1909 — Nr. O Auf Liebespfaden. Roman von H. Ehrhardt. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) XIII. Ja, das Fastnachtsspiel war aus. Hans von Hassingen sagte sich das selber, als der Aschermittwoch eintönig und nüchtern! verstrich wie all jene Tage, ehe er Lena von Rieding gefunden hatte. Er brachte allerlei Prosaisches mit sich. Früh eine Konsul- tation bei Doktor Barowsky, der ihm völlige Genesung versprach, wenn er sich ihm auvertrauen Ivvllte, in der Mittagsstunde anstatt des Bummels auf der Wilhelmstraße eine unerquickliche Auseinandersetzung Mit dem Oberstabsarzt, der ihn sehr ungnädig entlieh, eilt sehr verspätetes Mittagsbrot, bei dem der kleine Artillerist fehlte, und ein halber Tag in dem ungemütlichen, Möblierten Zimmer mit einer durch starke Schmerzen erzwungener Bettrlihe und großer Langeweile. Da 'war cs natürlich, daß er meinte, die letzten Karucstals- tage nur geträumt zu haben. Er hatte keinen von der Gesellschaft zu Gesicht bekommen, da er dem Rendezvousplatz der Badegäste ferugeblieben war. Ob Frau von Rieding ihn vermißt haben mochte? Etlvas neugierig war er auf die Wiederbegegnung mit ihr. Tu gegenseitigen Geständnisse hatten doch eine tiefe Kluft zwischen ihnen gerissen und in ihnen beiden Erinnerungen wach- gerüttclt, die notgedrungen als Gespenster ihren Schatten in ihren Verkehr werfen mußten. Ihm stieg ja, so oft er daran dachte, so tote gestern bei ihrer Erzählung siedend heiß das entstörte Blut zu Kopfe ob der Schmach, die eilt Mann dieser Frau für ihre Liebe geboten hatte. Keinen Moment kamen ihm Zweifel an der Wahrheit ihres Bclcnntnisscs, es erklärte ihm vieles, was ihm rätselhaft an ihr gewesen, er begriff, daß einer Fran sehr viel Jugend und Lebens mut durch ein solches Erlebnis geraubt werden mußte. Aber er war nun doppelt froh, daß er iHv ehrlich von seiner Liebe zu Helene Falk gesprochen hatte nnd dadurch der Versuchung entgangen war, ihr ein laues Gefühl anzubictcn, wo sie sehnsüchtig nach einem ganzen Herzen suchte. Ein wenig beklommen machte ihn freilich die Vorstellung, sic könnte gehofft haben, bei ihni ihres Herzens Heimat zu finden. Cs hätte ja alles so schön gestimmt. Der Altersunterschied war vielleicht etwas zu gering, dafür aber war er vernünftiger! und ernster veranlagt als andere Offiziere in seinen Jahren, er würde in ihrer Ehe nicht unliebsam fühlbar werden und sonst - alle würden ihn beneiden, nicht nur trnt die Millionen, sondern auch nm die Frau, Hunderte würden ihm ins Gesicht lachen, erzählte'er ihnen, wie -er gehandelt, aus übertriebenem Ehrgefühl, aus unbestechlicher Wahrheitsliebe viel mehr noch, als »veil er einer aussichtslosen Liebe nicht die Treue brechen wollte. Er konnte eben nicht aus seiner Haut heraus, er liebte auch die Schleichwege nicht. ES galt jetzt eben, sich mit Geschick in die veränderte Situation zu finde», die von der jungen Frau mit dem förmlichen Abschiedsgruß bereits gekennzeichnet war. Er hatte sich innerlich damit abgefnnden, als er am nächsten Tage tont Arzte aus der Wilhelmstraße zustrcbtc. Im Vorbeigehen warf er einen suchenden Blick in die Sonnen- Beuger Straße hinein und prallte dabei fast mit Leutnant Keßler zusammen, der hastig um die Ecke der Taunnsstraße gebogen war und beim Anblick Hasjingens freudig überrascht stehen blieb. Sein Gesicht war leicht gerötet, seine Augen belebter als sonst. „Sagen Sie bloß, Mensch, sind Sie denn seit vorgesternl in ein Mauseloch gekrochen oder wo stecken Sie denn? Kommest Sie, wir gehen erst mal auf die andere Seite hinüber, hier sind mir einige. Ohren zu viel für vertrauliche Mitteilungen." Er nahm den Kameraden unter dem Arm nnd redete beim Ueberschreiten