Samstag den April ^5,00 1909 — M. 60 pB W [Hi >W Ä MMMSMWW ■ rrn»FTnX'j«:»;raiirW auf di- T-u»-n. I «mm°, M «t» et an d-z Kant«« Karten wtotfam, fal) er Jan, bet Wfe W nut fUl,re ortt nut ferne - dort fast jeden Sonntagabend zubrachte. Die Kantorkmder I erschauerte, wenn |ic an tijit M . spielten „Maus, magst Speck?" — Jan und Frauke spielten | (Fortsetzung folgt.) auch mit, und der Kantor saß mit seiner Frau in der Laube | «Mne senkte Ja, wenn man das ltnglück «töten , nebenan, rauchte die lange Pfeife und schaute vergnügt zu. könnte wie ein löpschlaufend Pferd! Ich habe meinem Jan machte lange, unbeholfene Schritte.. Frailke sah rosig armen N^sjnng n ob er gleich mein leibhastiger Tochter- und lieblich aus. Ihr blaues Kleid flatterte; sie trug.selbst ?ow, ist doch viel Kummer und Herzeleid aus den Karten im raschesten Laufe das Helle Köpfchen hoch und ausrecht, vrophe eier" müssen Nun sitzt der arme Jung in dem Jak sah durch den Ligusterzaun. Dummes ZeuM^ mnr- aroßen Dithmarschen einsam und verlassen!" Sie wischte melte er im Weitergehenund hinterher: „Der dvsige ^nng. fleh nüt ddni SchürzeiiMfel die nassen Augen. Er war in sehr schlechter Laune, und dabei empfand Während Schone Söuksen der Mutter die Karten legte, er ein heftiges sinnliches Sehnen nach Tine. lunr Tine ans offene Fenster getreten. Sie sah hinaus in I Mit hiesem Gefühl schritt er durch die Fennen und den Garten, auf den blauen Lavendel und die blühenden blieb schließlich am Hecktore stehen, wo Eine ihn sah. Feuerlilien Ihr ivar's, als ob hinter der Weißdornhecke Einen Augenblick stand er noch, nachdeni sie vorüber Niel-' Sönksens Wuschelkopf auftauchte und eine Stimme I war. Er lächelte vor sich hm, tat einen Pflsf durch du) ihr ins Ohr flüsterte: „Tine, ich hab' dich gräßlich lieb." Zähne und ging langsam nach. . , Ja ja, Nasche, eine Hochzeit liegt darin, aber sie I Er trat durch die Hoftür hinein und ging au cer liegen noch weit auseinander," tönte vom Tisch her Schönes Küche vorbei. Dort stand Tme, einen kleinen Petroleum- Stiinme Etwas verschämt erwiderte Anndortjeu: „Aber I Puster in der Hand, am Herd, nm die --orfglut für ue Nasche ich bin doch eine alte Frau und denn ein Mann I Nacht unter die Asche einznbetten. sie hatte chr sonntag»- mit Geld^ Wie sollte der mich arme Witfrau wohl nehmen? gewand abgelegt und stand da un Korsett und Unterrock Misck nochmal, Nasche, misch nochmal." ’ mit bloßen Armen, -sie hielt das Larnpchen hoch, imd An diesem Abend ging Tine früher als sonst fort, die kleine Flämme ivarf emen hellen schein ans ihres Eine qualvolle Unruhe hatte sie ersaßt. Es litt sie nicht weiße Schulter mehr bei den schwatzenden Frauen. Sie lies vor die Haus- Jetzt war sie fertig und drehte sich um. wa stand tür und spähte den'Weg entlang; sie eilte in den Garten Jak plötzlich ganz dicht vor ihr und sah sie an. bis an das äußerste Ende, wo Kälberrohr und Nesseln • Dem Mädchen war es, als ob aus ihrem Herzen eine ■ wuchsen. Endlich setzte sie ihren schivarzen Schäferhut auf,. Flamme emporschiüge bis in ihr Antlitze hinein. Hmb umsagte hastig Adieu und ging. gewendet stand ,w und sah ihn wieder au, so wie er sie Flüchtigen Schrittes eilte sie dahin, vorbei an den an'b'lickte, so fest, so brennend. . ’ blühenden Hecken, den wogenden Kornfeldern. Als sie dann Tine zuckte nicht mit der Wimper; sie schrie sticht au,, in die Marsch kam uni), ihr die weite, grüne Fläche ent- Wenn sie geschrien hätte, dann wäre er wohl un nächsten gegen leuchtete, hemmte sie ein wenig den raschen Schritt Augenblick mit zurückgeworfenem Kopf über die Diele