieben uns, wir sind verlobt — es wäre ganz anders. Aber Ferdinand will noch nicht, daß wir uns erklären. Erst muß er Hauptmann sein — natürlich, das ist auch! richtig, wie kann er sonst bei (den Eltern um mich anhalten?!" Allzulange konnte der Hauptmann nicht mehr auf sich warten lassen. Warum pochte ihr Herz nicht leichter bei der Aussicht? Nein, der alte Druck lag noch darauf. Warum nur? Nelda Dallmer blieb sich selbst die Antwort schuldig; sie wußte auch keine. Was war das für ein heimliches Hin und Her gewesen, seit jenem Abend von Agnes Röders Hochzeit! Der Rogierungsrat war damals lange krank an einer schweren Grippe. Die Tochter hatte ihn treulich gepflegt, sie hatte sich auch gesorgt — und doch, wenn sie still am Bett saß oder die Medizintropfen abzählte oder die Kissen lockerte oder mit eintöniger Stimme vorlas, immer war eine Seligkeit in ihr gewesen. Eine Seligkeit — —! Sie wußte ja, gegen Abend kam die Stunde, wo die Mutter mit der Häkelei im Krankenzimmer erschien, und der Vater lächelnd sagte: „Lorchen, nicht wahr, jetzt soll Nelda an die Lust? Geh, »rein Kind, geh!" Wie ein Vogel war sie hinaus^ geflattert; man merkte nicht, daß sie aus einem Krankenzimmer tarn, ihr Gang so leicht, ihre Farben strahlend frisch. In jenem kleinen Seitentälchen des Rheines trafen sie sich; das war recht ein Platz, nm unbelauscht Hand in Hand zu gehn. Die grünen Büsche ringsum bauten eine Schutzmauer auf, steile Hänge an beiden Seiten, droben Weinstöcke in Reih' und Glied; selten, daß ein Mensch dazwischen hantierte, und wenn auch? Sie konnten ihn sehen, wie feine dunkle Silhouette sich scharf gegen den lichten Frühlingshimmel abhob; er vermochte sie nicht zu entdecken auf dem verwachsenen Pfad neben dem murmelnden glucksenden Büchlein. Das Bienhorntälchen war kein beliebter Spaziergang, was sollten die Lenke auch da? Selbst die flachssträhnigen Bauernkinder von Pfaffendorf spielten lieber aus der breiten Chaussee, oder ließen unten am Rhein flache Steine über's Wasser flitschen. Nelda wandelte in einer träumenden, wunschlosen Seligkeit, ihr sonst so kluger Kopf war leer, ihr Herz zum Ueberfließen voll. Jeden Abend lag sie lächelnd im Bett, faltete die Hände und betete wie ein Kind um den folgenden Tag. Sie dachte nicht daran, Ramer zu fragen: wann wirst du dich meinen Eltern erklären? Es wäre ihr unzart erschienen, daran zu rühren, der schönste Duft ihres Glücks war dann entflogen; auch mußte der Vater erst gesund sein, jetzt durfte ihm keinerlei Aufregung gebracht werden. Nun war der Regierungsrat ° gesund, so gesund, wie er überhaupt noch werden konnte. Die Spaziergänge waren nicht mehr regelmäßig, seltener, abgehetzter; meist sahen sie sich unter-anderen, bei Xylanders — ein Blick, ein Händedruck waren dann alles. Nelda litt darunter, ihre Augen erhielten einen sehnenden, bangen Ausdruck. Sie weinte manchmal. Ramer hatte es zwar nicht gesagt, aber das liebende Mädchen wußte es auch unausgesprochen, er wartete auf den Hauptmann — eher nicht, eher nicht! Um Neldas Mund grub sich ein. angstvoll harrender Zug ein; oft in schwer verträumten Nächten fuhr sie mit einem Schrei auf, ihr war bange. Sie saß dann aufrecht im Bett, fahler Sternenschein leuchtete durch's unverhängte Fenster; sie hörte von fern den Rhein rauschest, und einen Vogel denk Morgen entgegenschluchzen. Heiße Tränen rannen ihr über's Gesicht. Sie war zu stolz, sie konnte es ihm nicht sagen, tote sie sich quälte; früher hätte sie das fertig gebracht, jetzt nicht mehr. Sie hatte viel Unbefangenheit verloren. Und quälte er sich nicht auch? Oft, ivemt sie allein wärest, gruben sich finstere Falten in seine Stirn, all ihre Liebe vermochte sie nicht weg zu scheuchen; inr Gegenteil, sie wurden noch stnsterer, ein peinvoller Ausdruck kam in sein Gesicht. Dann zog er sie plötzlich an sich. — „Liebe Nelda!" Er wollte etwas sagen, er holte einen zitternden Atemzug, jetzt — sie sah ihn erwartungsvoll an —? „Nichts, nichts!" Er fuhr sich init der Hand über die Augen und ließ sie los. Run schon drei Monate!