des Fahrdamms weiter: „Tie Exzellenza mit den sündigen Augen hat effektiv schon geglaubt. Sie wären mit der reizenden Frau von Rieding durch- gegangcn, wär noch nicht der schlechteste Streich gewesen, den Sie ausführen konnten, aber daß Sies nicht getan, wußte ich im voraus —" „Die Frau soll ihre Zunge hüten!" unterbrach Hassingen den anderen mit finster gerunzelten Brauen. „Sic ist, weiß Gott nicht wert, Frau von Rieding die Schuhriemen zn lösen." „Glaub ich gern, Hassingen, aber machen Sie mal was gegen gehässige Weiberzungen! Nimmt man die Rivalin in Schutz, 0 weh! Da hat man natürlich auch mal ein Verhältnis mit ihr gehabt oder möchte gern eins anfangen. Del ins Feuer! Und gar heut, wo Frau von Riedings plötzliche Abreise eine so herrliche Gelegenheit zu den abenteuerlichsten Vermutungen gibt." „Frau von Riedings Abreise?" Hans von Hassingcns Gesicht sah im Moment vor Staunen wenig geistreich aus. „In, davon weiß ich ja noch gar nichts," „Davon weiß er gar nichts?" wiederholte der kleine Offizier mit seinem tragischen Augenaufschlag. „Das ist ja stiedltch, ich bin immer mehr davon überzeugt, daß Sie die letzten zwei Tage unter der Erde verbracht haben. Ja, abgereist ist sie! Und zwar endgültig mit Sack und Pack, mit ihrer Jungfer nnd ihren Millionen. Dringende geschäftliche Angelegenheit, schreibt sic iit ihrem Abschiedsbriefe an die Feindin, ist wohl nur ein Vorwand, cs paßt ihr wahrscheinlich nicht in einem Jntriguenfpiel, dessen Fäden die liebe Exzellenza soeben in die Hände zu nehmen begann, das beklagenswerte Opfer zu spielen. Oder wissen Sie einen anderen Grund, Kamerad?" Hassingen blickte grüblerisch vor sich hin auf den sonncnbc- strahltcn Weg. Er war noch zu überrascht, um sich ein klares Bild schaffen zu können. Mit der Möglichkeit, daß Lena von Rieding, wie er einst am Maskenball gefürchtet, einer Fata mor-- gana gleich am Horizont seines Daseins auftauchen und wieder verschwinden wurde, hatte er nicht mehr gerechnet. „Säe sehen mich .ganz verwirrt, Keßler!" sagte er, instinkti dem belebten Teil der Straße ausweichend und in den Weg ai der Theaterkolonnade einbicgend. „Ich habe mich vorgestern nachts in aller Freundschaft von Frau von Rieding verabschiedet, und ich 170 Tann mW nur wundern, daß sic mir keine Mitteilung ihrer Abreise zugehen ließ, über die Abreise an sich wundere ich mich nicht so, warum sollte nicht eine geschäftliche Angelegenheit ihre Anwesen- $eit in Berlin erfordern." „Na, darüber ließe sich ja streiten, mein Lieber," äußerte Leutnant Keßler gelassen. „Mich interessiert das eine am meisten dabei, daß Sie sich diese unerhörte Gelegenheit zum' Glück haben entschlüpfen lassen. Sie hatten wohl doch, wie ich Ihnen schon prophezeite, zu wenig Temperament für die Frau. Schade, ich hatte sie gerade Ihnen gegönnt." Das letzte sagte er mit einem so humoristischen Augenblinken, daß Hassingen trocken einwarf: „Es ist zu gütig von Ihnen, Kamerad." Sic bummelten noch eine halbe Stunde planlos durch den Kurpark, in dem schon das erste Frühlingskeimen sich regte, und Hassingen überließ dem Artilleristen völlig die Unterhaltung. Er war etwas zerstreut und war mit seinen Gedanken intensiv bei Frau von Riedings plötzlicher Abreise. Daß sie so heimlich gegangen, wurmte ihn doch gewaltig. Und ganz flüchtig streifte ihn eine Ahnung, als hatte seine Person doch mehr mit ihrer Flucht zu tun, als er selber glaubte. Hatte er sie durch seine Offenheit beleidigt? Oder durch das Verlangen nach ihren Lippen, als sie Abschied genommen? Erst jetzt fühlte er die Taktlosigkeit, die darin lag, eine Frau küssen zu wollen, der er eine halbe Stunde vorher von seiner Liebe zu einer anderen