ge- und atmete mit vollen Zügen die frische, feuchtkühle gangen. Keinen Laut gab das Mädchen von sich, und x\nt Mari bluit ei trat einen Schritt näher und noch einen. Tme imch ebenso Schon begannen vom fernen Westen her die Nebel zu langsam Schritt für Schritt zurück. Noch immer tauchten wallen. Träumend ging Tine weiter. Sie sah im Geiste ihre Blicke bohrend und gd'hend ineinander; die öcj imei dunkle Augen vor sich auftauchen; aber Niels Söul- I Mannes voll Begehrens, voll wilder smnenlust, die des iens Anaen ivaren es sticht Mädchens ahnungsvoll fragend, sleheiid. . , ' Als 'sie bei Spätinghof anlangte., stand Jak, den Rücken Immer weiter drängte er sie zurück,.bis sw ui.dem dem Wege zugewandt,' am Eingänge der Trist. Mit dem äußersten Winkel der Kuckst stand. Da legte die Hando eine» Arm lehnte er am Heckpfahl. Die andere Hand hielt kreuzweise, wie zum schütz, über die Brust und erwmtcte die kurze Vieiie Er stieß kurze dicke Rauchwolken aus I ihr Schicksal. und arrte ins Weite Ms Tine dicht an ihm vorüber- „Tine!" sagte der Manu mit leiser, tietcr stimme, strich, sah er sich nicht um; er antwortete auch nicht auf Er> umfaßte sie nut seinen starken Armrnr und presch, sw lvr icbücknernes Guten Abend". I an sich. Ein Schauer überrieselte sie. Ein vnr, erfaßte ihn plötzlich ein Ekel. Er ging fort in den Kirch- spukten die alten Gedanken von Zauberest und dunklen spielkrua und trank ein Bier und einen Kümmel. I Machten. Immer wieder sagte sie zu sich selbst: „Er yar Im Kruge war er der einzigste Gast, und Frie Krüger, | mich behext." Dann schlug sie wohl die Hande vor,- Gesicht der Wirt, der gerade ein bißchen mit seiner Frau über die Fennen spazieren wollte, verbarg nicht seinen Mißmut über den unwillkommenen Gast. Er steckte die Hände in die Hosentaschen, kaute einen Priem und sah dabei ans dem Fenster mit einem Gesicht wie „drei Tage Regenwetter". 239 —■ Drei Monate nach dem Erdbeben von Messina. AW Kommentar zu der Reife König Viktor Emanuels und der Königin Elena zu den Ilnglücksstätten in Sizilien und Kalabrien wird »ns von einem Mitarbeiter aus Neapel unter Dem 5. April geschrieben: Wer Gelegenheit gehabt hat, mit den hiesigen wackeren deutschen Kaufleuten zu sprechen, die in ihrem Klubhanse den Italienern einen Kursus in der Kunst gaben, wie man praktisch und wirksam schnell eine Hilfsaktion -organisiert, der kommt aus eigenartige Gedanken. Es ist hier sehr ausgefallen, das; der König von Sachsen, von dein bestimmt gemeldet worden war, er »volle auch Messina besuchen, aus Neapel nach Deutschland zurückgekehrt ist, ohne diese Absicht anszufüh-ren. Man fragt sich auch, welche Ein- drücke Expräsident Roosevelt voir seinem Besuche in Messina mit» nehmen wird; denn die 3000 Baracken, welche die Nordamerikaner geschickt haben, sind- fast noch garnicht ansg-eschifft, weil der Prän fckt bisher noch nicht daran gedacht hat, die Erlaubnis dazu zu erteilen. Ein anderer Besuch' hat bereits seine Schatten vorans- gew-orfen. 'M' „Hohenzollern" ist unterwegs nach' Italien: es ist. also wahrscheinlich, das; auch der Kaiser rammt. Tas ist aber den italienischen Behörden auf die Nerven geschlagen, ist doch die Vorliebe des deutschen Kaisers für Italien und speziell für Sizilien bekannt. 'Damit hängt wohl zusammen, daß der Bürgermeiiterj von Messina nach Rom zum Könige reiste und ihm' einen längeren Vortrag über die wirklichen Zustände in der Stadt der Katastrophe erstattete. Auf diese Vorstellungen hin beschloß der König, selbst in den parlamentarischen Osterferien nach' Messina zu fahren. Die Zustände in Messina müssen aber alles andere als schön sein, besonders nach dem-, was die deutschen Herren vom Hilfskomitee, die zurückkehrcn, hier-erzühleii^und tuns die Hiesigen und römischen Oppositionsblätter drucken. So lese, ich heute das Jnter!