Faxfeic/f j 1909 — Nr. rs MS Spätinghof. Roman von K. v. d. Eide r.: (Nachdruck verboten.^ • (Fortsetzung.) Am Sonntagnachmittag kam Lieses Schwester, die an einen Steuerbeamten verheiratet war, mit Mann und Kmd. Sie verwöhnte ihren Mann, und dieser verzog das Kind. Liese schalt auf alle drei und wurde ausgelacht. Das gab viel ungewohntes Leben in der kleinen Stube. Man trank viel Kaffee und aß Kloben dazu. Tine saß dabei und tvurde immer stiller. Es war ihr, als schaue sie in eine neue, glückliche Welt, zu der ihr der Eintritt verschlossen war . . . Am andern Tage hatte Liese ein besonders schwieriges Kleid in Arbeit; ein herrschaftliches Hausmädchen hatte es als Ausgehekleid bestellt. Der Rock sollte abwechselnd mit Plissees und Krausen besetzt werden. Liese seufzte. „Die alte dumme Maschine hat wieder ihre Rücken. Sie ist tvie cüt Mensch. Manchmal macht sie ihre Sachen gut, und manchmal kann man ihr noch so gut zureden, dann will sie nicht von der Stelle." Liese schwitzte bei der Arbeit; ihre groblustige Sonntagsstimmung war verflogen. Sie schalt auf die verrückten neuen Moden, die den Menschen ganz aus der Gewohnheit brachten. Ein paarmal schon hatte es Tine in den Fingern gezuckt, als sie sah, wie Lieses große Finger sich mit dem Geträufel abmühten. Endlich streckte sie die Hand aus. „Soll ich das nicht machen?" fragte sie. „Ich kann das auch!" Liese warf ihr den Stoff herüber. „Da hast du das obstinate Zeug, wirst wohl ebensowenig was mit anfangen können als ich." Tine fand sich bald in der Arbeit zurecht; sie verstand noch immer geschickt mit Nadel und Zwirn umzugehen. Während sie eifrig stichelte, war ihr, als sähe sie vor sich ihres verstorbenen Vaters lächelndes Gesicht, als spräche er in seiner alten Weise: „Die Spekülatschon war doch richtig!" Es war also, doch noch zu etwas nütze, daß sie vor Jahren in Ramstedt zum Nähen ging. Liese strahlte vor Vergnügen über die unerwartete Hilfe aus der Not. Sie wurde immer redseliger vor Freude. „Ja, ja, die Maschine," sagte sie, „das ist ein Racker, was die einen manchmal zuschanden macht!" „Mit der Schere ist es ebenso, die muß man schon ganz fest in der Hand halten. Na, wenn nachher aber das Eisen kommt, das macht alles wieder glatt und gut. Ja, das Plätteisen ist wie die liebe Sonne." > „Aber Kind" — sie schlug mit einemmal einen ganz anderen Ton an — „du nahst ja wie eine ausgelernte Näherin!" Sie sagten, seitdem sie sich näher getreten waren, „bu,'4 zueinander. „Was willst du denn nachher ansangen, wenn" . . . „Dann muß ich wohl weiterdienen," sagte Tine. ■ „Ich wüßte was Besseres," sagte Liese und zwinkerte mit den Augen, „aber ich weiß man nicht, ob du seßhaft bist." „Ja, das bin ich." Tine lächelte, sie verstand dw Alte. ... Immer mehr schlossen sich die beiden so verschiedenartigen Frauen aneinander. Immer tiefer sah eine der anderen ins Herz und fand auf dem Grunde lauteres Gold. Tines schwere Stunde kam. Getreu und hilfreich stand Liese an ihrem Bette. „Halt dich fest an mich. Halt dich an meinen Rock, und wenn du mir den Rock aus den Falten reißest! Halt dich an mich!" Als der erste Schrei des kleinen Wesens ertönte, das hier das Licht der Welt erblickte, beugte sich die Alte mit feuchten Augen über das junge Weib. „Es ist ein Mädchen!" „Das ist gut," sagte Tine leise. Ermattet und bleich lag sie in ihren Kissen. Liese sah, wie ihre Lippen sich noch bewegten; tiefer beugte sie sich hinab, und obgleich die Worte nur tvie ein leiser Windhauch von den Lippen kamen, verstand sie sie dennoch. „Wie sieht es aus?" fragte Tine. „Es hat feines helles Haar und blaue