Montag den |8. Januar 9 y W a I s -J& X. W r®. ,'ir>z Ntaria Hendrina von Coch. Novelle von Luise Schulze-Brück. (Nachdruck verboten.) iFvcrsetzang.j Als.sie am Abend wieder nach Mainz fuhr, nahm sie Beert nochmal auf die Seite: „Ich hab' die Hendrina mitnehme wolle nach Mäünz szr ä paar Tag," flüsterte sie, „awwer er Hot net gewollt. Er Hot gesagd, es mißt jetzt zum Klappe komme, & groß Dochder kennt er net hüte, und 's ivür am beste, wann die Hendrina ä Mann kriegt eso oder eso. Und wie ich em gesagt hawwe, daß ich der Hendrina nor dann mei Geld vermache däht, tvann der Mann mir auch basse däht, da Hot er nor gelacht und Hot gesagd, des wär ihm egal, un ich denk mir, der ald Fuchs rechnet, wann du der Mann bis, do is es jo gut, und wenn der anner es is, da kkanns em aach egal sein, weil der das ville Geld Hot. Nn wääßt's, nu Banntschte dich danach richte. Was is der heit schun gesagd hawwe, altert: un wis un schalu muß ä Barsch sein — kä Trauerkloß. Im iwwerige bin ich ja aach noch da, ich bin doch der Hendrina ihr Mutterschwester int hawwe a ooch noch was mitzurede, un am Sundag komm ich Widder." Tann nickten ihre blauen Hutfedern noch ein paarinal zum Gruß aus dem fahrenden Zuge, und sie war fort. Der alte van Endert war doch mißgestimmt. Er murmelte böse Worte. Beert war schweigsam und nachdenklich. Und nur Hendrina ging wie auf einer Wolke, nnd ihre Augen waren wie erhellt von einem inneren Licht. Sie gingen gleich auf das Schiff. Alle waren müde von dem Balle in der Nacht vorher. Und schon um 9 Uhr erlosch das Licht in Hendrinas Schrankverschlag. Sie schlief und träumte schöne Träume. Auch Beert schlief. Nur Matthes, der Schiffs knecht war noch wach. Er saß in seiner Kajüte unten im Schiffsrumpf, angestrengt aus einem der kleinen Fenster starrend, das er durch Anhauchen blank hielt. Er hatte eine Art Schleuder an dem Fensterrahtnen befestigt und legte zuweilen eine Erbse darauf, während er schaden- fwh grinste: „Ich wer'm eins auf den Pelz brennen," murmelte er abgerissen. „Watt brauch dä Karl do erum ze streichen un nach ttuserm Kind ze spionieren. Eso en Kujon! Uns Kind, datt is fih: unsen Beert und ugich für so einen. Wart, komm Du nur, Tn Filu! Eso en Erbs, die tut ordentlich weh, wann se an den richtigen Platz kommig! Ich will Dir datt Erumstreichen verdreiwcu, Du Nachscul!" ^ber er wartete vergebens. Und zuletzt schlief er am Fenster sitzend em, und erst tief in der Nacht wurde er wach und kroch ärgerlich in seine Koje. 7. blieb doch kalt. Jeden Morgen fahlHendrina van Endert be- gterig irach dem Thermometer, und jeden Morgen freute sie sich, haß die Quecksilbersäule tief unter dem Nullpunkt endete. Und ihmner wieder staunte sie über das herrliche Schauspiel, wenn die Sonne strahlenlos hinter ben Bergen hervorlugte, das ganze Rheinthal mit einem seltsamen roten Licht füllend, ilnd wie sie daml allmählich Kraft bckanr und die Strahlen sendete, wie der erst fahle Himmel tiefblau wurde, und wie der Raureif in tausend Millionen Funken glitzerte. Jedes Wölkchen, das aus den Schornsteinen der Schiffe sich in die Luft kräuselte, war silberig blau. An den Schiffen traten scharfe beschneite Linien aus dem Schwarz der Rümpfe grellweis hervor, die bunt gestrichenen! Kajüten, die Wasserbttnke und Böcke waren lustig anzusehen, wie die hellspiegelnden kleinen Fensterchen mit den schneeweiße Gardinen dahinter. In der Kajüte der „Maria Hendrina von Goch" war ein schier betäubender Mumenduft. An den Fensterchen standen dicht aneinander gereiht Töpfe mit Hyazinthen nnd Weilchen, mit Mai- blumen und Taz-etten. Die hatte der Amerikaner gebracht, und Beert stellte sie jeden Abend sorgfältig hinaus in den kleine»! Borraum, damit der starke Duft Hendrina des Nachts nicht schade.