* 5 t ä > t I 5 Samstag den 18. September f.® W - Nerven. Novelle von Georg Freiherr von Ornpteda. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ich erinnere mich eines Rittes, den ich im Manöver, als ich in der Nacht als Patrouille fortgeschickt worden, durch den Wald gemacht. Auf der Straße hallte das Geklapper der Hufe wieder, ab und zu schien der Mond, ab und zu verbarg er sich hinter den Wolken. Einmal lag alles im tiefen Dunkel da, und nur die Straße hob sich matt ab. Da war es ryir, als waren überall Hindernisse auf dem Wege, als müßte ich jeden Augenblick mrt dem Pferde fallen, als wären Seile ausgespannt, Drähte, so daß der Gaul' stolperte und sich überschlüge. Dann meinte ich wieder, wenn der Mond durch die Wolken brach, in dem Schatetn irgend etwas zu sehen: es lag jemand am Wege, unter einem Baume saß eine Gestalt, unb bestärkt wurde ich darin, daß der Gaul hie und da einen Seitensprung machte, scheute und nicht vortvärts wollte. Ich weiß ja jetzt ganz genau: das Pferd war nur bodenscheu und ängstigte sich vor jedem schwarzen Fleck loder weißen Punkte. Ich wußte es auch damals, aber diese Erklärung genügte mir nicht, daß ich hätte die Furcht Hintanbalten können. Und dann, — weißt du: ist es nun Ueberreizung der Nerven oder was, — aber ich kann nicht allein schlafen. In einem Hotel allein im Zimmer zu sein, ist für mich geradezu eine Qual. Ich denke immer, ich bin nicht allein, ich denke immer, es müsse jemand im Zimmer sein, und wenn ich auch zuschließe, er müsse herein kommen. Em unbestimintes Grauen packt mich dann. Ich wehre mich mit dem Verstände dagegen, aber es nützt nichts. Wenn ich nach Haus komine und schlafen gehen will, habe ich mir ein paarmal schon eingebildet, es läge einer in meinem Bett. Natürlich war es nichts als eine momentane Erregung der Nerven. Das hat Jahre gedauert, aber ich habe es allmählich überwunden. Dafür hat sich immer mehr bei mir das eine ausgebildet — die Angst vor der Gefahr. — Ich habe vor morgen eine Angst, ich tarnt dir's gar nicht beschreiben. Es überläuft mich immer. Ich weiß, daß mein Herz schneller schlägt, wenn ich nur daran denke. Wenn ich meine Brust befühle, merke ich, tote erregt es ist. Ich bekomme Sausen in den Ohren. Es scheint mir, als trübe sich mein Gesicht, als träte mir das Blut in die Augen. Ich werde unsicher, ich weiß nicht mehr, was ich denke und was ich rede. Der Augenblick der Pistole gegenüber ist es nicht — mein Gott, einmal kann man ja nur sterben — aber der Gedanke, wieviel Zeit vergeht, bis es dahin kommt! Das bohrt mir in den Knochen. Und doch, es erregt mich nicht, daß die einzelnen Sachen vor sich gehen, die nun einmal im Laufe eines Duells bestimmt sind, sondern tote ich das Einzelne ttujt assen werde, ob man mir meine Furcht ansehen wird. .Es ist ja lächerlich. Wenn dieser Serbe mich nun morgen über den Haufen schießt, ist die ganze Sache erledigt. Es könnte mir also ganz gleich sein, und doch nein, netn^ es ist gräßlich, es ist furchtbar! Werde ich zittern? Werde ich frieren? Laß es doch kalt sein, dann friere ich. Aber wenn ich nun warm angezogen bin, oder wenn es nicht kalt ist, und es ist doch heute kein kalter Tag gewesen- was habe ich für einen Grund zu zittern? Und dann denke dir das verächtliche Gesicht des Serben, wenn er sähe, daß ich zittere. Vor dem Tode zittere ich nicht. Ich habe an meine Angehörigen geschrieben, habe meine Verhältnisse aeordnet, habe schon einen Strich unter mein Leben gemacht. "Also siehst du, den Tod fürchte ich nicht. Aber denke dir bloß einmal, wenn ich die Pistole hebe, und der Lauf geht hin und her! Denke dir, daß mich plötzlich die Angst so überkäme, daß ich, ehe ihr ein Kommando gegeben habt, schieße. Dann wird mich der Serbe stehen lassen, und seine Sekundanten