1909 Donnerstag den November •i 1 Rheinlandstöchter. Roman von Clara V i e b i g. (Fortsetzung.) Kochdruck verboten.) Ec eilte, der Schweiß perlte ihm auf dec Stirne; das Mittagsglöckchen bimmelte, als er vor Meerfeld stand. Zn «grauem Dunst lagen die Hütten. Die Fahrstraße zum Dorf ein zäher Brei, rechts das Maar und die Felder ein Wasserspiegel. Traurig standen die nackten Höhen int Kranz, die Ginstersträucher drauf reckten sich wie struppige Haarbüschel. Aengstlich duckten sich die Hütten int äußersten Talkessel, immer nah und näher kam die trübe Flut. Bon Nässe angedunkelt ragte der Turm des Kirchleins, sein Dach in Zwiebelform schien an der Bergwand zu kleben; Wimmermd rief die Mittagsglocke zum zerfetzten Himmel. Die Dorfgasse war einsam, nur ein Hund mit einge- kuiffenem Schwanz schlich zwischen dem Misthaufen herum; er bellte den Fremden an. Wie auf .Kommando öffneten sich die Türen, an den papierverklebten Fenstern tauchten neugierig Gesichter auf: „Dan Borgemaster, dän Borgemaster!" Man grüßte nicht freundlich; stumpfsinnig faßten die Männer nach ihren Mützen. Dallmer trat auf sie zu: keiner scharrte einen Kratzfuß. „Tag, Meerfelder, wer ist krank? Wo?" „Dod," sagte der eine lakonisch und spuckte aus. Dann sah ec dem Bürgermeister starr ins Gesicht. Es schien was in dem Blick zu sagen: „Was fragst du noch?" Die klebrigen murmelten undeutlich. Ihre Zahl hatte sich im Handumdrehen vergrößert; ihrer zehn, zwölf standen da, die Hände in den Hosentaschen, die ungekämmten Haare in die blassen Gesichter hängend. Aus den vom Regen zerwühlten Misthaufen, rechts und links, stieg ein ekelhafter süßfauliger Geruch auf; die 'braune Brühe lief einem bis unter die Füße. Dallmer hielt unwillkürlich den Atem an; von den Männern wehte ihm ein Fuseldunst entgegen. Die Sonne stach; lange Regenstreifen zogen sich am Horizont Und Wolkenbällen jagten vorüber. Der Zugwind klappte mit einem morschen Fensterladen, eine grelle Weiberstimme zeterte dahinter hervor: „Saot dem Borgemaster, hän sollt sich uet wunnern, wann mer all krepiert sinn! Dat Maar kömmt uns öwer dän Hals, dat läßt sich uet kommanderen. On vns Könner schreien for Brud „Jao, jao," murmelten die Männer, „se baot recht! Wann uns Maar geblieben wär', wie et gewest waor, et däht besser sein. E su elendig fimmer nie gewest. Eweil könne mer versaufen!" Sie warfen unruhige Blicke hinter sich, dann starrten sie alle den Bürgermeister an. Diese hohlen Augen über den vorstehenden Backenknochen hatten etwas Furchtbares. Dallmer war bleich geworden, er wandte sich ab. „Karin mich einer zum Leisager führen?" Die Männer sähen sich an; endlich schob sich ein halbwüchsiger Bursche vor. Mit eingeknickten Knieeu nnd verdrossener Miene schlorrte er vor dem Bürgermeister her. Es ging wieder zum Dorf hinaus; ein wenig abseits, eilt» gedrängt zwischen Berg und Maar lag die baufällige Hüttst des Johann Leisager. Dallmer erinnerte sich des Menschen genau, noch jung, aber verbummelt und einer dest Aermsten im Dorf. Früher war er Fischer gewesen; seit die Fische im Maar krepiert, verlängerte er ohne Beschäftigung die Tage. Jetzt lvaren sie angelangt. Wie ein Haufen Elend lag die Hütte, mir ein schmaler Erdstreif führte noch zu ihr hin; das trübe Wasser stand fast bis an die windschiefen Mauern. Durch den moorigen Schmutz patschten sie zur Tür; sie war eingeklinkt, der Laden vor dem einzigen Fenster geschlossen. Sie traten ein. Eine Luft schlug ihnen entgegen, die den Bürgermeister taumeln machte. Dick, dumpf schwebte es in dem engen Raum. Dallmer stieß das Fenster auf. Da lag der Tote auf ungehobeltem Brett über zwei Schemeln, einen Strohwisch unterm Kopf. Eine zerfetzte Decke war ihm .