jiHi ii hoö ■Äai ■ 1 ,z llo8 SWü Spätinghof. Roman von K. v. d- @i b e f (Nachdruck verboten.) . (Fortsetzung.) Eine halbe Stimbe später stieg Tine mit ber Mietfran drei Treppen hoch mtb stand, vor der Tür einer kleinen Hofwohnung. -Selten mochte ihr so beklommen zumute gewesen sein als jetzt vor ber Tür Fräulein Petersens, die grob und wunberlich sein sollte und in einem.so finsteren Hause wohnte. Ihre Beklommenheit wuchs, als von drinnen eine rauhe, polternde Stimme rief: „Na, wer ist beim schon wieder da?" „Ich," rief bie Mietfran. Darauf wurde der Riegel zurückgeschoben, und ein runzliges, braunes Gesicht wurde sichtbar. Tine glaubte zuerst, daß es eine Männerstimme sei, die durch die Tür rief, aber sie nahm wahr, baß Gesicht und Stimme zueinander gehörten. „Da ist ja noch eilte," rief Fräulein Petersen, „was will denn die?" „Na, lassen Sie uns erst mal rein," sagte bie Mietfrau, „wir werben schon miteinander fertig. Haben Sie jemand bei sich?" „Nein," knurrte die Alte, während sie widerwillig öffnete, „will 'auch nichts mehr zu tun haben mit das Pack. Die Letzte ist davongelaufen und hat ihr Kind dage- laissen, da hab' ich noch Nackscherereien gehabt mit der Polizei, und das arme Kind" . . . „Das haben Sie wohl noch?" „Na eben nicht, und ich hatte mich schon ganz und gar daran gewöhnt. Nein, ich will keinen mehr haben, ich miete mir 'ne kleinere Wohnung." Indessen waren die Frauen doch in die kleine Stube getreten, und die Mietfran setzte sich breit und fest ans das zerschlissene schwarze Damastsofa. Tine blieb an der Tür stehen, sie wußte nicht, wohin, aber die Alte fuhr sie an: „Warum setzen Sie sich nicht, wollen Sie inir auch noch die Ruh' mitnehmen?" Zitternd ließ sich Tine auf der Kante eines Stuhles nieder. „Ich wollt', ich wäre tot und begraben," fuhr jetzt Liese Petersen mit dumpfer Stimme fort, „wenn ich baran denk', daß ich hier ausziehen soll." „Na, es treibt Sie doch niemand," sagte die Mietfrau. „Warum wollen Sie denn diese junge Frau hier nicht anf- nehmen? Ja, sie ist eine anständige Frau, ihr Mann ist bloß so jung gestorben." „Ach nein," warf Tine errötend ein. „Ja richtig," verbesserte sich die Frau, „er hat den ganzen Tag gesoffen unb sie geschlagen, und dann hat er sie sitzen gelassen und ist ausgcrückt nach Amerika. Ja, so ist es," setzte sie laut und entschieden hinzu, als sie säh> baß Tine wieder Miene machte, sie zu unterbrechen. „Schrecklich," sagte die Alte, „ja, die Männer taugen alle nichts. Lassen Sie den Kerl laufen." Tine sagte gar nichts mehr. Vorhin bei der Erzählung der Mietfrau hatte sie aufspringen wollen und laut rufen: „Es ist ja nicht wahr; ich selbst bin davongelaufen, er ist der beste Mensch, den es ans der Welt gibt." Aber djese Worte blieben ungesprochen. Tine blieb in ihrer Herzensangst und Schüchternheit ans dem Stuhl sitzen und sprach kein Wort. „Ja," meinte die Mietfran endlich, „was machen wir nun?" Liese Petersen seufzte; sie gab augenscheinlich ihrem Herzen einen Stoß. „Na ja, wenn's nicht anders sein kann." Sie öffnete die Tür znm anstoßenden Zimmer. „Hier ist die Schlafstube. ", Tine blickte hinein. Die Stube war sehr einfach ans- gestattet. Auf den Detten lagen weiße Spreitdecken, auf der Kommode eine gehäkelte Decke, an den Wänden hingen alte Oeldruckbilder. Es war alles sehr sauber und anheimelnd und erinnerte Tine an Spätinghof. „Na, paßt es Ihnen?" fuhr die Alte sie an, und erschrocken stammelte Tine ein „Ja". Die Mietfran ging und Tine blieb. Obgleich alles ohne sie abgemacht worden war, atmete sie doch erleichtert