Ur. (60 1909 fi Mi SW WA? Ä : I ■i 8 Rheinlandstöchter. Roman von Clara Viebig. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Nelda Dallmer hatte auch Hoffnungen. Was war aus ihr geworden?! Zwei Monate waren verstrichen seit jenem Abend bei Tylanders, an dem Leutnant von Ramer ihr beim Nachhansegehen so energisch die Aussichtslosigkeit seiner Zukunft vordemonstriert hatte. Sie hatten sich seitdem oft und viel getroffen — war es Zufall, war es Absicht? In einer kleinen Stadt stoßen die Leute leicht aufeinander, wenn sie sich nicht gerade absichtlich aus dem Wege gehen; und das taten die beiden nicht. Mit den linderen Lüften erwacht die Lust zum Spazierengehen. Ranier schritt öfters am Dallmerschen Hause vorüber ins Freie; und an besonders schönen Tagen machte der Regierungsrat, auf den Arm seiner Tochter gestutzt, eine Promenade die Chaussee weiter hinaus. Das erste Mal, als sie sich begegneten, schritten sie, stumm grüßend, aneinander vorbei. Das zweite Mal trafen sie sich in einem kleinen Seitentälchen des Rheins unter eben knospenden Büschen, da blieben sie stehen. Der Vfad war schmal, ein Ausweichen nicht möglich; Nelda machte die Herren miteinander bekannt, man merkte ihr die Lust an, mit der sie es tat. Ihre Augen strahlten vor Freude auf. Wie sie in denk einfachen Kleid dastand, die ersten bescheidenen Frühlingsblumen in der Hand, frisches gesundes Rot auf den Wangen, erschien sie dem Mann begehrenswert. Nicht zum Bcsitzenmüssen, nicht zum Erkämpfen allem zum Trotz — nein, zum Dranfreuen, zum angenehmen, erquickenden Gruß an jedem Tag. „Und warum soll ich nicht?" dachte Ferdinand von Ramer. „Soll ich mir selbst diese unschuldige Freude versagen? Sie kennt ja meine Aussichten, und sre ist em vernünftiges Mädchen!" , , Dallmers machten nicht tm geringsten em Haus, des Reqierungsrats Kränklichkeit entschuldigte das. Zu vermelden war's aber nicht, daß Leutnant von Ramer eines Tages Besuch machte, lediglich um sich nach dem Befinden des Hausherrn zu erkundigen; er hatte diesen wahrend Mehrerer Tage auf dem Spaziergang vermißt. „O nur eine leichte Grippe, eine ganz leichte Grippe," hüstelte Dallmer. Sie saßen in der Studierstube, oben im ersten Stock; trotz der leichten Dämmerung fielen dem Besucher die hektische Röte, die glänzenden Augen des Rats auf. Sie unterhielten sich gut miteinander, Politik bildete das Haupt- aespräch. Ramer hatte für einen Offizier ein ziemlich klares Urteil, wie es den Menschen eigen ist, die nicht als Herdentier, sondern ein wenig abseits, für sich allein leben. Dallmer freute sich, das Echo seiner Gesinnung zu finden. Die brennendsten Dagesfragen, die Stichworte flogen hm und her. Derweilen lehnte Nelda am Fenster. Sie hatte sich zurückgezogen. Es war kein Gespräch für ein junges Mädchest — mit zwanzig Jahren lassen die Fragen der Politik recht kühl — aber sie neigte doch bett Kopf vor und ließ ketst Wort ungehört vorüberstreifen. Mochte Deutschland unter- gehtt, alles über den Haufen fallett — in diesem Augenblick wäre es ihr nichts gewesen. Wenn e r nur da saß, gegenüber dem Vater, und ein so angeregtes heiteres Gesicht machte wie sonst nie! „Ein sehr netter Mensch," sagte Regierungsrat Dallmer zu seiner Frau, als diese zwei Stunden später aus ihrem Bostonkrünzchen nach Hause kant. „Mein Gott, was will der hier?" „Aber Lorchen, muß er denn gleich etwas wollen? Ich habe mich vorzüglich mit ihm unterhalten; er hat eine selbständige Meinung und vertritt sie auch, das ist etwas wert in der Welt." . ,, . „Ja, Papa, wenn der Leithammel „Bäh" schreit, schreten sie sonst auch alle „Bäh"!" Nelda war ganz übermütig und lachte ausgelassen. , „Nelda, Nelda," — Frau Rätin setzte sofort tm Klageton ein — „diese entsetzliche Ausdrucksweise! Hörst du so etwas von einer deiner Altersgenossinnen? Ich hatte schon gehofft, du ließest es» jetzt, btt warst in letzter Zeit etwas weiblicher. t. Geh jetzt mal gleich hinunter itttb sieh, was bte Laura tut. Und ich sage bir, Dallmer, mir ist bas gar nicht angenehm, daß bei: Leutnant hier Besuch gemacht hat — wozu?! Du sitzest immer in deiner Stube bei den Akten, du siehst von Gott und der Welt nichts, du solltest aber mal im Kaffee hören! Ein junger Mann macht nicht unanf- gefordert