Montag den |6. August UM Peter Nockler. Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holz am er. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Der Peter wurde ordentlich angestaunt im Elternhaus der Elise. „Aewlver en Feine hoste der erausgesucht, Elis', — en arig Feine!" Die Elise toitrbe ordentlich stolz auf den Peter. „Gelle, Mutter?" fragte sie. „Ei, der waß jo meh wie unser Schullähre, der! Der red iwwers Werrer, iwwers Veh, iwwers Esse und Drinke nrnh tnip pit ^tnhiprfpr11 Auch der Vater der Elise hatte Respekt vor dem Peter gekriegt. Anfangs hatte er ihn ja mißtrauisch angeguckt. Der war zu zart, „der Elis' ihrer", der hatte kMe Knochen. Dann hatte der Peter ihm doch imponiert. Wenn der Peter auch sonst Ml war, hier bei den wortkargen Bauern wurde der Rheinländer lebendig in ihm. Ein natürliches Taktgefühl gewann die Herrschaft, und die feine Behandlung schmeichelte dem groben Volk und setzte ihn in die rechte Stellung. Er ward überlegen, ohne drückend zu werden. Er ward anschmiegend und wahrte sich doch immer wieder. Eine angeborene Gewandtheit im Umgang, wie sie einem Volksstamme eigen ist, in dessen Adern romanisches Blut fließt, ward noch erhöht durch den Instinkt des Werbenden. Denn zu werben war er doch auch gekommen, der Peter, und als er einmal erkannt hatte, daß er dem Alten Eindruck gemacht hatte, ward- er sich seiner Rolle bewußt. Er wollte sie gut spielen. Er ging gehörig aus sich heraus. Er suchte absichtlich zu imponieren, ganz ehrlich dabei und innerlich!. Er zeigte Interesse für alles, und er hatte es ja auch, wenn es auch sonst nicht seine Art war, es so sehr herauszuhängen. Er sprach mehr als sonst, und er wählte seine Worte, daß sie schön sein sollten, und daß sie gut klingen möchten, das forderte auch! schon der Anstand. Dafür kam man aus der Stadt, dafür ging man tagsüber nicht mit Pferden und Kühen um. Dafür war man doch, immerhin ein viel feinerer Mensch. Denn das ist ein Schneider, das macht sein Handwerk so. Und je feiner die Kleider sind, die er anfertigt, um so seiner wird er selbst, Denn einen feinen Anzug wird ein Tölpel nie liefern können, ein Roher und Rüpel gar nicht. Da hat der Schneider so unrecht nicht, wenn er so philosophiert. Des Menschen Arbeit adelt ihn auch in diesem Sinn. Uebrigens war der Peter auch! noch! in der rechten Stimmung. . Er hatte jetzt geradezu eine Liebe für alles. Und besonders für all das, was die Elise irgendwie anging. Er ließ sich! den Odenwälder Frauen- und Mädchenstaat zeigen, bewunderte und lobte; und heimlich! wunderte er sich über den steifen Schnitt der Männerkleider. Sehr zu loben fand er die hohen Betten, die aufgetürmten Beitkissen, die bunten Bettvorhänge, das selbstgesponnene Leinen. Die Elise war ihm heimlich dankbar, daß er alles so schön zu sagen wußte und alles so lobte. Das machte die Eltern stolz, und sie freuten sich. Sie hatte ein wenig Angst gehabt, es werde ihm nicht gefallen daheim bei ihr, und er werde spötteln oder ganz still sein zu allem und! werde auch sie nach der häuslichen Einfachheit und Bäuer- lichkeit beurteilen. Denn die Stadt hatte sie gar nicht wenig verwöhnt darin, und auf manches blickte sie mit stillem Lächeln und schämte sich sogar ein wenig wegen diesem und jenem. Da sie nun sah) daß ihm das Odenwäldlerische gefiel, ließ sie sich auch leicht von der Mutter überreden, ihren „Staat" anzuziehen, der noch neu und so, wie