^ Er mußte jedesmal fast lächeln darüber, daß er die Liebesspenden seines Rivalen so sorgfältig bewahrte. Heute hatte er sich verspätet mit dem Aufstellen am Morgen, — der alte van Endert hatte ihn nach der Po stgeschickt, nnd so saß Hendrina schon angekleidet in der Kajntenstube, als er zurückkam. Di« Blumentöpfe standen noch in der Kajüte. Er brachte sie hinein. Hendrina sah ihm gedankenvoll zu. „Warum bringst Du mir eigentlich nie mal Blumen mit, Beert?" sagte sie ganz plötzlich. Eine leichte Röte stieg in Beerts Gesicht. „Ich," sagte er langsam. „Ich weiß ja nicht, ob Dir Blumen von mir Spaß machen." Hendrina sah ihn aufmerksam an. „Du bist gar nicht mehr der alte Beert, der alte Beert von früher." Sie nickte gedankenvoll vor sich hin. — „Die Hendrina von früher! Das mag wohl sein! Aber darum könnts Tu mir doch einmal einen Strauß Veilchen bringen. Das ist so sclchn, daß es Blunten gibt im Winter. Wenn man denkt, daß man Veilchen hat im Januar. Ich hab' nur gewußt, daß es Hyazinthen gibt, und Tulpen in Töpfen, die. man sich selber ziehen kann. ►— Aber Veilchen, das hab' ich nicht gewußt!" Sie sah träumerisch vor sich hin. „So viel hab' ich nicht gewußt, so viel. Und ich bin manchmal ganz irre. Wenn ich nur mit jemand reden könnte. Aber da ist ja keiner! Die Hildegard, die — die hat ja gar kein Herz. Die lacht ja über alles. Die sagt, daß man dumm ist, wenn man sich das Herz, schwer macht. Und meins ist ja auch gar nicht schwer. Aber auch nicht froh. Manchmal klopft es so arg wie mit einem Hammer. Ich glaub' das ist nur, weil ich gar niemand hab', mit dem ich reden kann, wie ich möchte. Und wenn man dann einen so gern hat — so gern." Beert van Endert stand ganz stimmt wie erstarrt. „Wenn ich Dir doch alles sagen könnte. Beert. Aber was weißt Du von solchen Sachen! Tu hast ja sicher auch noch niemanden so gern gehabt." „Hendrina, sei still." Es kam so gepreßt heraus, daß Hendrina aus ihren! TvänmW 38 BetauS verwundert ausschoute, und da sah sie, daß Beert gaNtz > fahl war. ., • , _ , , r I „Hendrina, wie kannst Du das sage»! Wie kannst Du imch so quälen. Hab' ich Dir daZ b-emt nicht gesagt, wie wir den Rhein hinans gefahren sind, Tn hast nur nichts hören wollen?" Sie lachte halb ungläubig: „Ach, Beert, das war doch nur Halber Spaß von Dir. Tas hast Tu ja gar nicht so gemeint. Wenn Man ein Mädchen gern hat, dann ist man doch nicht so still wie Du und geht um es herum', einen Tag wie alle Tage." Beert preßte die Zähne auf die Lippen. War das. nicht dasselbe, was Tante Sette gesagt hatte: „Wenn man ä Mädche lieb hat, dann muß mer wif sein un allertt un schlau!"--3ö, das konnte er freilich nicht. Das konnte der andere besser. Und er sagte scharf: „Freilich! Du mußt das ja wissen. Schwadronieren und von seiner Verliebheit reden und den Mädchen den Kopf verdrehen, da§ kann freilich der Amerikaner besser als ich. Der hat ja auch Mehr Uebung drin." . Hendrina für auf: „Beert! Schäm- Dich! Schämen sollst Tu Dich was! Schlecht -jit reden von einem, der Dir nichts getan hat." „Mir nichts getan hat, Heudrina!" Der große stille Mensch war außer sich. — „Mir nichts getan hat! Hat der mir nicht das Schlimmste angetan, was ein Mensch dem andern antun kann? Hat der Dich mir nicht weggenonimen. ? Weggestohlen hat er. Dich, Mit schönen Worten und mit seinen schwarzen Augen. Gekiißt hat er Dich am Silvesterabend, ich hab's wohl gesehen! Und wer weiß, wann noch. Und Du, Tu läßt Dich von ihm sängen. Du bist'» ganz anderer Mensch geworden zwischen heut' und gestern, von einer Stunde zur andern. Du fragst nicht danach, was er für einer ist, Du denkst an nichts als an den mehr. O Du! •---•—" Er stand vor ihr, jetzt stammend rot. Seine sonst ruhigen Augen glühten, seine Lippen lebten, seine Hände zuckten. Heudrina sah ihn erstaunt, erschrocken an. Einmal schon hätte sie ihn ähnlich gesehen, — aber dämals hatte sie ja kaum! gewußt, was ihn bewegte. Gar nicht geivußt hatte sie es. Heute aber, da wußte sie's. Und seltsaur. Fast hatte sie Angst, Beert gu