Samstag den U. August Hi W 1909 — Nr. |26 S fc™ • -■ 7 MW naii^hi -V i Peter Nockler. Die Geschichte eine» Schneiders von Wilhelm Holz am er. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) So wurde es Juli. Zanken und Necken, Schmollen, Bitten, Sorgen und Leichttun wechselten ab wie Regen und Sonnenschein, Wind und Ungewitter. Ein paar harte Stunden gab's für den Peter, ein paar wenige auch für die Elise. Die beiden quälten sich so ein bißchen. Und sie lernten sich dabei besser kennen und verstehen als bei dem ewigen Süßtun. Und sie kamen damit einander näher und wurden mehr einander Bedürfnis, wenn sie sich darüber auch nicht klar wurde». Am ersten Sonntag im Juli fuhren sie zur Kirchweih nach Mittershausen zu den Eltern der Elise. In den Odenwald! Der Peter freute sich. Er meinte zwar, als rechter Rheinhesse, da müsse es stockdunkel sein, da sei die Welt mit Brettern vernagelt. Da sei nichts vom Leben, denn da sei kein Wein, da seien nur „Hackeln" (Tannenzapfen). . Da sei alles wüst und- öd und roh. Da friere man, das fei außerhalb der Welt, hinterm Mond, wo keine Sonne hinscheint, kein Stern, und J)te Füchs und die Wölf einander Gutnacht sagen. Sie fuhren nach Darmstadt und von da nach Heppen-- heinr. Es war schon eine große. Reise, damals, die größte aber, die der Peter je gemacht hatte. Er hatte nur zu gucken und sich zu verwundern. Die ganze Bergstraße hin — die Berge, die Burgen und die weite Ebene. Der starke Gegensatz von G-ebirg und Ebene wirkte mächtig auf den Peter. Das Gebirge sah dadurch gewaltiger aus. Und dann das deutliche Hervortreten Der einzelnen Berge, die runden Kuppen, die auf die Ebene aufgesetzten Riesenkegel. Und der Wald obendrauf wie eine dunkle Kappe, wie ein schwarzes Sammetbarettcheu auf einem freundlichen, runden Pfafsengesicht. So einladend, und immer ein anderes Bild. Sv hatte der Peter noch keine Landschaft gesehen. Der Taunus sah ganz anders aus, viel gleichmäßiger, runder. Viel verlaufener, einförmiger. Er hatte ihn ja'freilich nur vom Mainzer Rheinufer aus gesehen. Und das bißchen Von Wiesbaden aus. Es war hier was ganz andres. Der Begriff Gebirge ging dem Peter auf. Die Bergbildung setzte ihn in Staunen. Es war so etwas ganz andres wie das, was sie daheim Berge nannten. Das waren nur schüchterne Erdhaufen dagegen. lind was den Peter noch so wunderte: die Wingerte an den Hängen. Also auch da gab's Wein! Und die reichen Saatfelder in der Ebene. Alles stand hier so üppig, lind die vielen Obstbäume. „Mandeln gibt's da, Pfirsich, Kastanien," erklärte die Elise. Der Peter Ivar baß erstaunt. „Das gab's -da?" „Ja!" „Ei, das wär doch der Odenwald!" Die Elise lachte. „Nein, das ist die Bergstraße; Bergstraße verstehst du, das -ist mindestens grad so gutes Feld tote bei euch in Rheinhessen. Brauchst nicht zu meinen, daß ihr alles hält!" Jetzt war der Peter still. Seiir rheinhessischer Stolz hatte einen empfindlichen Schlag gekriegt. Er hatte doch gemeint, so was wie Rheinhessen gäb's nur einmal in des Herrgotts weiter Welt. „Aber der Wein ist doch nichts Besonderes," warf er mal eilt. „Du wirst dich vergucke, trink erst! mal davon," gab ihm die Elise dagegen. Da war er ganz still. Das könnt er gar nicht begreifen. Und ein Rheinhesse begreift nichts von seiner Nachbarprovinz Starkenburg. Da ist alles -arm und schlecht drin und verächtlich. Da gibt's nur „Hackeln". Und ein Rheinhesse begreift überhaupt nichts, wenn er nicht will. Auch der Peter ließ das uicht ganz in seinen Kopf hinein. Es blieb bei aller Bewunderung etwas Verächtliches in ihm. In Heppenheim gingen die zwei in die Brauerei „Zur Starkenburg". Da stellten die Odenwälder Fuhrleute ein. Die Elise fand hier auch einen Fuhrmann aus Fürth, den sie kannte. Der Peter bezahlte ihm ein paar Glas Bier, und sie konnten mitfahren. Es war sehr heiß und nicht sehr angenehm auf dem Wagen. Aber der Peter ertrug das gern. Er hatte nun