1909 vif WM- MM ML W»ö Auf Liebespfaden. Roman von H. Ehrhardt. 'Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) _ „Aber nun sind Sie doch frei, Lena!" sagte er halblaut, tröstend, „und noch so jung! Jetzt hindert Sie nichts mehr daran, Ihr Herz der Liebe zu öffnen, bei.einem Manne, der Sie versteht Und liebt, endlich- eine Heimat zu finden. Oder hat eine schlimme Erfahrung Sie zur Ehefeindin gemacht?" Sie schüttelte freimütig den Kopf. „Nein, ich bin auch darin ganz und gar Frau, ich leugne nicht, daß ich allein in einer neuen Ehe mein ruheloses, glückloses Leben für ewig zu begraben hoffe, aber —" Sie mußte abbrechen und kam mit der ihr eigenen Sicheret sofort auf ein neues Themfa, da der lautlose Kellner ihnen soeben mit einiger Umständlichkeit den Nachtisch servierte, rot- goldene Orangen, wachsfarbene Tiroler Aepfel, blaßgelbe Knackmandeln, durch dunkle Zweige von Traubenrosinen schimmernd, umrahmt von fahlfarbenen Feigen und braunglanzenven Datteln. Auch eine zweite Flasche Pommery hatte er lautlos entkorkt und füllte geschickt die geleerten Gläser. Oben in der Mufiklvge spielten die Zigeuner eine weiche, schwermütige Melodie, nachdem sie sich bis jetzt mit ihren Weisen der oberflächlichen Genußstimmung ihrer Zuhörer angepaßt hatten, daß man ihr Spiel kaum mit bewußtem Sinn erfaßt, sondern als einen Teil des Ganzen, als eine harmonische Abrundung der vielfachen, zusammenklingenden Geräusche ausgenommen hatte. Nun klang den beiben jungen Menschen an dem kleinen! Tischchen die traurige Melodie wie ein Sehnfuchtsruf nach der Heimat, nach einem anderen Glück als dem flüchtigen einer Souperstunde. Lena von Meding griff nach ihrem' Glase. „Wollen wir auf das Wohl Ihrer Eltern, überhaupt puf das Glück der Familie Hassingen-Mensdorf anstoßen, Hans?" Ihm stieg wahrhaftig ein feuchter Schimmer in die graublauen Augen. Die zusammengepreßte Kehle brachte nur einen gemurmelten Dank hervor. Ihm! stieg atemberaubend die Vorstellung auf von dem Freuden- taimtel der Seinen, wenn er ihnen morgen seine Verlobung mit Lena von Meding melden könnte. Wie aus weiter Ferne hörte gr ihre Stimme: -Haben Sie nicht ein Bild Ihrer Eltern bei sich, Hans?" Ebenso mechanisch zog er die abgeschabte Brieftasche. . ©rft als er sie öffnete, wurde er auf einmal ganz nüchtern. Wie mit Flammenschrist leuchteten die flüchtigen Buchstaben auf der Rückseite von Helenens Bild ihm entgegen: „Ihrem heißgeliebten Hans seine ewig getreue Helene." Er hatte das kleine Bild seit dem Abend des Maskenballs Nicht mehr betrachtet und es damals nur lose wieder in die Tasche gelegt. Nun schob er es äußerlich ruhig in ein Seitenfach und nahm aus dem zweiten die Photographie der Seinen, sie der jungen Fran neben sich hinreichend. -Sein Blick streifte sie dabei. Auch sie sah ihn an, heimjq lich forschend, mißtrauisch, ober bildete er sich das nur ein in dem niederdruckeuden Gefühl, das ihm das Blut stocken Machte, die Glieder schwer wie Blei. Das goldbraune Haupt neigte sich sehr tief über das kleine Bild. Sie betrachtete es lange. „Wie ernst Ihr Vater aussieht, wie gut Ihre Mutter, tote lieblich Ihre Schwester!" sagte sie leise, und ihr Gesicht überflog der weiche Zug, der es so jung werden ließ. „Die Drei müssen ganz bestimmt noch einmal glücklich werden." „Ja, wenn's eine Gerechtigkeit gäbe, müßten sie's werden!" meinte Hassingen, das Bild wieder in seiner Brieftasche bergend-. „Ich hab sogar lange Zeit in der kühnen Zuversicht geschwelgt ich würde der Glückbringer für meine Familie fein —" Er stockte, und als er die goldbraunen Frauenaugen groß und ruhig auf sich gerichtet sah, stieg aus Scham und Schmerz, die in ihm wühlten, befreiend der verzweifelte Entschluß empor und trief