MZ Rheinlandstöchter. Roman von Clara Vie big. (Fortsetzung.) - (Nachdruck verboten.) Aergerlich biß Nelda die Lippen — wo waren sie denn nur? Da, eure Lichtung — hrer ging der steile Kletter- Pfad hinauf zur Ruine der Oberburg. Richtig, dort zwischen dem alten Gemäuer, wo das Gras üppig wuchert, liefen Wefas Ziegen. Sie rannten wild durcheinander. Wo war die Hirtin? Im hohlen Fensterbogen stand sie. Sie klammerte sich an ein Birkenstämmchen, das wie eine grüne Flagge herauswehte. Jetzt flatterte ihr bunter Kattun- rock, sie ließ die eine Hand los und winkte den Bergen gegenüber. „Haha — Vefa!" Sie jubelte den eigenen Namen. Und „Nelda! Nelda!" rief der Mann, der, hinter dem Mädchen stehend, dessen Leib umschlungen hielt. „Vefa — Nelda —!" Das Echo schrie sich tot. „Holla, hier!" Nelda zog ihr Taschentuch und winkte. Sie sah, wie der Mann im Jensterbogen beim ersten Ruf stutzte — jetzt verschwand er — jetzt kam er unterhalb aus dem Gemäuer — jetzt jauchzte er auf und stürmte in großen Sähen den steilen Abhang herunter ihr entgegen. Ern Glücksgefühl durchschoß sie. Jetzt stand er vor ihr; mit leuchtenden Augen sah er sie an. „Wie hübsch sie aussehen, Fräulein Nelda," sagte er bewundernd. Und dann treuherzig: „Sind Sie auch Pös, Fräulein Nelda?" „Warum denn?" Sie war ordentlich verwirrt und riß einen Dornenzweig von ihrem Kleidersaum. Ich ' ja, weil — ich wollte —" er verwickelte sich — „weil ich Ihren Namen so gerufen hab' und net „Fräulein" vorher! Aber er liegt mir den ganzen Tag auf der Zung'. Sind Sie deswegen bös?" „Böse?" Sie schaute lächelnd auf, ihre roten Lippen hoben sich von den gesunden Zähnen, sie sah lieblich und jung aus, wie noch »üemals im Ballsaal. Er blickte sie beim Aufwärtssteigen unverwandt von der Seite an, halb scheu, halb keck, und dabei pfiff er sorglos. Oben kam ihnen Vefa entgegen, die vier weißen Ziegen liefen meckernd hinter ihr drein; aber Vefa war nicht munter. „Ich geh' heim," sagte sie kurz, nickte und sprang an ihnen vorbei. Sie hielten sie nicht zurück; sie ließen sich dorn an dem sanften Rasenhang nieder, den die abendliche Sonne mit allerhand wunderbaren Goldlichtern übergaukelte. Nelda setzte sich! Klitten in's Gras: sie lehnte sich hintenüber, daß ihr die blauen Glocken- und weißen Sternblumen auf den leichtbewegten Stengeln.über's Gesicht strichen tote kosende Finger. Sie durfte sich nicht bewegen, sonst kitzelte das. So lag sie regungslos, Er auf dem Rücken, gu ihren Füßen, so dicht, daß ihre Schuhsohle sein lockiges Haar streifte. Sie sprachen nicht, nur ab und zu ein verlornes Wort. Unten in der Schlucht rauschte das Wasser ohn' Unterlaß mit nimmersattem Murnreln; ein paar honigschwere Bienen summten müde um Reldas Stirn, sie rührte sich nicht, sie zu verscheuchen. Wie ein Zauber lag's auf ihr. Die Welt so weit, hier war Freude, Genuß, Vergessen! Leise strich ihre Fußspitze über das Haar des jungen! Mannes; er wendete sich herum, richtete sich halb auf den Ellenbogen in die Höh und lachte sie leise an. „Treten Sie zu, Fräulein Nelda, ich leid' et!" Sie rührte sich nicht. „Es ist schön hier," sagte sie verträumt. Er nickte stumm, aber er blieb so auf den Ellenbogen liegen und sah ihr in's Gesicht. Und nun klang vom Dorf die Abendglocke. * Vefa war nicht ganz die alte mehr, sie hatte jetzt etwas Trotziges. Das Lachen Ivar ihr angeboren, das ließ sie nicht, aber manchmal am Abend, wenn Hommes und Nelda mit dem Bürgermeister, oder auch allein, draußen auf der Bank saßen, schlich sie sich in die Tür und stand regungs-- los am Pfosten, die Arme in die Schürze gewickelt. Durch die sommerliche Dämmerung funkelten ihre Augen wie Leucht- käfer. Wurde dann das Gespräch auf der Bank (eifer, oder redete nur noch Dallmer und die beiden antworteten einsilbig „ja" und „nein", als dächten sie au was ganz anderes, dann trat sie plötzlich in's Haus zurück und krachte die Tür zu. Was hatte da3 Mädchen nur? Nelda merkte wohl die