Augen," sagte Liese. Da glitt ein schönes, verklärendes Lächeln über das. Antlitz des jungen Weibes. Als ihr Liese nachher das Kindchen im Steckkissen reichte, rosig und zart, das Köpfchen von einem lichten Flaum umgehen, da lag eine fast überirdische Freude auf dem bleichen, schönen Gesicht der jungen Mntter. „Jetzt weiß ich, wofür ich lebe," flüsterte sie. Am andern Tage fragte Liese sie, wie das Kind heißen solle. Tine hatte es gerade an die Brust gelegt, an der es sein Näschen platt drückte. „Jan," sagte sie in Gedanken verloren, dann aber verbesserte sie sich rasch: „Nein, Johanna!" ... Drei Wochen waren seit der Geburt der kleinen Johanna verflossen. Das Kindchen war in aller Stelle getauft worden. Tine saß wieder aus ihrem Stuhle Liesen gegenüber und half nähen. In der Nähe des Ofens, in Liese Petersens altem Wäschekorb lag das Kind und schlief. „Es ist ein geruhiges Kind," sagte Liese, „es verursacht wenig Ungemächlichkeit." (Liese sprach jetzt nur mit gedämpfter Stimme.) „Ja," meinte Tine, „es wird Zeit, daß ich mich nach etwas umsehe." „Willst du denn nicht hierbleiben?" fragte Liese. „Es geht doch nicht," versetzte Tine etwas bedrückt. 298 }ei}t hieß das kleine Mädchen Name ganz eingebürgert. Tod. „Nein, Sehnsucht habe ich nicht," sagte sie, „aber wenn ich sterbe, soll Janne zu ihm." Sie nannte die Kleine „Janne". Es war Wohl anfangs überall Janne. „Du tnynst!" sagte Liese. Entschlossen brach fte den Dämmerzauber und zündete die Lampe an, die ihren rötlichen Schimmer über die Gegenstände im Zimmer warf, Tine blickte um sich. Sie blickte ans das liebliche Kind, das in seinem Korbe sanft und ruhig schlief. Sie überdachte, wie reich sie wäre, daß sie dies Kind ihr eigen nennen durfte, und was für eine gute Zufluchtstatte und treue Freundin sie hier gefundeii hatte. „Ich bin glücklich", sagte sie zu sich selbst; „ich bin sehr glücklich." . Sie hatte ihren Seelenfrieden wiedergefnnden, und das heiße Herz, das einst so voll lluruhe unb Wünschen war, war still und bescheiden geworden. • . Einmal kam das Gespräch aiif die Wahrsagerei. „och kannte eine alte Wahrsagerin", gestand -riiie. „Die hat mir alles genau vorher gesagt, wie es kommen wurde, will gern!" „Aber eins bedinge ich mir aus" — die Alte legte ihr Gesicht in böse Falten — „die Hälfte von dem Kinde gehört itiic,,z Lachend, mit Tränen in den Augen, reichten die beiden Frauen sich die Hände. So blieb Tine bei der alten Näherin, drei Treppen im Hofe, und der zweite Stuhl am Fenster gehörte ihr. Liese legte ein gesticktes, rundes Kissen daraus, damit sie nicht so hart säße. Still und friedvoll lebten die beiden dahin. Was sie verdienten, reichte vollauf zu ihrer einfachen Lebensfüh- rnng. Dao Kind gedieh und wurde der Sonnenschein in dem düsteren Stübchen. Liese gewann das stille, junge Weib immer lieber, und Tine wiederum empfand eine unbegrenzte Dankbarkeit der alten Jungfer gegenüber. Sie lebte nur ihrem Kinde und der Arbeit. Fortwährend bewegten sich die fleißigen Finger, bis es dunkel wurde und Liese ihr die Näharbeit aus der Hand nahm. „Nun hört» auf!" Die Dämmerstunde ließ sich Liese nicht nehmen. Tas I war die Stunde, in der sie Einkehr hielt bei sich und zu .Hanse. Dann begann sie zn erzählen, von ihrer §eimnt, I ihrer Jugend, ihren Eltern, von ihrem Bruder, der in dein I dithmars ischen Bauerndorfe wohnte, den sie dumm nud ver I bauert schalt, und den sie doch im stillen beneidete. I Tine ging dabei das Herz auf. Die Dämmerstunde, das war fast wie früher zu Hause, als der Baker noch lebte Dabei konnte man sich ganz gut einbilden, daß man in einem Stübchen auf dem