sie ihn damals von Mainz heimgeschickt hatte, in der Kiste lag. Es sei doch auch „Wege de annern Leit", sagte die Mutter. Denn man sah im Dorf die städtischen Kleider nicht gern und sah ein Mädchen, das sie trug, leicht als Abtrünnige an, die sich stolz machen wollte, — und über die anderen überheben. Und dafür zahlten die meist bösen Zungen gehörig heim. Zum Kaffee kam die Elise mit d§m kurzen, blauen Rock, am Bunde vielgefältelt und aufgedickt, die grüne Seidenschürze drüber und das blaue, bestickte Tuchmieder über dem weißen Leinenhemde. Sie hatte sich die Haare hinten fürs Häubchen zurechtgesteckt und sah sehr schön aus in ihrer Bauerntracht. Auch dem Peter gefiel sie. Er sagte es ihr. Und sie zeigte ihm alles noch mal extra, streckte die Füße vor, daß er die dicken, Weißen Schafwollstrümpfe sah, die arrsgeschnittenen Schuhe und die prallen, runden Waden. Und fein zierlich! hielt sie den runden Rock auseinander. „Ich bin von Mitterschhause, Mein Vatter is en Besenbinner, Mer wohne do hinne drauße, Do hinne drauß am Wald —" Das fang sie und drehte sich dabei inder Stnbe herum, und als sie fertig war, machte sie dem Peter einen Knix. Rach dem Kaffee stopfte der Vater die Pfeife frisch, und alle zusammen gingen sie „auf die Mussik". Die Elise wurde von allen Seiten begrüßt, der Peter halb staunend, halb verächtlich betrachtet. Die Odenwälder Burschen mochten den „Stadtkerl" nicht, und je nach ihrer persönlichen Artung bedauerten Und bespöttelten sie die Elise oder machten ihr Vorwürfe. Und andere waren neidisch und eifersüchtig. Und andere Waren ihr feind von nun an und hatten böse Wünsche für sie. * Der Peter hatte sein Teil zu gucken. Die Mädchen all! Aber keines war so schön, wie seine Elise. Sie sahen all schon zu alt aus. Und die Burschen! Die glattrasierten, spitzen Gesichter, 506 — hie kleinen Augen, die dünnen Lippen! Wie sie aNgezogen warendie bunten Hosenträger überm weißen Hemde, das kleine, runde, schwarze Hütchen auf. Die Haare hinten Lang und gerade abgeschnitten. Wie Puschen kamen sie dem Peter vor. So steif waren sie auch. * Und so unmännlich kamen sie ihm vor. Sie hatten alle die reinsten Buben- köpse, so klein und unentwickelt. Und die Haare ins Gesicht gestrichen, kleine Zipfel über den Ohren hervor. So idiotisch war das für den Peter. Der wollte einen rechten .Scheitel und einen rechten „Busch" aufgestrichen, daß es „nach, was pussah". ' । Dazu gingen sie so schwerfällig und unbeholfen. Sie tappten nur so hin. Breit setzten sie sich an die Tische Und rauchten. Sie tranken nicht rasch — auch das erschien schwerfällig bei ihnen, und der Wein, der allerdings schlecht und sauer war, belebte sie nicht. Sie sprachen ihm aber doch zäh zu, sie hatten Ausdauer. Nein, die Odenwälder Burschen gefielen ihm wichst Wer tanzen konnten sie! Sapperment! Da waren sie ganz andere Kerle, wenn sie's Mädel im Arm hatten. Das ging anders wie in Rheinhessen. Alle Bewegungen ruhiger, jeder Bogen vorsichtig und abgemessen, ein wenig zurückgehalten, aber doch ganz hingegeben und mit aller Kraft. Und jedesmal ein Karer, schöner, runder Bogen. Za, ganz anders wie in Rheinhessen. Der Rheinhesse hüpft, wenn er tanzt. Der will vom Boden los. Der will herum. Und wenn er Wein getrunken hat, fliegt er nur so hin. Das ist sein Temperament. Er scheut auch einen Sprung nicht. Und selbst seine Sprünge stehen ihm gut. „Wie Geißböcke," sagen zwar die