Donnerstag den (2. August ZU ■MM JjJ L Ä^wO «:«?r7NM->r«»-»»»»' Peter Nockler. Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holzamer. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ein wenig vornehmer wurde die Elise in dem feineren Viertel. Sie schaffte sich einen Reifrock an und große, werße Spitzenmanschetten. Und gar nicht selten gab sich jetzt dre Gelegenheit, mit dem Peter so zu promenieren, und die beiden konnten's wahrhaftig mit bett Oesterreichern aufnehmen, wenn sie mit ihren Schätzen, die immer „Käthchen hießen, daherkamen. Und wenn der Peter auch keine weißen Hosen trug uttb kein Korporal war, der stolz am Münstertor die Wache hielt und ein schönes Wort für jedes Mädchen hatte. Er war ein gar stolzer Kerl, der Peter, den man sehen lasse,: konnte. Da er noch dabei fleißig war, verdiente er auch einen ganz schölten Lohn und fühlte sich ganz wohl. Es ging ihm gut. Als wieder ein Jahr herumgegangen war, so schnell, daß man's kaum begreifen konnte hintennach, fühlte sich der Peter ordentlich seßhaft und fand ftch so gut versorgt bei seinem Meister, daß er ganz von selbst nicht mehr ans Wandern dachte. Und wenn er auch manchmal daran dachte, und wenn s wie Vorwürfe in ihm klang, >vas er alles halte sehen wollet: von der Welt, was alles er geplant hatte, und wenn er auch traurig dabei wurde, daß er's nun doch nicht sehen sollte, daß so vieles nicht ausgeführt werden könnte, — wenn er sich überlegte, tote gut's ihm ging, und daß er die Elise gefunden hatte, die ihm so gut war, die so klug und tüchtig war, entschlug er sich aller Traurigkeit und ward froh in dem, was er hatte. Und er mußte denken, daß das ja das Glück sei, tmb barauf käm's ja einzig an in ber Welt, das Glück zu haben. — c , ,, Da ihr „Verhältnis" nun schon so lange gedauert hatte, sprachen sie auch eines schönen Tags vom Heiraten. Freilich, der Elise toar's manchmal geradezu lang- toeilig, dieses ewige Einerlei und Getechtelmechtel. All die lange Zeit und immer das Gleiche! Sie genoß ja ihr Leben gar nicht. Daß sie die Dummheit gemacht hatte, mit ihm auzubändeln! So hatten sie sich beide festgebünden, schon allein durch die lange Dauer ihrer Liebschaft. Und schließlich hätt sie eine andere Partie noch inachen können — und er hätt in die Fremde gehen können. Ja, oft war's ihr gar nicht recht, und wenn's nun nicht schon so gar lange gedauert hätte, ließe sie's ganz sein. Oder wenn'sie einen anderen nähme — dennoch! Wie's mit dem Peter einmal würde, das wußte sie. Immer so in gleichem Schritt, alles wie am Schnürchen, hübsch geregelt und geordnet und ziemlich langweilig. Der Peter war ja ein guter Kerl, jawohl, aber er war zu still und in sich gekehrt. Er konnte ja recht froh sein, und er war gern froh; aber es hielt nicht lange. Es kam auch nie zu einer rechten Ausgelassenheit. Nein, ausgelassen war er nicht, wie's seinen Jahren zngekommen wäre. Em recht tolles Bergnügtsein und Ueberdiesträngeschlagen, das tonnte er eigentlich nicht. Es fiel ihm immer was aufs §er^, etwas Ernstes und Schweres lag sehr oft auf ihm. Er nahm schon das Leben zu ernst, die Stunden Und Tage zu wichtig. Er dachte zu viel vor, er sorgte schon zu v:el. Es war ja anfangs nicht so arg gewesen, es war in letzter Zeit viel mehr geworden. Und besonders, seitdem fte vom He:- raten geredet hatten. •> Zur rechten Zeit brach er immer auf, wenn die anderen noch lange blieben. Ein paar Tänze tanzte er immer nur, kaum ein halbes Dutzend, u.nd dazu mußte er überredet werden. Er hatte immer gleich genug, und fte war doch so gern recht lustig und recht ausgelassen, und sie tanzte so gern. Sie tanzte sich am liebsten todmüde und glutheiß. Die paar Tänzer, die's wagten, herauzukommen, Gott, was t)Q.