übergebreitet; die Hände, drinnen der Rosen» kranz, hatten sie ihm gefaltet. Der bleiche Sonnenschein drang kaum durch die Fensterluke, in den Winkeln blieb's dunkel. Jetzt ein Stöhnen, es regte sich was! Der Laubsack in bet' Ecke raschelte, eine Frauengestalt in zerlumptem Rock und wüst herumhängendem Haar wankte auf die Ein- getretenen zu. Strohhalme hafteten in ihren fahlblonden Strähnen; die Jacke hatte sie auf der Brust voneinander gerissen. Dallmer sah sie befremdet an —- war der Leisager verheiratet? Der Führer streckte gleichzeitig den Finger aus. „Sei Mädche! Se dient beim Vieh an Malhesen. Se waor als graod de Nacht beim Hanni, als hän krank gäwen es; eweil will se uimmeh weg!" „Re," sagte das Mädchen heiser und schüttelte sich. „Ne. hän es uet dod. Hanni!" Sie trat näher und zupfte mit bebenden Händen an dem schmutzigen Hemdkragen des Toten. „Klick rnech an, Hanni! Schlaffte?" Sie stieß den starren Körper in die Seite, die gefalteten Haube rutschten etwas auseinander. „Ne, ne, ech giehn uet e.toeg, Hanni, cd) bleiwen bei der!" Sie kauerte sich nieder und legte ihren Kopf auf die Brust des Toten. „Hanni!" Dallmer schauderte, als er sie so liegen sah ; fahlgelb Ivar ihr Gesicht, auf den Backen ein feuriges Rot, die auf» aespruncieuen Lippen vom Fieber verbrannt. „Se hast als de Krankheit!" Der Bursche starrte sie neugierig an. Sie hatte jetzt die Augen geschlossen sie toten zu schlafen; aber das Zucken der Lider, das Aechzen der Brust verrieten das tobende Fieber. . _ „Sie muß fort, sie stirbt hier!" Dallmer erschrak saft — 706 — Vor beut' Laut der eigenen Stimme. „War der Pfarrer schott Mer?" „E ne." Grinsend zeigte der Bursche die Zähne. „Dän Leisager es lang net zur Beicbt on Kommunion gewest, on bat 'Anna — no, dat es doch nor sei Mädche! Ne, dän gaast- licherr Hahr waor noch net hei! " Dallmer wandte sich ad; er fühlte wie ihm das Blut siedendheiß zu Kopf stieg, er stieß die Tür auf und trat ungestüm über die Schwelle. O, nur einen Atemzug freie Luft! Es war zum Ersticken. Boni Wasser krochen Dünste her, sie legten sich ihm beklemmend aus; die grauen Haare klebten ihm an den Schläfen. Er schwitzte. Unruhig ließ er die Augen über die Oede schweifen. Vom Dorf her näherte sich eine Gestalt, eine Frau; dunkel löste sie sich mts dem fahlen Grau. Erz hielt die Hand über Die Augen — wer war das? Das bleiche Licht blendete ihn, nun war es hinter einer dräuenden Wolke verschwunden. „Nelda--?!" Es war Nelda. Sie hatte zu Hause gesessen auf denn Fensterplatz und dem Onkel die Gasse hinunter nachge- schaut, wie er in Unruhe fortgtng. Dann hatte sie mit schwermütigem Blick den Kopf in die Hand gestützt. Heute war Ostertag, und .heute vor einem Jahr — —?!' Da waren auch Glocken erklungen; sie stand mit klopfendem Herzen in der Kirche hinter dem Brautpaar, hörte die Worte der Traurede und hörte sie doch auch nicht. „Wo du hin- Vehst, will ich auch hingehen"--in ihrem Herzen war eine frohe Liebesahnung, eine reine Glückseligkeit. Nelda hatte schaudernd das