- view eines Abgeordneten aus Sizilien, Faranda, der in der Nähe von Messina zu Hause ist, und das Elend vom Augenschein kennt. Er faßt seine Eindrücke in die Worte, zusammen: „Es ist bisher! noch nichts getan worden." Weiter sagt er, daß noch "keine d-cst sogenannten definitiven Baracken gebaut ist, die anderen aber so schmal und so eng aufeinander errichtet wurden, daß. bei der geringsten Feuersbrunst alle verloren sind. „Dazu fehlt jede Kanalisation, auch haben diese Barack»: keine Fenster. Hotelbaracken gibt cs auch noch nicht, so daß die Fremden nach Taormina, fahren oder im Eifenbahnwagen übernachten müssen. Tie AirP- räumung der Trümmer hat auch noch nicht begonnen, da die Regierungsbaumeister immer noch aus den Arbeitsplan warten-, der in Rom an der Zentrale fertiggestellt wird-. Au den Wiederaufbau des Hafenkwis, ivas das Notwendigste »rare, um! den Schiffahrtsverkehr zu erneuern, hat noch niemand gedacht. Kurzum es herrscht überall das Chaos." Man erklärt ferner, die einzige.Energie, die die Regierung gezeigt habe, wäre die Verhinderung der Diebstähle und- der Betrügereien der Bauunternehmer. Von den letzteren erzählt man den. schönen Fall, daß einer von der Regierung die Lieferung von 150 Baracken zum Preise mm 288 Lire erhielt und daß er einem Unter-Unternehmer den Ban für 133 Lire pro Baracke übertrug. Besonders böses Blut macht der Fall, daß, tote sich das auch in anderen Katastrophen hierzulande gezeigt hat, die einzelnen Behörden, aus Furcht vor Verantwortlichkeit, -erst handeln, wenn, sie von der Zentrale schriftliche Befehle haben. Aber da der Zentralen sehr viele sind, so durchkreuzen sich die verschiedenen- D-irektiven in einer Weise, daß sie sich gegenseitig aush-eben. So kam eine Familie nm' die Belastung einer Baracke ein: als es nicht Möglich war, ihr Verlangen zu. befriedigen, bat sie, in ihr noch halb stehendes Haus zitrückkehrcn zu rönnen. Tas wurde bewilligt, unter der Bedingung, daß eilt Regierungsbautneister' das Haus auf seine Sicherheit hin prüfe. Tas geschah, der Herr Re.gieru'ugsbauuteister sagte, daß alles in Ordnung sei, die Familie zog ein, und den Tag darauf imn sie verschüttet. Andere Klagen werden darüber laut, daß die Beerdigung der Leichen noch- nicht beendigt ist und noch täglich (>0 Leichen jnt Durchschnitt beerdigt werden müssen. Keiner wundert sich daher, wenn er hört, daß in vielen Teilen der Stadt der Kadavergestank unerträglich sei. Schwarzseher denken daher nur mit -Schändern au die »var-m'e Jahreszeit, sie befürchten den Ausbruch schlimmer Infektionskrankheiten, um' so mehr, da es an „W. C." und Kloaken fehlt und die Unreiiilichkeit der Bewohner den Gipfel der Glaub- lichkeit übersteigt. Eilt deutscher Arzt, der in Sirakus segensreich gewirkt hat, erzählte hier auf der Durchreise, daß die Kranken, die, operiert wurden, so schwärz aus dem bloßen Leibe aussahen, daß es schien, sie hätten sich in ihrem Leben nie gewaschen. Auch beklagen sich deutsche Kaufleute in Messina, die bei dem Unglück alles verloren, daß es ihnen unmöglich wäre, irgend eine Baracke zu bekommen, selbst nicht von denen, die der deutsche Kaiser qe- stistet hat, weil die Herren Beamten sich der ersten fertigen Baracken bem-ächtigt hätten. Unter diesen Verhältnissen wundert sich hierin Neapel niemand mch-r, wenn die. hiesigen Blätter die Abgeordneten, die ehrliche Presse und die ehrlichen