§! Sie Hätte so gern gehabt, wenn sich der Peter mal einen kleinen Schwibbs angetrunken hätte. Sie suchte rhu oft zu verleiten, sie gab ihm sogar gute Worte drum, fte trank oft selbst mehr und öfter, nur um ihn zu animteren, aber! es half nichts. Er war viel zu zahm und zu alt für ferne Jahre, viel zu abgezirkelt und grundsätzltch. Immer dachte er an das Morgen, immer an die Folgen. Sie mochte das gar nicht leiden. , r .. ___ Ja, er war langweilig. Und er brachte auch fte um ihre ganze Jugend. Nein, — wenn's nicht schon gar zu lange wäre! daß sie „miteinander gingen", ste gäbe :hm den Laufpaß! „ So giug's ihr öfter im Kopf herum. Ste behandelte dann immer den armen Peter auch danach. Es war so etwas Unruhiges, Unbefriedigtes in sie gekommen. Sie wußte ftch manche Tage gar nicht dagegen zu wehren. Und manchmal war's tote eine Angst. Und manchmal war's eine Draurtgkett und Verzweiflung, zum Sterben. Es kamen auch wieder ruhtge Tage und bessere Stunden. Es war ihr dann selbst, sie sei vernünftiger, es sei ihr alles klarer und nicht so verschleiert und falsch. Sie überlegte ftch, daß sie doch ganz gut versorgt sei mit ihm. Würde er un Geschäft von Flügger bleiben, würde er vteltetcht nut der Zeit zum Obergesellen aufsteigen ttttb einen ganz guten Lohn haben. Oder auch, sie könnten aufs Land ztehen, tn sein Dorf, er könnte sich für ein paar Kunden tn der Stadt sorgen, und was „draußen" noch zu verdienen wäre, es ginge schon. O ja, es ginge schon. Und der Peter war ja fleißig. Wenn kein Unglück käme i—» So sprachen sie vom Heiraten. Da kam wieder dies Unzufriedene. Ste wollte ftch s aus dem Siun zwingen. Es ginge schon, ach ja — Gott, es ginge schon. Und sie war's ja auch nun einmal so gewöhnt. Und der Peter war so ein guter Kerl, so brav und fleißig und ordentlich. Und hing doch auch so sehr an rhr. Das Heiraten war ihm nun freilich eine Sorge. Aber er — 498 bewies doch nur, wie gut er's Mit ihr meinte, wie wichtig er ihre Zukunft nahm. Solche Gedanken kamen dem Peter nie. Er hatte nur bas Gefühl seiner Pflicht. Und seiner Pflicht widmete er sich jetzt ganz und allen Ernstes. So hatte er sich in letzter Zeit für ein paar Privatkunden gesorgt. Denn wie's auch werden würde, ob er Geselle bliebe oder Meister würde, so ein wenig „nebenbei" war immer gut. Und wer weiß, wie's noch weiter einschlug mit Stadtkunden, die noch immer besser bezahlten als die Auf dem Lande. Der Elise war das ai'ich wieder nicht so ganz recht. Zwar der Verdienst schon, denn sie rechnete auch; aber der Peter mußte doch diese Arbeiten all in seiner freien Zeit machen, außerhalb der Werkstatt. Da saß er daun die Wende auf seiner Bude bis in die tiefe Nacht und nähte. Und die Elise wartete vergebens auf ihn. So hatte sie jetzt gar nichts mehr. Nicht mal, wenn sie Ausgang hatte. Immer hatte er was pressant. Nur die Sonntage gehörten ihr. Wer was war das! Wie oft mußte sie daheim erst den Besuch abwarten, oder sie tappten am Rhein hin und her und ließen sich angaffen. Nein, daran hatte sie längst den Geschmack verloren. Wenn sie einen flotten Oesterreicher hätte! Dann wär's lustig! Musik! — das war denen die Hauptsache, — Tanzen, Singen, Küssen, Fröhlichsein! Gott! und