1909 MU WtiVT ^8 17 a Lhsyjl Späünghof. Roman von K. v. d. EidSL (Nachdruck verbotm.) (Fortsetzung.) Wie ein Häufchen Unglück saß die Alte auf ihrem Stuhl. „Ich komme ja nicht zu Gaste," sagte sie weinerlich, „ich wollte inan bloß fragen wegen Tine, ob das wahr ist, daß sie nach Amerika ist." „Ach so," dachte Jan, „also Neugierde ist es, was die Alte von Römstedt hierher getrieben hat." „Bist du extra deswegen hergekommen?" Sie nickte. „Ja, ich hatte keine Ruhe, als ich hörte, daß sie fort war. Wenn ich das gewußt hätte, als sie bei mir war" . . . Jan wurde unruhig. „Als sie bei dir war? — Was denn?" „Denn hätte ich ihr die Karten nicht gelegt." „Du hast ihr die Karten gelegt? Sie war deswegen bei dir?" „Ja, ach du liebe Zeit, ich konnte doch nicht dafür, daß so was in den Karten stand. Ich habe keine Schuld," fuhr sie fort, wie ein Kind, das sich verteidigt, ehe es angeklagt wird. „Ich hatte ja keine blasse Ahnung. Ich dachte, sie lebte hier als ein Gott in Frankreich. Gin bißchen schnacksch kam es mir ja vor, daß sie so auf ebenschlicht zu mir kam und ich ihr absolut die Karten legen sollte. Ich sagte schon: „Du kannst es ja gar nicht besser kriegen, als du es hast." Und daß eine weite Reise in den Karten lag, das konnte ja zum Pläsier sein, darum brauchte sie nicht nach Amerika zu gehen. Von Amerika hatte ich nichts gesagt. Amerika, wo es so viele schlechte Menschen gibt!" Jan hatte stumm zugehört. Er sprach ein paar beruhigende Worte zu der aufgeregten Greisin. Seine Gedanken waren bei Tine. Immer mehr gewann er einen Einblick in das wunderliche Innenleben seines Weibes. VH, wenn er das alles ein paar Wochen früher gewußt hätte! Jette Dau kam mit dem gewärmten Kaffee und einem Stück Stuten. Angesichts der Stärkung beruhigte sich Schaues Gemüt. Sie trank ihren Kaffee und tauchte ihren Stuten hinein, bis er weich war. Die Rinden ließ sie Mnz in der Tasse aufweichen und aß sie zuletzt mit dem Teelöffel. Das Kauen iv-ar eine mühselige Arbeit für die Alte, denn sie hatte keine Zähne mehr. Endlich war sie fertig und erhob sich. Sie hielt Jan chre runzelvolle Hand hin. „Sag man zu Tine, wenn sie wiederkommt, die alte Schaue hätte gesagt, so was dürfe sie nicht wieder machen, vom Davonlaufen liegt nichts in den Karten. Das sag ihr man." tverd's bestellen," sagte Jan. Bei sich dachte err „Tme wird niemals iviederkommen." Anndortjen kam vorgefahren. Anndortjen, im zivei- spännigeu Wagen, mit einem nagelneuen Federhut. Sie war rosig und schmuck, man sah es ihr an, daß es ihr gut ging. Als Jan die energische und rundliche Frau vor sich stehen sah, ergriff ihn ein Widerwille, den er sich selbst nicht zu erklären vermochte. „Nein, so was!" rief Anndortjen. „So was zu erleben! Die Leute zeigen mit Fingern auf einen. Wie sie mir bloß so was antun konnte! Die niederträchtige, tiefdenkerische Person. — Du armer Junge!" Jan stand sprachlos. Wenn die Mutter zu ihm gekommen wäre und ihn angeklagt, ihm geflucht hätte, das wäre ihm natürlich erschienen, da hätte er stille gehalten. Aber daß Anndortjen ihr eigenes Kind beschimpfte und nur sich selbst und ihn bedauerte, das konnte er nicht leiden. „Tine fühlte sich nicht glücklich," sagte ec, „du mußt nicht so hart urteilen. Sie war eigenartig und tief angelegt." „Verrückt war sie, splienig! Sonst wäre sie nicht davongelaufen, Gott weiß wohin. Und kein Sterbenswort hat sie mir davon gesagt. So 'ne heimtückische Person. Aber daß du sie nicht wieder aufnimmst, wenn sie wieder kommt! Sie muß erst Mores kennen lernen." „Mein Haus steht ihr offen, so lange ich lebe!" entgegnete Jan. „Und wenn sie jetzt draußen am Hecktor stände, dann lief ich und holte sie." „Ihr seid alle miteinander nicht recht bei Trost," sagte Anndortjen. „Mir soll sie nicht kommen, ich bin ihre Mutter nicht mehr." „Nein, du bist ihre Mutter nicht mehr." Anndortjen überhörte die Schärfe in Jans Worten. „Ich habe Gott sei Dank noch