M9 B HB ff 8 IW W DM Rheinlandstöchter. Roman von Clara Viebig. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) „Wer ist Ida — ah, Sie sind noch hier?!" Frau Arnheim drehte sich verstört um. „Ah, entschuldigen Sie, ich habe mich hinreißen lassen! Es ist häßlich, nicht die Dehors zu wahren." Ein melancholischer Zug schob ihre Brauen zusammen. „Ich bin ja sonst gut gezogen — sehr gut!" Ihre Oberlippe hob sich, es war ein bittres Lächeln. Neldas .Herz klopfte, sie fühlte keine Spur mehr der früheren Erbitterung, nur Mitleid; das „Ich bin gut gezogen", gellte es nicht wie ein Aufschrei durch's Gemach, so tonlos es gesprochen war? Bebende Nasenflügel, zuckende Lippen, gewaltsames Heben und Senken der Brust — sp ach das nicht genug, wenn auch die schöne Gestalt ruhig stand und die Stimme gleichgültig klang? „Verzeihen Sie mir, gnädige Frau, wenn ich zu viel gewagt habe, die Freundschaft für Agnes und — und sie suchte nach einem Ausdruck — „und ein Gefühl der Sympathie für Sie hat mich fortgerifsen. Ich — ich —" sie war doch noch schwach, die Stimme schwankte, Tranen schossen ihr in die Augen. „Sie sind eine gute Freundin!" Frau Arnheim sagte es langsam, ihr Blick bohrte sich mit einem seltsamen Ausdruck in Neldas Gesicht. „Agnes ist glücklicher als ich!. Ich war nicht gut beraten, ich habe mich verläuft." Schwer ließ sie sich auf die Chaiselongue fallen, stemmte die Arme auf und preßte den Kopf zwischen die Hände. „Nun sitze ich hier, nun habe ich alles, was das Herz begehrt und doch nichts." Sie sagte es murmelnd, wie zu sich selbst, und wiegte dabei den Oberkörper hin und her, als wolle sie sich in Schlaf lullen. „Nun sitze ich hier, nun sitze ich hier! Fräulein Dallmer" — sie hob Plötzlich den Kops — „sagen Sie, Fräulein Dallmer, würden Sie eilten Mann heiraten, den Sie nicht lieben?" *92 ein!" Mie Sie das sagen, so rasch und sicher! Ja ich glaube es Ihnen wohl. Aber es tun's doch viele und sind zufrieden. Warum ich nicht?!" Sie riß an ihren Fingern, an denen die Brillantringe funkelten. „Ich weiß nicht, warum ich überhaupt darüber spreche, ich habe einen Ekel an allem!" Ein finstrer Zug entstellte das schöne Gesicht. Mit einem Aufstöhnen preßte Anselma den Kopf in das kostbare Kissen. Nelda wußte nicht, was sie sagen sollte; eine Art Verlegenheit kam über sie, unschlüssig sah sie nm sich, nur die Sorge für Agnes lieh ihr noch einmal Worte. Sehr sanft, sehr leise flüsterte sie: „Und nicht wahr, gnädige Frau, Sie lassen mich nicht ohne Hoffnung gehen? Lassen Sie mich die Achtung nicht verlieren, ich möchte Sie gern achten. Sie werden Herrn von Osten von sich weisen, er wird zu seiner Pflicht zurückkehren, Ihr Herr Gemahl „Schweigen Sie von meinem Mann!" War das ein Lachen oder ein Schluchzen? „Ich bin'das wertvollste Stück seiner Sammlung. Hoffen Sie nichts! Ich verspreche nichts, ich kann nichts versprechen!" Frau Arnheim schüttelte Wild den Kopf, daß ihr die sokgsam gebrannten Locken unordentlich in die Stirn fielen. „Und ich hoffe doch!" Nelda blieb hartnäckig dab'ei, „Leben Sie wohl, gnädige Frau!" » Sie gaben sich nicht die Hände zum Abschied, sie schieden mit einer stummen Verbeugung. Beide gleich groß, gleich schlank, standen sich gegenüber wie zwei Gegnerinnen, und es war doch ein Gefühl der Achtung zwischen ihnen. VI. „Ist es