ans, sie hatte ein Unterkommen gefunden. Liese Petersen setzte sich ans Fenster und nähte. Tine packte ihre wenigen Habseligkeiten aus und suchte ihren Strickstrumpf hervor. Sie setzte sich wieder auf den Stuhl neben der Tür, auf dem sie vorhin gesessen hatte, und fing an zu stricken. „Näher ans Fenster!" kommandierte Liese Petersen. „Wollen Sie sich mit Gewalt die Angen verderben?" „Ach nein." Tine kam rasch näher und setzte sich Liesen gegenüber. Die Maschine rasselte, die Stricknabeln klapperten; int Ofen summte der Wasserkessel. Nach einer längeren Weile wagte Tine es, einmal aufzublicken in das runzlige Antlitz ihr gegenüber. Als sie aufsah, blickte auch die Alte gerade von ihrer Näherei auf, und da sah Tine, daß sie gute, liebe, graue Augen hatte, daß sie überhaupt gar nicht unfreundlich nnd böse aussah. Als Liese jetzt wieder anfing zu sprechen, kam ihr die Stimme gar nicht mehr so rauh und scheltend vor, sie fing an, sich an die Art des alten Fräuleins zu gewöhnen. „Sie sind vom.Lande, was?" fragte Liese. „Na, ja, Sie haben auch was Landschaftliches an sich. Bilben Sie sich man nichts darauf ein, ich bin auch vom Lande. Auf tzent Lande ist's schön — oder etwa nicht?" Tine nickte und seufzte. Sie hatte gerade einen Blick durch das Fenster in bett engen, schmutzigen Hof geworfen und ihn tn Gedanken verglichen mit bem Hofplatz von Spätinghof. „Dnmm wär ich) dumm und dösig, baß ich von Häufe 294 — seufzte Liese. „Na, wenn " "ick habe es noch vom letzten Mal her." "Haben Sie denn noch eines?" In Lieses Angen standen lauter Fragezeichen. „Es ist tot," sagte Trne lei,c. ™. Tine war schon sehr kühn geworden in den paar Lochen. Sie raiite sich ans. „Er war nicht schlecht, er war zu gut, sagte sie, und äls Liese sie groß ansah, fuhr sw fort: ,,^ch bin davongelaufen, ich selbst." . „Aber Deern, Deern, warum denn um alles rn der Welt^" Liese Petersens Herz wurde werch, Lrese suhlte e^, sie legte ihr Gesicht in böse Fallen. Das alte dumme -herz. ^ines Augen standen voll Tranen. ^Weil er zu gut war, weil ich zu schlecht und duu Dacht' ich mir schon, aber wenn Sw vom Lande sind, was wollen Sie denn hier in der Stadt? Blühen Ihnen da draußen die Blumen nicht schön genug, oder smgen die ^"O^dfein"^sagte Tine mit Tränen in den Augen. ,,Deern, Deern, was bist die dumm, daß du von Hause fortgegangen bist!" Erstaunt blickte Tine auf. Wie kam die Alte dazu, sw so zu schelten, als wäre sie ein unartiges Krnd. Da sah sie, wie die hellen Tränen dem alten Franlem über dw runzeligen Wangen rannen, und da begriff sie, daß hinr der groben Schale ein warmes, liebevolles Herz wohnte, das sich iii der großen Stadt unglücklich und Uiibefrrecigt fühlte, das sich ui Sehnsucht nach der Heiurat verzehrte Der Teekessel im Ofen sang nicht mehr. Dav Wasser sing aii zu prusten und zischen, es hob den Deckel hoch, fÜT 'Ächi^ach -je, du inalles Gör!" Liese duzte Tine unwillkürlich. „Was weißt du voii dir selbst ? Hör mal, Kind, ß sich denn das nicht wieder zusammenflicken? Tine schüttelte traurig den Kops. Lieses Herz gewann die Oberhand, sie war g. & Mütterlichkeit und Güte, sie vergaß sogar den gewöhn en volternden Ton. „Ich nähe eine grobe -iaht, j, 0 fv-, ^aber was ich zusaminenflicke, hält dann auch tn die Ew g leit. Soll ich's mal versuchen, Kindchen? Zart und lind strichen ihre knochigen Finger über wrnes. 