ein anderes Kind, wenn es auch noch klein ist, das will ich mir schon anders ziehen. Tine hatte zuviel von ihrem Vater, das war auch so einer." Jan sah die Frau an; in seinen sanften blauen Augen glühte heiliger Zorn. „Mein jetziger Mann ist von anderem Schlage, der hat wenigstens Geld." „Ja, Geld!" sagte Jan heftig und wußte nicht, was er hinzu setzen sollte. Anndortjen knüpfte die breiten Bindebänder ihres Kapottehutes zu einer Schleife. Sie trat vor den Spiegel und band eine hübsche, große Schleife. „Adjö, Jan," sagte sie. „Hasche Hasch wartet draußen auf mich, ich muß nach Hause zu meiner Kleinen und den anderen." „Adjö!" Jan half ihr auf den Wagen, Hasche Hasch wurde nicht gebeten, abzusteigen und sich eine frische Pfeife zu stopfen. Sie fuhren aus dem Dorfe ohne Naß und ohne Trocken, wie Anndortjen giftig bemerkte. Jan stand auf seiner Werste und sah dem Wagen mit finsterer Miene nach. * Tags darauf, als der Bauer von der Fenne hereinkam- 306 traf er vor der Hoftür die alte Heistersche, die, ihren Henk'el- topf in der Hand, ihm entgegenkam. Tie Alte begrüßte den Hausherrn mit großer Freundlichkeit und ließ einen ungeheuren Redeschwall los. Jan mußte Wohl oder übel stehen bleiben, obgleich es ihm nicht recht klar war, worauf die Alte hinzielte. Sie fing an vom Wetter, von dem vielen Regen, von Amerika, wo es sehr schön sein sollte. „Aha," dachte Jan, „sie ist neugierig." Er wollte sich rasch empfehlen. „Ja, was ich noch sagen wollte, Bauer, meine Miele schrieb mir neulich von Ihrer Frau, von Tine" . . . „Also doch?" dachte Jan. Unruhe ergriff ihn. „Ja, Miele schrieb, sie hätte neulich eilte gesehen, das müßte Tine Thomsen gewesen sein. In einer feinen Kutsche wäre die gefahren, ganz in Seide, mit einem großen Federhut. Sie hätte gerade solche Äugen gehabt wie Tine und auch solches Haar." „Das ist nicht wahr," sagte Jan kurz und ruhig. Alle Unruhe war mit einem Schlage von ihm gewichen. „Ja, Miele schreibt ja auch, es köitnte auch eine andere gewesen sein, bloß weil die Airgen akkurat so waren." „Das wird jemand anderes gewesen sein," atltwortete Jan gleichmütig. Er ließ die Alte stehen und trat ins Haus. Nein, mochten die Leute reden, ivas sie wollten, hierin kannte er Tine: zum Herrschen war sie nicht geboren. Er konnte sie sich wohl vorstellen arm und elend in einer Dachkammer oder schüchtern und ängstlich durch die Straßen einer großen Stadt eilend, aber nimmermehr als Herrin, die in seidenen Polstern lag. Er lächelte; nein, das war Tine nicht gewesen. * Mit der Zeit verblaßte Tines Bild in Jans Herzen. Er hatte nicht mehr das Gefühl, als könnte sie jeden Augenblick in die Stube treten. Er wurde nicht mehr von Unruhe erfaßt, wenn der Briefträger die Trift entlangkant. Ruhig und gemächlich ging er seinem Tagewerk nach. Er hatte seine Freude an seiner Arbeit und an dem Aufblühen des Hofes. Spätinghof wurde nach und nach einer der schönsten Höfe in Witzwort, und Johann Thomsen wurde bald zu allerhand ehrenvollen Gemeindeämtern hin- zugezogen. Er bekam tnehr Fühlung mit den Bauern der Umgegend, und dies veranlaßte ihn, öfters auszufahren, die Märkte zu besuchen und dann und wann mal in dein Kirchspielkruge vorzusprechen. Jau iourde stärker und behäbiger. Seine Konstitution wurde kräftiger, sein Charakter festigte sich. Er war längst nicht mehr der fügsame Mann mit dem weichen Herzen; er war eine kraftvolle Persönlichkeit geworden, die Wen eigenen Willen hatte. Nur die Augen koitnten nicht ganz das gute Herz verleugnen. Auch sein Aeußeres hatte sich im Laufe der Jahre vorteilhaft verändert. Ein hübscher blonder Bollbart umrahmte sein Kinn und gab dem Mann ein stattliches Aussehen. Jahre gingen dahin in Arbeit, Ruhe und Gleichgülttg- keit. 9htr ab und zu, wie ein Lichtblick, kant eine kurze, fröhliche Stunde dazwischen. Zn dem Kantor kam Jan Jahre hindurch einmal in der Woche. Hier verging der Abend unter Plaudern, Lachen und