m. 107 1909 fflBf M W Die Pflastermeisterin. Roman "on Alfred Bock. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Gegen neun Uhr brach Friedmar auf. Er hatte einen ziemlichen Weg, denn seine Schlafstelle lag am entgegengesetzten Ende der Stadt. Unterwegs wirbelte ihm alles noch einmal durch den Kopf, was sich so schnell und für ihn ganz unvermutet abgespielt hatte. War er nicht ein Glücks- mensch? Wieviel arme Kerle gingen zugrund, eh' einer mal dazu kam, nach dem vollen Brotkorb zu langeu. Sapperlot! Das hätte er sich nicht träumen lassen. Manchmal freilich war's ihm gewesen, als bätte die Meisterin ein Auge auf ihn. Dann war er wieöer ganz irr geworden, so zugefroren war sie und stolz. Kurios! Heut hatte sie die Angel ausgeworfen, daß er nur zuzuschnappen brauchte. Jetzt zappelte er. Aber wohl war's ihm dabei, mordsmäßig wohl, 's tat gut, sich so warm zu setzen. Das Haus und der Garten, und was sonst im Geschäft steckte — gering geschätzt — galt wohl vicrzigtansend Mark. Fürchterlich viel Geld! Da war in Fischbach keiner, der soviel aufweisen konnte. Nur stät! Wenn die Leute vielleicht dachten, er tät's jetzt „verschlaudern", sollten sie was erleben. Er war fürs Zusammenhalten. Und die Meisterin war auch uicht von Dummbach. Die wußte ganz gut, wie sie mit ihm fuhr. Ueberhaupt, wenn sie daun wieder heiraten wollte, war's Zeit. Wie hoch stand sie dann in der „Aelle"? Um die Vierzig herum. Und er? Ein gut Stück drunter. Darüber hupfte mau weg, ja zweimal, wo er als armer Schlucker ins Volle kam. Unter diesen nüchternen Erwägungen erreichte Friedmar fein Quartier. Es bedrückte ihn nicht, daß sich nichts Warmes in ihm für die Meisterin regte. Er hatte wohl Fischblut in den Adern, und die ältere, bedächtige Frau war für ihn wie geschaffen. Als er seine Kammertüre öffnete, lag der Helle Mondschein auf dem Estrich. Er brauchte kein Licht anzuzünden. Während er sich auskleidete, würdigte er in einer Anwandlung von Uebermnt den stillen Trabanten am Himmel einer Ansprache: „Du hast mir die längste Zeit da herein geleucht! lieber vier Wochen stell' dich nral übers Meisterhaus. Da hast du urehr zu gucken als hier, du da droben mit deinem Runzelgesicht!" Nun kroch er unter seine Decke. Der Gedankenstrom, der sein Hirn durchflutet hatte, staute im Nu, und er sank in seinen tiefen, gesunden Schlaf. II. lieber dem Städtchen lag der erste Dämmerschein eines Mittsommertages. Zarte, blaßrote Wölkchen stiegen am östlichen Himmel auf, die Boten kommender Herrlichkeit. Noch lagerte am Horizont, wie das Symbol der Nacht, eine blauschwarze Wolkenwand. Jetzt floß eine goldene Lichtwelle darüber hin und schwoll im Augenblick znm gewaltigen Strom. Eine Funkengarbe sprühte auf, und die Wolke versank in einem Meer von Glanz und Glnt. lind mit einem Male schwebte der Sonnenball empor, feierlich und hoheitsvoll. Der Herrscherin, die ihren Strahlengruß bot, antwortete tausendstimmig die belebte Natur. Die muntereü Vögel erhoben ihr Lied, in den Höfen und Häusern regten sich Menschen und Tiere. Und die Weckerin rief alle Kreatur zu neuem Werk. Schon beim ersten Tagesgrauen war die Meisterin an ihre Gartenarbeit gegangen. Ter Garten, der sich in beträchtlicher Ansdehnung unmittelbar hinter dem Wohnhaus hinzog, war ihr eigenstes Reich. Hier trieb sie mit Liebe und Verständnis ihre Rosenzucht. Auch die Anordnung der Zierpflanzen zeugte von gutem Geschmack. Ein großes Beet gefüllter Nelken bot dem Auge ein entzückendes Bild. Der Meisterin ganzer Stolz aber war ihr Gemüsegarten. Ueber breite Rabatten hinweg, die mit Gewürzkräutern bepflanzt waren, sah man im bunten Wechsel allerlei Arten von Gemüsen und Küchengewächsen gedeihen. Der