Fremden manchmal, aber es brächte es keiner so hin. Dabei behandelt der Weinhesse sein Mädchen fein mit Anstand. Er wird ihr Kavalier. So tanzen also immer zwei, deutlich zwei, der Bursche und das Mädchen. Es war hier fast, als tanze jeder für sich. Keiner wich dem anderen aus. Wer sie stießen sich nie, Bursche und Mädchen wie in eins verwachsen, so ging's im Steife wie mit der Maschine. Dem Peter wurde ordentlich angst, da mitzutanzen. Da bekäme er Stöße, daß er flöge tote eine Feder. Denn das ging so mechanisch und sicher und rücksichtslos weiter, btt würde Feiner ausweichen. Er hatte keinen Mut. Wer die Elise ruhte nicht. Er müsse tanzen. Er tat's. O, er hatte seine liebe Not. Die Püffe kamen Von links und rechts. Zuletzt ließ er der Elise die Führung. Da ging's besser, sie brachte ihn durch. t Die Burschen sahen ihn von der Seite an. „Dei Schatz muß es noch e Lißche tarne, Elis'," sagte einer. Die anderen lachten. Der Peter ward rot. „Du kannst nix," sagte ihm die Elise und warf ihn energisch herum. Als der Tanz aus war, wollte er nicht mehr tanzen. Wer das duldete sie nicht. i „Den Walzer unbedingt noch," forderte sie. „Drei Tänze wenigstens." Er tanzte den Walzer. Es ging, weil die Elise gleich die Führung nahm. Der Elise war aber ein dummer Einfall während des Tanzes gekommen: „Schneiderbock, mäh!" Und das wurde sie nun nicht los. Es summte ihr beständig im Kopse herum. Sie hatte Mühe, es nicht laut herauszusingen. Kaum, daß sie's zurückhalten konnte. Sie wollte etwas anderes denken, etwas ganz Fernes Und Fremdes. Wer wie sie auch ansetzte, gleich war's wieder ha: „Schneiderbock, mäh!" Sie lächelte. Und immer weiter ging's im Walzer. Der Peter mußte mit. Pausen gab's da nicht. Ihm schwindelte. Wer die Elise hatte ihn eisenfest. „Geh, schäm dich," zürnte sie. Und weiter ging's. Er hörte schließlich nur noch, wie die Füße gleichmäßig und eintönig hinschliffen. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei. Und er wurde mitgedreht. Er wagte nichts mehr zu sagen. Er schämte sich. Was wohl die Elise von ihm denke? Für einen rechten Waschlappen würde sie ihn halten. Er war ja halbtot. Er hing ganz in ihren Armen. Und sie drehte ihn wie eine Puppe. Der Trompeter schmetterte immer noch wie toll. Ging denn dem Kerl nicht der Atem aus? Und die Elise drehte ihn. In ihrem Kopfe sang's: „Eins, Wei, dreis eins, zwei, drei — Schneiderbock, mäh, Schneiderbock, mäh, mäh, mäh — mäh, mäh, mäh —" Da war der Danz aus. Die Elise lachte, daß es schallte. ' Der Peter war froh. Er taumelte nach seinem Platz. Er wischte sich die Stirn. Kreidebleich war er, und feine Augen waren groß. ,Meh, schäm dicht" puffte ihm die Elise in die Seite. „Das war ein bißchen zu arg," sagte er. Die Alten lächelten. Der Peter hatte sein Ansehen eingebüßt. „Des Schneidern macht halt schwach," sagte der Vater. „Do Haus bei uns in de Berg, do bläst halt doch q gesinder Luft," sekundierte die Mutter. „Des will ich awwer mane. Un Schwarzbrot gesse un en Schnaps, wann de Wind gar ze arig peift, hau, des gibt Knoche," meinte der Vater wieder. Der Peter sagte nichts dazu. Die Burschen zischelten über ihn und wiesen auf ihn. Die Elise ärgerte sich. Aber sie schämte sich! noch viel mehr. Der Peter wäre am liebsten davongelaufen. Er nahm einen Schluck von dem Wein, der essigsauer war. Er schüttelte sich. Die Elise befürchtete etwas Menschliches. „Du wirst doch nit —" sagte sie