Bürgest aufsordern, dafür zu sorgen, daß die. Gelder der Wohltätigkeit nicht verschleud-Ät würden. Jedenfalls, so sagen, sie, dürfte es nicht Vorkommen, wie im Jähre 1.894, daß die Wohlt-ätigkeitsfonds zu Bestechungen bei der politischem Wahl verausgabt würden, auch! dürsten Tinge nicht wieder vor- $0.1111116«, tote bei hem Erdbeben von Ischia, wo die international« Wohltätigkeit 7 Millionen aufbrachte, von denen nur eine auÄ- gegcbeN wurde, während Von dem Reste nie etwas bekannt wurde. -Auch erinnert man an das Beispiel von 1897 in Kalabrien; damals weigerten sich die Pressevereine von Mailand, Turin und Rom-, die von den Zeitungen gesammelten Gelder der Regierung zu überj- geben und schickten eigene Komitees, um die Verteilung durch- zuführen. Auch jetzt haben jn der italienischen Kammer die Abgeordneten Pantano, de Felioce, de Nava, Sunt Onofrio schwere Anklagen über die Art der Verteilung der Notgelder laut werden lassen: sie behaupteten unter anderem, daß in Messina, wo der Ministerpräsident Giolitti in zlvei. Wahlkreisen ausgestellt wach Hilfsgelder nur an solche Bürger verteilt, oder ihnen nur Baracken gegeben wurden, wenn sie versprachen, für! den Minister zu stimmen'. Von dieser Wahl wurden überhaupt erbauliche Dinge erzählt, so unter anderem auch, daß in den Abstimmungen fremde Organ« der Regierung im Namen von Toten wählten. Solches und Aehnliches brachten die Blätter in den letzten Tagen aus den Kammerverhandlungen. Nun hat auch Tie Regierung in der Kammer gesprochen und ein schönes Zukunftsbild entrollt, .übest das Vergangene aber wenig gesagt. Darauf schreibt ein Blatt: „Lassen wir das Vergangene vergangen sein." Leider- konnte vorfallen, was vorgefallen ist. Aber Hoffen lv-ir wenigstens, daß die neuen Millionen schneller und nützlicher ausgegeben werden, als die früheren, daß man der Privatinitiative mehr spielraum laßt, daß man mehr Mut zeigt in der Bekämpfung der Geschaftelhuber, kie fi'ch wie Aasgeier auf das Werk der Wiedererstehung von Messina geworfen hüben, hoffen wir, daß die wirtschaftliche,^mvsta- lische und bauliche Wiedergeburt der zerstörten Städte, die Italien von seiner Regierung erwartet, mit größerer Liebe gefördert werde, daß die Regierung sich also frei macht von den lokalen Cliguenj und energisch dort das Brandeisen ansetzt, wo sich eine Wunde zeigt." Vortreffliche- Worte, aber ob die in ihnen cmsgedrückteu Wünsche in Erfüllung gehen werden? Daraus sind wir Lier alle gespannt. C. W. Der neue Regent von China. Bei der großen Aufmerksamkeit, mit der man in Europa die Neugestaltung der Verhältnisse in China nach dem Tode des Kaisers und der Kaiserin-Witwe verfolgt, gewinnt ein eingehendes Charakterbild des neuen Regenten besonderes Interesse, das der Professor au der Universität Peking Isaac Taylor Headland aus intimster Kenntnis der Persönlichkeit und der Verhältnisse! am Hose heraus veröffentlicht. Headland, der seit 18 Jahren als aufmerksamer Betrachter an der politischen Entwicklung des Reichs' der Mitte teilniMmt, hat während dieser Zeit als Dolmetscher! manch wichtigen Vorgängen beigewohnt und in besonders nahen Beziehungen zur amerikanischen Gesandtschaft gestanden: so kennt er auch Prinz Tschun, der während der Minderjährigkeit seines Sohnes, des neuen Kaisers Pu-M, die Regentschaft führt, seit seiner Kindheit. Nach Headland ist mit der Erhebung Tschuns die weiseste Wahl getroffen worden, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen möglich war. Er ist der jüngere Bruder Kwang-süs, des verstorbenen. Kaisers, und er sympathisierte mit all den Reformen, bereit Einführung Kwang-sü im Jahre. 