ihm die Worte auf die Lippen: „Warum soll ich's nicht am sprechen? Ich habe tote jeder arme Leutnant auf die gute Parttö gehofft, keiner der Meinen hat es je vor mir erwähnt, aber sie dachten es alle, und wenn ich jetzt etwa den Abschied nehmen muß, so beklagen meine Eltern nicht so sehr den Verlust der zweifelhaften Öfsizierskarriere für mich, als den der Heirate chancc, die sich nun einmal au den bunten Rock knüpft, der noch immer, trotz aller Angriffe und Verleumdungen, hoch genug itrt Wert steht bei reichen Parvenüstöchtern und törichten kleinen Goldfischen." Eine kleine Pause. Unter Lena von Riedings schlanken Fingern krachte die gelbliche Schale einer Knackmandel. Sie loste den Kern daraus und schob ihn zwischen die roten Lippenh Dann erst hob sie die Lider. Sie blickte ernst, aber unbefangen. „Warum haben Sie diese Heiratschance nicht rechtzeitig ausgenutzt, Hans? Es hat Ihnen doch sicher nicht an Gelegenheit dazu gefehlt." Wie ruhig sie das sagte, so als ob es sich um einen Gelegenheitskauf handelte, den er sich hatte entgehen lassen. Nein, big Frau fühlte ganz sicher nicht mehr für ihn. wie die Teilnahme einer Schwester, die königliche Laune der verwöhnten Weltdame, die sich darin gefällt, den armen Jnfanterieoffizier, den ein Zufall ihr in den Weg geführt hatte, einen Strahl der Sonne zu spenden, bereit voller Glanz sonst über ganz anderen Höhen! leuchtete. Diese Erkenntnis wirkte beruhigend auf ihn, sie erleichterte ihm das Geständnis, das ihm auf dem Herzen brannte, feit die kleine Helene ihn schüchtern gemahnt hatte mit der „ewigen! Treue", die sie ihm halten wollte, und die sie von ihm ersehnte. Er atmete tief auf, als müsse er Kraft schöpfen zu beut' Kommenden. Seine Augen irrten ab, schweiften über die weißen Wände des Saales, an denen das Licht goldig herniederrieselte, gedämpft durch den feinen, bläulichen Schleier des Tabakscanches, über 166 die Tische mit den zerknüllten Servietten, den blitzenden Glasern mit dein rubinroten und grünlich-goldenen Inhalt, über bte erhitzten Gesichter, in denen glanzende oder trunken matte Augen lebhaft lvanderten oder verträumt starrten, er horte das feine Geklirr von Porzellan und Glas, die plaudernden und lachenden Stimmen, die prickelnde Zigeunermusik, und es kam ihm so absurd vor, so lächerlich tragisch inmitten dieser genießenden Oberflächlichkeit aus de» Tiefen seines Herzens ein Gefühl herauszuheben, das nur für Moudscheinuächte int Buchenwald geschaffen schien. Trotzdem wollte er nicht mehr zurück. Ter Trotz der Verzweiflung trieb ihn vorwärts. „Ich hatte wohl Gelegenheit die reick-e Heirat zu machen! sagte er, und seine Stimme klang leicht gepreßt. „Aber ich kranke an der Liebe des armen Leutnants zu dem armen Mädchen, das ich nicht heiraten kann und doch nicht aufgeben will." Run tvar's gesagt, die Last abgewälzt. Verstohlen suchte sein unruhiger Blick 'das Antlitz der jungen Frau. , Er hätte sie schon, während er sprach, ruhig ansehen können. Eine Lena von Rieding verriet sich nicht so leicht, auch juetut eine geliebte Hand ihr den Todesstoß, versetzt hätte. Dle Stirn wnr glott nnd soltentos, das goldörnnne Änge ttctx nnb ruhig, der Mund fest geschlossen, ein wenig herb, wie stets, wenn ihre Züge unbewegt waren. Mit gedämpfter, aber ganz fester Hässingen mußte an die Worte denken, die sie am Schluß des Maskenballs von dem schalen Rest, von dem hässlichen Ende alles Schönen gesprochen. Ob auch sie Aehnliches dachte? Er mochte, auch int Scherz, nicht die Frage darnach tun, und sie selbst deutete nichts an, daß itjire Stimmung sich getrübt Habe. Aber zwischen den schmalen Braneii über der seinen, geraden Rase stand eine kleine Falte, deutlich« erkeicubar int grellen Licht