Blumenkohl der Meisterin war in der ganzen Stadt berühmt. Den großen Garten bestellte sie selbst, zuiveilen half ihr eine alte Tagelöhnerin dabei. In dieser Beschäftigung betätigte sie in ihrer Weise ihre Liebe zur Natur. Was sie tut Frühjahr dem lockeren Boden anvertraute, sah sie mit Interesse sich entwickeln. Die Blumen, die abends ihre Kelche schlossen und morgens der Sonne zugewandt wieder öffneten, regten zu mancherlei Betrachtungen an. Sollte man nicht glauben, sie hätten Verstand, daß sie sich so behutsam vor Nachtkuhle und Unwetter schützten? Wer daß sie nicht von der Stelle konnten und so wehrlos waren, das war hart. Zuletzt kämen sie aber doch über das ganze Land. Denn der Wind trug ihren Samen fort, und er ging an fernem Ort wieder auf. So hatte der liebe Gott alles vernünftig eingerichtet. Wenn man's genau überlegte, wie die Blumen mit ihrem Wurzelwerk, blieben auch die Menschen gern an ihrem Grund und Boden haften. Allmählich löste sich vom Stammsitz Schößling um Schößling ab. Kinder und Kindeskinder zogen in die Fremde und setzten sich dort wieder fest. Die Meisterin ließ die Arbeit ruhen und sah nachdenklich vor sich hin. Ja, wem Kinder vergönnt wareul All die Jahre hatte sie sich vergeblich danach gesehnt. Wie Gott wollte. Aber was ihr in der ersten Ehe versagt war, konnte sich in der zweiten erfüllen. Sie empfand es plötzlich wie eine Unschicklichkeit, daß sie solchen Gedanken nachhing, und nahm rasch die Hacke wieder zur Hand, wuchernden Schierling aus einem Begonienbeet zu jäteu. Da klang aus dem Nachbargarten eine heisere Stimme über beit Zaunr „Guten Morgen auch, Meisterin." Sie wandte sich um. „Ei, der Nachbar KiPPntg!" „No, schon so früh, Meisterin?" „Das versteht sich. Wo morgen soviel Leut' kommech soll keins über mein' Garten was zu aber» haben." „No, mit deinem Garten kannst du Staat machen." — 426 „Ja, ity du dich." „Sag' mal, wer kommt daun als?" „Doch an zwanzig Personen." „Und deinem Mann selig seine Vetterschaft?" „Geh mir fort mit den Menschen. Die haben mich schön angeschnanzt. Nur der narrige Balduin hat die Einladung angenommen." Der Nachbar brach in ein wieherndes.Gelächter aus. „Die Giftmichel! denen liegt deine Hochzeit im Magen. Daß sie die Pill' schlucken müssen, gönn' ich ihnen." „Gott sei dank, ich hab nach niemand nichts zu fragen." „Wer kommt dann sonst?" „Ei ito, uns' Gesellen, meine Got' aus Herrnberg, der Bürgermeister von Dietkirchen und zwei Gemeindernt', ein paar Fischbacher vom Friedmar seiner Freundschaft. Und dann der Schwadtke. Weißt du, der Hausierer aus dem Thüringischen —" vfcTVtV tl)TLyv „Der ist alleweil grad' hier. Uitd als alter Bekaitnter —" „Ei freilich." „No, und du und vielleicht der Herr Pfarrer, 's läppert sich zusammen." „Paß mal acht, Meisterin, das wird 'ne ganz fidele Hochzeit." „Hoffentlich." Der Nachbar zog die Augenbrauen in die Höhe. „Und wann übermorgen der Hahn unter deiner Schlaf- stub' kräht?" Er schnalzte laut mit der Zunge. Die Meisterin wurde feuerrot und sagte unwirsch: „Schäm' dich, du Unleid." „Schwätz' doch nicht. Alles in der Welt an seinem Ort. Wart's doch mal ab, du ivirst wieder jung. Wie meine Gret' hinüber mußt', hott' ich meine fünfundvierzig weg. Drei Tag' vor ihrem Tod spricht sie: „Wann ich fort bin, Konrad, mußt du wieder heiraten. Sonst wird dein Platz auf der Bierbank nicht kalt." Ich hab's verpaßt. Aber, weiß Gott, sie hat recht gehabt, meine Gret'. Wieviel Dippchen Bier hab ich so als trauriger Witmann herunterlaufen lassen. Allein mag man daheim tticht hocken am Abend. Da geht man unter die Leut'. No, du hast freilich keinem Wirt was zu verdienen gegeben. Aber du hast zu viel vor dich hin