war, Paul, willst du denn wirklich zu Dallmers hingehen? Oranienburgerstraße 107a III. — siehst du, da steht's in meinem Anschreibebuch! Wo ist die Straße eigentlich? Du könntest doch lieber die freie Zeit benutzen und mit mir und den Kindern mal einen Spaziergang machens Wir haben so wie so gar nichts von dir!" Frau Elisabeth Xylander saß vor ihrem Nähtisch am Fenster und besserte Hosen aus; Karl und Fritz waren tüchtige Reißer, Wilhelm war im Kadettenkorps, mit dem hatten sie nicht viel mehr zu schaffen. Das waren noch ganz dieselben blonden Haare, dieselben Grübchen in Backen und Kinn; auch tote Frau Elisabeth jetzt sagte: „wir haben gar nichts von dir" und das Mündchen aufwarf, war alles noch grade ww vor Jahren in Koblenz draußen auf der Chaussee. „Komm doch mit zu Dallmers, Elisabeth," sagte Xylander. „Es wäre sehr nett." „Gott, Paul, was du für Ideen hast!" Sie sah ihn ordentlich mitleidig an. „Du bist so ein kluger Mann und doch gräßlich unpraktisch! Ich kann doch nicht zuerst zu Nelda Dallmer gehen, das sähe ja gerade aus, als ob ich ihr abbitten wollte. Ich! Noch dazu als Verheiratete Nein, sie muß zuerst zu mir kommen; dann will ich ja auch sehr freundlich sein. Dann bist du doch auch zufrieden, nicht? Jetzt muß ich ja selber darüber lachen, daß ich nur jemals gedacht habe, du hättest sie lieber wie mich! So ein dummer Unfinit! Nelda ist gewiß mzwischen 'ne rechte alte Jungfer geworden, ich bin eigentlich sehr neugierig auf sie. Ich kann ihr genau nachrechneii, nahezu 28 — ja 28, das stimmt! Liebe Zeit, da war unsereins anders auf dem Posten, da hatte ich schon vier Kinder — ober waren es erst drei? Laß mal zählen. Zwanzig geheiratet — einundzwanzig Wilhelm — zwuundzwanzig, nein, dreiundzwanzig Vicky - 'ieruudzwanzig Lollo - fünfundzwanzig, ach Gott, da hatten wir das Unglüch, da starb der kleine süße Junge, nur zwei Stunden alt ! Ach, ich dmke immer, wenn der noch lebte, dann waren wir sechs! Sechsundzwanzig, siebenundzwanzigrichtig, vier waren'sl Karlchen wurde geboren, als ich siebenundzwanzig i.ar. — 778 — Whtundzwanzig Fritzchen. Ach Lin nun wirklich riesig gespannt, was die Nelda Dallmer leistet; du hast dir ja immer viel von ihr versprochen. Schade, daß sie sich mit Rainer damals so verplempert hat. Wie konnte man sich aber mich so unpraktisch verlieben!" Dstander sah nach seiner Frau, hin und lächelte flüchtig. „Freilich, das wäre dir nicht passiert!" Sie merkte nicht die leise Ironie in seinen Worten. „Das wäre es auch nicht," rief sie eifrig. „Aber das kommt bei der Blaustrümpfigkeit heraus, Nelda hatte immer was vom Blaustrumpf. Nein, meine Mädels sollen anders werden! Stricken und nähen und stopfen und gut kochen, das ist das beste, um einen Mann zu fesseln. Paß mal auf, die heiraten mit sechzehn! Dafür werde ich schon sorgen. Findest du nicht, daß sie sich sehr nett herausmachen? Vicky ist für ihre Zwölf merkwürdig entwickelt. Und Lollo — nein, ich amüsiere mich, der Oberst sagte neulich zu mir: „Sie haben ein paar reizende Töchter, gnädige Frau, ganz die Mutter!" Was sagst du, Paul, bist du nicht stolz?" Sie sah, rot vor Vergnügen, zu ihm auf. Er nickte und küßte sie leicht auf die Stirn; die hatte merkwürdig wenig Falten, querüber. nur ein paar zarte Striche, über der Nasenwurzel zwischen den Brauen, wo das Nachdenken