28 %etn, nein!" rief Tine verzweifelt. -Es steht etwas dazwischen, worüber wir beide nicht hinweg t-mnei. Solche Worte, von solch lautem, wehen Klange, H M Liese noch nicht aus Tiues Munde gehört. Sw schwieg setzte rasch ihre Maschine in. B^egung.dwiiinßte^ rasseln, nnnnterbrochen, bis sie ihren alten bn)ttt ihre alte Grobheit wiedergesunden Hatto AU, sw n nach einer langen Weile aufblickte, waren auch wfat.) trocken. ' fortging", fuhr Sieg fort Aetz^alt I daß Tisch! Dies bestand ans junges Gör'von s«hsnndzwanzig JalMnA Frauen zum erstenuial zusammen Tine knickte in sich zusammen, sie kam sich entsetzlich dünnen Tee mit Milch und Zucker jung und dumm vor. f stimme I Als Tine, nachdem sie ein Rundstück gegessen hatte, Liese Petersen sprach weiter mit ihrer starken Stunme. I zurückschob, erhob Liese Einspruch. „Wenn Sie „Denken Sie, ich bin äu meinem P ascer nn gestaug ach Aren Teuer zurua ) , - ^ie sich man gleich begraben Hamburg? Na, ich sage Ihnen ich habe arbeiten mu sen W enui w ftu Wflg besseres gewohnt?" arbeiten von früh bis spa-.^ Die heutige -ult weis; l I griff Sine herzhaft nach einer Schnitte Schwarz- SS Ä-®. V ’S: ÖTS S«1 die «NH. *0. und M „Ach was, recht! Ware ich Hause geblieben. Nach- I nc ’auf i()re blanke, dunkelbraune Teekanne und uber- her lernte Miede das Nahen, und da-Mieteten mr un^ sah 1 s ) brauner und blanker Ware, ihre Kanne öö ÄS & Äfö SÄ U * kennen lernen. Ich frage «w. tft x. ) , I Sie hatten trotz ihres so verschiedenen Aeußeren Mädchen von vierzig Zähren noch heirate . I vieles gemeinsam. Sie besaßen beide ein weiches, warnns. „Nein", stotterte Tine _ f «ij hRr I das sie nicht zu zeigen wagten, sie suhlten beide das „Tas schlimmste aber ist, daß sie sich dann noch Kinder W ™ 1 dem Lande, nach der stillen, freien Natur, anschaffen. Ist das nicht ein Blödsinn. I * gerade das Wunderliche lind Sonderbare in —ii fe „Ja", stammelte Ture schuldbewusst. I meterien§ Wesen zog Tine unbewußt an. Eine feine, gc» „Die armen kleinen Dinger" seufzte Liese. „Na, wenn KlÄ Frmi, und Mre sie noch so liebenswürdig gewesen, ich nicht wäre!" . , t . I viürde Tine niemals näher getreten sein. Liese Petersen, Eine lange Panse des Schweigens folgte I JJ“ rücksichcklose nud doch gutmütige alte ^ungfey, wurde funnute der Kessel; er schien, eine eigen b andere Mr- °w^ nirrsick^, Sie befahl und Tine gehorchte, ge schalt tobte zu haben. Es klang heiuilich und traud I b <£ine lächelte dazu. Sie erzählte, und wiiie horte zu. „Wo sind Sie denn eigentlich her? polteite Liese nac) I cillt. aufmerksame Zuhörerin, die auch nicht einer Weile heraus. I durch das leiseste Zucken ihrer Mundwinkel verriet, das; „Aus der Marsch", sagte Tnie. . . h , | iie Petersen nicht ernst nahm, hatte ihr schon lange „Kenn ich. Tas heißt, ich habe, einen biubee dort I fteui £ gegenüber konnte Liese ihrem Herzen Lust wohnen, Dithmarschen heißt es aber I ynUen formte schelten über die schlechte Welt, aber die „Ta-? ist nicht die richtige Mar ch , agte Tine. großen Städte und die hohen Häuser; -rrne nickte zu allem gibt")?genug Verkehrtes in der' Welt. /Mein Bruder ch I verstmckmsvoll^^ beu hguslicheu Arbeiten so guh Uhrmacher, aber seine eigene Uhr ging immer falsch. E I nachmittags saß sie mit ihrem Strickstrumpf Liesen hä»! L gntcä e«ä, «fa « uaom sich «* 3™«. dl- °s »m^nachmmag, ml f)[( (irtKv auf ih--m nichts taugte. Ist das richtig oder oertihrl. I iL' , t)flt£c sogar ein Hissen hinter dem Müden. „Verkehrt", murmelte 2ine. I das Kinderzeug all rn Ordnung? fragte ue, „Er war ein Stadtmensch von innen und außen. Sein I Kap war gerade tnie eine tlhr, tmd mS « tote 4ate | Tagr_ Sinn und Verstand. Er sprach Hochdeutsch und Französisch dazwischen und konnte mit den vornehmsten Leuten u'iui, ohne zn