werden sagen: „Der Kerl ist nicht satisfaktionsfähig." Nnd ich? Ich stehe zu Schimpf und Schande da, als Opfer meiner Nerven. Kannst zu verstehen, was ich dir da sage? Ich.glaube, ein andrer kann es gar nicht begreifen. Kannst du das mitfuhlen, sag mal, bitte, kannst du das? . . . Mir wurde es schwer, aitf Fritzens Worte zu antworten. Nachfühlen konnte ich es nicht, aber einen Trost mußte ich ihm doch geben, darum sagte ich: — Du hast mir das alles so, genau erklärt, daß ich wohl imstande bin, dich zu begreifen. Du tust mir leid- Fritz, ich kann ja gar nicht sagen, wie. . . Aber raffe dich zusammen, sei doch vernünftig, so ivas wird nicht geschehen^ behalte mich im Auge und tue ganz genau das, was ich dir sage. Ich gebe dir das Versprechen, es läuft alles glatt ab. . Ich setzte mein Zureden noch eine Werte ।oct, und es schien auch Eindruck auf ihn zu machen: er lvurde sichtlich TUfjtCICE. * Die Stunden verstrichen, ich merkte, es war keine Rede davon, daß er schliefe. Aber ich war, während mir nun Fritz immer noch weitere Beweise gab von dem, was er seine Feigheit nannte, so müde geworden, daß mir ditz Augen zufielen. ,, . . , . . Aus dieser halben Duselei erwaaste ich dadurch^, daß Fritz sich an meiner Seite niedergelassen hatte und mich herzlich flehen" 'ragte: — Bitte, > mir nur eins: verachtest du mich sehr? — Aber wie kannst du nur so was meinen! Dabei reichte ich ihm die Hand: — Wenn ich dich verachtete, glaubst du, daß ich dem Sekundant sein würde? Es leuchtete freudig in seinen Augen auf: — Das ist richtig. Daran habe ich nicht gedacht. Siehst du, das ist mir ein Trost. — 682 Es schlug vier. Die Stunde rückte immer näher. Wir hatten dem Portier gesagt, daß wir frühzeitig eine Wagen- fahrt in die Umgegend Wiens unternehmen wollten. So war bereits um fünf der Fiaker bestellt. Mit den Vorbereitungen verging einige Zeit, und ich sorgte dafür, daß mehr zu tun sei, als wirklich nötig war. Ich packte so und so oft alles hin und her, schloß Sachen hier ein, da und dort, lief in mein Zimmer hinüber und kam wieder; denn Tätigkeit ist das beste Mittel gegen Gc- danleu, die einen quälen. Viel half es natürlich nicht. Und Fritz sagte nach einiger Zeit, müde lächelnd, nachdem er meinem Gebaren zugesehen: — Du strengst dich aber zu sehr an. . . Ter Kaffee war gekommen. J'ch frühstückte und bat Fritz, etwas zu sich zu nehmen: — Das gibt dir Kraft, du mußt doch wenigstens einen Schnaps trinken. Er schüttelte den Kopf. Vergebens suchte er einen Kipfel hinuuterzuwürgen. Er hatte kaum den Bissen in den Mund genommen, so legte er das Brot fort. Jetzt mußte Ziesow jeden Augenblick kommen. Fritz nahm mich schnell beiseite und sagte, indem er sich ängstlich umblickte, als könnte es jemand hören: — Sieht man es mir sehr an? Er schaute verfallen aus, hohlwangig, seine Augen lagen tief. Er war sehr blaß. Aber ich wollte ihm nicht noch Angst machen und meinte: — Du siehst überhaupt nicht sehr wohl aus. Aber das ist von den Anstrengungen der vorherachendeu Taae und Wochen. Ziesow weiß das ja auch. Trvn; wirst du sicher nicht auffallen. Und den Herren Serben, — na, laß die doch, denken, was sie wollen. Doch Fritz schien mir nicht zu trauen. Er aing an den Spiegel, warf einen Blick hinein, nur scheu und flüchtig, dann wandte er sich herum: — Man sieht es mir an. So kann ich nicht hingehen. Wieder riet ich ihm, einen Kognak zu trinken. Diesmal folgte er mir. Er trat au den Tisch und goß das Getränk schnell hinunter. Daun machte er „Brr" und schüttelte sich. — Na, ist's nicht gleich was andres? Nun setzt du noch einen drauf. Was? Doch das wollte er nicht. Er fürchtete wegen seines leeren Magens, betrunken zu werden. Ta trgt auch schon Ziesow ein. Ich merkte ihm das Bestreben an, unbefangen zu tun. Er