Gesicht in den Händen vergraben, dann war sie aufgesprungen und, von plötzlichem Einfall getrieben, dem Onkel nachgeeilt. Sie konnte nicht allein sein. Schwer war der Weg auf der Höhe gegen den sausenden Wind gewesen, noch schwerer der unten im Tal; mit zu- sammettgebissenen Zähnen strebte sie vorwärts, es tat ihr wohl, gegen was anzukämpfen. Eine Weile sah sie den Onkel vor sich, sie rief — umsonst — sie verlor ihn aus den Augen. Im Dors klopfte sie am ersten Haus; ein struppiger Frauenkopf fuhr heraus, ein paar Kinder kamen gekrochen und starrten sie unbeweglich an. Neldas Herz fing an, eine warnte Regung zu spüren. Kinder —! Gleich einer Vision glitten andere Kindergesichter an ihr vorüber, lachende rotwangige, — und diese hier so elend, so verkümmert! Der vierjährige Junge dort sah aus wie ein altes Männchen. Sie bückte sich und strich ihm über die dünnen Härchen. „Ms heißt du? " Das Weib wurde zugänglicher; es brach in ein klägliches Lamentieren aus, dann wies es Nelda zurecht. Und mut war der Onkel erreicht. „Um Gotteswillen, Nelda, was willst du?" Dallmer sah sie erschrocken und unwirsch an. „Hier ist kein Ort für dich! Geh' mir gleich zurück!" Er schob sie von sich. Sie ging nicht, sondern sah ihm gerade ins Gesicht. -„Nein, Onkel, ich will nicht; ich bleibe bei dir!" „Das geht nicht." Er schüttelte den Kopf und dämpfte Unwillkürlich die Stimme. „Da drinnen ist der Typhus!" Er seufzte tief, seine Stirn zog sich in viele Falten. „So ein Elend !" „Onkel, was ist demt? Sag' mir's!" Sie legte die Hand fest auf seinen Arm, es war etwas von der alten Nelda in dieser raschen Bewegung. Wärett hier Jubel und Glück gewesen, sie wäre gleichgültig vorbeigegangen; aber die gedämpfte Stimmung" ringsum, die graue Trauer über den öden Hängen, deut trüben Maar, der verfallenen Hütte fanden einen Widerhall bei ihr. „Ich geh' nicht! Jetzt sag' mir, was da driun ist!" „Krankheit — Tod — den Schatz nicht verlassen" — wie die Wenigen Worte an Mldas Seele rührten! Bor ihre Augen legte sich ein Schleier, in ihren Ohren tönte ein Rauschen, sie hörte Osterglocken klingen, sie sah sich Seite an Seite mit dem Geliebten. Sie gingen den Rhein entlang, weiche Dämmerung sanc verhüllend nieder. Und überin Wasser eine Stimme, in der Luft ein Säuseln — „Wo du hingehst, will ich auch hingehen."--- Mit einer unerwarteten Wendung schob Nelda den Onkel zur Sette. Sie stand schon in der Tür, nun nickte sie zurück. „Geh' nur nach, dem Dorf, hol' die Leute und ordne alles an! Ich bleibe hier. Man muß so jemanden nicht verlassen." * Es war am Abend des selbigen Tages, der alte Regen ging nieder. Zn Manderscheid waren die Gassen wie aus- gestorben; alles saß im Wirtshaus. Bei Hommes quiekte Tanzmusik; die Manderscheid er Burschen, die Geld hatten, tanzten da mit ihren Mädchen. IN den zwei kleinen Schenken, am oberen und unteren Ende des Dorfes, keine Tanzmusik, desto mehr Lärm; da waren die Meerfelder eingekehrt. Durch den Tabaksqualm nur rote erhitzte Gesichter zu sehen mit vorgequollenen Augen; heisere Stimmen gröhlten und zankten. Auch Weiber waren dabei. Das Geschrei drang durch die geschlossenen Läden hinaus in die feuchte Nachtluft und zerrann im Dunst. Bis zur Bürgermeisterei drang kein Laut. Dallmer und seine Nichte saßen am runden Tisch sich gegenüber, beide sehr still. Zwischen ihnen stand die Lampe, sie verbarg