des Vollmviides, gegen dessen Glanz die Gaslaternen trübe schienen und die Sterne nur schüchtern zu blinzeln wagten. Tie Straße lag wie ausgestorben, aber hinter den etinta.y= teten Fenstern pulsierte noch das Leben. Verivorrcne Musik- klänge, ein klirrendes Fenster. Tann wieder Stille, nur das leise,, knisternde Seidenrauschen, der Schall ihrer eigenen Tritte. In diese Stille hinein sagte Lena von Rieding mit der ihr eigenen Impulsivität: . „Sie waren heut abend sehr offen zu mir, Haus, und ich möchte nicht gegen Sie zurückstehen. Sie sollen wissen, woran ich kranke. Mein Mann hat mich zwei Jahre lang mit grundloser Eifersucht derart gequält, daß ich mich verzweifelt nach Glück, nach einem großen Gefühl sehnte, das mich siir heimliche Oualeu entschädigen'sollte. Ich fands in Bordighera, Ivo mein Manu mich gezwungen zurücklassen mußte, weil ich die rasenden Fahrten nicht mehr aushielt. Wenn mein Scharfblick mich nicht tauscht, so hat Frau von Schlettau mir schon einen Teil meiner Beichte ab genommen. Ich log, als ich gestern sagte, ich wüßte nicht, warum die Frau mich haßt, ich weiß es wohl — sie war, zu I spät erfuhr ichs, die Geliebte des Mannes, der mir von Lieb« sprach, und dem ich ein Gefühl schenkte, das mau schwerlich ein zweites Mal so groß und stark empfinden kann. Es war ein Mitglied der nichtregierenden Nebenlinie eines Fürstenhauses, ich war nicht so selbstbewußt, wohl aber so überzeugt von feinet Liebe, paß ich darin kein Hindernis für unsere eheliche Verbindung sah. Ich wollte eine Scheidung von meinem Manne durchsetzen, aber ehe ich mit dem Prinzen in den kurzen Minuten des Alleinseins, die uns gegönnt waren, ernstlich über die Zukunft reden konnte, starb mein Mann. Es wäre Heuchelei, wollte ich be- I haupten, ich hätte ihn heiß betrauert, aber ich war von dein I Unglücksfall doch tief erschüttert und reiste ab, ohne den Prinzen I vorher gesprochen zu haben. Nach sechs Wochen erschien er in I Wannsee, ich hatte ihn erwartet mit dem Fieber der Sehnsucht, I das nur Glücks- und Liebeshungrige kennen —" Tie junge Frau holte tief Atem, und es schien, als wurde! I ihr Gang schleppend und schwer. Und dann sagte sie fast hart: I „Ja, er kam, wie ichs gehofft, und bot mir an, mit eilten I Selbstverständlichkeit, die verriet, daß er nie au anderes §e- I dacht — seine Geliebte zu werden. Ich wies ihm ohne jebe I weitere Erörterung die Tür, meine Liebe starb in einem kurzen, I qualvollen Todeskamps, aber seit jener Stunde werd ich den Ekel I nicht mehr los, das Mißtrauen vor allen Gefühlen, allen Freuden I — wie müssen kleine Gefühle enden, wenn ein großes in den I Schmutz gezerrt werden sollte. Seitdem treibt mich auch eine | innere Ruhelosigkeit von Ort zu Ort — ich habe wirklich eines I Art Spleen, wie man sonst dem Engländer zuschreibt, ich« such« 1 eine Heimat für mein .Herz, aber ich finde sie nirgends. Bitte, I sagen Sie mir nicht die gebräuchlichen Trostworte, sie sind zwecklos I und unwahr in solchen Monrenten, ich will auch« nicht noch I zuletzt eine tragische Note in das Konzert unserer drei Karnevals- I tage bringen. Ich habe Ihre Beichte ja auch nicht tragisch I genommen." .„ Sie ging jetzt wieder rascher und elastischer und« brachte, I Hässingen' jeder Aeußerung enthebend, das Gespräch auf die stille Aber Hans von Hassingens .blaugraue, längliche Augen leuchteten in einem bittenden Verlangen auf, als er die kühle, unbekleidete Hand, die Lena von Rieding ihm hinhrelt, fest umschloß. , Tie Haird entwand sie ihm'. In einem Aufflammen teeren«, jugendlichen Wagemuts wollte er statt dessen den Arm um ihre Schultern legen, sich den Kuß zu holen, das Recht des Karnevals, auf das er nicht verzichten zu können glaubte, aber die junge Frau war rasch eine Stufe höher in die geöffnete Tür getreten.