Donnerstag -en \t Juni J ’lflßl/k UM Der arme Lukas. (sine Geschichte tu der Dämmerung von Wilhelm Holza m e r. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) So eine Weile war der Lukas ganz versunken. Dann seufzte er und strich sich über die Stirn. „Biel Glück und Herrlichkeit hat die Welt. Man muß nur drauf achten," sagte er vor sich hin. Dabei drehte er die Brosche in den welken Fingern. „Muß alles hüten und pflegen, tvas schön ist iin Leben. Muß sich dran genügen lassen, daß es der liebe Herrgott hat, muß es nicht all für sich haben wollen. Ja, du liebe Zeit — ja, du liebe Zeit! All gut sagen, all gut sagen." Dann war er still, das Talinikunstwerk legte er beiseite und schlug die Finger ineinander. Er blickte in den sinkenden Tag hinaus uttb nickte mit dem grauen Kopfe vor sich hin. Noch einmal seufzte er, ganz tief. Dann wendete er sich mit, und er sah mich. „Ach so, junger Herr," sagte er dann und blickte inich scharf an. Offenbar erkannte er mich nicht. Dann ging ihm ein Lichtleitt auf. „Ei, du liebe Zeit! Ja, so wachsen einem die jungen Leut' aus den Augen. Man sieht an den Jungen, rote alt man ist. Wie du so ein kleiner Bub warst — der erste dochl daheim, nit? ja, das weiß ich noch. Aber jetzt! Ich muß wohl „Sie" sagen. — Nein, das gehört sich. Die Jahre wollen ihren Respekt, das ist in der Ordnung so. Er muß freilich mit dem andern Respekt eins sein, den man sich selbst gibt. Denn auf. einen selbst kommt's immer an; was man vor sich gilt, das gibt einem den Wert. — Ja, aber nun wird Ihr Kopf ja schon mit allerhand Weisheit angefüllt sein, — viel, viel guter, ja freilich. Aber eins ist doch mehr: das Herz! Das ist die Quelle von all der Weisheit, auch der, die man lernen kann, aber nur dann ist die richtig was wert und immer neu, wenn einem diese Quelle selbst fließt." Es gab eine Pause. „Das erstaunt Sie vom alten Lukas? Ja, ja, Bester, das Kleid macht's halt nicht. Der Lukas ist ein ganz anderer, als er aussieht. Wenn ich so die Bäume da blühen seh' und denk' an die Früchte, die sie tragen sollen, da fällt's mir halt immer ein. Nit leid, nit weh. In aller Güte. In all seinem Wert. . . Mer was bringen Sie denn?" Ich sagte ihm mein Anliegen. Er schmunzelte. Geschickt öffnete er die Uhr, drehte ein paar Schräubchen auf, nahm das Werk heraus und blickte nun tief durch seine alte Lupe hinein. „Schon gut, ja, schon gut. Seh's schon. Hat auch nichts verstanden, der die Hände da dran hatt'! Nun, wird schon gemacht, wird schon gemacht." Er legte die Uhr dann unter ein altes Wasserglas. „Geht dann für dein Lebtag, Ihr Lebtag, wollt' ich! sagen. Es geht wirklich nit mehr mit dem Du." Dann fragte ich ihn noch dies und das. Immer vorsichtig mit das eine herum: sein Leben. Wie er hierhergekommen fei, wie er all seine Geschicklichkeiten gelernt habe. Aber er ging auf nichts näher ein. Dann erzählte ich ihm von mir. Bon meinen Liebhabereien, von meinen Studien, meinen Wünschen und Zielen. Ich fühlte, wie's in ihm auftaute. Manchmal ivurde er ordentlich warm. Wir waren uns sehr viel näher gekommen, und ich fühlte, daß ich doch noch seine Geheimnisse aus ihm locken könnte. Ich fühlte, daß er jetzt schon das Bedürfnis hatte, sich in dem und jenem mir mitzuteilen. Es war Abend geworden. Bis wann er die Uhr gemacht haben könnte, fragt' ich ihn. Er besann sich lange. So schnell gehe es wohl nicht. In ein paar Tagen, so in ein Stücker drei, vier. Dann sollt' ich mal kommen. Nach zwei Tagen saß ich wieder beim alten Lukas., Ich störte ihn nicht. Als es dämmerte, legte er die Uhr wieder unter das Wasserglas. Aber ich blieb noch bei ihm. Er erzählte. So in der Dämmerung erzählte er sein Leben. Ganz leise, manchmal flüsterte er nnr. Und seltsam verwuchs seine Gestalt mit dem wachsenden Abend. Bald sah ich ihn nicht mehr und hörte nur seine Stimme. So wie man Quellen int Dunkeln hört, geheimnisvoll, — die Geheimnisse verplaudern, und alte Mären wissen. Daß man sein eigenes-Blut hört im Lauschen. 