----- Nelda hob sich mit einem Seufzer aus ihrer zusammen- gekrümmten Stellung auf dem Trittbrett. Jetzt konnte man deutlich! sehen, wie mager sie geworden war; ihre Gesichtsfarbe durchsichtig, die Lippen bleich. Mit unruhigen Augen blickte sie durchs Zimmer. „Ich will zu Agnes gehen; heut ist doch keine Aussicht, ihn zu sehen! Gott, tote ist mir so komisch, so angst!" * Freifrau von Osten, geborene Röder, lehnte im Schaukelstuhl in der Veranda der entzückenden Villa an der Mainzer Chaussee. Von dem hölzernen Schnitzwerk der Dachkante hing dicht grünes Gerank nieder, vor dem Ausschnitt der Fenster schaukelten Girlanden von großer blaublühender Clematis. Auf dem Rokokotischchen Rosen in der Krystall- schale, Rosen überall in Vasen und Ampeln; ein süß schläfriger Sommerduft über den Polstersesselchen, über der seidnen Causeuse, über allen Zierlichkeiten, über der kleinen Frau im Schaukelstuhl. „Du, Carlo —" sie streichelte ihren Mann schmeichelnd — „mußt du denn heut abend ivirklich fort? Bleib' doch bei mir, bitte!" „Ich muß." Er gähnte. „Kameraden versprochen, sehr fatal, ich kann unmöglich anders!" Er gähnte wieder und räkelte sich ein bißchen. Sein hübscher Kopf lehnte an den Knien seiner Fran, er saß auf dem türkischen Kissen ihr zu Füßen, aber er machte ein ziemlich unbehagliches Gesicht in dieser Position. „Au, die Beine werden einem zu steif, das halte einer aus!" Er sprang auf und durchquerte die Veranda mit großen Schritten, immer hin und her, wie ein Löwe im Käfig. „Carlo!" Tie kleine Frau wiegte sich sacht und legte das Köpfchen auf die Seite. „Carlo bitte, komm mal her!" Sie schlang die Arme um seinen und zog ihn so zu sich herunter. „Carlo hast du mich auch lieb, sehr lieb? Bitte gib mir einen Kuß!" Er küßte sie, aber dann richtete er sich hastig auf. „Ha, die Ditzes Kolossal abgespannt heute!" Er wischte sich den Schweiß von der Stirn Und begann wieder den Tauerlauf. „Tu solltest nicht so unruhig hin und her gehen, liebster Mann! Komm, setz' dich still zu mir, das ist das beste." Er zog die Uhr und versteckte ein Gähnen. „Es ist jetzt Zeit, daß ich gehe — lohnt sich nicht mehr!" „Aber ich bitte dich, es kann erst halb sieben sein, und^vor acht ist doch kein Mensch da. Tu hast noch lange „Nein, nein, das denkst du so! Ehe ich fertig bin — Stall nachsehe — und — und" — er räusperte sich — „muß wirklich fort, adieu, mein Engel!" Sie war aufgesprungen und zu ihm getreten. „Also wirtlich? Unser schönes Plauderstündchen schon zu Ende!" Sie umschlang ihn mit großer Zärtlichkeit und hob das betrübte Gesichtchen zu ihnr auf wie ein Kind, das geliebkost sein will. „Adieu, Kleine!" Herr von Osten legte den Finger unter ihr rosiges Kinn und sah ihr verlegen lächelnd in die Augen. „Aber, Kleine, nicht warten, "bis ich wieder komme! Hörst du! Kann lange dauern!" „Ach--!" "Ja, fatal; ist mal nicht anders! Ich kann nicht zuerst zum Aufbruch blasen, kennst doch Röntheim, der würde schön spotten, stände unter'm Pantoffel et cetera. Und wenn auch wirklich der Fall," — er küßte ihr galant die Hand — „vor den Kameraden kann man's doch nicht Wort haben! Nicht wahr, meine kleine, süße Frau?" ^Sie nickte lachend — nein, er war doch zu himmlisch Ta ging er hin über den knirschenden Kies des Vorgartens; die Gardelitzen der Uniform blitzten in der Sonne. Er wiegte die geschmeidige Gestalt in den Hüften, fast wie ein Frauenzimmer; die Brust gewölbt, keine Falte im Rücken, die Mütze keck ai-jf dem gescheitelten Haar. Nun wandte er sich noch einmal nur und legte grüßend die wohlgepflegte Hand an die Mütze, sein ganzes hübsches Gesicht lachte, man sah die weißen Zähne blitzen. Die junge Frau beugte sich weit aus dem Verandasenster, die rosa Bänder an ihrem hellen Sommerkleide flatterten, die Blütenranken sielen ihr um den Kopf. Sie winkte und winkte und warf Kußhände. Solch