« Tas elektrische Licht zuckte auf. ... . „Still!" flüsterte Lena von Rieding, hob den Zeigesinger empor und neigte lauschend den Kopf. Stimme sagte sie: „Tas ist allerdings ein ganz besonderes Verhängnis für «re, Hans, dessen Losung nicht so einfach sein dürfte. Sie tun mir leib, diese Verschärfung der Konflikte wäre nicht nötig gewesen — aber glauben Sie ja nicht, daß Sie mir deshalb kleiner erscheinen, weil Sie für ein großes Gefühl einen aussichtslosen Kampf kämpfen. Ich will sogar mit Ihnen anstoßen auf das Wunder, das kommen soll, um Ihre Liebe zum Ziel zu verhelfen." „Sie sind so gut, Lena!" „Neberschätzen Sie mich nicht, mein Freund!" Sie lehnte sich zurück und ein rätselhaftes Lächeln umspielte ihre roten Lippen, während sie ihm aufmerksam zusah, wie er die Sektflasche ans den klirrenden Eisstückchen hob und die Gläser to°^3umter mit demselben Lächeln nahm sie ihr Glas und näherte xs dem seinen. „Auf Ihre Liebe, Hans!" Auge tauchte in Auge. Tie Goldpünktchen in der braunen Iris flimmerten, die roten Lippen lächelten. Lauerte nicht etwas hinter diesem Lächeln? Schelmerei oder Spott? Oder Mitleid? Oder ein heimliches Weh? Hans Hässingen konnte dieses seltsame, müde Lächeln sticht vertragen, dieses Lächeln peinigte und« reizte ihn, und im Moment, da er hätte nur seiner Liebe denken dürfen, dachte er an den weichen, sehnsüchtigen Küß dieser lächelnden Lippen. Seine Hand begann zu zittern, da er sein Glas ort das der jungen Frau stieß. Ein leise singender Silberton, der mit einer Dissonanz, dem feinen Knistern springenden Kristalls endete. An Hassingens Kelch lief ein feiner, schimmernder Strich schräg durch die klare, spiegelnde Glaswand und verlor sich erst im schlanken, geschliffenen Stengel. Er hatte von jeher den Aber- glanben verlacht, aber im Moment war der Ton des springenden. Glases ihm doch« auf die Nerven gefallen, und« fein junges Gesicht war fahl, geworden. Auch« Lena von Rieding erblaßte und suchte mit ßlugen, in denen ein leises Grauen stand, an ihrem Glase nach dem bösen Vorzeichen. Aber das ihre war heil geblieben. Ta glomm es flüchtig in ihrem Gesicht auf wie ein heißes Leuchten, und sie fanb ein Scherzwort, das die Deutung des kleinen Zufalls har- , . .. - I des nächtlichen Wiesbadens. . ,,LS s»w- -b« -ndm, * «• di»m Mt Sa» -W2Ä » m -- - Sie aß ein Vielliebchen mit Hässingen auf J'y Peuse und« verlor es schon nach wenigen Minuten, sie behauptete pineu kleinen Rausch zu haben und war so süß Und reizend«, daß dem jungen Offizier, der sich jetzt wie erlöst fühlte, seit er fein Geständnis los geworden, keine Bedenken mehr kamen!, sich pn ihrem Liebreiz zu erfreuen. Auf seine Liebe kam sie mit keinem Wort mehr zurück, auch dann nicht, als sie allein durch das schlafende Wiesbaden schritten und« der kühle Windhauch«, der aus den Parkanlagen her reinigend die Wilhelmstraße entlang1 wehte, die heißen Köpfe ernüchterte. Wie immer auf dem Heimweg wurde die junge Frau stiller lind ernster, je nWr sie ihrem Ziele kamen. 167 Aus einem Zimmer drangen die leisen, silbernen Töne einer Wagenden Uhr. Zwölfmal klang das feine Stimmchen deutlich durch die Stille, die etwas Atemloses und Unheimliches Kalte, in dem schlafenden Hanse mit feinem Dust nach welkenden! Blumen. Lena von Rieding wandte langsam: den Kopf nach zhrems Begleiter. Ihre Augen hatten wieder das tote Leuchten, jein schwer zu enträtselnder Ausdruck umzuckte ihren roten Mund. Ehe der junge Offizier noch die Bitte stammeln konnte, di« ihm auf den bebenden Lippen lag, fügte sie schon, den Kopf schüttelnd, traurig und schelmisch zugleich: „Aschermittwoch! Das Fastnachtsspiel ist aus. Gute Nacht, Herr