Scherzen. Mitunter kramten Jan und Frauke in alten Erinnerungen; aber es waren nur freundliche Bilder, die sie hervorsuchten. Frauke schien die Zeit nicht viel auhabeu zu können. Sie sah mit dreißig Jahren durchaus nicht wie eine alte Jungfer aus. Ihr Teint b.lieb zart und rosig, ihr Haar voll und hell, ihre Augen blickten so klar und ruhig wie früher, und ihren Kopf trug fie hoch wie ehemals. Nur ihre Gestalt war vielleicht ein wenig voller geworden und ihre Bewegungen noch ruhiger itttb abgemessener. Doch dies erhöhte nur den Reiz, den ihre Erscheinung noch immer auf Jan ausübte. Einmal traf Jan Frauke auf dem Wege hinter der Kirche. „Wohin gehst du?" fragte Frauke. „Nach den Süderfennen." „Daun gehe ich ein Stückchen mit, bis zum Heck." Sie gingen nebeneinander auf dem Landwege. Er wurde der grüne Weg genannt. Das Gras wuchs hier ebeitso dicht wie auf den Fennen; es ging sich weich wie auf Samt. Der Marschwind wehte in Fraukes Röcken, daß sie seine Beine umflatterten. Neber ihre Köpfe hinweg flogen die Kiebitze. „Kiwitt, Kiwitt!" „Komm mit, komm tnit!" sagte Frauke mechanisch, wie sie so oft als Kind gerufen hatte, und ihr Auge folgte dem Vogelflug. Sie ergriff Jans Arm und zeigte in die Ferne. „Siehst du das Segel?" „Ja, ich sehe es," entgegnete er nicht ohne Bitterkeit. „Das Meer ist wie unser Glück; inan ahnt es, aber man kann es nicht erreichen. O Franke, ich glaube, wir werden es niemals sehen!" Er meinte nicht das Meer, er meinte das Glück, und Frauke verstaub ihn. „Ist es tticht schon eilt Großes, es nur zu ahnen?"- fragte sie leise. Sie waren am Heck angelangt. Einen Augenblick blieben sie stehen und sahen sich an. Und sie ahnten die Nähe des Glückes, und ihre Seelen erschauerten. Verwirrt und beglückt gingen sie voneinander. Nicht lange danach traf Jan das Mädchen nachmittags ganz allein zu Hause au. Selbst das kleine Laufmädchen war schon fortgegangen. Es war an einem heißen Augusttage; er kam gerade von Husum, wo er ein paar Ochsen verkauft hatte und den Weinkauf dazu hatte geben müssen. Als er an des Kantors Häuschen vorbeikam, saß Frauke in einer lichten Bluse am offenen Fenster. Sie hatte den Ellbogen auf das Fensterbrett gestützt und schaute, das Kinn in der Hand, träumerisch aus die Straße, wo sich die Sperlinge in den Vertiefungen zwischen den Steinen in dem heißen Sand badeten. Jan nickte ihr im Vorbeigehen zu; dann besann er sich und trat ein. Sie kam ihm entgegen. Wunderhübsch sah sie aus in der dünnen Bluse, die am Halse etwas ausgeschnitten war, und bereit Aermel Franke der Hitze wegen aufgek- npelt hatte. „Na, Jan," sagte sie freundlich. „Ich habe meine Ochsen sein verkauft," sagte Jan, während er sich den Schweiß von dem von Wein und Sonnenbrand geröteten Gesicht abwischte, Unvermittelt fügte er hinzu: „Deern, siehst du mal schmuck aus!" Errötend wich sie seinem Blicke aus und streifte unwillkürlich die Aermel herunter. „Es ist so heiß," meinte sie, „Vater ist bei deut neuen Kantor in unserem alten Hause; er kann die alten Zetten noch immer nicht vergessen." „Na, dann will ich man gehen." „Schon?" fragte sie. „Willst du dich nicht einen Augenblick setzen? Du nimmst mir ja die Ruhe mit." Diese letzten Worte, die sie hinzufügte, waren nur eine landläufige Redensart; Jan nahm sie bitterernst. „Hab' ich dir jemals die Ruhe genommen?" „Ach, wie du heute bist!" Sie errötete schon er unter seinen Blicken. „Ja, geh man, geh man! Ich lte dich nicht." „Dann adjüs," sagte Jan, und Plötzlich r,aßte den ruhigen, ernsten Mann ein Taumel. Ihm wär es, als konnte es gar nicht anders sein, als wäre das schöne, reife, blonde Weib vor ihm fein eigen mit Leib und Seele, als wäre er ein Dummkopf, weil er sie nicht längst in feine Arme geschlossen hatte. Er vergaß, daß er verheiratet war, daß er nicht frei handeln durste. „Adjüs, Jan," sagte Frauke. Da nahm er ihre Hand und zog damit das Mädchen oit sich heran, umschlang