kläglich die vergessene Ziege. Mitten im Trippeln hielt das Weib dann plötzlich an und faßte sich nach dem Kopf; aber sie erinnerte sich nicht der vergessenen Ziege, — was,, was hatte die Schneidersch gesagt? „Ech muß en Dauer mit Euch haon" — und „Esu en Kerl, esu en Scheusal" — wen meinte sie damit? Wer war ein Kerl, wer war ein Scheusal? Ihr Willelin doch nicht gar? Oho! In den fairsten Augen der alten Frau begann es zu flammen, sie hob die Faust! und schlug an die Stubenwand, daß die nebenan es hören mußte, und schimpfte dabei: „Frech Mensch, Lügenersch \" Nein, ihr Sohn war kein Kerl und auch kein Scheusal! Der Gedanke an ihn sänftigte ihren Zorn, aber die Unruhe vermochte auch er nicht zu bannen. Wenn sie nur wüßte, warum er so lange nicht wiederkam?! Ach, daß er doch jetzt hier wäre, von dem guten Essen kostete, das sie alle Tage frisch für ihn kochte, und das dann doch die Katze fraß, tveil er immer noch nicht kam. Sie selber trank nur einen Kaffee, kein fester Bissen mehr wollte ihr die Kehle hinunter, der Hals war ihr Ivie zugestrickt. Und auf der Brust lag es ihr wie ein Stein; nichts wälzte dSü mehr ab. Andere Jahre hatte sie sich mitgefreut, wenn die Erntewagen, schwergeladen, an ihrer Hütte vorbeifchwankten, wenn die Nachbarn das Korn drin hatten, reif und trocken, ohne Ungemach. Mochte jetzt der Himmel sich austun und Wasser ohn' Ende herabschütten, daß alles niedergeschlagen ward wie mit Hämmern! Sonst war sie alle Morgen'in die Messe gelaufen und hatte fleißig gebetet um gnädige Bewahrung vor Wettersnot. Mochten jetzt Donner nieder- dröhnen und Blitze niederfahren mit) Hagel niederprasseln, dick wie Eier, — warum kam der Willelm nicht?! —r Es war Heuer eine gesegnete Ernte. So viel totreifes Korn hatten die Eifeler noch nicht trocken in ihren Scheuern gehabt. Wenn das gute Wetter nur noch ein wenig anhielt! In zwei Tagen würde das letzte geborgen sein. Das Dorf war froh, alle zweihundert Seelen freuten sich, Mann und Weib, Junge und Mädchen. Selbst die ganz kleinen Kinder grahlten lustig am Feldrain, wo die Mütter sie unter einem notdürftig schattenden Busch neben dem Trinkkrug und dem blechernen Eßnapf niedergesetzt hatten, derweil sie emsig ihren Ehemännern halfen." Am müden Abend noch klang Ziehharmonika, und die Mädchen lachten am Brunnen. Ueberalk hörte die Witwe Driesch von guter Zeit reden. Es trieb sie jetzt ans die Gasse. Wo zwei, drei zusammen, standen, machte sie sich heran — sprachen sie vom Willelm? Ach nein! Enttäuscht fuhr sie zurück, um weiter zu laufen, ruhelos an den Hütten entlang zn streichen, das -Ohr lauschend an die kleinen Fenster geneigt. Drinnen Lachen und Tellergeklapper, tiefer Männerbaß, Weibergeträtsch nnd und Kindergreinen. Aber von Willelm hörte sie nichts. Ihre Augen, die keinen Schlaf mehr fanden, wurden trüb und rot und schauten wie durch einen Nebel. Weit entrückt schienen ihr die Nachbarn und das Dors, und alles. Samstag den <2. Juni 1909 — Nr. 90 isiw TJöii. 6leasen .'II ■ Brennende Liebe. Ze von C l a r a V i e b i g. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) In der Stille ihrer Einsamkeit rief sich die Mutter alle Tage des Beisammenlebens zurück. Viel geredet hatten sie nicht miteinander, der Willelm war ein Stummer; aber zuzeiten, wenn ihn das arge Kopfweh plagte, dann hatte er den Kopf an sie gelehnt wie ein Kind, das sich duckt, und sie hatte ihn gestrichen, immer sacht über den Schädel, immer sacht, und er hatte geschnurrt dabei wie der Kater. Das war schön gewesen! Ach, wenn er nur erst wieder da wär'! _ Es drängte sie allgewaltig, sie mußte nieder auf die Kniee fallen, hier in der Stube genau so wie in der Kirche, Und der heiligen Mutter auf dem höchsten Thron eine Kerze geloben von tveißem Wachs, wenn die ihr den Sohn schickte. Unter Tränen, die, ohne daß sie's merkte, ihr über die