ein Mann! Agnes fühlte sich unbeschreiblich glücklich, ein Meer von süßen Träumen — unklar, aber wonnevoll — wogte in ihrer Seele. Mechanisch zerzupften ihre Finger eine Clematisblüte und noch eine; die schönen, blauen Blätter glitten an ihrem Kleid herunter und lagen verstreut am Boden. „Oh!" Sie bückte sich hastig und sammelte sie auf. Carlo mochte das zwar gar nicht leiden! „Klingle doch, laß vom Diener aufheben, nicht immer selbst tun; das können kleine Bürgerfrauen, keine Freifrau von Osten!" Er war zu'gut, er verwöhnte sie zu sehr, wie eine Prinzessin ---Agnes schreckte zusammen, von der Tür her kam eine Stimme. „Guten Abend!" „Ah, Nelda, du bist's! Wie lieb!" Sie flog der Freundin entgegen und umarmte sie. Nelda lächelte, ein müdes, trauriges Lächeln. Sie säst nicht vorteilhaft ans, neben der reizenden Frau; ob sie das selbst sand? Sie richtete einen vergleichenden Blick von sich auf jene, dann sagte sie ohne jede Bitterkeit, aber mit einem gewissen Schmerz im £üit: „Wie hübsch du bist, Agnes! Wer es doch auch einmal fertig kriegte, so auszusehen. Dir ist es so leicht gemacht, geliebt" zu werden; dich müssen alle Menschen lieben," — ihre Augen vergrößerten sich — „wie man wenigstens einmal geliebt sein möchte!" Agnes lachte hell. „Wie komisch du das sagst! Nalür- lich liebt mich mein Marin — ich sage dir, ganz schrecklich! Aber warte nur, das kommt bei dir auch noch! Tu hast so viel inneren Wert," setzte sie altklug hinzu. „Sag mal" — sie hängte sich vertraulich au der Freundin Arm und zog diese neben sich aus die Causeuse — „hast du mir denn gar nichts anzuvertrauen? Weißt du, ich komme ja wenig mit anderen zusammen — Carlo und ich haben immer so viel zu tun, — aber Mama sagte neulich, in der Stadt munkelten sie von dir und Leutnant von Rainer. Auf einem Kaffee hat sie's gehört, sie brach aber dann ab. Jetzt eben fällt mir's erst wieder ein. Das wäre doch reizend! Erzähle! Nun?" Nelda antwortete nicht. „Es ist doch eigentlich unrecht, daß du mir nichts verraten hast. Sag' doch, liebt er dich?" „Ich weiß es nicht." Neldas Stimme war tonlos, sie fühlte es wohl, sie hätte der Freundin mit einem; Jubellaut um den Hals fallen, ihr sagen müssen: „Ja, ja, er liebt mich!" Müssen! Sie konnte es nicht. „Ich weiß nicht!" Ich weiß nicht —! Ans allen Ecken der Veranda kicherte es höhnisch wie ein Chor spottender Geister. Agnes' Augen wurden groß und verwundert. Ein hilfloses" Gefühl bemächtigte sich Neldas, ein Drang, endlich, endlich einmal das übervolle Herz auszuschütten — da — helle Stimmen draußen im Vorgarten, ein Läuten an der Entreetür. Besuch! Der Diener meldete: „Fräulein von Koch, Fräulein Rohling!" Herein flatterten die beiden, hochgeschnürt, lockengekräuselt; sehr frisch, sehr elegant in gestickten Batistkleidern und großen Hüten mit wahren Rosengärten. Bei Lena Röhling hatte alles einen Stich, in's Kostbare. (Fortsetzung folgt.) Das Tintenfaß. Von Hans W i n a n d. Als er ging, zitterten seine Glieder vor Erregung. Die Haustür machte er hinter sich zu, hörte noch, wie drinnen eiml Stimme seinen Namen ries, ging weiter und sah sich nicht um. Die kleine hölzerne Gartentüre fällt knarrend hinter ihm ins Schloß zurück, er hört vom Hause her ein Fenster klirren, hört noch einmal seinen Namen, sieht sich nicht um und geht weiter. Heide Hände hält er in den Taschen geballt und starrt geradeaus ms Leere. Der Zorn gibt allen Muskeln eine steife Harte und jeber Schritt wird zum Fußtritt an die Erde. Die Weißdornhcckcn am Feldweg sind noch naß und schwer vom Regen; ans dem Pfade glitzern große Wasserviützeu. Das matte Blaii des Himmels spiegelt sich in ihnen; stahlgrau flimmern sie, wie geschmolzenes Metall. Mit wuchtigem Schritt tappt er m die erste: erschreckt flüchtet das Wasser in hundert Funken nach allen Seiten. Hinüber zum Wegrand, ins Gras, in die Weißdornhecken, hinauf über ihn, den Beinkleidern entlang, über den braunen Frühjahrsmantel, bis zur