ft« mit starken Armen und küßte sie heiß auf die zarten, kühlen Lippen. Einen Augenblick war Frmtke fassungslos. Dann machte sie sich frei und stieß ihn von sich. „Pfui!" rief sie. Daun schlug sie die Hände vors Gesicht und brach tu Tränen aus. ,, Bei Jan trat die Ernüchterung ein. „Verzeih, Frauke, • bat er kleinlaut, „ich hab' dich ja zu lieb!" Mit einem Schlage war es ihm klar, daß er sich vergessen hatte. Frauke fuhr fort zu weinen. Ihr ganzer Körper bebte. Sie weinte nicht darüber, daß Jan sie liebte, daß er st« geküßt hatte, nein, sie weinte vor Scham, daß er sie küssen konnte, so heiß und sinnlich, erregt vom Wem una Sinnestaumel. _ Leise und bedrückt ging Jan fort; sein Rausch iv»r verflogen. (Fortsetzuiig folgt.) 307 Gespenster. Nach einer wahren Begebenheit von Ad. Nissen. Es ist nun schon eilte stattliche Anzahl von Jahren her, als sich folgende wahre Geschichte auf einem holsteinischen Bauerngute ereignete. In der Nähe des holsteinischen Städtchens N. lag einsam am Saume eines mächtigen Buchenwaldes ein großes, blühendes Bauerngut, das schon seit Jahrhunderten im Besitze derselben Familie mar, und sich die ganze lange Zeit über vom Vater auf den Sohu und von diesem wieder aus dessen Nachkommen vererbt hatte. Alle hatten sie gut gewirtschaftet und sparsam gelebt, und so kam es, daß das Anwesen von Geschlecht zu Geschlecht großer und blühender wurde, so daß die Besitzer zu den wohlhabendsten der ganzen Gegend zählten. Zu der Zeit, in der unsere Geschichte spielt, war es das erste Mal, daß der Besitzer gestorben war, ohne einen Sohn zu hinterlassen, der imstande gewesen wäre, an die Stelle des Vaters zu treten, und den Hof selbständig weiter zu führen. Sämtliche Kinder waren noch klein und der älteste Sohn war erst vor kurzer Zeit auf eine landwirtschaftliche Schule geschickt worden,, wo er sich die Kenntnisse aneignen sollte, die ihm für seinen späteren Beruf notwendig waren. Wohl ober übel mußte sich deswegen die Mutter entschließen, einen Verwalter zu engagieren, der während der Ausbildungszeit des Sohnes die Leitung des Hofes übernehmen sollte. Auf ihr Gesuch meldeten sich mehrere Bewerber, unter denen sie einen gewissen D. wählte, der ehr außerdem von verschiedeuen Seiten als tüchtiger und gewissenhafter Landwirt gerühmt worden war. D. arbeitete sieh schnell in den Betrieb ein und hielt alles in tadelloser Ordnung; seinem Charakter nach war er wortkarg, lebte zurückgezogen, ja fast menschenscheu. Wie unter der Leitung der früheren rechtmäßigen Besitzer ging das Leben auf dem Hof auch unter seiner Regierung den alten, gewohnten Gang, und es ereignete sich nichts besonderes, bis eines Tages ein Ereignis eintrat, das sämtliche Bewohner des Hofes in tiefsten Schrecken und Bestürzung setzte. Es war eine kalte regnerische Novembernacht, als alle Bewohner des Hofes im tiefsten Schlafe lagen. Der Wind heulte mit furchtbarer Gewalt durch die Kronen der alten Buchen, dev Regen prasselte gegen die Scheiben, und die Pferde, die auf einer Koppel hinter dem Wohnhause int Freien liefen, drängten sich zitternd zufammen, nm bei einander vor den entfesselten Elementen Schutz zu suchen. Noch war nicht der letzte Schlag verklungen, welcher die zwölfte Stunde vom Kirchturme des nahen Dorfes herab verkündete, als ein furchtbarer, gellender Schrei die Schläfer auf- weckte und sie aufs tiefste erschauern ließ, begleitet von einem Windstoß, der die Tür zum Mühlboden und zu der großen Tenne aufriß, so daß der Wind jetzt mit einem schauerlichen Sausen durch das Haus fuhr. Gleichzeitig hörten sie ein Geräusch auf dem Kornboden, wie wenn ein Mensch hin und herginge, hinter sich eine schwere Kette herziehend. Bald hatte sich jedoch die Besitzerin des Hauses ausgerafst, eine furchtlose Frau, entschlossen, den eigentümlichen Schrei aufzuklären, der itach ihrer Meinung eine ebenso gewöhnliche Erklärung haben müsse, wie jenes Kettengerassel. Sie