verlieren. Hatte Angst vor allem, was kam. Angst vor sich selber. Der alte van Endert kam herein. Listig gingen seine Augen zwischen den beiden. Aber er sagte nichts. Mochte doch Beert sehen, wie er zurecht kam. Ihm war es egal, im Gegenteil, ihm konnte es sogar recht sein. Mochten die zwei in Nöten sein, — was gings ihn an. Das waren ja alles verliebte Narrenspvssen — Dummheiten. Darüber wuchs ihm kein graues Haar. Die Sett' hatte ihm die Höll heiß gemacht wegen des Amerikaners, der ein rechter Nichtsnutz sei. Tu lieber Himmel, weil er ein paar dumme Streiche gemacht hatte. Junges Volk, das mußte sich eben austoben. Das kannte man doch. Nachher, wenn einer tüchtig seinen wilden Hafer gesät hat, dann wird er ein desto besserer Ehemann. Und das viele Geld, das er hatte, das deckte doch viel zu. Ter Alte war ein Schlauberger. Er hätte sich lvieder und wieder erkundigt, es war wirklich so. Eine Unmenge Geld hatte der Georg Werner, ein forscher Kerl war er auch, und verliebt war die Heudrina in ihn bis über die Ohren. Ach, er würde sich das zunutze machen. Er würde ihn schon jetzt binden mit einem Ehekontrakt, in dein ihm das Vermögen Hendrinas zur Verwaltung blieb. Und dann war er der Herr der „Mariä Hendrina von Goch". Tann würde er auch schon Mittel finden, den Beert klein und kusch, zu halten. Er ging Hinaus und schwerfällig aufs Eis hinunter. Und dann umkreiste er stapfend das Schiff und freute sich daran. Sv darum hericmgehen, das konnte er ja sonst nicht, wenn es auf dem Wasser lag. Und er ging mit weitansholenden Schritten immer rundum itttb verglich die „Maria -Hendrina" mit. den anderen Schiffen und das Herz schwoll ihm vor Stolz. Wer auf einmal schnupperte er in die Lüft. Was war denn das? Die Sonne schien nicht mehr heil wie früh am Vormittag, ein seiner grauer Schleier zog sich darüber. Und die Luft war nicht mehr klar, — sie schien ihm auch nicht mehr so kalt. Sollte der Weingartner recht behalten, wurde das' Wetter mild? Das wäre! Na, ein vier, sechs Tage dauerte das ja immer noch. Und da war ja noch Zeit genug. Da konnte der Georg Werner alles klar, und er alles fest machen. Dann nur Ostern heirateten sie und mochten sehen, wie sie zurecht kamen. Er brauchte sich dann um seine Tochter nicht mehr zu sorgen, die Bas ging in ihr Altweiberstift, hnd er fuhr mit der „Maria Hendrina" als ein freier' Mann. Drin in der Kajüte saßen die zwei jungen Menschen noch immer, Hendrina hatte die Hände gefaltet und sah starr gerade- ä»s. In ihren Augeit standen Tränen und machten sie noch blauer und schimmernder. Und Beert van Endert sprang auf und ballte die Fäuste und knirschte. 'fast mit den . Zähnen und -fühlte, wie neben seiner Liebe', die bis jetzt nur tief und still gewesen^ etwas anderes in ihm ausstieg, ein Brand und ein wilder Wunsch, das Mädchen, das ihm so nahe war, an sich zu reißen und »u drücken, zu küssen — und den anderen, der nur die Hand auszu- strecken brauchte, um sie zu nehmen, den zwischen seinen Fäusten! zu zermalmen, — daß er seine verliebten Künste für immer vergäße. Im Laufe des Tages war das Wetter umgeschlagen. Noch taute es nicht, aber es begann zu schneien. Schwere Flocken wirbelten in der Lust, machten das schimmernde Rheineis zu einer flaumigen Decke, setzten den Dächern und Türmen von Bingert weiße Mutzen auf und zeichneten jede Linie der Schiffe im Winterhafen mit einem weißen Streifen nach. Der alte van Endert! ging unruhig umher. Und als es zu dämmern begann, während iroch immer die Flocken wirbelten und der Niederwald mit dem! Denkmal der Rüdesheimer Berg mit dem Schloß Ehrenfels, und sogar der nahe Rochusberg fast verschwanden in dem graue» Dunst und dem stiebenden FlockengewimMel, setzte er seine Ohr- mütze aus, hieß Hendrina daheim -bleiben und ging fort. Hendrina sah ihm unruhig nach. Wohin ging er, was hatte; er vor? Sie hatte immer eine Scheu vor ihren: Vater gehabt. Er