2. Kapitel. Solange ich mich erinnern kann — erzählte der alte Lukas — war meine Mutter kränkelnd. Aber sie war immer bei der Arbeit, int Haus, int Garten. Sie seufzte mal, ruhte mal, stand mal da und sah mit traurigen Augen vor sich hin — oder sah in die Ferne, soweit man von einer Ferne bei uns daheim reden kann. Denn mein Dorf liegt in einem Kessel, und rings sind Hügel, — da weiter hinausgerückt, da näher. „Berge" nennen wir sie. An ihren Hängen dehnen sich die Wingerte hinauf, und wo sich ein Tal zwischen den Wellen hinwindet, gibt's auch Wiesen. Durch die läuft der Bach, und Weiden stehen au seinen Ufern, alte, knorrige. Die breite Landstraße schneidet daheim einen grünen Grund entzwei, und eine lange Happelallee faßt sie ein. Das ist wie ein großes Eingangstor zum Dorf, das in der alten kurmainzischen Zeit eine Festung war. Es war schon eine Herrlichkeit. Aber da verliere ich mich. Wenn mich die Mutter so daherspringen sah, so jugendtoll und wild und ausgelassen und jubelnd, als müßte mir die Brust zerspringen, da kam ihr auch manchmal eine Träne. Und wenn ich sie fragte: „Mutter, was iS dann?" 370 strich sie mit der Hand über ihre Stirn, so ganz schwer, und ich meine, ihre Hand selbst war traurig dabei. Ost sagte sie gar nichts — oder höchstens mal: „Ach Bub'" Dann packte sie wieder an. Manchmal, an Sonntagen, bin ich auch mit ihr den „Berg" hinauf gegangen. Da keuchte sie sehr und mußte oft halten rind sich ans mich stützen. Und ich war immer froh, wenn ich sie stützen konnte. Sie sah mich dann an, daß ich's nie vergessen hab', mein Leben lang. Sie hatte so besondere. Augen. Sie waren nicht groß. Sie waren sogar immer ein wenig überdeckt. Aber das war's gerade. Ich mußte immer hineinsehen. Ich suchte immer was drin. Denn ich verstand ihre Augen. Ich sah gleich, wenn sie froh war und wenn sie traurig lunt; wenn sie bat unb wenn sie mir bös war. Und ihre Augen konnten so aus ihrerr Lidern ivachsen. Es ivar dann grab', als ob sichan ihren Wimpern hingen. Das war immer arg. Ich hätte jedesmal schreien mögen. Ich habe so was niemals wieder gesehen, bei keinem Menschen. Immer hab' ich weinen müssen, wenn, die Mutter so Augen machte, und einmal weinte sie selbst heftig darnach. Sie schlug die Hände ineinander und umschlang meinen Kops. Dann sah sie mich au, lang, lang. „Ach Bub!" seufzte sie, „ach Bub!" Das war auf dem Berg oben, wo man am weitesten sah. Die Trauben waren schon reif in den Weinbergen, und man durfte eigentlich nicht mehr hineingehen. Aber der Wingert war unser, und der Wingertschütz drückte ein Auge zu wegen der Mutter. Es war alles wie gestorben drunten in den Wiesen. Da war die breite Landstraße — ganz wie entkleidet. Kein Blättlein mehr an den Obstbäumen an ihrem Rande. Und die morschen, verkrüppelten Weiden am Bach mit den hängenden Ruten. Und die kahlen Pappeln der Allee, und dahinter die grauen Felder und die gelben Weinberge mit dem sterbenden Laub. „'s stirbt alles, Bub, alles. Wer 's kommt alles wieder, lebendig, wenn der Winter herum ist. Nur wenn der Mensch stirbt, kommt er nimmermehr." „Guck den Kirchhof drunten, Bub. Da liegt der Großvater und die Großmutter und das Babettchen. All tot. Die kommen nicht wieder. Tie Menschen müssen all vergehen." Die Mutter sagte das schwer und müde. Ich verstand sie nicht ganz. Ich sah nur in ihre Augen. Die waren groß und verschleiert. Wie ein Licht, darüber man die Hände hält. Es war alles verborgen drin, wie in tiefen Höhlen, darin ganz hinten ein Schein ist, ein Spältchen. „Und will doch alles leben, Bub," sagte sie nach einer Weile. „Und muß all vergehen." Dann gingen wir langsam weiter. Bis hinten, hinter dem Nachbardorf auf dem Berge, die