vorm anderen konnte man sich ja hüten. Hatte ihr der Peter je einmal einen Kuß gegeben!? Alle hatte sie ihm gegeben. Der Peter war ein kalter Frosch, ein scheues Hinkel! Nä, sie ivollte ihn nicht mehr. Da hätte sie ebensogut einen aus ihrem Odenwald nehmen können. Da waren auch, ganz flotte Burschen drüben! Zum Beispiel der Nehers->Adam, der in Darmstadt Roßwärter am Hofe war. Und da wär sie auch ganz gut versorgt gewesen, wenn sie den genommen hätte. Er war ja mal um sie herumgeschlichen, eh sie von zu Hause sortgegangen war. Sie war jung und dumm damals gewesen. Was war das für ein anderer Kerl, der Nehers-Adam! Gewachsen wie ein Buchenbaum und stark wie ein Eichenstamm. Vorm wildesten Gaul fürchtete der sich nicht. Und wenn er dann die Hosen in den Stiefeln hatte und auf dem Gaul saß — das war ein Bild! Dagegen war der Peter--- Mäh! Mäh! Schneiderbock! Was ging sie der alte Neher an! Ein Grobian war der *— mußte doch nicht auch der Sohn einer sein! Was ihr die Mutter da vorgepredigt hatte! Zu ihr war der Adam immer sehr gut gewesen und zärtlich. Und er schwätzte so fein, ganz anders tote die andern Burschen. Er war ein rechter Städter. Jetzt hatte sie den Peter anhängen. Ein guter Kerl war ja der Peter. Wer gegen den Nehers-Adam! — Und langweilig war er, und ein Frosch. Schneiderbock — mäh, mäh! Sie war wirklich neugierig, wie das einmal ausginge, ob sie ihm doch den Laufpaß gäbe! — Menn's nur nicht schon so lange wäre, daß sie mit dem Peter ging. Sie war so an ihn gewöhnt. Sie konnte sich gar nicht mehr ohne ihn denken. Dumm! — Und sie hatte ja auch keinen anderen. Und auch nach keinem ausgeguckt. Es war rein zum Lachen. Ner — sie würde sehen. Kommt Zeit, kommt Rat. Ostern ging vorüber und Pfingsten. Sie sprachen vom Heiraten. Der Peter sehr ernsthaft und wichtig, die Elise mit Lächeln und leicht. Das sei doch so schlimm nicht, grad, als ob's gleich zum Sterben ginge, meinte sie. Aber der Peter behielt feinen Ernst und seine Sorglichkeit. „Sorqenpeter" hatte sie ihn getauft. „Wir müssen nun aber mal zu deinen Eltern gehen," K der Peter eines Tages. „Und dann zu meinem Meister, Eltern habe ich doch keine mehr. Es ist überhaupt nicht recht, daß du so lange nicht daheim warst." Die Elise schnickte als Antwort die Schultern. Dann fiel ihr aber etwas ein, was zu sagen der Mühe wert war. „Wir warten bis zur „Kerb", dann ist's nicht so traurig in dem Nest." H Der Peter war's zufrieden. Wann die wäre? Anfangs Juli, sie sage es ihm schon. Daß er sich dann aber fern mache bis dahin! Er lächelte. Ja, das sei ihr Ernst. Sie wolle sich mit ihm stolz wachen. Für den Schneider würde sie sowieso schon genug geuzt werden. Er zog ein sehr langes Gesicht. Den Schneider habe sie aber doch vorher gewußt. Gewiß — aber man denke doch nicht gleich — Es war ein kleines Weilchen still. Dann könnten sie ja voneinander gehen. Er sagte das so ernst und schwer und traurig, daß es der Elise jetzt doch leid tat, die Sache so weit getrieben zu haben. Sie lachte hell auf, übertrieben laut. „Was fällt dir ein! So war's nicht gleich gemeint! Wer du weißt doch: Schneiderbock! Mäh!" So ein bißchen Bosheit hatte sie sich nicht verkneifen können. „Ja, wie gesagt, da müßten wir wieder auseinander gehen. Ich laß dir ganz die freie Wahl. Ich zwing dich zu gar nichts. Ich halt dich gar nicht. Wie du willst. Wie du willst!" Das machte ihn aber perplex. Dieser instinktiven Weiberpsifiigkeit war der ehrliche