kleidete sich deswegen notdürftig att und begab sich hinunter aus die Tenne, um dort zuerst Licht zu machen und die Knechte zu weckdn, die in einem andern Flügel des Viehhauses schliefen. Kaum hatte sie jedoch die Tenne betreten, als sie im Hintergründe jenes dunklen großen Raumes wieder jenes Kettengerassel vernahm, und kürze Zeit darauf einen weißen Schatten auf sich zukommen sah, an dem sie nur noch, jedoch mit aller Deutlichkeit, einen grinsenden Totenschädel unterscheiden konnte, dann sank sie mit einem gellenden Angstschrei bewußtlos zusammen. Als kurze Zeit später die aus dem Schlafe emporgeschreckten Knechte und auch später der Verwalter herbeieilten und ihre bewußtlose Herrin fanden, wurde sofort alles durchsucht, jedoch nichts Verdächtiges gefunden. Dieser Vorgang wiederholte sich von nun an fast jeden Tag, und obgleich sich zu verschiedenen Malen beherzte Männer zu- fammentaten, nm gemeinsam zu wachen, gelang es doch nicht, dein Geheimnis auf die Spur zu kommen, da im entscheidenden Moment stets die Kräfte der Männer erlahmten, sei es, daß sie schon durch, den schauerlichen Schrei des Geistes so in Entsetzen gerieten, daß sie zu nichts mehr fähig waren, sei cs daß sie beim Anblick der Gestalt mit dem Totenschädel, die nur int Dunkeln erschien, von einem so furchtbareit Grausen erfaßt wurden, daß sie gelähmt dastanden, unfähig ein Glied zu rühren, geschweige denn, sich der Gestalt zu nähern. Ta das Umgehen des Geistes fortbauerte, und die Bewohner jeder Nacht mit Granen entgegensähen, war es selbstverständlich, daß sich dieses auch äußerlich bemerkbar machen mußte. Die alten Tagelöhner und Knechte, die Jahrzehnte auf dem Hofe gearbeitet hatten, verließen nacheinander ihre Stellung und nur einzelne und der Verwalter ließen sich bewegest, zu bleiben. Der größte Teil der Arbeit mußte deswegen mit Landstreichern und Vagabunden gemacht werden, so daß der sonst so blühende Hof immer mehr znrückging nnd die Besitzerin schon mehrmals' ernstlich daran dachte, den Besitz billig zu veräußern, nur um von dieser. Stätte des Grausens und Verfalls sortzukommen. Da aber trat ein Ereignis ein, welches der ganzen Sache eine Wendung geben sollte. Drei Handwerksburschcn, reisende Schmiede, hörten nämlich in dem benachbarten Dorfe von beit Vorgängen auf dem Hofe, und da sie Mut besaßen, beschlossen sie, eine Nacht auf dem Hofe zu wachen und das Rätsel zu lösen. Sie erwirkten sich hierzu die Erlaubnis und machten sich abends 11 Uhr in Begleitung des Ortsgenbarms und eines alten Tagelöhners, der seine Herrin nicht verlassen hatte, auf, ben Weg. Ans ben Rat des ältesten von ihnen, eines hünenhaft gebauten Menschen, näherten sie sich unbemerkt den ruhig balicgenbeti Häusern. Von beut Knechte geführt gelangten sie durch ein kleines Fensters in bie mächtigen unterirdischen Keller, die man auf alten holsteinischen Gütern so viel findet, und die zum Aufbewahren von Kartoffeln und Rüben dienen. Diese mit äußerster Behutsamkeit durchquerend, gelangten sie über eine kleine Leiter durch eine Luke in der Erde in die Kammer, die zum Schneiden der! Rüben biente, und von ber unmittelbar eine Tur auf bie Tenne führte. Hier stellten sie sich ans Posten, nm ber Dinge zu harren, die ba kommen sollten. 3/il2 hatte es eben geschlagen und, die Sekunden wurden ihnen zu Stunden, während sie den Augenblick erwarteten, wo es 12 schlagen sollte. Immer erregter wurdest die Männer und der Hüne mußte immer von neuem feine Begleiter anspornen, standznhalten. Da hebt bie Uhr mit bem ersten Schlüge an, die mit ter,4 nächtliche Stunde zu verkünden, als im selben Augenblick ein Schrei durchs Haus gellt, so unheimlich laut und schaurig, daß selbst der hünenhafte Schmied, ber sich sonst vor nichts fürchtet, seist Blut in beit Adern erstarren fühlt. Doch er rafft sich wieder! ans und mit ihm einer seiner Genossen, und mit flieg endest Pulsen und bis zum Zerspringen klopfenden