runzligen Wangen rollten, versprach sie: „Ech gclowen dir en Kerz für deinen Altar, Maria voll der Gnaden! Ech sänken dir en Kerz an — die soll brennen esu hell, esu hoch! — heilige Maria, Modder Gottes, erhör mech um deines Sohnes, um deines Sohnes willen!" Inbrünstig iviederholte sie das viele Male. In der nächsten Nacht glaubte sie seinen Tritt zu hören. Sie fuhr auf, das Herz klopfte ihr hart. Aber die Dritte hielten nicht an, sie trabten vorüber: 's war Wohl einer, der spät aus der Wirtschaft nach Hause ging. Ach, zu ihr ging keiner ein! Und sie weinte, und ein Verlangen stieg in ihr auf, daß sie hatte hinkriechen mögen, hin auf Händen und Füßen, bis wo ihr Sohn wär. Wo war der?! Im Kittchen. Das hatte ihr heute die Schneidersch zugeschrieen, als sie's nicht ausgehalten und bei der angeklopft hatte. Im Kittchen — ja, das wußte sie, aber was sollte er da, was machte er da so lange? Das hatte die Schneidersch auch nicht gewußt — oder wollte bie’S am Ende nicht sagen? Und warum war er da?! aw,. darauf hatte die Nachbarin auch nicht geantwortet, ein großes Gejammer angefangen über die böse Welt und die schlechten Leut' und sich vielmals be- , seuzts „Gott bewaohr uns, Gott behüt uns, heilige Modder bitt für uns — esu en Kerl, esn en Scheusal!" Und dann hatte sie geseufzt: „Kathrein, ech muß en Dauer met Euch haon — na, na, esu en Kreiz!" . der Schneidersch war kein Trost zu finden gewesen; rm Gegenteil, seit Kathrein bei der angepocht hatte, war eine noch verzehrendere Unruhe über sie gekommen. Sie trippelte in ihrer Stube hin und her, vom'Bett zur Bank, von der Bank zur Truhe, von der Truhe zum Herd, nahm bald dies zur Hand, bald jenes, jetzt den Eimer, dann oen Napf, jetzt das Messer, dann den Löffel — es hatte alles nicht Zweck noch Ziel. Im Ställchen hinten meckerte — 358 was ihr bisher vertraut gewesen war. Sie sah nur deutlich den Weg, auf dein ihr Sohn bald kommen würde — ja, kommen m ir ß t e! Die Weiber schauten ihr mitleidig nach, wenn sie, den hageren Rücken gebückt, das graue Haar unordentlich unter der Kappe hervorhängend, mit ihrem Eimer zum Brunnen schlich. Aber sie wich jetzt scheu den halb neugierigen, halb teilnahmsvollen Grüßen aus — was wollten die Weiber mit ihrem dummen Gucken? Nein, sie brauchte jetzt keinen Menschen mehr, sie verlangte nach, niemandes Wort — ihr Sohn sollte wiederkommen, den wollte sie wieder haben! In Trotz und Pein kniff sie den Mund fest zusammen und zwang die Frage, die sich ihr trotzdem immer Herausdräugen ivollte, nieder. Warum fragen?! Selbst die Heilige, vor deren Altar sie die Steinfliesen mit ihrer Stirn scheuerte, gab ihr die Antwort, die einzige, die sie haben tvvllte, nicht. — Am Sonntag Abend klang vergnügtes Johlen aus der Scheute. Tri» saßen die Männer des Dorfs. Schade, daß einem heut der Sonntag dazwischen gekommen war, sonst hätte inan das letzte eingekriegt! Nun mußte man morgen noch einmal hinaus. Aber: alle Mann heran und die Weiber und die größeren Kinder auch, selbst die Alten durften sich morgen nicht drücken, und dann — juchhei! — daun war's für dies Jahr geschafft! Auf der Straße spielten die Kinder. Gerade vor der Witwe Driesch Haus hatten sic sich niedergelassen; die zwei Feldsteine, die als Stufen zur Haustür führten, waren so bequem, um „Schinkelches" darauf zu spielen, oder auch nur, um da zu hockeu — die Hände um die hochgezvgenen Küiee gelegt, die Gesichter aufwärts gehoben — und mit gellenden Stimmen in den Insekten dnrchsnrrten warmen Abend hinauszuschreien: „Hvwerlink, komm, Schlao mer de Dromm!" Fest hielt die alte Kathrein ihre Tür und das Fenster geschlossen; der Lärm der Kinder tat ihr weh. Sie saß beim Herd, den Kopf mit einem dicken Tuch umwunden, aber sie hörte das Geschrei doch. „Höwerlmk, komm!" „Willelm, komm!" Beide Arme erhebend, streckte sie die zittrigen Hände bittend