simuliert, hier in deinem Garten und drin in deiner Stub'. Das taugt nichts. Das -Alleinsein ist nur für die vornehmen und fürchterlich gescheiten Leut'. Die brauchen keine Gesellschaft und können sich mit sich selbst unterhalten. Und wann von denen zwei kopuliert werden, packen sie hernach soviel überzwerche Gedanken aus, daß sie gleich wie die Kampfhähne aufeinander loshacken. Uttsereins fletscht auch mal die Zähn' unb haut mal so um sich. Aber wann man seine schwere Arbeit hat, hört das Gekippel von selbst auf, und das Ausschierige geht mit deut Schweiß fort." Die Meisterin ließ den philosophischen Erguß des redseligen Nachbars über sich hinbrausen, ohne ein Wort zu erwidern. Der Alte aber rief in förmlicher Begeisterung: „Unb was für ein Staatskerl ist der Friedmar. Das kannst du mir gar nicht hoch genüg anrechnen, daß ich dir da zugered't hab'. Guck, da kommt er!" Eben schritt der Obergesell int grauweißen Arbeitsanzug, wie ihn die Maurer und Pflasterer zu tragen pflegen, durch das Höfchen auf den Garten §it. Sein Gang war elastisch, seine ganze Erscheinung machte den Eindruck der Prallheit und Kraft. „Guten Morgen beisammen!" Die Meisterin ging ihrem Verlobten entgegen und reichte ihm die Hand. „No, Friedmar," sagte der alte Kipping, „willst du heut' nicht blau machen? Ein' Tag vor deiner Hochzeit?" „Ei, wo kann ich dann die Arbeit itt Dietkirchen int Stich lassen," versetzte der Obergesell. „Um fünf biet' ich Feierabend. Keine Miuut' früher." „Du bist ein Schauzer. So was komutt nicht wieder vor." Friedmar wandte sich an seine Braut. „Das Bier und den Schnaps hab' ich bestellt. Für die Mch' sorgst du." „Ich hab' mir die Trine aus deut Adler genommen. Die kocht schmackhaft und verschwend't nichts." „Ja, und um zehn sollen wir aufs Standesamt kommen. Und um drei ist die Trauung." „'s is gut, Friedmar." „'s geht auf sechs. Ich will mich fortmachen." Der Obergesell schickte sich an zu gehen. Nachbar Kipping aber hielt es für geraten, dem Hochzeiter noch ein Wort mit auf den Weg zu geben. „Friedmar, du kriegst ’ne Frau, die sich gewaschen hat. Wmtn sonst einer frisch heirat', hat er sein' Kopf voll, wie er sich durchschlägt. Und nach der Küßwoch' kommen die Sorgen. Aber du, du kannst stät bleiben. Und wann du übermorgen über die Gass' gehst, drehen sich die Leut' nach dir um und sagen, atts dem ist über nacht 'n Meister geworden. Und sitzt in der Woll'. Ja, was das wert ist. Darmn greif' mir die Meisterin mit Samtpfoten an. Das bitt' ich mir aus." „Wann ich draußen bei der Arbeit bin," lachte Fried- ntar, „zieh ich keine Handschuh' an. Aber daheim will ich's tun. Da könnt Ihr mich beim Wort halten, Nachbar Kipping." Der Obergesell ging. Nachbar Kipping trappelte in feine Werkstatt, die Meisterin aber raffte ihre Gartengerüte zusammen und suchte ihr Lieblingsplätzchen unter der alten Eberesche auf. Ein linder Luftzug bewegte die Blätter, hoch in der Krone sang ein Goldammer sein „'s is, is, is früh". Ein friedsames Gefühl drang der Meisterin ans Herz. Da lag der Garten vor ihr in sommerlicher Pracht. An den Blü'tenstengeln hingen die fleißigen Menen, eine dicke Hummel schoß brummend vorbei. Ueberall regsame Lust. Das lebte alles in den Tag hinein und dachte tiicht barmt, was ber Winter brachte. Der liebe Gott mußte doch bas Sorglose seinen Geschöpfen mitgegeben haben. Sonderbar, baß immer in ihr so etwas Trübseliges lag. Aber jetzt bett Besen her und bas Trauerstübchen ausgekehrt. War bas nicht eilte Freude, bett Friebmar in seiner Straffheit am rechten Platz zu sehen? Das mußte sich Ivie Tanzmusik anhören, wenn der jetzt als junger Meister mit seinem Pflasterhammer auf die Steine schlug. Von so fröhlichem Gewerk fiel auch für die Meisterin etwas ab. Und was für eine Stärke der Friebmar hatte. Da konnte tnau „autschen", wenn der einem bie Hand drückte. Ja, war er nicht doch zu jung für sie? War's nicht zu spät für sie, daß sie mit ihm vor den Traualtar trat? Nein, nicht zu spät. Jetzt nicht und nimmer. Unb broben in der Eschenkrone saug ber Golbammer unaufhörlich: „'s is, is, is früh, 's is, is, is früh!" .