bedeutungsvoll. „Nein 's ist wieder gut." Dann saß er still. , Alle Freude, alles Glück war hin. Wenn er nur in Mainz wäre! wünschte er sich. Er hatte kein Interesse mehr an all dem, was hier war und vorging. Er saß stumpf da. „Wie ein Häufchen Unglück," sagte die Elise. Dazu wurde die Luft in dem kleinen, niederen Saal immer dicker, schwüler und rauchiger. Sie wollten sich in die Stube nebenan setzen, schlug der Peter vor. Gleich an der Tür war noch ein Tisch frei.। Sie gingen dahin. ! „Du, ich tanz, bleib du nur fitze," sagte d.ie Elise dem Peter ins Ohr, da sie unterwegs waren. Da ging sie auch schon, da drehte sie sich auch schon mit einem Odenwälder Burschen, der sie kräftig und geschickt herumwirbelte. Der Peter hatte Platz genommen und sah ihr zu. Nein, so konnte er's nicht! Ms der Lanz aus war, führte der Bursche die Elise hinaus an seinen Tisch und reichte ihr sein Glas. Dann brachte er sie zurück. „Des geht annerscht, gelle?" sagte er zum Peter. Beim nächsten Tanz tanzte die Elise wieder. Sie fragte gar nicht erst. Sie war unermüdlich. Immer kam ein anderer Bursche, der sie zum Tanz abholte. Der Peter wagte nichts zu sagen. Das Herz war ihm so schwer. So traurig war er. So elend war ihm, als sei er krank. Totperbenskrcmk. (Fortsetzung folgt.) RiKgr um Napoleon. Skizze von Alexander L. Kielland. (Nachdruck verboten.) (Das folgende ist eine der letzten dichterischen Arbeiten des großen norwegischen Erzählers Alexander L. Kielland. Sie entstand 1895, in der Zeit, als Kielland das Material zu seinem letzten Werke: Rings um Napoleon zusammentrug und ganz erfüllt ivar vom Geiste der napoleonischen Zeit, Er schickte die Skizze, die erst 1907 von der Familie des Dichters der Oeffentlichkeit übergeben wurde, seinem Freunde, dem Maler Eilif Peterssen, als Präsent mit einem Briese, in dem es heißt: „Hiermit schicke ich dir als Gegengabe ein kleines Ding, das ich in diesen Tagen während der Bureauzeit unter vielen widerlichen Unterbrechungen geschrieben habe. Die Unbedeutendheit mag einigermaßen durch die Seltenheit ausgewogen werden, da es das einzige ist, was ich seit langen Jahren Lust gehabt habe zu schreiben." Der Bries ist charakteristisch für die Stimmung, die Kielland in den Jahren beherrschte, da er, für die Literatur verschollen, feine Kräfte im Gemeinde- und Staatsdienst verbrauchte. — Die Uebertragung ist von Max Bamberger.) Längst kann man schon eine alte Tretmaschine geworden sein und alltäglich in engem Kteis seinen vorgeschriebenen, 607 — gleichmäßigen Rundlauf hintrotten, — vertieft man sich in die Schilderungen jener großen Zeit um Napoleon, dann überwältigt schon die Lust, diese mit Pulverdampf und glänzenden Abenteuern erfüllte Luft, und mitten in des Alltags kleinem, graugefärbten Ring findet man sich selbst schließlich wieder: warm durch wilde Bilder von Bataillen und Mannesmnt. Mes Erlebte, ja, alles, was man geträumt hat, tvird so bleich, so zahm, und man erkennt es als ein Nichts, — kein Menschenschicksal ist für einen Mann gleich reizvoll, bis zum Taumel berauschend, wie jenes: Napoleon gekannt, unter ihm gedient zu haben. Du fitzest als blutjunger Leutnant aus deinem braven Gaul in der Eskorte des Kaisers, und manche Stunde schon hat die Schlacht um dich gerast. Kolonnen rücken vor, grüßen, entschwinden; zusammengeschossene Bataillone werden zurückgeführt, ralliiert; aus der Gruppe um den Kaiser preschen