in die Luft. Auch heute war er nicht gekommen. Jesus Maria, wo er nur so lange blieb?! Sonst war er viel länger fort gewesen, ein ganzes Jahr, Jahre, nie hatte fie so nach ihm verlangt — da war es ihm ja auch gut gegangen, — aber jetzt, wie ging es ihm jetzt? ! Eine-fuxchtbare Ungewißheit peinigte sie. Sie hatte noch nie ein Kittchen gesehen, und von denen hier herum war auch noch keiner darin gewesen. Ob er da auch satt zu essen kriegt, ob er da auch nicht fror? Wer strick) ihm da den Schädel, wenn er das Kopsweh hatte?! „Höwerlink, komm!" Das Schreien der Kinder schaffte ihr fast körperliche Qual. Zum Fenster humpelnd riß sie's so heftig auf, daß es fast aus seinem verquollenen Rahmen fiel, und schrie hinaus: „Maacht euch fort hei, maacht!" und drohte mit der Faust. Verdutzt standen die Kinder: das waren sie sonst nicht, gewohnt, daß man sie hier fortjagte. Das Kleinste fing an zu weinen; aber des Heid's Pittchen von nebenan, sich' in der Nähe des Vaterhauses sicher fühlend, streckte die Zunge heraus und schrie, in die elterliche Tür retirierend: „Mordbrenner, Mordbrenner, Eier Willelm es en Mordbrenner, dän gieft gehänkt!" „Hau, dän gieft gehänkt," heulte die Kinderschar und stob nach allen Seiten. Wortlos blieb die Frau; die drohende Faust kroch immer erhöhen, stand sie am Fenster. „Mordbrenner — Mordbrenner — hän gieft gehänkt" das heulte ihr i» den Ohren. Gehängt?! Ein Schauder überlief sie. . Sie würden ihrem Willelm doch irichts zu leid tun? Mordbrenner — der war doch kein Mordbrenner! Es war zum Lachen — Kindergeschwätz! Aber plötzlich ergriff sie eine Todesangst: hatte nicht der Gendarm damals, als er ihn wegholte, auch etwas von „brennen" gesagt?! Sie hatte nie mehr daran gedacht, aber rnin fiel es ihr ein — — „Brand hat er angelegt, der Schubjack" — wirklich- es war zunr Lachen! „Hahahahaha!" Sie lachte — ein tolles Lachen bei dem sie den Oberkörper zmn Fenster herausbog und sich die stechenden ©eiten hielt. Tann schloß sie das Fenster; es war Zeit, zu Bett zu gehn. Aber es graute ihr in der grenzenlosen Einsamkeit ihrer Stube — vor ivas? — dqs wußte sie selber nicht. Wenn sie nun einmal den Nachbar zur Linken aufsuchen würde? Zum Heid hatte sie noch das meiste Zu- trauen — der war ein gesetzter Mann, kam auch mal in die Fremde, bis gen Manderscheid und Daun war der schon gewesen. Fragen ivollte sie ihn: was denn sein Peter damit gemeint habe: „Mordbrenner" und „dän gieft qe- hänkt"?! Schwerfälligen Tritts schlorrte die Alte zur Hintertür hinaus in ihr Gärtchen. Sie trampelte durch, ihr Kartoffelbeet, das sich längs des Zaunes streckte, achtlos, daß sie von den blühenden Stauden knickte. „Häh, Josef, pst!" „Jao — wat dann?" Ter Heid hatte gerade das Vieh gefüttert; nun kam er aus dem Stall, in Hemdsärmeln, den bunten Schlips und den gesteiften Kragen, vom Besuch im Wirtshaus her, noch um. „Jao, wat wollt Ihr dann?" Es klang nicht sehr einladend. Aber sie hatte dessen nicht acht. Beide Arme ans den Zaun legend, beugte sie sich zu ihm hinüber, ganz dickst. Und vertraulich sprach, sie, so leise, als ob sie fürchtete, das Kartoffelkraut zu ihren Füßen und drüben der Nach- barin Bohnen könnten es hören: „Saot, Josef, — Mordbrenner — wat es damit gemeint? Un — Hauken — gieft heutzudag dann noch jemand gehänkt?" „Waorum?" Er guckte sie betroffen au. „Ro, Eier Pittchen saot doch, dän Willelm — dän Willelm —" nun kam wieder die ungewisse Angst vor unfaßbar und unverständlich Schrecklichem über sie, daß sie's kaum heransbrachte — „dän saot, dän Willelm, mein Willelm gieft gehänkt! Och, saot doch —" verzweifelt faßte sie nach des Mannes Händen — „saot, wanneh kömmt hän redur? Se dnhn ihm doch neist?!" „Hm, jao," — Heids Josef rieb sich die Nase und kratzte sich dann hinterm Ohr — „dat kann mer net für gewiß samt. Tän Willelm sitzt eweil in Unnersuchungs- hafk, un die Hähren pisacken ihm. Die kriehn et schons eraus, dat hän dat Feuer angestoch haot!" „Wat for en Feuer?" Sie machte die Augen weit auf. „No, hei dat Feuer im Torf! Et haot doch in eins fort gcbrennk, bal hei, bal dao .