Sonne unterging. Glutrot. Ihr Glanz lag aus den Dächern und in allen Scheiben unseres Dorfes drunten. Als ob überall Lichter angezündet wären. Helle, schöne Lichter. Ein Fest in jedem Hause. Da blieben wir stehen. „Mutter", sagte ich „da guck mal hin. Als ob alle Lichter brennen." „Ist nur falscher Schein, Bub. Ist alles dunkel gleich. Ist falsch, Bub. Noch einmal wie zum Trost. Borm Aus- gehen." Ich verstand sie nicht. Sie drehte sich nach der Sonne um. Da lag der rote Schein auch auf ihr. Und spielte in ihren Augen, in denen Tränen hingen. Ich sah's mit Staunen. Es war, als ob mir's gefallen sollte, und ob's mir doch leid tun müßte. „Mutter!" sagte ich und deutete ans ihr Gesicht. „Ist all dasselbe, Bub, ist so vorm Dunkelwerden." Sie umschlang mich, und schloß mich an sich. Es war schon düster, als wir gingen. Ich hab' mich halb gefürchtet. Das Laub raschelte schon zu unfern Füßen, das dürre Weinlaub. Und drunten im Wiesental lagerten die Nebel, und zogen nun auf. Bald breit und plump, bald lang und schmal. Gespenstisch. Ich sah lauge Züge von Gestalten blasser, toter Frauen in weißen Laken. Ich hielt mich fest an die Mutter. Dann blieb sie stehen und hustete. Es klang hohl und tat mir weh. , , "Irr wollen heirngehen, Mutter. Die Nachtluft, die -alte Nachtlust tut dir weh. Ter Vater sagt's auch immer." Darauf strich sie mir über den Scheitel. Es fröstelte mich dabei. „Ja, bin luie ein rohes Ei. O du lieber Gott, mach ein End'. Müssen ja all sterben. Und will doch so gern leben, Bub', ivill so gern leben." (Fortsetzung folgt.) Der Aartoffelkrieg in Oberhessen im Jahre 1(850. Bon Georg Schäfer in Gießen. (Schluß.) Der Rebellenhaufe, der von Nidda nach Bingenheim abzog, fing an, unmutig zu werden: „Die Sach' geht zu bösen Häusern!" hieß es. Nrlr aus Furcht taten noch viele mit. Da beschlossen sie, einen Obersten an die Spitze zu berufen, der sich bald in dem Schneider Georg Wagemann aus Kohden bei Nidda fand. Er war 42 Jahre alt, war jahrelang aus der Wanderschaft, trug einen Schnurrbart, sprach hochdeutsch, erklärte sich für einen Aufrührer und ließ sich „Herr Oberst" betituliereu. (Professor Stahl, unser Ordinarius in Polizeiwisfeuschaft, Nationalökonomie, Finanzwissenschaft usw. behauptete: Die Schneider seien leicht zu Revolution und Aufruhr geneigt, das könne statistisch nachgewiesen werden.) Bon dem Hauptkorps der Rebellen zweigte sich in Geis- Nidda ein kleiner Haufen ab, um einen Einfall in Bisses zu machen. Hier wurden sie mit blutigen Köpfen heimge- schickt und zwar von den — Weibern. Die Einwohner von Bisses, die ich eine Reihe von Jahren beobachten konnte, sind mutige Leute: Männer und Frauen. Als die Krawaller einmarschierten und Anstalten zu Unfug machten, ergriffen die Frauen Holzprügel, Dreschflegel, Heu- und Mistgabeln und traten den Rebellen entgegen. Dabei erhoben sie ein fürchterliches Geschrei, das von den Männern, die aus dem Felde arbeiteten, gehört ivurde. Diese ließen alles liegen und stehen, packten aber Hacken, Rechen, Peitschen u. bergt, als Waffen zusammen und fielen den Aufrührern in den Rücken. Sie empfingen fürchterliche Prügel und ergriffen die Flucht mit der Drohung: Morgen kommen wir wieder mit verstärkten Kräften und stecken euch den roten Hahn aus die Dächer. Die Einwohner von Bisses verdoppelten ihre Wachsamkeit und blieben von weiteren Belästigungen verschont. Mittlerweile war der große Hause in Bingenheim eingetroffen und hatte Verstärkung aus Ober- und Nieder-Mock- ftabt, Mauberg, Heegheim und Ranstadt erhalten. Sogleich begann der Angriff auf das Schloß. Der Rentamt-, mann., der in aller Frühe von seinem herbeigeeilten Schwager geitxirnt worden war, packte schleunigst seine Bücher, das Geld und die wichtigsten Papiere zusammen und fuhr mit ihnen nach Friedberg. In dem Schlosse wohnte noch der Forstinspektor mit