M9 — Nr. 59 FiTW ^WUsi ÄlfijB ■rflHÄ Spättnghof. Roman von K. v. d- Eide L (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Tine, meine Tochter, was sitzest dn da und simulierst Und spekulierst?" klang Anndortjens Stimme vom Ofen her. „Du bist akkurat so wie dein Vater!" Tine fuhr in die Höhe. „Mutter, da kommt jemand." ■ „Zu uns? Nanu! "Ein Herr mit 'nem Handstock. Wer kann das sein? Wir sind doch niemand nichts schuldig!" Jetzt ging die kleine Haustür auf. Es wurde an die Stubentür geklopft. „Herein!" rief Anndortjen mit heller Stimme, und herein trat Jak Thomsen von Spätinghof. Der junge Mann sah nichr Anndortjens mißtrauisch janf ihn geheftete Augen, er sah nur am Fenster das schlanke, schwarzgekleidete Mädchen mit den wunderbaren Glutaugcn und dem welligen, blauschwarzen Haar. Er sah mit einem Blick alles an ihr, jede Schönheit. Das kleine Ohr, das sich halb hinter dem dunklen Haar versteckte, die feinen Nasen- K, die zu zittern schienen, und den kleinen, roten Mund, ie eine aufbrechende Knospe aussah. Nie war ihm ein Mädchen so leuchtend schön erschienen. „Ihr kennt mich wohl nicht mehr?" fragte Jak und drehte sich nach Anndortjen um und wieder zurück zu Tine. An der Wendung des kantigen dunklen Kopfes erkannte ihn Anndortjen. „Jak, ach Gott, ja. — Nein, was du groß geworden bist! Setz nieder, ich will man schnell 'ne Tasse Kaffee kochen, das Wasser kocht all." Jak setzte sich und sprach mit Anndortjen und sah dabei. Tine unverwandt an. Diese war so verwirrt, daß sie sich kaum regte. „Der Alte ist gestorben?" fragte Jak. „Ja," sagte Anndortjen mit einem klagenden Blick zu der niedrigen Decke hinauf, ,.er ist rein tot. Du hast ihn ja gekannt, Jak. Ein Bauernschlachter, was ist das? Das ist was und auch nichts. Im Frühjahr hat er gegärtnert, im Sommer stand er im Heu und im Herbst in dem Kleigarten. Im Winter aber, wenn das Eis in Zapfen stand, dann bliihte sein richtiges Geschäft. Und Schweine haben sie hier gemästet, ich sage dir, an die vierhundert Pfund. Da mußte er nun vier Wochen vor Weihnachten auf Mutshof das Schwein schlachten. Es wog," — Anndortjens Stimme brach — „dreihundertfünfundachtzig Pfund." Sie wischte sich die Augen mit dem Zipfel ihrer blaugestreiften Küchenschürze und fuhr fort: „Wir hatten einen Frost, daß die Zapfen vor unserem Fenster vom Dache herunterhingen, dazu kam noch der Ostwind. Und mein Alter muß das Schivein draußen auf oie Leiter bringen. Dreihundertneunzig Pfund wog es. Ich kriegte ja ein schönes Stück Speck, aber einen Husten brachte er mit. Und dabei hatte er drei Hosen und drei Jacken an und zwei Tücher um den Hals. Aber ich hab's immer gesagt, die Mannsleute sehen sich nicht vor; nun hab' ich die Bescherung." „Und Tine?" fragte Jak. Seine Blicke verzehrten die schwarze Gestalt, die, unbeweglich mit dem Rücken an das Fensterkreuz gelehnt, ihm gegenüberstand. „Ja, Tine," fuhr die Frau gejchivätzig fort, „das war auch seineSpekularion, das mit dem Nähenlernen. Nun sitzt sie da, als 'ne Braut, die niemand holen will, und ich habe die Last davon. Unsereins denkt doch auch einmal weiter. Ich hab' es ja immer gesagt: Gretjen Lorenz ist noch viel zu gut zuwege, die gibt nichts ab, und zwei Naherschen können sich in Ramstedt nicht nähren. Das beste i|i, Tina geyt in Dienst; denn eine Witfrau, die noch 'ne große Tochter bei sich hat, da greift doch keiner zu. So, nun trii^k man,) mein Jung, hier ist Kandies." Jak tat einen leisen Pfiff durch die Zähne und schlug mit dem Handstock an die Hosen. „Wegen Tine komme ich gerade; ich wollte sie mieten." Seilte dunklen Augen bohrten sich in die des Mädchens. Tine sah ihn wie gebannt an und konnte ihren Blick nicht abwenden. Sie hätte laut rufen mögen: Nein, ich will nicht; aber sie brachte keinen Ton aus der Kehle. „Ja, ich weiß nicht," meinte die Mutter. „Gut haben