—och, duht doch net esu, als ob Ihr dat uet Müßt! — un seit Euer Willelm sitzt, duht et doch net mich brennen, kein einzig Mal mich. Tat es doch siehr verdächtig!" „Verdächtig — verdächtig!" stotterte sie. „Jao, saot sälwer, es et dat net? Paaßt ns, Ihr gieft nach noch verhört. Un mir all, als Zeugen. Dän Willelm! haot et gedahn, duh es kein Zweifeln dran. Sons hält' et doch als längs emaol Widder gebrannt, n' Aowend!" (Schluß folgt.) Der Alave des Kaufmanns. Von Roda Rodn.*) In einer kleinen Stadt des Ostens lebte einmal ein Kaufherr, der hatte einen Sonderling zum Sohn. Der Sohn rührte keine Arbeit an — ja er ging nicht einmal aus dem Haus, Immer saß er trage da und sprach kein Wort. Den Eltern tat das sehr weh. Eines Tages — der Kattsherr war wcggegangeu, der Sohn faulenzte wieder auf.dcm Teppich —, da sprach die Mutter: „Mein Liebling, mein .Augenlicht ■— was sicht dich an? Warum scheust du die Menschen? Mach deinem Vater keine; Schande — geh hin und verkehre mit deinesgleichen." Darauf der Sohn: „Liebe Mutter, ich ginge herzlich gern, aber ich habe nicht Geld, mir auch nur Kaffee zu kaufen." 1 Als der Vater heimkam, tat er hundert Zcchincn in entert Beutel und schenkte sie seinem Sohn. Da ging der Junge in den Basar, setzte sich vor ein Cafe und verlangte Sorbet. Gleich eilte der Wirt herbei und tat dem! Sohn des Kaufherrn alle Ehre an. Der junge Mann aber musterte. stumm die geschäftige Menge. Wer kam die Straße herab ? — Ein Ausrufer. Trieb sieben Pferde vor sich her und rief: *) Aus Roda Rodas demnächst erscheinendem Buch „Der Pascha lacht" — Morgcnländische Schwänke (Verlag vort Schuster & Loesflcr, Berlin). 359 „Sieben Pferde — jtcüitiiitbitcnitsitf Zcchinen. Wer bietet mehr?" „Machs rund," sagte der junge Mann, „ich gebe hundert." Der Ausrufer schrie durch den Basar: „Sieben Pferde — der Sohn des Kaufherrn bietet hundert Zcchinen. Wer gibt mehr?" Als sich niemand meldete, war der Handel in Allahs Namen richtig, und der junge .Mann führte seine Pferde nach 'Haust — Möge es ihm zum Glück gereichen. Ter Vater wunderte sich nicht wenig und fragte, wer nun die Pferde warten sollte. Denn er selbst sei alt, und der Junge wolle nicht arbeiten. Man sollte sie lieber zurückgeben. Doch davon wollte der junge Mann nichts wissen. „Ich habe sie gekauft und aber gekauft — mein sind sie, und keine Widerrede." Wieder saß er zu Hans, tat nichts und sprach auch kein Wort. „Mein Sohn, mein Liebling, was ist dir wieder?" fragte die Mutter am nächsten Dag. „Ich habe kein Geld, mir auch nur Kaffee zu kaufen." Der Vater tat noch einmal hundert Zcchinen in einen Beutel ■— der Junge ging wieder in den Basar. Als er vor dem Cafe saß, kam ein großer Zug von Menschen vorüber — ein Begräbnis. Der junge Mann sprang auf, folgte dem Zug in die Moschee, wusch sich gleich'den andern und betete mit ihnen. Als der Zug auf den Friedhof hinaus wollte, gabs plötzlich Geschrei und einen Auflauf. Ein Spaniole mit blankem Säbel stand inmitten der Straße und rief: „Dieser Leichnam ist mir hundert Zcchinen schuldig geblieben. Ich laß ihn nicht begraben, ehe er sie bezahlt 'hat — und wenn er nicht zahlt, will ich ihn in hundert Stücke hacken." Sprachs, schwang den Säbel — — da siel ihm der junge Mann in den Arm. „Hier hast 'du hundert Zcchinen." Der Spaniole hielt ein, zählte das Geld, dankte — und nun konnte man die Leiche begraben. Der alte Kaufherr hörte davon und sagte: „Recht hast du getan, mein Sohn! Ich liebe dich nun doppelt. Hier hast du hundert Zcchinen und geh deinem Vergnügen nach !" Also saß der Junge am Morgen wieder vor dem Cafe. Auch heute kam der Ausrufer