1898 unternahm. So ist er der Mann, den der frühere Herrscher, mit dem er stets in einem brüderlich herzlichen Verhältnisse gelebt, als seinen Nachfolger wünschen mochte: zugleich ist er aber auch von der! Kaiserin Witwe erwählt worden und wird deshalb das Vertrauen der Partei genießen, deren Seele die Kaiserin war. Es ist eine falsche Vorstellung, wenn man diese Partei der Kaiserin für die „konservative Partei" hält. China hat Reform- und Reaktious- parteien, aber außer diesen gibt es viele kluge Männer und hervorragende Beamte, die weder radikale Reformer noch, starre Konservative sind. Auf diese Männer gestützt entthronte die Kaiserin-Witwe 1898 den Kaiser und übernahm selbst die Regierung. Man darf annehmen, daß Prinz Tschun diese Traditionen fvr't- setzen wird und auf dem eingefchlagenen Wege einer Reformierung des Reichs in tatkräftiger Weise weiterschreitet. Prinz Tschnu ist der Sohn des siebenten Prinzen, der Neffe des Kaisers Hsiew- Feng ttiib der Kaiserin Witwe, der Enkel des Kaisers Tao-Knang. Er hat teilte Züge, jedoch eilten etwas unreinen Teint und nicht die weiche klare Haut vieler seiner Landsleute. Von Statur ist er kleiner als der Turchsch-nittschinese, dafür verliert er aber nicht einen Zoll von seiner Größe Md ist in seiner Haltung! ganz Fürst. Würde und Klugheit liegt in seinem Gesicht, doch! ist er gewöhnlich von schweigsamem Ernst und nur in engerpm Kreise äußert sich teilte anregende Unterhaltungsgabe und sein Sinn für Humor. Der Tod des unglücklichen Bostons v. Kettler, der bei den Boxerunruhen ermordet wurde, ist für den Prinzen Tschun von weittragender Bedeutiing für feine Entwicklung geworden. Ohne dieses traurige Geschehnis wäre er nicht als „Sühneprinz" nach Deutschland gesandt worden und würde niemals die Gunst einer Reife nach Europa genossen hüben. Die Welt würde dann einen Herrschest mehr auf dem -Drachenthron sehen, der niemals über die Grenze seines eigenen Reiches hinausge- fommen ist, während China so einen Regentön erhalten hat, auf den die Kultur und Bildung des Mend-landes in jungest Jahren einen tiefen Eindruck gemacht lMt. Prinz Tschun trat teilte Reise mit einem so großen Wefolge an, wie es nur die chinesische Regierung auswählen kann. Gebildete ausländische Gelehrte und 'Dolmetscher begleitetest ihn und seine llmgebung sorgte 240 dafür, daß ihm nichts von dem Mütze« dieser Fahrt verloren gelje. Er War intelligent genug, um alles Wichtige in den Häfen, in denen er Aufenthalt nahm, zu beobachten, und es war für Headland interessant, ihn von den Dingen erzählen zu hören, die er gesehen hatte. So fragte er ihn z. B.: „Was denken Eure Hoheit von den charakteristischen Unterschieden den Deutschen und der Franzosen, wie Sie sie sahen?" „Das Volk in Berlin", antwortete der Prinz, „steht früh am Morgen auf und geht seinen Geschäften nach, während das Volk in Paris gegen Abend anfsteht und in das Theater geht." Jedenfalls haben diese Eindrücke und die Rolle, die er dabei spielte, nachhaltige Spuren im Charakter des jungen Prinzen zurückgelassen. Prinz Tschun war auch dazu ausersehen, an dem Grabmonument .Kettlers, das nach den Boxerunruhen die Deutschen auf Kosten der chinesischen Regierung an der Stelle seines Todes errichteten, das feierliche Sühneopfer zu bringen. Eine große Gesellschaft, die Mitglieder der diplomatischen Korps in Peking und die Höchsten chinesischen Beamten waren versammelt, als der Prinz mit stolzer Würde den altehrwürdigen dreifüßigen heiligen Opferpokal mit beiden Händen emporhob und die feierliche Handlung vollzog. Trotz seiner