erzählt hatte. Er hätte sie gern nm Verzeihung gebeten dafür, wenn es noch möglich gewesen wäre. So tief hatte die Sorgenfalte auf seiner Stirn sich schon lange nicht gefurcht wie an diesem Tage. Leutnant Keßler bemerkte es wohl, aber er konnte, wo es Angebracht schien, auch seine Necklust zügeln, er sagte nichts darüber. Nur zum Abschied meinte er: „Lassen Sie sich wieder Mal in unserem Kreise sehen, Hassingen, schon der bösen Zungen wegen!" Der blonde Offizier nickte zustimmend und versprach gegen Abend in die Bodega zu kommen. Bei seiner Heimkehr fand er unter der wackligen Blumenvase einen Brief vor Mit dem mattlila Siegel und dem Vcilchendnst, der diskret das ganze Zimmer durchzog. j Seine kräftige Hand zitterte merklich, als er den Umschlag anfriß. Ter gelbliche Bogen enthielt nur wenige Zeilen, die ihm nichts Neues mehr sagten. Eine geschäftliche Angelegenheit erfordere ihre Abreise, und sie bedanre, sich nicht persönlich verabschieden zu können. Nicht mal ihre Adresse hatte sie beigefügt. Es war für sic eben nur eine Karnevalsepisode gewesen, die im Grau des Alltags zerrinnen mußte. Aber beut- jungen Offizier hatte sie den Geschmack an allen anderen Amüsements ähnlichen Genres verdorben. Die Exzellenz sah sich bitter enttäuscht, wenn sie nach dem Fortgänge der Rivalin erhofft hatte, Hans von Hassingen würde Nun mit fliegenden Fahnen in ihr Lager übergehen. Seit dieser wußte, wie die Dinge lagen, war die alternde, perderbte Frau ihm noch widerwärtiger als früher. Und« auch als sie ihre Taktik änderte und die mütterliche Freundin herauslehrte,. die ihn gern als Schwiegersohn in ihre Arme geschlossen hätte, wurde er immer kühler und zurückhaltender. Er hatte den besten Vorwand für sein zurückgezogenes Leben in der strengen Durchführung der Kur bei Doktor Barowsky, die ihn zuerst sehr anstrengte, allmählich aber wirklich glänzende Erfolge zeitigte, so daß er wenigstens in dieser Beziehung wieder hpfsnungsfroh in die Zukunft blicken konnte. Sonst lebte er ziemlich freudlos dahin. Das Theater bot ihm die einzigen wirklich ungetrübten Genüsse. Helenens Briefe weckten immer zwiespältige Gefühle in ihm. Sie beglückten ihn, aber sie warfen doch jedesmal eine meuei Last auf seine Seele. Während er die Hindernisse zwischen sich und ihr ständig wachsen sah, wurde ihr Vertrauen und ihre Zuversicht immer stärker. Ihr ganzes Sinnen und Trachten richtete sich jetzt auf ein Wiedersehen, das er ihr auf beständiges Bitten hin endlich gelegentlich seiner Rückreise versprochen hatte. Ec wollte eine Rheinfatzrt bis Köln machen und von da aus über Barmen nach dem Harz znrückfahren. Ans einer kleinen Station kurz hinter Barmen wollte er aussteigen und mit dem nächsten Zug zwei Stunden später Weiterreisen. Nun lag für Helene das Dasein wieder int vollsten Sonnenglanz einer schönen Hoffnung. Und auch Hassingen begann sich auf dieses Wiedersehen zu sreüen und es herbeizusehnen. Tie Erinnerung an Lena vvn Rieding war verblaßt, denn er hörte nie mehr Von ihr. Nur einmal wurde er an sie erinnert, als er im Theater an Meisenbergs Seite die schwarzhaarige, zierliche Frau sah, für die Lena so viel Mitleid gezeigt hatte. Sie schien ihre Warnung nicht unchp angebracht zu haben oder vielleicht war sie auch uicht beachtet worden. , Hassingen vermied es, dem Paare zu begegnen, er konnte nicht dagegen ankämpfen, er verachtete Inin einmal solche Frauen, die sich nicht stolz zu bewahren wissen. Wenige Tage später reifte Meisenberg ganz plötzlich ab nach der Riviera, tote er behauptete, weil seinen Nerven Wiesbaden nicht znsage, und die arme, schwarzhaarige Schönheit hatte wieder einmal das Nachsehen. Auch Leutnant Keßler, der