vorüber, diesmal mit einem alten, abgerackerten Sklaven, und — was kümmerts dich, wenn cs ihm Freude machte? — des Kaufherrn Sohn kaufte den Sklaven und brachte ihn nach Haus. „Was soll der müde Sklave?" fragte der Vater. „Er soll meine Pferde pflegen." Und dabei blieb es. Der Sklave wartete die sieben Pferde, ging mit ihnen täglich in den Wald, ließ sie weiden und brachte am Abend sieben Bündel Holz auf ihnen heim. Der junge Kaufherr aber liebte es, mit ihm zu gehen, redete mit ihm und teilte mit ihm sein Zimmer — als wäre der Sklave ein vor- nehmer Kamerad. Dem Vater geficls nicht sonderlich'. „Mein Sohn," sprach er, „geh lieber einer Beschäftigung' nach, halt dir einen Laden im Basar — da wirst du Geld verdienen und dich nützlich machen." „Einen Laden will ich halten, Vater — es^ müssen über Waren darin sein, wie sie kein Mensch, in dieser Stadt verkauft. Laß mich in die Ferne ziehen, ijnt diese Waren einzukaufen." „Wie viel Geld brauchst du?" „Eine. Last Zcchinen." „Gut. Und wohin willst du wandern?" „Nach Kairo." „Geh — ich bins zufrieden." Am Abend erzählte der Junge seinem Sklaven von dem Entschluß und fragte ihn: „Willst du mit mir gehen?" „Ja, Herr — aber du mußt mir schwören, alles, was wir auf 'der' Fahrt erwerben, totes oder lebendiges Gut, mit mir zu teilen. Die Hälfte mir, die Hälfte dir — was immer auf mich falle." Der junge Kaufherr schwor den Eid, und sie brachen stuf. Wochenlang und meilenweit zogen sie so in die Welt: voraus des Kaufherrn Sohn in kostbaren Gewändern, auf einem edlen Hengst — hinter ihm der Sklave mit den sieben Pferdchen, immer zu Fuß. „Warum reitest du nicht, mein Sklave?" „Herr, mein Leib hat alle Müdigkeit Überständen — laß mich zu Fuß gehen." ' Mach siebenmal sieben Tagen kamen sie in einen weiten, düsteren Wald. Man sah den Himmel kaum, zwischen den Bäumen, die Raben krächzten, die Wölfe heulten, unb, nirgends eine freundliche Seele. So schritten sie dahin, als der Kaufmann zwischen den Stiftn- meu eine Lichtung erblickte rind auf der Lichtung einen Reiter. Die beiden Wanderer hielten sich verborgen und spähten aus. — Es dauerte nicht lange, da sahen sie die Lichtung von wilden Reitern wimmeln. Der junge Kaufherr erschrak, der Sklave aber sagte: „Herr, fürchte dich nicht! Sitz ab von beinern Hengst, gib mir beiite Kleider und Waffen — du aber bleib mit den sieben! Pferden: im Buschwerk." Kaum war die Verkleidung vollendet, da stürmten die Reiter daher — der Sklave ihnen entgegen. Doch es war, als könnt« keiner ihrer Pfeile, keiner ihrer Säbel dem Sklaven Wnndenl schlagen. Wo er hinschlug, stand das Leben still. Sieben Räuber mußten daran glauben bi« übrigen flohen, in hellen Hausen. Auf dem Felsen über der Lichtung war ein Turm erbaut — für die Wächter des Schahs von Kairo, die Wege und Stege von Banditen säubern sollte». Erstaunt sahen sie den Kampf mit an, der sich unterhalb des 'Turmes abspielte, eilten herab und hießen den Helden willkommen. Den sie willkommen hießen, das !var der Sklave nicht, das war des Kaufherrn Sohn, der wieder in seinem Schmuck auf seinem Streithengst saß. Von den Wächtern begleitet, setzten sie den Weg fort und kamen gegen Abend nach 'Kairo. Sie kehrten in einem Gasthof ein. Der Anführer der Wächter aber trat vor den Schah und erzählte: „Zwanzig Jahre, Herr, bin ich der Auftihrer deiner Wächtcr- schar — aber ich habe nie gehört und noch weniger gesehen, was ich gestern miterleben durfte: daß ein einziger Mann sich so vieler Räuber erwehrte." Da wurde der Schah begierig, den Helden zu sehen — lud sie zu sich und wies ihnen Wohnung und Stallung im Palast an. Beim Morgengrauen erhoben sich die beiden und gingen in den Basar, Ware kaufen. Dort blieben sie bis züm vierten Gebet. Dann brächten sie, was sie erstanden hatten, in den Palast des Schahs und legten sich schlafen. So verging ein Tag! um