Peter nicht gewachsen. Er war still. Eine ganze Strecke weit gingen sie stumm nebeneinander her. „Na, wie is?" fragte sie. „Wie is?" fragte er. „Willst du mich nicht mehr?" fragte sie. „Willst du mich nicht mehr?" fragte er. Und noch eine Weile gingen fie fremd und Ml nebeneinander her. „Wieder gut?" fragte sie. „Bist du gut?" fragte er. „Peter, langweiliger Peter!" Sie lachte. Dann zitierte sie das Volksverslein: „Peter, wo steht er? Im Stall. Was dut er? Butzt ent Gaul 's Fuder. Was meh(r). Butzt em Gaul die Zäh(n)." Und sie lachte hell auf. „Daß du keinen Spaß versteW! Laß mir jetzt das Sauerkrautgesicht und die Kopfhängerei und diese ganze langweilige Begräbnisgeherei. Herrgott! bin ich dadafüu auf der Welt! Entweder — oder! Willst du mich oder willst du mich nicht? Sag's jetzt.!" Sie tat so zornig, daß er erschrak und wunder meinte, wie großes Unrecht er getan habe. Er bat sie ordentlich. „Na, Elise! Mso ist alles wieder gut? Komm!" Und sie gingen wieder eng zusammen. Die Elise luftig wie immer. Der Peter mit einem heimlichen Stachel. Aber er verbarg ihn. „Zank gibt's überall einmal," sagte die Elise zum Abschied. „'s wär ja auch gar zu langweilig." • (Fortsetzung folgt.) LWüId von Kleifts Heldentod. Es ist nicht literarische Totengräberei, wenn man heute des Mannes gedenkt, der vor 150 Jahren zu Frankfurt a. O. einen ehrlichen Soldatentod starb; oer Dichter des Frühlings, eines Gedichtes, auf das die beginnende Blüteperiode im friderizianischen Zeitalter mit Recht so stolz war; der Freund Lessings, das Urbild seines Majors von Tellheim und der Adressat seiner „Briefe, die neueste Literatur betreffend", hebt sich als lichte Gestalt aus der langen Reihe der vorklasfischen Dichter und hat den nimmer welkenden Lorbeer, um den er in rührenden Versen einst bat, längst empfangen. Kleist gehört zu den erfreulichsten Erscheinungen in unserer Literatur, von seinem Schaffen gehen noch heute belebende Kräfte aus; sein Heldentod macht ihn zum Ahnen der Freiheilsdichter, seine unglückliche Liebe zu Wilhelmine von der Golz und der Schatten, den ihre Verhej- vatung mit einem anderen auf sein ganzes Leben warf, läßt mehr als einmal an den Dichter des „Prinzen von Homburg" denken. Es war der Wunsch Kleists, der eigentlich, widerwillig in das Heer getreten war und am Waffenhandwerk mir Gefallen hatte, soweit es sich in Krieg und Gefahr bewegte, auf .dem Schlachtfelde zu fallen. Nachdem er anfangs irr dänischen Diensten gestanden, auf Befehl König FriedrichD aber in preußische getreten und dort bis zum Major aufgestiegen war, nahm er an der blutigen Schlacht von Kunersdorf am 12. August 1759 teil. Au der Spitze seines 499 — Bataillons stürmte et gegen den Feind vor und nahm, als er an der rechten Hand verwundet wurde, den Degen mutig in die linke. Wenige Augenblicke später durchbohrte eine Flintenkugel seinen linken Arm, und der Unerschrockene ergriff den Degen nun wieder mit der schwerverwundeten rechten .Hand und drang, die Fahne zu seinen Seiten, gegen die feindliche Artillerie vor. Bis auf etwa dreißig Schritt kam er an die Feuerlinie heran, dann zerschmetterte ihm eine Mrtätschenkugel das rechte Bein und-warf ihn vom Pferde. Vergebens bemühte er sich, das Tier wieder zu besteigen, er sank kraftlos zurück und seine letzten Worte, die er an die Soldaten richtete, waren: „Kinder, verlaßt euren König nicht." Es ist bekannt, daß der Schwerverwundete nach der Schlacht von den Russen ausgeplündert