Adjutanten iiber Stock und Stein. In dem dröhnenden Lärm, in der brausenden Bewegung ist diese Gruppe der ruhige Mittelpunkt. Die Eskorte hält in schnurgeraden Linien dahinter, und du sitzest auf deinem braven Gaul und verfolgst die Schlacht mit deinen Blicken, so gut du das vermagst, ohne den Kaiser aus den Angen zu lassen. Eine Schar Wjutanten ist vorgesandt, er vom Pferde gestiegen; und plötzlich wendet er sich mit einer kurzen Order. Da kommt Bewegung in die Gruppe. Die Generale schauen hier hin, dort hin: „Sire, im Augenblick ist kein Ordonnanzoffizier mehr zur Stelle." Der Kaiser wirft den Blick auf die Eskorte und läßt ihn auf deinem Gaul ruhen: „Reiten Sie nach Paris und melden Sie der Kaiserin: Die französische Armee hat am 14. Oktober eine große Schlacht gewonnen. General Mack ist in Ulm eingeschlossen." Bevor du selbst ein Wort davon weißt, schießt du in gestrecktem Galopp nach rückwärts, dem Standplatz der Reserve zu, über Gräben/ Flugacker, um auf eine Straße zu gelangen. Du begegnest dichten Kolonnen, Geschützen, Kavallerieregimentern, die in Spannung und atemlosem Eifer in die Schlacht eilen. Denn es ist noch nicht später als elf Uhr und die Schlacht just noch in vollem Gang; nur einer hat schon den Sieg gesehen! „Wohin, Monsieur?" „Rach Paris zur Kaiserin! Die Schlacht ist gewonnen!" „Macht Platz! Macht Platz! Er soll nach Paris! Die Schlacht ist gÄvonuen!" Die dichten Kolonnen öffnen sich, all die gespannten Gesichter lachen, sie rufen — dir weit voran fliegt der Ruf: „Platz! Hier kommt einer, der nach Paris soll!" Und alles weicht und macht Platz; Generale wie Kanonen. Du bist mit einem Mal ein Stück von ihm geworden; er hat zu dir gesprochen, und du bist sein Wort geworden, das Wort des Kaisers, das nach Paris fliegt. Du reitest und reitest, nur einen Gedanken im Kopf: vorwärts! Denn eine Weile später sendet er neue Kuriere mit neuen Worten, die deine verschlucken, sobald sie eine einzige Minute vor dir anlangeu. Deshalb: Pferde, Tag wie Rächt; das beste Pferd, das du triffst, nimmst du, und den ersten guten Pelz, den du siehst, denn kalt ist die Oktobernacht, durch deren Dunkel du vorsichtig reiten mußt, während du die Stunden zählst und die Worte murmelst und wiederholst, die Worte, die du wie mit seinem eigenen Munde überbringen sollst, Dahin! Ohne Rast und schier ohne Nahrung, bis du endlich die mannigfaltigen Lichter von Paris am Abend- himmel aufblinken siehst Hinein! In Karriere durch die Vororte, durch die Straßen, darin alles Volk sich jäh nach dir wendet und mit den Taschentüchern winkt; es kennt diese rasenden Ritte, die immer neue Siege, immer mehr Ruhm verkünden, — und glücklich springst du vom Pferd vor der großen Treppe der TUilerieu. „Die Kaiserin!" ,-Jhre Majestät sind in Malmaison!" „Vier Pserde — zum Teufel! — und einen JaHd- wagen!" Du könntest dich nicht eine Meile weiter auf einem! Pferde halten. Durch das Schloß fliegt das Gerücht: eine Meldung sei da Es kommen hohe Offiziere, Atinister, alte Hosherren, die sich dicht um dich in dem Vestibül drängen, während du einen Trunk Wein, ein Stückchen Brot Hinunterschlucksh „Vorgespannt!" Die vier Pserde aus dem Stall der Kaiserin fahren aus dem Hof nach Westen durch Faubourg St. Germain; voran zwei Reiter mit Fackeln. Die Nacht ist schwärz; wird noch Licht im Schlosse sein? Es ist Licht! Licht in allen Fenstern, die durch die vorbeigleitenden Baumstämme