Veränderung, aber sie hatte wenig Acht darauf; es gab so viel anderes, was sie jetzt in Anspruch nahm. Ihr früheres Leben lag weit, weit hinter ihr; in ihrem Herzen zu unterst war es eingesargt und eine dicke Sckücht darauf. Sie war ja gar nicht mehr die Nelda Dallmer; sie war eine, die sich tote ein Kind freute über eden schönen Tag, an dem sie mit dem Gefährten umher streifen konnte. Wie rasch die Stunden verrannen! Bald war die Gnadenfrist um; von den vier Wochen waren nur noch kurze Tage übrig, sie mußten genossen werden ohne jedes Besinnen. Ja voll und ganz! Sie hielt Augen und Ohren zu, sie wollte nichts sehen Und hören von der Welt draußen; es war ihr ein unangenehmer Aiiblick, wenn Touristen durch's Dorf wanderten. Die Manderscheider singen an, sich auf Sommergäste zu rüsten. Heute war ein heißer Tag; vom tiefblauen Himmel prallte die Sonne,' die Luft stand ganz still. Es gibt ein Gewitter. Ihr wollt wirklich auf den Mosenkvps?" fragte Dallmer erstaunt, als Hommes, am Nachmittag kain, um Nelda abzu'holen. „Unsinn, bleibt hier! Die jungen Leute lachten und tauschten einen raschen Blick. „Nein, nein, Onkel, wir gehen," rief Nelda „Ha, ich denk's mir schön, oben zu stehen, wenn unten im Tal das Gewitter spektakelt!" „Denkst du vielleicht, du bleibst oben trocken? - 718 — „Das ist mir ganz egal" — sie schüttelte ungeduldig den Kopf — „ich fürcht 'mich nicht. Herr Hommes ist ja bei mir!" So gingen sie. Es war ein heißer Aufstieg, der Schweiß rann ihnen von der Stirn. Im Wald 'war's stickig, und wo der Wald aufhörte, zog der Sonnenbrand fast die Haut von Gesicht und Nacken. Sie sprachen wenig; Nelda rannte immer einige Schritte vorauf, in ihr war eine brennende Ungeduld — auf was? Tiefatmend blieb sie dann stehen Und sah auf den jungen Manu zurück; er kam langsamer nach, den Blick unausgesetzt auf sie gerichtet. Er hätte ihr gern etwas Schönes gesagt, sie gefiel ihm so sehr mit den durchglühten Wangen und der wogenden Brust; _ sie sah aus wie ein Landmädchen und doch um vieles feiner. Er wagte es nicht. Er ließ nur seine Augen sprechen, und die waren beredt genug; sie umfaßten Neldas Gestalt nrit einem langen Blick und blieben daun auf den roten Lippen haften, über die der kurze Atem aus- und kinging. Sie wußten nichts zu reden; endlich sagte Hommes: >,Die Sonn' hat sich verkrochen, wir kriegen ernt End' doch was auf den Hals, Fräulein Nelda! Sind Sie bang?" Als einzige Antwort schüttelte sie verneinend den Kopf. Sie rannte vorwärts wie gehetzt. Jetzt waren sie oben, ein pfeifender Windstoß empfing sie und riß Nelda den Hut vom Kopf. Er wirbelte über den Gipfel wie ein sich drehender Teller, Hommes setzte hinter ihm drein. Als er mit dein Flüchtling zurückkehrte, fand er Nelda hinter der Wand der kleinen Schutzhütte versteckt, sie lehnte sich mit dem Rücken an das Mäuerchen Und suchte einen Mick in die Ferne zu erhaschen. Vergebens! Mit Zauberschlag hatte sich der Himmel verändert, das tiefe Blau in ein schieferfarbenes, drohendes Grau verwandelt; weiße Wolkenballen schwammen darin mit zerrissenen, feurig gelben Rändern. Keine Spur von Aussicht! Hunsrück und Moielberge weggewischt, von den näheren Eifelbergen keine Linie, im Tal nur ein graues Dunstmeer. Jetzt, und jetzt noch einmal, lüftete ein Windstoß mit dumpfem Heulen die verhängenden Schleier. „En doll Wetter!" Der junge Mann sah sich prüfend üm, ein Wirbel grobkörnigen Sandes stäubte auf, die Sandkörner flogen in die Augen und knirschten zwischen den Zähnen. Eine unheimliche Dämmerung senkte sich nieder, eine schwüle schtveflige Luft legte sich wie ein Bann auf die Natur. Nelda fühlte, daß ihr die Glieder matt wurden, und das war doch nicht unangenehm; sie fürchtete sich auch nicht, im Gegenteil, es war ihr eine heimliche Lust, mit dem an ihrer Seite allein zu sein, durch eine ungeheure Wolkenwand von allen übrigen getrennt. Huit — huit! Ein langgezogenes Pfeifen konunt aus der Ferne, mit rasender Schnelligkeit