war nie streng zu ihr getvesen, — aber auch nie gut. Sis fühlte es schon als kleines Ding, daß sie nicht viel für ihn bedeute. Nie brachte er ihr von seinen Fahrten etwas mit, nie beschäftigte er sich mit ihr. Als sie älter und vernünftiger wurde, da merkte sie wohl, daß sie ihm eher eine Last war, etwas! Ueberflüssiges und Unnützes. Uno sie hatte das dumpfe Gefühl, daß er auch jetzt nur tue intb wolle, was ihm für sich nützlich und angeneHm erscheine. Sie saß an dem kleinen Fenster und schaute in das Schneetreiben. Sie dachte an Georg Werner. Ach, sie dachte ja eigentlich immer an ihn. Sie sehnte sich nach ihm, nach seiner Nähe. Aber sie war doch unruhig und bedrückt. Ach, wenn sie doch ein so leichtes Herz gehabt hätte wie die Hildegard. Dann hätte sie keine schweren Gedanken, dann ließ sie sich nnr von ihm Herzen und küssen und verliebtes Zeug erzählen. Wer in ihr !var ja das niederrheinische Blut, das schwer machte und seltsame Gedanken. Hildegard hatte ihrs in diesen Tage» ost genug gesagt, und sie. fühlte es durch alles hindurch. (Fortsetzung folgt.) Nach dem Erdbeben. Zustände und Lehren des Unglücks. s I. Dio „Schmerzensstadt", in der man jetzt jede Hoffnung fahren lassen muß, habe ich als Ruiuenstätte nicht mehr gesehen, denn es ist Belagerungszustand proklamiert und die Truppen weisen jeden zurück. §ier herrscht ebensoviel Verwirrung, Kopflosigkeit, Durcheina:der, Konfusion Lohn Wabvhu, wie in Messina selbst, lieber 20 000 Vertriebene unb Verwundete haben sich hierhin geflüchtet. Alle Hospitäler, Schulen, öffentlichen Gebäude sind überfüllt. Das Mnncipio, das natürlich auch den Kopf verloren hat, weiß nicht mehr ans unb ein. Die Bahn, bie natürlich nach italienischer Art nur ein Geleise hat, funktioniert nicht, bie Post hat aufgehört, regelmäßig zu verkehren, unb Privattelegramme werben überhaupt nicht mehr befördert, da der Staat den Draht mit Beschlag belegt hat für bis Regienmgsbepeschem Hier lebt man ja tm „doux pays" her Zentralisierungsmaschinerie, kein Beamter wagt etwas auf eigene Faust zu tun unb will baher gut bohimentierte Befehle von ber Hauptstadt Rom, bie ihn gegen spätere Verantwortlichkeit schützen. Wie soll man ba in Rom» fern vom Kriegsschauplatz, bie Sachlage überschauen können. Dazu kommt, baß ber Handel stockt unb alle Arbeiter feiern, selbst bie Hafenpackknechte, sie haben Angst; beim nicht nur in Messina bauern die Stöße fort, fonbern auch! hier bebt es leicht täglich mehrere Male. Unb habet ist ber Tag nicht mehr fern, wo bas Mrmicipio fein Gelb! mehr hat, unb bie Piraten zu mübe werben, um die hungernden unb frierenden Flüchtlinge zu verpflegen. Was! bann? Wirb bie Unzufriedenheit nicht zu Unruhen führen? Ueberall trifft man auf Menschenansammlungen, bie betni Vorträge eines ber Ueberlebenden lauschen; im Hotel, im! Cafö kamt man keinen Schritt tim, ohne von einem Politiker angehalten zu werben, bet auf bis Soldaten, bie Regierung, bas vernachlässigte Sizilien unb bie Presse bes Kontinents zu schimpfen beginnt, bie es gewagt hatte, bett Sizilianern zu. raten, sie sollten doch auch selbst etwas tun,, anstatt alles von ber Zentralregierung zu verlangen. Dan» kommt jeden Augenblick ein Flüchtling unb erzählt mit fub* 38 licher Lebhaftigkeit, wie es ihm ergangen ist. So ist man mitten brüt und kann sich ein Bild machen, wie Messina anssieht nnd wie grauenhaft die plötzliche Zerstörung war. Dabei ist aber das Grauenhafteste, daß matt heute noch uicbt weiß, wie viele Opfer die Katastrophe forderte, ans der sich nur die „misera contribuens Plebs" rettete, während die Wohlhabenheit, die Intelligenz, zu Grunde gingen. Messina zählte 160 000 Einwohner, im Augenblick des Unglücks aber wohl 20 000 mehr; denn wegen des Weih- nackts-- und Neujahrsfestes waren viele Beamte beurlaubt worden, auch viele Verwandte zit Besuch gekommen. Der Schrecken vermehrte sich durch die Dunkelheit