--- (Fortsetzung folgt.) Die „Vräut". H o ch z eit s si 11e n und Hochzeitsgebräuche im Vogelsberg. (Nachdr. vcrb.). Von $2 ertnan n Strack. (Schluß.) Während die Hochzeitsgesellschaft sich im Dorfe befindet, werben int Brauthause bie Tische zur Hauptmahlzeit her- gerichtet. Das Hochzeits-Menü enthält eine kräftige Fleischbrühsuppe, Meerrettich mit Rindfleisch, Schweinebraten mit Kartoffeln, Sauce und Gemüse, Koteletts, als Nachtisch gekochte Zwetschen und Pudding. Zum Essen wird Wein getrunken. Allein ber junge Mann, der die Stelle eines Kellners versieht, schlägt den Krahnen in ein Bierfaß, da manche Gäste, insbesondere die Burschen, das Bier dem ungewohnten Wein vorziehen. Noch ist das Hochzeitsmahl nicht ganz beendet, da erscheint bas Brautpaar, bem man von der Oberstube gerufen, im Rahmen ber Türe. Der Lehrer klopft an fein Glas unb erhebt sich; er hält in kurzen, aber inhaltsreichen Worten einen Toast auf das Brautpaar, sind doch Maut unb Bräutigam feine Schüler gewesen. In Heller Begeisterung klingt bei Glüserklang bas Hoch auf das junge Paar. , Kaum ist bas Hoch verklungen, bn erschallt vom Hose her ein vielstimmiger (int Tone zweistimmiger) Gesang. Es ist bie Dorfjugenb, Mädchen und Burschen, bie Aufstellung genommen, um nach Sitte und Gebrauch da» „Bräutlieo" zu singen. Aus jugeubsiischen Kehlen, begeistert gesungen, ertönt das Sieb,; 1. Mir gefällt das Eh'standslcbcn Besser als das Klosterziehn. In das Kloster mag, ja mag ich nicht; Denn ich bin zur Eh' verpflicht. 427 — 2. Ach, was wird die Mutter sprechen. Wenn ich sie verlassen will? Sie mag sprechen, was sie will, ja will; Denn ich heirat' in der Still. 3. Vater laß Dich doch erbarmen Und verschasf mir einen Mann, Der mich drückt an seine Brust, ja Brust; Denn zunr Heiraten hab ich Lust." Nachdem dieses uralte Lied gefangen ist, eilt der Kellerbursche zu den Burschen hinaus und reicht ihnen einen Krug mit Branntwein, die Mädchen bekommen Kuchen; der Bräutigam aber drückt dem Burschen, der ihm namens der Jugend gratuliert, seinen Dank in Gestalt eines ZehnmarMückes in die Hand. Nun ertönt abermals der Gesang der Dorsjugend; sie singt das Volkslied: „Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten." Dann eilen die Burschen in ihre Gastwirtschaft, um die Hochzeitsgabe in Bier und Wurst zu verwandeln, die Mädchen kehren heim. In das Hochzeitshaus hat man inzwischen den „Orgel- schorsch" geholt. Das ist ein Bursche, der die Ziehharmonika meisterlich zu spielen versteht. Mit ihm ist noch ein anderer Musiker getreten, die Geige unterm Arm, es ist der „Schmidtjakob", der den Harmonikaspieler begleitet. Rasch räumt man nun das große Zimmer aus; Tische, Bänke' und Stühle sind im Nu verschwunden. Der Tanz hebt an. Das Brautpaar eröffnet den Reigen. (Wo die Räumlichkeiten in einem Hanfe zu beschränkt sind, da erfolgt das Tanzen in einem Nachbarhause oder im Saale einer Gastwirtschaft.) Bald nehmen am Tanze der Jugend auch die jung Verheirateten teil. Ist ein Tanz beendigt, dann erschallt froher, heiterer Gesang. So währt das fröhliche Treiben bis zur Mitternacht. Da zieht ein aromatischer Kaffeeduft durch das Hochzeitshaus, er verkündet: Der Kaffee ist bereitet. Man eilt zu den Kaffeetischen. Da plötzlich ein heiteres