zwei Forstkandidaten; außerdem waren zwei Fvrstwärte zur Hand. Das Schloß war damals und ist heute noch mit Mauern, Wall und Graben umgeben. Ein einziger Zufahrts- weg führt vom Dorf in das Schloß über eine steinerne Brücke. Diese wird durch ein starkes, mit eisernen Riegeln, Bändern und großen Nägeln versehenes Tor abgeschlossen. Es wäre ein Leichtes gewesen, das Bollwerk gegen die Rebellen M verteidigen: Der Forstinspektor brauchte sich nur mit seinem bewaffneten Personal auf der Irenelierten Mauer aufzu- stellen und die Schießgewehre sehen zu lassen, dann hätte es tein Schnaufer gewagt, auf die Brücke zu kommen, noch weniger das starke Tor anzugreifen. Statt dessen geschah nichts. Die Rebellen spazierten unbehelligt in den Schloßhof und begannen das Zerstörungs- werk. Das erste war, daß im Schloßhof ein großes Feuer an gezündet und die Aktenbündel ans den Bureaus hinein- geworfen wurden. Darauf hoben die Rebellen die Türen aus, schlugen sie in Stücke und warfen sie ins Feuer. Bon 41 Türen in der Wohnung des Rentamtutanns blieben vier in den Angeln. Sogar die Gefeit, Fenster und Türbellev düngen, das Mobiliar, die Betten schleuderten die verrückten Menschen in die Flammen. Als das Klavier von oben herabgestürzt und in die Mut geschleppt wurde, wobei die Saiten klirrend zersprangen, kamen dein Anschauer Schwab, der damals 15 Jahre alt war, Thränen in die Augen; ein Stuhl, eine Bettlade unb ein Strohsack ■ mar alles, tva-> an Mobiliar übrig blieb. Unten im Hausflur lagen, etwas verdeckt, ein halbes Dutzend Zwetschenkuchen. Ein Krawaller, der eine blau- 371 leinene Hose an hatte, setzte sich unversehens auf einen Kuchen und färbte dadurch seine hintere Partie rot, wodurch er die Zielscheibe des Spottes wurde. Dem jungen Schwab tat der Zwetschenkuchen leid, der seinen Beruf verfehlte. Nun begann auch die Verwüstung des Blumengartens, worin wunderschöne Rosmarinstöcke, Malven, Georginen und andere Herbstblumen standen. In wenigen Minuten war alles grauenhaft verwüstet und zerstampft. Jetzt hieß es: Der Herr Oberst Wagemann kommt! Er hatte in Salzhausen, ohne zu zahlen, gut gefrühstückt, wodurch viel Zeit verloren ging. „Schafft mir das „Groschemäunchen" her!" befahl er. „Der Kerl wird geköpft, gehenkt und in der Horloff ersäuft. Er bekommt keinen Pardon, denn er hat keinen gegeben, fein Haus muß angezündet werden." Das „Groschenmännchen" hatte sich rechtzeitig verduftet. Wagemann legte eigenhändig Feuer im Hause des Geflüchteten au und entfernte sich. Unverzüglich liefen die Nachbarn herbei und löschten das Feuer wieder aus. Vom Hause des „Groschemännchens" spazierte- der Oberst zum Bürgermeister. „Die Bürgerliste her und die große Gemeindetrommel heraus!" kommandierte Wagemann. Die Trommel befand sich nebenan, die Bürgerliste wurde verweigert. „Fest auf die Trommel geschlagen und durchs Dorf marschiert, daß die Lent' zusammen kommen!" befahl Wage- mann einem Zuschauer. Dieser rührte sich nicht. Der Bürgermeister hatte den Leuten besohlen, daß niemand die Trommel schlagen dürfe. Als dem Befehl keine Folge geleistet wurde, stieß der Oberst ein Loch in die Trommel. Perdautz! fuhr ihm ein gewaltiger Schlag ins Kreuz, d°aß er nach Lust schnappte und in die Knie sank. Ein Bürger von Bingenheim namens Hinkel, mit dem Beinamen „der Hasehinket", hatte Wagemann den Schlag verabfolgt. Hinkel wurde bei Waldarbeiten, Treibjagden und zu Botengängen benutzt. Ein Ivenig Schmuggel und Wilddieberei lief nebenher. Mut hatte der Manu, schlau und listig und verschlagen war er auch, und groß und stark. Wenn er nicht verhindert worden wäre, hätte er den Oberst dermaßen geprügelt, daß er „den Himmel für eine Baßgeige angeschaut hätte", wie eine landläufige Redensart besagt. Vorsorglich ermahnte der Bürgermeister: „Machs nicht z-ll arg, die Krawaller sind in der Mehrzahl, die