den andern. Eines Morgens, als sie eben wieder weggehen wollten, blickte des Kaufherrn Sohn durchs Fenster in den königlichen Garten — da sah er ein schönes Mädchen wandeln. Im Augenblick verliebte er sich in sie. „Wie heißt das Mädchen und darf ich um sie freien?" fragte er die Diener. Die Diener antworteten: „Es ist'die Tochter unseres Herrn." Und berichteten dem Schah, was der junge Kaufmann gesprochen hatte. Statt zu erzürnen, berief der Schah den Kaufmann zu sich und hieß, ihn als Schwiegersohn willkommen. Es gab ein großes Fest und Gelage — acht Tage und sieben Rächte. Als die Braut dem Bräutigam zugeführt werden sollte, nahm der Sklave den Herrn beiseite und sprach zu ihm: „So wahr du an Allah glaubst — berühre das Mädchen nicht, ehe wir nicht zu Hanse sind." Der Kaufmann versprach e» und beschritt das Brautgemach. Der Sklave aber ging in seine Kammer. Am Morgen wollte der Kaufmann luicber nach dem Basar, aber der Schah verbot cs ihm. „Rüste dich zur Reise," sprach er, „ich werde dir so viel Geld und Geschmeide schenken, wie deine Rosse nur tragen können. Meine Wächter Hierbei! dich bis an die Grenze geleiten und darüber noch 'hinaus." Die Wächter begleiteten des Kaufherrn Sohu unb seine Braut nach ber Heimat. Hinter ihnen der Sklave, und auf sieben! schwerbcladeneu Pferden die Mitgift. Wie lange auch die Reise währte - - endlich kamen sie doch ihrer Heimat nahe. Vom letzten Nachtlager schickten sie einen Boten ab, der sollte daheim die Ankunft des Sohnes verkünden. Mit großem Gepränge ritt der Vater seinem glücklichen Sohn entgegen. — So zogen sie ein. Da, vor dem Tor der Stadt, giugs am Friedhof vorüber. „Halt!" rief der Sklave und fiel dem Hengst seinem Sb ernt in die Zügel. „Halt, und folge mir auf den Friedhof! Wir wollen teilen, was du erworben hast." „Lieber Sklave, warte doch, bis wir nach Haus kommen! Daun sollst du dein Teil! haben, als wärst du mein leiblicher Bruder." „Ich will nicht, Herr! Hier, grade am Grab, sollst dü mit mir teilen." Als ber junge Kaufmann sah, daß sein Sklave unerbittlich blieb, saß er ab und teilte die Mitgift: vier Pferde dem Sklaven, drei behielt er selbst. „Ist es gerecht geteilt, Sklave?" „Ja. Aber nun teilen wir auch noch die Braut." Der junge Kaufmann erschrak. „Bruder in Allah — wie willst du das Mädchen teilen?" Die Leute standen ringsum und staunten. Der Sklave aber sagte: „Wir habens geschworen, so müssen wirs halten. tot oder lebendig, di« Hälfte ist mein."! Unb des Kaufherrn Sohu sagte: „Ich Habs geschworen, so will ichs halten - tot ober lebendig, die Hälfte ist dein." Da drängte der Sklave den Herrn beiseite, nahm ihm den Säbel und schwang ihn ob. des Mädchens Haupt. ' Zweimal fttzte er die Schneide grade über dem Scheitel an, holte aus rind fragte: „Jsts so gerecht geteilt, Herr?" Daun aber stieß er das Mädchen zurück, warf den Säbel zur Erde und rief: 1 «Ich bin jener Leichnam, den deine Güte vom Spanioleir erkauft hat. Ich 'schenke dir alles — führ Gut und Blut nach Hans!" 360 Sprachs, stampfte in die Erd« Md verschwand in seinem Grab. Weinend um seinen treuen Sklaven zog der junge Kaustnann ttt seinem Vaterhaus ein. Da wurde die Ehe vollzogen, da blühte ihm eine Schar Kinder und Enkel — und immer wieder fand er, wenn sichs schickte, den Weg zum Schah von Kairo. Heber schlimme Geschenke schickt uns der Dürerbünd eine Plauderei. Fritzchen bekommt vom Vater eine Trompete. Drei Tage herrscht große Freude. Am vierten kann Mama das Geblase nicht mehr vertragen. Am fünften wird Papa im Mittagsschlaf gestört. Das ewige Getute wird untersagt. Fritz kann sich trotzdem nicht zurückhalten. Die Trompete wird einge- schlossen. Geheul. Der halsstarrige Junge erhält eine Tracht Prügel. Es ist nicht auszuhalten mit ihm, der eine Trompete geschenkt bekam und nicht blasen sollte. . . Fanny erhalt Schippe, Hacke und