sitzt, keine einzige Linie. „Adieu, Kind, nun mutz ich aber gehen! " „Nein, nein! Weißt du, Paul, ich mag dich doch die einzig freie Zeit nicht missen. Einen Augenblick! Ich rufe die Kinder, wir machen uns rasch fertig und gehen mit bis hin! Wir warten dann unten auf dich." „Aber, Liebe, es könnte zu lange dauern!" „Ei, du brauchst ja nicht so lange oben zu bleiben, das ist gar nicht nötig! Vicky, Lollo, Karl, Fritz — spazieren — rasch!" Sie rief zur Tür hinaus. „Mir ist nur wohl, wenn sie alle dabei sind. Dir auch, Paul, nicht?" Dreiviertel Stunden später stieg Major Tylander die Treppen $ur Dallmerschen Wohnung hinauf. „Bleib' nicht so lange," rref ihm noch eine Helle Stimme nach. Das Haus war ganz anständig, nur der Hof, auf den man durch das Treppenfenster blickte, entsetzlich eng und düster. Zwischen den hohen Hintergebäuden kaum ein Stück Himmel zu sehen und das noch angeräuchert von dem riesigen Jabrikschlot, der auf dem Nachbargrundstück drohend emporragte Geheimrätin Dallmer. Familienpensionat. stand auf dem Porzellanschild. Die Berliner begreifen iitdjt, daß auch mal einer nicht „geheim" sein kann; Frau Rätin hatte ihren Aerger wegen des Schildes gehabt. Xylander läutete, das Herz klopfte ihm dabei — wenn ie doch zu Haus wäre! Er fühlte eine freudige Erregung, ie wiederzusehen. Drinnen schlorr.en Schri te; jetzt wurde >er Schlüssel umgedreht, ein alter Herr mit hochrotem Ee- icht öffnete die Tür. „Ihr Diener, Ihr Diener!" Die Uniform imponierte ihm augenscheinlich. „Bitte, treten Sie naher! Mit wem habe ich die Ehre?" „Major Xylander. Sind die Damen zu sprechen, Frau Und Fräulein Dallmer? Ich bin ein alter Bekannter!" „I, ist nicht möglich?!" Der Alte schmunzelte vergnügt. ,/Jch kriegte schon Angst, es wäre wegen der Pension; die geben wir nämlich auf. Gestatten Sie — Moritz Schmolke, mein Name ist Moritz Schmolke, Rentier! Also Sie sind ein alter Bekannter? Na, aber nu! Bitte, treten Sie naher hier herein in meine Stube!" „Sie entschuldigen, ich wollte zu den Damen!" Xy- lander wußte nicht, was er aus dem Alten machen sollte. „Ra, ja, ich weiß schon. Da sind Sie auch ganz titt der richtigen Adresse. Im „Berliner" können wir nämlich keinen Besuch empfangen, da — aber bitte, nehmen Sie gefälligst Platz! Ich werde es den Damen melden." Er verschwand. Xylauder sah sich um. Richtig, die Möbel kannte er, dies waren die besten Stücke aus dem Dallmerschen Haushalt! Dort vor dem Schreibtisch den Teppich — grün, rarmoisin und violett — den hatte er in des Regierungsrats Arbeitszimmer oft gesehen, die müden Füße des kranken Mannes ruhten immer darauf. Ein Gefühl der Rührung überkam den Major. Jene Farben waren noch so frisch und bunt — aber was mochte aus Nelda geworden sein, hatte sie ihre schöne Frische noch, oder —? Ein blasses verblühtes Altjungferngesccht mit traurigen Augen schwebte ihm vor. Eine wahre Angst bemächtigte sich seiner. „Herr Hauptmann Lhlander!" Da, eine volle, liebe, vertrante Stimme! Er fuhr auf. „Nelda!" Sie streckte ihm beide Hände entgegen. Da stand sie, kräftig, frisch, über dem hellen Kattunkleid blühten ihre; roten Wangen, ein strahlendes Lächeln verschönte ihr Gesicht. Ihre Augen leuchteten vor Freude. „Q Sie lieber guter Freund, o wie freu' ich mich!" Er konnte sich nicht halten, er stieß einen unterdrückten