Kerls brennen uns das ganze Dorf nieder!" Wagemann erholte sich, nahm einen starken Schluck „Ulrichsteiner Frucht", ergriff die Ortsschelle des Polizei- dieners, klingelte die Bürger zusammen und hielt Verles. Fünf Bürger zogen es vor, dem Zusammeuruf keine Folge zu leisten. Der Oberst verkündete: „Den nicht erschienenen Bürgern sollen die Häuser über den Köpfen augezündet werden." Während Wagemann im Dorf Bingenheim hauste, setzten die Rebellen das Zerstörungswerk im Schlosse fort. Zunächst wurde die Forstinspektorswohnung verwüstet, dann ging es an zwei kleine Wohnungen der Unterbediensteten. Das „Gcoschemännchen" war immer noch nicht auf- gesunden worden. „Er soll gebunden und mir nachgesandt werden," befahl Oberst Wagemann. — Won Bingenheim zogen die Rebellen nach' Echzell. Dies ist der größte Marktflecken in der- Wetterau, !vo wieder arge Schandtaten verübt wurden. Der Aufstand flaute hier stark ab. Die Leute hatten ihren Mut gekühlt, Vernunft und Ucberlegnng kehrten zurück. Wo sich eine gute Gtz- legenheit darbot, verschwanden die Rebellen in kleinen Trupps. Die Mitkämpfer aus Ranstadt wurden unterwegs sogar „sträuper", d. h. uneinig mit dem Obersten, weil sie sich zu drücken suchten. Letzterer faßte den Ranstädter Bür- germeister am Aermel und befahl ihm, vor zu marschieren. Die Ranstädter fühlten sich dadurch beleidigt,'sie fielen über den „Herrn Obersten" her, prügelten ihn weidlich durch, warfen ihn in den Chausseegraben und — zogen nachhause. Die Autorität des Obersten fing an wackelig zu iverden. Er drohte den Deserteuren mit Erschießen. Denen, die Stand hielten, versprach er große Reichtümer, die bei dem Pgpierfabrikanten Schneider in Oberschmitten lägen, nämlich 80000 Gulden in Stempelpapier. Mauth und Stempelpapier waren sehr verhaßte Abgaben. In Echzell trennten sich die Aufrührer : Die eine Hälfte wandte sich, unter der Anführung Wagemanns, westlich gegen Friedberg hin, nach Wölfersheim und Södel; der andere Trupp marschierte südlich nach Stammheim unb Florstadt, wo die Wohnung und Dienstakten des Freiherrlich von Löw'schen Rentmeisters in ähnlicher Weise verwüstet wurden, wie es in Bingenheim geschah. Den Bauern gefielen die Roheiten übel; sie scharten sich zusammen, prügelten die Krawaller, nahmen sechs gefangen und lieferten sie ins Gefängnis nach Friedberg ab; die anderen nahmen Reißaus. Hiermit war der Aufruhr in der mittleren Wetterau gedämpft. In den Dörfern Melbach, Wölfersheim und Södel kam der Aufruhr zum Stehen. Oberst Wagemann ließ durch- blicken: Er wolle bis nach Marienschloß marschieren und dort die Gefangenen befreien, nur die Spitzbuben müßten sitzen bleiben. In Södel verlangte er vom Pfarrer die Wertpapiere der Kirche; ein kräftiger, gerade anwesender Mann, warf den Frechling die Treppe hinab. Darnach kam er mit Verstärkung wieder. Run mußte der Pfarrer die Dienstpapiere und die Kirchenobligationen herausgeben, die Wagemann im Hof verbrannte. Endlich ermannten sich die friedlich gesinnten Bürger in den obengenannten Dörfern. Unter der Anführung ihrer Bürgermeister griffen sie die Rebellen an; es entstand eine Prügelei im Großen, wie sie die Welt nicht oft sah. Die Meuterer wurden in die Flucht geschlagen, viele Anführer und Hauptschreier gerieten in Gefangenschaft. Oberst Wagemann bezog so fürchterliche Prügel, daß er die Wegsteuer nicht mehr hatte. Mit Mühe und Not erreichte er in der Nacht zum 1. Oktober das kurhessische Dorf Dorheim bei Friedberg, wo er sich geborgen glaubte. Die Kurhessen dachten anders! Sie arretierten den gemeingefährlichen Menschen und lieferten ihn am folgenden Morgen an die Behörden in Friedberg ab. Am nämlichen Tage kam eine Schwadron hessischer Reiterei nach Wölfersheim und Södel, deren Einwohner sich durch Dämpfung des Ausstandes rühmlich ausgezeichnet hatten. Die Leute sahen dem Einzug