verbiestern. Anstatt sich nun sein L, » ■ np xor, [uyee , Straße, aus die.Kinder, die im Rinnstein spielten, und au ^^Ackgt: Die Schlechtigkeit der Männer hat dw r den Schusterladen gegenüber, vor dem ein paar riesengroße I Miner. ge,agr. „ Stiefel herabhingen. Von hinten aber sah ev hmauv ans den Garten, und hinter dem Garten war ernt n n’ W ' Wo die Ziege graste, und dahinter ivar ein «ce, der hreß der Mülstteich. Ja, das war wohl fjon, nbcr beiden S , daß ich mehr als einmal bei ihm gewesen bin. Nein", beteuerte Tine ernsthaft. Liefe seufzte. „Ja, wegen der Frau nicht, die konnte ich nun einmal nicht verknusen. Die putzte sich am helllickten Tage mit Schleifen rind Krimskrams und war mehr auf der Straße als sonstwo. Schreiben tun wir uns auch nicht, und so hören wir nichts mehr voneinander. Sw haben wohl auch nie was gehört von Uhrmacher Petersen in Hellingstedt?" ., „Nein, niemals", entgegnete Tine nut heimlichem Be- 295 Sein letztes Hochamt. Von W i l hle l m! Holzamer. *) Man darf das jetzt von ihm erzählen, wenn er selbst es auch nie getan hätte. Er ist ja nun schon beinahe zwei Jahrzehnte tot. Und er war immer so schweigsam gewesen und sprach gar nie von sich. Es lag so in seiner Natur. Und es' war auch wohl ein gut Teil Angewöhnung. Er war nie so recht verstanden worden, nie in seiner engsten Umgebung, und auch in seiner weiteren nur selten. Bei seinen Freunden höchstens hat er sich tiefer ausgesprochen. Aber das waren selbst wieder so stille Leute, uud sie sind ja nun auch alle tot. Es war in den Jähren der Reaktion nach der Bolls-- erhebung 1848—1849. Der Einzelne war durchaus unsicher geworden, die Gegensätze der Parteien waren heftig und wuchsen immer mehr. Die Wühlarbeit Machte stets größere Fortschritte, und ihre Erfolge, die anfangs noch heimlich waren, traten offen zu Tage. Besonders wer ein Amt hätte, mußte sich hüten. Nichts unbedacht sagen, nicht immer ehrlich seine Meinung sagen. Nicht mal eine Meinung haben wollen. Das war im Amt so verderblich und war so unvereinbar mit dein Amt, wie das Aufklären uud Agitieren am Wirtstisch. Oder gar im vertrauten Kreise, denn überall hockten die Heuchler und Horcher, und brühwarm und gehörig vergröbert kam alles ins Pfarrhaus. Denn der Pfarrer war der Hüter des zahmen und unterwürfigen Geistes, der Hüter der Meinungs- losigkeit imb der Verdammer der Freiheit. Und die Falschen und Ohrenbläser, die Locker itttb Lügner waren ihm gute Werkzeuge. Eine Meinung haben mtb ein Mann sein — ja oft einen „Kopf" haben und nicht dumm sein, das hieß frei sein, hieß anrüchig, ja direkt gefährlich sein. Da red' ich von meinem Heimatdorfe. Es war der Schullehrer Andreas Krafft, der der Stein des Anstoßes geworden war. Es iväre schwer zu sagen gewesen, warum. Es lag vielleicht im Krafft. Ich stelle mir ihn vor, !vie er über die Straße ging. Ein Schullehrer vom alten Schlage. Auf den ersten Blick ein Schullehrer. Aber mehr als das, auf den ersten Blick zu sehen: eine Persönlichkeit. Einer, der mehr vom Leben hatte, als sein armes Amt. Einer, der ein Leben gelebt hatte, dem das Leben einen Inhalt gegeben hatte, und der seinen Idealismus, den alten guten, hohen, heiligen Idealismus, durch sein Leben trug. Er leuchtete auf. seiner Stirne, er glühte in seinen Augen. Und mag er uns öde und töricht geworden sein — Ivo er uns heute noch so ganz eins mit dem ganzen Menschen begegnet, ziehen wir den Hut ab. Der Krafft war nach oben nicht genehm. Er war gewissermaßen schon prädestiniert dazu. Es lag so in seiner ganzen Art. Sie machte nicht warm, sie. machte