Brust. Ein letzter" angst- Voller Tropsen schlägt mit mattem Klatsch an seinen linken Mund- winkel und zerschellt dort zu Atomen. mr»/'^busel!" sagt wütend der Spaziergänger, springt aus der 1^!, b ?um Wegrand, Prallt an die Hecke, empfängt aus dem aufgescheuchten Laub einen Regen kühler Wafsertropfen, springt zurück und bleibt schließlich aus einem kleinen trockenen Eiland stehen. Er blinzelt, aus den Taschen kommen die Hände, suchen ein Taschentuch, sinden es und reiben damit das Auge, bis die Lider rot sind wie Johannisbeeren. „Eine Schweinerei" meint er ingrimmig, blinzelt, schließt das Auge wieder und empsindet einen dumpfen Zorn gegen diese Erde, diesen Schlamm, diese Pfützen, diese Weißdornhecken, die seiner Nöle spotten. Dann geht er weiter. Er geht nun anders, den Blick am Boden; die rhythmische Wucht seines Schrittes ist einem hüpfenden Federn gewichen. So geht es eine Weile. Die Bewegung löst den dumpfen Acrgxr, der in seinen Gliedern sich eingenistet, der Kamps' mit den Elementen nimmt den Sinn in Anspruch. Die Sache beginnt ihn zu interessieren. Der Blick erweitert sich, sein Schritt wird rascher, der Eifer rötet die Wangen und als er mit einer überraschenden Umgehung, ohne das Tempo zu zügeln, eine besonders breitspurige Wasserlache überwunden, gleitet ein zufriedenes Lächeln über seine Züge. Der Pfad machte eine scharfe Biegung nach links; die Hecken erweitern sich, an der rechten Seite schiebt das Strauchwerk sich auseinander und man kann lueit hinaussehen, über wellige Wiesen, bis zum Waldrand, der fern wie ein dicker schwarzer Strich aus der dichtgrünen Fläche lastet. Hier türmt sich dem Tatendrang des Spaziergängers ein schlimmes Hemmnis entgegen. Der Weg senkt sich; in der Tiefe aber strahlt der braungrüne Spiegel eines kleinen Regensees. Die ganze Breite des Weges nimmt er ein, geht noch darüber hinaus, setzt die Wurzeln der Weißdornsträucher unter Wasser und reckt die Arme sogar hinaus in die Wiesen rechts und links des Pfades. Ter Spaziergänger bleibt stehen und nickt dreimal langsam! mit dem Kopse. „Also nicht", meint er mit der gelassenen lieber» legenheit des Feldherrn, der mit raschem Blick alle Möglichkeiten überschaut und seine Kräfte richtig einschätzt. Er blickt eine Weile sinnend auf die kleine Wasserfläche; ein Windhauch streift über sie hin, zieht eine zitternde Reihe von kleinen Wellen, die von einem Ufer herangleiten und drüben im Fuß der Ecke entschlüpfen. Hart am Rande tänzelt ein kleiner Fetzen Papier auf dem Spiegel. Zur Hälfte ist es ausgeweicht; noch sieht man die Reste von Schriftzügen. „Ich habe", meint der Spaziergänger, „doch nichts zu versäumen", nimmt einen welken Ast vom Wegrand und fegt das Papier zu sich heran. Es ist ein dreieckiges unscheinbares Stück eines zerrissenen Brieses. „Du mußt nicht gl...ist noch ganz deutlich zu lesen; und dahinter „ .... n weiß, nie." „Die Schrift", meint der Spaziergänger, „ist weiblichen Ursprungs", und bückt sich tief über de» nassen schmutzigen Fetzen nieder, um die Buchstaben genauer zu betrachten. „Du mußt nicht gl...." und „weiß nie?" Vielleicht ist-es der traurige Rest eines lieben zärtlichen Brieses, den ein kleines blondes Mädchen in ihrem Zimmerchen kritzelte, ganz heimlich, sorglich lauschend, daß die Mama sie nicht überrascht... Oder vielleicht schrieb das eine kluge, schlanke Fran, mit einem dünnen Elfcubein- haltcr mit Goldfeder, der aber ganz gelb aussieht zwischen den schmalen weißen FrauenfiugerN' . . . „Ach, Unsinn, mag das geschrieben haben wer will, ich werde jetzt nach Hause gehen!" Der Spaziergänger richtet sich auf, schleudert den dürren Ast, den er noch in der Hand hältf weit hinaus in, die Wasserfläche, so daß die Wellen aufzucken und nach allen Seiten eilen, reibt* sich die Hände, mit einige Reste feuchter schwarzer Erde ab- zuwischen und wendet sich zum Gehen. Zwanzig Schritte geht er rüstig dahin, dann mäßigt sich der Eifer, es folgen fünf langsame