in einer Familie Besuch, wo ein junges Mädchen ist, ohne daß er Absichten hat. Und er hat ja nichts, rein nichts! Die Schmidt sagt, für die geisteskranke Muttet in Endenich bezahlen die Verwandten. Was das kosten mag! Und die Zünglein sagt — — na!" Sie schüttelte den Kopf und hob das spitze Näschen in die Luft, als wittre sie Unheil; ihre Stimme erhielt den tragischen Ton einer Sibylle. „Ich sage dir, Dallmer, mir ist es sehr unan- aenehm — und nicht mal einen anständigen Namen! Oh — oh! Könnte es nun nicht anders sein?! Nie etwas Angenehmes?!" „Nun höre aber auf, Lorchen," sagte der Regierungsrat fast gereizt, „das sind die reinen Hirngespinste! Davon kann ja gar keine Rede sein, dazu ist der Mensch viel zu verständig und Nelda auch," Biel zu verständig —?! Nelda ließ die Tür hinter sich zuklappen - sie hatte bis dahin tauschend auf der Schwelle gestanden — es gab ihr einen Strch durchs Herz,. Aber als sie die Treppe hinunterfchritt, warf sie trotzig den Kopf in den Nacken. „Warum denn nicht? Nun gerade!" . — 638 — Dachte Nelda Dallmer noch an jenes „viel zn verständig", als jetzt Orgelklänge sie nmbrausten, und sie, als erste der Brautjungfern, dicht am Altar hinter der Freundin stand?! Die Leute waren erstaunt über ihr Erscheinen; man hatte gar nicht an Nelda Dallmer gedacht, die war eigentlich hors de combat. Durch die bunten Kirchenfenster flutete ein warmer Lichtstrom. Er tänzelte über die teppichbelegten Quadrate des Steinbodens, über die hohen Lorbeer -und Myrtew- biische, über die Blumensträuße in den Händen der jungen Damen, über die leuchtende Glatze des hochwürdigen Ober- konsistorialrats Zünglein und über den weißen Schleier der Braut. Ter warme Strahl legte sich aus Nelda Dallmers Haar, daß es goldig glänzte. „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Buch Ruth, Kapitel I, Vers 17." Das war der Trantext, die junge Braut hatte ihn selbst gewählt. Nun überschwemmte der Redner die schönen Worte mit der ganzen Flut seiner oberkonsistorialrätlicheu Beredtsamkeit. Schauer auf Schauer überlief Neldas Rücken; sie hörte nicht den salbungsvollen Ton, nicht die blühenden Floskeln, vor ihre Augen trat die Gestalt der treuen Moabitin, greifbar, lebendig. Die biblische Landschaft verwandelte sich in wohlbekannte Gefilde, der Rhein floß, die Häuser lagen diesseits und jenseits. Tie Moabitin verschwand — es war die eigene Gestalt, die dort wanderte. Sie sqh sich selbst, Nelda Dallmer, im schlichtesten Kleid — Menschen Hafteten vorüber ohne Gruß — die dort ging mit zuversichtlichem Schritt, die lächelte! Und neben ihr wanderte einer — sie ergriff seine Hand, sie sah ihn an mit dem Blick höchster Liebe: ,„Wo du hingeht, will ich auch hingehen; wo du bleibst, bleibe ich auch."-- „Und so tretet denn hinaus ins Leben, ihr Neuvermählten!" schloß eben Oberkonsistorialrat Zäuglein. „Mitt hinaus, du holdselige Braut, an der Seite des Erwählten, des herrlichen Gatten! Tretet hinaus in den blühenden Paradiesgarten, den Gott der Allmächtige für euch aufgeschlossen hat! Ihr werdet darinnen wandeln, Hand in Hand, rein lvie die Engel. Eure Liebe wird sein wie der köstliche Demant, der, je mehr man ihn schleift, in desto wunderbareren Strahlen spielt. Tretet hinaus int Sonueu- glanz eures Glücks! Und der Segeir Gottes, die Gemeinschaft der Heiligen fei mit euch — Amen!" Oberkonsistorialrat Zäuglein hatte gut gesprochen; er wußte das, die Wirkung seiner Traureden kannte er ganz genau. Er hatte deren drei Sorten. Die erste für die kveniger Begüterten, die zweite für die mittelmäßig Begabten und die dritte — nun, die war hier am Platz. Die Frau Oberkonsistorialrätin, auf dem Ehrenplatz inmitten der Geladenen atmete befriedigt — das war eine allgemeine Ergriffenheit! Für eine Weile hörte man nichts als das Rauschen der Seidenkleider, das Räuspern der Herren ,das dumpfe Schnauben in die Taschentücher. Ein mächtiger Eindruck! Nelda Dallmer war sehr bleich geworden. Sie wendete für einen Augenblick den Kopf vom Altar ab, ihre Blicke überflogen suchend die Kirche — ob er hier war? Er hatte davon gesprochen, sich die Trauung anzusehen. Für ihn nur hatte sie sich mit besondrer Sorgfalt gekleidet, für ihn nur den Veilchenstrauß an die Brust gesteckt, für ihn