Herzen, warten sie bei halb geöffneter Tür auf das Erscheinen des Geistes, ben sie an bem Kettengerassel, das die Treppe zum Mühlboden hinunter kommt, näher kommen hören. Sie zählen in Gedanken — noch 6 Stufen, 5 — 3 — 2 nun noch eine, sie springen vor, nnd> — Jesus, Maria hilf uns, fliegen fie beim Anblick des Gerippes zurück, doch bann mit Aufbietung der letzten Willenskraft jbringt ber Hüne wieder vor und mit furchtbarem Krachen saust seist dicker Knotenstock auf ben Totenschädel nieder, — und — ,.verdammt" tönt es durch das Dunkel, während ber Totenkopf zur Erbe rollt unb statt seiner bas Gesicht bes Verwalters zum Vorschein kommt. Die darauf folgende Gerichtsverhandlung brachte vollends Licht in bie Sache. Der Verwalter inszenierte ben ganzen Spuk, um ben Hof daburch zu entwerten, so daß bie Besitzerin ihn verkauft Hütte, um ihn dann selbst billig zu erwerben. Der Lohn für feinest Schwinbel ist ihm in vollem Maße zuteil geworden. Erziehung zur Uunst. Ein Erlebnis von Dr. V. Scherer. In der Gemäldegalerie des Wiener Hofmuseums stand! ich, in den Anblick der Raffaelscheu Madonna im Grünest versunken. Die ganze reife Kunst des ewig jungen Meisters, sein wunderbares Schassen, das fremde Anregungen willig! aufnimmt und sie so lebendig ersaht und durchdringt, bis! sie seine ureigensten Gedanken geworden sind, tritt uns in diesem Werk besonders entgegen. Die unendliche Weichheit der Bewegungslinie wirkt ebenso stark auf den Beschauer, wie die träumerische Innigkeit des Zusammcn- lebens dieser drei Gestalten und wie die einfache große Farbengebung. Immer tiefer taucht die Seele in das Kunstwerk und immer eindringlicher wird die Sprache, die es! zu uns redet. Mehr und mehr versank die Umgebung um mich. Nicht achtete ich des Kommens und Gehens ben vielen Besucher. Verschwunden schien mir vor der unendlichen Schönheit, die das Bild des Urbinaten ausstrahlt, die Unterhaltung und das Lärmen des Publikums. So stand ich lange im Banne des Wunderwerkes. Doch mit einemmal ward ich stutzig. Wie aus tiefem! Traum erwachend begann ich um mich zu blicken in das Gewühl der Menschen. Merkwürdig! so lange ich vor deist Bilde gestanden hatte, schien kein Mensch darauf geachtet zu haben. Man besah sich, andere Gemälde, schwatzte und! lachte und ging vorüber. Der Fall begann mich zu in- teressieren. Sollte man wirklich an diesem Meisterwerks dessen natürliche Anmut so unmittelbar wirkt und das zudem! noch an einem bevorzugten Platz der Galerie hängt, achtlos Vorbeigehen können? Wäre dies möglich in unseren Zeit, die sich so viel darauf zugute tut, wie tief das Verständnis für die Kunst schon in alle Kreise des Volkes ein» gedrungen sei und wie herrlich weit es hierin die Gegenwart — 308 Bttchstaben-Rätsel. a, i, R. Lange, Gießen, Redaktion: I B.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Unkversttäts-! veemischLes. * >Der Sport in Japan. Wahrend die Japaner mit einer vielbewunderten Aiipassungsfähigkeit in kürzester Zeit fast alle Errungenschaften westlichen Kultur sich angeeignet haben, verharren sie auf einem Gebiete in strenger Abgeschlossenheit: dem Sport. Zum Teil mag das an den BerhältnrsseN -rhbes Landes liegen; für den Radfahrsport und für das Automobrlwejen sind die Straßen einstweilen Wenig geeignet, gute Pferde werden in Japan nicht gezüchtet, und die im Westen so populäreti Spiele, Fußball, Lawn-Tennis, Cricket uNd Golf Werden in Japan fast Nur von Europäern gespielt. Auch die europäische Fechtrunst findet drüben keine Pflege. Trotzdem mag es wenig Nationen geben, die die Ausbildung der Körperkräfte und die Stählung der Muskeln mit größerer Energie und in größerem Umfang pflegen, als die Japaner. Im Malin Macht Maurice Ronde t- ihn Verhältnis zu dem Banausentum früherer Generatronen gebracht habe? Ich konnte mir dies kaum denken und setzte mich, um zu beobachten. Im Verlauf einer Vlertelstunde waren zweiunddreißig Personen, Männlern