vielleicht scheu, machte einem unbehaglich. Es war so etwas Starkes, Abwehrendes in ihm, es wurde oft etwas Herausforderndes, Herrschendes. Man sah's auf den ersten Blick, man hörte es beim ersten Wort. Vielleicht ei» starkes geistiges Nebergewicht. Vielleicht war's etwas Aenßeres nur: der Blick, die Stirn, die Schädellinie —i vielleicht der graue Hambacher Bart, das lange Haar — vielleicht die Art zu. gehen oder zu sitzen, ja nicht zum wenigsten die Art zuzuhören, stille zu sein. Ja, das war's vielleicht beim Krafft, wie still er war. Und wie ernst immer. Er ging durch's Feld, immer in den gleichmäßigen breiten Schritten — „guten Tag, Herr Leh-- rer!" rief's, er dankte und schritt weiter. Und wenn er in den Gesangverein kam — und war der lauteste Lärm im Saale, und ging die Tür auf rind der Krafft trat ein, war's mäuschenstill. Und alle sahen nach ihm und alle hingen an seinem Blick, und es war mehr als Furcht, cs *) Der Dichter schildert in dieser packenden Novelle unter dem' Nanien Andreas Krafft den Kämpf 'seines Großvaters, den dieser wie sehr viele andere rheinhessische Lehrer mildem bekannten Bischof von Mainz, Emanuel Freiherr von Kettler, auszufechteir hatte. Auch in seinem „armen Lukas" erscheint diese mannhafte, idealisierte Gestalt und in dem Drama „Um die Zukunst" steht er int Mittelpunkt der Handlung. Die Red. wär ein hoher Respekt. Etwas Vornehmes trug er au sich, trug er überall hin, so einfach er war. Keiner kam ihm zu nahe, selbst wenn er scherzte. Und keiner rongte sich io recht aus sich heraus, wenn der Krafft dabei war. Jede Bemerkung wurde zweimal bedacht, eh sie gemacht wurde. Und doch — wer den Krafft respektierte, und es waren die Besten meines Dorfes, der hing ihm auch an. Doch war der Krafft nicht hochmütig. Einige behaupteten auch das, aber schon die Freunde, die er sich ausgewählt hatte, bewiesen gegen sie. Die Freunde waren nicht aus den sogenannten „vornehmen" Kreisen, nicht „Doktor" und Apotheker, nicht Schullehrer und Angestellte — es war der Musikant Jakob Veit, kurz der Beitjakob ge-. nannt, der die Violine spielte auf den Kirchweihen und im Gesangverein den ersten Tenor sang, war der Botsieben- tzannes, der die Post hatte von Thuru und Taxis und Musikant war nebenbei, war der Pankraz Klein, der den zweiten Baß „hielt" im Gesangverein, war freilich auch der Rudolf Schwarz, der Bürgermeister, der auch Freimaurer war, vielleicht auch sonst noch ums Geheimnisvolles und Böses, was den Krafft anzog. Der Krafft sah aber nicht aufs Aeußere und nicht aufs Böse, er suchte in seinen Freunden eine Ergänzung zu sich selbst. Oder das nicht einmal, oder wenigstens nicht so bös egoistisch ausgedrückt — er suchte gesunden Menschenverstand und ein warmes Herz, Liebe und Begeisterung. So beim Veitjakob, dem Musikanten, — beim „alten Schwarz" aber war's oft ein Aufblicken und Bewundern, öfter die freudige Gewißheit uud Dankbarkeit, verstanden zu werden, angeregt und bestärkt zu werden. Denn der Schwarz war ein Weltmann. Tas Leben hatte ihn nach allen Richtungen schon umhergeworfen, er hatte sich auf dem Dorfe 'vor Jahren festgesetzt, hatte erst eine Wirtschaft eröffnet, dann eine Branntweinbrennerei und war dann zum Bürgermeister gewählt worden. Denn er war reich. Er war aber auch ein Heller Kopf. Und er war auch- — ein Demokrat. Ein Demokrat war der Krafft nun freilich auch. Er hatte in seiner Jugend das Hambacher Fest mitgemacht und hatte flüchten müssen: er hatte im „tollen Jähre" geredet und geschrieben für die Freiheit und die Verwirklichung der Träume