schimmern. Und du hörst Musik, wahrend du aus dem Wagen springst Kein unnötiger Hofzwaug hält den Boten des Kaisers auf; im Ml wird dir der Pelz abgenommen, werdell die Sitten aufgerissen; du bist mitten im Saal. Die Musik ist verstummt. Kaiserin Josephine, die in Abwesenheit ihres Gemahls einen Ball gibt, steht vor dir; die ganze Gesellschaft strömt auf dich zu. „Monsieur — Sie kommen vom Kaiser? Geht es ihm gut?" „Seine Majestät der Kaiser haben mir befohlen, Jhro Majestät zu melden: die französische Armee hat am 14. Oktober eine große Schlacht gewonnen." Jubel! Winken! Damen und Herren drücken sich die Hände, umarmen sich; die ganze jugendliche strahlende Gesellschaft flammt in einer unbeschreiblichen Begeisterung auf, indes btt dastehst Und schlingst, als ob du weinen wolltest Die Kaiserin winkt und wieder sollst du sprechen. „General Ulm ist in Mack eingeschlossen." Ein Sturm vo,t Gelächter. Mes scheint um dich zu kreisen; du schwankst; ein paar Herren eilen hinzu, dich zu stützen. „Bringt ihm etwas zu essen," rüst die Kaisern lachend, „schnell Speise, Trank; seht Ihr nicht, daß der junge Mann vor Hunger um fällt?" Hnrtig kommen Lakaien mit einem gedeckten Disch, der unter die Lichterkrvne gestellt wird. Da wirst du herangesetzt in deinen kotigen Stiefeln, in Hosen, auf denett Haare von allen deinen schweißigen Pferden kleben, und sämtliche Teilnehmer des abgebrochenen Balls umringen! dich, und ihre Fragen hageln auf dich nieder. Wer du mußt essen; essen zum erstenmal nach langer Zeit, und niemand verdenkt es dir. In diesem von Eleganz und Schönheit ersüllten Saal ist man an kotige Stiefel, Pferbehaare ttnd zerrissene Uniformen gewöhnt, und die Etikette ist noch nicht steif genug, um diesem plötzlichen Kriegshauch widerstehn zu können, den sie alle im Blute fühlen, sie alle, diese leicht und festlich gekleideten Damen Rasch steigt dir der Wein zu Kopf und du malst eine Schlacht, bereit gleichen noch nie geschlagen wurde. „Da kam Marschall Ney" ... „Ist der Marschall verwundet?" „Rein, Madame, Ihrem Gemahl geht es glänzend!'< Du hast keine Spur vom Marschall Ney gesehen; aber du hast eine Empsindung, als hätte er am rechten Fluß- user eine große Tat vollbracht, und du antwortest nach links und rechts, redest unbekümmert und unaufhörlich/ solange irgend einer noch da ist, der dir zuhören will, und dann endlich — zu Bett! In ein herrliches Bett, worin du erwachst ohne dich zu erinnern, ime du hineinkamst. . . Spät am Nachmittag des nächsten Tages stehst du gemächlich auf und läßt dir Zeit; denn du bist fertig. Mutz Boten haben neue Meldungen gebracht, die die deine verschluckten, und niemand scheint sich noch deiner merkwürdigen Schilderungen von den Einzelheiten der Schlacht zu erinnern, — 508 — Du erhältst eine gewichtige Rolle Gold und die Erlaubnis, dich einen Dag in Paris auszuruhen. „Aber ausruhen soll sich der Monsieur auch wirklich," sagt der Oberst und kneift dich in das Ohrläppchen, — wie er es dem Kaiser abgesehen hat. Zwei Dage später geht es nach Straßburg, von wo du mit der jungen Kavalleriemannschaft zur Armee stoßen sollst. Und neuer Jubel hebt an inmitten der Kameraden, unter deren Erzählungen von der Schlacht deine Erlebnisse zu Parts und Malmaison sich ausnehmen wie ein duftendes Bukett in einem Meer von Blut und Kot. Und doch ist dies alles nichts gegen das, was dir bevorsteht! Wieder sitzest du auf deinem braven