von Hassingen!" (Fortsetzung folgt.) Das Volkslied in Gberhesien. Bon Pfarrer O. S chu l t e, Großeu-Liudeu, III. Eine Auswahl von oberhessischen Liedern soll hier nun folgen. Sie sind zum Teil dem! Archive der hessischen Bereinigung für Volkskunde entnommen, zum Teil entstammen sie eigenen Sammlungen. . , . Das erste der! Lieder ist ein altes r eligivses Volkslied. Ob es zu einer Heiligenlegende gehört, ob es die legendarische Ausdeutung eines ungewöhnlichen Vorgangs darstellt — wer will es sagen? Genug, der Sinn scheint dieser: Eine Jungfrau ist in den Garten gegangen, Rosen zu brechen, und dabei dem Tode zum Opfer gefallen. Tas Lied berichtet, sinnig ans- schmückend, sie habe dort einen weißen Knaben gesehen, der sich auf ihre Frage als den Heiland Jesus Christus zu erkennen: gegeben habe. Die Ausdrücke „Maler" in der 3. und 4. Strophe, das Wort „malen" in der 3. Strophe sind unverständlich. Man erwartet dafür eher „Meister" und „machen". Tas Sieb stammt in dieser Fassung, wie schon bemerkt, ans Sandlofs im Schlitze» lande. 1. Es wollt'el - ne Jung-frau früh auf-steh'n, in den Gar - ten wollt' sie geh'n, sie wollt' bre-chen et - ne i Ro-se__ ab, ei-ne Ro - se, Ro-se, brach sie— ab. 2. Und als sie in den Garten kaut. Sieh', da stand ein weißer Knab'. „Wer hat dich herein gelassen? Ich hab' alles, alles wohl verwahrt!" —- 3. „Mir ist keine Mau'r zu hoch, ja hoch Und auch kein Schloß zu fest. Ich bin ja der himmlische Maler, Ter alles, alles malen kann." — 4. „Wenn du der himmlische Maler bist. So sag', wie heißt dein Nam'?" — . „Mein Nam', der heißt Herr Jesu Christ, Herr Jesu, Jesu heißt mein Nam'." 5. Herr Jesus schrieb ein Briefelein, Nicht mehr als zwei, drei Wort': > „Mein Vater wohnt im Himmel, An einem schönen, schönen Ort." — 6. „Wenn das mein Vater und Mutter müßt', Daß ich im Himmel wär', Sie täten sich nicht säumen Und kämen, kämen auch zu mir." Dieses Lied ist, Wie schon bemerkt, ein altes religiösesl Volkslied. Man erkennt es daran, daß es eine religiöse Geschichte, wiedergibt. Es ist durchaus verschieden von den neueren religiösen Volksliedern, die in Oberhessen gesungen werden, und die mir Empfindungen, Gefühle darsteilen, wie: Laß mich gehen, Harre meine Seele, Ich bete au die Macht der Liebe. Tas alte religiöse Volkslied behandelt Legenden oder enthält Ausschmückung biblischer Berichte. Zu der ersteren Art gehört z. B. das imi ganzen Vogelsberge und darüber hinaus bekannte Lied von bei: hl. Ottilie: Die heilige Ottilie lvnr blind geboren, Ta kriegt der Vater einen großen grimmen Zorn, Ein Füßlein ließ er binden nsw. Jtnb das ebenfalls weitverbreitete Lied von der hl. Katharina: Ter Kaiser und der König, Tie stritten beide sich Wohl nut die Katharina, nsio. Zu der letzteren Art gehört das gleichfalls vielgesungeiie Lied: Maria die tvollt' wandern gehn. Wollt' alle Länder ausgehen, Wollt' suchen ihren Sohn, Ten sie verloren hat usw., und das selten gewordene: Ais unser Herr Jesus zu Tische wohl faß. Mit seinen zwölf Jüngern das Abendmahl aß, usw.") Vielleicht tvundert sich dieser oder jener darüber, daß, in dem' fast ganz evangelischen Oberhessen noch Legenden gesungen werden. Aber jedem, der Volkskunde treibt, ist es ja bekannt, daß sich keine einzige Religion oder Konfession int Volke ganz rein in allen Konsequenzen durchsetzt. Es bleiben immer Reste der früheren übrig. Bezeichnend für das religiöse Volkslied im Bogelsberge ist es auch, daß es nicht etwa bei besonderen Gelegenheiten, nein, mitten unter weltlichen Liedern angestimmt wird. Ich habe z. B. schon einmal das Lied: „Laß mich gehen" bei einer Kirmes gehört. Man hat oben im Gebirge den Unterschied zwischen Geistlichem und Weltlichem noch nicht so scharf