wurde und daß er die ganze folgende Nacht bis 10 Uhr morgens unter entsetzlichen Schmerzen sich quälte, bis der russische Offizier von Stackelberg sich seiner; annahm. Auf die Witten des Professors Mcolae, eines glühenden Verehrers der Kleistschen Muse, der damals in Frankfurt lebte, wurde der Verwundete am 14. August in dessen Wohnurig geschafft, und dort verschied er zehn Tage später in den Armen seines Pflegers. An dem Leichenbegängnis nahmen sämtliche russische Offiziere — Frankfurt befand sich damals in den Händen der Russen — teil, und eine Szene dabei erinnert lebhaft an die Bestattung des jungen Piccolomini, wie sie der schwedische Hauptmann schildert. Als nämlich der Sarg aufgehoben werden sollte, fehlte der Degen darauf, aber sofort zog ein Offizier—es war derselbe von Stackelberg, der Kleist gerettet — den seinen und legte ihn auf den Sargdeckel. Obwohl Meist eine besondere Gruft erhielt, war es doch schwer, die richtige aufzufinden, als man 1778 ein Denkmal darüber errichten wollte, und es blieb nichts übrig, als den Sarg zu öffnen. Man fand denn auch richtig das zerschmetterte rechte Schienbein und außerdem als. sicheres Erkennungszeichen ein schwarzseidenes Band, das Ewald von Meist um den Hals getragen. Da der Sarg bereits fast gänzlich vermodert war, legte man die Ueberreste in einen neuen und setzte diesen dann nach Fertigstellung des Denkmals in einem besonderen Gewölbe darunter bei. Das Denkmal selbst, das inzwischen schon läster erneuert wurde, erhebt sich, auf einem Fundament von zusammengeworfenen Felsstückeu und stellt auf einem Piedestal eine hohe Pyramide dar, an der sich in weißem Marmor das lorbeerumkränzte Medaillon Kleists befindet, während an den drei Ecken sich je eine Geniengestalt erhebt. Außer einer französischen und einer lateinischen trägt das Denkmal auch eine deutsche Inschrift: Für Friedrich kämpfend sank er nieder. So wünschte es sein Heldengeist, Unsterblich' groß durch seine Lieder, • Der Menschenfreund, der Weise — Kleist. Mn. Erinnerungen an Detlev von Liliencron veröffentlicht Konrad aus seiner Jugendzeit im „Tag", die recht viel des Interessanten bieten. Besonders wertvoll ist die Schilderung aus Liliencrons Hungerzeit, die nun einmal zu dem Leben eines deutschen Dichters zu gehören scheint. Es war ein Sommertag 1888. Ich saß in meiner Dachkammer und begeisterte mich an Jens Peter Jakobsen. Da riß mein Zimmernachbar, ein junger Buchhandlungsgehilfe, die Mr auf, warf mir zwei Bücher auf den Tisch, daß es knallte, rief mir zu: „Wirf deine Skandinavier weg und lies das!" schlug die Tür wieder zu und verschwand. Verblüfft nahm ich die Bände in die Hand. „Eine Sommerschlacht" von Liliencron. „Adjutantenritte" von Liliencron. Liliencron? Kenn' ich nichts Und was soll ich mit Militärgeschichten? Der gute Moritz — so hieß mein Bekannter — ist wohl übergekocht! dachte ich. Wer dann blätterte ich, vertiefte mich> las stundenlang, vergaß mich und die Welt, Essen und Trinken. Und schließlich kochte ich über. Das alles war so neu, so wundervoll; es sprühte von Leben und Leidenschaft, war voll brennend starker Farben. Mir war, als wären mir plötzlich neue Augen eingesetzt. Später. schrieb ich einen begeisterten Artikel, der in einer Kieler Zeitung erschien. Und bald darauf erhielt ich eine mit den fabelhaftesten Lettern bedeckte Postkarte — eine nervös gewordene Bismarckschrift — und war im siebenten Himmel. Denn diese Karte sprach mir Liliencrons