der Reiterei mit Neugierde und Interesse entgegen. Durch ein bedauerliches Mißverständnis zogen die Reiter blank und hieben mit den flachen Klingen auf die Neugierigen. Ein Dorfbewohner hatte, um besser sehen zu können, finen Baum erstiegen. Da er der Aufforderung, herabzukommen, nicht Folge leistete, schoß ein Reiter hinauf und traf den Mann so unglücklich, daß er an der Wunde starb. In ähnlicher Weise verlor ein zweiter das Leben. Das ist das Blutbad von Södel, worüber viel geschrieben wurde. Der „Kartoffelkrieg" — so wurde der Aufruhr genannt, weil er zur Zeit der Kartoffelernte stattfand — hatte viel Schmerzliches im Gefolge und kostete schweres Geld. Wagemann wurde mit 15 Jähren Zuchthaus bestraft; seine Unteranführer erhielten 9, 8, 7V2, 7 Jahre usw. Zucht-, haus. Insgesamt wurden gegen 75 Personen Strafen erkannt. Preußen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen und Nassau machten Militär mobil. Glücklicherweise fand kein Zusammenstoß statt. Durch die Truppenbewegungen entstanden etwa 100 000 Gulden Ausgaben. Der Schaden, der an öffentlichem und Privateigentum hervorgerufen wurde, betrug 40 000 Gulden; die Untersuchungskosten beliefen sich auf 10 000 Gulden. Die Regierung übernahm die Kosten auf die Staatskasse. Die Sträflinge konnten nicht alle in Marienschloß untergebracht werden. Deshalb wurden ältere Sträflinge, die bereits einen Teil ihrer Strafe erledigt hatten, auf Widerruf entlassen, um Platz für die neuen zu erhalten. Die Verurteilten brauchten ihre Strafen auch nicht ganz zu verbüßen, weil sie — nachdem ein Drittel verbüßt war — vom Großherzog begnadigt wurden. Das ist in möglichster Kürze der sog. „Kartoffelkrieg", der in Oberhessen binnen wenigen Tagen großes Unheil hervorrief. Krieg ist ein großes Unglück, Revolution ist schlimmer und das Dichterwort bleibt wahr: „Jedoch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn!" 372 Vermischtes. * Mit rwei uralten schwäbischen Luf ts ch isie rn, von denen der eine schon um die Wende des 16., der andere um die Mitte des 18. JahrdnndertS lebte, beschäftigt fiel) ein lunsatz des Iesnitenvaters Wilhelm aus Feldkirch in der „Deutschen Zeitschrift für Luftschiffahrt". Ter erste dieser beiden ziemlich vergeßenen Pioniere war seinerzeit unter dem Namen des fliegenden Möncyes von Schussenried berühmt. Er war ein Geistlicher vom Orden der Prämonstratenser, der, wie die Ueberlieserung sagt, nut einer burcl) Riemen bewegten und mit Füßen getretenen Maschine zwei stunden weit von seinem Kloster bis zn seiner benachbarten Psarret flog. Später würbe dieser Mönch mit seiner Erfindung auch bildlich verherrlicht, indem er im Bibliolhelsaal des Klosters von schuhen- ried von einem Parterre von Philosophen, unter; denen sich auch der alte Aristoteles befindet, durch die Himmelsglorie hinan, in die Region der Engel fliegt. Von der Flugmaschine ist aut dem Bild nur so viel zu ernennen, daß sie auS Flügeln nut echten geoeni und au-"- Riemen bestand, die von den Flügeln durch die Hande über die Füße verlaufen und von diesen getreten werben. Tics Bild ist jedenfalls später geschaffen worben und der Maler hat sich von der Beschaffenheit der Erfindung des fliegenden Mönches nicht mehr durch den Augenschein überzeugen können, Wahrscheinlich wurde diese zn Ansang deS Jahres 1647 nebst dem ganzen Kloster bei einer Plünderung durch die Schiveden verbrannt. So vie ist aber sicher, daß sich der Mönch, namens Casper Mohr, nut Flugversuchen abgegeben hat; außerdem erfahren wir, daß er die ti'lugel ans Gansiedern verfertigte, die er mit Peitschenschmiren zusammen- band. Er machte sich anheischig, bamit vom Dache eines drei Stocks hohen Gebäudes in den Garten hinunter zn fliegen; doch soll dieser Versuch nicht zur Ausführung gekommen sein. Ungefähr aiu)ert= halb Jahrhunderte nachher nahm der Müller schweikarl