Sandeimer. Die Familie lebt in einer großstädtischen Mietskaserne. Auf dem Hofe werden die Kinder nicht geduldet. Die Mutter oder das Dienstmädchen haben keine Zeit, mit 'der Kleinen auf den Spielplatz zu gehen. Bittere Tränen. Das Kind will keine Vernunft annehmen. Es ist unausstehlich, denn es hat Schippe, Hacke und Sandeimer und soll nicht im Sand spielen ... Ein Junge bekommt eine Laterna magiea, und aus Angst vor der Feuersgefahr wird sie eingeschlossen. Ein kleiner Bengel erhält ein mechanisches Spielwerk und nach drei Stunden ist der zarte Mechanismus geliefert. Der Vater wütet; der Junge heult. Die Geschenke, die den Kindern Freude bereiten sollten, fütb zu einer Quelle des Aergers und der Erbitterung geworden! Sie mutzten's werden. Wer zarte Nerven hat und sein Mittagsschläfchen braucht, schenke seinem Kind keine Blasinstrumente. Ein Baukasten hätte wahrscheinlich die vermeintliche Störrigkeit und Unfolgsamkeit nie verursacht. Die Eltern verlangen von ihren Kindern unbedingten Gehorsam. Wer ist es nicht unklug, die Widersetzlichkeiten in nebensächlichen Dingen zu provozieren? Das Kind muß es doch als eilte willkürliche Unbill empfinden, wenn man ihm ein Spiel in die Hand gibt — mit dem Verbot der Benutzung. Beim Einkauf sollte daher gut überlegt werden, was in dem besonderen Falle wirklich geeignet ist, welches Spielwerk durch die Verhältnisse ausgeschlossen oder geboten erscheint. Wer ein Kind beschenkt, sollte sich vergewissern, daß feine Gabe praktisch, daß ihre Benutzung durch das Kleine möglich und daß sie schließlich der häuslichen Ruhe nicht nachteilig ist. Das ist die Humanität des Schenkers, der gewiß vor dem Gedanken zurückschrecken wird, durch seine Freundlichkeit Kindern wie Eltern peinliche Stunden zu bereiten. — Die kleinen Verbote festigen nie das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern. Der kluge Vater baut einem geschickten Diplomaten gleich vor. Er suggeriert dem Meinen als eigenen Wunsch, was er von ihm verlangen würde. Das Kind tut gern, tut von selbst, was es auf ein Machtgebot nur widerwillig leisten würde. Ein Beispiel: Ein dreijähriger Junge spielt im Schreibzimmer des Vaters. Er erhält ein paar Bilder, Drucksachen usw., die bald im Zimmer umherliegen. Der Junge soll schließlich die Papierschnitzel wieder aufräumen. Der Vater kann daraus eine kleine Pflicht machen, deren Langweiligkeit der Kleine sich wahrscheinlich zu entziehen sucht. Anders wenn er das Aufräumen selbst zum Spiel erhebt. Er nimmt den Papierkorb, zeigt dem Jungen, wie lustig die Papierstückchen in den großen Strohkorb fliegen." Er weckt die Freude an der neuen Tätigkeit. Und bald liegt kein Endchen mehr umher. Ja, in meinem Falle ist es vorgekommen, daß der !Bater den Korb noch einmal ausleeren mußte, weil der Junge so große Ltrst zum Aufräumen bekommen hatte. Solche Papierfetzen könnten. auch ein Danaergeschenk sein, könnten unter Umständen alle schlimmen Eigenschaften eines kleinen Menschen offenbaren, Aber es geht auch ohne schroffen Befehl, ohne widerwilligen Gehorsam, ohne Tränen. Ein bißchen Diplomatie und Verständnis für die Natur des Kindes sind allerdings erforderlich. Die meisten Eltern müssen sich ärgern, weil sie planlos fordern und planlos schenken. Wer Folgsam-, reit verlangt, schaffe auch die.Voraussetzungen dafür. Man I bedenke, am besten wird der Befehl ausgeführt, der schott I ein Wunsch des Kindes war, am geeignetsten ist das Ge- I schenk, das uneingeschränkt dem Kleinen überlassen werden kann. Ale unpraktischen Gaben, die Verbote und Strafen verursachen, sind Folterwerkzeuge. Und wozu den Heroismus zwecklos herausfordern? Bemühen wir uns, doch ein brßchen human zu sein, wo es eigentlich selbstverständlich wäre. Paul Westheim. Vermischte». * Was das Meer verschlingt. In jedem Jahre geht in den blauen Fluten ein Kapitalwert von