Lande saß, daß draußen ein Garten voll Büschen und Blumen war; daß vor der Tür ein Schaf graste und man bloß die Tür aufzumachen brauchte, um draußen zu sein, draußen im Freien. Tine saß und träumte, und allmählich, ganz zaghaft 1 begann auch sie zu erzählen. Nicht von Spätinghof und seinen düsteren Bildern; die Marsch war ihr ja immer I fremd geblieben. Sie erzählte vaih der kleinen Kate am I Landwege, mit ihren kleinen Fcnsterchen, der holprigen Lehmdiele und den gekalkten Wänden. Sie erzählte von dem Gärtchen, wo die roten, süßen Mehlbeeren im Zaune wuchsen, wo Lilien und Bauerrosen blühten und kleine Schwalben zwitscherten. In einer solchen Stunde, als ’ die Dämmerung ^l)re weichen Schatten in das Stübchen warf, war es, als Line der alten Freundin ihre Lebensgeschichte erzählte und zuletzt mit stockender, flehender Stimme fragte: „War es recht so, wie ich es getan habe?" „Ganz und gar", sagte Liese in ihrer kurzen Art. „Tas ist ja genau so wie in der Geschichte, die vor einiger Zeit im „Hamburger Wochenblatt" stand. Die hieß, na, wie hieß sie noch/ richtig: „Die unverstandene Frau". _ Ja, da ist auch die Frau davongegangen, sie haben nicht zufammen- gepaßt. Aber schuld hat doch allemal der Mann, weil die Männer von Natur schlechter sind als die Frauen. Ja, das war sogar ein Graf und eine Gräfin. Na, wenn solche vornehme Leute in den Romanen das tun, denn kann es doch kein llnrecht sein!" Dankbar blickte Tine sie an. Aber", fuhr Liese fort, „der Graf und die Gräfin lind dock nach langen Jahren wieder zusammengekommen." „Nein, o nein", saget Tine erschrocken. , , Doch Aber sei man still, mein Kind", tröstete Stele sie, deren Herz voii Güte und Menschenliebe schier über« wallte. „Wenn du nicht gegangen wärest, dann wäre er ja gegangen. Nun kannst du dir wenigstens keinen Borwurf machen, daß du ihn weggetrieben hast. Laß ihn man; ein Mann hilft sich schon, oder hast du Sehnsucht nach ihm?" „Sehnsucht?" Tine dachte einen Augenblick nach. Wohl fühlte sie manchmal in ihrem Herzen ein leises Sehnen nach frischer Luft, nach einem Blick über die Felder, aber Sehnsucht nach Jan empfand sie nicht; dazu waren sie sich innerlich zu fremd geblieben. Plötzlich, ganz plötzlich kam ihr der Gedanke an den und es jst alles eingetroffen." „Quatsch!" sagte Liese. „Glaub nicht an solchen Hokus- pokns. ES ist alles eingetroffen, weil du dich danach ge- richtest hast." , .. , . „Ach!" Tine erschrak. Hell und deutlich standen ihr die Momente vor den geistigen Singen, da Schaue Sönksen ihr die Karten gelegt hatte. War sie wirklich nur den Weg gegangen, den diese ihr gewiesen hatte? Ja, ja! — Neins nein! _ Sie sah Schaue vor sich neben dem lodernden Herdfeuer und hörte wieder ihre Worte: „Ter dich will, den willst du nicht, und den du willst, den kriegst du nicht, aber der dich nicht will und Den du nicht willst, den heiratest! du." lind dann das Schlußwort: „Ten du heiratest, den behältst du nicht." r. ... . „Es war mein Schicksal," flüsterte sie „ja, Liese, e-, war mein Schicksal. Gerichtet hab' ich mich ja ent bißchen nach Schaues Prophezeiung, das mußte ich, denn ich war zu dumm und unselbständig; ich mußte einen haben, der mir den Weg wies, und sie wies mir ihn." „Da fehlte ich," sagte Liese, „ich hält' dir schon znrechl- gehölfen Nach Wahrsagerinnen kann man nicht geljcn.. Mir haben sie schon vor dreißig Jahren einen Mann versprochen, und ich warte noch heute darauf. Glaubst du, daß jetzt noch einer anbeißt? Na — also! Aber wenn dreizehn am Tisch sitzen, daran glaube ich; denn dreizehn ist eine Unglückszahl. Die Wahrsagerinnen aber tun es bloß