flatterte plötzlich das jähe Rot über ihre Wangen. Sie streßte ihr Riesenboukett fester in den Händen — sie konnte ihn nicht sehen. Wenn er jetzt hier war, ob er das Gleiche empfand wie sie? Ob es seine Seele auch mit Macht zu der andren Seele drängte?! Ob es ihn auch so inbrünstig verlangte, Hand in Hand ztl schlingen und Auge in Auge zu senken? ! Ein zitternder glückseliger Seufzer drängte sich über ihre Lippen; sie fühlte, wie ihr das Herz in der Brust zuckte und das Blut in den Fingerspitzen prickelte. Sie schämte sich dessen nicht. Da war kein unreiner Gedanke m ihr. Aber so vor dem Altar stehen zu können, sein vor Gott und den Menschen, das mühte eine Seligkeit sein, so groß, so überschwänglich, um daran zu sterben! ' „Wo du hingehst, will ich auch hingehn. Dein Volk fei mein Volk, Tein Gott mein Gott —" Es überlief sie. VIII. Das Hochzeitsdiner neigte sich dem Ende zu. Getoastet und getrunken war genug worden, die schwersten Weine, zuletzt nur Pommery Greno extra dry. Kein Wunder, daß nach und nach -eine allgemeine Erschöpfung sich geltend machte. Ter Zunge, die bis zur Neige den Becher des Vergnügens gekostet hat, schmeckt der Rest schal. Einige ältere Herren sahen recht verschlafen aus, ihre Augen waren winzig klein geworden. Tie Fugend, Anselma von Koch als Königin an der Spitze, hatte auf dem gestrigen Polterabend bis in die Nacht hinein getanzt; auch sie war müde. Tie Mütter hielten sich noch am besten. Nelda Dallmer saß neben einem indifferenten Herrn, ihrem Brautführer, es wollte keine Unterhaltung in Fluß kommen; sie war still, er schlang doppelte Portionen von Austern und getrüffelter Gänseleber hinunter. Und doch langweilte sich Nelda nicht, ihre Gedanken waren beschäftigt; sie woben sich ein ganzes Gespinst von lustigen Sommer- fäden und trugen es fröhlich zu Neste, wie die Schwalben am Gesims über'm Kirchenportal. Sie saß dem Brautpaar gegenüber. Sie sah, wie Osten unter'm Tisch die Hand der Braut unausgesetzt festhielt; sie mußte sehen, wie seine Blicke, je länger die Tafel währte, immer brennender und ungeduldiger wurden. Sie sah, wie Agnes erglühte unter seinem Flüstern, weich' schüchterne Seligkeit sich in ihren Mienen spiegelte. Nelda trank hastig ihr Glas aus, ein brennender Durst quälte sie. Der Indifferente schenkte rasch wieder voll, das ivar sein einziger Beitrag zu ihrer Unterhaltung. Endlich verschwand die Braut, nach einer Weile der Bräutigam, man stand von der Tafel auf, trat in Gruppen zusammen oder drückte sich vereinzelt umher. Die abgespannten Väter redeten von Ausbruch. Die Nimmersatte Jugend von einem Tänzchen. Die ausdauernden Mütter von dem jungen Paar — ob sie wohl glücklich, werden -?! Nelda schlüpfte unbemerkt zur Tür hinaus, wie sie es Agnes versprochen. „Ich muß dich noch einmal allein haben, geliebte Nelda," hatte die kleine Braut gebeten, „niemand steht mir so nah wie du! Es wird mir furchtbar schwer werden, dir adieu zu sagen, du einzige, geliebte Nelda," hatte sie enthusiastisch unter Küssen hinzugefügt. (Fortsetzung folgt.) Die Amuhen um und in Hungen in den Jahren $30 und M8. Von Adolf S t a u b a ch, Hungen. (Bei unseren Preisausschreiben lobend erwähnt.) 1830. Die Wellenschläge der Julirevolution von 1830 zitterten von von Frankreich aus nach Deutschland herüber und bewirkten hier eine tiefgehende Erregung. In Oesterreich und Preußen blieb die Ruhe gewahrt; aber in den Mittelstaaten Norddentscblands brachen Aufstände aus, die Verfassungsänderungen zur Folge hatten. Tie Wirkung der revolutionären Bewegung in den konstitutionellen! süddeutschen Staaten zeigte sich in heftigen Kammerkämpfen und ausrührerqchen Volkserhebungen. Allenthalben traten die Unzufriedenen mit ihren Forderungen wieder hervor. In Hessen, das sich seit dem 17. Dezember 1820 als einer der ersten deutschen eines „Staatsgrundgesetzes" erfreute, blieben die Unruhen auf ein geringes Maß beschränkt. Immerhin aber wird uns auch von solchen mehr oder weniger ernster Art berichtet, lieber die Vorgänge um und in Hungen im Jahre 1830 gibt uns der damalige solms-braunselsifche Kammerrat Dr. Schlosser Aufschluß. Unsere Darstellung folgt seinen Berichten. Am 28. September 1830 verbreitete sich hier das Gerücht, daß in der Gegend von