Freudenruf aus; und dann ergriff er ihre Hände und schüttelte sie und ergötzte sich an dem festen warmen Druck, der den seinen erwiderte. „Meine ließe gute Nelda!" „Lieber Herr Hauptmann — ach, verzeihen Sie: „Herr Major"! Ich kann mich noch nickst so rasch dran gewöhnen," sagte sie mit einem ließen entschuldigenden Lächeln. „Für mich sind Sie immer noch der Herr Hauptmann!" „Und Ihr guter Freund!" „Ja, mein bester!" gab sie mit schimmernden Augen zurück. Ihr Gesicht wurde plötzlich sehr ernst. „Sie haben mich einmal vor einem schweren Unrecht bewahrt, gegen die Meinen, gegen mich selbst — ich weiß jetzt, was es heißt, in blinder Verzweiflung aus dem Leben gehen, idji 'hab' es vor kurzem in nächster Nähe gesehen. Gott sei Dank, daß ich lebe, so lebe!" Sie sagte das mit einem tiefen Atemzug und drückte ihm fest die Hand. „Ich kann es Ihnen nicht genug danken!" „Ich sehe es, Sie sind zufrieden, Sie finb glücklich!" Er mufterte sie mit einem laugen Blick. „So lamt nur jemand aussehen, der ruhigen Herzens ist!" „Nicht glücklich, nein" — sie schüttelte den Kopf —i „dazu gehört zu viel, da ist manches, was mich sehr drückt, aber Hieb bin ruhiger geworden, klarer! Ich habe mich durchgefressen," sagte sie mit ihrem alten freien Lachen und zeigte die gesunden Zähne. (Fortsetzung folgt.) Aus dem Gdenwalder Volksleben. Ein „Bersprach". (Gutsübergabe u. Verlobungsfeier in den siebziger Jahren.) Von K. M o h r, Reallehrer in Bensheim. (Bei unserem Preisausschreiben lobend erwähnt.) Wenn in einer Odenwälder Bauernfamilie jener wichtige Zeitpunkt der Nebergabe des Gutes —- in der Regel an den ältesten Sohn — ober, wenn ein solcher nicht vorhanden, an die älteste Tochter — herangekommen ist; so findet gewöhnlich mit dieser Vererbung gleichzeitig oder kurz vorher die Verlobung des erbberechtigten Kindes statt; jedenfalls wird aber die Verlobungsfeier mit dem feierlichen Akt der Gutsübergabe verbunden und die Doppelfeier nennt man „Berspru ch". Es handelt sich hierbei aber nicht um eilte Vererbung im landläufigen Sinne des Wortes, sondern um einen förmlichen Verkauf; und zwar verkauft der Vater Gut, Haus und Hof mit lebendem und totem Inventar an den Sohn und feine verlobte Braut, so daß diese in gleicher Weiss Mitinhaberin wird wie das eigene Kind und im Sterbefalls des Ehegvo es am hellsten war, uns niedergelassen hatten, placierten sich auch die noch übrigen Gäste in ernstem Schweigen um die Tische, dao Brautpaar aber saß ^ettvas abseits in gedrückter Stimmung; denn es war schon mehr als einmal vorgekommen, daß durch bei, Ewensiun bet Alten bet tzerzeusbund zweier Liebenden jal) S Se Mbe,n die Vorfragen über Kauf,umme LKt ufw. wie eingangs erwähnt erledigt W« es wichtigsten Punkte der Berhandlung, der Ie.gs.ellung des Auszugs" (Leibgeding). Die Forderungen des Ver- E&XwSÄ ® Esrs'tt'SEK I Milch Gemüse u. dgl. mehr zu vertilgen. Dep« ilneingcMih- j teil mußte es geradezu h^lich erschemen, ^Menschen gegen- schließt. Wenn schon einerseits eine gleichmäßige Verteilung I her durch die verschiedene Höhenlage bedingten qualitativen großen Verschiedenheit der Güterstücke unter zwei, drei oder gar mehr Kinder inmitten des Gebirges wohl kaum ausführbar ist, so würden andererseits die Besitzer dieser Teilgüter lauter sogenannte „kleine Leute" werden, die auf einem