Hunderten von Millionen zugrunde. Den zur Minderung der Seegefahr eingeführten technischen Fortschritten stehen als immer größer werdende Gefahrfaktoren die zunehmende Dichte des Schiffsverkehrs, das Wachsen der Fahrgeschwindigkeiten und die Unsicherheit des Kompasses aus Eisen- fchiffen gegenüber. Im Interesse der Seeversicherung werden über alle bekannt werdenden Schiffsverluste und Beschädigungen genaue Listen geführt. Es ergibt sich daraus, daß im Jahr 1907 nicht weniger als 378 Dampfer und 736 Segelschiffe, an jedem Tage also durchschnittlich ein Dampfschiff und zwei Segler verloren gingen. Fast die Hälfte der Dampfer, nämlich 162, verunglückten durch Strandung, 43 durch Zusammenstoß, 38 durch Kentern, 18 durch Feuer, 7 mußten in sinkendem Zustande verlassen iverden. Von 21 in See gegangenen Dampfern blieb jede Kunde aus, so daß sie als verschollen erklärt wurden. Bei 91 aber entschied die Seebehörde, daß sie als seeuntüchtig (sogen, schwimmende Särge) von weiterer Fahrt auszuschließen seieit. Die Totalverluste der Dampfschiff-Flotten verteilen sich auf die größten, seefahrenden Länder wie folgt: Großbritannien 161 (mit 255Oll Tonnen), Deutschland 30 (60096 Tonnen), Japan 31 (36 461 Tonnen), Frankreich 24 (36 319 Tonnen), Norwegen 22 (34 731 Tonnen), Bereinigte Staaten 19 (46 098 Tonnen), Spanien 15 (25 331 Tonnen), Italien 11 (26 582 Tonnen), Rußland 12 (23 810 Tonnen), Oesterreich 6 (14 303 Tonnen) und Griechenland 4 (8648 Tonnen). Der Tonnengehalt der in demselben Jahre verlöret: gegangenen 736 Segelschiffe belief sich attf 325146 Tonnen, wobei auf nur 9 verunglückte deutsche Segler 6181 Tonnen etttfallen. Die über die Unfälle an den deutschen Küsten geführte Statistik zerlegt das Strandgebiet der Nordsee und Ostsee in einzelne Strecken. Danach kommen an Totalverlusten und schweren Beschädigungen innerhalb eines mit dem Jahre 1900 beginnenden siebenjährigen Zeitraumes auf die Strecke von Mmmersatt bis Brüsterort 37 Unfälle (mit 33 verlorenen Menschenleben), von Brüsterort bis Neukrug 126 (2), von Neukrug bis Rixhöft 213 (13), Rix ho ft bis Groß-Horst 54 (23), Groß-Horst bis Arkona (Odermündung) 561 (47), Arkona bis Buk 132 (9), Buk bis Dahmerchöft 101 (2), Dahmerhöft bis Birkenakke (Kieler Bucht) 452 (10), Birkenakke bis dänische Grenze 66 (1), dänische Grenze bis Nachhörn 39 (21), Nachhörn bis Neuwert (Elbmünduug) 1561 (176), Neuwert bis Waugeroog (Wesermündung) 458 (29), Waugeroog bis Emsmündung, holländische Grenze 247 (23). Insgesamt haben während dieser sieben Jahre im deutschen Ostseegebiet 140, im Nordseegebiet aber 249 Menschen im Schiffahrtsbetrieb ihr Leben verloren. Der Tod lauert an den Einfahrten zu den großen Häfen, aber — „navigare necesse eft, vivere non est neeesse". * D er Kuß. In einem1 Frenndinnenkreise kommt es zum erstenmal vor, daß eins der jungen Mädchen sich verlobt. Atm« gönnt ihr das Glück, soweit es möglich ist, ohne Neid, hält sich indessen schadlos, indem man sich den Zustand des Verlobtseins mit glühenden Farben ausmalt. Mit ängstlich-wonnevollem Schauder wirst ein kleiner Mund die Frage auf, rote der Kuß eines bärtigen Herrn schmecke. Niemand wein eine befriedigende Antwort, bis es sich einer der Schönen mit elementarer Gewalt entringt: „Ha, ich glaube, wie Schlagsahne mit Elektrizität." * Beruhigend. Führer: „Jetzt haben wir gleich den Berggipfel erreicht!" — Tourist: „Das sagten Sie schon vor einer halben Stunde! Wie oft sagen Sie’S denn noch ?" — Führer: „Jetzt nur noch zweimal!" Logogriph. Leuchtend durchbrech :ch das nächtliche Dunkel mit „F" au der Spitze; Trag ich im Haupte ein „D", iolg'. ich dir treulich als Hund. Auflösung in nächster Nummer! Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gtchew Auflösung des Zitaten-Rätsels in voriger Nummer: Wer vieles bringt, iv i r d in a n ch e m e t tu a s bring e