Wächtersbach-Büdingen und Meerhvlz ein Aufstand ausgebrochen sei, der die Einführung einer allgemeinen Freiheit und Gleichheit und die Aufhebung aller Abgaben zum Zweck habe. Die Insurgenten, 4000—5000 Mann stark, hätten unter Schonung- des Privateigentums alle Justiz-, Kameral-, Polizei- und Forstakten in den genannten Städten öffentlich verbrannt, die Beamten selbst mißhandelt und in deren Wohmmgen alles zerschlagen und verwüstet. Tie Grafen von Menburg hätten der Zerstörung ihrer Schlösser nur dadurch vorgebeugt, daß sie sich mit den Insurgenten in Unterhandlungen EgÄaMr, ihnen einen Teil ihrer Waldungen abgetreten -ud die Abschaffung des Zehnten und anderer Abgaben versprochen hatten. Diese Nachrichten fanden hier wenig Glauben, indessen erneuerten sie sich am 29. September mit dem Zusatz, daß die Insurgenten gegen Ortenberg im Anzug seien, und ein in der Nlicht vom 29. aus 30. September von Ortenberg hier angekommener Reisendex erzählte, daß sie bereits dort eingerückt wären, 639 — alle Akten verbrannt und wahrscheinlich auch das Schloß ange-- znudet hätten, auch schon gegen Nidda in Anzug feien. Kammerrat Dr. Schlosser hielt es nun für nötig, die herrschaftliche Kaffe in Sicherheit zu bringen und wenigstens die wichtigsten Renteiakten zu retten. Die Kasse enthielt etiva 1500 Gulden, wovon Dr. Schlosser die am BÖ. fülligen Besoldungen schleunigst auszahlte und den Rest an einen sicheren Ort vergrub. Die Akten, die außerhalb des Schlosses nicht untergebracht werden konnten, wurden in mehreren Zimmern des Schlosses in Schränken hinter den Tapeten verwahrt, die Registratur aber mit alten unbrauchbaren Akten ausgcfüllt, um den Insurgenten, falls sie hierher kämen, keine Veranlassung zu dem Verdacht zu geben, daß die Akten auf die Seite geschafft wären. Tas hätte vielleicht die Verbrennung des Schlosses zur Folge gehabt. — Während Kammerrat Schlosser mit dieser Arbeit beschäftigt war, kam von Nidda.die Nachricht, daß dort die Aufrührer eingezogen seien, die Justizakten verbrannt und in der Wohnung des Landrichters, der nur mit genauer Rot fein Leben gerettet, alles vernichtet hätten, daß die Bande von Nidda aus ihren Zug teils nach Hungen, teils nach Schotten nehmen und die nach Hungen bestimmte Abteilung am 30. mittags daselbst eintreffen würde. Dr. Schlosser benutzte diese Zeit, um auch die Betten und sonstigen Mobilien teils in der Stadt, teils in feuerfesten verborgenen Gewölben des Schlosses in Sicherheit zu bringen. So erwartete et, nachdem er auch seiner Familie ein Versteck angewiesen hatte, die Ankunft der Insurgenten, um durch seine persönliche Gegenwart zu retten, was möglich sei. — Um 2 Uhr nachmittags erfuhr man, daß die Bande von Nidda nach Salzhausen und Bingenheim gegangen sei, um die dortigen Rentei-, Forst- und Stenerakten zu verbrennen. Von dem Stadtkirchtum ans konnte man auch das Feuer bemerken. Außer den Akten wurde den Bingenheimer Forst- und Rentbeamten ihr gesamtes bewegliches Eigentum mitverbrannt. Um 4 Uhr nachmittags traf aus dem Grasser Hof bei Hungen ein Deserteur von der Bande ein, der früher als Knecht dort gedient hatte, nnd benachrichtigte den Verwalter, daß die Bande von Bingenheim über Echzell und Berstadt nach Hungen und Graß ziehen wolle; dort sollten die Akten verbrannt und der Grasser Hof in Brand gesteckt werden. Ihre Ankunft gab der Deserteur aus 10 oder 11 Uhr abends an. Der fürstlich brauN- felsische Forstmeister von Rabenau ritt sogleich nach Echzell und traf daselbst die Bande, wie sie eben damit beschäftigt war, die dortigen Bürgermeister- und Steuerakten zu verbrennen. Er brachte ebenfalls die Nachricht mit, daß die Insurgenten ihre Richtung nach Hungen nehmen und in der Nacht um 11 Uhr eintreffen würden, daß die Bande übrigens nur ans 500 besoffenen Menschen bestehe, von denen nur wenige mit Schießgewehren versehen wären. Auf diese Nachricht hin beschloß man im Schloß — Kammerrat Schlosser und der größte Teil der Dienerschaft — Stadt und Schloß zu verteidigen, sobald man nur auf einige Mitwirkung von Seiten der Bürgerschaft rechnen könnte. Mit einer Anzahl feiner Leute begab sich daher Dr. Schlosser abends 8 Uhr zu dem Landrat, verlangte, daß die Bürgerschaft versammelt und ihr der entsprechende