einen vor dem anderen. Der Bürgermeister hielt die Pfeife in der Hand, aber er vergaß das Rauchen; gedankenlos sah er auf das Zeitungsblatt nieder, feine wetterharte Stirn war finster zusammengezogen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, sie hüpften die Spalten auf und nieder, schrumpften zusammen und spreizten sich, wieder — stand da nicht etwais ganz anderes, als eigentlich stehen sollte, in großen feurigen Buchstaben und brannte ihm ins Herz?! Keine Politik, keine Handelsberichte, keine auswärtigen Nachrichten! — — — Da — „Am ersten Ofterfeiertag wurde hinter dem Bürgermeister Konrad Dallmer, der füitfund- zwanzig Jahre, sage sündundzwanzig Jahre! — in der Eifel tätig, auf seinem Gang durch das Dorf Meerfeld ein Stein geschleudert, der ihm den Hut vom Kopf riß. Drohende Stimmen schrieen ihm AnschUlbigilngen und Verwünschungen nach, man —" Dallmer fuhr sich mit einem Stöhnen über die Augen, seine Hand zerknitterte die Zeitung. Für einen Slugenblick hob Nelda den Kopf und sah um die Lampe herum nach dem Onkel hinüber. Auch sie seufzte. Bor ihr lag ein Briefblatt; sie hielt die yeben in der Hand, sie sollte nach Hause schreiben und wußte doch nicht was. War es möglich, das yinzuschreiben, was ihre Seele füllte bis zum Rand? Kein anderer Gedanke konnte aufkommen. Immer sah sie das zerlumpte Geschöpf mit dem fahlen Geftcht und den wirren Harren am Boden kauern, den Kopf auf die Brust des Toten gelegt. Sie sah sich selbst die Elende aufheben, zum Lager schleppen, ihr Wasser an die vertrockneten Lippen führen; und alles das tat sie mit einem wunderlich gemischten Gefühl von Mitleid und Reid. (Fortsetzung folgt.) GberVerlirr. Eine Gründungsgeschichte von Paul Scheer bart. Vor acht Tagen erhielt ich einen blau geränderten! Bries; sowohl das Kuvert wie der Briefbogen zeigten einen dunkelblauen Rand. Da stand geschrieben: „Geehrter Herr! Wir brauchen Ihren Rat und Ihrs Mitarbeit in einer neuen Gründungssache. Dürfen Wir Sie bitten, uns zwischen 9 und 12 Uhr Vormittags ans- znsuchen? Wir werden Ihnen battlBa: sein. Hochachtungsvoll! Laura Eis en Hardt, Direktrice der Berliner Gründungs-Zentrale." Diese „Zentrale" befand sich in der Potsdamer Straße. Und ich ging natürlich hin, da ich sehr neugierig bin. Ein handfester Portier im langen blauen Man el öffnete mir, verbeugte sich tief vor mir und führte mich in das Empfangszimmer, allwo zwei andere Diener in langen blauen Mänteln mich, ebenfalls mit tiefster Verbeugung begrüßten. Dann öffneten diese beiden Diener eine große Flügeltüre, standen ganz stramm wie alte Soldaten und ließen mich in ein zweites Zimmer treten, allwo abermals zwei Diener in blauen Mänteln sich verbeugten und nm .meinen Namen baten. Sie meldeten mich und ich trat in einen kleinen Salon, in dem eine junge Dame vor einem großen Schreibtisch saß. „Ich danke Ihnen", sagte sie freundlich, „daß Sie gekommen sind. Setzen Sie sich. Rauchen Sie eine Zigarette ober eine Zigarre und gießen Sie sich einen guten Kognak ein. Es steht alles vor Ihnen. Sie müssen sich ein wenig stärken, denn was ich Ihnen zu erzählen habe, das kann nur ein sehr starker Mann vertragen." Ich dachte an die fünf starken Diener in blauen Mänteln und tat — wie ich sollte. „Ich bin sehr neugierig!" sagte ich. — 707 . „W handelt sich", siihr die Dame fort, „um1 einen kleinen Mesenplan, dessen