und Weiblem, Anqehöriqe der verschiedensten Stände, teils einzeln, teils in Gruppen an dem Bild vorübergegangen, ohne es eines Blickes zu würdigen. Sie alle aber blieben stehen vor einem Mosten, in der Nähe hängenden Bethlcheinitischen Kindermord eines unbedeutenden Malers, der seine Krreger in Blut waten und unter schrecklicheit Gebärden die blitzenden Schwerter schwingen läßt. Doch jetzt kam einer, der machte Halt vor Raffael. Ein suchender Blick ins rote Buch, ein kurzer Ruck des Kopfes, eine rasche Notiz —« und weiter wandelte stolz der „Mann mit dem Badeker und Bleistift". Er hat ihn gesehen, den Raffael, und wird Überall damit prahlen, daß er ihn gesehen hat. Wie er dies tat, erzählt er wohl besser nicht. Ich. ging ihni nach, und sah, wie er auch andere Bilder in gleicher Weise notierte, dieser „Kilometerfresser der Kirnst". Sicher „macht" et das ganze Museum in einer Stunde und hat nach seiner Henn- kehr „alles gesehen". Ms ich tzum Raffael zurückkchrte, war ich freudig überrascht. In eifrigem Gespräch standen zwei Jünglinge davor. Ihre Meinung über das Werk schien geteilt, wenigstens sprachen sie erregt aufeinander ein. Bei dem gedämpften Flüsterton der Unterhaltung waren nur abgerissene Sätze zu verstehen. „Erhöhung des Lmren- rhythnius durch die stupende Verwendung der Vertikale zu der Einheit des Kompositionsdreiecks . . . Harmonie der Farbe wie Mozartsche Musik!" „Aber die Mhängigkert von Lionardo, das ungeschickte Vordrängen des Fußes als Farbenklex, die Uebermalung, viel Schülerhände, hm, hm. . ." Wie angehenden Kunstkritiker schüttelten den Kopf, der eine hielt die Rechte tote ein Fernrohr vors Auge, der andere eilte auf das Bild zu, um es mehr anzuriechen,, als zii sehen. Wann sprachen sie im Fortgehen weiter und ich vernahm noch, einzelnk Worte, wie „Dreiklang der Farbenmelodie . . . fabelhafte Plastizität. . . scharfe Be- tonung der Gelenke. . ." Ich konnte ihnen nicht folgen, denn schon hätte sich eine ansehnliche Reisegesellschaft vor dein Bilde versammelt. Die Lorgnetten der eleganten Damen klirrten leise an den Goldkettchen, die Seide rauschte. Ein Herr in tadellosem grauen Gehrock begann: „Und hier, meine Herrschaften, sehen Sie Raffaels Gemälde die Madonna iiit Grünen; sie ist eines der lieblichsten Werke des Künstlers — one of the most lovely pictures of Rafsael, wandte er sich an einen wißbegierigen Sohn Albions —' „und verrät bei der Abhängigkeit der Komposition von Lionardos Anna selbdritt doch eine solche Eigenart, daß wir . . ." Ich hörte nichts mehr. Eilig war ich vor dieser knnstliebenden Horde, die tote eine Herde Lämmlem von Stadt zu Stadt, durch Galerien, Theater und „alle Sehenswürdigkeiten" geschleppt wird, ins Freie geflohen, und auf- atluend betrat ich den Theresienplatz. Sieh, das traf ich bald mein oben beobachtetes Publikum wieder, tote es kauflustig einen Stand mit „Postkarten und Reiseandenken umstand. Der eine hielt die Reliefansicht des „Bolksgartens! beim Mondschein" mit dem obligaten Liebespaar in Händen, ein anderer ließ sich eben durch eine Postkarte recht anschaulich über „Wien bei Nacht" unterrichten und der „Mann mit dem Bädeker und Bleistift" feilschte um ein Stuck polierter Baumrinde, auf der sich der Stefansdom in „echter Handmalerei" befand. — So herrlich weit haben wir es Mit unserer Erziehung lytr Kunst gebracht, was bleibt hier noch zu tim übrig! (Aus der Dürer-Bundes-Korrespondenzj.) 2. Ein Erdteil. 3. Bezeichnung im Geschästswesen. 4. Ein Küchengerät. 5. Ein Berg in Europa. 6. Ein Dors im Kreis Gießen. 7. Göttin eines Landes. 