segelt ein fester, dunkelvioletter Wolkenball näher; er stößt die weißen, gelbgeränderten zur Seite, er pflanzt fich senkrecht überm Gipfel auf, wie ein drohendes Geschütz. Es wird ganz Nacht. Die wenigen Sträucher zittern und ducken sich in die Spalten des Lavagesteins, ein Rauschen ist in der Luft. Jetzt ein Brausen, ein dumpfes Dröhnen. „Hagel!" sagte Hommes halblaut; er konnte Neldas Gestalt kaum noch erkennen, er tastete nach ihrer Hand und zog sie näher zu sich „Fürchten Sie sich net, Fräulein Neida, es tut Ihnen nix!" „Ich fürchte mich nicht!" Sie atmete hastig und lachte dann kurz auf. „Es ist schön!" Das starke Brausen machte ihre letzten Worte kaum hörbar. Jetzt ein einziges gelbes Licht und dann wieder tiefe Finsternis — und nun plötzlich ein Prasseln, ein Rascheln aüs die Erde, ein heulender Sturm von allen Ecken und Enden. „Fürchten Sie sich net!" Er zog sie noch näher an sich, „Wir müssen da herein !" , Gebückt, dicht nebeneinander, drängten sie sich in die Mr der Schutzhütte; drinnen auf dem schmalen Bänkchen setzten sie sich, Seite an Seite. Er fühlte ihr rasches Atmen, Und sie fühlte die Kraft des starken Arms, der sich schützend hinter sie legte. Er flüsterte: „Fräulein Nelda! Nelda i— wir sind ganz allein!" Sie sagte nichts, sie lehnte den Kopf hintenüber an bas rauhe Mauerwerk — der war ihr schmerzhaft, heiß Und schauer — sie bemühte sich, gleichgültiges zu denken, ' es drehte sich ihr wie ein Rad hinter der Stirn. Durch die Ritzen der roh aufeinander gefügten Steine pfiff der Wind, der Hagel hämmerte auf's Moosdach nieder, als wollte er es zertrümmern. Jetzt war es gekommen, jetzt war es d-a — was?! Ihr Herz pochte wild — jetzt — sie schreckte zusammen, der Mann war ihr noch näher gerückt, beide Arme legte er um ihren Leib. Sie wollte aufstehn, etwas sprechen, sie konnte nicht, sie !var wie erstarrt. Er drückte seinen Kopf dicht an beit ihren, sein blonde« Schnurrbart streifte ihre Wange — sie zitterte, noch immer kein Laut auf ihren Lippen — da — draußen jammerndes Rufen, zwischen dem Hagelgeprafsel Tritte! Mit einem „Kotzdonner" sprang Hommes! auf. „Hä, wer is da?" Er eilte vor die Hütte. Eine klagende Frauenstimme antwortete; Nelda kam sie merkwürdig bekannt vor, sie schreckte zusammen — das war ein Ruf aus der Welt. „Fräu — lein — Plan — ke! Fräulein Planke!" Ab- ivehrenü streckte sie beide Arme vor sich. Die Finsternis hatte sich merklich gelichtet, es war hell genug, um einander zu erkennen. In der engen Tür der SchützlMte stand leibheiftig Fräulein Aurora Planke, hinter ihr tauchte neben Honnncs ein junger Mensch mit semmelblonden Haaren auf; traurig hing ihm die nasse Mähne herunter. Wie sah Aurora Planke aus! Der Hut auf ihrem Kopf war zu einem unförmlichen Nest zusammengeschlagen, den blauen Leinenschirm hielt sie zerfetzt in der Hand, von ihrem schwarzen Kleid troff eine dunkle Brühe; sie weinte fast. Es schien, als wolle sie in Ohnmacht sinken, aber als sie Nelda erkannte, wurde sie stramm. Sie zog ihr! nasses Kleid so viel als möglich an sich. „Also hier müssen wir ititS treffen?" Sie reichte kühl die Hand. „Auch aus einer Pergnügungstour, wie ich sehe!" Sie bemühte sich von oben herab zu sprechen, tvährend ihr die Zähne int Mund vor Frost klapperten. „Das ist ja ein merkwürdiges Zusammentreffen — und so allein?!" Durchbohrend schoß ihr Blick von Nelda zu deren Begleiter und wieder zurück. „Wunderbar — wirklich —- höchst wunderbar — und hier — oben!" Sie- machte hinter jedem. Wort eine vielsagende Pause. (Fortsetzung folgt.) Indische Zauberkunst- Bon Ludwig Segebarth. Es gibt nv'ch heutigen Tages eine große Menge von Leuten, die steif und fest behaupten, daß die indischen „Zauberkünstler" im Besitze von übernatürlichen Kräften wären. Wunderdinge werdeit erzählt, die, wenn sie wirk- lich der Wahrheit entsprächen, allerdings geeignet sein würden, dem Zuhörer „das Gruseln zu lehren". Die Frage, welchem Umstande es zu