I solchen Gut nicht bestehen könnten, und weil sie noch anderweitigem Erwerb nachgehen «näßten, würde der ohnehin Mühsame landwirtschaftliche Betrieb überall bald vernach- läsfigt werden. Diese und noch andre Gründe lassen eine intensive rationelle Bewirtschaftung nur bei der vorhandenen Zusammensetzung größerer Güter (Feld- Wiese, Wald u. nicht zu bebauender Trift) zu u««d ein gleichmäßiger Vererbungs- I Modus, Ivie in anderen Gegenden, würde bet Landwirtschaft I im inneren Odenwald den Todesstoß versetze««. — In gleicher | Weise würde man aber auch den Besitz weit über die Er- tragsfähigkeit belasten, wollte man die Güter audji nur | annähernd dem wirklichen Werte entsprechend dem Rach- I folger veranschlagen. Diese wenigen Bemerkungen mögen genügen, um den I Uneingetveihten die Verhältnisse, wie sie sich ja auch noch in anderen Gebirgsgegenden finden, übersehe«« zu lassen — Und nun will ich versuchen, dem geehrten Leser einen tote pben erwähnten „Verspruch" aus meiner Erinnerung zu skizzieren. „Wir steigen aus einem reizende«« engen Flußtälchen, an denen ja der südöstliche Odenwald so reich ist- nach einer mäßigen Seitenhöhe empor, und vor uns, auf einer kleinen I von Wald umsäumten Hochebene liegt ein Dörfchen, das wohl kann« 200 Einwohner zählt. Die Häuser stehen zerstreut; die vier weit gedehnten Baueruhofreiten sind durch große, wenig gepflegte Gras- und Obstgärten von einander getrennt, und nut die Häuschen und Gärtchen bet „kleinen Leute" lehnen sich mehr aneinander an, da ihnen ja auch die weitläufigen Ställe, Scheunen und Hofräume fehlen. Die Ortsstraße, die auch zugleich Feldweg ist, verbindet hie Bauernhöfe mit beit diese in weitem Bogen umschließenden Feldern. In einem dieser Bauernhäuser geht es heute besonders lebhaft zu. Der .Hof zeigt schon eine außergewöhnliche Ord- wung und Reinlichkeit, und ain Röhrbrunneu tm Hofe stehen die tteitzig scheuernden Mägde und- bespreche«« dabei lebhaft, wenn auch nur halblaut, das bevorstehende Famftieuereiguts. Und drinnen in der geräumigen Bauernstube aroetten die Töchter des Hauses in gleicher Weise an den eichenen Tischen, Ofenbänken, Stühlen und dem Fußboden, alles «nutz bmut geputzt sein, denn der heutige Festabend hat auch für fte eine besondere Bedeutung. In der Küche hort man besonders lebhafte Unterhaltung zwischen der Bäuerin und zwei halb- städtisch gekleideten Frauen, den Köchinnen des Festschmau- ses; es muß feftgchellt werden, was noch fehlt, und vom ältesten Knecht oder dem schmucken Bauernsohn selcht in der nahen Stadt mit Pferd und Wagen geholt werden soll. So sparsam die Hausfrau sonst auch: ist, heute darf nichts fehlen und selbst bet Bauer brummt nicht, wie er sonst zu tun pflegt, toenit er immer wieder den ledernen strupp- beutel ftehen muß — er hat ihn aber auch heute ganz । be ouders «iftt Goldfüchsen hesPÄt. Und wahrlich, heute abend, beim „Verspruch" seines Nettesten und Einzigen, in den« sich ja seine eigene Jugend wiederholt, soll einmal etwas drauf gehen. Er ist nicht neidisch, daß ihn sein tuch- JAS 9etÄ« Auch- „ich übertrifft. Er W * oucf} nicht wie jener Soldat gewesen, und dazu hat still Einziger noch im Jahre 70/71 das Deutsche Reich erkämpfen helfen. Ja, stolz ist er auf seinen Georg-Adam und in der Tat, er kann es auch fein. Nur in einem Punkt hatte et bem