ums Geld." _ „ ■ Nein, ums Geld tat es «chane Sanften nicht , ver- teibiäte ^hte die Alte. „Sie hat niemals einen Grosthen von mir genommen, und sie glaubte auch selbst felsenfest, was sie sagte." ,, ,, Ja ja" gab Liese zu, „es mag alles ganz recht und gerecht sein,' aber was ich dir sage, meine Deem, du mußt lernen, dir den ganzen Kram, der hinter dir liegt, aus dem Kopf zu schlagen. Bloß in die Zukunft mußt du schauen, getrost und wohlgemut; das mußt du lernen. ' „Ich 'bin man so hartlehrig", sagte Dine nut einem rührend traurigen Lächeln. Jrn Korbe regte es sich, quieksende Töne wurden laut. „Horch, unser Kind, ist es wach?" Ja, „unser Kind", wie die Alte es nannte, war wach; I es forderte mit kräftiger Stimme fein kindliches Recht. Jahre vergingen. Klein Janne wuchs heran. Bald saß I sie mit bunten Puppenlappen au einer Ecke des Tisches und „hals" nähen. Sonntags spielte sie mit den Kinder» des Steuerschreibers, die sich nach und nach auf vier ver- I mehrten. Janne war ein kluges, hübsches Kind. Ihre Klugheit, ihr Helles Haar und ihre blauen Angeii waren der Stolz I ihrer Mutter. „Sie wird wie Frauke Stesfeils," dachte Tine, „nur I den Kops muß sie ein bißchen höher tragen. Ja, sie wird I ihr ähnlich." _ „ . Franke Stessens war in Tines Augen das schönste uno I klügste Mädchen, das sie je gesehen hatte. (Fortsetzung folgt.) „Es geht alles," sprach Liese bestimmt, „wenn du nur willst Du hast ’ne geschicktere Hand als ich. Wir können öutOWLkAK I g-sthch-n/,mch wisSatte « Sr bleibt, teilen wir uns. Dann bleibt das Kind wenigstens l“,,f ,npfi hl1” Hentc Mcwckwn bei der Mutter. Willst du ober willst nicht?" „Ja, ich will," sagte Tine und fügte rasch hinzu: „Ich — 299 Sein letztes Hochamt. Von W i l h e I m H o l z a m -e r. (Schluß.) Alle waren ergriffen, jeden: schlug das Herz höher. Das Schicksal erzwang sich Achtung, sein Anblick mahnte zur Einkehr. Der Krafft hatte jetzt die Orgel aufgeschlossen und die Noten ausgestellt. Dann setzte er sich auf den Orgelbock. Er wartete, bis der Priester aus der Sakristei trat. Ernst und feierlich spielte er das Präludium, ernst und einfach begleitete er den Gesang des Volkes und des Priesters, schlicht und unverschnörkelt präludierte er und spielte die Zwischenstücke ohne viel Stimmenaufwand. Durch nichts Aeußerliches verriet sich die Bewegung seines Herzens, und sie niemand auch nur in: leisesten zu künden, befleißigte sich Krafft der größten Strenge und bewahrte sie während des ganzen Gottesdienstes im begleitenden und füllenden Spiele. Ter Pfarrer hatte die Predigt ausfallen lassen. Der Krafft war froh darüber. Er hätte ihn: heute nicht zuhören können. Er war froh, an seiner Orgel sitzen bleiben zu können. Zu spielen, zu vergessen. So wichtig waren ihm sonst die einzelnen Akkorde nie gewesen. Sie flössen ihm nicht zu er wählte streng und vorsichtig ans, alles Prunkende vermeidend. Er war schwer und ernst gestimmt. Er spielte nicht nur vor dein Gotte, den: der Priester opferte, den die Gemeinde anbetete — groß und streng sah er sein Schicksal vor sich. Er spielte vor seinem Schicksal. Und er wollte nicht klein sein vor ihm. Als sei es sein Richter, war ihm, als wäge es nun, ob er zu leicht sei und schwach, oder wert, die Schwede seiner Last zu tragen und seinen Arm zu fühlen, der wie aus einer Ferne, einer Höhe, einer Ewigkeit herüberreichte. Gut und groß ward der Krafft vor seinem Blick. Er hatte alle Kränkungen und Beleidigungen vergessen, er stand über dem Augenblick, der so schwer ivar, und es war ihm, als weihe er sich jetzt, sein Verhängnis zu tragen. Er fühlte sich so außerhalb