verdanken ist, daß eine so hohe Meinung über die Fähigkeit der braunen Gaukler platzgreifen konnte, läßt sich unschwer beantworten Die europäischen Jndieufahrer sind selbst schuld daran Teils ließen sie sich tatsächlich durch die verblüffende Geschick-- lichkeit der Zauberer täuschen, teils berichteten sie absichtlich ungeheuerliche Stückchen der Hokuspokusmänner, wenn sie dem alten Wunderlande den Micken gekehrt hatten und wieder in der Heimat saßen, lediglich um sich bei der staunenden Mitwelt noch interessanter zu machen. Viele Micher sind über indische Zauberkunst geschrieben worden, die meisten jedoch besitzen wissenschaftlich wenig ÄVert, da sie von groben Unrichtigkeiten strotzen. So verwechseln die Herren Autoren mit Borliebe die (tzaukler mit den Jogis und Fakiren. Letztere sind asketische, büßende Wundertäter, deren Tun ein religiöses Motiv bestimmt. Von allen indischen Städten gilt Madras als das Hauptquartier der Hexenmeister. Von hier aus über- fchwemmen die schlauen Gesellen nicht nur die übrigen Provinzen des Riesenreiches, sonderii auch das europäische Festland. Es muß jedoch gleich bemerkt werden, daß die „besseren" Künstler in den seltensten Fällen in das Ausland gehen. Wer also ihre Vorführungen genießen will, darf, den „kleinen Ausflug" nach Indien nicht scheuen; auf seine Kosten wird er schon kommen, selbü wenil alles auf natürliche Weise vor sich geht. — Wer hätte nicht schon von dem Verschwinden eines jungen Mädchens in einem mäßig großen Korbe gehört? Unsere Spezialitätentheater haben fich diese „Nummer" iricht entgehen lassen. — 719 — Wer aber dieselbe im Lande der Hindus schauen durfte, wird zugestehen müssen, daß der Vorgang, was Nervenritzel an- belangt, kaum übertroffen werden kann. — In dem sonnendurchglühten Winkel einer Nebenstraße haben sich einige ausgemergelte Gaukler mit finsteren Gesichtszügen häuslich niedergelassen und zeigen einen: verehrlichen Publikum ihre Kunst. Endlich kommt der Baskettrick an die Reihe. Die^ Hexenmeister Wersen einen Korb krachend auf die Erde, blicken dann wie suchend wild in: Kreise umher und greifen dann ans der Znhvrermenge eine hübsche junge Damulin heraus. Vergeblich leistet das Mädchen ver- zwriselten Widerstand. Die Gaukler fesseln sie kunstgerecht, umschlingen sie mit einem weitmaschigen Fischernetz und stopfen sie unter drohenden Reden in den Korb hinein. Schnell wird der Deckel herübergestülpt, und das eigentliche , Schauspiel beginnt. Unter markerschütternden: Geschrei stoßen die Zauberer scharfe, spitze Degen abwechselnd von den verschiedensten Richtungen tief in den Korb hinein. Die Wirkung ist schauerlich. Helles rotes Blut sickert lang- san: ans dem Geflecht auf den staubigen, dürstenden Boden, wo es unheimlich kleine Kugel:: bildet. Endlich reißt wie in: Wahnsinn ein Gaukler mit einem heftigen Ärm- schwung den Deckel von den« Korbe, springt mit beiden Mißen in letzteren hinein und tritt pen „durchlöcherten Mädchenkörper" anscheinend -jn einem formlosen Brei zusammen. Schließlich hält er erschöpft inne, steigt a::s dem Korbe heraus, gefolgt von der unverletzten, aller Bande ledigen Damulin. Es versteht sich von selbst, daß letztere mit zur Gesellschaft der Zauberer gehörte. Jedem Degen- e ging ein bestimmtes Stichwort vorauf, nach welchem Mädchen eine entsprechende Stellung in: Korbe ein- ncchn:, so daß sie von der Waffe nicht verletzt werden konnte. Wei der Schlußszene krümmte sich die geschmeidige Ta- nmlin derartig, daß sie eine:: „Ring" bildete in der bauchigen Wölbung des Korbes, so daß die Miße des stampfenden Gauklers nur eine leere Stelle bearbeiteten. Das vermeintliche Blut bestand aus einer farbähnlichen Flüssigkeit. Wie schon vorher erwähnt, ist die ganze Vorführung so aufregend, daß noch vor hundert Jahren die christliche Geistlichkeit dieselbe verbot. Die Staatsraison mag allerdings dabei ein gewichtiges Wort mit gesprochen haben, da zweifellos die grausamen Instinkte