Vater noch folgen und die „einzige -rochier des Größten im Dorfe" freien sollen, wie es die beiden Alten schon zurecht gemacht hatten. Dann wären die beiden benachbarten Guter Msammengekommen und bet Georg-Adam wate der größte Bauer weit und breit geworden. Doch an der treuen Gesinnung des Jungen scheiterten die Plane des Ilten und die nun endlich zugegebene Partie wat doch auch keinesiveg^ zu verachten. Die Herzensneigung des Sohnes freilich kum- nterte ben Alten dabei wenig. Die Schwiegertochter brachte doch als einzige Schwester ihres Brubers 9000 fl. mit, man konnte so die drei eigenen Töchter mit je 3000 fL ahfinden und dazu war noch ein Tausch vorgesehen, die lungsteuh er sollte den Bruder der zukünftigen Schwiegertochter heiratcn ünd die beibeit anderen Töchter hatten bereits Aufsicht, ebenfalls auf große Bauerngüter zu kommen. Unter diefen 780 i möchte. Doch, wie schort früher bemerkt, ist es gar riicht die Absicht des alten Bauern, eine fette Alimentation heraus- znschlagen, nur eine Waffe soll es für den Notfall sein. Und alt sind die beiden ja noch nicht, 54—58 Jahre, sie wollen sogar noch weiter Mitarbeiten, mit den Kindern an einem Tisch essen und ihnen den Lohn für zwei Taglöhner ersparen. Der alte Bauer rst nachher auch der Patriarch im Hause geblieben rrnd der Friede niemals gestört worden. So ist es aber freilich nicht immer. Wo sich alt und jung nicht vertragen, und jene die ausbedungenen Räume und den ganzen Auszug in Anspruch nehmen, ob sie ihn auch nicht verbrauchen können, da wird es den Jungen oft schwer, sich über Wasser zu halten, besonders dann, wenn das Gut mit Hypotheken belastet ist und Zinsen bezahlt werden müssen. Doch wieder zurück zur Verhandlung. Position um Position mußte wie in einer scharfen Reichstagsdebatte einzeln genommen werden, und wenn der Vater der Braut als Hauptgegner, Dank seiner Verbündeten, zu denen sich sogar hier und da die gegnerische Schwiegermutter gesellte, aus der Defensive allmählich in die Offensive überging, da gab es ost scharfe Worthiebe, und meistens mußte der in die Enge getriebene Hartschädel seine Forderung herunterfetzen; freilich suchte man ihm so viel als möglich das Gefühl der Niederlage zu ersparen. — Endlich nach etwa zweistündigem Kampfe (die Waffen waren allmählich stumpfer und die Kämpfer müde geworden), war der einige Bogenseiten füllende „Auszug" als Einlage zur Kaufno Ml abgeschlossen und wie von einem Alp befreit atmete alles, selbst der alte Haudegen nicht ausgeschlossen, erleichtert auf. Gegenseitiges Händeschütteln und Beglückwünschen als Zeichen des Friedensschlusses hob die Gegnerschaft auf. Unvermerkt hatten sich schon vorher die beiden Schwiegermütter dem Brautpaare genähert. Wortlos reichten sie sich die Hände und die Tränen in den Augen der Frauen bezeugten die innere Freude darüber, daß alles zu gutem Ende gekommen war. Mit der an mich gerichteten Aufforderung des Amtsvorstehers, die Kaufnotul zu verlesen, wurde die bereits in Fluß geratene Unterhaltung nochmals unterbrochen und die ganze Versammlung erhob sich mit einer Würde und Andacht, wie etwa in der Kirche, wenn der Geistliche die Epistel verliest oder das Gebet spricht. Es machte einen geradezu komischen Eindruck, wenn man beim Verlesen des langen Speisezettels in die andächtigen Gesichter