überschwenglichen Dank und lud mich nach Kellinghusen ein, wo der Dichter damals wohnte. So begannen meine persönlichen Beziehungen zu dem Dichter. * Ich nahm das Honorärchen, das mir der Liliencron- Artikel eingetragen hatte, in die Hand und fuhr nach Krlling- hUsen. Ich dachte mir den Dichter als einen baumlangen Wikinghäuptling. Er wollte mich von der Bahn abholen. Ich sah einen kleinen, zierlichen Mann, in einer grauen Jagdjoppe, am Zuge entlang gehen, den ich für einen kleinen Gutsbesitzer hielt. Sein Geschäftsfreund schien aber nicht gekommen zu sein. Ebenso vergeblich spähte ich nach dem Wikinghäuptling aus. Schließlich waren nur er und ich auf dem Perron. Ich näherte mich ihm und fragte, ob et Liliencron kenne. „Liliencron? Der bin ich." Verblüfft stotterte ich: „Und ich bin —Jetzt war er verblüfft: „Wie, was? Sie sind der alte Literaturhistoriker aus Kiel?" Dann kam ein lustiges Glimmen in seine Blaumontags- augen, und wir mußten beide so herzlich, lachen, daß der Stationsverwalter verwirrt die fiegellackrote Mütze auf dem Schädel hin- und herschob. Dann ging es durch die höckerigen Straßen des kleinen holsteinischen Städtchens. Alles schien ihn zu kennen. Alles zog die Mütze: „Tag, Herr B'ron." Wer auch mancher hämische Blick folgte uns. Wir kommen schließlich in eine kleine Straße, und bei einem bescheidenen Häuschen machten wir halt. An der Seite führte eine braune Holztreppe zu der Haustür empor. (Ich bin später mal wieder dagewesen: „M. Thode, Putzmacherin" las ich an der Tür, hinter bet einst Liliencron hauste.) „Voilä, die Villa Hungerburg." Mr stiegen hinauf: Der erste Raum leer, in der Mitte ein Tisch mit einigen Büchern. Die Bibliothek. Der zweite Raum: eine Bettlade mit roter Matratze — als Sofa u- davor ein riesiger Schreibtisch. Das Arbeitszimmer. Ein Schlafraum. Das war alles. O Deutschland, wie dankbar bist du deinen Dichtern! Alles andere hatte der Gerichtsvollzieher geholt. Liliencron war nun einmal kein Bureaukrat. Zum Entsetzen seines Landrats gab er jedem Gastwirt die Tanz- erlaubuis, so oft sie begehrt wurde, und war selbst einer der eifrigsten Tänzer. Einen Dieb, der sich in der Lieth- waldung bei Kellinghusen einen Schlupfwinkel eingerichtet hatte, bewunderte er, wie Mexander einst den Diogenes, stattete ihm freundnachbarliche Besuche ab und war nicht zu dem Glauben zu bewegen, daß diesem ehrwürdigen Eremiten keiri Schinken in den Rauchhäusern zu hoch hänge. Kurzum, er mußte seine Entlassung nehmen. Die Schulden waren ihm über das Haupt gewachsen. Seine Dichtungen fanden keine Anerkennung. Die kleinen Gläubiger in Kellinghusen pisakten ihn, und doch behielt er in dieser Misere den unversiegbaren Lebensmut, so oft ihn auch trübe Gedanken heimsuchten. Und niemand konnte ihm gram sein, wer 'kein Philister war. Leider gehörten die Kellinghusener fast alle zu den Philistern. Die Entwicklung des Menschenflugs. Die „Köln. Ztg." veröffentlicht eine Liste über die Fortschritte, die die Leistungen der „Flieget in den letzten Jahren gemacht haben. Wir geben diese interessanten Aufstellungen im folgenden wieder: Bloriots neuester Erfolg verführt dazu, einmal die Steigerung der Flugleistungen vorzuführen. Man ersieht auZ einer solchen Zusammenstellung, wie rasch die Fortschritte aufeinander gefolgt sind, nachdem einmal der erste Schritt getan war. Eine solche Betrachtung sagt mehö als ein ganzer Band voll schöner Beweisführungen, ob und wie viel Fortschritte