erzählte, er habe ausgezeichnet geschlafen und wäre wütend gewesen, daß der Kellner ihn geweckt hätte. Aber dummerweise habe er nicht aus Frühstück gedacht. Es wäre wohl noch Zeit genug, daß er auch noch etwas zu fisch nehme. Dabei klingelte er und bestellte seinen Kaffee auf Fritzens Zimmer. Fritz ging hin und her und sprach kein Wort. Ziesow zwinkerte mir mit den Augen zu, und als unser Freund einen Augenblick hinausgegangen war, fragte er: — Nun, wie steht's denn mit denr moralischen Element? Er wird uns doch Ehre machen? — Natürlich! Aber Ziesow meinte: — Wissen Sie was? Es ist besser, er trinkt einen Kognak! Der Morgen ist frisch, man kommt eben aus den Federn, dann die Wagenfahrt, die einen auch nicht gerade wärmer macht. Was meinen Sie dazu? — Sagen Sie's ihm doch! Als Fritz wieder eintrat, meinte Ziesow, indem er ihm ein Glas Kognak reichte: — Na, lieber Graf: Auf einen glücklichen Ausgang! Fritz, der offenbar das Glas hatte nehmen wollen, lächelte mühsam, streckte die Hand aus, aber griff daneben. Ziesow ließ das Gläschen zu zeitig los. Es fiel zu Boden und zerbrach. Es war ein unangenehmer Zwischenfall, und wir suchten durch ein Paar gleichgültige Redensarten darüber Hinwegzukommen. Glücklicherweise trat auch eben der Kellner mit Ziesows Frühstück ein. Im Fiaker fausten wir durch die noch nicht belebten Straßen, am Karlthealer vorüber, wo wir die Operette gesehen, dem Prater zu. Die wundervolle Allee ging es in rasendem Tempo hinunter — wir hatten den Fiaker ein- geweiht — der keine Miene verzog. Am Lusthaus bogen wir links ab, dann kamen wir auf einem Feldweg in die Wiese hinaus, auf der der Tau lag. Die Nähe der Donau verriet sich durch Nebel. Es war trübes Wetter. Als wir auf dem Platz anlangten, der bestimmt worden war, erblickten wir noch keinen Menschen. Wir zogen die Uhr. Es !var in der Tat noch sehr zeitig. Ich raunte Ziesow zu: — Wir hätten nicht so früh kommen sollen. Doch jener meinte: —, Ach, lieber zu früh als zu spät. Und bei diesen Halbafiaten — um Gottes willen, ’S' ist doch keiner in der Nähe! — wird's wohl nicht so furchtbar pünktlich fein. Dann wollen wir wenigstens das gute Beispiel geben. Wir liefen hin und her im taufeuchten Grase mit auf- gekrempelten Hosen und hatten bald nicht nur nasse Stiefel, sondern auch nasse Beinkleider bekommen. Es war frifch.' Ein leichter Wind blies vom Wasser herüber. Wo wir uns befanden, wußte ich nicht recht, aber es schien hier in der Tat kein Verkehr zu sein. Durch Gehölz waren wir ringsum den Blicken verborgen. Die Herbst- nebel waren auch stark genug, daß sie schon allein Schutz gewährt hätten. Aber unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn bis zur festgesetzten Zeit hatten wir noch zivauzig Minuten. Der Fiaker war ein tolles Tempo gefahren. Vielleicht wäre es besser gewesen, wir hätten noch eine kleine Spazierfahrt unternommen. Ich nahm Fritz unter den Arm und ging mit ihm auf und ab: — Komm, wir laufen ein bißchen und vertreten ilus die Beine. _ 's ist doch höllisch kühl! Fritz starrte vor sich hin. Es wurde mir furchtbar sauer, zu sprechen. Ich wußte wirklich nicht, was ich sagen sollte. Denn immer kehrten meine Gedanken zu dem unglücklichen Freunde zurück, der vielleicht doch seinen letzten Gang tat. Und immer dachte ich daran, welche Empfindungen er hätte, ob er sich wohl etwas beruhigt. Mich beschlich sogar eine gewisse Unruhe bei der Ueberlegung, wie er sich benehmen würde. Ich konnte mir nicht denken, daß etwas passierte, aber da wir nun einmal so viel davon gesprochen hatten, begann ich wahrhaftig im Interesse des Freundes auch die Nerven zu verlieren. Ziesow hatte sich ein Stück entfernt. In einer Reisetasche lagen die Pistolen, und er ging hin, um sie nochmals zu prüfen. Während dieser Zeit konnte