um der rotblonden Erika willen 14 Tage Nachurlaub genommen hätte, wurde mitten aus deut Wiesbadener und aus seinem Liebes-Frühling herausgerissen, entkam aber „glücklicherweise" unverlobt, wie er noch, aus dem Coupä heraus mit Genugtuung konstatierte. Das Mädel tat ihm ja leid, aber seit die Mutter eines Tages erklärt hatte, als Dritte im Bunde die Ehe ihrer Tochter verschönen zu wollen, war Leutnant Keßler gegen alle Heiratsgedanken geseit gewesen. Wie es schien, lebte das Schlettausche Ehepaar schon jetzt gc- trennt, die Tochter der Mutter, zwei Söhne bem Vater. Fräulein von Meppen sah den luftigen Neffen betrübt abreisen, aber ihr Salon war jetzt in der beginnenden Saison! voller als je, und auch Hassingen suchte ihn an seinem letzten Sonntag auf und ertappte iich dabei, daß, er zuweilen auf das leise Rauschen und das Geräusch des leichten Tritts wartete, das vor Wochen Lena von Riedings Kommen angekündigt hatte. Bei Fräulein von Meppen nahm er Abschied von Mutter und Tochter Schlettau. Die Alte hätte eine etwas krampfhafte Liebenswürdigkeit und forderte scherzend einen Dank für ihre Empfehlung des „Wunderdoktors". Er küßte ihr höflich die Hand und hatte das unbehagliche Gefühl, einem1 unsympathischen Menschen Tank schuldig zu fein, was ihn nicht gerade ergötzte. Dis kleine Erika sah blaß aus und hätte leicht gerötete Augenlider, sie war wohl doch nicht so oberflächlich, wie cs schien, sondern trug schwer an dem Abschied von Leulnaitt Keßler. „Armes Ding!" sagte Hassingen im stillen, und seine Gedanken flogen zu Helene. Tann nahte der Tag seiner Abreise. Am Nachmittag vorher ging er ein letztes Mal zu seincm Dottor, um pro forma nach feiner Schuldigkeit zu fragen. Noch am Sonntag hatte die Exzellenz ihm erzählt, daß sie selber sich durch einen silbernen Bowlenkrug für die unentgeltliche Behandlung revanchieren wolle, daß aber bei einem jungen Leutnant solche Revanche von dem Doktor weder erwartet noch gewünscht würde. Es kostete Haus von Hassingen all seine Selbstbeherrschung, um ruhig zu erscheinen, als Doktor Barowskh ihm unbefangen! lächelnd eine Rechnung über 150 Mark überreichte. Ter Schlag war doppelt .hart, weil er ihn unvorbereitet traf. Er Hatte so viel Fassung, ehrlich einzugestehen, daß er die Summe im Moment nicht bei sich habe, sie aber bis morgen früh zu beschaffen hoffte. Förmlich geistesabwesend ging er zum Postamt und erbat von seinem! Vater telegraphische Zusendung des Geldes. Er besaß ja nur so viel noch, daß es zur Heimreise gereicht hätte. Wer nie mit des Lebens gemeinster Not gekämpft, begreift nicht, was dieser Schlag für Hans von Hassingen bedeutete. Er dachte gar nichts anderes. Er saß in seinem Zimmer bei den gepackten Sachen und wartete auf den Telegraphenboten und stellte sich mit peinvoller Deutlichkeit beit Schreck der Seinen vor und wußte, daß er diese 150 Mark Kurkosten nie . vom Regiment zurückerhalten würde, da er ja die kostenlose Behandlung des Oberstabsarztes verschmäht hatte. Selbst das Bewußtsein der wieder gewonnenen Gesundheit vermochte ihn Nicht zu trösten. 150 Mark, v Gott, 150 Mark! Zuweilen stöhnte er es leise vor sich hin. Der Abend sank hernieder unb die Nacht kam, aber feine Geldsendung erschien. Er begab sich endlich ohne Abendbrot zu Bett. Als cr die Brieftasche auf den Nachttisch legte; durchzuckte ihn der Gedanke an Helene, an die morgige Abreise. Tie Rheinfahrt ans dem Dampfer mußte er aufgeben, er hatte doch jede Freude daran verloren; ev würde um! 11 Uhr mit dep Bahn fahren. Bis dahin könnte er alles' erledigt haben. Gegen 9 Uhr kaue am nächsten Morgen endlich das Geld. Da packte er zuerst seine Sachen fix und fertig, sagte