Schritte, dann drei noch langsamere und schließlich bleibt der Spaziergänger unentschtösscn stehen. Er rümpft mißmutig die Nase, kräuselt die Stirn in schmerzliche Falten und schüttelt ärgerlich das Haupt. „Das verdammte Tintenfaß!" sagt er plötzlick) ganz laut und ingrimmig. „Dieses verdammte Tintenfaß!" Und dann, nach einer kürzen Pause, im grüblerischen Decrescendo: „Dieses blödsinnige Tinten-, saß!" Dann aber sagt er kein Wort mehr. Am Wegrande, in der Hecke, ist ein niedriges breites Holzgatter. Aus dieses setzt sich der Spaziergänger rittlings, läßt die Beine an beiden Ecken herabbaumeln, vergräbt die Hände in die Hosentaschen und Narrt sichtlich verstimmt ans die nassen, schlammüberzogenen Stiefel hernieder. , ~ „Es ist", meint der Spaziergänger im Stillen, „zwerfcllos eine peinliche Situation. Geitau genommen, habe ich vielleicht nicht ganz so weise gehandelt, ioie ich es von mir erwarten könnte. Ich habe diese Geschichte mit dem Tintensaß vielleicht ein wenig — hm, man kann wohl sagen: zu extrem behandelt. Ich will nicht leugnen, daß ich versucht wäre, einen anderen, der hier an meiner Stelle aus feuchtem, nassen Holzbalken Pferdchen spielte, vielleicht ein ganz klein wenig als komische Figiir zu betrachten..." Der Nachdenkliche vermied es, diesen Gedanken zu Ende zu verfolgen. Er suchte sein Taschentuch hervor. Dies zeigte reichliche ©puren der Reinigungsprozedur, zu der es vordem gedient hatte. Der Besitzer betrachtete es eine Weile von allen Seiten, sand schließlich eine Stelle, die noch einige Reste des einstigen Weiß verriet, und zögerte nicht, diesen Fleck zu benutzen. „Ich werde", fuhr er dann in seinem Sinnen fort, „mir voraussichtlich einen Schnupfen holen. Nasse Füße habe ich schon", und dabei krümmte er im Stiesel die Füße und lauschte dem dumpsen matten Geräusch glucksenden Wassers, das dabei entstand. Dann zog er die Uhr aus der Westentasche/ klopfte nachdenklich mit dem Nagel des linken Zeigefingers auf das Glas und meinte weiter: „Auf keine» Fall kann ich 'vor drei viertel Stunden nach Hailse gehen. Nachdem ich diese Angelegenheit von Anfang an rigoros behandelt habe — und ich kann wohl sagen : nicht ohne eine gewisse innere Berechtigung —, nun muß ich sie auch ebenso zu Ende führen und kann hn- gienische Gesichtspunkte nicht in das Bereich meiner Beschlü se ziehen." Er richtete sich dabei ein wenig empor, nickte cnlt=. schlossen vor sich hin und dachte weiter: „Daß sie mir „Kleinlichkeit" vorgeworfen hat, kann ich unmöglich ruhig hinnehme i. Nicht allein darum-, weil" — und hierbei hob er sich hoch empor, „dies fine, völlige Verkennung meines Wesens bedeutet, sonderst vor allem wegen des gereizten, ja man möchte fast sagen „gehässigen" Tones, dessen sie sich dabei bediente . . ." Eine Weile blieben seine Gedanken bei diesem Vorwurf haften; dann glitt die Kette weiter. „Ich gebe zu, daß ich in der Mißstimmung des Augenblicks ihr einen Vorwurf gemacht habe, den sie nicht ganz verdiente — aber immerhin indirekt doch, zum Teil sogar gewiß! —; aber schließlich bin ich doch auch ein Mensch von Fleisch und Blut und habe ein gutes Recht, verstimmt zu sein, wenn eine Nachlässigkeit dritter — gleichviel wer dies auch sei — mir die Mühe meiner Arbeit verdoppelt." Dieser Schluß schien ihm so schlagend, daß er dreimal entschieden nickte, ehe et sortsuhr: „und wenn ich schon im Aerger des Augenblicks Herrgott, man hat doch weiß Gott genug Sorgen — vielleicht nicht völlig gerecht >vnr: von wem soll ich überhaupt ein ganz Keilt wenig Eingehen auf meine Wesensart erwarten, wenn nicht von ihr, die, hoffentlich, bald, die Mütter meiner . . ." Hier erlitt der Gedankenablauf eine empfindliche Störung. Der Balken, auf dem der sinnende. Spaziergänger sitzt, seufzte drohend auf, ein knarrendes Acchzen folgte, so daß der Reiter cs für geraten hielt, mit aller Hast seinen Standort zu verlassen. „3inn Teufel auch," meint der Spaziergänger atemholend, „das