ich mit Fritz allein reden. Ich sagte: — Weißt du, das waren alles nur Spukgedanken der! Nacht, was du geredet hast! Er war blaß und reichte mir seine Hand: — Fühlst du, wie sie zittert? — Ja, das ist die Kälte. — Das mag auch Kälte sein, aber es bleibt doch gleich unangenehm. Ich wollte, es wäre etwas wärmer heute! Ich meinte, seinem Gegner würde es genau fo gehen, aber er lächelte nur müde. Dann sagte er kurz: — Herr Gott, wenn's nur erst vorüber wäre! Ich zog die Uhr und betrog ihn in der Zeit, indem ich meinte, es wären bloß noch fünf Minuten, während in Wirklichkeit noch eine Viertelstunde Frist war. Er rief: — Es ist aber doch wirklich eine Dummheit, daß wir so früh hergekommen sind. 7- Ja, nun ist's nicht mehr zu ändern! Jetzt sei mal vernünftig, ich kann dir die Versicherung geben, das ist alles bloß Einbildung. Paß auf, es geht so schnell vorüber, du glaubst es gar nicht. (Schluß folgt.) Wanderungen der Vögel. Wie im Frühling das Eintreffen der Lerchen, das Er- scheinen der ersten Schwalbe, die Ankunft deS Storches, der erste Schlag der Nachtigall von jung und alt freudig be- grüßt wird, so beobachtet der Naturfreund im Herbste auch beit Wegzug vieler Vogelarten, ein Ereignis, das selbst dem nicht entgeht, der sich sonst das ganze Jahr hindurch nicht ™ die heimische Vogelwelt kümmert. Die Wanderungen der Vögel hat man seit alter Zeit bewundert und beobachtet, uno immer waren die hoch in den Lüften ziehenden Linien *■ 583 und Geschwader eine Botschaft des nahenden gefürchteten i Winters oder des ersehnten Frühlings. Eine für alle Fälle ausreichende Erklärung dieser Erscheinung vermag die Wissenschaft nicht zu geben. Denn wenn auch bei den meisten Vögeln der Nahrungsmangel der Treiber zur Wanderung ist, der sie über Meere und Gebirge, in ein Land mit neuer Ernte und von da wieder heimwärts treibt, so scheinen hier doch auch allgemeine kosmische Einflüsse mitzuwirken, denen das in den Strömungen der Atmosphäre lebende Geschöpf mehr unterworfen !i!st, als das Landtier. Verrät doch um die Herbsteszeit die Unruhe auch des gezähmten Vogels den Wandertrieb. Sobald man von den Wanderungen der Vögel spricht, denkt man nach alter Gewohnheit an ihre Einteilungen in die drei großen Gruppen: Zugvögel oder Wandervögel, Strichvögel und Standvögel. Die Zugvögel, nämlich viele Wasser- und Sumpfvögel, alle Insektenfresser, sowie viele Arten der von Samen lebenden kleineren Sänger, verlassen ihre Heimat periodisch Und ziehen jedes Jahr im Herbste in großen Scharen nach dem Süden, um mit dem Beginn des Frühlings wieder zu uns zurückzukehren. Die Strichvögel streifen nomadisierend ohne bleibende Stätte umher, während die übrigen, meist Raubvögel und Körnerfresser, «tandvögel sind. In gewissem Sinne wandern aber alle Vögel, selbst der Sperling verändert und erweitert seinen Wohnsitz, er hat sich mit der Kultur immer weiter verbreitet, auch in viele Gegenden, wo er früher nicht heimisch war. Auch die Haubenlerche, die nicht wie die Feldlerche im Herbste weit fortzieht und im Frühling wiederkehrt, dringt auf ihren langsamen Wanderungen mit dem Straßenbau überallhin vor. Ebenso siedelt sich auch das Rebhuhn überall an, soweit Kulturland und bebaute Aecker vorhanden sind. Wenn also manche Bogelarten auch äußerst langsam wandern und die Grenzen ihres Wohngebietes nur unmerklich verändern, so gibt es doch keine Standvögel tut engsten Sinne des Wortes. Viele suchen auf ihren Streiszügen nur dem Nahrungsmangel der schlechten Jahreszeit zu entgehen. Im Sommer hat jedes Pärchen sein eigenes Gebiet; ein verhältnismäßig kleines Fleckchen Erde genügt, um viele Vögel der verschiedensten Art zu ernähren. Im Winter aber rotten sich viele körnersressende Vögel zusammen zu größeren und kleineren Flügen und durchstreifen