wir von der Zukunft erhoffen dürfen. Es muß —■ 500 ■*=>-=■ Redaktion: I V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen- Neue Bücher. (Besprechung erfolgt nach Auswahl. Eine Verpflichtung zur Besprechung und zur Aufbewahrung unverlangt eingesandter Bücher wird nicht übernommen.) W. Teüdt, „Im Interesse der Wissenschaft". Haeckels „Fälschungen" und die 46 Zoologen usw. Godesberg, Naturwissenschaftlicher Verlag. n , Karl Engelhardt, Ode an den Grafen Zeppelin. Leipzig, Fritz Eckardt. Z£V , O. Schwarz, Die Finanzsysteme der Großmächte (Internationales Staats- und Gemeinde-Finanzwesen) II. Leipzig, G. I. Göschen. (Sammlung Goschen.) .... Dr. Paul Schumann, Max Klingers Wandgemälde für die Aula der Universität Leipzig. Leipzig, E. A. Seemann. Die Judeu im G ro ß h er zo g tum Hessen. Iw W trag der GroUvge für Deutschland U. O. B' nei B' riß, bearbeitet vom Bureau für Statistik der Juden. Berlin, Louis Lamm. Land-Kalender für das Großherzogtnm Hessen, ^ubl- läumsausgabe 1910. (200. Jahrgang.) Darmstadt, Jnvaüden- anstalt. , „ . Greta Bikelhaupt, Oudenwäller Lett. Erzählungen und Gedichte in der Mundart der Erbacher Gegend. Darmstadt, H. L. Schlapp. Diamanträtsel. Ju die Felder nebenstehender Figur sind die Bilchstaben a a e e f gg 1 * iiilminmorrsssstu derart einzutragen, daß die wagerechten Reihen folgendes bedeuten: 1. Einen Buchstaben. 2. Teil eines Baumes. 3. Deutschen Dichter. 4. Name aus „Reinecke Fuchs. 5. Stadt in Norddeiitsthland. 6. Nordische Gottheit. 7, Einen Buchstaben. Die senkrechte und wagerechte Mittelreihe ergeben das Gleiche. Auflösung in nächster Nummerr Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Lin gutes Wort findet eine gute Statt. Vermischtes. * Die erste Kohlenoxydvergiftung. Daß Kohtenoxydvergiftungen auch schon vor der Erfindung unserer modernen Gasbeleuchtung stattgefunden haben, beweist eine Abhandlung, die Neuburger in der „Zeitschrift für angewandte Chemie" veröffentlicht. Sie stammt aus dem Jahre 1716, und ihr Verfasser Friedrich Hoffmann hatte den Fall richtig als Kohlenoxydvergiftung erkannt. Der Titel dieser merkwürdigen Abhandlung lautet: „Eines berühmten Medici Gründliches Bedenken und Physicalische Anmerckungen/ Bon dem tödtlichen Dampfs der Holtz- Kohlen/ Auf Veranlassung der in Jtzna beym Ausgang des 1715. Jahres vorgefallenen traurigen Begebenheit aus- gesetzet, und nun zum gemeinsamen Nutzen, dem Drucke überlassen. Halle im Magdeburgischen 1716. Anfangs in der Rengerischen Buchhandlung." Es handelt sich um zwei Weinbergswächter, die in der Christnacht Holzkohlen unb Branntwein angezündet hatten und an den sich entwickelnden Dämpfen zugrunde gegangen waren, weil, wie Hoffmann ganz richtig annahm, der Luftzutritt ein mangelhafter gewesen war. Die Wächter hatten nämlich in der kalteU Nacht den Schornstein zugedeckt und alle Oesfnungen und Ritzen ihrer Hütte sorgfältig verschlossen. Sie waren in ihrer feucht-fröhlichen Stimmung eingeschlafen und in- solge der totbringenden Wirkung der Dämpfe nicht wieder aufgewacht. Das Merkwürdige bei dieser Angelegenheit aber war, daß die Ursache des Unglücksfaltes nicht nur von Laien, sondern auch von Aerzten bestritten worden ist. Der Tod der Weinbergswächter sei infolge von Teufels- beschwörungett eingetreten, durch die dem Teufel von Gott dem Allmächtigen über die Gottlosen verliehene Gewalt. Die beiden Gesellen hätten den Teufel zitiert, und der habe nicht mit sich spaßen lassen. Dies sei hinlänglich und aktenmäßig zu erweisen gewesen. So zu lesen in der Schrift des „Erdman. Friedr. Andreas, Medicinae Doctoris et Practici. Zu finden bey J'oh., David Werthern in Jena."