blickte. Doch auch diese Mrze Szene, sowie die besonders bei den Alten etwas umständlich vollzogenen Unterschriften samt Beglaubigung und Untersetzen des Amtssiegels gingen rasch vorüber und bald klangen die Gläser, und unter fröhlicher Unterhaltung wurde der letzte Groll hinuntergespült. In der nun folgenden Ansprache, die wohl in erster Linie denl Brautpaar, dann aber auch den Eltern desselben galt, suchte ich durch Ernst und Scherz die rechte Stimmung, besonders auch bei dem im Grunde genommenen biederen Alten zu wecken, was mir denn auch vollständig gelang. Unterdessen hatten sich die Frauen in die Küche begeben, um das Aufnschen des Festmahles zu beschleunigen; denn — merkwürdige Uebereinstimmung der Parteien — allen knurrte schon seit einer Stunde der Magen. Bald brachte man die dampfende Suppe, der in ziemlich rascher Aufeinanderfolge mehrere Gänge gebratener, gesottener und gebackener Speisen folgten, und man konnte wohl im Zweifel sein, ob denn heute erst „Verspruch" oder schon „Hochzeit" gefeiert werde. Nun merkte man nichts mehr von Meinungsverschiedenheiten. Alle ließen der reichbesetzten Tafel und den immer wieder neu zugetragenen Flaschen durch fleißiges Zulangen alle Gerechtigkeit widerfahren. Wie nach beendigtem Mahle die innere Stimmung dieser fröhlichen Naturkinder durch Scherzreden, Lieder u. dgl. noch weiteren Ausdruck fand, das sich auszumalen, darf ich wohl dem geehrten Leser selbst überlassen. Nur noch das eine will ich verraten: aus den Augen des Brautpaares strahlte ungetrübtes Glück als Vorbote einer glücklichen Ehe und die zufriedenen Gesichter der Alten verrieten, daß sich auch bei ihnen alles in Wohlgefallen aufgelöst hatte. — In früher Morgenstunde soll freilich der Heimweg manchem der Gäste etwas beschwerlich geworden und sogar der mit den beiden Braunen bespannte Korbwagen wieder in Aktion getreten sein. Vevmüschter. * Ditz Wissenschaft vom Bauchredcu bietet eintztst Mitarbeiter der AnualeH den Gegenstand zu einer fesselnden Plauderei. ES scheint, daß die medizinische Wissenschaft das Geheimnis des Bauchrvdens nie völlig zu entschleiern vermochte: malt wird sozusagen als Bauchredner geboren oder man erlernt es nie. Es ist eilte besondere Fähigkeit, die nur entwickelt und gesteigert werden kann. „Der ganze Mechanismus der Bauchrednerei," so äußert sich der bekannte französische Arzt und Psychologe Dr. Richerand, „besteht in einer langsamen und scharf abgemessenen Ausatmung, der stets ein sehr starkes Einatmen vorausgeht, durch das der Bauchredner in seinen Lungen eine sehr große Luftmeiige aufstapelt und deren Entweichen er nun geitmt reguliert. Aber diese Kenntnis reicht keineswegs aus zur Erklärung des Phäno- mens an sich, denn dann müßte bei entsprechender Uebung jeder Mensch Bauchredner werden können. Was die echten Bauchredner kennzeichnet, das ist die Fähigkeit, den Laut so hervorzubringen, daß es den Anschein erweckt, daß eine andere entfernte Persönlichkeit spricht und um dies zu erreichen, müssen selbst die „geborenen! Talente" lange und mühsam Men und lernen. Bis in die fernste Vergangenheit führt die Geschichte dieser eigenartigen Kunst zurück. In früheren Zeitaltern umgab der Bolksaberglaube den Bauchredner mit phantastischen Legenden und man fürchtete ihn vM ein .Wesen mit übermenschlichen Fähigkeiten. Mehr als ein Bauchredner ist im Mittelalter als Hexenmeister auf denk Scheiterhaufen den Feuertod gestorben. Die klügeren freilich mieden die Berührung mit dem abergläubischen Volke und stellten als Narren! ihre Künste dem Amüsement der Fürsteii gegen klingenden Lohn zur Verfügung. Um 1643, so berichtet Dickinfon, sah man in Oxford eilten Bauchredner Namens Braucing, der weit und breit als das „Murmeltier des Königs" berühmt war. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts ließ der gelehrte Abbö de la Chapelle ein seltsames Werk über die Kunst des Bauchredens erscheinen, in dem eine Fülle wunderlicher Dokumente verarbeitet sind. So die Geschichte eines braven Krämers von Saittt-Germaiw-ew-Lahe, namens Saint-Gilles, der um 1770 durch seine Kunst populär war. Der bravo Händler hatte keinerlei okkulten Ehrgeiz und bereit- toiltig stellte er sich einer Kommission der französischen Akademie zur Verfügung, die dann die Ätmungskraft des Bauchredners sorgsam beobachtete und prüfte. Wenn im Altertum die Sybillen, Priester und Wahrsager sich eifrig mit der Bauchrednerei pe- schästigten, um ihren Aussprüchen damit vor dem Volke eine Art überirdischer Ueberzeugungskraft zu geben, so wird in späteren! Zeiten das Bauchreden mehr zum Gegenstand des Amüsements und zur Erwerbsquelle. Berühmt war der Bauchredner Charles Comte, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts Triumphe feiert« und gar manchen nicht immer sehr feinfühligen Scherz sich leistete. Sv machte er sich einmal in der Dorfkirche das .Vergnügen, vor den abergläubischen Bauern die Toten reden zu lassen. Am Tag« vorher war eine alte Frau beigesetzt worden; nun entstand große Aufregung, man glaubte, die unglückliche Alte sei am Ende lebendig begraben worden, und die ganze Gemeinde machte sich hastig ans Werk, das Grab und den Sarg wieder zu öffnen. Die Empörung war später so groß, daß Comte sich, nur mit Mühe vor dem Zorn der Bauern retten könnte. Der moderne Bauch- künstler, der im Variete seine Kunst zum Besten gibt, pflegt meist ein« Puppe mit auf die Bühne zu bringen, mit der er sich scheinbar unterhält. In den ersten Augenblicken erreicht er fast nie eilte völlige Illusion. Mer wenn er feine Kunst versteht, so wird er bald überzeugen. Alles kommt darauf an, die Aufmerksamkeit des Publikums auf die SÄle zu richten, aus der scheinbar die Stimm« tönen soll; wenn nun der Bauchredner selbst seinen Willen auf dies« Stelle Lmzentriert, so bleibt die Suggestion fast nie aus) und Man hat in der Tat den Eindruck, daß hier verschieden« Menschen von verschiedenen Stellen aus sprechen. • * Schlechte Empfehlung. Barbier (der eben einen Bauer beim Rasieren gewaltig geschnitten hat, leise zum Lehrling, der einen Fremden einseift!: „Tu, schmier dem Fremden rasch Seife in die Augen--" Geographisches Verschiebrütsel. Hebriden — Schleswig — Alpen — Rügen — Pommern — Stralsund — Hamburg — Westfalen — Waldeck. Vorstehende Namen sollen derart untereinander geschoben werden, daß eine Buchstabenreihe, von oben nach unten gelesen, dm Name^einer Insel in der Nordsee ergibt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des KreuzEsels in voriger Nummer» P 8 S oct r li 6 Porz e Ilan Sehe 1 1 i n g Stal 1 in a g 1 1 i a an g u tz ä Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gießen.