großen Selbstbeherrschung drückte sich aber dabei- eine gewisse Unlust aus. „Es ist das einzige Mal", sagt Headland, „baß der Prinz mir bei einer Handlung nicht das gern zu tun schien, was er tat. Ich möchte hier hinzufügen, daß die Chinesen das steinerne D enkntal als das Monn ment bezeichnen, das von der chinesischen Regierung znr Erinnerung an den Mann errichtet wurde, der Baron von Kettler ermordete!" Nach seiner Rückkehr wurde Tschun eine populäre Persönlichkeit in Peking, und eti war häufig dazu ausersehen, die Regierung bei einer öffentlichen Feierlichkeit zu vertreten, besonders wenn auch Vertreter der fremden Mächte dabei zugegen waren. DieKaiserin-Witwe verheiratete ih» mit der Prinzessin Tsai-Tschen, der Tochter eines hohen Mandschu!- heamten und besonderen Günstlings der Kaiserin Jung-Lu. Zum Schluß seiner Charakteristik faßt Headland seine Ansicht dahin zusammen, daß Prinz Tschun Gelegenheit hatte, die Welt besser kennen zu lernen als irgend ein chinesischer Monarch oder Regent, der vor ihm über das Reich der Mitte geherrscht, und daß er diese Gelegenheit wohl benutzt hat. „Er ist eng vertraut mit dem diplomatischen Leben und hat sich eine bedeutende Kenntnis ter äußeren Politik erworben; er ist bei der Einweihung vieler Erziehungsinssitute und anderer, besonders von den Missionen ausgehenden Unternehmungen anwesend gewesen und dadurch in persönliche Berührung gekommen mit dem Geist und Werk der Missionen nnd der gesamten Arbeit, die die Europäer in China leisten. Außerdem würde ihm in dem Prinzen Pu-Lun ein Ratgeber zur Seite stehen, .der den größten Teil Europas, Japans und Amerikas bereist hat und eine reiche Erfahrung besitzt." Vermifcbtes. * Flickschneiders Frühlingslied. (Frei »ach Uhland.s Ein Leser in Ludwigshafen sendet den „M. N. N." einen Zeitungsausschnitt mit nachstehendem Gedicht: leider sei der Verfasser des Liedes und das Blatt, ivoriu das Gedicht gestanden hat, nicht bekamrt. EZ tontet: Die linden Lütte sind erwacht, Niin mutz ich trennen Tag und Nacht, Was mir die Kunden senden. Kem frischer Stoff, kein neues Tuch, Doch alte Holen und Röcke genug. — Nun mutz ich alles, alles wende n. Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Was lange verborgen im Schranke lag Blüht aut unter meinen Händen. Ter lleberzieher und der Frack, Die Weste unb das Hosenwrack — Nun mutz ich alles, alles ro en b e n! * Das H uud e p ar ad i e s. Aus Paris wird berichtet: Während der Siegeszug des Automobils die Seinestadt zu einem Schattenreich überflüssiger Pferde werden läßt, haben die Hunde goldene Zeiten und die eleganten Pariserinnen tun alles, um ihren kleiircn Lieblingen das Leben zu einem tvahreil Paradieses- daseiit zu machen. Der kleine Schoßhund gehört längst sozusagen zur Toilette der vornehmen Pariserin; er begleitet sie bei ihren Besuchen, bei den Einkäufen und bei den Spaziergängen. Den kostbaren kleinen Tieren mutet es die liebevolle Herrin nicht zu, in dem aufregenden Getriebe der Großstadt die eigenen Beine anzustrengen; sorglich trägt sie sie auf den Armen, meist aber im Muffe, nnd manche Modepsychologen erkläreit die gewaltigen Dimensionen der modernen Muffs aus der Sorge der Pariserin, ihrem geliebten Schoßhündchen einen molligen und bequemen Platz ztl gewähren. Gegenwärtig sind die kleinsteil Spitzrasseil am meisten bevorzugt. Mme. Edmende Rostand hat jetzt einen reizenden kleinen schwarzen Spitz für 1000 M. gekauft und im Chenil des Pyrenses, dem berühmten Pariser Hundeladen, wurde am Donnerstag ein winziger brauner Spitz für 1200 M. verkauft. Eine zeitlang waren kleine