hatte noch gefehlt," und klopfte sich sorglich die Stelle seines Beinkleides ab, die durch die Berührung mit dem nassen Holz ein wenig kühlende Feuchtigkeit eingesogen hatte. „Nachdem ich aber nun schon einmal im Zorn davonlief," riefelten die Folgerungen weiter, „kann ich nicht gut nach einer Viertelstunde friedlich heimkehren, ohne zur kornischen Figur zu werden. Schließlich handelt es sich ja doch nicht um dieses läppische Tintenfaß, sondern um eine Prinzipiensrage, die geffiirt werden muß. Ich werde nun also," und dabei befragte er die Uhr von neuem, „noch vierzig Minuten in beschaulicher Betrachtung die Reize dieser regenfeuchten Landschaft genießen; punkt halb eins zu Hause eintreffen, direkt mein Zimmer aufsuchen und abwarten, in welcher Weise sie sich mir nähert, um ihr Unrecht wieder gut zu machen." „Jawohl, ihr Unrecht!" wiederholte er laut üud energisch, zum lebhaften Befremden der Gemüsefrau, die, ihren Korb auf dem Haupte, jnst um die Ecke kam und bei dem zornigen Klang der empörten Männerstimme betroffen zurückprallte. * Schon zehn Minuten find vergangen, daß die alte Garten- Pforte wieder klirrte. Der Spaziergänger hat sie ein wenig geräuschvoll ins Schloß fallen lassen. Aber man hat ihn auch ohnedies vom Fenster ans beobachtet und gesehen, wie er geradewegs und mit großen Schritten auf den kleinen Anbau neben! dem Hause zuging. Hier in seinem Laboratorium sitzt jetzt der Spaziergängerl feit zehn Minuten und wartet aus irgend ein Geschehnis. Mitte» aus dem Schreibtisch, ein wenig absichtsvoll, glänzt ein neugeputztes, frisch gereinigtes großes Kristalltintenfaß mit rundem Silber- dcckcl. „Als ob es sich darum handelte!" hat der Spaziergänger verstimmt gemurmelt und das Ting ärgerlich zurückgeschobcn. Nun steht cs da im Lichtkreis des Fensters; man kann es kaum aufehc», so weiß glüht im Svicael der Sonnenstrahlen das Ruud des Silberdeckels; erst wenn das Auge sich ein wenig an den grellen Glanz gewöhnt hat, sicht man das Kristall darunter in tausend schillernden Farbe» funkeln. Ter Spaziergänger aber sitzt da und wartet. Dann steht er auf, geht ungeduldig im Gemach umher, bleibt wieder stehen, lauscht, hört nichts und schüttelt zornig de» Kopf. „Das Wenigste," meint er bitter, „ist doch, daß sie ciitmnl herüberkommt. Entweder sie sieht ein, daß sie Schuld ist, — schön, so ist es ihro verteufelte Pflicht, die Kränkung wieder gutzumachen-. Oder sie hält sich für unschuldig: dann könnte sie erst recht herüber kommen; schon um mich aus dieser blödsinnigen Aufregung des Wartens herauszubringen. Aber weiß Gott, dafür fcheint sie nicht das geringste Gefühl zu haben. Bildet sich womöglich ein, mit diesem aufdringlich glitzernden Ding wäre nun alles wieder gut." Und dabei klopft er verächtlich mit dem Handrücken gegen das funkelnde Kristall und lächelt bitter. Tau» schlägt er mit der Hand den Silberdeckel im nervöse» Rhythmus auf und zu und wartet. _ Ms das Dienstmädchen ihm endlich meldet, der Herr wokior möge zu Tisch kommen, ist die Erregung des, Spaziergängers so groß, daß er beinahe gesagt hätte, mau möge ihn mit der Eiferer in solcher Stunde doch gütigst in Ruhe lassen. Doch zur rechtest Sekunde noch erbrofielt er de« Zorn in einem kurzen, nervöse« 652 l k Nicken. Bor dem Eßzimmer bleibt ex fliehen: er richtet sich ftüf, zieht die Falten der Weste gerade und schürzt die Brauen hn steilen Bogen, in denen Zorn und Verachtung nisten. Der Spaziergänger läßt kurzem Gruße ein stumpfes Schweigen folgen. Sein Blick haftet angelegentlich 'im Suppenteller. „Bist du eigentlich hingefallen? Du sahst so schmuddelig aus, als du zurückkamst," fragt sie. Seine Lippen werden zu einem feinen dünnen Strich. „Nein, nein, nein," sagt er schließlich freundlich, ein wenig zerstreut und führt schnell den Löffel zum Munde. Eine beklommene Pause folgt. Sie rührt in ihrer Suppe: „Dreimal hab ich der Äirna schon gesagt, sie soll die Suppe nicht so lange brodeln lassen." Und