nnd durch den wolkenbruchartigen Regen. Die Behörden hatten den Kops verloren, zwei Abgeordnete starben unter den Trümmern, der Bürgermeister floh, viele Offiziere dachten nur an die Rettung ihrer Familie, der Präfekt erlitt einen Mervenchok, der nahezu an Gehirnlähmnng streifte. Keiner dachte daran, die Regierung zu benachrichtigen. Die Osfi- ziere der grauenvoll dezinierten Regitnenter warteten auf Ordre von oben. Wenn nicht das russische Kriegsschiff zufällig im Hafen gewesett wäre, das sofort Verwundete sammelte, wentt nicht der Norddeutsche Lloyd helfend eilt» gesprungen wäre, würden der Opfer noch viel mehr sein. Zum Unglück war auch die italienische Flotte auf Uebungs-- reise. So verging der erste Tag ohne tatkräftige Or- ganisatiottsarbeit, und die Verbrecher der Stadt, verstärkt durch die Gefängnisinsassen, die entsprungen waren, und die Bauern der Umgegend, die scharenweise tritt leeren Säcken anrückteu, konnten nach Herzenslust plündern nnd Feuer anlegen. Zu ihnen gesellten sich am nächsten Tage auch Mitglieder der ehrenwerten Camorta aus Neapel. Wie sagt doch Aeneas im Virgil: „Jnfandum, regnia, jubes renovare . . ." Unsäglich, unaussprechlich, unsagbar! Häftlinge erschossen kaltblütig vorübergehende Bürger, um ihre Kleider zu erhalten, damit sie ihre Sträflingsuniform los wurden. Auch schnitten sie Damen, die unter den Trümmern lagen, die Finger ab, wenn sie die Ringe nicht abstreifen konnten. Ein Räuber wurde erschossen, der 400 000 Lire bei sich trug. Bei alledem hört jede Schilderung auf, aber eine Frage darf man stellen, wie es eigentlich kam, daß ganz Messina in einem Nu zusammenstürzeu konnte und zwar so, daß beim ersten Stoß die Außenwände der Häuser noch blieben, und nur das Innere in sich zusammenbrach? Die Antwort lautet: „Tie Sorglosigkeit der Süditaliener." 1894, 1897, 1905 war Messina schon von Erdbeben heimgesncht worden, die Häuser waren also alle mehr oder minder beschädigt, nichtsdestoweniger dachte niemand an Reparaturen, und bei Neubauten studierte man nicht nur den Untergrund zu wenig, sondern baute auch so leichtsinnig, daß man bei fünfstöckigen Palästen Eisenträger und Eisenbalken verwandte, ohne sie in sich fest zu verankern. Auch waren die Kasernen so leicht mit Pseudo-Stein gebaut, daß es sich erklärt, daß vom 83. Regiment nur 20 Soldaten übrig blieben. In einem nächsten Briefe werde, ich noch Details bringen. Jetzt drängt es mich, die Schilderungen eines Bahnpostschaff- ners zu geben, der, wie es sich jetzt herausstellt, der erste war, der die Kunde von dem Entsetzen nach Rom drahtete. Er tat Dienst auf der Strecke Messina-Syrakus. In der Nacht vom 27. ans den 28. Dezember hatte er Ruhepause und schlief in der Stadt. Gegen fünf Uhr morgens wurde er wach und konnte nicht mehr einschlafen: „Nach, dem ersten Stoß kamen meine beiden Hauswirtinnen nackt zu mir, und flehten mich an, sie zu retten. Durch ein Wunder gelang es uns, zur Wohnungstüre zu kommen. Ich stieß sie mit Gewalt auf, dann aber widerstand ich den Frauen, die, so wie sie waren, auf die Straße fliehen wollten, nahm beide unter meinen Mantel und kauerte mich wit ihnen unter das Gewölbe der Türe, das einen Meter dick ist. Das war unsere Rettung; denn die Tnrmauer hielt aus. Draußen hätten wir den Tod gefunden. Um 5.25 Uhr trat Ruhe ein. Aber ioir erstickten unter dem Staubgewirbel. Dann holte ich schnell ein paar Kleider und dann im Nu die Treppe hinunter, die zum Teil noch erhalten war. An dem Straßentor angekommen, leuchtete ich mit einem Kerzenstumpf und sah, daß die Straße halbhaushoch mit Trümmern bedeckt war, wir mußten also abwarten, bis es Tag wurde. Unterdessen froren die beiden Frauen fast zu Tode. Ich nahm allen meinen Mut zusammen, kletterte die Treppe hinauf und raffte für sie einige Röcke und Tücher auf. Sie bekleideten sich notdürftig. Gegen i/k? mußte ich die Frauen ihrem Schicksal