fanatisierter Hindus und Mohammedaner bei den: Anblick eines solchen grausigen Schauspieles neue Nahrung erhielten. Mit Vorliebe bedienen sich die indischen Gaukler schrecklicher oder doch wenigstens anscheinend furchtbarer Mittel, um auf ilire Zuschauer einznwirken. So klagt z. B. ein Zauberer in beweglichen Worte:: den Umherstehenden sein Leid. Plötzlich aber machte er eine entsagende Handbeweguug, ergreift ein scharfes Messer und schneidet sich zum Entsetzen aller die Zunge ab. Auch die Lösung dieses Stückchens erklärt sich ebenso einfach wie harmlos, denn das abge- schn'ittene Fleisch ist in Wirklichkeit nichts anderes wie eine — Melonenscheibe. Nicht immer jedoch ist das Blutvergießen nur ein scheinbares. Biele Gaukler stoße:: sich aus Wunsch spitze Nadeln und Nägel durch Wangen, Ohren und Nase. Schon seit der frühesten Kindheit her sind diese Mrperstelleu „bearbeitet", die Wunden also nur leicht vernarbt, so daß das Blut infolge neuen Ritzens der Haut leicht dem verletzten Teile entströmt. Auf einer Täuschung der Sinnesorgane beruht es jedoch, wenn der Zauberer eine handvoll Nähnadeln und einen Zwirns- saden „herunterschluckt" und nach geraumer Zeit die Nadeln auf dem Faden gereiht wieder zum Vorschein bringt. In den Magen praktizieren die Künstler überhaupt gern etwas hinein, was dort nicht hingehört. So verschlingt solch ein Tausendsassa vor aller Augen eine kleine Glocke und gebietet dann lautlose Ruhe. Nun fängt er an, sich zu wiegen und drehen, und man hört deutlich aus dem Innern seines Körpers das Metall klingen, Gefährlicher schon sieht es aus, wenn sich die Gaukler ein Schwert durch den Schlund stoßen und dann wie aus Ungeschicklichkeit den Griff des Mordinstrumentes abbrechen. Nichtsdestoweniger zieht sich, der Künstler die Klinge unbeschadet am Wicken wieder heraus. — Der berühmte Mangotrick kann in der Tat nicht anders als verblüffend geschildert werden. Als Einleitung gehen diesen: gewöhnlich ein paar „appetitliche Nummern" voraus. Der Gaukler bekommt zunächst wiederholt einen heftigen Hustenanfall, wobei er nach und nach ein geöffnetes Taschenmesser, welches blutgesärbt ist, eine große, scheußliche Spinne u::d ähnliche Dinge aus dem Münde speit. Daun endlich bohrt er ein Loch in die Erde, läßt vom Publikun: einen Mangokern wählen, vergräbt ihn in der Höhlung und spricht nun augenrollend seine Beschwörungsformeln. Hierauf lvirft er eine leinene Decke über dien Sandhaufen und hält eine klein« Ansprache an die Zuschauer, welche er zum Schluß bittet, vorsichtig die Hülle abzunehmen und den vergrabenen Kern zu untersuchen. Dies geschieht, und siehe da, ein Keim zeigt sich den erstaunten Blicken. Wild schwingt der Zauberer die Decke durch, die Luft und legt sie dann vorsichtig über den keimendeu Mangokeru. Wieder erfolgt eine kleine Rede, und nun sehen die Umherstehendeu unter dem gelüfteten Leinen ein zehn Zentimeter hohes Pflänzchen sprießen, welches schließlich nach ähnlichen Manipulationen die stattliche Größe von einem halben Meter annimmt. Daß es sich bei dem ganzen Experiment nur um eine geradezu wunderbare Fingerfertigkeit der Hexenmeister handelt, bedarf wohl weiter keiner Erklärung. Doch nun zu den Schlangen, welche in Indien eine so große Rolle spielen. Der Zauberer richtet ein paar Worte au seine Umgebung und knüpft bebet einen zusammengenähten Lederstreifen ab, den er sich um die Husten geschlungen hatte. Er schüttelt ihn hin und her, knäult ihn zusammen, tritt daraus und beweist damit, daß nichts Lebenoes in ihm vorhanden ist. Da fällt sein Blick auf die Mangokerne, welche aus ihrem Behälter herausgesallen sind. Schnell wirft er den Lederstreifen wie achtlos in die Nähe seiner übrigen Gerätschaften und verschließt zunächst die Kerne sorgfältig in der dazu bestimmten Büchse. 