Intermezzo. J-rauen umkreisen die Braut, sie suchen ihr den Brautkranz vom Haupte zu nehmen. Dagegen wehrt fisch Minna energisch, aber sie unterliegt. Die Frauen nehmen ihr die Myrte aus dem Haar und fetzen ihr dafür eine — Schlafhaube auf. Während dieser Handlung hat eine der Frauen der Brant geschickt — eine Wickelpuppe auf den Schoß praktiziert. Unter großer Heiterkeit wird das eindeutige Geschenk gezeigt. Dem Bräutigam haben während dieser Szene andere Frauen das Sträußchen von der Brust entfernt, ihm die Stiefel ausgezogen und ein Paar Pantoffeln angesteckt. Durch diefe Handlung — sie ruht gleichfalls auf ur- deutschem, altgermanischem Gebrauche — find Braut und Bräutigam als junge Frau und junger Mann in den Kreis der Verheirateten anfgenommen. Nach dem Kaffee kommt der Tanz ivieder an die Reihe. Eine weitere Mahlzeit, bestehend aus Kartoffelsalat und Würstchen, Braten und Sauce, folgt gegen zwei Uhr morgens. Schon ertönt der Hahnenruf durch die Morgendämmerung. Jetzt verstummen Harmonika und Fiedel. Die Hochzeitsgäste eilen nach Hause; im Hochzeitshause schweigt das fröhliche Tun und Treiben, Schalten und Walten bis zunr anderen Tage. IV. Der Kehraus. Der Frühstückstisch ist im Brauthanse aur anderen Morgen gegen zehn Uhr zugerichtet worden. Bereits find mehrere Hochzeitsgäste wiedergekehrt, andere fehlen noch. Auswärtige Gäste find auch schon heimgekehrt. In der großen Stube des Hauses herrscht ein lautes Treiben; die Männer sind besonders aufgeräumt und lustig. Man verschmäht Bier und Wein und spricht am Morgen lieber dem „guten" Branntwein zu. Run wird ein Getränk gereicht, bei dessen Genüsse sich das Gesicht manches Gastes gar sauer verzieht, gar bittere Miene macht. Es ist die „Loiiz", so nennt man den Trunk. Er wird aus Branntwein bereitet, in dem man „Elsen" hat ziehen lassen. Die „Lonz" gilt als Gegenmittel gegen Verdauungsbefchwerden, wie sie eine Hochzeitstafel leicht im Gefolge haben kann. Die Frauen verschmähen den gallenbitteren Trank. Mittlerweile haben sich alle Hochzeitsgäste bis auf einige auswärtige, die bereits abgereist, wieder eingefimben; weiß doch ein jeder, wer zu lauge ausbleibt, der wird mit einem Seile oder einer Kette geholt und hergeführt. Doch halt! Der „Haiinjörg" fehlt noch. Geschwind eilen mehrere Frauen und Männer nach seiner Behausung. Eine der Frauen trägt, unter der Schürze verborgen, ein langes Seil. Hannjörg ist noch nicht lange aus den Federn; ihm brummt der Kopf vom Plotzkrug. So sehr er sich bemüht, die Hochzeitsgüste abzuschicken, es hilft ihm nichts; er wird mit dem Seil angebunden, von der Hochzeitsschar geleitet und so durch das Dorf zum größten Gaudium der Dorfjugend nach dem „Bräuthause" gebracht. Dem Frühstück folgt das Mittagessen, das sich aus den Resten vom ersten Tage zusammensetzt. Noch fitzen die Gäste in fröhlicher Stimmung am Tische, da wird die Köchin von einem Burschen hereingeführt, begleitet von dem spielenden „Oraelschorsch". Die Köchin hat ein Bein verbunden, das soll bedeuten, sie habe sich verbrannt. Der sie führende Bursche präsentiert den Gästen einen Teller, worauf die Trinkgelder reichlich fließen, sind doch alle Gäste einig in dem Lob über die gute Zubereitung der Speisen. Mit zufriedener Miene heimst die Köchin das erkleckliche Trinkgeld ein, das man ihr vorgezählt. Der Tanz wird nun auch in den Nachmittagsstunden noch gepflegt. Der Nachmittagskaffee macht den Schluß der Hochzeit. Auch hierbei herrscht noch Fröhlichkeit, Heiterkeit, witzige Laune und launiger Witz in der Gesellschaft. Daun eilen die Hochzeitsgäste nach Hause; denn schon geht cs zum Abend hin. Die Hochzeit ist vorüber. Nun beginnt im Hause noch eine besondere