der Menschen, außerhalb ihres Kreises gesetzt. Er fühlte sich ganz allein. Und er gab sich für das Geringste, was er tat, tief und streng Rechenschaft, So weihevoll gestimmt, wählte er die Akkorde aus. Tann war das Jte missa est gekommen — und Krafft atmete tief auf. Der Gottesdienst war zu Ende. Und jetzt dachte der Krafft au den Abschied, an den Abschied von seiner Orgel, die er die langen Jahre gespielt, der er das Verborgenste seiner Seele und ein ganzes Leben anvertraut hatte. Mächtig durchdrang ihn, was die Musik je in ihm ausgelöst hatte, mächtig packte ihn, was sie ihm gewesen war. Daß sie ihm mehr war, als ein Spiel, als eine Pflicht, daß sie ein. Leben war, das außer ihm lebte und doch seinen Puls hatte. Und nun Abschied. Krafft bebte. Der Künstler in ihn: bebte, der vielleicht nie seinen ganzen Ausdruck hatte finden können, der ihm vielleicht nie klar geworden ivar. Der nichts iveiter in ihm war, als Liebe, als eine Freudigkeit, ein Vertrauen. Der vielleicht nie etwas mehr getan hatte, als in Stunden der Ergriffenheit seine Zuflucht zur Musik zu nehmen, und das nur in unklarem Trieb, fast mechanisch und unbewußt. Aber der Krafft wollte es kurz machen. Er wollte abbrechen und gehen. Er konnte nicht. Es hielt ihn. Daß er ja zum letzten Male spiele, rief's in ihm, daß er den Schluß machen müsse zu all dem, was er die Jahre hier in Tönen gesagt hatte. Daß er dann erst gehen könne, siir immer von diesen Tönen, die sein waren, sein eigen und seines Wesens — und daß ihr Inhalt dann erst ganz sein könnte, wenn er seinen letzten Sinn bekäme, den Sinn seines schwersten Erlebnisses. Mächtig fühlte Krafft dieses Erlebnis in sich. Seinen ganzen Schmerz, all das Traurige, all die schweren Folgen, all das Ungewisse -r- freilich auch seinen Mut, seine Kraft, seinen Stolz und seinen Willen. Daß er gefallen, fühlte er, aber nicht geschlagen fühlte er sich. Ja, ihm war, als habe er einen Sieg errungen. Ein paar Akkorde hatte der Krafft wie im Traume gegriffen. Tie Rechte ivar ihm von den Tasten gesunken, die Linke hielt die Akkorde fest. Eü: Postludiun: von Bach hatte er fast mechanisch aufgeschlagen. Eine Fuge, deren Thema er jetzt spielte. Er machte eine Pause und strich mit der Rechten über seine Stirne. Eine Strähne war ihm tief ins Gesicht gefallen. Sein Schicksal stand nicht mehr vor ihm, es sprach in ihm. Er spielte. Er wiederholte das Thema. Zart und feierlich leitete er in: oberen Manuel ein. Dann zog er die Koppel. Immer inniger wurde die Verschlingung, immer mächtiger und sicherer schien das Thema zu werden, je ge° waltiger die Gegensätze anwuchsen. Und immer wieder und wieder setzte er ein. Der Krafft hatte die ganze Orgel gezogen. Der" Schluß des Postludiums brauste durch die Kirche. Die Gläubigen waren auf ihren Plätzen geblieben. .Keiner Hütte gehen können. Sie standen und sähen hinauf zur Empore. Ein paar Männer waren tiefer ins Schiff gegangen und standen lauschend, staunend in den Gängen. Krafft spiel! weiter. Etwas. Großes brauste über die Gemeinde hin, etwas Großes, das kein Wort hat: der Ateu: einer Seele, die verhauchen möchte und festgehalten ist. Keiner mochte wissen, was es war. Aber alle fühlten, daß es ein Etwas sein müsse, das stärker war, als die Musik, die es trug, stärker als Feier und Andacht, die dem Gotte gegolten hatte. Alle standen und lauschten und sahen empor. Und Krafft spielte noch. Er hatte den Blick von den Noten abgewandt, er hatte den Kopf vorgebeugt, das rechte Ohr der Orgel.zugewandt. Er lauschte tief in sein Spiel hinein. Er lauschte auf das Letzte, das er s i cf) spiele, das er nicht