ein weites Gebiet. Von den gefiederten Bewohnern nördlicher Länder können wir in jedem strengen Winter eine ganze Reihe der verschiedensten Arten bei uns antreffen. Verschiedene Dxosselarten, der Seidenschwanz, die Schneeeule, Wildgänse und viele andere. Wasservögel verlegen im strengen Winter, wenn Jie im hohen Norden keine Nahrung und kein offenes Wasser mehr finden, ihren Aufenthaltsort mehr südwärts, und so kann es geschehen, daß wir höchst seltene Wintergäste manchmal bei uns be- herbergen, bte die noch offenen Gewässer beleben. So verlassen auch bei uns die Stare ihre Heimat im Walde und erscheinen zur Zeit der Traubenreife zum Schrecken des Winzers in den Rheingegenven, wo sie sonst das ganze Jahr hindurch nicht gesehen werden. In seiner Heimat kann man den Star noch lange nach Eintritt des Winters beobachten, wie er in großen Scharen die Wiesen in der Nähe der Dörfer belebt und in regelmäßigen Wellenlinien auf und ab fliegt. Tritt der Winter aber über Nacht etwas strenger auf, so verschwindet er plötzlich; sobald sich aber das Wetter zum Besseren wendet, ist er auch sogleich wieder da. So steht auch fest, daß die Ammern zurzeit der Weizenreife von Kuba nach Virginien hinüberziehen, während sie vor dem Anbau dieser Getreideart dort nie gesehen wurden. Alle Schwärme solcher herumstreifenden Vögel lösen sich im Frühling wieder auf, jedes Pärchen sucht sich einen eigenen Standort und verteidigt ihn oft ntit großer Erbitterung gegen Eindringlinge der gleichen Art. Zwischen den verschiedenen Graden des Wanderns der Vögel bestehen die mannigfaltigsten Uebergangsstufen: vom gelegentlichen Wandern der eineu zur Erweiterung ihres Wohngebietes bis zu den ausgedehnten regelmäßigen Wanderungen der anderen, die dazu dienen, der Not der schlimmen Jahreszeit zu entgehen und nahrungsreichere Gegenden auszusuchen. Manche Vögel haben auch in verhältnismäßig kurzer Zeit ihre Lebensweise vollständig verätidert. So war z. B. die Schwarzamsel vor einigen Jahrzehnten noch ein scheuer Waldvogel, der im Herbste nach Süden toanberte, während sie jetzt bei uns überwintert und die Nähe der menschlichen Wohnstätten bevorzugt, so daß sie in den städtischen Anlagen so zahlreich auftritt, wie die frechen Spatzen. Einen gleichen Vorgang beobachten wir beim Buchfinken. Tie Weibchen und Jungen wandern im Winter nach Süden, die alten Männchen überwintern bei uns. Ebenso kommen von einigen hochnordischen Schwimmvögeln nur die Weibchen im Winter zu uns. So ändert sich der scheinbar festgelegte Vogelzug, und wir sehen, daß er, wie alles in der Natur, nicht plötzlich eittftaubcn ist, sondern einen langen Ent- wickelitngsgang hinter sich hat, von dem heute noch die An- zeichen zu erkennen sind, ja wir sehen heute noch die langsame Umänderung selbst vor sich gehen. Tie außerordentlich auffälligen, regelmäßigen Wande- rttngen unserer Zug- oder Wandervögel im engen Sinne zeigen uns, welches ausgezeichnete Fortbewegitngsmittel der Bogel in seinen Flügeln besitzt und von welcher Schärfe vor allem sein Gesicht ist. Daß die Zugvögel mitunter beinahe Unglaubliches an Ausdauer, Schnelligkeit und Orien- tierungsfähigkeit zu leisten imstande sind, unterliegt keinem Zweifel. Der Zeitpunkt, an dem das Wandern beginnt, fällt zusammen mit der Beendigung der Brut und der sich daran anschließenden Mauser. Dabei verschwinden gewöhnlich die Vögel, die zuletzt zurückkehrten, auch wieder zuerst. Zeit und Ort sowohl des Abzugs als der Rückkehr werden oft mit überraschender Genauigkeit eingetzalten, so daß zahlreiche Battern- und Jägerregeln darauf begründet sind. Die Reisen selbst gehen bei vielen Vögeln mit einer bestimmten Taktik vor sich. Störche und Wildgänse bilden einen Keil, Kibitze und Regenpfeifer eine schiefe Linie, andere