würde sie es wohl bei euch, das glaube ich gern. Ich habe ja auch eure arme Mutter gehegt und gepflegt und hab' ihr die Augen zugedrückt. Und" daun hab' ich euch hier herüber genommen und habe Buchweizengrütze mit Sirup und Warmbier gekocht. Ja, das hat euch geschmeckt. Was hab' ich davon gehabt? Nichts als einen Dreigroschenstuten, und der war behext." „Mutter!" sagte Tine leise mahnend. „Na, man erzählt sich doch .allerhand von Mamsell; daß sie 'ne Hexe ist, das weiß doch Land und Sand." „Das nehme ich auf mich, Frau Nachbarin. Ich stehe dafür ein, daß Tine nichts passiert. Wiebke Themann ist zwei Jahre bei uns gewesen. Sechsundfünfzig Taler sind doch auch mitzunehmen." „Ja, ja." Anndortjen drehte und wand sich; sie nahm ihren Schürzenzipfel in die Hand und sah sich in der Stube um. Sie konnte aber nirgends ein Stäubchen entdecken; es war alles blank und sauber. „Was macht denn Jan?" fragte sie. „Jan? Der ist gut zuwege." . „Er war ein guter Junge." „Ja, ja." Jak war aufgestanden, er zwang Tine, seinem Blicke standzuhalten; sein Blick sog sich an ihren Augen fest. „Kannst du zum ersten März kommen?" fragte er, als er dicht vor ihr stand. Er fragte laut und herrisch. „Ja," sagte Tine leise; sie >vav wie hypnotisiert. 234 „Schön. Hier hast du das GottsgeE?) nun gib mir dem Dienstbuch." Als ob sie einem inneren Zwange gehorche, gutg Tme mechanisch zu der Kommode und holte das Dienstbuch. Anndortjen war total verblüfft. Wie war das so schnell gekommen? Sie hatte gar nicht so schnell sich besinnen können. _ c. _ r „Ja, ich weiß nicht," redete sie, „man muß die Sache doch erst beschnackeu und beschlafen. So etwas schiebt man doch nicht in beit Backofen. Wenn Tine es nun nicht recht macht, oder sie wird krank, oder ihr Passiert was? — Es passiert doch so schrecklich viel in der Welt." Jak reckte seine große, breitschulterige Gestalt. „Dafür bin ich da!" Wie er so daftand, sah er wohl MS, als könnte ihm niemand etwas anhaben, als wäre er zum Schirm und Schutz berufen. Er reichte den Frauen die .Hand. „Adjüs, Frau Nachbarn. Also Tine, am ersten März holt einer von uns dich mit deiner Lade ab, entweder Jan oder ich. Abjüs, Tine." . Er preßte ihre Hand. Noch einmal tauchte sein Blick in den ihrigen; daun ging er. z „Wie konntest du mau bloß so schnell zusagen!" schalt Anndortjen ihre Tochter. „Ich begreife dich nicht. Ich habe immer gesagt, du bist eine schnaksche Deern. Wie konntest du ihm bloß das Dienstbuch geben?" „Ich mußte ja", sagte Tine leise, und für sich fügte sie hinzu: „Er hat mich behext!" »Ja, muß ist 'ne harte Nuß!" seufzte Anndortjen. Ihre und ihrer Tochter Gedanken gingen weit auseinander. Tine hatte ihren Dienst abgetreten. Still und scheu verrichtete sie ihre Arbeit. Mamsell hatte sie bei ihrem Kommen mit mißtrauischem Mick gemustert. . z „ „So eine hättest du auch nicht zu mieten brauchen", äußerte sie später in ihrer grollenden Weise zu Fak. „So eine mit solchen glupschen, schwarzen Augen!" Jak lachte hell auf. „Auf die Augen kommt es doch nicht an!" „ Tine ging unverdrossen ihrer Arbeit nach. Es gab Viel zu tun auf dem großen Hofe. Wiebke Themanu hatte wohl die Milchwirtschaft in guter Ordnung gehalten. Putzen und Staubwischen dagegen war ihre schwache Seite gewesen. So fand Tine ein reiches Arbeitsfeld, und die Langeweile kam bei ihr nicht auf. Mit Jan stand sie gleich nach ihrem Antritt auf freundschaftlichem Fiiße. An seine Person knüpften sich die freundlichsten Erinnerungen ihrer Kindheit. Sie faßte sogleich zu seiner treuherzigen Art Vertrauen, und er bezeigte ihr ein brüderliches Wohlwollen. Die Furcht, die sie anfangs Mamsel. gegenüber hegte, schwand allmählich. Die Alte verließ selten ihren Platz hinter dem Ofen, wo sie mit der Feuerkieke unter den Füßen saß und rauhe, unregelmäßige Wolle spann und haspelte, aus der sie