seiner Wirtin, daß er um 11 Uhr reise und ü-berbrachte Doktor BaWwskY persönlich seine 150 Mark. 171 Seht junges Gesicht sah starr unb hochmütig auch als er die acht Goldstücke auf das grüne Tuch der Schreibtischplatte legte rind einige förmliche Dankesworte sprach. Der Arzt trug wohl kaum' die Schuld, aber es lag doch eine bittere Ironie darin, daß die reiche Hofumrschallin eine Unentgeltliche Behandlung genossen hatte und der arme Leutnant seine Kur so teuer bezahlen mußte. Gedankenvoll schritt er dann ein letztes Mal durch das schöne Wiesbaden, über das der Frühling schon lichtes Grün und bunte Blüten gestreut hatte. Seine Gesundheit hatte es ihm lrohl zurückgegeben, aber was er sonst noch unklar erhofft, war xs ihm schuldig geblieben. (Fortsetzung folgt.) Das Volkslied in Oberhessen. Bon Pfarrer O. S ch ulte, Großen-Lindeu. IV. Ganz besonders groß ist die Zahl derjenigen Lieder, die vom Scheiden zweier sich liebenden Herzen handeln. Bon jeher hat ja dies für die Dichtkunst und Tonkunst einen dankbaren Vorwurf gegeben. Am ergreifendsten klingt der Schmerz aus dem folgenden Siebe, das musikverständige Gebildete wohl von der 2. Strophe an kennen. Tas Sieb wird sowohl im Vogelsberg, als auch um Gießen und in ber Wetterau gesungen!. Text nnb Melodie! der folgenden Fassung stammen aus Petterweil in der Wetter au. Sichrer Jann hat sie uns gesandt. 1. i Hab' ge - liebt dich oh - ne En - de, hab' dir nichts zu 's Und du drück'st mir stumm die Hän-de, und tut fängst zu fl u . iring I ‘n.1? ! ° wei-ne nicht und geh' nicht fort, an mei - nein Her - zen ist der schön - ste Ort. 2. Wie die Blümlein draußen zittern. Wenn die Abendlüfte weh'n, — Und du willst mir's Herz verbittern. Und du willst schon wieder geh'»! : O bleib' bei mir und geh' nicht fort, An meinem Herzen ist der schönste Ort. :,t 3. Und da draußen in der Ferne Sind die Menschen nicht so gut, Und ich gab für dich so gerne Ja mein Sehen und mein Blut. :,: Ach bleib' bei mir und geh' nicht fort. An meinem Herzen ist der schönste Ort. :, : Nicht minder rührend hat mir auch immer das in Oli erliessen überall gekannte Sieb: „Es welken alle Blätter" geschienen Auch bie Svlbaten, bic ja mitunter auch Volkslieder fingen' lieben es Es gibt dem Schmerze des Burschen darüber Ausdruck, baß ber Schatz ins Kloster gegangen ist. Ich habe es in Beuern bei Gießen aufgeschrieben: -I 1. Es hier - feit al - le Blät - ter, es fal-len ol = [e_ ob, beim mein Schatz hat mich ber - las - fen, denn mein Schatz hat mich ber - las - fen, daö krän-ket mich so sehr. 2 Ins Kloster wollt' sie ziehen. Wollt' werben eine Nonn'. Ei, so will ich die Welt durchreisen, : ,t Bts daß ich zu ihr kontm'. 3. Ink Kloster angekommen, Ganz leise klopft' ich an: Gebt heraus die jüngste Nonne, Tie zuletzt ins Kloster kam." 4. „Ist keine angekommen. Wir geben auch keine heraus, Tenn wer drin ist, ber muß brüt bleiben, Im schönen Gotteshaus." In Großen-Buseck und aueh sonst noch kennt man noch eins fünfte und sechste Strophe: 5. Dort staub sie in ber Ecke, Schneeweiß war sie gekleib't, Ihr Haar war abgeschnitten. Zur Nonn' war sie bereit. 6. Was trug sie unter der Schürze? Zwei volle Flaschen Wein. Gebt sie hin mei’m Herzallerliebsten, Ties soll der Abschied fein. Aber man soll nicht glauben, daß ber Oberhesse nitr das! wehmütige ober innige Siebeslieb kennt. Er hat auch fröhliche, lustige. Tas folgende bringt bie Freube über ben gegenseitigen! Besitz zum Ausdruck. Man benke sich das Bild: Draußen hat der Schnee Berg und Tal mit seiner 1 neigen Decke überzogen!. Drinnen in der Stube sitzt, das Mädchen am Spinnrad, das schnurrend sich dreht. Die Ahne, ber Abfall vom Flachs, fliegt! ihr babei in die Schürze. Neben ihr ist ber Bursch, ber mit ihr gebt, mit ihr Bekanntschaft hat, unb fröhlich stimmt er an; 1. Möd-che, 'swird Win-ter, inach's Stiib-che frei warm. setz' dich hin- tern O - fen und nimm mich in die Arm'! Dann nehm' ich, Mäd-che, dich auch in die Arm',Friert'Sanchim Win-ter, die Lie-be macht warm, die, die Lie-be macht warm, bie, die Sie - be macht wann. . 