schwärmen in wilden Evolutionen. Auch die Tageszeit, zu der die Vögel wandern, ist verschieden. Die Mehrzahl der Vögel wandert bei Nacht. Man hat mit dem Fernrohr oft in mitternächtlicher Stunde ihre hoch vor der Mondscheibe vorbeiziehenden Scharen beobachtet. Die einen fliegen in der Höhe, die. anderen wandern dicht über dem Erdboden. Die meisten Vögel erhebet! sich nicht höher als nötig, um sich einerseits vor dem Geschoß der Menschen zu sichern, andererseits aber das unter ihnen liegende Gebiet zu überschauen, Weg und Richtung git ermitteln und geeignete Ruheplätze aufzusuchen. In hohen Gebirgen kommen sie dem Boden besonders nahe und wählen zu ihren Ueber- gängen nur Schluchten. So. wandern sie seit den urältesten Zeiten in denselben Tälern, in denen auch die Völker auf- unb abfluteten; sie ziehen in denselben Pässen über die Alpen, in denen Hannibal, Karl der Große Barbarossa und Napoleon diese Berge überschritten. „Durch die Wanderung der Vögel wurde schon längst die Linie all der kühnen Bergstraßen bezeichnet, die zum Teil in neuester Zeit entworfen und ausgeführt wurden." Oft geht die Massenhaftigkeit der wandernden Schwärme ins Kolossale. Man sah Züge von Störchen und Sturmvögeln, die eine halbe Meile in der Breite annahmen und ununter», brachen Stunden währten. Das großartigste Schauspiel in dieser Beziehung bietet die Wandertaube Amerikas, wahre Völkerwanderungen dieser Vögel, deren donnernder Flügelschlag das Ohr betäubt und deren Zahl jeder Beschreibung spottet. Auf ihren Wanderungen finden viele Vögel den Tod, und oft ist gerade der Mensch ihr gefährlichster Feind. Aus Barbarei und aus Unkenntnis werden tausende getötet, selbst Nachtigall und Lerche schützt nicht ihr Lied. Ja, das Land der Musik und des Gesanges, Italien, ist berüchtigt durch die mörderischen Verfolgungen, denen die Singvögel dort auf ihrem Durchzuge unterliegen. Wenn itach den Angaben Leunis allein an.bett Ufern des Lago Maggiore jährlich 60 000 gefangen werden, und sich trotz aller Bestrebungen der Tierschutzvereine nach neueren Berichten an dieser Tatsache noch wenig geändert hat, so mag hier an ein Wort Stifters erinnert werden, welcher sagt: Mit dem Schutze der Singvögel würde dem menschlichen Geschlechte ein heiligendes Vergnügen aufbewahrt bleiben, wir würden dann durch die Länder wie durch schöne Gärten gehen. G. Aus dem Ariegrjahr 1796. Bei beit Klein-Lindener Gemeindeakten findet sich eilt Bericht des Gemeindeschreibers Johannes Weigel über seine Erlebnisse aus dem Kbiegsjahre 1796, die wir in Abschrift hier wiedergeben. „Mittwoch den 15. Juni ist es zwischen denKaiserlichen Truppen, die bei Wetzlar seit einigen Tagen gestanden, und den sich über Greifenstein und den Dillfluß herunter an- rückenden Franzosen zu einem harten Gefecht gekommen, *— 584 das ungeachtet der zweimaligen Retirade der Kaiserlichen bei 'der vorteilhaften Stellung der Franzosen, doch endlich unter Anführung des Erzherzogs Karl nnt einem Siege der Kaiserlichen endigte, so daß die Franzosen die Flucht ergreifen mußten, wobei jwci) mitgewirkt haben die Kur-- sächsischen Völker. Wie nun bei diesen Kaiserlichen und Kursachsrschen Truppen viele aus hiesiger Gegend Vorspann dabei getan haben, welche wie die Truppen den in Flucht geschlagenen Franzosen beständig nacheilen mußten und also in den Tagen vom 16. bis 19. Juni, wo auch noch verschiedene Attaquen zum Vorteil der Kaiserlichen vorgefallen sind, bis jenseits Altenkirchen bei Hcqselbäch und Weyerbusch sich die Franzosen wieder gestellt haben und mit der größten Hartnäckigkeit gefochten, aber auch hier, also den 19. Juni, ganz aufs Haupt geschlagen worden sind und daher ihre weitere Retirade über die Sieg nach Düsseldorf hin ge- nommen haben. Da nun so viele Fuhrleute aus hiesiger