dann: „Hast du denn Nun wenigstens dein Tintenfaß?" Auf Aehnliches hatte er gewartet. Er wird blaß: danN schlägt eine Blutmolle empor zu den Schläfen. Er legt den Löffel fort und nickt ihr tieftraurig zu: „Kind, ich merke, du verkennst den Sinn des Geschehenen. Ich verstehe nicht, wie du glauben kannst, das alles hätte mit dem Tiirtenfaß zu schaffen." „Nicht mit dem Tintenfaß?" „Liebes Kind, es handelt sich hier gar nicht um das Tintenfaß. Das Tintenfaß wäre völlig gleichgültig. Es handelt sich hier um das, was hinter diesem Tintenfaß liegt, um das Gefühl, aus dem heraus du so . . . so wenig liebenswert werden konntest. Das Tiirtenfaß ist nur ein zufälliger Anlaß dessen, was mir aus dir entgegenschlug. Und das, siehst du, dieser Gefühlskonrplex, der war da und ist da: anch ohne tausend Tintenfässer." Er legt dabei mechanisch die Serviette zusammen, starrt aufs Tischtuch imd fährt fort: „Du verstehst mich wohl. Tas Tintenfast ist dabei völlige nebensächlich. Es hätte eberrsvgut etwas anderes sein können. Und schließlich: ist es zu viel, wenn ich dich frage, warum du mir eine kleine Gefälligkeit nicht erwiesest, um die ich bat. Ich bitte dich, als du einmal ins Laboratorium kommst: du, sag dem Mädcheir, sie könne mein Tintenfaß mal reinigen. Du hast es ja selbst gesehen: nur schwarzer Schlamm war darin." „Gewiß," sagt sic sehr ernsthaft. „Nun ja: freilich gewiß. Zwei Tage später schreibe sch einen wichtigen Brief. Na ja, du standest ja dabei: du sahst cs ja. Und da soll man nicht ärgerlich werden, wenn man wegen dieser. . . Nachlässigkeit den ganzen Brief vollschmiert. Meinst blt, es ist ein Vergnügen, so einen Brief zweimal zu schreiben?" „Aber ich denke, es handelt sich gar nicht um das Tintenfaß?" fragt sie; nun wird er ärgerlich: „Nein, nein, nein, nein! Aber ist dir denn so unbegreiflich, wenn ich in diesem Augenblick dich höflich frage, warum du meine Bitte nicht erfüllt hast? Wie?" „Nein," sagte sie mit Ueberzeuguug, „das ist mir nicht unbegreiflich." „Aber mir ist es unbegreiflich, daß du mir dann solche Worte sagen koimtest. . . wegen einer solchen Lappalie. Und siehst tot, so etwas . . . es ist ja immer der Ton, der etwas sagt, nicht die Worte „Jawohl, der Ton . . ." „Wie?" i „Ja, der Ton. Der Ton, in dem du nach 'deinem Tintenfaß fragtest. . „3$ bitte dich, laß doch dies läppische Tintenfaß beiseite. Es handelt sich ja garnicht um dies unselige Tintenfaß." „Du," meint sie lächelnd, „deine Suppe ist kalt geiuorbeit." „Tja, die Suppe, die Suppe!" sagt er bitter. Dann spricht er kein Wort mehr. „Herr Doktor," sagt später das Dienstmädchen beim Servieren schuldbewußt, „Sie müssen es schon entschuldigen . . ."! „Was ist denn passiert?" „Das mit dem Tintenfaß. . ." „Tintenfaß, Tintenfaß, Tintenfaß V'\ jammert er und hält sich bto Ohren zu. „Das ich vergessen habe. . ." Seine Hände sinken herab. „Sie haben vergessen?" Als das Dienstmädchen hinausgeht, fragt er, ein wenig zaghaft sein Gegenüber: „Warum hast du mir das denn. . .?" „Aber dn liefst ja fort. . .; wegen alldem, was „hinter deinem Tintenfasse" herauskam. . ." Er wird verlegen. Ich 'habe, sagte er sich im Stillen, mich Nicht so weise benommen, wie ich es von mir erwarten konnte.; Es ist 'wohl an mir, mich zN rehabilitieren. Er überlegt und sinnt bis zum Dessert: er möchte ihr ein Wort des Zngestehens sagen. „Na ja," sagt er schließlich mit einem Ruck, „das TintüN- daß . . ." Dann stockt er, nickt und fährt fort: „Der Heckenweg Ist gaitz eingeregnet. Denk dir nur, Kind, da unten an der Biegung da ist ein ganzer See. Ich war heute morgen unten taü>. . Vermischter. * Eine Girardi-Anekdote. Einige Züge von Alexander Girardi, dem prächtigen Wiener Künstler, dem großen Komiker — Nein, dem ausgezeichneten Charakterdarsteller, erzählt „Meinor" im Oktoberheft von BÄhageN ü. Klasings Monatsheften. Einens „geborenen Familienmenschen" nennt er Girardi. B' weit ist die Mannesjahre hinein ist er denn auch'richtig