überlassen, denn ich durfte wohl mein, aber nicht ihn Leben riskieren. Und nun begann ein Klettern auf Leben und Tod, wobei mir immer Steinchen und Kalkstücks auf den Rücken fielen, der zum Glück von meinem Dienstmantel geschützt war. Unter mir hörte ich nur Seufzen/ Wimmern von Lebendig-Begrabenen. Wie, das weiß ich nicht. Aber ich kam auf den Rathausplatz, wo ich mich verschnaufen koirnte. Dann eilte ich über Trümmerberge bis zum Strande. Horribles Schauspiel! Auf dem Meere schwammen Leichen zu Hunderten, bte das Meerbeben mit seinen 10 Meter hohen Wellen verschlungen hatte. Nach s/t Stunden kam ich an die 10 Minuten entfernte Hasenstation. Hier traf ich einen reichen Bürger und mit ihm zusammen lief ich nach der Zentralstation, wo ich einen Zug zu finden hoffte. Aber auch die Zentralstation war zerstört, ich fand nur hier und da einige Beamte, die herzzerbrechend über ihre Kameraden weinten, die unter den Trümmern lagen. Jetzt begriff ich erst die ganze Größe des Unglücks. Messina war nicht nur ganz zerstört, sondern auch alle telegraphische und telephonische Verbindung unterbrochen. Drob entschloß ich mich, längs den Schienen zu Fuß zü gehen. Nach vierstündigem Marsche kam ich an der Station Scaletta hinter Taormina an und ließ mich zum Zentralpostämt begleiten, wo ich an den Provinzialpostdirektor von Syrakus das folgende dringende Telegramm aufgab: „Wunderbarerweise das Leben gerettet, weiß nicht, was aus meinen Kollegen geworden, Messina ist zerstört. Antoninv Barrera, Bahnpostschasf- ner." Am Abend kam ich mit vielen Verwundeten hier in Catania an . . Man kann wirklich das Lied vom braven Manne !vie- der anstimmen; denn sein Telegramm war das erste, das in Rom ankam, wo es an den Postminister ging. Zuerst wollte man an der Zentralstelle die Sache gar nicht glauben, man dachte, man hätte es mit der Uebertreibuug eines Exaltierten zu tun. Aber nach und nach kanten bestätigende Meldungen durch Torpedoboote, die von Messina aus nord- wärts längs der zerstörten kalabrischen Küste gefahren waren, bis sie ein Telegraphenamt fanden, das intakt war. Die Regierung traf alle Vorkehrungen, die geboten waren, verheimlichte der Presse aber lange Zeit die ganze Wahrheit, tote es auch in Palermo geschah, nm nicht einen Ausbruch der Panik und Wut lei den vielen Messinesen zu erregen, die um das Schicksal ihrer Angehörigen besorgt waren. Das Unglück wollte, daß das Kabel zwischen Messina und Neapel (das einzige!) zerrissen war, daß die Eisenbahn in Kalabrien auf 18 Kilometer hin zerstört war, also auf dem Landwege feine Hilfe gebracht werden konnte. Dazu kam, daß auch das einzige Kabel zwischen Palermo und Neapel beschädigt war (heute noch werden alle Privattelegramme aus Sizilien per Post bis Neapel gesaudt),- und die Eifenbahnlinie im Norden von Sizilien 10 Kilometer vor Messina unbrauchbar ioar. Der Rettungsdienst war also von hier aus erschwert. Erschwerend fiel noch ins Geivicht, daß die ersten Ret- tuugsexpeditiouen ohne Haken und Schaufeln, ohne Lebensmittel abgiugeu, ja daß selbst die Soldaten, die am zweiten Tage zu Schiff nach Messina kamen, keine Werkzeuge hatten. Am schlimmsten aber war, daß es nicht nur in Messina an Verbandszeug und an einem trockenen Orte zum Verbinden der Verletzten fehlte, sondern daß auch viele Abteilungen des roten Kreuzes von auswärts ohne chirurgisches Besteck abginaen, so daß viele Verwundete daran zu Grunde gingen, daß man ihnen nicht die Arme und Beine amputieren konnte, die brandig zu werden drohten. Freilich, man darf nicht ungerecht sein, vom sicheren Winkel aus hat man leicht kritisieren, wer wäre auch in anderen Städten für eine Katastrophe vorbereitet gewesen/ die in 20 Minuten 200000 Menschenleben vernichtete. Das hindert aber nicht, daß Italien jetzt für seine uralten Schäden büßt, die es mit allen lateinischen Ländern gemeinsam hat, ich meine die Vielregiererei, den Gegensatz zwischen" Militär- und Zivilgewalt, die Unselbständigkeit aller untergeordneten Beamten, den Geist der Eifersucht zwischen den höchsten Offizieren re. Darüber erzählt man sich hier das saubere Stückchen: Der palermitanische Korpskommandant war krank. Deshalb erkannte die Regierung den römischen Korpskommandanten zum Diktator von Messina. Ms dieser dort ankam, wurde er sofort zurückberufen; denn der Ka- 40 tote Redaktion: E. Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. 17. -7 :s- tr.iin ri.Ti .. ”niinininniirni)TiBniiTinfr7lTnir.urr 1 FirirR-n Jirnwrrn bett dass bie tabak für Pfeifen wirb nicht mehr soviel verlangt früher. VevmrßchteA. * Die Schleppe uitb ihre Gegner. Zn größten Unsitten unserer Damen gehört unbebingt Tragen ber Schleppe, nnb wenn man bebenkt, baß Auslösung in nächster Rümmer. Auflösung des Zitaten-Rätscls in voriger Nummer r Wer seiner ßtuigc hat Geivalt, Der wirb in.it Ehren grau und alt. Vie in Deutschland geraucht wird. Nach dem Maßstäbe der verfeinerten Lebensgeitüsse beurteilen viele Statistiker Kultirrsteigerung der einzelnen Nationen. Ein jedes Volk der Erde hat sein sorgenbannendes Narkotikum. Wenn man vom Menschenfeind „Alkohol" absieht, so bietet für den Deutschen, wenigstens was die großen Massen betrifft, das Rauchen mit den geeignetsten Maßstab für die gesteigerte Lebensführung. Die „Allgemeine Berliner Korrespondenz" hat durch ihren L. S.-Mitarbeiter bei den größten deutschen Firnien für Tabakfabrikate eine Umfrage veranstaltet, tote in Deutschland das Geld der verschiedenen Gesellschaftsklassen in Rauch aufgeht. Die Erkundigungen ergaben kurz zusammengefaßt folgendes Resultat: Der Konsum an teuren Zigarren ist ein verhältnismäßig geringer. Am meisten wird in mittleren, namentlich Beamtenkreisen die 6—8 Pfennig-Zigarre geraucht; viel weniger gehen die 10, 12 und 15 Pfennig-Zigarren, ganz selten aber kommt es vor, daß Zigarren zu 50 Pfennig oder gar zu 1 Mk. verkauft werden. Beide Hauptsorten, die zu 6 und zu 8 Pfennig, iverden von Abnehmern bezogen, die täglich im Durchschnitt ca. 12 bis 15 Zigarren rauchen. Unter den Arbeitern ist die 5 Pfennig-Zigarre die beliebteste; Zigarren zu 3 uitd 4 Pfennig, die früher sehr viel von ihnen bezogen wurden, werden nur noch selten verkauft. Mer auch die 6 Pfennig-Zigarre wird von den besseren Arbeitern, Mechanikern, Elektrikern tisw. gern gekauft, und des Sonntags leisten sich diese ivohl auch häufig eine 10 Pfennig-Zigarre. Der tägliche Verbrauch der Arbeiter gleicht an Zahl ungefähr dem der gesamten sogenannten besseren Kreise und beträgt im ganzen ungefähr durchschnittlich 10 bis 12 Stück. Allerdings gibt es n. z. sowohl unter den Abnehmern, die sich aus höhersttuiertert Kreisen rekrutieren, als auch unter denen aus der Arbeiterschaft Männer, die nur 2 bis 3 Zigarren täglich ratlcheu. „Ja," erzählte der Geschäftsführer eines allgemein bekannten Zigarrengeschüfts, „wir haben sogar einen Kunden, der wöchentlich nur eine Zigarre raucht. Jeden Sonntag kommt er, ein Mann besserer Herkunft, jetzt Droschkenkutscher, in unsere Filiale unb verlangt — eine echte „Bock" zu 30 Pfg." Frauen als Abnehmer von Zigarren komnten selten, fast gar nicht vor. Bei den Zigaretten ist zunächst einmal ztt bemerken, daß ihr Import aus fremden Ländern erheblich abgenommen hat, da viel mehr inländische Fabrikate verarbeitet werden als früher. Am meisten geht die 2 imb 3 Pfennig- Zigarette, doch iverden auch solche zu 4—10 Pfennig gekauft. Es koutmen hierbei auf den einzelnett Kunden durchschnittlich 15—20 Stück täglich, oft aber auch noch mehr, lieber» Haupt ist der Konsum an Zigaretten gegen früher bedeutend gestiegen und ivird der Zigarette eine größere Zukunft, als der Zigarre Vovausgesagt. Auch an Damen werden Zigaretten verkauft, doch rauchen diese nur 3—4 Stück zum Durchschnittspreise von 3i/2 Pfennig täglich. Kautabak wird lange nicht mehr soviel gekauft, totes früher. Die Abnehmer desselben sind zumeist Schiffer und Matrosen, doch auch die Tiroler Musikanten, Jodler usw.