Gegend nnt- gefahren sind, von Mein-Linden allein 14 Paar Ochsengespanne, so wurde auf eingelaufene Klage der Untertanen vom Fürstlichen Oberamt Gießen der Befehl gegeben, der Wohlgeborene Amtsvorsteher Gravelius von Gießen und ich, der Gemeindeschreiber Johannes Weigel von Klein- Linden, sollten den Fuhren nacheilen und bei den Offizieren ihre Entlassung erwirken. Also haben wir beide uns dazu unterzogen und sind am 20. Juni von hier nach Groß-Rechtenbach im Kursächsischen Lager um 10 Uhr angekommen, dort aber nicht auf- gehalten, sondern unfern Weg über Wetzlar bis Herborn diesen Tag fortgesetzt. Am 21. nahmen wir unfern Weitermarsch zu dem Hauptquartier nach 'Hachenburg, allda waren wohl viele fremde Fuhren, aber keine aus dem Oberamt Gießen. Mr erhielten hier die Nachricht, daß ein Fuhrmann von KleinMnden mit Blessierten nach Butzbach hinfahre, wobei wir auch erfuhren, die anderen Führen seien noch bei den .Regimentern. Ich wurde mit einem Paß versehen und nahm meinen Weg nach Engelbach!, Altenkirchen, Weyerbusch, Hasselbach, Kirchhözz, Jckenrod in alle dort stehenden Lager, konnte aber niemand aus hiesiger Gegend ansichtig werden und ging wieder nach Hachenburg, Marienberg, Rieder-Roßbach, Herborn nach Katzen- furt. — Am 26. Juni kam ich nachmittags ganz ermattet, aber gottlob gesund, wieder bei den Meinigen in.Klein- Linden au." w- Verrnischtss. * Dichters Erden w allen. Von den furchtbaren Ent- behrmrgen und der grenzenlosen Armut, unter denen Edgar Allan Poe seine letzten Lebensjahre dürchlitt, werde» tmj „Zwiebelfisch" neue erschütternde Einzelheiten mitgeteilt. Der Verfasser verdankt die Mitteilungen Gabriel Harrison, der mit Poe befreundet war. Harrison war uni 1840 in Brooklyn ein sehr populärer Schauspieler, der sich nebenbei auch mit Malerei Mchäftigte. Unter den Künstlern und Politikern hatte er einen Soßen Bekanntenkreis. Es kamen aber auch für ihn Tage der Mehrung, der Schauspieler war genötigt, einen kleinen Laden aUfzumachen, in dem er so gut wie alles verkaufte. Eines Abends sieht er vor seinem Ladenfenster einen kleinen Mann mit einem großen Kopfe stehen, der mit begehrlichen Blicken die ausgestellten Tabakspakete betrachtet. Dann trat er ein und 'fragte nach dem Preise des Tabaks: aber bald merkte nran, daß er nicht imstande war, zU kaufen. Harrison schenkte ihm ein Paßet Tabäksblätter. Drei Wochen später kam der Unbekannte wieder. Harrison saß gerade am Tische und schrieb an einem Gedichte. Der Fremde sah, daß der Ladenbesitzer Verse skandierte uüd erbot sich, das Gedicht zu vollenden. In kurzer Zeit war es geschaffen: fünf Strophen. Aber der Dichter lehnte Geld ab, nur ein wenig Kaffee NahM er als Entschädigung an. Harrison fragte ihn nach seinem Namen. „Thaddäus Pevley", lautete die Antwort. Längere Zeit bekam man bett Fremden nicht mehr zu sehen. Plötzlich eines Abends erscheint er wieder im Laden. Am Ladentische saß Fitz-Greene Halleck, der Sekretär John Astors. Dieser erkennt in Perley den armen Poe. Edgar Allan war verwirrt, schließlich bat er um die Erlaubnis, sich äM Ofen ein wenig wärmen zu diirfeir, denn er hatte kein Quartier und zitterte vor Kälte. Halleck lud ihn ein, die Nacht bei ihm zu verbringen, und Poe nahm auch an. Aber die Leiden des unglücklichen Dichters waren damit Nicht zu beiseitigen. Harrison sah ihn noch öfters; er wollte ihn photographieren, aber Edgar .Allan besaß keine Kleidung mehr, die dazu geeignet gewesen wäre; schließlich erlaubte er dem Freunde, senw Lage mit dem Pinsel festzuhalten. Eines Abends ging Harrison mit Poei am Broadway spazieren. Plötzlich beginnt Edgar Allan zu taumeln: der Freund führt ihn in ein nahes Cafs u'nd läßt ihm Rotwein und ein wehrig Zwieback reichen. Hunger und Schwäche hatten Poe der Ohnmacht Nahe