unförmliche, schwarze Strümpfe strickte. Selten kroch sie einmal, bis über die Ohren vermummt, im Hause herum und steckte ihren Kopf in die Küchentür. Aus den verdrießlichen, scheltenden Reden der Alten machte sich Tine nicht viel, dergleichen war sie von ihrer Mutter her gewohnt. Rur das Unheimliche, Finstere in ' Mamsells Wesen war es, was das Mädchen ost erschreckte. Wollte Trienlieschen aber mal in ihrer alten Weise aus sie losfahren, dann nahmen Fak Und Jan sie in Schutz. ; „Aber Tante!" mahnte Jan. „Halt's Maul!" rief Jak. Dann zog sich die Alte knurrend in ihre Ecke zurück. „Gegen dreie'kann ein einzelner Mensch nicht aufkommen." Am scheuesten war Tine Jak gegenüber. Er merkte es wohl, wie sie ihm aus dem Wege ging, wie sie ihn furchtsam verstohlen beobachtete, und es ärgerte ihn. „Ich beiße dich nicht", sagte er einmal barsch, als sie bei seinem Eintreten in die Küche unwillkürlich zu- sammensuhr. Tine lachte gezwungen und nahm sich seitdem etwas wehr zusammen. Im Dorfe reckte mancher den Hals nach der schmucken Deern, wenn sie in der hier gebräuchlichen Dienstbotentracht, dem gestreiften Rock und der kurzärmeligen schwarzen Samttaille, durch die Straße schritt. Sie aber blieb allen gegenüber gleich scheu und zurückhaltend. *) Mietstaler. Jan war neugierig darauf, was Frauke zu dem neuen Dienstmädchen sagen würde. Frauke kam eines Nachmittags selbst, um die Butter zu holen. Auf der Diele traf sie Tine, und sie war betroffen über die leuchtende Schönheit des Mädchens. . . . Jan hätte gar zu gern gewußt, was Tine von seiner angebeteten Frauke halte. Als das junge Mädchen gegangen war, sagte er zu Tine gewandt: „Das' war dem Kantor seine Tochter, magst du sie leiden?" „Ja, sie ist ein feines Fräulein; ja, die ist fein." Und Tine seufzte leise und- unbewußt. Sie fühlte, daß des Kantors Tochter etwas besaß, was ihr fehlte, sie wußte ihm nur nicht den rechten Namen zu geben. Jan aber dachte bei sich: Meine Frauke hat auch ein feines, gutes Herz und Sin feines, kluges Köpfchen! . . . „Was sagst du zu unserer neuen Steernfragte er Frauke, als er das nächstem al zu Kantors kam. „Sie list hübsch", sagte Frauke. „Nein, sie ist schön", verbesserte sie sich. „So?" meinte Jan. Ihm war Tines Schönheit nie aufgefallen. Er meinte nur, sie sähe noch immer so aus tote früher. „Ja," fuhr Frauke sinnend fort, „und ich glaube, sie ist auch gut und klug." „Ja, gut von Natur ist sie," bestätigte Jan. „Sie kann keinem Bogel etwas zu leide tun; aber klug? Nein, klug ist sie nicht. Sie ist man wenig in die Schule gegangen. Den Sommer über wurde sie immer als Sommerdeern vermietet, und im Winter war manchmal nicht durch den Schnee hindurchzukommen. Ja, wenn sie solche Schule gehabt hatte wie ich!" fügte er mit freudigem Stolz hinzu... Von Niels hatte Tine Abschied genommen, als sie nacb ihrem Antritt einmal Sonntags zu ihrer Mutter gegangen war. Er war jetzt in Dithmarschen, und Tine erhielt selten Nachricht von ihm. „Erstens wollen wir die Post, die schon Geld genug hat, nicht reich machen," hatte Niels erklärt, „und zweitens fällt einem Menschen, der nicht studiert hat, das Briefschreiben gräßlich sauer. Wenn du mal was an mit zu bestellen hast, dann sag es nur Ode Schane, die bestellt es Drees Buhmann, und der gibt es dem Dithmarscher Fuhrmann mit. So geht es wenigstens sicher und kostet nichts weiter als „Danke schön"." Tine hatte ans diesem Umivege schon ein paarmal von Niels gehört, daß es ihm „gräßlich" gut gehe, und sie ließ zurückbestellen, es gehe auch ihr gut. Dabei blieb es vorläufig..... Mit Jak unbefangen zu verkehren, geiaug -mue nur halb. Seine Nähe wirkte lähmend und doch wiederum aufregend auf sie. Obgleich sie sich zu beherrschen suchte, zitterten doch ihre Hände, sobald er in ihrer Nähe war. Einmal, als sie im Garten Kartoffeln pflanzte, stand er, als sie