Antrag gemacht würde. Kammerrat Schlosser konnte seine Absicht jedoch nicht durchsetzen; die Stimmung der Bürger war derart, daß man auf ihre Mitwirkung nicht rechnen konnte, vielmehr besorgen mußte, daß ein großer Teil sich zu der Bande schlagen würde. Dr. Schlosser begab sich daher wieder in das Schloß, sandte von Zeit zu Zeit Boten aus, damit sie über die Richtung, die die Bande nähme, Erkundigungen einzögen. Fast jede Stunde verbreiteten sich Gerüchte, daß die Insurgenten im Anzug seien, auch hörte Schlosser, als er sich nachts um 12 Uhr zum Zweck des AuSspähens aus die Anhöhe von Inheiden begeben hatte, das Trommeln Und Glockengeläute stus der Gegend von Melbach her. Am 1. Oktober morgens um 5 Uhr erfuhr man, daß die Bande, um sich zu verstärken, von Echzell nach Södel und Wölfersheim gegangen sei, von da aus ihre Richtung nach Rockenberg nehmen, die Gefangenen loslassen, das Marienschloß in Brand stecken, sodann ihren Marsch nach Hungen, Lich und Laubach fortsetzen, sich daselbst mit den Vogelsberger Banden vereinigen und bann über Grünberg nach Gießen ziehen wolle. Um 9 Uhr traf von Wölfersheim die Nachricht ein, daß die Baude den Abend vorher dort eiugerückt sei und die Bürgermeister von Wölfersheim und Södel mit ihren Gemeinden gezwungen habe-, sich anzuschließen. Diese seien auch bis Melbach mit ihnen gegangen, hätten jedoch, als sie die Schwäche der Bande bemerkt, diese überfallen und sie total geschlagen, so daß sie völlig zerstreut und für Hungen keine Besorgnis mehr fei. Bald darauf kam auch die offizielle Nachricht, daß nachmittags großherzogliches Militär hier einrücken werde.. Damit war jede Besorgnis geschwunden. Das Militär erschien indessen nicht, und abends 7 Uhr teilte der Sekretär Kießling dem Snmmerrnt Schlosser mit, das Militär fei zu Södel und Wölfersheim in feinem Marsche aufgehalten worden, indem diese Gemeinden sich dessen Zuge mit den Waffen widersetzt hätten, daß die Bande keineswegs zerstreut, sondern von Wohnbach her im Anmarsch gegen Hungen fei, daß 6 Spione derselben in Hungen gesehen worden, die, als man sie habe arretieren wollen, mitten in bet Stadt verschwunden und ohne Zweifel von den hiesigen Einwohnern verborgen worden waren, daß endlich das Gerede gehe, das hiesige Schloß solle in dieser Nacht in Brand gesteckt werden. — Jetzt blieb nichts mehr übrig, als zur Verteidigung das äußerste zu wagen. Ungefähr 20 Bürger versprachen Beistand zu leisten, und da von der Dienerschaft, die Landsrat-, Landgerichtsdiener und Gendarmen mit eingefchlossen, gegen 20 Personen mit Schießgewehren wohl versehen waren, so hatte man Hoffnung, die Bande in die Flucht zu schlagen. Zur Abwehr sollten die beiden Tore durch Wagenburgen gesperrt werden. Eben traf man Anstalten, die nötigen Magen herbeizubringen, als ein Trupp großherzoglicher Dragoner zum Obertor hereinsprengte; bald darauf folgte der Prinz Emil mit 200 Mann Kavallerie und 1100 Mann Infanterie. Gegen die von Wohnbach vor- rückende Bande waren schon von Wölfersheim aus einige Schwadronen Kavallerie detachiert worden, bei deren Anrücken sich jene in die Wälder zerstreute. Es war nun um so weniger etwas zu befürchten, als den Nachrichten zufolge das gegen die Insurgenten abgesandle Militär sich auf 4—5000 Mann belaufen sollte. Mehr als 100 von der in der Wetterau eingerückten Bande waren vom 1. auf den 2. Oktober bereits eingefangen. Die übrigen sind, nachdem sie die furchtbarsten Exzesse zu Schotten und Laubach begangen hatten, nach der kurhessischen Grenze gezogen, wo der Aufstand noch viel bedeutender war, als in hiesiger Gegend. 1848. Einen weit größeren Umfang unb eine tiefgehendere Bedeutung als die Bewegung vom Jähre 1830 gewann die Revolution von 1848 für Deutschland. Im Februar 1848 war in Paris der König verjagt und die Republik ausgerufen worden. Diese Vorgänge ermutigten das deuische Volk, die RegirruiH nachdrücklicher als vor 18 Jahren um Gewährung größerer Freiheiten und Rechte zu bitten. In der Hauptsache wären es di« 4 Grundforderungen der Preßfreiheit, der Schwurgerichte, der Volksbewaffnung und der Parlamente, in denen man übereil» kam. Durch teilweise Gewährung dieser Forderungen unb durch Berufung liberaler Ministerien suchten die meisten deutschen