Ausführbarkeit aber nicht im Reiche der Unmöglichkeit liegt. Wir leben ja in einer so lebhaft bewegten Zeit, daß der Boden für wirklich groß/- zügige Unternehmen gar nicht so schwer anfzufinden ist. Wir wollen, um es kurz zu sagen, ein Over-Berlin schaffen. Sie verstehen mich natiirlich noch nicht. Aber Sie werden gleich so weit sein. Wenn Sie Berlin von der Gondel eines Luftballons betrachten, so merken Sie gleich, daß alle Straßen —■ —- von Häusern nicht bebaut sind. Lachen Sie nicht! Die Geschichte ist mir eine sehr ernste Angelegenheit. Ich meine natürlich nicht, daß wir jetzt die Straßen ebenso bebauen wollen wie das andere Bauterrain. Mer — ich habe mit vielen Ingenieuren gesprochen — eine andere Bebauungsart der Straßen ist sehr wohl möglich und ausführbar. Denken Sie sich Bauten, die auf eisernen Säulen ruhen, und denken Sie sich diese Säulen höher als die meisten Häuser der Stadt-, so werden Sie sich vorstellen können, daß die Straßen sehr wohl auch LMaut werden können, ohne daß der Verkehr unterbunden wird. Das ergäbe also ein Ober-Berlin — und das würde einen vortrefflichen Eindruck vom lenkbaren Luftballon aus machen. Berlin muß eben etwas ganz Besonderes haben, nm die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zu lenken. Wir haben ja damit zu rechnen, daß wir in drei Jahren Tausende von lenkbaren Luftschiffen besitzen. Für die Reifenden auf diesen Lenkbaren muß ein besonderer Magnet hergestellt iverden. Und — Ober-Berlin kann sehr wohl ein solcher Magnet werden. Wollen Sie das bezweifeln?" „Keineswegs!" sagte ich ganz ernst und goß mir einen zweiten Cognak ein. Die Dame aber sichr abermals fort: „Sie werden natürlich über die praktische Ausführbarkeit Informationen haben wollen. Die kann ich Ihnen gleich geben: durch die unselige Steuergeschichte in diesem Gommer werden weite Kreise sehr in Unruhe geraten. Und es könnte Vorkommen, daß die Zähl der Geld- und Arbeitslosen in Berlin zu groß werden könnte. Da heißt es nun: die Aufmerksamkeit auf neue große Unternehmungen lenken, damit man die langweilige Steuermisere vergißt. Wie aber müßten denn solche großzügige Unternehmungen aussehen? Doch so, daß man gar nicht darüber wegsehen kann, nicht tvahr?" „Freilich!" erlviderte ich lebhaft, „über ein Ober-Berlin kann man nicht so leicht hinwegsehen —• man müßte schon in einer Luftballongondel sitzen, um darüber hinwegzusehen. Bon der Straße aus gehts nicht. Werden aber dann nicht sämtliche Straßen so dunkel sein, daß man Tag und Nacht Licht brennen muß?" „Natürlich!" erwiderte Laura Eisenhärdt, „aber schadet das denn etwas? Wundert man sich darüber, daß Berlin in der Nacht erleuchtet ist? Es denkt doch niemand daran, fick darüber zu verwundern. Also: warum sollte man sich darüber wundern, wenn das Unter-Berlin auch am Tage durch elektrisches Licht erleuchtet wird? Zur Verwunderung liegt gar keine Veranlassung vor. Die Untergrundbahn wird doch auch am Tage elektrisch erleuchtet, und man wundert sich nicht darüber. Ober-Berlin muß selbstverständlich nach einheitlichem Plane entzückend gebaut werden — mit Blumeuterrassen, bunten Glasdächern, Säulenarrangements für Beleuchtungszwecke, Lufthäfen und Bahnhöfen meuester Konstruktion. Alles Dachartige muß so großartig gebaut werden, daß es von der Baliongondel aus einen imposanten Anblick gewährt. Hier haben natürlich die Architekten