englische Bulldoggen in Mode, aber ihre Ehrentage sind dahin und heute kann m'an sie für 100 M. kaufen. Dagegen werden belgische Griffons sehr gesucht, denn sch verbinden mit ihrer Intelligenz die nötige Körperkleinheit, die der Pariserin es ermöglicht, ihren kleinen Freund bequem im Muff nnterzubringen. Aber die Pariser Damen sind nicht die einziges Klmden der Hnndehändler. Bei seinem letzten Besuche in Paris kaufte der König von Spanien ein Paar entzückender kleiner japanischer Spaniels, für die er die Kleinigkeit von 4000 M. bezahlte. Wenige Tage später erwarb Königin Margherita von Italien in Paris eine kleine englische Bulldogge für 400 M. Der Händler erfuhr erst nachträglich, wer die Käuferin war, beim sonst hätte Königin Margherita wahrscheinlich noch einen erheblich höheren Preis für ihre Bulldogge anlegen müssen. * St a m m b u ch v e r s e f ü r Z i m m crhe r r c n. Wir lesen in der Gerichissaalrubckk des N. W. Tgbl.: Frau Faimi W., eine alte, aber resche Frau, trat ,als Klägerin gegen ihren ge nefenen Zimmerherrn auf und überreichte dem Richter ein Zettel, den sie nach dem Auszüge im Chiffonnier gefunden hatte. „Wollen der Herr Richter die Gnade haben, zn lesen!" Der Richter las nun unter stürmischer Heiterkeit des Auditoriums folgende Ab- schiedsverse: „Meiner liebenswürdigen Zimmerfrau ein Stammbuchvers für ihre künftigen Zimmerherren!" DaM: „Zu fingen nach der Melodie: „Wen'n! i so aufdenk' an mein junges Leb'n" und darunter die Verse: „Wenn du da wohnen willst. So branchst ein' guat'n Mag'», Mußt Alteweibertanz dknf alt nnd neu vertrag'». 's darf di ka z'wider's G'sicht, Ka dumM's Gekeif' genier'n, Sunst wirst vor Aergev grau Bei der gnä' Frau. Sei g'scheit und lach' dazu. Wenn s' mit 'n Bes'n rennt. Wenn sie nichts Heiliger's Ms ihre Möbel kennt. Wenn s' keift bei jedem Tritt: „Sie, Herr, das leid' i rÄt!" Und tut, als wohnest g'rad' Bei ihr ans Gnad'. Laß d' Mte brummen, denk'. Wenn sie uet kepeln tonnt’, Ging s' an verhalt'ner Wut Gottsjämmerlich zn Grund'. Wivd's z' arg, so kündigst halt, Zwei Wochen sein bald nm, Ziehst in ein anders Haus Und d' Hetz is ans." Entrüstet wendete sich die Klägerin gegen die Zuhörer«: „'Da gibt's nix z' lachen. Eine Gemeinheit is, so was z' schreiben!" — Richter: „Das dürfen Sie nicht sagen!" — Der Angeklagte, ei« weißhaariger alter Herr, meinte lächelnd, er habe die Vers« geschrieben, weil er seinem Aergev Luft machen wollte; ob sie aber auf Frau W. gemünzt waren, müßte erst bewiesen werden, auch könne, er nichts dafür, daß Fran W. den Zettel alle« Leuten zeigte. Wenn er boshaft wäre, könnte er jetzt Fvaa W. wegen des Wortes „Gemeinheit" verklagen, und wenn sie aus ihrer Klage bestehe, werde er es auch tun. — Klägerin: „Na, na, da trifft mi der Schlag! Da ziag i lieber alles z'ruck!" Und damit stürzte sie zum Saale hinaus, woraus der Richter den lächelnden Stammversdichter freisprach. Diama»triitfel. In die Felber nebenftefjenber Figur sind die Buchstaben a c c dddeeeehi i i k n n n s s s s s t 7. derart einzMragen, daß die wagerechten Reihen folgendes bedeuten: 1. Einen Buchstaben. 2. Naturprodukt. 3. Ein Raubtier. 4. Englischen Dichter. 5. Ein Mineral. 6. Nebenfluß des Neckars. 7. Einen Buchstaben. Die senkrechte und wagerechte Mittelreihe ergeben da? Gleiche, Auflösung in nächster Nummer- Auflösung des Telegraphen-Rätsels in voriger Nummer r Die Leidenschaft flieht, Die Liebe muß bleiben; Die Blume verblüht, Die Frucht mutz treiben. Schiller. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brnhl'schen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gieße«