Gaul in der Eskorte. Vor dir wimmelt es von goldbordierten Marschällen Und Generalen; du siehst das Pferd des Kaisers schimmern. Nie, niemals to-irb er selbst dich sehen, wie sehr du dich reckst, den .Hals vorstreckst, deinen Gaul mit den Sporen kitzelst. Was war Malmaison, die Kaiserin gegen die Spannung in diesem Moment? Aber seinen Blicken kann nichts entgehen; durch die Menge der Generale treffen sie plötzlich dich. Das berühmte Lächeln gleitet sacht über sein Gesicht, und deutlich spricht er durch die ihn umgebende Stille: „Ah! — Wieder da? — Willkommen!" Und ob dir bestimmt ist, als alter General inmitten deiner Kindeskinder zu sitzen, ob dir bestimmt ist, in Rußland zu erstarren, — dies wird zu deines Lebens Ereignis; und wenn dein Herz zum letztenmal schwillt, wird es sein, weil er mit dir sprach, obgleich du nur ein einfacher Leutnant warst, weil er zu dir sagte: „Wieder da? Willkommen!" — er, er sagte: „Willkommen." Vermischtes. * Der sparsame Intendant. In einem trefflichen Buche, betitelt: „Humoristische Rückblicke auf Berlins gute alte Zeit" teilt Hugo Mauer eine Anzahl Erinnerungen nnd Anekdoten aus den Jahren 1834 bis 1864 mit, die das größte Interesse verdienen. Der Schreiber, der jetzt als Greis von 82 Jahren in Berlin lebt, ist ein Sohn des ausgezeichneten Charakterdarstellers Karl Waner, der einst am Berliner Schauspielhaus reiche Mimenkränze erntete. Das ganze alte künstlerische Berlin wird in diesem Büchlein lebendig, das mit frischestem Humor geschrieben ist. Besonders lustig sind Waners Erinnerungen an einen Vorläufer der Hülsen und Hochberg, an den sparsamen Hoftheaterintendanten Ritter Karl Dheodor v. Küstner, eine der originellsten Erscheinungen unter den Verwaltern dieses Postens. Küstner, der als Intendant in München eine wahrhaft bewunderungswürdige Sparsamkeit -entwickelt hatte, wurde int Jahre 1842 vom König von Preußen nach Berlin be- rusen, und zwar direkt zum „Sparen", was er denn auch gründlich besorgte. Er entfaltete bald in Kostümen und Dekorationen -eine schier unglaubliche Geizerei; so ließ er zum Beispiel für „fürstliche Zimmer" Sofas und Stühle von Kiefernholz unfertigen, von den Dekorationsmalern zu Eichenholz umgestalten und mit Schnitzereien und Sammetpolstern — bemalen! Als Feind aller Renovierungen ließ der Ritter auf dem grünseidenen Vorhang des Theaters einen gewaltigen dunklen Fettfleck von 50 Zentimetern Höhe sich ruhig seines Daseins erfreuen. In der Regel führte die -Sparsamkeitswut Küstners gerade zu ihrem -Gegenteil. So wurde ein grauer Tüchrock, in dessen ungestörtem Alleinbesitz sich zuerst der riesige, breitschultrige Karl Wauer befand, plötzlich zum Mitgebrauch für den alten Weiß, ein kleines, schmächtiges Männchen, bestimmt. Zur Ausgleichung der verschiedenen Körperdimensiouen wurde nun der Rock zu jeder Vorstellung, in der er gebraucht wurde, für einen der beiden Darsteller umgenäht. Dies geschah im ganzen dreißigmal — dann war der Graue eine gräßlich verstümmelte Leiche geworden. Das Beste aber war, daß diese Sparmethode, mit der Ritter v. Küstner die Anschaffung eines zweiten Grauen hatte umgehen wollen, ein sehr sonderbares Resultat ergab: das Umnähen hatte nämlich fast hundert Daler gekostet! Noch schöner trat, wie Wauer erzählt, das märchenhafte „Sparsystem" des Ritters in folgendem Fall zutage: „Der alte Magister" von Benedix sollte zutn ersten Male gegeben werden. Dheodor