wieder zu gucken. Die alten Häuser der Vorstadt mit dem Holzfachwerk, die Mühlen mit den großen, oberschlächtigen Rädern — das Tal selbst, hüben und drüben die Bergrücken mit dem mächtigen Buchenwald. Wie klein waren Gaul, Mensch und Wagen dagegen ! Wie eine Mücke int Dom. Jetzt links hinten der Kegel des Schloßberges mit der Starkenburg oben, die Gegend beherrschend. Herrgott, wie das schön war! Die Elise erklärte ihm die Gegend. Fischweiher, Kirsch- Hansen, dort rechts die Tromm, dort links Lindenfels. Hier in der Heimat war die Elise dem Peter ganz und gar über. Sie führte ihn ein paar Mal an. „Was das dort sei, was so glänzt?" „Das dort — das ist ein schönes, neues Schloß." Wenn sie näher kamen, war's ein Steinbruck), Granit, den der Peter fast noch nie gesehen hatte, oder roter Sandstein. Aber der Peter war ihr nicht böse. Es war zu schön hier. So massig und mächtig alles, und wild, und bei jeder Wegbiegung wurde das Bild anders. Und war man auf der Höhe, konnte man die Straße ins Gebirge hinunter- schlüngeln sehen, da von einem Fichtenschlag, dort von einem Bergvorsprung verdeckt, und darnach wieder heraus- treteud, ein kurzes Streckchen da, ein langes Ende dort. Der Peter saß eine ganze Weile und beobachtete, wie ganz — 502 — allmählich jedes Wegstück abnahm, Lis gar nichts mehr zu sehen war und vor ihnen wieder das massige Gebirge oder der breite Wald lag, daß man meinen mußte, da sei's anl Ende, da müßte man sich den Kopf einrennen. Der Fuhrmann redete nicht viel. Er rauchte beharrlich feilte Pfeife, trieb die Pferde an und fragte höchstens, wo sie sei, ob der Vater noch gesund wär und die Mutter —■ ob fe noch ihr F-eldärweit selwerscht dhete — und ganz zuletzt, ob fe schun verheiert Wär. Die Ense sagte ja, und der Peter wurde rot. Sie stieß ihn gleich an, daß er ja ruhig sein sollte. „Do ehr Mann her wär, was für e Landsmann." „Aus Mainz," sagte die Elise. Dann war's gut. Sie waren oben auf der Gnldenllinger Höhe. Der Peter blickte weit hinein ins Gebirge. Da möcht er doch all hin. Und wieder dies merkwürdige Bild der Straße, die man nur stückweis sah, eng zwischen den Bergen, wie ein Helles Band, dunkel befandet. Und auch jetzt, wie schon die ganze Zeit zu feiten der Straße, sah er im Gebirge drin Felder und Obstbäume, und er mußte sich still bekennen, daß der Odenwald doch auch Welt sei. Dies Bekenntnis fiel ihm jetzt weniger schwer, weil er vom Reiz der Landschaft so viel in sich ausgenommen hatte. Am Guldentlinger Hof stiegen die beiden ab. Der Feldweg links führte nach Mittershausen. Der Peter bedankte sich bei dem Fuhrmann sehr höflich. Der achtete aber gar nicht daraus. Er ließ seine Pfeife im Munde, nickte mit dem Kopse, murmelte so etwas wie „gärn geschehen" und fuhr weiter. Da erwachte der Rheinhesse wieder im Peter. Ja, der Odenwald geftel ihm, aber die Odenwälder — diese Probe wenigstens — nein. So was Unbeholfenes, Klobiges, Ungeschliffenes fand man doch „drüben" nicht. Damit war er noch beschäftigt, als sie schon ein ziemliches Stück den Feldweg hineingeschritten waren. Als dann der Peter aussah, sah er ein gänzlich andres Bild, ein sanftes und liebliches. Es kam ein Glücksgefühl über ihn, die Auslösung feines Genießens. Dem gab er sich hin. Er hatte keine Worte dafür und wollte keine. Er wußte ja gar nicht, was es war, woher es kam. Er war so froh, so gehoben, so leicht war ihm und sorglos. Er fragte nichts mehr. Er schaute nur und schaute. Aber die Neugierde quälte ihn nicht. So war ihm noch nie gewesen. So sonntäglich, so mild, so gart. Höchstens mal daheim in den Wiesen, oder am Abend, wenn er von des Meisters Werkstatt aus ins Feld geblickt hatte und auf der weißen Kirchhosmauer der Glanz der untergehenden Sonne lag. Die Seele war ihm gelöst, er gab sich nicht Rechenschaft. Der Meister Michel Sieben siel ihm ein. Und die Meisterin. Ob sie wohl noch an ihn denken würden? Sie waren doch gut