9h::: nimmt er das Leder wieder vom Boden auf, streift mit der Hand die Flächen desselben entlang, und hervor schießt eine Schlange, zischt wütend, und — das Publikum weicht meistens in: ersten Schrecken fluchtartig eine Anzahl Meter zurück. Während nämlich der Gaukler die Mangokerue verpackte und die Aufmerksamkeit der Zuschauer damit auf sich lenkte, schlüpfte die bis dahin verborgen gehaltene, gut dressierte Schlange schnell in den .Lederschlauch hinein. Auf der Insel Java experimentiert der Zauberer schon auf eine gefährlichere Art und Weise. Er schüttet aus einem Korb eine kleine, aber sehr gefährliche Giftschlange heraus, greift das flüchtende Tier dicht am Kopfe und beißt diesen schnell ab. Während er den ekelhaften Bissen verzehrt, hält er den ihm znschanenden Leuten den zappelnden Rumpf entgegen. — Hübsch macht es sich, ivenn der indische Künstler Wasser durch ein trockenes Sieb gießt, letzteres mit einen: Tuche wieder sorgsam trocken reibt, und dann unter rasch hervorgestoßenen Zauberformeln neues Naß nachschüttet. Jetzt ereignet sich das Wunderbare: das Wasser hält sich im Sieb, ohne nachzufließen. Das Tuch war nämlich mit einer Fettpaste imprägniert, wodurch die feinen Poren des Siebes wasserdicht zugestopft lourden. Viele Kunststücke haben unsere heimischen Zauber- künstler mit ihren indischen Kollegen gemeinsam. So z. B. das „Aus-der-Luftgreifen" von Talern resst Rn.Pien, has Eskamotieren von Gegenständen, die in der Hand gebalren wurden, un: dann im Munde, und zwar in veränderter! Form, wieder zum Vorschein zu kommen. Es würde natürlich viel z:: Weit führen, wenn man alle Leistungen der braunen Wundermänner erklären Wollte; so möge es denn genügen, nur das Dargebotene anzuführen und dem Leser die Lösung des Problems selbst zu überlassen. Wäre es nicht herrlich, wenn alle Menschen ebenso wie die indischen Zauberer gebratene Tauben auf den Bäumen wachsen lassen könnten? Würde die Hausfrau uicht selig sein, wenn sie es verstünde, Reis in kalten: Wasser zu kochen? Und wie wäre unsere Kvlonialregierung entzückt, wenn die Ansiedler in den wasserarmen Schutzgebieten das labende Naß aus Steinen hervorzuquetschen vermöchten? Nicht so praktisch, aber recht gefällig ist das Geheiinnis, drei verschieden gefärbte Pulverhäufcheu in einer Bronzeschale mit Waifer zu mischen, das ganze gehörig zu quirlen, die Flüssigkeit hinunterzuschlucken, und — die Pulver dann völlig trocken und nach den: Tonwert gesondert wieder aus dem Mundo auf den Erdboden zu pusten. Wunderbar mutet das Verschwinden eines Jünglings an; dieser wirst en: weißes L-eil in die Luft, wo es frei schweben bleibt, und klettert dann geschwind an dem Strick in die Höhe, bis er vor den Augen der Zuschauer hinter einer grmlmenden Rauchwolke dem irdischen Dasein entrückt wird. Vorsichtshalber lmrd diese Leistung jedoch nur in spärlich erleuchteten Felsenhohlungen Doch genug hiervon. Es erübrigt sich noch^ einige 720 Worte über die Organisation der indischen Zauberer zu sagen. Auch ihre Zukunft ist dem Kastengeist unterworfen und in Unterabteilungen eingeteilt. Der Schlangenbeschwörer nimmt einen höheren Rang ent, als der gewöhnliche Taschenspieler, und der „Bönder-Wallah", der Schausteller tanzender Affen, sieht respektvoll zu deut „Mangokünstler" empor. Wenn der Schlangenbeschwörer sich jemals soweit vergessett sollte, aus der Pfeife eines Taschenspielers ein paar Züge ztt tun, dann wäre es um seine Kastenreinheit völlig geschehlen. Natürlich machen sich die einzelnen Rangklassen die schärfste Konkurrenz, ohne jedoch jemals die „Achtungsgrenzen" im geringsten zu überschreiten. Man darf wohl mit Recht behaupten, daß die indischen Zauberer sich allgemeiner Beliebtheit erfreuen. Die einheimische Bevölkerung schätzt die Darbietungen, deren Anblick die empfindlichen Gefühlsnerven so „nett" erregt, imt> der Europäer begrüßt die Hexenmeister mit Freuden, da sie ihm auf interessante Art und Weise über manche langweilige Stunde in dem alten Wunderlände hinweghelfen. _____ Französische Magner-Erinnerungen. Judith Gautier, dis Tochter ThvophÄe Gautiers, die begeisterte