Döring hatte den Requisitenren den Auftrag erteilt, bei den Trödlern nach einem altmodischen echten „Magisterhut" Umschau zu halten. Da sie keinen auftreiben konnten, machte er sich selbst auf die Suche und entdeckte schließlich auch einen, für den der Trödler einen Daler und zehn Groschen verlangte. Der Ritter fand aber den Preis entsetzlich teuer, und nun begann ein wütendes Handeln zwischen der Intendantur und dem Mühlendammer. Küstner meinte, der. „alte Magister" würde doch höchstens zwei- oder dreimal gegeben, dann hätte man „die alte Schartäke auf'm Halse". Schließlich wurde -ein Pakt geschlossen, wonach der Trödler den Hut an jedem Wend der Aufführung für „acht jute Jroschen" herzuleihen hatte. Das Stück errang einen durchschlagenden Erfolg, und nach der vierzehnten Aufführung schickte der Trödler seine Rechnung über: Vier Taler zwanzig Cilbergroschen! — Nun war der hohe Chef nicht wenig verdutzt und befahl den Ankauf der denkwürdigen Schädel- b-edeckuug. Aber siehe da — jetzt zeigte- der Trödler ganz ohne Scham die tiefe Verderbtheit seines schwarzen Herzens, denn er -entgegnete dem Boten, der einen Taler zehn Groschen für den Ankauf mitbrachte: „I wo werd ick denn eenen Hut, der mir in e-enen Monat vier Dahler un zwanzig Jroschen ingebracht hat, vor -eenen Dahler und zehne ver- koofen? Jetzt kostck der Bibi allerwenigstens zehn Dahler!"• Was der Mann schließlich bekam, weiß Wauer nicht mehr. Tie Charakterstärke Küstners beleuchtet er schließlich noch mit einer kleinen Episode. Bei einem „Herrenessen", das der Intendant Künstlern und Kritikern gab und bei dem seltsamerweise Küche und Keller vorzügliches boten, machte Waners Baler dem Intendanten sein Kompliment für die brillanten Leistungen seines Kochs, worauf der Ritter mit seiner schallenden Tbompetenstimme im schönsten sächsisch die Worte beflügelte: „Nu Spaß! Hähähäh! Sie haben ooch — hähähäh — Sie haben ooch — hähähäh — für'n Taler und zähn Neigroschen uffgegässen!" * V e r ü n g l ü ck t e A n k n ü p f u n g. Alte Jungfer (zu einem älteren Herrn an ihrem Tische): „Sagen Sie, bitte, sind e>ie kurz- oder weitsichtig?" — Er (energisch wegrückend): „Nee — ich bin Sie nämlich bloß — sehre vorsichtig!" * A b w a r t e n. „Mein Bräutigam gefällt mir soweit ganz güt; nur seine Augen sind ein bißchen klein." — „Warte Mi! ab; die werden ihm nach der Hochzeit schon aufgeheu! * Heimgezahlt. Baronin: „Herr Professor, ichJ)ore, Sie haben sich verheiratet. Nehmen Sie meine besten Glückwünsche. Natürlich ein bürgerliches Mädchen?" — Prosthor: „Im Gegenteil, erster Adel des Landes — eine Frau von Geist' * Erklärung. „Was ist denn das eigentlich, ein Natunal- ökonorn?" — „Der beweist wissenschaftlich, warum man keut Geld hat!" _______ Königspromenade« Man dars die einzelnen Wörter nnd Silben nur in Der Weise miteinander verbinden, daß inan — mie der König aus dein Schachbrett — stets von einem Feld mt$ aus ein benachbartes übergeht. Auslösung in nächster Nummer. ge letzten mit die Danken neu sei ivelt über sei nei für keii stär tft das ge gelt arz de den die bet ge er flü । lo hilf (tau hebt ob als sen es feil ihn Auflösung des Vexir-Räisels in voriger Nummer: „Hildegard" (versteckt in den Worten: Schilde gar der). Redaktion: I V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitcits-Buch- und Steindruckerei. R. Lauge. Gießen« £ h t h tz n 8 2 b h t ti t k a t i k $ t r t I i i x <