gezogen, wie an den Abhängen und in der Ebene. Beides gehört da noch zusammen^ Der religiösen Volkslieder haben wir freilich nicht viele. Um so mehr Lieder, die die Liebe zwischen M a n si und Weib zum Gegenstand haben. Eines derselben, dessen Melodie an Innigkeit wohl von keinem andern übertroffen wird, ist das Lied von der grünen Heide, das Lehrer Schambach in Eichelhain, Kreis Lauterbach, ausgezeichnet hat: 1. So grün, wie ist—die Heiden, so grnn möcht' ich mich kleb den. Mein -schätz, den ich so ger-ne hab', der will ja von mir schei-deu. 2. Und scheidet er so weit von hier. So ivünsch' ich ihm viel Gutes. :,: Wo ich ihn seh', wo ich ihn hör'. Schwingt mir mein Herz im Blute, j, r 3. Wenn von Papier der Himmel wär'. Und jeder Stern ein Schreiber, :,: Und jeder Schreiber hätt' tausend Händ', Sie schricb'u nicht uns're Lieb zu End'. In dem Liede scheinen Strophen vereinigt zu sein, die Ursprünglich nicht zusammen gehörten. Tie schöne Schlußstrophei ist jedenfalls Manderstrophc, die auch in andern Liedern vor- konunt. Tie erste Strophe scheint Kunststrophe zu sein. Aber wenn auch, das Ganze erscheint doch aus einem Gusse. Dis Heide ist grün, über die der Schatz zieht, und an die grüne Heid« wird die zurückgelassene Braut denken, so oft sie des Scheidens! sich erinnert. Dem vor hingenannten Liede an Schönheit, aber wieder nach ganz andrer Seite hin, ebenbürtig ist das sogenannte Amsellied, das Reichstagsabgeordneter Köhler, Langsdorf, uns übersandt hat. Es stammt ans Bettenhausen bei Langsdorf im Kreise Gießen, Ge-stern Abend in der stija-stillen Ruh', härt'ich- ei-ner ycdehni Am-sel in dem Wa-ja-Wal-de zu— Als ich so da saß, mei-ner ganz ver-gaß, kam die Am-sel, schmeichelt si-ja sich um mich, sie kü - ja - küß - te mich. „Ei, du Amsel/ schmeichelst unerschreckt, Wer hat dir mein' Einsamkeit entdeckt?" — *) Ter Verfasser des Aussatzes mürbe dankbar sein, wenn jemand die Melodien der genannten vier Lieder ihm einsenden wollte. -____________________________- — 188 — ;,Sn dem' grünen Wald, Wald ist mein Aufenthalt, Allwo ich in meinem Sinn' Gewesen, ja wesen Lin." 3. So viel Land, als an der Linde ist. So vielmals hat mich mein Schatz geküßt. Aber ich muß gesteh'n: Weiter ist nichts gescheh'n. Doch die Amsel soll mein Zeuge sein — Wir waren ganz allein. Das Liedcheir, dem!, tote man sieht, eine ganz reizende Melodie in Bettenhansen, eigen ist, wird auch sonst in der Umgegend Gießens gesungen. Bocket hat es schon 1879 in der Spinnstube zu Heuchelheim bei Gießen singen hören. In Großen-Linden, wie in Großen-Buseck ist Text und Melodie verändert, die Um- Strmungen reichen aber beide nicht entfernt an die Schönheit es Bettenhäuser Liedes. hinter -en Kuliffen der Mode. Zwischen den großen Modehäusern der Rue de la Paix hat jetzt wieder jener stumme heimliche und erbitterte Kampf begonnen, der alljährlich im Frühjahr $ttm Austrag kommt und von dem die graziösen Pariserinnen' und die fremden Stimb innen der französischen Modekünstler nur ivenig erfahren. Die Ateliers suchen sich gegenseitig die phantasievollen und erfolgreichen Dichterinnen der neuen Frühjahrsroben abspenstig zu machen, und nicht selten werden Furstengehälter bezahlt, um diese oder jene Königin des Arbeitszimmers, die in der vergangenen Saison mit ihren geschmackvollen und geistreichen Dessins ihrem Atelier den Weg «mn Ruhm bahnte, der Konkurrenz abspenstig zu machen und für Has eigene Atelier zu engagieren. Ta ist diese oder jene „erste Anpasserin", die im letzten Modefeldzng durch ihren aparten Geschmack die Gunst der elegantenj Welt im Sturm erobert hatte und deren .Tätigkeit für den Chef die beste Reklaute und die höchste Ehre bedeutet. Aber noch wichtiger für den geschäftlichen