der deutschen Seele. Aber nun war er still' geworden, ganz still. Still im Kreise seiner zahlreichen Familie, für die er schwer zu sorgen hatte, still bei seinen Büchern und Moten, in seinem Schulgarten, den er fleißig bepflanzte. Und wenn er von seiner Arbeit ausruhte, saß er unter dem hohen Efeu an der alten Schloßmauer und paffte aus seiner Pfeife. Und alte Träume 'und alte Lieder wurden in ihm wach, er lächelte des Vergangenen und leid ward ihm all das, was unerfüllt blieb — aber er blieb still. Ja, ganz still war der Andreas! Krafft. Er hatte sich vom Leben zurückgezogen, er hatte seinen Kreis verengert, und was er von dem Draußen dabei verloren hatte, das suchte er sich zu ersetzen durch die innigere Beschäftigung mit dem, was ihm lieb war. So hatte seine Persönlichkeit ihre Gewichtigkeit und! Schwere bekommen, und auch eine Rithe war ihm geworden, und Kampf und Leid waren nicht verloren. Und so wurde Krafft auch nicht zur Maschine, trotz der gleichmäßig schweren Tätigkeit, die er entfalten mußte. Er fand sich überall einen Punkt, von dem aus betrachtet alles einen eigenen Wert und Ansehen erhielt, von dem aus trotz aller Anstrengung uud Ueberwind'uug der Krafft noch Werte für seinen inneren Menschen herausschlug, so daß er sich seine Freudigkeit b'e-, wahren konnte. Warm fühlte er sich von- ihr durchströmt, wenn er seinen Gesangverein übte, wenn er ein Lied oder! ein Präludium für die Orgel einrichtete, und ganz besonders, wenn er an der Orgel saß und die Töne ihm die Sprache seines Herzens wurden, in der sich das letzte sagen ließ, was fein Herz verborgen hielt. Und nun war plötzlich die Hetze gegen ihn losgegangen. Es war fast über Nacht gekommen. Der eigentliche Anlaß wäre schwer zu fittden gewesen. Der Anlässe und Gründe! wußte man viele anzugeben. Kraffts politische Vergangen-, heit, seine geistige Selbständigkeit, sein Uebergewicht, die — 296 rWhtzrM Mtz Mehrheit seiner Persönlichkeit, ja gerade das' mochte vielen ein Dorn sein. Ans einmal- fand man ihn kirchlich zu lax, man fand bald, daß er kirchenfeindlich sei. Man gab hundert heimliche Anlasse zuin Streit, tausend heimliche Stiche. Aber der Krafft stand über der Kleinlich-, keit der Menschen, er blieb ruhig. Da riß die Geduld. Man ging int Amt gegen ihn vor. Man schikanierte ihn, man tadelte, rügte, drohte. Da stand der Krafft seinen Manu, er verteidigte sich. IN feinem Amt ließ, er sich nicht antasten. Er hatte allzeit seine Pflicht getan, er hatte sich nichts vor- zuwerfeit — keiner sollte ihm etwas vorwerfen dürfen. Da war die Flamme ausgeschlagen. Das Dorf war Plötz-, lich in zwei Lager geteilt: hie Pfarrer! hie Lehrer! Und eigentlich hatte der Krafft gar nichts dazu getan. Er hatte feine Angelegenheit allein vertreten, fest und still, wie ds seine Art war, Niemands Hilfe hatte er angerufen, nie« mandes Beistand erbettelt. Nur einmal hatte er in der Erregung das Zeugnis seiner Schulkinder gefordert. Sonst tvar er passiv geblieben. Er glaubte an sein gutes Recht und seinen Sieg. Aber Beichtstuhl und Kanzel hatten gute Arbeit getan und taten sie weiter. Die Gemeinde blieb in zwei Parteien gespalten. Und heiß war der Kampf. Auf den Straßen, in den Wirtshäusern begann er, in den Familien setzte er sich fort, und sogar die Jugend beteiligte sich daran. Kraffts Partei war eigentlich ohne Führer, denn der Andreas Krafft wollte nichts mit dem Zwist zu tun haben. Er ermahnte immer zur Ruhe und ihn allein zu lassen. Aber die Fanatiker und Herausforderer der Gegenpartei ruhten nicht. Und der Streit spann sich immer