sich aufrichtete, plötzlich wie aus der Erde gewachsen vor ihr. , Ein gellender Schrei entftlhr ihrem Munde; sie wurde leichenblaß. „Dösige Deern!" sagte er geringschätzig, drehte si um und ging ins Haus, ohne sich noch einmal nach ihr :m- zusehen. t . Von dieser Zeit an behandelte er das Mädchen mit kalter Verachtung, und Tine litt entsetzlich darunter. Sein Blick glitt eiskalt über sie hinweg; er richtete nur gezwungen das Wort an sie, und sprach er mit ich, dann klang seine Tonart hart und befehlerisch (Fortsetzung folgt.) Heber die hygienische Bedeutung der Zommerurlaridr für primweamte. Bon Tr. nieb. S chü f f e r, prakt. Arzt, Gießen. Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Hingt ein Lied Mw immerdar.... , — m Wenn an einem schönen FriWingsabend unter dem AW der Syringen, Narzissen und anderer holder Kinder Floras, unter den flötenden Tönen von Amsel und Nachtigall ein npciMrnaA Pistonbläser unsere Weihestmmnmg durch dies herrliche. Lno f Wht, fo fliegen die Gedanken weit zurück. Freud und Lew umer Kindheit taucht aus der Vergessenheit und das Ergebnis una, Sinnens ist ein frohes. Denn wer dächte nicht gern an »■ sorglosen Jahre im Elternhause und auch an die nicht- inu n sorgenfreien in der Schule zurück. Was ist es wvhl, dasa die intensiver Arbeit gewidmeten Schuljahre uns noch naaMP - in so angenehmem Licht erscheinen laßt, sie, die doch fit io vre 235 —- Hinsicht unseren späteren ArbeitsjaHven gleichen? Denn Tag fite Tag müssen wir schon in der Schule ju bestimmter Zeit da sein, bestimmte Pensa erledigen, zu bestimmter Zeit wieder fortgehen rind andere über unsere Zeit verfügen lassen. Zireifellos sind cs in erster Linie die Ferien, in welchen das Kind, der Jüngling die Bürde der Mbeit von sich abschütteln und ganz seiner Erholung leben kann, nachdem! er vorher redlich seine Pflichten erfüllt hat. Für die akademischen Berufe folgen die Studienjahre mit ihren ungleich längeren Ferien, deren uit» angenehme Unterbrechung ein Spaßvogel-das Semester nut seinen Vorlesungen genannt Hat. Für die im! Dienste des Staates, der Provinzial-, Kommunal- und großer Privatbetriebe stehenden Beamten bilden Ferien resp. Urlaub einen integrierenden Bestandteil der Entlohnung, ihr Gehalt geht während dieser! Zeit, auf welche sie Anspruch Haben!, weiter. Wenn wir die Privatbeamten sonstiger Betriebe zu den oben angeführten 4 Beamtenkategorien in Vergleich stellen, so finden wir leider noch sehr viele Unterschiede zn ihren Ungunsten. Selbst den günstigsten Fall angenommen, daß die Bezahlung eine bessere ist, als die der anderen Beamtenklasscn, so ist die Stellung der Mehrzahl unter den Privatbeamten doch eine viel weniger sichere. Es fehlt meist die Fürsorge für die Zukunft!, die Jahre verminderter Schaffenskraft, sei es durch Alter oder frühzeitig eintretende Invalidität. Dafür haben wir ja nun den Deutschen Privatbeamten-Verein in Magdeburg, welcher uns alles bietet, was wir brauchen', um uns und die Familie fite trübe Zeiten zu versichern, eine unabweisbare Pflicht jedes sorgenden Vaters. Noch aber stehen wir, Und das ist ein zweiter ebenso wichtiger Punkt, vor der Unmöglichkeit, diesen frühzeitigen Eintritt der Abnutzung mit einiger Sicherheit abzuwenden. Tenn was die glücklicheren Kollegen bereits haben, das fehlt dem- Gros detj Privatbeamten, ich meine den regelmäßigen Urlaub. Wer tagtäglich viele Stunden ruhig am Pult steht, neigt zu Erkrankungen, weil nur durch regelmäßige Bewegung- ein geordneter Swffwechsel mit Ausscheidung schädlicher - Giftstoffe (ErMüdungstoxine) aus den Muskeln und dem Blut möglich ist. Wer regelmäßig im Laden oder sonstigen geschlossenen Räumen zu tun Hat, entbehrt selbst bei ausreichender Bewegung der Möglichkeit, durch Tiefatmen seine Lungen mit staubfreier reiner Luft zu füllen, sein Zwerchfell auf die Unterleibsorgane