2. Mädche, 's wirb Winter, wie hoch liegt ber Schnee, Weiß wie dein Füßche deckt Täler unb Höhen. Horch', wie ums Hänsche ber Sturmwinb wild pfeift! Täler nnb Höhen finb dicht zugeschneit, sind dicht zugeschneit. 3. Du spinnst, mein Mädchen, ein Fädchen wie Wachs. Mit Gold und Silber geziert ist dein Flachs, Es fallen die Ahne dir wohl in den Schurz, Tas macht uns im Winter : bie Nächte so kurz, bie Nächte so kurz. Tas Sieb stammt aus Eichelhain, aber es würbe auch früher, weingftens in ber Nähe Gießens, z. B. in Wiesest, gefangen, wo- uM eine vierte, aber ganz unb gar nicht passenbe Strophe bei- gefügt ist. Auch bie Leidenschaftlichkeit ber Siebe kennt bas Volkslieds Tavon gibt ein Beispiel baS folgende Sieb, bas ich in Beuern! aufgeschrnchen habe und bas manche für bas schönste unter den! Bolkslrebern erklären. Mau legt sich ben Inhalt so zurecht: Ein Bursch liebt ein Mädchen. Aber dieses schwankt in feiner Neigung zwischen ihm unb einem reicheren. Ta strömt ber Bursch in stürmischer Erregung seine Siebe aus: 1 | Es woll - te sich ein - schleichen ein küh - les 's Geh'hin zu dei-nes » glei-cheu, du sollst mein I ' w! “• ** «> 172 •b. Italienische Provinz, dlrabischen Titel. in nächster Nummer - I Eine dreifache Blüte dagegen ist sehr selten, denn mit der Bildung der überzähligen Blütenblätter verliert die Blume ihre Staubfäden und damit die Fähigkeit, sich fortznpflauzeu. De Bries hat in dieser Richtung mit Gänseblumen erfolgreiche Versuche unternommen. Die gewöhnliche Art enthält pro Blüte 13 bis 21 Blumenblätter und Staubfäden. Bei der Zucht erhielt de Vries eine große Anzahl Typen mit 13 21 Staubgefäßen, jedoch I schließlich auch einige' mit 34. Er säte diese letzteren fort und I erzielte eine Blume mit 34 -36 Staubgefäßen; auf diese Art I erreichte er schließlich die doppelte Blume ohne Samen. Unter I welchen Einflüssen diese Umwairdlung sich vollzieht, ist heute I noch nicht erkannt. In manchen Fällen jedoch scheint eine wirk- l liche chemische' Reaktion vorzuliegen. Die beiden Arten, die ge- I kreuzt werden, enthalten je eine Substanz, die beim gegenseitigen I Auseinanderwirken eine Farbe erzeugen, die. in keiner der beiden I ersten Arten enthalten ist. Man hat dies Phänomen bei den I Platterbsen bereits beobachtet; Bontzou hat mit zwei nicht roten I Arten eine rate Bastardpflanze erzeugt. Die Erkenntnis diesev I Möglichkeit hat dann rasch zu verblüffenden Umwandlungen ge- I führt. Indem man die vereinzelten willkürlichen Bildungen der I Natur sammelte und fortpflanzte, gelang die Züchtung von Arten, I die unseren Vorfahren als ein Märchen erscheinen wWdeu: in I Amerika hat man z. B. Nüsse ohne Schale gezüchtet und ebenso I Pflaumen ohne Kerne, genauer gesagt, Pflaunten, in denen die I Mandel keine harte Schale hatte. Selbst der Duft der Blumen I ist durch Züchtung wandlungsfähig. Man hat Dalicn mit Mag- I noliendnft erzeugt. Nur in der Chrysanthemen- und in der I Orchideenzucht hat man nach Ansicht Professor Blaringhems bisher I feilte wesentliche Erfolge erzielt. Die ersten großen japanischen | Chrysanthemen, die zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts I nach Europa kamen, stehen den prächtigsten Erzeugnissen der I modernen 'Chrysanthemenzucht nicht nach und auch bei den Orchi- I beett haben die Züchter trotz aller Bemühungen keine wesentlichen I Resultate erzielt. Und nicht viel günstiger liegen die Verhältnisse I auch bei bett meisten anderen Blumenarten; Professor Blaringhem I Hat die hölländischen Bilder des siebzehnten Jahrhunderts darauf- I hin untersucht und gefunden, daß die dargestellten Blninen den I heutigen völlig gleichen."______________ I vermischter. i. --2. 3. -------- 4. Auflösung Magisches Quadrat. In die Felder nebenstehenden Quadrats >mo die Buchstaben A A B B D E E E E I I M B BRR derart einzulragen, daß die ivagrechten u. senkrecht.Reihen gleichlätttend folgendes bedeuten. Eine Ruilurpflanze. Stadt in Norbholland. nicht, wenn gleich das Herze mir bricht, stet und be- * Schlecht e s Gedächtnis. In einem interessante,j Schristchen, das im Verlag von Johann Ambrosius Barth-Leipzig ersehieuen ist, erzählt A. Piek mehrere tuteressanle Fälle von Gedächtnisschwund: „Boerhave, der berühmte Kliinker (1668 bis 1738) berichtet den Fall eines spanischen Tragikers, der nach einem schweren Fieber nicht bloß alle ihm früher bekannten Sprachen, sondern auch deren Alphabete vergessen hatte; es wurden thnt fmte Gedichte und Dramen gezeigt, doch war es unmöglich, ihn davon zu überzeugen, daß es seine Schöpsungen seien. Später begann er wieder zu dichten, und die Verse waren seinen älteren Dichtungen so ähnlich, daß er dadurch zu dem Glauben bekehrt wurde, deren Autor zu sein." Als Seilenstück hierzu wird von Linuö.berichtet, daß er im Alter, als er seine eigenen Werke las, ost attsrtes: „ Wie interessant, wie prächtig! Ich wünschte, ich hätte das geschrieben.. Es entspricht dieser Fall der auch sonst von lilterarisch lange Zett tätig Gewesenen berichteten Erscheinung, daß ztilveilen einzelne ihrer allen Prodnkle für sie jede persönliche Note verloren haben. So berichtet Laycock von Walter Scott, daß er, als eine Dame einen der Gesänge aus seinem „Piraten" ans seinem Schloße sang, sie nach dem Namen des Dichters fragte. Diese von Scott berichtete Tatsache erfährt eine interessante, Erweiterung durch cme andere über diesen Dichter berichtete Geschichte. Scott hatte die Erinnerung an ein während einer schweren Krankheit geschriebenes Weik so sehr cingebüßt, daß er sich an keinen einzigen Vorfall oder Charakter erinnerte; der Fall ist um so bemerkenswerter, als Scott das ihn, ans seiner Jugend bekannte Gerippe der ratsachcii, die im Ronian Verwendung gesunden, in der Erinnerung behalten, ober nichts von all dem, waS er als Romanzier hinzugetau. * Mitleid. Geschworener (voMI Gericht zurückkehrend). „Vierzig Jahre Znchthans haben wir in dieser Sitzung verhängen müssen; ist das nicht schrecklich?" — Fran: „Ach J«, da bist dn doch gewiß recht inüdc, Männchen?" * Läßt tief blickcn. Sepp (im Wirtshaus): „He, Acicht, wach auf!" — Michl: „Js denn b' Predigt schon ans? ---4—j--—~---Ä---e--4-----’Z-J--i----- ~--I ständig sollst du sein. Du sollst mein ei-gen sein. 2. Wir sein noch jung an Jahren, Soll'n auch nicht traurig sein, Müssen auch noch viel erfahren, Müssen auch Soldaten sein, Wir müssen zichu wohl in das Feld, Bekommen Säbel und kein Geld. Dgs macht uns Burschen viel Herzeleid, Ten Mädchen große Freud'. 