auS Wild- berg in Württemberg wieberum Flugversuche vor, die fpater m einem besonderen Werke beschrieben ivurden. Cs ist merfwurbtg, daß darin schon ein Unterschied zwischen „fliegen" und „Instschchen gemacht wirb. Er machte auch einen Versuch mit zwei großen Flügeln von einem Berge aus, erntete aber damit keinen Enoch. Lichtfallen für schädliche Insekten. Dw Vernichtung schädlicher Waldinsekten, besonders des forstteindlichcn Nonnenfalters, durch elektrisches Licht ist bei Zittau in Lachsen mit Erfolg probiert worden. Die bekannte Anziehungskraft des Lichtes auf die Nachtschwärmer und Schmetterlingseiftew wurde benutzt, um sie in größeren Schwärmen aus dem Walde herauszulocken und die das Licht umflatternden Tiere dann zu vernichten. Zunächst wurden nach Eintritt der Dunkelheit möglichst alle Bogenlampen der Straßenbeleuchtung eingeschaltet, und zwar ohne Glocken, damit der ungedämpfte Lichtschein auf den einige Äfto- nteter entfernten Wald einwirke. Die herbeigelockten, gegen die Lampen schwirrenden Falter kamen teilweise mit den glühenden Kohlenstisten in Berührung und fielen versengt zu Boden. Nachdem dieser Versuch die Anziehungskraft der verfügbaren Lichl- guelle erwiesen, wurde nachts 11 Uhr die Straßenbeleuchtung! gänzlich ausgeschaltet und an vier erhöhten Punkten Scheinwerfer mit 40 Ampere Stromstärke ausgestellt, deren gewaltige Licht- knqel ans die von den Falter» am kneiften hermaesuchten Wald- teile gerichtet wurden. Diese Scheinwerfer erwiesen sich als ein starkes Anziehungsmittel und würben in ihrer Wirkung noch verstärkt durch je zwei bedeckte Bogenlampen, die gewissermaßen als Tummelplatz für die herbeigelockten Insekten dienten. Zur Vernichtung der Falter diente bann -ein in unmittelbarer Nahe ausgestellter Ventilator (Exhaustor), vor dessen Ausblaseosfnung ein Stück weitmaschiger Drahtgaze ausgespannt war. Die hmcin- gefogenen Tiere wurden gegen das Drahtnetz geschleudert und sielen mit zerbrochenen Flügeln zu Boden. So wurden iN manchen Nächten von einem einzigen Aufstellungspunkt 30 bis 60 Kilogramm, das sind bis 400 000 Falter, vernichtet, wahrend an anderen Tagen das Verfahren weit weniger erfolgreich war, namentlich bei Hellem Mondschein, Kälte und gegen die Anflug- richtuiig wehendem Winde. In warmen, ganz ruhigen Nachten von 12 bis 15 Grad Celsius bei bedecktem Himmel fand bisweilen ein außerordentlicher Zuzug statt, den auch mäßiger, lang am fallender Regen nicht sehr störte. Mit einem fahrbaren Azetylen- Apparat nebst Ventilator sind dann auch im Walde selbst günstige Ergebnisse erzielt worden, so daß gegründete Hoffnung besteht, hier eine erfolgreiche Methode zur Bekämpfuilg dieser schliinmen Waldfeinde entdeckt zu haben. *’ Fische, die Angler sangen. Der Angelsport, der nach dem Urteil der Laien, die nie die Anglerleidenschaft gespürt haben, nur eine Art Geduldsprobe ist, birgt bisweilen für den Fischer seltsame Gefahren und Abenteuer. In einer englischen Zeitschrift erzählt ein Angler, lute er in einem kleinen Flusse in Devonshire nach Forellen angelte, als plötzlich ein großer Lachs anbiß. Das Angelgerät war dem kräftigen Gesellen nicht gewachsen, es war nicht möglich, die ungestümen Befreiungsversuche des Fisches zu verhindern, und der Angler mußte buchstäblich hinter dem Lachs her am Bache hinlaüfen. Zum Schlüsse riß die Angelschnur und der Lachs entkam. Aufregender verlief ein AnglererlebniO, das I. A. Brenton an der Küste von Florida hatte. Ein riesiger Megalops atlantieus, einer jener Fische, die am Mexikanischen Golfe „Silberkönige" genannt werden, biß an; das kräftige Tier zog das Boot hinter sich her, es war unmöglich, d'ie Küste' zu gewinnen, die Nacht brach herein, aber der Fisch zeigte keinerlei Ermüdung. Aber der Angler gab nicht nach, und endlich, sechs Meilen von der Anbeißstelle entfernt, gelang