pumpend und massierend einwirken zu lassen, und damit Blutkreislauf und Stoffwechsel zu fördern. Wer sitzt, MM sich die Brust mit Herz und Lungen, die Magengrube mit Magen, Leber, Milz, Dickdarm, Bauchspeicheldrüse Tag für Tag und erntet als Folge deren Er- krankungen und Blutstockungen in den unteren KörperlregivneiH (Lungenkrankheiten, Verstopfung, Hämorrhoiden, Blutaderbruch, Krampfadern). Tie lange Mbeitszeit, Zuglust in Ladengeschäften, Unbilden der Witterung auf den Wegen zur Arbeitsstelle mit der Unmöglichkeit, die nassen Hüllen zn wechseln, fortgesetztes an- gestrengtes. Sprechen tun das Weitere. Neben diesen teilt körperlichen Schädigungen sind noch die nervösen infolge der ersteren oder angestrengter geistiger! Arbeit oder gar beider ungemein verbreitet. Nervosität, Neurasthenie und wie die schönen Namen alle heißen, sind ja direkt als Attribut unseres Zeitalters bp- zeichnet worden. Besonders auch die Schreibmaschine verschafft denen, tvelche sich ständig Mit ihr abgeben müssen, Störungen des Nervensystems. Run ließe sich ja wohl den! körperlichen Schädigungen durch Spazierengehen oder Gartenarbeit oder sportliche Betätigung in der freien Zeit wirksam begegnen. Wer! die Mehrzahl der Beamten ist oazu nicht regelmäßig in der Lage. Da fordert die Familie ihre Rechte und bereitet vielfach neue Sorgen zum unvermeidlichen geschäftlichen Merger; auch schlechtes Wetter, Nebcnämtchen, gesellige Verpflichtungen berauben uns dieser Nröglichkeiten. Gerade der Nervenschwache Hat auch vielfach nicht die Spannkraft dazu, er ist leicht ermüdet, griesgrämig und schlaff. Und so geht eben tue -Tretmühle des täglichen Lebens immer weiter. . Uebcr die SterblichkeitsverhjAtnisse der! Privatbeamten scheint eine brauchbare Statistik nicht zu existieren, ich konnte darüber Nichts auffinden. , Dagegen Snmte ich feststellen (Dr. Thwd. Wehl, Handbuch der Wrbeiterkrankheiten 1908),_ daß die Gesimdiheitsverhaltnisse im Daudelsgewerbe schlechter sind, als in anderen Gewerben. Tas Hauptkvntiiigent fite Erkrankungen männlichev Angestellter bilden: '£• iAWMHEgE, ■ 2 Ber-aumrgsvrgane, 3. Nervensystem; bei weiblichen: 1. Erkrankungen der Ernährung, 2. der MmNnas- vrgane, o. der Berdauuugsorgane, 4. des Nervensystems. ■ zugrunde liegenden Klassen werden definiert als: Kontoristen, Buchhalter, Reisende, Verkäufer, Kassierer, Lageristen bezm Verkäuferinnen, Buchhalterinnen, Maschiuen- -chreiberinnen, Stenographinnen. Das Material rührt von bet Ortskrankenkasse der Kaufleute zu Berlin her. ...„.Bezügl. der Neurasthenie ist folgendes erwähnenÄvevt: Auffällig selten ist Neurasthenie bei Offizieren, auffällig häufig bei Lchrern und Beamten. (Real-Eneyklvpädie d. Ges. Heilkunde 1898 Bd. 17 S. 27 sp). Tie intellektuelle UeberarbeituNg spielt eine enorme Rdlle, namentlich bei der männlichen Neurasthenie. Wenn sie sich mit Hast und Verkürzung des Schlafs verbindet, ivird sie besonders gefährlich. Sorge und Aerge» sind gleichfalls von wesentlicher Bedeutung. Körperlich« lleberarbeitung spielt Meist nur eine untergeordnete Rolle. Dies ist die Art der modernen Zivilisation, von welchen der amerikanische Arzt Beard in seinen Arbeiten über die Ursachen! der Neurasthenie sagt, daß sie bereit hervorragendstes ver- anlassendes Moment sei. Sicher ist, daß nur die Sorge fite eine möglichst lange Erhaltung der vollen Arbeitskraft des Vaters Zufriedenheit und Glück in der Familie verbürgt und daß daher« ein regelmäßigen Urlaub auch für die Privatbeamten angestrebt werden muß, während dessen diese daun .eine möglichst von der seitherigen versi schieden« Vernunft- und gesundheitsgemäße Lebensführung, möglichst auch in anderer Lust und Umgebung, führen sollen. Es ist zwar sehn wertvoll, daß die Versorgungskassen des Deutschen Privatbeamten-Vereins auch in Fällen von Erkrankung! in der Weise fite