zu zeigen, was sie können. Und man muß auch im Auge behalten, daß später eine architektonische Ueber- b-auung der Dächer von Unter-Berlin möglich werden könnte — Berlin muß die köstlichste Stadt der Erde — von oben aus gesehen — werden. Dann wird der gesamte Luftschiffverkehr in Ober-Berlin eine glänzende Zentrale erhalten. Die Sache ist durchaus nicht so schwierig durch- zuführen, da wir ja mit diesem Kolossalunternehmen soziale Gefahren beseitigen oder doch abschwächen könnten. Sie verstehen wohl, wo ich hinaus will. Der Staat selbst — die Regierungskreise — müssen für diese große Idee gewonnen werden. Und sie sind zu gewinnen, Inen» wir ihnen klar machen, daß dadurch die Wirkung der unseligen Steuern übgeschwächt wird. Und — so werden wir im Handumdrehen im Besitze von großen Geldern sein, die uns die Ausführung dieses Riesenplans womöglich schon in diesem Jahre ermöglichen. Run liegt uns natiirlich zunächst daran, durch richtig geschriebene Prospekte Staat und Stadt in Mitleidenschaft zu ziehen. Wollen Sie die Güte haben, viese Prospekte zu schreiben?" „Selbstverständlich!" sagte ich und goß mir beit dritten Kognak ein. . »Ich werde," sagte Latlra Eisenhärdt lächelnd, „Ihnen gleich einen kleinen Vorschuß zahlen," und sie legte zehn Tausendmarkscheine vor mir einzeln auf den Tisch. Ich dachte natürlich gleich: „Wenn sie nur echt wären!" . Ich untersuchte jeden Schein einzeln ganz genau, da ich diese Scheine sehr gut kenne — und überzeugte mich sehr bald, daß auch nicht ein einziger falscher Schein dabei war. „Der Vorschuß ist so glanzend wie das ganze Ober- Berlin!" sagte ich lachend, steckte die Scheine in meine Banknotentafche zu den Hundertmarkscheinen, die darin waren, goß mir noch einen Kognak ein, trank ihn aus und erhob mich. . „Meine Gnädige", sagte ich, während ich der Dame die Hand küßte, „Sie werden von meinen Prospekten ebenso entzückt sein — wie ich es von Ihrer wahrhaft hervor^ ragenden Idee bin!" Danach verließ ich Laura Eisenhärdt. Ich wollte noch fragen, ob sie verheiratet fei, ließ das aber, da die Frage doch falsch gedeutet werden konnte. Laura hatte prächtige weiße Zähne, braune Augen und rötliche Haare. Im zweiten Vorzimmer kam der Portier auf mich zu und sagte flüsternd: „Mein Herr! Sprechen Sie kein Wort, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist. Wer geben Sie gefälligst sofort die« zehn Tausendmarkscheine heraus." Ich machte natürlich ein sehr verdutztes Gesicht. Wer da kamen die vier anderen Diener mit langen Browning- Pistolen und hoben diese langsam in die Höhe — dazu wirkten die langen blauen Mäntel sehr imposant. Ich aber griff in meine Rocktasche und holte die zehn Tausendmarkscheine hervor und gab jedem der fünf starken Diener zwei von diesen glänzenden Scheinen. Danach verbeugten sich die starken Diener und der Portier sagte listig: „Mehrere Geheimpolizisten folgen Ihnen und werden Sie nicht einen Augenblick unbeobachtet lassen. Wir raten Ihnen also: gehen Sie ja nicht auf ein Polizei-Bureau, es könnte Aren Tod zur Folge haben. Sie werden sehr bald weiteres zu hören bekommen. Gehen Sie nach Hause." Ich ging nachdenklich zur nächsten Elektrischen und fuhr nach Haufe. Am Abend erhielt ich wieder einen Brief mit blauem Rande — da stand: „Geehrter Herr! Verzeihen Sie einer Dame, die sich langweilte,, den Keilten Scherz, den ich mir erlaubte? Die