Wagneriancrin, hat den dritten Band ihrer Memviren veröffentlicht, in denen in einer Fülle reifte Her Einzelheiten die Zeit wieder heraufsteigt, da Wagner, irntringt von der grenzenlosen! Bewunderung eines kleinen Kreises verstehender Anhänger, den bitteren Kampf gegen die Ueberzahl seiner Feinde M bestehen hatte. Thso- phile Gautier gehörte zu denen, die gegen die wilden Szenen bei der ersten Pariser Tannhäu.ser-Aufführnng protestiert hatten und mit Leidenschaft für die neue Musik eintrateu. Ms dann der Rienzi in Paris Wagner den ersten Sieg brachte, fuhr Gautier mit seiner Tochter achtzehn Abende lang regelmäßig von Neuilly ins Theater, nm alle Aufführungen des Werkes zu hören, das Wagner als Dreißigjähriger geschaffen hatte. Je höher der Haß der Gegner aufflammte, je schrankenloser entzündete sich die verehrende Liebe der ersten Bewunderer. Als Wagner dann von Triebschen aus Judith Gautier die erbetene Erlaubnis erteilte, ihn in! seinem Schweizer Heim Mit einigen französischen Freundetr zu besuchen, bemächtigte sich der begeisterten Verehrer eine freudige Erregungund eine Ungeduld, die alle Tnlnchmer be- Fahrt f'rtriß. In den Jubel m schien sich dann aUg v lie Er rar int eit; alle l i seltsame Gerüchte über die persönlichen Lebeuögcwoynh itan Wagners waren im Umlauf, die den Meister als einen Sonderling schilderten, als einen ungeselligen, bis.veilen harten, ja imnah- baveN Menschen, der als eine Art Menschenfeind nur mit einem großen schwarzen Hunde die Einsamkeit teilte. Andere schilderten Wagner, wie er inmitten eines ganzen Serails von Frauen aller 'Länder und aller Raffen dahinlebte, in phantastische Prunkgewänder gehüllt; kurz, es fehlte nichts an romantischen Legenden, diö bis Verehrung der französischen Äagnerfreunde mit aufregenden Zweifeln darüber erfüllten, wie der große Augenblick sich gestalten könnte, da sie endlich dem verehrten Meister Auge irr Auge gegenübertreten sollten. Auf der Fahrt kam es zu erregten Beratungen, Mit welchem Titel man Wagner anreden dürfe, um seinem Genie gerecht zu werden. „Er ist ein kubischer Mensch!" difinierte Bil- liers de l'Jsle-Adam im Eiscnbahnkupee. Mer dam t war nichts gewonnen. Sollte man ihn vielleicht den dldler vom Rigi nennen? Nein. Oder den Schwan von Luzern? Es gab so viele Schwäne und er war doch der einzige. Bis Billiers endlich die Variante erfand: Der Schwimmvogel von Luzern. Alle lacht n. Aber als in Luzern Wagner seine Gäste am Bahnhof erwartet und als nun Villiers in wunderlicher Erlass mit leuchtenden Augen und in verhaltener Erregung immer wieder vor sich hinmurmelte: „Der Schwimmvogel, der Schwimmvogel!", da erstickt die fast religiöse Wagnerverehrung der Franzosen, das Gefühl für die Komik des Augenblicks und keiner denkt daran auch nur zu lächeln. Mit einfacher Herzlichkeit empfängt Wagner s ine Gäste und fordert sie aus, doch einige Zeit in Luzern zu bleiben, UM täglich einige Stunden mit ihm zusammenbleiben zu können. In Triebschm lernen die Franzosen GosiMa kennen, ihre vier kleinen Töchter und den kleinen Siegfried. Wagner dachte nicht daran, seinen Sohn! Musiker werden zu lassen. Als Judith Gautier den Meister einmal darum befragte, antwortete Wagner: ,,Einstweilen denke ich nur daran, ihm soviel zu hinterlassen, daß er von einer Rente leben kann. Aber ich möchte doch, daß er etwas Chirurgie lernt. Auf alle Fälle werde ich ihm freie Wahl lassen. Ich tvürde mich auch freuen, wenn er Neigung für Architektur hätte." In dem Gemache, wo die französischen Gäste empfangen werden und in dem über den Flügel ein prachtvolles Beelhovenbild hängt, gegenüber Bildnissen Goethes und Schillers, verstreicht die Zeit mit Windesschnelle. Aber schließlich fordert der Magen der Gäste ihr Recht. Die Franzosen stehen auf und wollen sich zurückziehen, aber die Wirte bitten Sie zu bleiben. Sind sie Redaktion: St. Neurat zum Abendessen eingeladen? Die Zeit verstreicht. Gegen 9 Uhr endlich öffnet sich eine