Erfolg der Saison ist Vielleicht die erste Verkäuferin. Sie muß alle Tugenden der klugen Frau in sich vereinigen, den zartesten Takt mit Geist und Liebenswürdigkeit, Geschmack mit Anmut und Sprachgewandtheit; aber all das würde nicht ausreichen, wenn sie nicht eins besäße, was sie vor allen anderen auszeichnen muß: List. Sie muß es 'verstehen, die anspruchsvolle Kundiit nicht nur Kufriedenzustellen, sondern auch so zu kleiden, daß ihre Tvilette rühmliches Aufsehen erregt; sie muß es' aber auch verstehen, die weniger eleganten Danten, die von der Natur aus mit einer Anziehenden Erscheinung nicht gesegnet sind, durch Raffinement Und Schlauheit von .dem Ankauf der schönsten Modelle zurnck- zuhaltcn. Es gibt fffir eine echte Pariser Verkäuferin kein größeres Herzeleid, als ihre schönsten Toiletten mit einer Dame entschwinden M sehen, die nicht „chie" ist und durch ihre Erscheinuirg rind ihr Auftreten das erworbene Wunderwerk der Kleiderkunst wicht angemessen zur Geltung zu bringen vermag. Es gibt nichts Lustigeres, als! in einem der berühmten Läden der Rue de la Paix zu beobachten, mit welch tückischer Liebenswürdigkeit die ehrgeizige erste Verkäuferin sich bemüht, ihr unsympathische Kundinnen von dem Ankauf der schönsten Toiletten und der neuesten Entwürfe abzuraten. Die schlanken graziösen Mannequins rauschen langsam durch bett Raum und zeigen die neuesten Schöpfungen der Mode. Aber während die Kundin noch alle Schmerzen der Ungewißheit durchkostet, hat die Verkäuferin im stillen längst ihren Entschluß gefaßt. Um keinen Preis darf diese etwa ungraziöse Südamerikanerin oder jene etwas plumpe Madame den Stolz ihres Ateliers davontragen. „Aber gewiß, Madame, aber gerne . . . Aber Madame hat -übersehen, wie diese Linien hier ihre Gestalt ungünstig erjd)einen lassen. Madame muß schlank aussehen, die Taille muß einen anderen Winkel bilden, ach ja, sehen Sie, dies Kleid hier, dies ist das richtige, dies ist die Form, die MadaMes Gestalt am günstigsten betont." Und Madame ist immer Wachs in der Hand einer Pariser Verkäuferin. Sie nimmt, was ihr bestimmt ist; die schönsten Modelle aber Werben nur an wenige Liebtingskundinnen vergeben, bei denen man die Gewißheit hat, daß sie die „erßativn" auch günstig lancieren werden. Das sind jette Königinnen in der Mode, deren Beispiel für die übrigen Damen tonangebend ist und die die Macht haben, ihren Schneider berühmt zu machen oder zu ruinieren. Aber die erste Verkäuferin schmiedet rastlos nette Pläne. Die Hübschesten, die graziösesten, die elegantesten ihrer Mannequins müssen in den neuesten Roben zum Rennen, in den Bois oder auf die Chämps' Elysoes, um hier am Sonntag Morgen auf dem „Sentier de la Vertu" die treuesten Lmienmelodien und Farbensittfonien ihres Ateliers den neugierig neidischen Blicken der Pariserimten zu zeigen. Die Keinen Schneider buben dann Spalier, um hier die letzten geistreichen Einfälle der Modegöttin zu erhaschen und hinter einem Baum halb verborgen ober durch eine Zeitung verhüllt, hastig mit dem Bleistift festzuhalten. —e—k Vermischtes. "Goethe als Pantoffelheld. In einem Almanach aus dem Begimt des 18. Jahrhunderts finden wir eine amüsante Schilderung, die den großen Geisteshelden Goethe als einen richtigen Pantoffelhelden kennzeichnet. Es heißt darin: „Unser Ausflug in die Gefilde der Umgegend Weimars ist dadttrch gestört worden, daß Johann Wolfgang v. Goethe sich uns nicht anschließen mochte. Trotzdem er uns seyue Zusage bereits gegeben hatte. Der Grund ist nur in dem ungnädigeit Verhalten der Charlotte von Stein zu suchen, beim jedermann weiß, daß er ein Weiberheld, und ein richtiger Pantoffelheld sey. Wenn immer sie schlecht Laune bezeigt, müssen wir alle auf seyue