gebracht, feit dem vorhergehenden Tage hatte der Dichter nicht einen Bissen genossen. * Mahlzeit! Einen wackeren Vorstoß gegen eine höchst alberne deutsche Unsitte las man kürzlich: im Sprech- faal der Bremer Nachrichten. Der Mahnruf ist so trefflich, daß er uns weitester Verbreitung wert erscheint. Ec lautete ungefähr: „Mahlzeit!"" „Mahlzeit!" Es geht nichts über die Höflichkeit, ei ja! Unser höfliches, gebildetes Zeitalter, es lebe! Gibt es denn auch einen sinnigeren, geschmach- volleren Gruß als dies wunderbare „Mahlzeit!", das allerorten, in allen Kreisen, zu den unmöglichsten Tageszeiten! ertönt?! — „Mahlzeit!" lieber all dieser Gruß. Der heimkehrende Hausherr grüßt: „Mahlzeit, Frauchen!" Im Geschäft grüßen sich die Angestellten: „Mahlzeit!" „Mahlzeit!" Im Verkehr mit Freunden und Bekannten, in der Elektrischen, in der Eisenbahn überall schallt's immer wieder^ „Mahlzeit!" — Es gehört ja heutzutage schon Mut dazu, einer so eingerosteten Unsitte eulgegenzutreten; aber sollten denn nicht einige wenige verständige und beherzte Menschen sich bereit finden, ihr die Stirn zu bieten? Mit einigem guten Willen könnte sie gar leicht bekämpft und ausgerottet werden, wenn nur jeder in seinem kleineren oder größeren Kreise dafür wirken Wollte. „Mahlzeit!" Sollten wir wirklich nicht im täglichen Verkehr eüi wenig mehr Rücksicht auf unsere Angehörigen, ein wenig mehr Achtung und .Höflichkeit für Vorgesetzte, Gleichgestellte oder auch Untergebene haben können als diesen geschmacklosen „Gruß", der schlechter ist als gar keiner, der vielmehr nur eine Rücksichtslosigkeit, ein sinnloses Nachplappern dieser überall eingebürgerten Unsitte ist? — „Mahlzeit!" Warum wir dis Tatsache unserer täglich! drei- oder meinetwegen mehrmaligen NahrungAaufnahme immer wieder zu erledigen oder bereits erledigt in die Welt hinausposaunen, ist doch unerfindlich. Laßt uns höflich sein mit Bewußtsein! Rechte Höflichkeit ist der beste Beweis einer echten Herzensbildung, und wir alle können unser Scherflein dazu beitragen, dieser ein- gewurzelten Unsitte ein Ende zu machen; birgt doch unsere schöne, geliebte deutsche Sprache einen so reichen Schatz an Worten und Redewendungen, daß wir dieses als Gruß häßlich klingende „Mahlzeit!" wirklich entbehren können. — Gewiß folgen wir nach redlich getaner Arbeit fröhlich dem Ruse zur „Mahlzeit" und mögen uns hernach gern eine „gesegnete Mahlzeit" wünschen, dann aber auch Schluß damrt. — „Mahlzeit!" Bei einigem lieber legen müssen wir alle einsehen, wie unsagbar töricht und unschön ein solcher Gruß ist! Also weg damit, daß die rechte, echte Höflichkeit wieder zu Ehre und Ansehen gelange! * Ein gl tt ckl i ch e r Zufall. Gastwirt (zu dem Touristen, der sein Nachtlager besieht): „Sie habens halt gut getroste, Freitags überzieh' mer halt immer!" * Le i cht ab g eho l fen. Sie (nach vorausgegangenem Streit schmollend): „Max, das ist nicht schön von dir, daß du so eim silbig bist!" — Er (ärgerlich): „So, da rufe mich doch Maximilian !" * Doppel sinnig. Köchen (zu ihrem neuen Schatz): „Schau dir mal die Speisekammer an." — Grenadier: „Donnerwetters — da muß sich unsereins verstecken." Diamautriitsel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aabedeeet fhhiiikll n n n o o r s derart einzutragen, daß die wagerechten Reihen folgendes bedeuten: 1. Einen Buchstaben. 2. Fluß in Rußland 3. Einen Raubvogel. 4. Bekannte Malersamilie. ö. Germanische Gottheit. 6. Musikalische Bezeichnung. 7. Einen Buchstaben. Die senkrechte und wagerechte Mittelreihe ergeben das Gleiche. Auflösung in nächster Nummer: Auflösung des Logogriphs in voriger Nummert Esche, Asche, Ischl. Redaktion: I. B.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Bratschen Universitäts-Buch- und Steiudruclerei, R. Lange, Gießen.