hinauskündete in die Welt. Er hatte alle Register eingeschobeu bis auf die vox Humana und einen Baß — und nun schlug er unisono eine schlichte Folge von Tönen an, hielt jeden fest und sicher aus und faßte zuletzt einen Akkord, den er sacht verklingen ließ. Es war wie ein Verbluten, ein Senfzen. Oder es mochte wie ein Vergehen und Weinen sein. Der Pfarrer war aus der Sakristei getreten. Er stand oben vor dem Marieualtar, deren Kerzen der Glöckner löschte. Er hatte die Rechte zur Faust geballt und stützte sie auf die Kommunionbank auf. Mit flammenden Augen sah er zur Orgel hinauf. Und er knirschte. Krafft schloß die Orgel und zog den Schlüssel ab. Er blickte sich um. Er sah, daß die Leute jetzt erst ihre Plätze verließen. Es ging ihm auf — sein Spiel hatte sie fest- gehalten. Er hatte alles vor allen gesagt, was sein Herz bewegt hatte. Und alle hattews verstanden. Er wurde tief rot. Er strich sich verlegen durchs Haar. Er schämte sich. Ihm ivar, als habe er sich der Menge preisgegeben. Er war erlegen, er war schwach gewesen. Er mußte sich stützen — er griff nach dem Orgelbock. Er griff fehl. „Herr Lehrer!" klang eine Männerstimme neben ihm. Einer feiner Sänger hatte ihn beobachtet und war auf ihn zugetreten, ihn zu.stützen. Der Krafft beherrschte sich wieder: „Ich danke!" sagte er. Dann ging er. Er ging ruhig und sicher, wie er gekommen war. Die Kirche hatte sich geleert. Alle Kerzen waren gelöscht. Die Kirche, lag in: Dämmer. Nur durch ein offenes Fenster stoß ein Sonnenstrahl. Andreas Krafft stand an der Tür. Er ivollte sie anfziehen. Da mußte er sich noch einmal umsehen. Boll fiel das Sonnenlicht in sein Gesicht. Er senkte es ein wenig. Da sah er oben den Pfarrer stehen. 300 Sie standen einander gegenüber, Sie Gegner, der leere Raum nur zwischen ihnen. Wenn sie Hütten Freunde werden können, wenn es gekommen wäre, daß sie Freunde geworden wären?! Krafft zitterte ein wenig. Dann hob er rasch den Kopf, obgleich das Licht seinen Augen weh tat. Und rasch ging er. Auf dem freien Platz vor der Kirche stand noch die Menge. Geteilt wie immer: links die Freunde, rechts die Gegner. Aber alle standen stumm. Aller Augen ivaren auf den Alten gerichtet, der jetzt oben aus tzer Freitreppe der Kirche stand. Der Krafft hielt betroffen den Fuß an. Unmerklich reckte er sich auf. Tann schritt er fest und sicher die Treppe hinab. Noch einmal hielt er an und nahm die Brille ab. Er wollte nicht scharf sehen jetzt, er konnte nicht. Und er wollte auch nicht gerührt werden. Er ging festen Schrittes zwischen den Reihen hin. Es schnitt ihm durch dieSeele: Ich bin ein Gezeichneter. Ein Graukopf nahm tief den Hut ab. Und er blieb stark und ging groß und stolz.- Man Hörte nur seinen Tritt — und fast auch den Atem der Leute. Die japanische Dame. In einem neuen Buche über das moderne Japan gibt Ludovic Naudeau, der mit der russischen Armee den ostasiatischen Feldzug mitmachte, auf deiu Rückzug nach Mulden gefangen wurde und 13 Monate lang in Japan verblieb, ein interessantes Bild von dem Widerstreit der Anschauungen und Bräuche im heutigen Japan, wo alte und neue Zeit so hart aufeinander stoßen. Jü der Stellung der Frau im fernsten Osten spiegelt sich dieser harte unvermittelte Uebergang am klarsten wieder: auf der einen Seite, noch weitaus in der Mehrzahl, die alte japanische Frau, die Vasalliu, die Dienerin des Mannes, auf der anderen Seite die moderne fortschrittliche Japanerin, die sich der unbedingten Herrschaft des anderen Geschlechts entwindet, au höheren Schulen und Universitäten ihren Gesichtskreis erweitert, ihre Bildung vertieft und Zielen znstrebt, die denen der europäischen Frauen- rechtSl .vegung gleichen. Mit Staunen und Bewunderung spricht Naudeau von dem Durchschnitt der japanischen Frauen- „Es ist ein Wnnder, daß die Unterdrückung der Frau eine so zarte Weiblichkeit hervorbringen konnte. Sie Ivar stets unterdrückt, stets Basallin, stets der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit des Mannes ausgeliefert, stets gezwungen, seinen Willen als den einzigen anzusehen: sie hätte sich zu einem Wunder von List und Verschlagenheit entwickeln müssen, aber sie wurde dabei zu einem Engel von Güte und Zartheit." Aber die ritterliche Frauenverehrung des galanten Westens, die der Japanerin versagt blieb, wird ihr ersetzt durch die ungleich größere und zärtlichere Liebe der Kinder. Ihr Glück ist ihr Muttertum, sie lebt nur für ihre Kinder, sie vergöttert sie und sie allein leitet bis zum Jünglingsalter ihre Erziehung. Die Mutter ist es, die die japanische Kindesseele mit jenen hohen Gefühlen der Vaterlandsliebe, der Treue und der Selbstbezwingung erfüllt, die Japans Siegeszug möglich machten. Sie begleitet ihre Kinder aus alleu Wegen, und ost bleibt sie sogar in der Schule, um bei der Erziehung ihrer Lieblinge zugegen zu sein. „In einer Schule in Tokio sah ich in jedem Klassenranm neben der Tafel ein Bank, auf der die kleinen japanischen Mütter während der Unterrichtsstunden Platz nehmen." Alle Mutterschaftsinstinkte sind bis zum Aeußersten entwickelt und verfeinert. „Versagt das Schicksal ihnen das Glück, so muß das Spiel mit einer Puppe Ersatz bieten. Meine Köchin, eine 30 jährige Witwe, überhäufte täglich eine Puppe mit Zärtlichkeiten, pflegte sie und kleidete sie. Der Fall ist typisch. Oft sieht man auf den Straßen unverheiratete Frauen, die mit einer Puppe spielen, ihr Spielzeug schenken und sie in kleinen Wagen spazieren fahren." Aber dem gegenüber stehen die Ziele der moderneren Töchter Nippons, die mit dem Eindringen sozialistischer Ideen, mit der Entwicklung des Bildungswesens und mit der zunehmenden Berührung mit dem Westen auch den Ehrgeiz der europäischen Frauenrechtlerinnen ausgenommen haben. Es sind nicht nur die jüngeren, die an den Universitäten studieren, zu Hause ihr Klavier besitzen nnd zum Entsetzen der alten Generation mit ihren männlichen Studienkollegen spazieren gehen. Auch Damen der höchsten Gesellschaft, die bisher von ihren Gatten in strenger Abgeschiedenheit gehalten wurden, erscheinen an der Seite ihres Mannes in der Oeffentlichkeit. In den Speisesälen! der großen Hotels von Uokohama, Tokio und Kobe erscheinen sie mit ihren Gatten. Es sind nicht die Genüsse der europäischen Küche, die sie hierher treiben; was sie genießen wollen, das ist das Gefühl, zum erstenmal in Gegenwart ihres Mannes nicht die Dienerin zu sein, sondern die Dame, die gleich ihm bedient wird. Und wo die Mütter mit so bescheidenem Bewußtsein sich noch zufrieden geben, verlangen die Töchter mehr und kämpfen unerschrocken für ihre Forderungen. Sie gehen sogar soweit, den Nationalhelden zu trotzen. Der Held von Port Arthur, General Nogi, ist u. a. auch mit der Beaufsichtigung der Schulen beauftragt, in denen die Töchter und Söhne der alten adeligen Familien erzogen werden. Der durch seine spartanische Einfachheit berühmte Krieger sah mit Sorge, wie unter den jungen Damen ein Häng znm Luxus die strenge Einfachheit von einst zerstörte. Mit scharfen Bestimmungen wollte er dagegen einschreiten. Aber die kleinen Japanerinnen trotzten seinem Willen, es gab eine regelrechte Verschwörung, und zum erstenmal erlitt General Nogi eine Niederlage. Eines Tages erschienen alle in