§ die alljährlich zur Karnevalszeit nach Deutschland kommen, verlangen Kautabak. Schnupftabak wird fast nur noch von älteren Herren, seltener Frauen, gekauft; die Wnahnte ist immer mehr im Schwinden begriffen. Auch der Rauch- Damen Anspruch darauf machen, höflicher und empfindsamer, mich wohl gefühlvoller zu sein als die Männer,- so ist die Schleppe gerade ein Beweis für das Gegenteil. Nun ivird in London die Schleppe im Ballsaal immer häufiger und die Thnzer sind in ihrer Kunst nicht nur sehr behindert, sondern sogar gefährdet, denn entweder verwickeln sie sich in die Schleppe ihrer eigenen Dame oder einer anderen und werden dadurch hättfig zu unliebsamer Bekanntschaft mit dem Erdboden gezwungen. Um nun diese sowohl unschöne als auch gesundheitsschädliche Sitte, die eigentlich mehr Rücksichtslosigkeit ist, int Keime zu ersticken, haben sich eine große Anzahl von Herren aus der sogenannten besseren Gesellschaft zusammettgetan und sich gegenseitig verpflichtet, nur mit solchen Damen zu tanzen, die keine Schleppe tragen, die anderen aber als liebliche Mauerblümchen einsam und verlassen blühen zu lassen. Es dürfte unzweifelhaft sein, daß bie Männer in biesem Kampf die Sieger bleiben werden, denn die Damen iverden doch wohl lieber beit Anspruch auf ein kleines Füßchen aufgeben wollen, als der Lust des Tanzes zu entsagen. * Der Damenhut. Die N. Fr. Pr. berichtet aus Prag: Der Architekt Josef Prochazka ging in der Wassergasse an einer Dame vorbei, deren Hut jene Dimensionen besaß, die heute modern sind oder wenigstens bis in bie allerletzte Zeit modern waren. Dieser Rieseithtit war auch mit den entsprechenden Hutnadeln versehen. Ter vorbeigehende Architekt wurde durch eilte der Hutnadeln der Dame an der Nase verletzt. Er erlitt eine zwar unbedeutende, aber recht schmerzhafte Wunde und geriet hierüber in solchen Uebermut, daß er die „Uebeltäterin" durchs einen Wachmann verhaften und zur Polizei eskortieren ließ. Der Wachmann kam der Aufforderung des Architekten pünktlich nach. Es wird weiter gemeldet, daß von einer Bestrafimg der Riesenhutnadelbesitzerin abgesehen werden wird. Uebrigens dürfte schon die Eskorte auf die Wachstube, die einiges Aufsehen hervorgerufen hatte, die Dame veranlassen, zur allernächsten Mode des Turbans oder Pelz- kalpaks überzugehen, die wenigstens solche Fährlichkeiten nicht im Gefolge haben. Königspromenade. Man dar? die einzelnen Wörter uitb Silben nur in Der Weise miteinander verbinden, dast man — wie der König an! dem Schachbrett — stets von einem Feld ans an? ein benachbartes übergeht. merad aus Palermo hatte sich schleunigst gesund gemeldet — aus Eifersucht. Und dabei hält man hier den Paler- mitaner für ganz ungeeignet. Zwei Tage waren so für die Soldaten verloren gegangen, da sie Befehl und Gegen- befehl erhielten. Weitere Zeitversäumnis entstand dadurch, daß der Generalstab in Rom telegraphierte, nichts eher zu unteritehmen, als bis der strategische Plan ausgearbeitet und bie Einteilung der „citta morta" in Zonen erfolgt sei — in Rom nämlich. Unter diesen Umständen muß ja jede Armee desorganisiert und demoralisiert werden. Aber es scheint, die Italiener haben, so sagt eine italienische Zeitung selbst, weder von Lissa (1836), noch von Abessynien (1896) gelernt. Viele Politiker sagen daher hier auch, daß die Folgen der Katastrophe schlimmer eien, als ein verlorener Krieg, und mit Schrecken denken te an eine künftige Mobilmachung. Ein schönes Zeichen .ft es auch, daß die 'italienische Presse jetzt voll von Polemiken zwischen den Abgeordneten und den Marineoffizieren ist, die von den ersteren angegriffen wurden. C. W. wirb Herz bie laben soh im e8 baS als ihr mutter noch ne ben hoch v.nit bie meum sieht ter kna gern ter auch halt al im ben