Arbeit: Das Wegtragen des Hochzeitskuchens in die Familien des Dorfes, das mehrere Mädchen besorgen. Die Kranken und Armen haben ihren Teil an Kuchen neben etwas Essen schon am Abend des ersten Hochzeitstages erhalten; denn Minnas Mutter ist als wohltätig im Dorfe wohlbekannt. Von der so schön verlaufenen Hochzeit aber spricht man viel und noch lange im Ort: Nachtrag. Ist die junge Frau nicht aus dem Heimatsort, darinnen sie heiratet, also von auswärts, dann folgt ber Hochzeit in einigen Wochen der „R ompelwage n", d. i. Brant- Wagen. Mit allen Möbeln der jungen Frau kunstgerecht bepackt, jedes Stück soll zur Geltung kommen, rundum am Wagen das blinkende Küchen- und Hausgerät hängend, wird der Wagen von mit Sträußen geschmückten Pferden gezogen. Früher thronte die junge Fran oben auf dem Brautwagen. Heute ist dieser Brauch verschwunden. Sobald der Brautwagen das heimatliche Dorf verläßt, wird derselbe mit Seilen, die von der Jugend quer über die ©tragen gespannt und an einer Seite gehalten werden, gehemmt. (An manchen Orten findet ein solches Hemmen schon beim Hochzeitszuge nach der Kirche statt.) Ein Trinkgeld, vom jungen Ehemann unter die Hemmenden aus die Straße geworfen, worauf sich bald ein dichter Haufe Knaben wälzt und „rabbscht", läßt das Hindernis fallen. Ein großer Krug, mit Branntwein gefüllt, von einem Begleiter des Wagens getragen, wird dem zusehenden erwachsenen männlichen Geschlecht kredenzt. Der „Rumpelwagen" wird stets an einem Donnerstag gefahren und in das neue Heim gebracht. Wohl hat auch die neue Zeit ihr Gepräge den Hochzeitssitten und -Gebräuchen verliehen, aber dessenungeachtet ruht der Kern dieses bedeutungsvollsten Familienfestes auf dem uralten Grunde uitivanbelboren Deutschtums. Die aurgestorbenen MsenL'me DmtschMasMas. Vvr mehreren Jahren machte B. Sattler, Ingenieur der Schürfgesellschaft im Hinterlande von Lindi am Berge Tendgnru, die Entdeckung, daß sich dort versteinerte Tierknochen von ungewöhnlicher Größe vorfinden. Er berichtete darüber nach Europa, wodurch die Sache der Landeskundigen Kommission des Kolonialanttes zur Kenntnis kam. Zufällig war damals der württembergische Geologe Prof. Dr. E. Fraas auf einer Forschungsreise in Ostafrika und konnte die Fundstelle besuchen. Er fand die Angaben Sattlers bestätigt und konnte feststellen, daß es sich um versteinerte Reste von riesenhaften Dinosauriern handelt, die in der ersten Stufe der Kreide- Periode dort gehaust haben. Nachdem die Tatsache feststand, wurden unter dem Protektorat des Herzogs Johann Albrecht 428 zu Mecklenburg, Regenten von Braunschweigs die Mittel zu einer deutschen Expedition in das Hinterland von Lindi gesammelt. Die Leitung wurde Dr. Janensch vom geologischpaläontologischen Institut zu Berlin übertragen, der in Begleitung von Dr. Henning die Erforschung des Geländes und Sammlung der überaus wichtigen fossilen Überreste begonnen hat. Bereits sind die ersten Berichte über bie Erfolge der Expedition in Berlin eingetroffen. Die Vossische Zeitung macht darüber Mitteilungen, denen Nachfolgendes entnommen ist. „Am 6. April," schreibt Dr. Janensch, „trafen wir mit dem Dampfer Feldmarschall in Lindi ein. In Folge vorbereiteter Schritte Sattlers erwarteten uns bereits 100 Träger, 50 weitere überließ uns das Bezirksamt. Im ganzen setzten wir 162 Mann in Bewegung, von denen 40 zwei Tage voraus geschickt wurden, um ein Lager herzurichten. Am 12. April erfolgte der Abmarsch. Ursprünglich wollten wir den gleichen Weg machen wie Fraas, doch war der Weg durch Regen so aufgeweicht, daß am zweiten Tag die Route auf den Rat Sattlers geändert wurde. Nach fünf Marschtagen erreichten wir am 16. April den Tendaguru, wo