Tür. Wird man essen? Aber nein, ein Bedienter bringt Tee und Gebäck. Doch was liegt daran, die Bewunderer sättigen sich an den Worten des Meisters. Als sie um Mitternacht ins Hotel zurückkehren, ist nichts Eßbares mehr aufzutreiben. Man geht mit leerem Magen zu Bett und mit einem gewissen Stolz, der Kunst so auch ein leibliches Opfer bringen zu dürfen. Später wird der Irrtum durch die Laudessitte aufgeklärt und fortan bereitet man bei Wagner für die französischen Gäste ein Abendessen. Um die Zeit, da in München das Rheingvld zum letzten Male aufgeführt werden sollte, reist Judith Gautier mit Villiers nach München. Allerlei Unstimmigkeiten gingen der Aufführung voraus. Sonntags sollte die Premiers sein; am Freitag ist Bühnenprobe. Richter dirigiert. Aber welche Inszenierung! Erbärmliche Pappfelsen sind nachlässig aufgetürmt, eine armselige Laterne soll mit ihrem trüben Schimmer dis Herrlichkeit des Rheingoldes andeuten. Eine Rheintochter wird durch eine Puppe dargestcllt, die mit dem Kopf nach unten, mt eine Schnur gebunden, aus der Höhe herabbaumelt. Und in diesem Stil alles klebrige. Als die Probe vorüber ist, schleudert Richter, hochrot vor Empörung, den Taktstock beiseite: „Dieses Rheingold dirigiere ich nicht!" Der Intendant bleibt kalt und beurlaubt Richter. Später protestiert auch der Sänger Betz; auch er wird kurzweg beurlaubt. Wagner erfährt von alledem, eilt inkognito nach München, aber er erreicht nichts; selbst der .König empfängt ihn diesmal nicht. Um seinen königlichen Gönner den Skandal zu ersparen, fügt sich Wagner schweigend in das Unvermeidliche. Als Judith Gautier ihn in Triebschen wieder- sieht, ist er ganz heitere Resignation. Tse Verehrung seiner Anhänger muß ihn über die Bitternisse trösten. Alle über- bieten sich in Zeichen ehrfurchtsvoller Liebe; selbst die Aeußerlich- keiteu des Alltags stehen im Zeichen von Wagners Kunst. Sogar der Hund Scheffers ist Wagnerianer und reagiert nur auf einen Pfiff, wenn mau ihn das Beckmessermotiv pfeift. Der tapfere Richter, der nun in Triebschen bei seinem Meister weilt,, scheint Wagner gegenüber von einer ganz religiösen Scheu befangen. Er wagt nicht zu sprechen, er wagt es kaum, sich sehen zu lassem Nur der eine Drang beherrscht ihn: Er will irgend etwas tun, er will sich irgend nützlich machen. Mer was soll er tun? Schließlich schleicht er sich demütig bei Seite und — badet die Hunde... _____________ Humoristisches. * Pariert. Gendarm: „Warum reißen Sie bei Ihrer Festnahme so die Augen auf?" — Handwerksbursche: „Weil Sie wegen der paar Pfennige Fechtgekd so Ihren Mundi aufreißen t" _____________ Literatur. — Max Hesses Volksbücherei. Leipzig, Max Hesses Verlag. In der vortrefflichen Sammlung „Volksbücherei rm Verlage von Max Hesse-Leipzig gelangten wiederum eine Reihe Nummern zur Ausgabe, die beweisen, daß der Verlag erfolgieim sein Ziel im Auge behält: Einmal das, weniger begüterten Kreisen die Schöpfungen deutscher Dichter nm ein Wohlfeiles zugänglich äu machen, sodann das nicht minder wichtige. Gebildete in die Welt auch eines iwch weniger befannten Poeten elnzufuhren. Die neueste Reihe enthält: Gustav Falke, Dörten u. a. — Frida Schanz, April! April! u. a. — Robert Hamerllng, Ralph und Blanka u. a. — Georg Bötticher, Heitere stunden — Aus den Papieren des Leutnants von Versewitz. — Karl Strv- bath, Michels Brautwerbung u. a. — Wilhelm Raabe, Frau Salome — I. v. Dürow, Die Glückskatze. Den Schluß Hilden die Abteilungen VI und VII der „Modernen Lyriker : Gustav Falke von Dr. Fr. Castelle und Ferdinand von Sa ar von Max Morold. Jedes Bändchen mit zahlreichen Gedickten des betr. Dichters. Die meisten Nummern der Sammlung stick m geschmackvollen Einbänden zu haben und bilden daher auch eme willkommene Gabe für das Fest. Auslösung in nächster Nummer. Bilderrätsel Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: H a in in, H amme!. h. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lange, Gieße«.