Kino bliebest Und hat nicht von der Mutter gelassen, die bei ihm in Wiest war bis zum Tode, ohne deren Rat er selten etwas tat und deren Wort in mancher wichtigen Lebensfrage für ihn maßgebend war. Sie war die Hausfrau, und beim Vudgetmacheu sogar half sie ihm, als sichtbare und unsichtbare Kontrolleurin, denn fast schien eS, als frage er sich bei mancher Ausgabe: „Was Möcht die Mutter dazu sagen?" und als bliebe manche darum unans- gegeben. Und Mit der gehorsamen Rücksicht des Kindes, das noch tatter der Zucht des elterlichen Hauses ist, respektierte er die Gewohnheiten der alten Fran und fügte sich ihrem Hausgesetze mit einer 'Unterwürfigkeit, die, wemts nicht die Mutter, sonderst die Gattin gewesen wäre, ihn unbedingt in den Ruf des Pantoffel- tstms hätte bringest müssen. So nahm er fast niemals eine Einladung zum Tiner an, weil die Mutter es nicht gerne sah, wenn er beim Mittagstisch fehlte. Das führte einmal zu einer Ver- und Entwicklung von lustig charakteristischer Ergöblichkeit. In einer befreundeten Familie War er an Sonn- und Feiertagen! regelmäßiger Gast zur Jause, und zwar zur obligaten Wiener Jause mit Kaffee und „Gugelhupf" —- für welche Spezialität der Wiener Backkunst er eine gelinde Leidenschaft hegte. Nun hätte man ihn in dem Hause doch einmal auch zu Mittag haben wollen, aber alle Aufforderungen und „Tringlichkeitsantrüge" nach dieser Richtung hin waren vergeblich, er zeigte sich unerschütterlich, denn an .einem Sonntage gar der Mutter daS anzutun, daß er sie beim Mittagessen allein lasse, das bringe er nicht übers Herz Und davon könne nicht die fRebe sein! Eines Tages aber stürzt er ganz unerwartet, höchlich aufgeregt herein und wendet sich an die Töchter des Hanfes: „Kinder, was habt's mir angetan? Gestern kommt mei Mutter über mi, wirft mir e Brief airf'st Tisch und fahrt los: „Landl, wie stellst dn mi vor die Leut hin? Rein als a BißgurN, die di als Ivie an klauen Bub'n behandelt und dir verbiet', wohin zu gehn. Da schreib'n mir drei Fräuleins und bitten mi schön, i soll dir erlauben, am nächsten Sonntag dorten zu essen. Daß d' mir also hingehst, sag i dir, sonst glauben die Damen richti, t sperr di ein und lass di nit ans'n Hans." Der erschütternde Bericht wurde mit der gebührenden heiteren Teilnahme angehört, die Uebeltäteriunen legten ein reueloses Bekenntnis ab und führten dem zerknirschten Sohne zu Gemüle, daß er jetzt der Mutter den von ihr geforderten Gehorsam zu leisten und sich am Sonntag bei Tische eiitzufinden habe. Tas wurde denn auch abgemacht und mündlich zu Protokoll genommen. Der Sonntag kam, das Menü wurde nach dem, durch wohlorganisierten Spionendienst erkundschafteten Geschmacke des Gastes hergerichtet, es wurde Mittag, es wurde später als Mittag — aber Girardi kam nicht, und man mußte ohne ihn trachten, das Menü zu erledigen. Zur gewohnten Stunde' erschien er. Man stürmte mit Vorwürfen auf ihn los, er aber erklärte! recht kleinlaut: „'s is nit gangen — Kinder, ich Habs Euch ja gleich g'sagt, daß es nit geht. Heut in der Früh, ich lieg noch im Bett, schießt mei Mutter zur Tür herein und schreit mr an: „Ma, was is Landl, gehst oder gehst nit — zn deinen Damen hin? Du weißt schon — also was is?" Da hab ich ja g'sehn, daß es ihr doch nit recht is, und da bin i halt z' Haus g'blieb'n." Das Geschichtchen erzählt mehr von dem Wesen deS Mannes, als es ganze Biographien könnten. * A.: „Merkwürdige Menschen, diese Dichter! Da spricht einer von einer „schmerzhaften Leere". Was soll man sich bloß dabei vorstellen? Das gibts doch gar nicht." — B.: „Wärmst nicht? Haben Sie denn nie Kopfweh gehabt?" e u r a Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Tauschrätsels in voriger Nunnner: Wagen — Eber — Rose — Weber — Ast — Geige — Tester - Gaste — Elba — Wurst — Iller — Raine — Reid — Tanne; Wer wagt, gewinnt. rühl scheu Universstais-Buch- und Steindrmkerei, R. Lange, Gießen. 11 11 n y i 8 ti ! c c S » 5 t 1 i I k 3 I