gegen ihn gewesen! Ob sie wohl noch gesund seien und der Michel Sieben so fleißig bei der Arbeit? Er müßt sie doch bald besuchen, mit der Elise. Ob sie denen gefallen würde? So ging's ihm durch die Seele, die in ihrem freien Momente all des Gütigen und Schönen des Lebens dachte. Dessen, was noch war und werden sollte. Ein weiter Wiesengrund dehnte sich vor den Wandernden aus, rechts weit hinaus, mit dem Bach drin, der wie ein Glitzerbaud blinkte, hinten die Berge, vor ihnen, ein wenig nach links geschoben, ein dunkler Uchteuschlag, der bis zur Höhe hinauswuchs. Und dort, am untersten Zipfel hinter den Fichten, ein staar niedrige, strohbeoeckte Häuser, breit und abgerundet, ein paar breite, massige Schornsteine, aus denen der weiße Rauch schwebte, und ganz hinten die Berge wieder, von der Sonne beschienen, wie in weiten dichten Schleiern. Der Peter zergliederte auch nicht, was er sah. Er schaute nur und fühlte die Wärme feiner Seele wachsen. Er fühlte sich wachsen. Und er drückte der Elise fest die Hand — und hielt sie ttn — und küßte sie. Die Elise sah ihn groß an. Das war sie gar nicht Von dem Peter gewohnt. „Na?" fragte sie. „Ich bin so froh!" sagte er. Das war alles, was er wußte, was er von der Landschaft verstand und dem, was sie in ihm wirkte. Was er von sich verstand. „Das ist Mittershausen vor uns, — noch ein klein Viertelftündche. Aber ganz Hinte am Berg liegt mein Vaterhaus, mer kann's von do net sehe." Die Elise sprach auf einmal deutlich ihren Dialekt. War sie selbst ergriffen oder bewirkte das die Heimat, daß sie treu und echt werden mußte und nicht vornehm reden durfte, hier auf dem Boden, wo sie Kind gewesen und rein und unverziert? Der Peter hörte gar nicht. Er ging mit ihr Hand in Hand. Nur nach einer Weile sagte er wieder: „Du, ich bin so froh, Elise!" Und er drückte ihre Hand fester und küßte sie. „Schode, du!" fügte die Elise. Aber es gefiel ihr doch. Nach einer Weile sing sie an zu fingen: „Es steht ein Baum int Odenwald, - Der hat viel grüne Acht, Da bin ich schon viel tausendmal Bei meinem Schatz gewest." Sie lachte. Dann hielt sie an. „Du, awwer da uze mußt be heit. Danze — den „Dreher". Da geht's — ru — um — rumdidum — Ich Bin von Mitterschhause, Mei Vatter is en Beseitbinner, Mer wohne do hinne drauße, Do hinne drauß am Wald. Was geht's dich an, du Hammelschwanz, Wann ich mit meiner Bäsel danz! Ich danz mit meiner Bäsel, Was scher ich mich um dich!" Und die Elise hüpfte und sprang davon, und der Peter lief ihr nach. Er holte sie ein und hüpfte mit ihr, denn ihm war zum Hüpfen froh. Sie hielten sich an den Händen und sprangen dahin — links zwei drei — rechts zwei drei — links zwei drei — rechts zwei drei — und hüpften fast so ins Dors hinein. (Fortsetzung folgt.) Die UaValm-MenÄLMZ. Von Dr. Kurt Heinsmann. Nachdruck verboten. Mit großer Lebhaftigkeit wird gegenwärtig an der Hebung des Bühnenlebens gearbeitet. Die Interessengemeinschaft der Theaterleiter („Deutscher Bühnenverein") hat sich mit dem Beginn dieses Jahres ein eigenes Kampforgan mit zahlreichen wissenschaftlichen Mitstreitern geschaffen. Anderseits hat auch der Rechtsschutzverb and der Bühnenangehörigen, die „Deutsche Bühnengenossenschaft", sein Pretz- organ gleichen Titels, das bisher zumeist nur kurzen lokalen Notizen und der Wiedergabe der Sprclverzeichnisse und Rollenbesetzungen sämtlicher größeren und mittleren Bühnen gewidmet war, unter dem veränderten Titel „Der neue Weg" sich zu einem geistig regen Sprechsaale unter Beibehaltung jener interessanten Spielverzeichnisse ausgebaut. Ein drittes neues Fachblatt, die „Deutsche Theaterzeitschrift", bedeutet gleichfalls einen weiteren Ausbau des vom Vater ihres Herausgebers geleiteten und weiter bestehenden „Theater-Couriers" mit der Spezialität der Regiepläne aller wesentlichen Novitäten. Endlich ist noch ein fünftes Berliner Theaterblatt, „Bühne und Welt", mit der Spezialität reich