Geselligkeit verzichten, denn nur sie hat zu bestimmen, und er sagt kein Wort dazu. Sie hält die Zügel in der Hand, und er muß danach teinigen. Wir waren zusammen sehr ärgerlich auf Johann Wolfgang und auch auf Charlotte, beim wir sehen keinen Grund darin, daß sie uns seyue Gesellschaft vorenthält. Es ist ridicule, daß er sich also von ihren Launen bestimmen läßt. Mais, assen, er bleibt doch trotz aller Munterkeit, trotz aller sentiments, trotz des esprits ein unterwürfiger ihres Herzens und ein Pantoffelheld." Auch Christiane Bulpius gegenüber wurde es Goethe sehr schwer, seinen Willen zu behaupten. Selbst in den Fällen, in denen er von der Richtigkeit seiner Ansichten vollkommen überzeugt war, konnte Christiane doch immer ihn zu ihrer Ansicht bekehren, natürlich ivaren es zumeist Kleinigkeiten, Fälle, die sich im häuslichen Leben abspielteu, wo die Frau die Oberhand behielt. So war der Einfluß von Christiane immer ausschlaggebend, wenn es sich darum handelte, Neuerungen auf dem Gebiete des häuslichen Lebens ober in bet Kleidung zu treffen. Es war nicht bie Toilette von Christiane, bei bet sie ihren Geschmack durckisetzte, sondern die Garderobe des großen Goethe, die ihr allein oblag zii bestimmen. Die schlechte Laune von Christiane soll es inöglich gemacht haben, Goethe, der ja bekanntlich bei seinen Arbeiten nicht allzuviel von der Umgebung abhängig war, die Stimmung für eine Arbeitszeit vollkommen zu verderben. Literarisches. — Illustrierte Zeitung, Leipzig, Verlag von I, I. Weber. — Die Auslese an wertvollem Bilder- und interessanten! Textmaterial, das in der soeben erschienenen Nummer 3427, m geschmackvollster Form dargeboken toirb, ist so reichhaltig, daß mir uns hier mit einer kurzen Aufzählung der bemerkenswertesten Teile Begnügen müssen. Zunächst fallen eine Anzahl großer, in sich abgeschlossener, reich illustrierter Beiträge auf, so z. B. „Tie Entwicklung der Schrift" (sechs Wandgemälde von Hans Kob er st ein), „Auf der Hortobagh", bekanntlich der letzte Rest der alten ungarischen Puszta, und „Moderne Prunkwäsche". Stattlich ist auch die Zähl der Vollbilder; Mir finden in vvrM-t lichen Reproduktionen „Tie Sängerin" von F. E. Wvlsrvmt, I. F. Engel „Zaungäste", W. Krahmer „Motiv bet Leitmeritz" und „Vor Sonnenuntergang" nach einem Kupferstich von F. A. Berner von O. Frenzel. Mehrere Biographien berühmter Männer, unter betten eine Würdigung Willy Burmesters aus der Feder von Arthur Smolian besonders hervorgehoben sei, btto en den lieber gang zu dem nicht minder interessanten tagesgeschichtlichen Teil. Von dem übrigen umfangreichen Material sei nur noch auf zwei Aufsätze „Die drohende Verteuerung der Telephongebühren" von Dr. August Koppel und „R«chsstenograpNe" von Professor Dr. Eduard Eitgel hingewiesen. Zitaten-Rätsel. Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, f» baß sich ein neues Zimt ergiedt: 1. Was ist das Leben? Ein Trugbild nur, Ein Schatten und ein flüchtiger Gedanke. 2. Wer Rätsel beichtet, ivird in Rätseln losgesprochen. 3. Nur bie Lumpe sind bescheiden, Brave freuen sich der Tat. 4. Sein Schicksal schafft sich selbst der Mann. 5. Hast btt getan, was deine Pflicht, Vertraue Gott, beim er verläßt dich nicht. 6. Ein Dummkopf findet immer einen Dummkopf, der ihn bewundert. 7. Der Fürst ist der erste Diener seines Staates. 8. Verlaffen, verlassen, verlassen bitt il Auslösung in nächster Nummer. Auslösung des Königszugs in voriger! Nuumtep! Bricht unter dir bie Brücke, Denk' nicht, daß Gottes Hand Dich aus beut Wasser zücke Und heb' an's trock'ne Land. Gott wollte sich erbarmen, Als er dir Arme gab; Nun rud're mit den Armen Dich selber aus dem Grab. WackernagÄ» Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.