weiter. Er wurde dann auch bei der Behörde gegen Krafft benutzt, dem alle Schuld zugeschoben wurde, und eines Samstags, da er gerade unterrichtete, wurde ihm sein Absctzungsdekret zur Unterschrift vorgelegt. Es riß ihn hin, es seinen Schülern vorzulesen. Dann unterschrieb er's und ging. Die Gesangstunde für den Abend sagte er ab, er fürchtete -einen heftigen Ausbruch von Streitigkeiten im Vereinslokal oder auf der Straße, wenn er sich jetzt zeigen würde. Und er fürchtete auch, sich nicht halten zu können und in der Erregung ein unbedachtes Wort zu reden, wenn er herausgefordert würde. Am Nachmittag kam noch einmal ein amtliches Schreiben. Es war vom Pfarrer, „daß er. gehalten sei, die -Orgel bis zum Eintreffen seines Nachfolgers zu spielen." Diesen Sonntag wollte der Krafft noch einmal spielen, aber es sollte zum letztenmal sein. Er hatte sich's fest vor- genoiumen: Es sollte sein Abschied von der Orgel sein. Am Sonntag morgen, als es anfing „znsammen"- zulänten, ging Krafft in feiner gewohnten Weise nach der Kirche. Erließ sich vom Glöckner die Weisungen des Pfarrers holen, dann schritt er langsam die Treppe zum Empore hinauf. Als fein grauer Kopf sichtbar wurde, sah man von allen Seiten nach ihm. Ans allen Gesichtern lag ein tiefer Ernst. Der grimmigste Feind hätte jetzt int Gefühl seines Sieges nicht lächeln können. So ernst Kraffts Gesichtsziige waren, so ruhig und' fast klar waren sie doch auch, denn nichts Bitteres sprach in ihm. So sah er fast feierlich aus, Und allen war es feierlich bei seinem Anblick. Als ob! jeder fühlte, daß da Einer zwischen ihnen' gehe, der ein Schicksal auf seinen Schultern trage. Es mochte manchem fein, als ob dies Haar, das in diesen schweren Tagen fast schlohweiß geworden war, mehr fordere als nur die Ehrfurcht vor dem Alter. Und manchem mochte auch das Herz bange geworden sein im Gedanken an des alten Lehrers Zukunft, und- er mochte sich in diesem Augenblick seiner eigenen Schuld erinnern, die er selbst an dem Unglück des Lehrers trug, dem er doch nur hätte dankbar sein müssen. Einem oder dem andern gar mochte es aufgehen, daß es etwas Gebietendes, Großes und Erhebendes sein müsse, so fest und sicher dahinzugehen, fisch aufrecht zu halten und kein Mitleid zu fordern, wenn ein großes Leid die Seele beschwert, ein Wirken, eine Zukunft, eine Existenz zertrümmert liegt. (Schluß folgt.) vermischtes. * „Wi.eviiel würden,S i c brauchen, rt reich zu sein?" fragte eines Tages Karl X. den französischen Schrift-, steiler und Staatsmann Chateaubriand. Und die Antwort lautete: „Verlorene Mühe, Majestät, lassen wir es schon so, wie cs ist: Wenn Sie mir jetzt vier Millionen gaben, würde ich heute abend keinen Pfennig Mehr davon Haben." Das war natürlich eist bißchen stark übertrieben, aber es kennzeichnete den Mann, der diese Worte sprach ; -er war ein an Pracht und- Ueppigkeit gewöhnter Herr, der sich Um Geld und Geldverdienst wenig kümmerte, obwohl ihm riesige Summen durch die Hände flössen. Fast noch verschwenderischer aber als Chateaubriand war Balzac, der nie ans den Schulden herauskam und dessen Leidensgeschichte geradezu ergreifend ist. Im „Correspoudanr" erzählt Fslicien Pascal aus d-em Leben dieses großen Schuldenmachers' einige höchst teerte -würdige Episoden. Balzac ging bei seiner lustigen Finanzwirtq schäft von dem Grundsatz aus: Man muß etwas.scheinen, Wenns man etwas sein will; der Luxus ist durchaus notwendig. „Wenn ein Mann so viel arbeitet wie ich," philosophierte der Dichter^ „und. seine Zeit 20 oder 25 'Mark pro Stunde wert ist, sind