ihre versicherten Mitglieder eintreten, daß sie das Heilverfahren übernehmen, wie dies auch bei bet' staatlichen Jnvalidenversicherung der Fall ist. Aber! besser als Krankheiten Heilen, ist, sie überhaupt nicht aufkommen lassen. Das gilt für den sorgsamen Hausarzt sowohl, wie auch fite den mit den Forj- derungen der Hygiene wohl vertrauten, pflichtbewußten Mrbeit- geber. Eine sreiwillige Erholungsreise ist angenehmer, als eine unfreiwillige, aber nur möglich, wenn regelmäßiger Urlaub gewährt wird. Die fite das Reisen zur Erholung günstigste Zeit liegt nun bald vor uns. In der heißen Jahreszeit ist die Sterblichkeit in den! Städten am größten, in feuchter Lust und in Regionen niederen Luftdrucks am geringften. Wenn wir daraus die richtigen Schlüsse ziehen, so gehen wir ins bewaldete Gebirge oder an die See, wo wir mehrere oder alle die günstigen Bedingungen erfüllt finden. Die zahlreichen Vergünstigungen, welche die Mitgliedschaft beim Deutschen Privatbeamten-Verein in Bädern, Kurorten und Svmmersrischeu bietet, stellen eine rechte Erleichterung fite die zu Gesundheitszwecken notwendigen Reisen dar. Möge die Zeit nicht Mehr fern sein, wjo bei dem Gedanken! an die Jugendzeit und die Ferien uns der Refrain unseres Piston- bläsers nicht mehr traurig stimmen kann: O wie siegt so weit, o Ivie liegt so iveit. Was mein einst war. Emanuel Geibel. Ein Lieblingsdichter der deutschen Komponisten Eine statistische Skizze. Von ErnstChallier sen. Gießen. Am 6. April waren 25 Jahre verflossen, daß Emanuel Geibel in seiner Vaterstadt Lübeck für immer die Augen schloß. Seines! Lebens- und Werdegangs zu gedenken ist nicht meines Amtes und daher auch nicht der Zweck dieser Zeilen, ich beabsichtige nur, Geistes Beziehungen zu den deutschen Komponisten durch nachstehende Zahlen zu schildern. Es hat sich noch niemand der undankbaren Aufgabe unterzogen, die nachweisbaren Lieder und! Gesänge zn zählen, und wenn das wirklich geschehen wäre, hatte die genaue Angabe der Hunderttausenden schwerlich ein größeres Interesse. Ein gleiches ist wohl von den dichterischen Ergüssen vorauszufetzen, die unsere Komponisten als Vorlage benutzen. Fest steht nur, daß die letztere Zahl erheblich kleiner ist, weil ja ein großer Teil der Dichtungen wiederholt vertont wurde und diese Zahl, bzw. Zahlen, zu ermitteln, habe ich, wenn auch nicht fite jedermann, jedoch für viele für wertvoll gehalten. Da ich mich aber vornehmlich mit Geibel, beschäftigen will, so ziehe ich nur die Zahlen heran, die auf diesen Bezug haben oder zum Vergleich notwendig sind. Das Lied, ein Hauptzweig der Gesangsliteratur, dem ich in vorliegendem Falle die Ballade zuzählen will, ist in 6 Klassen zu zerlegen: 1. Einstimmig, 2. Zweistimmig, 3. Gemischter Chor, 4. Mannerchor, 5. Frauen- und Kinderchor, 6. Melodramen (das gesprochene Lied). Die Gesamtzahl der Gesänge, zu denen Geibel- sche Gedichte verwendet wurden, ist 3778, von Heine sind es 4127, von Goethe 2534, von Hossmami von Fallersleben 2148, von klhland 2038, von Reinick 1703. In Klasse I steht Geibel an zweiter Stelle mit 2734 komponierten Gedichten —- Heine nimmt den ersten Platz mit 3601 ein —, an erster dagegen in Klasse II mit 129, in Klasse III mit 129, in Klasse IV mit 564. An zweiter Stelle in Klasse V Mit 95 und in der an und für sich lleiueuj Klasse VI mit einem Melodram. Von den Gedichten Geibels sind 288 überhaupt von deck Komponisten verwandt worden, davon sind, um nicht zu weitschweifend auszuholen, fasse ich mich kurz, nur 69 einmal, di« weiteren mehrfach vertont worden und dann gleich zu den größten 236 ZMen übergehend nenne ich die von.40 und mehr unter Beigabe 79 106 117 133 135 und daß der Ebenfalls greifen die heute noch Schaffenden wieder immer nach diesem unerschöpflichen Schatz edelster Lyrik |o Itnton Emanuel Geibel mit Recht als einen Liebliugsdtchter deutschen Komponisten bezeichnen darf. des Textes: . . Sehnsucht : Ich blick m mein Herz Des Müden Abendlied: Verglommen ist das Abendrot 84 88 89 40 mal. 41 „ 42 „ 42 „ 44 „ 45 „ 46 „ 55 58 „ 65 ,7 68 „■ 68 ,/ 68 fi 75 „■ Siehst du das Meer i Im April: Du feuchter.Frühlingsabend Und wenn die Primel schneeweiß blickt ES fliegt manch' Vöglein in das Nest O stille dies Verlangen O schneller mein Roß Du bist so still, so sm ist, so sinnig Mein Herz ist iuie die dunkle Nacht Nun die Schatten duuteln Gute Nacht mein Herz und schlummere ein Gute Nacht: Schon sängt es an zu bämmern .. Spielmannslied: Und legt ihr zwischen mich und )ie Morgenwanderung: Wer recht in Freuden wanoern will 76 Nachtlied: Der Mond fommt still gegangen Wasserrose: Die stille Wasserrose Jni Wald im hellen Sonnenschein Wohl waren es Tage der Sonne Vöglein wohin so schnell In meinem Garten die Nelken Gondoliera: O komm zu mir Wenn sich zwei Herzen scheiden . Auch die bekannten Liederkomponisten, Volt denen ich mir die verstorbenen anführen will, nnb von diesen nur die Zahl der einstimmigen Lieder, sind mit Ausnahme von Johs. Brahms nicht an Geibel vorüber gegangen: H. Esser erwählte sich 23 Gedichte, Robert Franz 13, G. Göltet mann 12, G. Graben-Hüfsmaun J, F Gumlbert 23, F. Hiller 22, Ad. Jenseil lv, F. Kücken 8, Frz. Lachner 18, Ed. Lassen 11, H. Marschner 29, F. Meiidels- sohn-Bartholdh 2, H. Proch 5, C. G. Reissiger 12, Rob. Schumann 14, W. Taubert 9, O. Tiehsen 9, H. Truhn 2o und. Hugo Vevenißchtes. *’ Alte Vorläufer moderner! Erfindungen Es ist eine interessante Aufgabe, durch die Jahrhunderte rückblickend zu verfolgen, wie alle großen Erfindungen der neueren Zett ihre Vorläufer gehabt haben, wie grübelnde Männer in einsamen Studierstuben schon lange vorher nach bei Lösung von fragen suchen, die späteren Jahrhunderten Vorbehalten bleiben sollten-. Dann, wenn eine gewisse Vorarbeit geleistet ist, läßt sich verfolgen, wie verschiedene Männer in verschiedenen Ländern dieselbe Zdee toufgreifen, die sozusagen in bet Lust liegt. Im Windsor Magazine zeigt (George A. Wade die interessante Abbildung einer Ach ersten Lokomotive, bie bereits im Jahre 1784 in Englanb konstruiert wurde, die Murdvcksche Maschine: sie ist verblüffenb einfach. ein kleines Wagengestell mit einem kleinen Borberrab und zwei größeren Hinterräbern, über denen eine einfache Maschine angebracht ist. Ihr war freilich keine jpraktische Laufbahn be- schieden; die erste Lokomdtive, die in England einen Zug be- fötberte, war vorn Typus dep alten „Lokomotionen", b_te letzt noch in dem Eifenbähn-Museum bei Darlington zu sehen ist. Hier ist bereits die neue Lokomotive den wesentlichen Grundformen, vorgebildet, dem großen auf den Mdern liegenden Dampfkessel und der Rauchesse, die sich bei der Lokomotion freilich in gewaltiger Biegung unförmig hoch emporhebt. Wer der Urheber der Lokomotive ist eigentlich Richard Ttevithick, der, bereits 1771 geboren, sich mit dem Problem beschäftigte, die 'Dampfkraft praktisch aus zu nutzen. 1796 konstruierte er ein Modell, in dem zum erstenmal Kessel und Maschine ein Stück bildeten. 1801 wurde dann eine größere Dampfmaschine gebaut, die als „pustender Teufel" bekannt wurde und noch heute im Londoner .South Kensington-Museum zu sehen ist. Dies war einer bet ersten Dampfwagen, die wirklich Passagiere beförderten. Wie ein Urahne des Automobils mutet daneben bet große 'Dampfwagen an, der 1835 für beit Passagierverkeht zwischen Birmingham und London konstruiert wurde. Es war ein unförmiges riesengroßes Gefährt nach Art der alten Postkutschen, nur ungleich größer, Vorläufer der heutigen Wutobusse: ein wahres Ungetüm mit drei großen breiten Rädern, die fast wie Straßenwalzen aussahen, die große Karosserie mit zwei Conpees und auf dem Dache Sitzplätze für 20 Personen. Der Lenker des Gefährtes, saß vorne zwischen vier Passagieren, etwas erhöht, und hielt eine Kurbel in der Hand, die das riesige Gefährt lenken sollte. Das Fahrzeug hat übrigens London niemals erreicht. Es legte zwar mehrere englische Meilen mit bet für damalige Verhältnisse ganz außerordentlichen Geschwindigkeit von 15 englischen Meilen in bet Stunde zurück, aber bann kam bie „Panne". Dieser' Wagen des Dr. Church wurde dann später unablässig verbessert, aber er versagte immer wieder. 'Der Gedanke, die Dampfkraft für die Fortbewegung von Wagen zu benutzen, hatte auch vorher gr|ü!a belude Techniker beschäftigt, schon 1786 arbeitete SmnmingtoN au dem Modell eines DaMpfwagens und 1769 beschäftigte sich Cuanot in Frankreich mit dein gleichen Problem'. .1680 schott beobachtete Sir Isaac Newton, daß DaMPfwagen durch die Reaktionskraft komprimierten Dampfes bewegt werden könnten, und. 30 Iahte früher konstruiert bet Marquis von Worcester bereits eine Pumpe, die ans bie gleiche Weise arbeitet. Und wenn man den Blick noch weiter zuruckweNbet, finbet man noch mehr Anzeichen dafür, baß bet Menfchengeist schon früh bie Belvegungskraft des Dampfes anszunutzen suchte. Schon 130 Jahre v. Ehr., zur Zeit HeroS von Alexandrien, benutzte man solche künstliche Bewegungs- fr.äfte zur Oeffnung und Schließung der großen Temveltüren. So erstrecken sich auch die ersten Versuche, bie dem Gedanken des Dampfschiffes zustreben, weit in bie Vergangenheit. 1553 versucht bereits Blasco be Garay bie Dampf kraft zur Fortbewegung von Schiffen zu beiuitzen und zehn Jahre später beschäftigt sich der Marquis von Worcester mit derselben Frage. Man kann verfolgen, wie bie späteren Versuche des achtzehnten Jahrhnnderls', die Experimente Ramsays, Franklins und Evans' sich dem Erfolge nähern, bis 1788 endlich Patrick Millar mit einer Wattmaschine ein kleines Fahrzeug herstellte, bie „Charlotte Dundas", bie von Lock nach Port DuubaS -- eilte Entfernung von 10' , englischen Meilen — in sechs Stunden gegen starken Wind fuhr. Uitb zugleich warb in Amerika dasselbe Problem ansgegriffen nnb von Robert Fullen, Olliver, Enaus und 'Colonel Stevens der Lösung nahe geführt. ' *' Chinesische Lotterie. Die Söhne des Himmels sind leidenschaftliche Lotteriespieler und gar oft versammeln sich eine Anzahl Chinesen, um das Glück hetauszufordetu. Denn beim chinesischen Lotteriespiel muß jeder Spieler persönlich anwesend fein. Jeder erhält ein weißes Blatt Papier, das et mit dem Pinsel mit zehn Zeichen versehen darf. Das Los kostet etwa 50 Pfg.; für eine Mark darf er zwei Reihen, für 1,50 Mark drei Reihen, je zu zehn, ans seinem Blatt aufzeichnen. In bet Mitte des Raumes, in dein das Lotteriespiel vor sich geht, befindet sich ein großer Tisch, an dem vier Gehilfen des Lottetiepräsibenlen sitzen. Hier liegen auch bie genauen Kopien der Zeichenkouchination, bie jebet Spieler aus seinem Blatt getuscht hat. Vor beut Präsidenten, der ebenfalls am Tische sitzt, steht ein großes rundliches Gefäß, das bis an den Rand mit kleinen Papierschnitzeln gefüllt ist. An einem kleinen Tische in bet Ecke sitzt ein zweiter Gehilfe, bet ein ähnliches, aber leeres Gesäß vor sich stehen hat. Auf eine Einladung des Präsidenten hin zieht bann einer bet Anwesenden zehn Papierstücke aus dem Topf beS Präsidenten und legt sie in das Gefäß des Gehilfen. Dieser nimmt nun die Papiere Stück um Stück heraus und liest mit monoton singender Stimme Hw Zeichen vor. Die vier Gehilfen am Tische markieren nun auf bett Duplikaten bet „Lose" bie Zeichen, bie mit den gezogenen übereinstimmen, mit toter Tusche. Wenn unter den zehn auf deut Lose angegebenen Figuren fünf mit beit gezogenen iroereumtmnten, so gewinnt bet Inhaber bes Loses eine Mark, stimmen sechs überein, so empfängt er nenn Mark, bei sieben 75 nnb bet amt 460 Mark. Diese Gewinne werben sofort bat ausgezahtt. r.