ein Lagerplatz bereits hergerichtct war. Wir konnten nns gleich davon überzeugen, daß sich die Saurierknochen in weiter Ausbreitung in der Umgebung des Tendaguru finden. Wir erhielten den Eindruck, daß die Knochen ein bestimmtes Niveau einhalten, denn an den Hängen stießen wir fast stets in dem vermuteten Niveau auf solche. Die Vermutung von Fraas, daß mehr oder weniger zusammenhängende Skelette, vielleicht auch ganze Skelette vorkommen, können wir nur bestätigen. Die zahlreich zusammen umherliegenden großen Knochen deuten darauf hm. Am 20. Tage begannen wir mit der Anlage eines Schürfgrabens, fünf Minuten südlich von nnserm Lager. Unter einer ganz flachen Kuppe zieht sich die Knochens'chicht anscheinend ganz dicht, vielleicht höchstens 3 Meter unter dem höchsten Punkt hin. Wir setzten den Graben an der nördlichen Abdachung an einer Stelle an, wo Fraas einen Wirbel erbeutet hatte und noch mehrere andere zutage lagen. Außerdem wurden an dieser Stelle zur Auffindung weiterer Reste des herausgewitterten Skelettes größere Flächen freigelegt. Wegen der Lage nnmittelbar unter der Oberfläche sind die Knochen dieses Skeletts zum Teil stark angewittert. Die Knochen liegen etwa 20 Meter vom Anfangspunkt des Grabens entfernt, etwa 1V- Meter unter der Oberfläche in frischem Gestein. Dieses ist ein bröckeliger sandiger Mergel von grauer und roter Farbe, er ist mit der Hane sehr leicht zu bearbeiten und löst sich ganz leicht von den Knochen ab. Diese sind in dem verwitterten Gestein ausgezeichnet erhalten, anscheinend unver- drückt, allerdings von Querbrüchen durchzogen. Wir hoffen, an dieser Stelle mehr zu finden. Da größere Vorsicht beim Graben anzuwenden ist, so geht die Arbeit langsamer von statten. Int übrigen arbeiten die Leute über meine Erwartung schnell, dabei aber recht sorgsam, auch haben sie einen guten Blick dafür, was Knochen und was Gestein ist. In fünf Tagen Arbeit haben durchschnittlich 15 Leute einen Graben von etwa 50 Meter Länge und 1—2 Meter Tiefe gezogen und weitere 40 Meter etwa l/2 Meter ausgehoben. Von Eingeborenen sind uns weitere Fundpunkte eine halbe Stunde südlich und eine Stunde nördlich gezeigt worden. An einem dritten, dicht bei unserm Lager fand sich ein riesiger oberer Extremitätenknochen, der trotz seiner abgewitterten Enden eine Länge von 1,80 Meter besitzt."—Dr. Henning schreibt u. a.: „Wir dürfen uns bereits jetzt mancherlei wichtige Er- gebnisfe stratigraphischer Art versprechen. Wir entdeckten reiche Fossilpunkte auf dem Gipfel des Tendaguru, also über Saurierschichten, so daß sich deren Alter genauer wird fest- siellen lassen. Interessant ist daran arich, daß allem Anscheine nach das Land nachmals unter Wasser gesetzt wurde. Die Knochenfnnde selbst sind bereits beim ersten oberflächlichen Rundgaug so unglaublich reichlich, daß mit Bestimmtheit beim Graben noch viel Gutes erwartet werden darf. Wir müssen anscheinend den ganzen Berg abtragen, denn es ist kaum eine Stelle ohne Knochenreste. Im übrigen geht es im Lager ungemein gemütlich und behaglich zu. Die Arbeiter und Träger ' 'bett ihre Frauen und Kinder mitgebracht und sitid im Be^, ff, ein kleines Dorf aus Bambus und Gras entstehen zu lassen. Für die Arbeit ist es insofern von Wert, als wir von 2 bis 6 Uhr werden graben lassen können und die Leute dann ihr fertiges Essen vorfinden, dann bleibt der Nachmittag für geologische Betrachtungen frei. Der Verkehr mit den Schwarzen gestaltet sich sehr nett, von Arbeitsschen ist keine Rede, sie sind stets heiter und zufrieden sowie bescheiden und nur zum Teil ein wenig scheu." Die reiche und wichtige Ansbente wird im zoologisch-pälüontologi- schcn Museum der Universität zu