3. Ich hört' ein Vöglein pfeifen, Das pfeift die ganze Nacht, Vom Abend bis zum Morgen, Bis daß der Tag anbrach. . , Schließ' du dein Herz wohl tu das wem, Schließ' eins ins andere hinein! Daraus soll wachsen ein Blümelein, Tas heißt „Vergiß nicht mein"! In den Volksliedern aus der Pfalz, Band I, S. 172, Kaiserslautern 1909 steht das Sieb ebenso taktiert, und es findet sich dort am Schlüsse die Bemerkung: „Em treffliches Beypiel.für die Willkür, mit der das Volk den Takt behandelt!" Nicht weniger als 14 mal (wenn man die Wiederholung mitrechnet) lvechselk er ja Die Tatsache aber, daß das Volk, wie in dem genannten Buche angeführt ist, in 33 OEen der Pfalz ebenso taktiert singt, stu Vereine mit der Tatsache, daß das Volk bei uu» genau ebenso tut, sollte doch einmal dazu anregen, uachzuforichen, ob nicht doch das Volk noch einen andern Rhythmus (oder Gesetz) als den Takt in einigen seiner Lieder kennt. (Vgl. hierzu das auch oben über den Takt gesagte). — et«tt „frei haben die Volkslieder aus der Rheiupfalz „treu", was wohl auch richtiger ist Die 3. Strophe ist von wiiuderbarer Schönheit und gibt ein altbekanntes Bild wieder: „Schließ du Mem Herz, woh in das dein, schließ eins in's andere hinein, daraus soll wachsen ein Blümelein, das heißt „Bergißnichtmetn . Die Wunder der Blumenzucht. Auflösung des Zstcitcn-Rätscls in vorigerNummer: Nur wer sich selbst verläßt, d e r i st v erlasfem C.K. In einem fesselnden Vortrage über die Veredelung I und Umwandlung der Pflanzen, den Professor Bla ringh em von der Sorbonne jetzt in Paris gehalten hat, enthüllte per I Gelehrte eine Reihe interessanter Einzelheiten ans der Werkstatt des Blumenzüchters'. Das Treibhaus, das die Natur überlistet, die Pflanzen von bett Jahreszeiten unabhängig macht, und uns mitten int bitteren Winter die duftende Sommerpracht leuchtender Rosen, bunter Nelken, seltsam geformter Orchideen und farbenglühender Chrysanthemen schenkt, hat tnt Bunde mit der Wissenschaft die Blumenfreunde mit manchen „Wundern beschenkt, deren mühevolles Entstehen der genießende Late kaum ahnt. Erst | kürzlich hat mau die Treibhauszucht, deren Ziel es ist, die natürliche Entwickelung der Pflanze zu beschleunigen und zu „forcieren , um ein eigenartiges Verfahren bereichert. 'Ate Treibhanspflanze Muß 'vor ihrer raschen Entwickelung Kräfte sammeln, sich gewisser maßen ausruhen und in einer Art Schlummer die nötigen Triebkräfte, aufspeichern. Ans Grund der Arbeiten von Beruard in Man jetzt dazu gekommen, die Pflanzen zu. narkotisieren, sie werden mit Chloroform oder Aether eingeschläsert und speichern so in dieser Zeit des stockenden Wachstums die Triebkräfte an, die ihrer späteren schnellen Entfaltung zugute kommen. Der erste systematische Versuch zu einer Uniwandlung der Blumenarten ist wn einem d euts ch e n Forsch e r ausgegaugeu, dem Botaniker Mendel, dar in seinen Versuchen mit wohlriechenden Platterbsen zeigte, daß sich aus drei verschiedenen Arten acht neue feste Typen züchten lassen und dann durch weitere Vermischung 27 mehr oder minder feste fortpflauzuugsfähige Arten. 'Mit vier verschiedenen PlatterbscuarteN ließen sich 32 bezw. 80 neue Varietäten erzielen. Diese Progression der Formenmöglkchkeiteii erklärt es auch, daß man in Frankreich zur Zeit Franz I. 50 verschiedeue Aepfelforten besaß, während man heute gegen 20000 kennt. Aeuyer ordentlich wertvolle Resultate ergaben die Versuche des berühmten holländischen Botanikers de Bries, der zum ersten Male unsere Kenntnis von der „Wandlung der Arten" systematisierte. Wie feststehend bestimmte Pflauzencharaktere auch zu sein scheinen, hin und wieder vollzieht das Spiel der Natur bei einzelnen Exemplaren doch irgend einen Wechsel: gelingt es> diese Pflanze dann abzusoudern, so ist cs nicht schwer, ihre Eigenart zum! festen Typus zu erhöhen. Lemoine z. Ä. sand inmb einen Zufall vor etwa zwanzig Jahren Flieder mit doppelten Blüten: cs gelang ihm, daraus eine neue bisher unbekannte Varietät zu züchten.__________________________________________________________ , Redaktion: K. Ne»rath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- ,md Steindruckerei, R. Lange, Gießen.