8. Namen eines Proseßors der Philosophie. p Sind die Wörter richtig gesunden, so bezeichnen die Ansangsbuchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen die Namen ziveier berühmter Manner. C. bcn. Auflösung in nächster Nummern Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer: a, a, a, a, a, a, b, e, e, e, e, k, i, i, i, i, k, I, 1, 1, 1, l, 1, n, n, n, o, o, o. p, p, p, p, r, r, r, r, r, s, s, s, t, t, n, u, v, z. Obige 48 Buchstaben sollen zu 8 gleichgroßen Wörtern zusammengesetzt werden, welche der Reihenfolge nach solgende Bedeutung haben: 1. Ein geometrisches Instrument. Saint, der längere Zeit in Japan, gelebt Hat, interessante Mitteilungen über das japanische Sportwesen, das M semev straffen Organisierung eine HeimsWte den alten nationalen Traditwü bildet. Es ist eine große Gesellschaft, deren Organisation sich über das ganze Land erstreckt, die die Pflege des national rapanischest Sportes fördert: der im' Jahre 1895 von dem Prinzen Akihite gegründete Dainippon Buickukwai. Er zählt heute gegen 2o 000 Mitglieder und sein Hauptsitz ist in Kioto. Rondet-Samt Kat in Kioto das prachtvolle große neue Gebäude besucht, in dem die Bereinsmitglieder ihren Sportsübnngen obliegen. Die Pflege des kriegerischen Geistes ist es, was den Mittelpunkt diesen streng national gefärbten Bestrebungen bildet. „Win wollen die militärische Erziehung entwickeln," so heißt es in dem Programm' der Gesellschaft, „wir wollen das Volk von der Notwendigkeit dieser Erziehung überzeugen." „Es handelt sich nicht allem um die Abhärtung des Körpers; ein Meres Endziel winkt: der körperliche Mut soll zur Vollkommenheit getrieben werden Bon ihr hängt di- Fähigkeit des Mannes ab, alles Verächtliche und Unwürdige zu erkennen, er lernt es, großmütig und ehr liebend zu fein, er gewinnt die Fähigkeit zur Tat, selbst bis zum Tode, wenn die Gefährdung des Vaterlandes es verlangt Er lernt es, ein wahrer Japaner zu sein." Zwar pflegt der Buickukwai auch die Schießkunst, den Reitsport und das Bajonettfcchteu; tat größten Raum in seinem Arbeitspläne aber mirtmt doch die japanische Fechtkunst und 'das Jiu-Jitsu ein. Em Gang durch die TururäuMe des großen Vereins gibt ein tebendiges Bild von dem Eifer iind der Begeisterung, mit der die Japaner sich der Stählung ihres Körpers widmen. In der gewaltigen Halle, deren Rückwand durch einen großen Buddhaaltav gephmückt ist, stehen die Kämpfer einander gegenüber. Ein Zeichen und alles verbeugt sich 'vor dem Mtar. Alle Kämpfer tragen cm w-'ßeS Gewand. Die Gegner grüßen sich mit einer tiefen Beugung, dann legen sie sich gegenseitig die Hand über die srchultern und das Ringen beginnt. Kein Laut, kein schrei, kem Rufstvrt die spannungsvolle Stille des Kampfes. Mit ÄberraWwnder Schnelligkeit erfolgen die Angriffe, sicher und kurz ist die Abwehr. Bis einer den anderen mit einem raschen Ruck zu Boden gerungen. Dann gilt es, den Arm um den 9Lacken zu schlingen und den Ueberivuudenen niederzuhalten, bis ev sich für befiegt erklärt. Streng wachen die .Spielleiter, daß alle schuierzhaften .Grifft! vermieden bleiben. Jede Roheit ist verbannt. Tie sensationellen Tricks die in Europa so viel bewundert werden, )urb hier nicht zu sehen. Daneben üben die Fechter. Sie sind in alte rapanische Rüstungen gehüllt, die Füße ,lackt, die Hande durch giAtze Hand^ schuhe geschützt. Ihre Waffe ist eine lange starke teilte aus hartem Holze, die mit beiden Häirden geschwungen wird und m ihrer FoÄn das alte große Schwert der oamituai darstellt. . Du- selben höflichen Grüße vor denr Kampfe. Wer hier, beiden Fechtern herrscht nicht die gleiche Ruhe tote bei den Ringern. Wilde Schreie begleiten reden AngAff und ieden«chrrtt «und steigern die Leidenschaft des KaMPM. Angriff und Pawdq wechselii mit -einer blitzartigen Schnelligkeit, die den enwMsckMt Fechter überMscheii. Oft käniipfen die Gegner fast Körper Körper Während 'hier der kriegerische Sinn tnt leidenschaftliche« Ringen von Mann gegen Mann sich entfaltet, «bendmußen die Bogenschützen. Bor emer etwa dreißig Meter entfernten mit weichem Don bekleideten Wand knien intb stehen die unh bie Sicherheit, mit der sie ihr Ziel erreichen, verrat, mit welcheM Eifer tntb welcher Uusdauev dieser Sport getcht wird. H A 8 E A M 0 R S 0 H L E R L E