/1716." * Vor der Audienz. Kommerzienrat (zum Schneider): „Den bestellten Frack will ich in der Audienz beim Landes- Herrn tragen. Machen Sie die Knopflöcher recht groß, damit ihre Leere desto mehr auffällt." * Gut verteidigt. Präsident: „Angeklagter, gestehen Sie Ihre Schuld eilt?" — Angeklagter: „Nein, die Rede meines Verteidigers hat auch mich von meiner Unschuld überzeugt."- * Dünkelhaft. Baron: „Mein Fräulein, ich liebe Sie!" — Fräulein: „Ich verstehe nicht, tote Sie mich lieben können! Sie sind Baron, Sie sind von altem Adel, und ich habe nichts als ein Vermögen von einer Million!" — Baron: „Ja, meine Verehrteste, die Liebe gleicht alles aus!" * Gott schütze mich vor meinen Freunden. Besucher : „Ich bin glücklich. Sie endlich kennen zu lernen, gnädige Frau; mein Freund, Ihr Herr Gemahl, hat mir schon so viel von seiner angebeteten Amalie vorgeschtoärmt — —." — Hausfrau: „(5ooo? Ich heiße Marie!" nur in Betracht gezogen werden, daß alle diese Flüge bei günstigen Windverhältnissen erfolgt sind. Es sollen hier nur beglaubigte Flugleistungen berücksichtigt werden. Die ersten Flüge der Wrights, bei denen Zeugen nicht anwesend waren, kommen also nicht in Betracht. Am 12. Sept. 1906 macht Ellehämmer mit seinem Doppeldecker einen kurzen Luftsprung. Am 23. Okt. 1906 beweist Santos Dumont durch einen 50 Meter langen Sprung einem zahlreichen Publikum die Möglichkeit des mechanischen Flugs (Eindecker). Im Juli und August 1907 macht Blsriot Sprünge bis 150 Meter (Eindecker). Am 17. Sept. 1907 gelingt ihm ein Flug von 186 Meter Länge. , Am 30. Sept. 1907 gelingt Farman em Sprung von 60 Meter (Doppeldecker Voisin). Am 26. Okt. 1907 gelingt ihm ein Flug von 771 Meter. Am 13. Jan. 1908 gelingt ihm der erste geschlossene 1000 Meter-Rundflug. Am 11. April 1908 fliegt Delagrange 3925 Meter (Doppeldecker Voisin). Am 29. Mai 1908 fliegt er 10 000 Meter. Am 29. Mai 1908 gelingt Farman und Archdeacon der erste Flug zu zweien über 1241 Meter. Am 30. Mai 1908 fliegt Delagrange in 15 Min. 26 Sek. 13 000 Meter. Am 22. Juli 1908 fliegt er in 16 Min. 17 000 Meter. Am 9. Sept. 1908 bleibt Orville Wright vor militärischen Sachverständigen 57 Minuten in der Luft. Am 9. Sept. 1908 legt er in 1 St. 3 Min. 64 Kilometer zurück. Am 9. Sept. 1908 bleibt er mit Leutnant Lahm 5y2 Mm. in der Lust und fliegt 6400 Meter. Am 12. Sept. 1908 bleibt er mit Lt. Lahm 9 Min. in der Luft. Am 12. Setzt. 1908 fliegt er 1 St. 15 Min. Am 17. Setzt. 1908 verunglückt auf einem Flug mit ihtn Lt. Selfridge. Am 21. Setzt. 1908 fliegt Wilbur Wright in 1 St. 31 Min. 66,6 Kilometer. Am 30. Okt. 1908 fliegt Farman mit Doppeldecker von Chalons nach Reims und zurück. Am 31. Okt. 1908 fliegt Blsriot mit Eindecker von Toury bis Artenay und zurück. Am 18. Dez. 1908 fliegt Wilbur Wright in 1 St. 55 Min. QQ ß*tfnrrt'PtPr Am 31. Dc.a . fliegt er in 2 St. 20 Min. 123,2 Klm. Am 25. Jun :) _>9 überfliegt Blsriot den Aermelkanal. Außerdem machten noch Hauptmann Ferber, Esnault Pelterie, Latham, Zipfel, Lambert und andere in Frankreich, Baldrin Richardson und Mac Curdy in Amerika Flüge bis zu 60 Kilometer Länge und von der Dauer bis über eine Stunde, stellten aber keine Rekorde auf. Eine deutsche Maschine ist bis heute noch nie einen Kilometer oder mehr geflogen 1