Droschkenfahrten geradezu eine Ersparnis, für einen solchen Mann sind Licht, Wärme, Bequemlichkeit ganz unentbehrlich. Da jn Paris die Menschen, welche sich mit dem Buchhandel .befassen« nichts anderes im Auge hüben, als die armen Schriftsteller auszuplündern, würde ich, wenn ich in einer Dachstube lebte, auch nicht einen Pfennig verdienen." Die logische Anwendung dieses Prinzips war einträchtig -eingerichtetes Hans mit vier Dienstboten, einem Pferd, zwei Kutschwagen, Silberzeug im Werte von 5000 Franks (das ständig zwischen Wohnung und Leihhaus hin- und herpendelte), zahllosen kostbaren Teppichen (die 5 Franks pro Monat, welche sonst für das Bohnen der Fußboden hätten! aüsgegeben werden müssen, sparten) und einem Mobiliar, das 80 000 Franks wert war. Und die Schulden wuchsen inzwischen bis ins Unendliche. Aber Balzac war nicht verlegen; er hatte jeden Tag neue hochfliegende Pläne und beschäftigte sich mit beut wunderbarsten kommerziellen und industriellen Ideen. Welch eilt Organisationsgeist! Ein neues System der Papierfabrikation soll ihm in wenigen Monaten Millionen bringen, aber es zerflattert in nichts, gerade in dem Augenblicke, in welchem -es praktisch erprobt werden soll. Drei Jahre später kommt er auf den Gedanken, von der Loire ans einen Kanal zu bauen. „Rossisti", kalkuliert er, „wird mir von Aguado (einem bekannten Millionär der .damaligen Zeit) das Geld verschaffen, und ich werde die Geschichte dann für das -doppelte oder dreifache Geld au Rothschild edieren: 26 Milliönchen werden dabei wohl für mich herausschauen. . ." Und der Mann, der sich mit solchen Mil- lionenplänen trug, besaß kaum so viel, um sich täglich für 10 Pfg! Milch kaufen zu können! Balzacs Schulden wurden schließlich in Paris das Tagesgespräch, und die Zeitungen griffen ihn wegen seiner Verschwendungssucht in nicht sehr zarter Weise an; sie sagten allerlei Verleumderisches über ihn und behaupteten sogar, daß er schon in Schuldhaft sitze. Aber er rächte sich, und wie! Man lese nur seine „Monographie de la presse Parisienne", und sehe sich die Journalistentypen an, die in feinen Romanen leben! Humoristisches. * Durch die Blume. „Wie geht es denn dem jungen Arzte, der sich bei Euch niedergelassen hat?" — „Ziemlich schlecht! — Anfangs hatte er wenigstens seine Freunde als Patienten!" — „Na, und jetzt?" — „Jetzt hak er auch keine Freunde mehr!" * Zweideutig. „Der Baron interessiert sich ganz besonders fürs Ballett. Ist er denn Kunstsachverständiger?" — „Ach, nein, bloß — Liebhaber!" * Ein Kunstkenner. Violinvirtuose (stolz): „Tie Geige, auf der ich -Morgen abend in Ihrem Hause spielen werde, ist ein sehr altes Instrument." — Emporkömmling: „Schadet nichts, meine Gäste werden wohl keinen Anstoß daran nehmen." * Unverfroren. Hausfrau: „Jedesmal, wenn ich in die Küche komme, überrasche ich Sie beim Lesen. Wie ist cs nur möglich!" — Dienstmädchen: „Gar kein Wunder, wenn MadaM so'n leisen Tritt hat!" ' ,, * Läßt tief Mi den. Junge Dame: „Sie haben gewiß häufig Sehnsucht, Herr Kapitän?" — „O, nein, ich bin ja immer nur ganz kurze Zeit zu Hause." Dechissrir-Aufgabe. Imr vewgliw tjivh ryo inqqiv nekir, Imr weyfviw opimh ryv inqqiv xvekir, Hir ryixdir jviyrh ryv inqqiv tpekir, Xleix rniqepw perkir ryxdir xvekir. Auflösung in nächster Nummer: Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer: Bedenke dies: schon manchmal trat ein Segen In der Gestalt des Unglücks Dir entgegen; Dir fehlte nur in jener Zeit des Leidens Der klare Blick des scharfen Unterscheidens. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».