Berlin Aufstellung finden. Vermischtes. * „A u S b e in Tierlebe. n des Theaters" führt Max Grube int Julihest Von Velhagen und Klasings Monatsheften außer den bekannten Ballettratten noch einige andere Kulissenspezialitäten vor: den Neidhammel, den Rollenmarder und das Leichenhuhn. Ter Rollenmarder, sagt er, ist ein sehr gewandter, äußerst schmiegsamer Bursche, mit sehr feinem Geruchsorgan begabt. Sobald irgendwo und irgendwie auch nur die leiseste Andeutung gefallen ist, daß ein neues Stück herauskommen soll — sogleich hat der Rollemnarder Witterung daoon. Ta nun aber ein Direktionsbureack kein Hühnerstall ist, in den der Rollenmarder sich einschleichen könnte, nut nach Herzenslust Rollen zu fressen, so verändert er in echt Tarwinischcr Anpassung au bie; gegebenen Verhältnisse seine Natur unb nimmt ein katzenähnliches Gebaren an. Angenehm schnurrenb unb mit gekrümmtem Rücken schmeichelt er sich an ben Hühnerhofbesitzer, will sagen den Direktor oder Regisseur heran, unb da ihm zu dieser Katzenfreundlichkeit auch die Schmeichelkunst der Rede gegeben ist, so weiß er sich zn drehen und zu wenden und so geschickt zu manövrieren, daß ihm in vielen Fällen das fette Huhn, die ersehnte.gute Rolle, richtig in die Fänge gerät. Viel bescheidener, auch viel ungefährlicher, als der mit Recht so gefürchtete, leider sehr schwer zur Strecke zu bringende Rollenmarder, ist das Leichenhuhu. Zwar verschmäht es ebensowenig wie unser gewöhnliches Haushnhn, einen fetten Fleischbissen keineswegs, aber gemeinhin nährt es sich, wie leneS, von Körnerfutter. Tas kleinste Körnchen einer kleinsten Rolle ist ihm schon himmlisches Manna. Es verlegt sich ans keine Schmeichelkünste, um seinen Zweck zu erreichen, sondern wartet in aller Stille, ob ein Brosamen vom Tische fällt, nlit ihn eilig aufzupicken. Sein Standort pflegt der Parkettraum während der Proben zu sein. Da harrt es geduldig stimden- unb stundenlange Sein Name enthält eine llebertreibung. Es wartet durchaus mchr darauf, daß ein Rollenbesitzer während der Probe stirbt. Tas. kommt ja auch nur äußerst selten vor. Aber wenn lemand plötzlich krank wird, dann freut sich das Leichenhuhn, es erhebt losort ein großes Gegacker, kommt eilig scharrend ans tue Buhne gelaufen unb erklärt, es könne sofort einspringen. Schwupp»! hat es sein Körnchen aufgepickt. Hat es Glück, so kann es auÄ em Speckbrocken sein. Gar mancher stolze Pfau, der wohlgefällig sein Rad strahlender Rollen schlügt, hat seine glänzende Bahn als bescheidenes, aber fleißiges Leichenhuhn begonnen. Eier lcgt das Leichenhuhn aber nicht. Literatur. — Das literarische E ch o. Halbnronatsschr>st für Literaturfrennde (Herausgeber: Dr. Josef Ettlinger, Verlag: Egon Fleischet xt Co., Berlin W. 9). Das 1. Juli heft ist soeben mit folgendem Inhalt erschienen: — Rudolf Krantz: Rede unb Schreibe. — A. von Ende: Ein amerikanischer Dramatiker. — Julius Petersen: Bergers Schillerbuch. —i Hermann Kienzl: Priesterdramen. — Otto Stoessl: ^er-i dinand von Saar. — Wilhelm Poeck: Brinckmanns Nachlaß. — Echo der Zeitungen und Zeitschriften. —■ Echo des Auslands (Französischer, italienischer, neugriechischer Bries). — Echo der Bühnen. — Kurze Anzeigen. — Notizen. Nachrichten. — Zuschriften. — Der Büchermarkt. Charade. Die ersten beiden sind ein hoher Herr, Ein Staatsbeamter in dem Türkentaube; Die andern beiden steh'n von Alters her 2((§ Riesenbüdwerk fern am Nilesstrande; Und hast die Namen du geschickt vereint, Ein Held dir vom trojan'schen Krieg erscheint. .Auslösung in nächster Nummern Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Das Weib allein kennt wahre Li ebestrene. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen.