1909 C 43 Ml !1Ä jAjOTWT D M^KM >y MM MW «sä! Maria Hendrina von Goch. Novelle von Luise Schulze-Brücf. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ten Abend brachten sie mit den Berwandten zu. Hildegard ttschte festlich auf. Zu bat selten schweren Speisen tranken sie funkelnden goldenen Binger Win. Der alte Weingartner Ivar überlaut vergnügt, der alte van Endert krakelig und nörgelig. Die Hildegard hatte es aus Beert von Endert abgesehen. Are Mugen glühten ihn an rind sie neckte ihn auf alle Meise. Zuletzt wurde der alte Endert ärgerlich: „Lab doch den Beert in Ruh', Mädchen. Das is feinen: Mann für Dich. Der hat schon eine." Hildegard Weingärtner schob einen schnellen forschenden Mick Mf Beert. „Des is net wahr, ries sie keck. Beert wurde not wie ein Mädchen. „Nei, des ts net wahr. E Borsch, der schon eine hat, der sieht ganz annersch aus." „So? Das hab' ich alten Mann ja Such noch nich gewußt. Wie sieht der denn aus?" „Sb, annersch. Net so gelosse und so ruhig. Der Beert und die Hendrina, die zwei, die wisse fo noch gar Net, was das ts, so ganz doll verliebt kein." „Awwer Du weistt's, Du Kmdskopp," schalt der alte Wem- tzürtner. „Immer owe enaus, immer Feuer unner'm Dach. Das Meenste, das wär' de Lieb'? Heut' den, morge ä ärmere. Mart's -nur emo! ab, bis die richtige Lieb' kommt. Das is ja aanz was ünneres wie di- narrige Verliebtheit. Wann's die Hendrina nn den Beertemvl packt, das is dann & ganz amtete ©ort’ von Lieb' Wie bei Feuer, was alleweil so hoch ufssteibt, das) mer ment, 's daht s ganze Hans an steche, nn in de nesckde Minud do is es schun wrdder niddergebrennt. — Awwer alleweil schlägt's glei zwels. Ko, Hildegar, schenk' ein." Hil^gard füllte die Gläser, — sie lauschten hinaus nach der Gasse. Da holte die Uhr aus, — draußen brach ein toller Lärm los: „Pposcht Neujahr! — Proscht Neuja—a—ahhr!" Schüsse knallten dicht vor dem Fenster, Rotfeuer blinkte auf, Glockenglelänt hob an und alles übertönend ein lautes vielstim- Nltgges schrilles Bimmeln. „Das Schiff' bimmele. Fix, Hendrina, komm' enaus." . mummten sich dicht ein und stürzten eilig hinaus. Auf lebendig — viel junges Volk, die allerhand Unsinn trieben. Am Rhein tollten die „Techni" umher. Deutlich /S” ?tc blocken von Rüdesheim schwächer in das macbt-- r^-cc ^lant VON ben Binger Kirchen. Am Landeplatz. der Tampf- Uttffe schw-nrg emer mächtig die Schiffsglocke. Fern von den ^chaffm, die im Wmterhafen lagen, bimmelten hell und schrill die A.'inen Glocken. Em ganzer Trupp junger Leute stürzte auf die Itmgen Ma«hen zu: Die Hildegard lachte und schrie ausgelassen: »,-Prvscht Neujahr, Prvscht Neuja—ahr!" Auch Hendrina war in, dem ausgelassenen Kreis. Ein Arm schlang sich um ihre Hüften, und sie wurde ciseusest an einen jungen Leib gedrückt. Zwei heiße Lippen brannten auf ihren titic Sekunde lang, — dann Ivar sie losgelassen und stand schwindelnd da, ganz verwirrt. Ws war Hildegard, wo war bet Beert? Sie war mit barö Knäuel abgedrängt worden. — Da kam Beert schon gestürzt. „Hendrina, Mädchen, was is? Hat Dir einer was getan?" Er keuchte, seine Fäuste ballten sich. Hendrina erschrak zn Tode. „Nein, nein. Sie haben mich nur nritgerissen in den Trubel," Er zog heftig ihren Arm in den seinen. „Komm, wir wollen anf't Schiff. Oder — oder willst Du noch bleiben?" Sie sah sich scheu um. Der ganze Trupp ausgelassener Ge- sellen war schon weit oben am Rhein kai. „Wo ist denn Vater?" Da kam er, zankend und geärgert. „So'n jung Volk, fo'tt doll Volk. Als wann Fastelabend wär'." Nun gingen sie dem Hafen zu, den Schiffen, wo es auch r-och lebendig war. Festliche Helle kam aus den Keinen Kajütew fenstern, einzelne Glocken bimmelten noch. Beert hatte Hendrinas' Arm in den seinigen gezogen. Nun hielt sie wieder eine Hand fest, wie heute nachmittag auf dem Rh-eineis. Und Hendrina fühlte wie Beerts Herz heftig klopfte. Sie selber atmete tief und schwer, als sic in ihrem Schranköett lag und schlaflos nachsann über diesen Silvcstertag. — Durch das Gitterwerk strömte Wärme herein, sie hörte ihren Vater sich bewegen. Sie öffnete einen Augenblick die Luke und zog das kleine Fenster ein wenig hoch. Tas Licht aus der unteren Kajüte warf einen langen Schein über das Eis. Beert schlief auch noch nicht, lind auf dem Uferroeg kamen Schritte, eine Gestalt, die sie zu kennen meinte. Ta liest ftc leise das Fensterchen hinab und klappte die Luke zu. lind leise sagte sie noch vor sich hin: ,Maria .Hendrina von Goch ™< Maria Hendrina von Goch." Darüber schlief sie ein. IV. "M, so was Scheencs, — so was Scheenes! — FränleiG öeä werd heft awend ä llnglück gewwe unner dä Binger Buwe!" Hendrina van Endert stand mitten in der Staatssttibe int kleinen Wtingärtnerhans. Aus dem roten Plüschsofa und denk Tisch, auf dem Kvnsol und Stühlen lag allerhand Puh verstrsnt, Hendrina stand stumm und steif und wagte sich kaum zu rühren, Sie sah an sich herunter an dem hellblauen Tüllklcid, das wie em Sttick Himmel um sie herum war, und auf das die geschickte Hand, der „Mhstitche" noch Bergißmeiimichtsträußchen ausiiähte. Ed re schneller ihre. Hände flogen, desto schneller plapjKrte auch ihr Mund. „Sie müßte immer hellbloo gehe. Immer hellbloo, tut immer ausgeschnitte, daß mer Ihre Hals und Ihre ?lerm' sehe dhüt. So was vun Hals tut Aerm' is jo noch gar net dogewese. Fik E letzte Geschicht', die ich getefe hawwe, do is so eine be-- V'rlwwe, wie Sie, Freilein. Ach, des is ft scheene Geschichstl ®e hescht „Sisichigtz Liebe" tut do iS eins drin, mit so binrM 28 Kvor bü so Weiß tut rot uir die Tjwt „Marmorschukieti»" g'rad wie Sie. — Tie Binger Medcher, das is io aach g'rad' iiet die schlechteste Rass', awwer vor Ihne, do «risse se all ins Mailsloch Lieche. Und der Tschorischie, der iS iwwsrhmtpt ganz ewig von Ihne. Da is ganz doll tut «artig. Gelder ciwend Hot ä in der „Gerumnia" uff dä Tisch geschlage.tut' h)t geftmge MN Herz-- tiebcke im vun der blonde Maid,'daß die Fenster gezittert hawwe. —- Gucke Se einvl oan- Sie kenne so nach rod werde!" Hendrinä van Endert stand ganz hilflos. Sie sah ängstlich «itf ihren nackten Hals, ans ihre Arme. So sollte sie unter Menschen gehen, unter fremde Menschen- Mit srenchen jungen Leuten tanzen? Bor hundert Augen, die sie alle neugierig anstarrten. Mit dem Amerikaner tanzen, der nun seit acht Tagen, seit jenem Silvesterabend aus Schritt und Tritt hinter ihr her war. Ten sah sie, wenn sie morgens ihre Fensterlns anfschob, Wie er schon im Hafen Schlittschuh lies, der an ihrer Seite war, wenn sie nach Bingen ging, der überall und immer in ihrer Whe ivar, bis am Abend, wenn sie in ihrenr Schrankbett lag Und schon halb im Traunr noch einmal den Schnee knirschen hörte Anter-seinem Tritt, iveim er wie ein wachsamer Hund ein letztes And allerletztes Mal auf und ab lief. Alle hatten sie es langst bemerkt, auch ihr Vater, der erst argwöhnisch und misstrauisch mit viel Grämeln und Mummen den jungen Menschen beobachtet hatte. Dann eines schönen Tages hatte er seine Kappe ausgesetzt, als er gerade wieder Schlittschuh lief und war aus das Eis gestupst. Dort ivar der Amerikaner eifrig ans ihn zugckommen und er hatte eine ganze Zeit mit ihm geredet. Seit der Zeit schien ss Hendrüi-a, als ob er vergnügter sei, nicht mehr so mürrisch Gr schielte zuweilen Beert von der Seite listig a», warf ihm rin paar spitze Morte zu. Zn, Beert, der war auch anders geworden. Er sah gar nicht gut aus, das merkte Heudriua wohl. Unter seiner braunen Haut schien er bleich zn sein, und seine Augen lagen tief in den HM en. Gr sprach nicht viel, aber sein Blick war immer nm sie. Und schon ein paarmal, iveim sie abends mit Hildegard und dem Amerikaner gegangen war, dann tauchte Beert plötzlich an irgend einer Ecke,auf und ging mit ihnen. Die Hildegard verstand eSi bann freilich sehr gut, sich an ihn heraiMmachen und es so ein- Merichten, daß Hendrinä mit dem Amerikaner gehen muhte. Aber Beert blieb stets mit ihr zurück, so daß er das andere Paar int rstilge hatte, und Hendrinä, die. halb unruhig znrückhorchte, hörte immer nur das zwitschernd« Reden Hildegards, selten die ruhige Stimme ihres Vetters. Wenn .bau» der Amerikaner mit heißen Morten in sie hineinredete, daun wurde Hendrinä halb bange Minute, und sie hätte wohl manchmal umkehren' und sich an Beert ordentlich ftsthalten mögen. Und doch ward süß, dem anderen Mzuhören und wie auf einer Molke zu gehen, wann er ihr zu- flüsterte, luie schön sie sei, und seine schwarzen Augen den ihrigen ganz nahe waren und feine weißen Zähne unter dem kleinen Schnurrbärtchen hervvrblickten. Und nun sollte sie heute abend Mit ihm tanzen. Natürlich doch den ersten Walzer und noch viele andere Tänze. Hendrinä wußte gar nicht wie viele. Ach Gott, in ihrem Kopf war es ohnehin ganz bunt und wirr, »nd aus ihrem Herzen lag tin Truck, der umnchmal ganz schwer und üeUemmend war. Gin Wunder war's ja nicht. So still hatte sie gelebt, so ruhig, einen Tag wie alle Tage. Immer mit der alten Base zusammen, selten Ant zungen Mädchen, von denen sie nur wenige lfluitte. Und I öte toarnn so anders, so ganz anders als die Hildegard «ich deren Frenndinnen. Ach, tvrnn die Hubertiua GostenL und die Lies I Meuten, die immer so sittsam die Augen niederschlugen und von j Lpitzenmustern und der Sonn lag»predigt sprachen, wenn dis einmal j sjter fern kömtten, Hildegard Weiugärtner seifen und hören, und T* Werner. Was die wohl sagen würden, bereis Herz kaunr ein bißchen höher schlug, lveun sie an die Zeit dachten, wo ihnen ihre Eltern den schon längst bestimmten BrÄutigam Drmgen würden. Solch einen blonden, schwerfälligen, ruhigen BurschM,. der, lueiut zwischen den beiderseitigen Eltern alles fest »nd rtchtta ausgemacht ivar, nun kam und sich so ganz selbfider- Mndl'.ch, iveun auch erst etwas verlegen, als Bräutigam fühlte. So chten wie — wie Beert ? 1U1V anders. Beert war ganz anders. Hendrinä fühlte es deutlich. Beert war nur äußerlich so ruhig. Jie -imßte nicht, woher das kam, daß ihr manchmal so be- rwittmen A» Sinne war, wenn sie sah, wie er ihr mit den Augen Ä' '5k, ?Jte ärmlich zu bewachen schien. Sie hatte auch ücrn. Aber sie wollte gar nickst weiter denken. Mtmim denn mimer jo sonderbare schwere Gedanke-n haben? Und Miw, am Tage ,-reK ersten Balles. Wo es wohl da sein würde? Was alles geschehen würde? Ach, sie stellte sich io fo fttzr. hoch Mr ihr bange. —. . . 1 I I Mhsetütze ivar fertig. Eine blaue Seidenschärpe legte sm zuletzt um Hendrinas Taille. Tann zupfte sie noch hier und dck herum. ,/Tr) ^L'ctfciiL htiiH S ■—• z,bCv lüil’b' cttu>t deitsch« Jünglinge koste" — Hot immer der alt' Gundlach gesagt, wenn er die scheene Wedcher hör gesehe ufs'm Ball. Wann bet: Sie M' sehe könne, der hält sei Spaß gehott. So ölunde, muckelige, das ivar grad deut sei Gusto. Awwer ich sawwe aach mei Schülligkeit gcdmt. Waun's Se'S Kleedche hätte zn Frankfort odder Nläänz' mache lasse, scheener hätts auch net werde kenn. Zuckerig schee». Un u.n könne mol die Mannsleut' cnei-c kumme." Hendrinä zupfte ängstlich an ihrem Ausschnitt. „Ach neiit> noch nichts Ach bitte, ziehen Sie das Kleid höher!" Whsettchx lachte: „Noch Hetzer! Nei, Freilein, des lasse! Se uw!. Sie such ja ohnehin schon wie & Kvmmuniouliud. T» sind wer doch hier anncre Ansschnittchee gewehnt. Ich hawwe's Ihne schon zwei Finger breit Hetzer gemacht, wie's sein soll. Un'sl wär' doch zu schad', wann Se so was versteche wollde. Nei, net, so muß es schon bleiwe." Hildegard stürmte herein, int weißen Kleid, allerliebst,- mit! roten Schleifen und Blüten. Sie blieb verblasst stehen: „Hendrinä!" ... „Ja. Freilein." TaS Mhsettche.stand stolz daneben. „Gellch daS is entöl ä Staat. So was sieht mer net alle Dag. No rufe! Se awwer mal den Babba." Der alte van Endert kam mürrisch herein. Er fühlte sich unbehaglich int schwarzen Rock,- er ärgerte sich, daß die Hildes . mr.ch ihm dies Mitgehen abgelistet hatte. Wozu war das alles? TummeZ Zeug wars, woraus nur llnrnhe und Aerger entstand. Er hätte dem Beert was cnttnn können vor Aerger. Ta stand er nun, der Dummerian, und starrte auf die Hendrinä mit heißest Augen. Man sal/s ihm au, daß er sie ant liebsten in die Arms genommen und gar nicht mehr losgelassen hätte. Und so eins gottverdammte Ziererei, daß ers nicht tat, daß et sich den Teufel darum scherte, ob die Hendrinä wollte oder nicht. Sie würde schost wollen, ivetm sie müßte. Statt dessen gingen sie aus den Ball, und er konnte zusehen, wie jeder Lass die Hendrinä beguckte und mct ihr tanzen durfte. Und wenn der junge Mensch, der Ameri- lauer, wenn der recht ins Feuer kam, da konnte es ums Schönes geben. Na, et wollte es abwarten. Ein Schlauer war das, der Morg: Werner. Hatte er ihm. nicht neulich, da ans dem Eis, zn verstehen-gegeben, ganz sein, aber für ihn deutlich genug-, daß er nicht nötig habe, auf Geld aber Mitgift zu sehen? Wenn ce heirate, dann Runs nur darauf an, daß das Mädchen ihm gefalle, alles andere sei ihm egal. Der hatte wohl schon ’ne Witterung davon gehabt und gekriegt, wie die Sachen standen. Der alte Fuchs lächelte schlan. — Hä — zwei Eisen im Feuer, das war auch nicht zu verachten. Er konnte bett einen gegen den änderest ausfpielen, und dann tonnte er seine Bedingungen stellest westest Hendrinä und.der „Maria Heudrina" — hä-, ivegen dem Mädchest und dem Schiff. Er wollte es schon deichseln, und wenn sie ihst auch jetzt duntm -machten'und ihn ärgerten mit dem Ball und mEeren Unsinnigkeiten- — das Heft behielt er doch in der Händ- —- er ivar doch der Schlaueste. (Fortsetzung folgt.) Vas alte Gerberhaus. Eine Skizze von Otto Stoeßl (Men). . , ^ar ein paar Jahren stand das alte Gerüerhans in mittest freier Felder, wüster Bauplätze, kümmerlich begrünter Rasenfleckö und nitr.weniger Neubauten, die gerade nur eben Richtung und Zug der künftigen Straßen andeuteten. Heute steht das niedere aitei Anwesen unter lauter großen, lärmenden, mit falschem Prunk und Zierrat überladenen Großstadthäufern, bereit höhnische Fassaden! feine stille, gelassene Bescheidenheit wütend überschreien: „Dw lebst auch noch, altes Haus, wann wirst du uns endlich Platz machen, dn willst mit deiner Arinnt vornehm tun, du Pfründner! Heute ist alles gleich, wir alle sind Paläste, und nur du sollst mit Beicheidenheit prahlen dürfen?" Das alte. Gerberhaus ober steht da und scheint zu lächeln,- Vie ein feiner, bejahrter, eisgrauer Mann, der von den langest Zeiten gebückt, doch seine Haltung wahrt, geistig kräftig, heiterest Mutes auch in das fremde neue Leben blickt und selbst des baldrgest Sterbens nicht unfreundlich gedenkt als des gemeinsamen Loses: „Sterben müssen wir freilich alle, wartet nur, wie Ihr zu Eurer Stunde anssehen werdet und ob Ihr wie ich dastehen werdet, wenn Mr überhaupt alt werden könnt, wie ich!" Die neuen Häuser stehen genau gerichtet in Reih und Glied/ iaiistwMg und gewöhnlich, obgleich da und dort ein Erker, Türmchen, Stiickfratzen und GesiniSornamente wild tun und den be* Mdereik Saus und Schmiß einer Persö nlichkeit Vortäuschen! m öchteL 27 Beim nähexett Zusehen sind cs , und fern Gesang vereint sich mit dem übrigen ländlichen Lärnr | des Hauses. Dieser übrige Lärm der Gänse, Enten, Hühner ist I ans dem Erdboden versammelt, aber das alte Gerberhaus hat auch I einen offenen ersten Stock, einen vielfächerigen Dachboden mit I einem schmalen, eingeländerten Balkon, der Hof hat einen hohen I Taubenschlag und mehrere vrrlästige Bäume und darüber einen I freien Luftraum bis zu den Wolken hinaus und auch der ist durch- I aus bewohnt, bevölkert und durchrauscht. Was Flügel hat und I fliegen kann, kommt hierher und flüchtet aus der ungastlichen I Strotzen- und Wagenwelt in diesen heiligen Bezirk, ruht hier aus, I »ährt, tröstet sich nnd nimmt gestärtt Abschied nm bei nächster I Gelegenheit wieder zu kommen. I Da find die Tauben. Die fremden, herrenlosen Tauben der I GrwWadt, von denen niemand weiß, wo sie hausen, die ihre liebe Slot haben, imt das bißchen Firtter und vor den Schlingen und I Schrotschüssen hungriger Mörder, sie kommen als Gäste zu den । einheimischen, gesicherten, im Wohlstand gediehenen Tauben des I Gerberhauses. Und das gibt immer ein Geschiebe und Gedränge, I ein ehrbares Wandeln und Entgegengehen, Rucken und Grützen I aus gepreßter Kehle. Das wandelt auf dem Dachfirst, längs der I Rinne, schlüpft durch das geschwärzte Fachwerk, ivinbet sich durch die hängenden Häute, sitzt auf dem Balkongeländer. Eine Weile I schemt alles ruhig. Nur ein paar fliegen ab und zu oder schnäbeln I und stehen einander still und zierlich gegenüber, die andern sitzen | dicht gedrängt beisammen und plnstern sich auf. Einen Augen- I blick haben und halten sie Ruhe, die weißen und die grauen, die einrarbigen und die gesprengelten, die mageren und zarten und I die üpp,gen, blinkenden. Und mit einemmal, weiß Gott warum, | z-og em kälter Windstoß vörbei, drohte eine Gefahr, die wir nicht । einmal ahnen, sagte ein wilder Schrecken sie auf, mit einem Ruck, | inte non entern Ruf und Schlag angetrieben und lotzgelasse», hebt I sich das Tanbenhundert mit einem Rauschen, das wie die zitternde Sehne eines gewaltigen Bogens saust, von dem ein Pfeil abge- fandt worden, und flieht, so daß eine silbern schimmernde und eine I blaugrane dichte Wolke über dem Gerberhause bebt, eine klagende, (UtS der Brust von hundert Bögeln mit einem gleichatmigen, tiefen Gurren seufzende Wolke, die im nächsten Augenblick in hundert royefne, tveitze, graue und gesprengelte Flocken zersiattert, die auf ement Bst, entern Dachfirst, Schornstein doer Gesimse zitternd schwanken, mählich sich beruhigend einherwandeln, ab- und zu- fltegen, sich sammeln, einander naherücke,t und zierlich gegenüber- stehen, bis wieder alles ruhig scheint, um im nächsten Augenblick neuerdings mit dlitzendem, einmütigem Flügelschlag davon nnd auseinander zu stieben. , VÄ es das alte, Gerbethans und seine Herren, das ist ja ein stück Paradies, ein Stück zeitlosen Friedens im Fluch der sorgenvollen Borstadtwelt! Geruhig lebt es in all seinem Getümmel, das sieh verträgt, wie draußen auf dem offenen Land oer Wolkenhimmel, die Sonne, die hohen Bäume, das demütige ! Gras, Wiese nnd Ackerland, Bauer und Feld, Aehre und Sichel und alle Geschöpfe sich vertragen, ob sie auch bett gemeinsamen Kampf der Kreatur zu bestehen haben. Aber sie streiten ihn in der goldenen Freiheit und mit allen entfalteten Kräften ihres Wesens. Bon solchem Streit und solcher Eintracht ist in dem Höfchen des alten Gerberhauses ein gutes Stück eingefangen und leuchtet auf, tvie aus enter Regenlache der blaue Himmel und feilte Sonne gefangen wiederstrahlen. Ich weiß nicht, wer in diesem Hause wohnt. Wer ist der Geroer, wie alt der Meister und seine Fran? Haben sie Kinder, bearbeiten singende Gesellen die groben, starkriechenden Häute? mochte nur gerne denken, hier Hanse die Jugend unter den Hühnern, oder utn.fi es ein weises einsames Alter Jeht, das sich Initter dem mannshohen Zaune von der rauhe», trostlosen, lauten Welt genugsam und stolz abschließt, sein unmodisches Gewerbe treibt und zah das unpassende Anwesen festhalt, als die einzige Bürgschaft des eigenen Wesens und Wertes? Wer blickt hinter den pinberen Vorhängen auf den Nußbaum, auf die ruhelosen Tauben, auf die ui Reihen wandelnden, lächerlichen Gänse, auf das Staren- Häuschen im Eichengeüst, auf die in vielen Klumpen wie große sGvarze Fruchte au den kahlen Zweiges hängenden Sperlinge. Gäbe e» doch eine Jugend, die feurig und zugleich treu, mutig und zu- gletch besonnen nicht höher hinaus will, als dies niedrige, ager vieteole Haus lehrt und gebietet, die sich nicht beschäme aus dem engen Kreise der Pflichte» des eigenen, freien Arbeitslebens nach dem wertlosen Gewinn des großen Lebens davonstiehlt, sondern am dein ererbten Wesen beruht und weiter nach innen blickt, als ie etn Auge nach außen dringen könnte! , Es wird aber wohl das Alter fein, daS hier schafft und wartet und feinen Sarg dort wissen will, wo seine Wiege nnd sein Bett gestanden. Kommt einmal der Tag, wo der alte Gerber nicht mehr vom Balkon mir sein lustiges Geflügel hinabfieht, so wird sihG Haufe die stunde geschlagen haben. Mau wird die alten tcußbaume fällen, den Taubeufchlag niederholen, die Häute, die so schon iw Fachwerk hängen, entziehen, daS Geschäft em- fasttetzen, das nicht, in eine Großstadt gehört, wie es ja auch Japren ganz bescheiden an ihrem Rande angelegt wurde, $1-*' ckch noch ntomnio träumen ließ, die Straßen würden fo rasch hier hsitauswachfen, wo sich die Füchse gute . Nacht sagten. Was lveitz man heute in bet Großstadt von diesen alten Haiidwerker- hausern, deren.iebeS nur eine bestimmte Familie beherbergte und Von ihr feine eigene Gestalt, sein Gesicht bekam, so daß Hans und Wart Mirüs. keines,üstders, als durch keine Nummern. Mm Nachbar unterscheiden, jedes beherbergt jeden, der die Miete zahlt: Mmmerllche Amtsleute, kleine Gewerbetteibeube und ihre schmäch- Äge» Läden, arme BÜrgerfaiMien und kinderreiche Arvekter- Pppei?, uus den Fenstern schauen bleiche Stadtgesichter; in den Wohnungen, wüchst alles durcheinander: Sorge, Rot, Maukbeit, wenig. Vergnügen, viel Verdruß. Durch die. breite Straße fährt Hie „Elektrische" mit mächtigem Jagen und Läuten als die lebeitdrge Unrast dahin, vor lauter Eile weiß keiner mehr, daß und warum -er auf der Welt ist. Man baut die Gaffen so grad und soweit, Laß all das Jagen nur beileibe kein Hindernis hat und daß der Mens Raum nur um so gefräßiger die teure Zett verschlingt. Das alte Gerberhaus aber ist trotzig quer über eine der sonst fc sorgfältig abgezirkelten Ecken gelagert, seine Front geht in zwei Straßen, sein Rücken in eine dritte. Was schert es der Stadtplan tob das Lineal! Es sperrt sich ruhig gegen düs Gedränge und läßt sich um seine Zeit nicht betrügen. Ein graues Holzstacket in iWcmueshöhe schließt es ringsum ab und lässt doch die ganze Zwietracht draußen in seinen stillen, stenndlichen Bezirk hineiu- Maue», als in eine alte, fremde, wunderliche, heitere Welt. Es ist nicht so leicht, zu beschreiben, was in diesem imregel- Wäßigen,. zugleich vollbesetztes und wieder eigentlich unnütz freien Kaum steht, geht, stiegt, hängt, schwebt, wächst, Platz, Anrecht, Leben oehausitet, Schutz findet — Mio Zeit hat. Einmal in einer Ecke ein nochmals nach innen emgeftiebeter Fleck mit einem großen alten Nußbaum und einer gedeckten, um- Wukteir Holzlaube vor ein paar sorgsam gehaltenen Beeten, wo im Sommer bunte Bauernblumen blühen. Dau links von diesem Ruheplatz zieht sich das ganze Gebäude .LNtlaug, halb gepflastert, halb mit rohem Erdboden ein schmaler, »estrecktcr Hof. Auch da stehen ein paar Bäume, ferner ein Holz- Wcherda» mit vielen schmalen SHichtenwänden, m welchen von toben b-s unten Häute rinn Gerben aufgespanut find. Ein Taubenschlag ragt aus ernem grauen, hohen Stamm empor. Unten gibt e-3 Drei, vier geräumige Bottiche. Ganz nah beim Hause steht ein Mim -. gestrichener- Ziehbrunnen, dessen Schwengel noch ruhig hin And her schwankt, dessen Auslausrohr noch tropft. Eben erst Kat man gepumpt und die gepflasterte Rinne zieht vom Tröge ui dm Hof, voll gelben schmutzigen Wassers, das sich unweit des übschlietz-'nden Zaunes in eine runde, tiefe Lache ergießt. Das geschieht alles für das Geflügel, von dem als von der geehrtesten Bevölkerung noch die Rede fein wird. Und nun das Haus selber. Beim nähepeU Zusehen sind es riüentUcy drei Häuschen, eine kleine, alte Familie, zwei erdge- Ichoisige mit niedrigem Schindeldach, schief angcdant an ein stock- iyohes, so. daß da nnd dort ein Winkel vor- oder cinspringt, wo Auch wieder allerhand lebt und haust und Rugchört. Das stockhohe Kebmide aber ist auch nur im Erdgeschoß, dessen trübe Fenster die Werkstätte verraten, für die Mensche» bestimmt, oben gibt es wieder ei» braunes, hölzesnes Fachwerk siir die Häute, einen" schmalen, Korlaufcnben, offen Balkon mit grvßgefchiiitztem Geländer, von wo der Gerber etwa auf das Treiben des Hofes vergnüglich hin- Nnterschauen mag, wenn er Zeit hat. Der weite, gefächerte Dacki- bodm ist offen, die Luft soll frei durch die hängende» Häute rtrerchen. Die zwei klemen Häuschen aber haben mehrere Türen, von deren rede eine, zwei Stufen in beit Hof führen, niedere, weißgerahmte Fenster, von denen man bei rechter Laune sich geradewegs hntausschwingen, durch die mau ebenso beguem aus »eilt «of wieder tu die Stube» zuiücksteigen kann, wenn man über- Riiitig üenug den Weg durch die Tür verachtet. Reinliche, schim- Merde Vorhänge,, zierlich^ Blumenstöcke verraten das behaglichste M-ohnwesen der niedrige« Zimmer,-wo gewiß der alte, wohlbetraute .Hausrat eng gedrängt ebenso in Ehren gehalten wird, wie das SW; gleich übervolle, rauschende und doch sinnreich zusammeu- gehaltene, mannigsaltige äußere Gebäu und Geräume. t Eagans «nd -ein Leben, Lärm und Bewegung, i aier rufen Hahn rmo Hühner, girren bk Tauben, schreien die I r Anfle ^uten. Da lebt das Federvieh in ungestörter Gemein- j z«lieb etWpst der Zichormmen und speist die schmutzige ösf'M lK? Hofe, in »velcher die weißen Ganse und Enten schnatternd paviii o-er von wo sie der Reihe nach einem tnibekannten Ziele MtgegeuwiMdetn, um ebenso imervvärttch wieder Kehrt zu machen L «lOn m Gedanken verloren aus den Fugen der geborstenen Pflastersteine das spärliche, niedere Gras. Es leuchte» ! die gelben Schnäbel und Schwimmhäute. Auch ein Paar bunt- seflederte, wilde Gämse schießen ratlos hin und her. Hier lolmt Gans zu sein und eine violette Schwanzfeder St bfiU.i. Tann spazieri mit Würde ein hoher Haushahu unter I ferat« "ffta rVr,i als Beherrscher des gehorsamen -s t0,r! besonderem Ansehen. Er trägt io dichtes I fm er iu-e ^Mnkgewachssuer Edelmann fc ? .dl,.,;}1' nF $ W einer Pluderhose an seinen schmalen ! Leitet wichtig, bedachtsam und zierllck», | vor den anderen und ruht gelassen, sinnend, HaME mit purpurnem Kronenkminii und Kfopr. I R« Kropf, hat, wie er, kann leicht aufrecht bleiben unter dkUsiMgcA Welt. Mm ist die Autorität eingeboren mit I KEN, und Kropf, so recht von Gottes Gnade». Gelegentlich 'chmot- S Herrschaft und BedeuL Heu kS «Ä lauten, aber ivohlMugenden Tönen. Zmuc. Hähne JfafM er singt, .hier versteht mau sich auf Musik j Herr miteinander veriouchseu, wie Wurzel und Erde. Jetzt arbeiten ungeheure Maschinen, zahllos verzweigte Aemter mit wehr- und wissenlosen Menschenhaufen. Sage Vaterhaus, sage Heim und Statte, und du sprichst das Gleichnis eines solchen schützenden Daches ans, das nimmermehr über unfern Häuptern ruht, denn wir haben mir mehr Wohnungen, in beiteit wir nicht werden und nicht altern, die wir gleichgiltig vertauschen, in die unsere Seele nicht entwächst, mit denen unser Wille nicht verwurzelt. Die alten Häuser, wie dieses, sterben aus. Und aus unserer Muttersprache — die ist ein schönes, durch und durch belebtes, vom Kamps und Frieden durchwohntes Haus wie dieses — aus unserer Muttersprache wird Wort und Begriff: Vaterhaus aus-- sterbeit. ©eilte Jahre sind um. Wir haben dafür nicht Geld, nicht Zeit, nicht Bescheidenheit genug, wir werden allgemach das Fliegen lernen mtb das Gehen vergessen, wir überwinden Raum und Zeit und eilen unserem Tode zu, während wir einstmals stiller durch daS Gelände der vergönnten Tage schritten. Das Wort: „Lauf der Welt" wird immer wahrer, einst aber schien es ein Gang oder gar ein Tanz. Dies alte Gerberhaus ivar noch ein Vaterhaus und wird es bald gewesen sein. Oft genug gehe ich dort vorüber und betrachte mit einer Art Andacht dies eingeheckte kleine Stadtparadies. Neulich war es zeitig morgens, vor acht. Da kamen die Kinder in die nah gelegenen Schulen. Haufenweis eilten, hetzten, rauften, gingen sie. Scharen von Jungen und Mädchen, die rechten Bleichgesichter der Stadtarmut; sie strömten aus allen den hohen, grauenhaften neuen Lügenpalästen, dürftig und nicht eben anmutigen Betragens, schimpfend und sich balgend, sie alle wissen was sie besser nicht gewußt, sehen, was sie besser nicht gesehen in ihren Wohnungen gibt es keine Geheimnisse, lind vor dem Gerberhause blieb ein ganzer Haufen stehen. Der Zaun war mit Kindern besetzt, wie die Aeste der winterlichen Stämme mit Sperlingen. Da standen sie nun und schauten in das Treiben des bewegten, unbeküntnterteu Hofes und jauchzten ans, so oft der rauschende Tanbenflug als weiße und graue Wolke auffuhr und wieder gedrängt sich niederließ und beschwichtigte, Nach-- denklich betrachteten sie dies fremde, friedliche Wesen. Sie wußten es freilich nicht, daß sie recht eigentlich ihren wahren Geschwistern zusahen, die im alten Gerberhause wohnten, denn die lichten Tauben die irrenden Hühner, die Gänse und Enten, die schreienden Spatzen aus den Bäume» sind alle Brüder des töricht bewegten Kindervolkes, welches in diesem Treiben die Fröhlichkeit und Seligkeit jener Natur ahnen mochte, die der Kinder, aller Menschenkinder wahre und vorenthaltene Heimat ist, das verloren gegangene, schöne Vaterhaus. So standen sie vor dem Zaun des Paradieses. Das alte Gerberhaus aber ward jung unter ihren Blicken und rauschte mächtig mit all seinem Federvolk, als stünde es frei im Freien. . , Vermisstes. * Inserat. Bitte, kein Mißverständnis! Hier soll sich nicht etwa eine bezahlte Anzeige breit machen. Das ginge an dieser Stelle gegetr alle Sitte einer anständigen Zeitung. Nein, es handelt sich um das nackte Wort. Die Fachschrift Zcitungsverlag wirst nämlich solgende Frage auf: „Die Ableitung des Wortes Inserat sestzustellen, dürfte für die Berufs genossen immerhin interessant sein. Wir stellen deshalb die Frage zur Diskussion. Sie erscheint uns insofern nicht beantwortet, als das Stammwvrt doch inserere mit deut Partizipium insertum heißt. Gibt es vielleicht em spätlateinisches Wort inseräre?" Da diese Frage vielleicht schon manchen Leser beschäftigt hat, versuchen wir sie hier zu beantworten. Nein, ein lateinisches inseräre gab es weder früh noch spät. Der beste Beweis dafür ist, daß die romanischen Sprachen, die sich der barbarischen Bastarde ihrer lateinischen Mutter jkt§ mit besonderer Vorliebe angenommen haben, dennoch ein insörat, inscraw und dergleichen nicht kennen; sie bieten dafür nur die untadeligen Formen insertion, inscrzione, insercion usw. Auch in Deutschland geht ein Jnseration nur aus ungebildeter Feder hervor; richtig heißt es mir Insertion, was besonders^ in der Verbindung ^Jnsertionsgebühren vielfach gebraucht tvird. Um nun dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, stellen War drei durch ein würdiges bnreaukratisches Band verknüpfte Mißgestalten zusammen:, Dezernat, Referat, Inserat. Ebenso wenig wie ein inseräre gibt es im Lateinische» ein decernare oder rejerare; deeenere und referre müssen genügen. Woher kommen nun reue „fite"? Wir könnten gleich sagen Rente; denn Frevel gegen den heiligen Geist der ©mache sind sie alle drei. Sie sind, der Köln. Ztg. zufolge, im Grunde nicht einuml Hauptwörter, tote fie slch den Schein geben, sondern bloße Zeitwörter in der dritten Person der Vorstellungsform der Gegenwart — oder des WUiunctwns praeseutis, tote die gelehrten Herren sagen, Gesetzt m U!lt Sketch bestimmte Personen mit bett geläufigen -witfietintb Schultze, je nachdem Vortragende Rat oder Mssessor emzufuhren — es läuft ein Schriftstück an eine Behörde E • bkr höchste Vorgesetzte schreibt darauf: deeernat Müller, d.h Müller bestem m e aber die Behandlung des Gegenstandes; der Vortragende Rat gibt das Schriftstück weiter mit der Weisung: referat Schultze, d.h. cs berichte darüber Schultze; und der Assessor Schultze verfaßt etwa einen schriftlichen Gericht, in k-elcheE er das Schriftstück oder Teile desselben einfügt mit dem Vermerkt ins. Aktenstücke R. X., d. h. inseratur oder: hier werde ein«! gerückt usw. (Besser hatten tvir die letzte Aufgabe einem Re«, ferendar Schultze überwiesen, denn der hat ja vom referat oder referendum seine Amtsbezeichnung.) Nun wird etwa gefragte wem ist das deeernat, wem das referat übertragen worden? Aw-i sangs als Zeitwort mit der ihm gebührenden Betonung decbrnat- referat, später mit irrigem Anschluß an die häufige Hauptwort- bilduug aus lateinischem atus ober atum (Magistrat, Attentat) mit der ursprünglich tvidersinnigen Betonung Dezernät, Referät. Ruit sind wir auch schon dem Zeitungsinserat auf den Leib gerückt, Jenes inseratur hat man mit der gleichen Geistesträgheit mi§> verstanden und aus dem eingerückten Schriftsao ein Inserat gemacht, als ob eine Grundform inseräre vorhanden wäre; welchen Ausdruck dann auch auf Zeitungseinrückungen übertragen worden! ist. Sollen wir nun noch einen Hilfsbeweis für das Nichtsein einer lateinischen Grundform mit are beibringen? Wir brauchen nut; neben Dezernat, Referat, Inserat die dazu gehörigen Wörter Dezernent, Referent, Inserent zu stellen, die ihren e-Stanrm tut* verkennbar an der Stirn tragen. DaS Inserat ist also der Wortbildung gemäß falsch; die Insertion ist nicht geläufig; beide sinh überflüssig. Was tut nun der Manu von Geschmack? Er wirft die Fremdlinge zum Tempel hinaus und begnügt sich mit betz wacker» deutschen Ausdrücken Anzeige, Einrückung. '"Wie man ein hohes Gehalt bekommt. Bon bet® kürzlich verstorbenen Direktor des Brüsseler Konservatoriums Frau« yoiS Gcvaert wird folgende hübsche Anekdote erzählt: Gcvaert befand sich in Gcnt, als der Direktor der schönen Künste, der seine Ernemntug zum Nachfolger von Fotis in her Leitung des Brüsselev Konservatoriums vorgeschlagen hatte, selbst zu ihm kant, ihn: daS Amt anzubieteii. Der Direktor war jedoch sichtlich verlegen. Nach langetl Uutschweifett setzte er cichlich Gevaert auseinander, daß sein Gehalt ein klein wenig niedriger sein sollte, als das seines Vorgängers. „Fätis", sagte er, „hatte massenhaft Schuldem und um ihn aiis seiner schwierigen Lage befreien, hatte man ihr® so besonders günstige Bedingungen zugestanden. Verstehen Sie?" „Vollkommen," sagte Gevaert trocken. „Ich verstehe vollkormncn. Sagerr Sie also dem König, daß ich ebenso viele Schltldett nmckM in erbe ivie Fotis . . Gevaert erhielt dasselbe Mhalt w ie sei® Borgiänger. Freilich hielt er sein Versprechen nicht; er hat nie* mals SchuDrn gemacht. Der oder das Kompromiß? Ick, was ist nun richtig, der oder das Kompromiß? Bald liest man es so, bald so; man kann es sogar erleben, daß man auf derselben Seite beide Geschlechter findet. Nun, eigentlich sollte es nur „d a s Kompromiß" heißen, denn es ist das lateinisch« Mittelwort der Vergangenheit compromissum, wie es auch nur heißen darf: das Fideikommiß und das Petrefakt, Wer nun „der Kompromiß" sagt, dem schwebt wohl ganz heimlich und dtmkel ein deutsches Wort vor, das denselben Begriff bezeichnet, nämlich „der Vergleich", oder „der Vertrag" oder aber — er verwandelt gedanken l o s die Fort® „ein Kompromiß (wird zustande kommen)" fälschlich zu „ber.f< statt „das K." Das eben ist seit alters eine der üblen Ngen« schäften der Fremdwörter, daß man nie recht weiß, welches! Geschlechtes sie sind; an Mißgelmrten und Zwittern kann man es ja in der Regel nicht erkennen. Kürzlich erst ist ein ganzes Buch geschrieben worden über das Geschlecht der Fremdwörter im Deutschen, nnb für die zahlreichen uu» entbehrlichen sind ja auch feste Regeln sehr erwünscht- „Kompromiß" aber ist wirklich ganz entbehrlich; mast versuche es nur einmal mit: Vergleich, Ausgleich, Vereinbarung, Verständigung, Einigung, llebereinkunft, Ueberein« kommen, Vermittlung n. a. * Wirksames Mittel. Fremder (int Dorswirtshaus) t „Wie haben Sie beim die Raufbolde so schnell zum Saal hinaus- gebracht?!" — Wirt: „O, i hab' bloß g'rufen. 's Zeppelins Luftschiff kommt, da toaren gleich alle draußen." Magisches Dnadrat, Folgende 16 Buchstaben sind io zu ordnen, baß die gleichen Reihen von links nach rechts und von oben nach unten gleich- Wörter von lochender Bebeulung ergeben: 0 K B N röm. Gott, M A A 0 spart. HeereSableilung, R OKA ainf. Stadt, NAME Schriftsteller. to» Aiiflösung in nächster Nummer; Anflösurtg des Rätsels in voriger Nummer: Maskenball. Rebaktton: E. Anderson. - RotationSbruck und Verlag der Brützl'jchen Universitäts-Buch- und Slemdrttckerei, R, Lange, G'.eßew