es, den Fisch ins Boot zu ziehen. Er wog 122 Pfund. Ein ähnliches Abenteuer erlebte E. R. Soudder an der kalifornischen Küste mit einem riesigen Thunfisch. Der Fisch trieb sieben Stunden lang mit dem Boote des Anglers fein Spiel und legte in der Zeit beinahe zwanzig englische Meilen zurück. Als nach vollendetem Fang die Beute gewogen wurde, zeigte sie ein Gewicht von 118 Pfund. Einer der zähesten und kräftigsten Fische ist der Pfeilhecht, der in den Gewässern des Golfes von Mexiko und an der brasilianischen Küste gefunden wird. Der kantpflustige Geselle hat messerscharfe Zähne und seine großen schwarzen heimtückischen Augen sind den Negern ein Gegenstand angstvollen Aberglaubens. Der bekannte Naturforscher C. F. Holder harpunierte an der Küste Floridas einen großen Pfeilhecht. Tas wütende Tier zerrte das Boot in wilden Kreisen umher und mehr als einmal war man in Gefahr, zu ertrinken. Als mau ihn schließlich näher aus Boot heranziehen konnte, packte er mit den Zähnen das Ruder und zerbiß es buchstäblich in Stücke. Holder hatte ein ähnliches Abenteuer mit einem Hammerhai, den er bei der Insel Santa Catalina fing. Der Hai ging mit dem Boote durch uud der Gelehrte hätte die Beute schließlich preisgebeu müssen, wenn ihm nicht im Augenblicke der höchsten Gefahr durch andere Boote Hilfe gekommen wäre. Aber erst als fünf Boote zusammengekoppelt waren, gelang es, den wilden Gesellen ans Ufer zu ziehen. * Vom Sprachverein. Seit Atters führen viele Orte der französischen Schweiz aitch einen deutschen Namen. Es war sehr befremdlich, das; reichsdeutsche Behörden vor etlichen Jahren solche eingebürgerte Formen völlig außer acht ließen und in amtlichen Drucksachen nur die welschen Bezeichnungen anwandten. Nachdem viele Beschwerden erhoben waren, sind nun im Rcichs- kursbuch die deutschen Namen wieder zn Ehren gekommen. Wir lesen da nicht nur Neuenburg uud Gens, sondern auch Delsberg (Telemout), Münster (Montier), Tachsfelden (Tavannes), Neueu- stadt (Neuville), Averuach (Auvernier). Gransee (Grandwn), Jserten (Averdon), Morste (Morges), Neuß (Nyon-, Losauen (Lausanne), Martinach (Martigny) u. a. Alle diese Namen besitzen in der Schweiz amtliche Anerkennung, und doppelt besthainend ist das Verhalten so vieler Reichsdeutscher, die sich mit Vorliebe des Französischen bedienen, sobald sie die Neichsgrcnze überschrittet haben, die sogar schon in Elsaß-Lothringen anfangen, lhre Lprnch- kcnntnisse prahlerisch zu entfalten oder zum Schaden des-deutschen Volkes zu bereichern. Dem Franzosen lallt es nicht ein, Mainz, München, Leipzig zu sagen. Ruhig beharrt er bet Mayence, Munich, Leipsic. Ahmen wir doch in diesem Stücke ihm nach, und reden wir auf der Reise deutsch, so weit es irgend geht! Und cs geht gewöhnlich weiter, als man hier zu Lande denkt. * Wörtlich z u nehmen. Huber: „Ich Hütte mich bei Ihnen recht schön bedankt, wenn Sie mir Ihren Freund Muller nicht vorgestellt hätten, er hat mir am Sonntag beim Tarockipict zwanzig Mark abgenommen." — Mayer: „Ich habe es Vynen ja gleich gesagt, der Mann gewinnt bei näherer Bekanntschaft. , * San d w irisch aftliches. „Girgl, was is den _ dos„ a Güterzertrümmerer?" — „Dös wird halt so a' Autler Zem. "Der große Hut. „Du, Bummel, du hattest doch zwei große Floretts — wo sind denn die hingekommen?' — hab' ich meiner Braut als Hutnadeln verehrt !" Stiidterätfel. Erkelenz — Eschweiler — Bacharach — Bingen — Hofgeismar — Honnef — Mainz — Mühlhausen. Die vorsteheiiden ©iäbtenamen Jollen derart geordnet weröflfr daß der erste Buchstabe des ersten NamenS, der zweite des sweiten, der dritte des dritten u. f. w. wieberum einen etabtenmneu ergeben. Auflöstmg in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer« H 0 L Z 0 B 0 E L 0 K I Z E I T Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch-- und Steitidruckerei, R. Lange, Gieße»-