Regierungen der Revolution porzubeugen. Dennoch wurde Deutsch- land von ihr ergriffen, am heftigsten Preußen unb Oesterreich. Auch in Hessen, wo man mit der Verwaltung des Ministers dn Thil unzufrieden war, ging die Bewegung nicht spurlos vorüber. Die Agitation erfolgte von Mainz aus, deut Hauptherde der Revolution. Der Gvoßherzvg nahm am 5. März seinen Sohn, den Thronfolger Ludwig III. zum Mitregenten an und übertrug Heinrich wn Gagern das Ministerium, lieber die Ereignisse, die sich im Frühjahre 1848 in unserer Gegend abspielten, unterrichtet uns der damalige fürstlich-braunfelsische Rentamtmann Kießling. Anfangs März Nahmen in hiesiger Gegend die Unruhen einen bedrohlichen Charakter an. Tie Unzufriedenheit gab sich zunächst in der Grafschaft .Laubach 'durch Drohung und Demonstrationen, wenn auch noch in geringem Maße, funb. Besonders heftig richtete sich die 'Erbitterung gegen den großherzoglicheu Kreisrat, dem. man am Abend des 8. März den Weg öerfperrte. Die Fran Gräfin Laubach war am 8. März vorsichtshalber abgereist. Mit der hiesigen Verwaltung war man zufriedener, obgleich es auch nicht an unzufriedenen Elementen fehlte, die, wie zu Hungen die Grasseewiese und den Tiergarten zurückhaben, zu Villingen die Zehnten (Renten?) verweigern, den Waldvergleich aufheben und die Grenzsteine ausreitzen wollten. Kießling glaubte nicht, daß es zu Exzessen kommen wurde, empfahl aber dennoch ein bar» sichtiges Verhalten den Aufrührern gegenüber; vor allem schienen ihm Exekutionsmaßregeln im Augenblick nicht angebracht, zumal mit solchen auch vorn Großherzoglichen Kreisrat eiugehalten wurde. — Am 10. März berichtet Rentamtmann Kießling, daß sich das Gerücht von der Abreise der Gräfin zu Laubach Nicht bestätigt habe; die Stimmung in den Laubachschen Orten sei allerdings sehr übel. In Inheiden, Utphe', Trais-Horlosf und WohNbach war am 8. Marz ein ungeheuerer Tumult, der mit der Absendung einer Deputation von 16 Personen an den Grasen Julins? nach Darmstadt endete. Welcher Art die Konzessionen waren, die diese Abordnung in Darmstadt erreichen sollte, konnte Kießling nicht genau erfahren. Nur so viel wurde ihm bekannt, daß. man vor allem Zurückgabe erworbenen Geländes, Aushebung der Monopole Und Abtretung der Präsentationsrechte forderte. — In Hungen war feit zwei Nächten die ganze Bevölkerung ivie losgebunden. Ihr Unmut machte sich Lust in einer Adresse an den Staatsminister von Gagern. Zu den in ihr enthaltenen zahlreichen Petitionen gehörten u. a.: Aufhebung der Kreisratsstelle, freie Gemeiude- verwaltung, Abtretung des Rechtes, die Bürgernleister zu er» nennen, Ausrottung des schädlichen Wildes in Wald unb Feld, Beitreibung ber fürstlichen Gefälle mit bet Beitreibung der groß- herzoglichen Gefälle durch einen fix besoldeten Exekutanten. Die Deputation suhr am 10. März nach Darmstadt ab. In der Nacht vom 9. aüf 10. März war die innere Stadt illuminiert, die Vorstadt dagegen nicht. Tie Bevölkerung trieb sich 'bis Anbruch des TageS in den Straßen herum. IN der Vorstadt, nicht weit von der Wohnung des Rentamtmanns Kießling, wurde ein Stnbent I durch einen Pistolenschuß leicht verwundet. Der.Täter wurde, 5 nachdem er halbtot geschlagen worden war, verhaftet. Sonstige 640 Ausschreitungen kamen.bei dieser Gelegenheit nicht vor; dagegen hörte jede polizeiliche 'Einmischung, jeder Polizeiliche Schuh auf. Am nächsten Tage wurde mit Zerstörung gedroht, weshalb der Nentamtmcmn Kießling größere Exzesse nicht für ausgeschlossen hielt. In Nonndnwth wurde in! der vorhergehenden Nacht die Bürgerureisterwohnuug angegriffen, die Fenster eingeschlagen und Mr die kommende Nacht mit Brand gedroht. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. * Eindrücke von der ersten Dampferfahrt. In unserer Zeit, in der sich, bereits das Brausen der Luftschiffe und das Geschwirr von Flugmaschinen hoch über unfern Häuptern M regen beginnt und die Aussicht auf einen neuen gewaltigen Fortschritt des Verkehrs in eine nahe Zukunft gerückt ist, wendet sich der Blick gern zurück in jene Epoche vor hundert Jahren, da mit dem Auftreten des Tauchf- schiffes ebenfalls eine neue Aera besserer Verkehrsmöglichkeiten eröffnet wurde. In den nächsten Wochen wird die Feier, die zur Erinnerung an Fultons erstes erfolgreiches Auftreten in Newyork veranstaltet werden soll, diese Kindheitstage unserer modernen Kultur mit dem verklärenden Schimmer einer rührenden Vergangenheit umgolden, wenn ivir von unseren ungeheuren Gebäuden gleichenden Riesen- dampfern auf die ersten Dampfboote Fultons zurückblicken. Jnl Contury Magazine gibt eine Urenkelin des genialen Erfinders, Alice Creary Sutcliffe, eine auf unveröffentlichten Dokumenten beruhende Schilderung der Entdeckung und der Frühzeit des Dampfbootes, die wie so viele Großtaten der Menschheit zunächst durch Hindernisse aller Art getrübt wurde. Die erste erfolgreiche Fahrt unternahm Fulton nicht in Amerika, sondern im August 1803 in Paris, wo ihm auf Veranlassung des damaligen ersten Konsul Napoleon Behörden und Gelehrte freundlich entgegenkameu. Eine ausführliche Schilderung dieser Fahrt gab ein Augenzeuge in dem „Polytechnischen Bericht der Brücken und Chausseen". „Am 9. August wurde ein Versuch mit einer neuen Erfindung gemacht, deren vollkommener und glänzender Erfolg wichtige Wirkungen für die Handels- und Binnenschiffahrt Frankreichs haben wird. Schon seit zwei oder drei Monaten war am Ende des Quai Chaillot ein Boot von merkwürdigem Aeußern zu sehen, mit zwei großen Rädern ausgestattet, die wie bei einem Wagen an einer Achse angebracht waren, während hinter diesen Rädern eine Art großen Ofens mit einem Rohr hervorragte, wie wenn es so etwas wie eine kleine Feuerspritze wäre, um die Rader des Bootes in Bewegung zu setzen. Einige Wochen früher hatten böse Menschen diese Konstruktion geschädigt; nun aber empfing der Erbauer, nachdem er den Schaden wieder repariert hatte, eine sehr schmeichelhafte Belohnung für seine Arbeit und sein Talent. Um sechs Uhr abends setzte er, nur von drei Personen unterstützt, sein Boot in Bewegung, wobei noch zwei andere Boote an dem seinen befestigt waren, und er bot nun einundeinehalbe Stunde lang das seltsame Schauspiel dar, wie ein Schiff gleich einem Wagen durch! Räder bewegt wird, wobei diese Räder mit flachen Platten oder Rudern versehen waren und von einer Feuerspritze bewegt wurden. Während ivir dem Schiff den Quai entlang folgten, erschien uns die Schnelligkeit, mit der es sich gegen die Strömung der Seine fortbewegte, etwa so groß wie die eines sehr raschen Fußgängers, b. h. etwa fünf Kilometer in der Stunde. Als' es dann mit dem Strom abwärts ging, war die Schnelligkeit viel größer. Das Boot fuhr viermal herauf und herunter; es manövrierte mit Leichtigkeit, drehte sich nach rechts und .nach links, ging vor Anter und begann ohne Mühe von neuem seine Fahrt. Auf einem der beiden anderen Boote befand sich eine Anzahl von Gelehrten, die zweifellos einen so günstigen Bericht erstatten werden, wie ihn dieser außerordentliche Mechanismus verdient. Der Erfinder dieser glänzenden neuen Einrichtung ist Herr Fulton, ein Ameri-, rauer und /berühmter Mechaniker." * Die Stadt der Feste. Ein halbes Dutzend Volksfeste int Jahr, von denen das kürzeste eine Woche, das längste aber zwei Monate dauert, sind ein bißchen viel für jede andere Stadt, aber nicht für München. Jtz länger die großen Feste hier währen, uw io stürmischer werden sie gefeiert. Kaum hat das weite Jahr begonnen, so berauscht sich ganz München — es gibt hier, in unserm demokratischen Süden, keine Feste für ein- zekne Gesellschaftsklassen — an den Maskenbällen, Redouten, an den weltberühmten bals pärös und den Sivaßenumzügen zwei Monate lang. Der Aschermittwoch' Und ein paar folgende Tage bieten hierauf Gelegenheit zur Sammlung und die Möglichkeit, in sich zu gehen. Dann aber hat man sehr bald wieder Wichtiges, zu tun: das Salvator ruft Nach dem Nockherderg. Als dieser Berg des Heils Und Biers noch nicht reguliert war, ließen sich die allzu Trunkenen in Scharen herunterkollerii, jetzt aber müssen diese Glücklichen, ohne die eigene Schwere Nusznnützen, ihren Weg nach Hause suchen. Ist das Salvator zur allgemeinen Trauer der Stadt aus die steige gegangen, dann naht schon die „Auer Dult", jener herrliche Jahrmarkt, in dessen zahllosen Tandlerbuden man „beinahe" einen Rembrandt um 50 Pfennig und eilten Raffael uni zwei Mark erstehen kann. Auch dieses Fest, zu dem wiederum ganz München ausrückt, dauert