prächtigen Seidenkimonos, und in den kunstvoll modernen geordneten Haaren prangten kostbare, fein gearbeitete Nadeln. Die Erregung bei den Schülerinnen war ohne Grenzen und nichts konnte sie von ihrem Willen abbringen. Diese kleinen Mädchen, die als erste mit der Leidenschaft der Jugend gegen die alten Bräuche sich auflehnten, sind die künftigen „Damen" des neuen Japan. Denn gleich ihnen drängen die fortschrittlich gesinnten Männer zur Abstreifung jenes alten Brauches, der die Japanerin ins Haus verbannte und zur Dienerin erniedrigte. Die Partei ist int Wachsen, und in kurzer Zeit wird die japanische Dame die kluge, geistreiche, sorgsam erzogene reizende kleine Geisha verdrängen, die bisher die einzige war, die zn öffentlichen Festen Zutritt hatte. vermischte». *’ W i e Biene n u n d A meiseu s i eh v e r st ändi g e u. Ter französische Gelehrte Gaston Bonmer macht in der Revue hebdomadaire interessante Mitteilungen über Experimente mit Bienen und Ameisen, die zeigen, wie diese Insekten mit Hilfe der Fühlhörner sich msiereinander verständigen. Boumcr erzählt von einer Bienenkönigin, die in ein kleines metallisches Gewebe verschlossen wurde, dessen Ata sehen zu eng waren, um einer Biene Durchlaß zu gewähren. Man brachte daS kleine Gefängnis dann in den Bienenkorb zurück, dem die Königin entstammte, und versetzte die ganze Kienenkolonie in völlige Dunkelheit. Nur von Zeit 'zn Zeit öffnete man ein Guckloch, um zu beobachten, was int Inneren des Korbes vorgeht. Eine kurze Zeit lang schienen! die Bienen die Gefangenschaft ihrer Königin nicht zu bemerken. Plötzlich aber war gleich eine größere Anzahl von Arbeitsbienen davon unterrichtet. Man sah, wie sie ihre Fühler durch das Metallnetz streckten, die Königin näherte sich ihnen, kreuzte ihre Fühler mit denen der Arbeitsbienen und es war, als begännet ein Gespräch zwischen ihnen. Dann wurden fruchtlose Versuche unternommen, um "die Königin zn befreien. Nach einer Wette gaben die Bienen, offenbar resigniert, diese Arbeit auf; matt sah einige Arbeitsbienen, die sich dem Netze wieder näherten und nut ihren Zungen der Zunge der Königin Nahrung übermittelten. Ganz ähnlich verliefen die Versuche mit Ameisen. Wenn ptnfl Ameise -eine Genossin sucht, die ihr bei dem Transport eines schweren Gegenstandes behilflich sein soll, so geht dieser gemeinsamen Arbeit stets eine Verständigung vorauf; die eine Ameise nähert sich der anderen, berührt deren Fühler mit den eigenen und sucht die Gefährtin offenbar zur Hilfe zu bestimmen; worauf die zweite der -ersten alsbald folgt. Noch merkwürdiger ist die Tatsache, daß sowohl in den Bienenkörben als in den Aineisenbauteit eine plötzliche Verständigung auch ohne die Fühlhörner cintritt, die die ganze Kolonie mit Blitzesschnelle in höchste Aufregung und zu fieberhafter Tätigkeit bringt. Es gibt offenbar ein Alarm- zeichen, das sich mit der größten Schnelligkeit durch den ganzer- Bau fortpflanzt; auf welche Weise aber dies geschieht, hat dte Forschung bisher noch nicht anfzuklären vermocht. Logogriph. Mit „fi" geschieht es alle Tage, Wohl dein, der immer in der Lage. Mit „L" ist's denen nicht genehm, Die träge sind tmb sehr bequem. Mit „R" tuns Buben gar nicht selten, Wenn auch die Lehrer darob schelten. NIit „T" tritt man ins Leben em, Bisweilen braucht maiiS auch beim Weilt. Auslösung in nächster Nummer. Losung der Dechiffrir-Aufgabe in voriger Nummer: Ein rasches Pferd nur immer jagen, Ein saubres Kleid nur immer tragen, Den nützen Freund nur immer plagen, Thal niemals langen. Nutzen tragen. Redaktion: K, Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.