illustrierter Künstlermonographien und Szenenbilder aus Novitäten, sowie der Wiedergabe ganzer Einakter, mit größerer Unabhängigkeit in voller Geistesfrische in das zweite Jahrzehnt seines Bestehens eingetreten, nachdem es bisher zugleich dem Bühnenvereine der Theaterleiter als amtliches Organ diente. Viel weniger ist also neuerdings darüber zu klagen, daß den „Theaterleuten" Interesse an der geistigen Weiterbildung ihres Berufes abginge, als vordem, wo man nut Vorliebe seufzte: Dumm ist der Kerl, wie ein Tenor ! Nur schade, daß ein Tenor der einzige beim Theater ist, der mehr als fünf Neugroschen für seine Bildung übrig hat Alles mögliche hat man in den Jnteressenkämpfen UN- 603 serer Tage für das heutige „Theater-Elend" verantwortlich gemacht. Mrs einen Krebsschaden der deutschen Theatergeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts aber hat man aus gewissen Gründen sehr selten auch nur andeutungsweise hingewiesen: auf die Kävalier-Jntendanz. Im deutschen Reichstage wurde öfters lebhaft beklagt, daß besonders int diplomatischen Dienste und int Offiziersberufe vom Stabsoffizier aufwärts der Geburtsadel eine seine Qualifikation übersteigende Bewertung findet. Fast noch ungünstiger aber liegen die Verhältnisse bei der Leitung der ersten deutschen Kunstinstitute. Bedeutend mehr könnte fast ausnahmslos mit den beträchtlichen Geldntitteln geleistet werden, die durch die Munisizenz deutscher Fürsten ihrett Hofbühnen alljährlich geopfert werden. Einer der größten Historiker aller Zeiten, Heinrich von Treitschke, sieht sich in seiner Universalgeschichte! des 19. Jahrhunderts, da er nun einmal de rebus omnibus et quibusdam aliis sprechen muß, veranlaßt, auch der Bühne wahrhaftig beinahe eine halbe Seite zu widmen. Und Treitschke setzt an diese Stelle den richtigen und wichtigen Satz, daß es höchst bedauerlich war, die Leitung der ersten deutschen Bühnen den Fachmännern zu entreißen und in die Hände hochgeborener Dilettanten zu legen. Schon die altert Griechen schieden in ihrer wunderbar klaren Desinitionskunst vor mehr als zwei Jahrtausenden die Staatsformen in drei Gruppen: Monarchie, Aristokratie und Demokratie, mit ihren Auswüchsen der Tyrannis, der Oligarchie und der Ochlokratie. Unsere herrschende Staats- form ist die der Monarchie mit parlamentarischer, also demo- iüatischer Einschränkung. In der höheren Bewertung aber, die dem Geburtsade! im diplomatischen und inneren höheren Verwaltungsdienste, int Offiziersberufe und nicht zum mindesten auch in der Kavalier-Intendanz beigemessen wird, offenbaren sich Reste der aristokratischen Staatsform tnit ihrem Ausiouchse der Oligarchie. Mut ist es gar nicht ztt verkeimen, daß die Kävalier-Jn- tettdanz unter Umständen ihre gewissen Vorzüge haben kann. Gestützt wird sie zuweilen auch durch eine gewisse Eitelkeit der Mitglieder höfischer Kunstinstitute. „Urlaub charmant bewilligt von meinem verehrten Freunde, dem Grafen" wirkt im Munde des renomierenden Gastspiel-Virtuosen ent» schieden stärker, als wenn ein ganz* gewöhnlicher Müller oder Schulze die beutelustige Provinzfahrt bewilligt hätte. Gewisse Kunststätten treiben geradezu Intendanz^Lehr- lingszüchterei. Der Kölner Stadttheaterdirektor rühmte sich K. B. kürzlich nach Erledigung der letztett Weimarer Intendantur-Vakanz öffentlich in der Presse seiner feudalen Ofsi- ziers-Direktionsvolontäre. Sicher haben auch nicht wenige Kavalier-Intendanten sich allmählich gar nicht übel in ihre Position eingearbeitet. Bei anderen dagegen scheint sich die Qualifikation, für diesen künstlerischen Beruf lediglich davon herzuleiten, daß sie mit einem feschen Soubrettchen „mal was gehabt" hatten. Kein. Wunder, wenn sich deshalb die Karikatur des feudalen Herrn Kavalier-Intendanten mit besonderer Vorliebe angenommen hat. Ganz zu schlveigen von der aptit- lichen kleinen Simplizissimus-Vallettratte, die zum Intendanten bestellt ist und