eine ganze Woche. Dann ist leider Schluß für eine lange Zeit. Diese wird weidlich ausgenutzt, denn der schöne Münchener Sommer fällt in sie mit seinen Ausflügen ins blühende Isartal, den Touren in die Vorgebirge und den Bergbesteigungen. Ende September, wenn die als Fremdenattraktionen berühmten Wagner- und Mozartfestspiele sowie das Dutzend verschiedener Kunstausstellungen geschlossen haben, ist München, das lebenslustige München wieder komplett; den in der frischen Bergluft regenerierten Kräften steht nun eine stolze Reihe weiterer Festlichkeiten bevor, die durch das Oktoberfest glänzend eröffnet werden. Wir feiern es Heuer zum 99. Male; seine äußere Gestaltung hat sich wohl recht sehr verändert, an die Stelle der alten Windlichter und 'später der spärlichen Gaslaternen sind blendende Ströme elektrischen Lichts getreten; statt auf den Pferdchen der alten unscheinbaren Karussells wiegt man sich jetzt in Zeppelins und Parsevals und auf Mono planen, die im Kreise herumsausen und statt der Brauerpferde, die in den alten Zeiten das Rennen („Rennats" auf Münchnerisch) bestritten, sausen jetzt sieggekrönte Traber durchs Ziel. Die Gemütlichkeit aber ist sicher die gleiche geblieben. GenaN so selbstverständlich wie die biedermeierischen Könige Ludwig I. und Max II. mischt sich der Prinzregent und der ganzd Hof fins Gedränge, lobt die Preiskälber und die Preisochsen und die Sennerinnen dazu, die sie Vorführern In den kolossalen im' Neu-Münchener Stil errichteten Bierbuden herrscht die angestammte Trinkfestigkeit und Seligkeit, die mit der von höllischem Ordjcfter» lärm begleitenden Aufforderung „Eins, zwei, drei: Gsuffa!" ihre höchsten Freudenausbrüche erreicht. Was der aus dem rauhen Norden kommende Fremdling mit Staunen und halbem Wohlgefallen im Hofbräuhaus zu konstatieren pflegt, begibt sich in höherem Maße und äufsallender auch hier: Alle Klassen, Md seien sie sozial Noch 'so sehr voneinander geschieden, finden sich hier zusammen; Minister, Künstler, Arbeiter, alles sitzt einträchtig und mit dem einen Ziel, die „Gaudi" mitzumachen, an einem) Tisch. Vierzehn Tage lang ist dazu Gelegenheit geboten, und vierzehn Tage hindurch 'ist ,die Wiese zu Füßen der Bavaria schwarz von Menschen; am Hauptsvnntag aber strömt nicht nur ganz München, sondern in zahllosen Extrazügen halb Bayern hier zusammen. In seiner köstlichen Stimmung ist das Otto berieft das alte geblieben; es ist Noch immer ein richtiges Altmünchener Fest, das sich auf der tagsüber im bläulichen Herbstdunst, abends in rötlichen Flammen liegenden „Wiesu" abspielt, gleich der Bavaria, dem Hofbräuhaus und den wie Maßkrüge aufragenden Frauentürmen ein echtes Wahrzeichen der Jsarstadt. Literatur. — Die B lü ch e r t ro mp e t e. Eine Geschichte aus der Lüneburger Heide von Ludwig Salomo n. Verlag von B. Elischer Nächst, Leipzig. Es ist eine vaterländische Erzählung — vaterländisch im guten Sinne des Wortes, frei von Hurralärm und Trommelsucht —, die der bekannte Literarhistoriker Ludwig Salomon hier zum ersteumale in die Welt wandern läßt. Alles hat der Trompeter dem Vaterlande geopfert, alles hat er der Sehnsucht nach dem einigen Kaiserreiche hingegeben — umsonst. Verfolgung ist auch sein Lohn. Aber er kann die deutsche Erde nicht missen; so flüchtet er in die Einsamkeit der Heide und lebt abgeschieden von der Welt. Nur einmal steckt er den Kopf aus seiner Klausnerhütte, als die Verwirklichung des alten Burschen- schaflerideals so nahe scheint; da krachen Gewehrsalven dem Volke entgegen. In tiefem Grame kehrt er zu seinen Bienenstöcken zurück. Erst am Ausgang seiner Tage darf er noch einen kurzen Blick werfen in das in Morgeuschöne aufsteigende junge deutsche Kaiserreich. --------------- H. R. Iockisch. Bexir-Rätsel. Herr Salomo wollte das Kindlein zerteilen; Nun mag ihn das nämliche Schicksal ereilen. Der richtigen Hälfte gesellest du Einen deutschen Bauernburschen hinzu. Und hast du zum Mineral sie verbunden, So hast du schon etwas vom Pulver erfunden. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Sieht jeder fein vergangnes Leben an, Bereut ein jeder etwas ganz gewiß; Der eine, was er alles hat getan. Der andre, was er alles unterließ. Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.