Diener handelten in meinem Auftrage. Ich verreise. Schreiben Sie eine Geschichte über die Gründung. Hochachtungsvoll bin ich Ihre Laura Eisenhärdt, Direktrice in einem Schuhwaretigeschäft." Der Lod pollchinellss. Während in Deutschland, dank dem Eingreifen der Münchner Künstlerschaft und des Schriftstellers Paul Brann, das Marionettentheater eine fröhliche und vornehme „Urständ" feiert, trägt man in Belgien, namentlich in Lüttich, bald beu letzten „Polechenelle" zu Grabe. Kaum- sieben Jahre sind es her, daß in der wallonischen Hauptstadt noch nicht weniger als 54 Puppentheater florierten. Nach einer Lütticher Zeitung gibt es heute im Bolksviertel von „D'ju d'lä" nur noch vier oder fünf. Im Quartier „?llt- Brüssel", der zukünftigen Weltausstellung, wird sicher auch wieder ein Polechenelle-Keller vorhanden sein, und die volkstümliche Figur seines Direktors Tont wird, wenn dieser joviale Herr überhaupt noch lebt, eine unterhaltsame Auferstehung erleben. Aber er und seine „Künstler" werden nicht viel mehr als eine zu flüchtigem Leben auferweckte Rarität bedeuten. Man wird sie nur aus Mitleid, und um Jugenberinnerungen aufzufrischen, besuchen. Und die Marionetten werden kaum noch unseren jüngsten Kindern eilt Lächeln abgewinnen können: ist man doch heutzutage schon in den Pumphöschen so schrecklich blasiert! Die geistlosen Ritter- und Räuberromane sind nicht mehr nach dem Gieschmack der belgischen Jugend. In Lüttich wird man bald Kasperle, der Hier Chancet heißt, Charlemagne, Roland, die Magier, die schönen Ritter und —- 708 — beit bösen Verräter in das archäologische Museum im Cur-- tius-Hause versetzen müssen, um auf diese Weise wenigstens das Andenken an eine einstige, in ihrer Unschuld so schöne Volksbelustigung festzuhälten. Ihr Aiisang wird von den meisten Forschern ans das erste Kaiserreich zurückgeführt. Doch scheint er weiter zu- rückzuliegen; wahrscheinlich hat die Epoche des ersten Napoleon nur einschneidende Aenderungen in die Form und Vortragsweise der Polechenellen zu Tage gefördert. Wenn man, namentlich in beit volkstümlichen Vierteln der Maasstadt, auf der Schwelle eines baufälligen Hauses einen Mann in Hemdsärmeln ans ein altes Kalbfell schlagen sah, so konnte man. sicher sein, das; sich dort ein Puppenspiel vorfand. Es kam häufig genug vor, daß das Theater int Wohn- und Schlafzimmer der Familie des Direktors selbst aufgeschlagen war. Einige Holzklötze dienten dann den Zuschauern als vordere Parkettreihen; der Sitz wurde mit dem fabelhaft hohen Betrage von 5 Centimes bezahlt. Dahinter die Stehplätze zu je 2 Centimes. Da in den alten Lütticher Hausern das Wohnzimmer vielfach auch noch einen unter der Decke sich bergenden Mansardenraum befaß, so wurde auch dieser zu einem „ersten Rang" her-gerichtet, und dort kostete der Sitz, wegen seiner erhöhten Lage, 3 Centimes/ Dort hinaus krochen die Begeisterten und ließen ihren Witz, und ihre Lustbarkeit nicht nur an den „Schauspielern", sondern auch an dem Publikum des Parketts und des Parterre aus. Diesem war es besonders unbehaglich zu Mute, wenn die Frau des Puppenspielers gleichzeitig einen Obsthandel betrieb. Um bei der erschöpfenden Schilderung dieses „Theatersaales" zu bleiben, muß auch noch erzählt werden, daß. bei großem Andrange selbst das ungeheure Familienbett als „Fauteuils" vermietet wurde, und zwar ohne Preisausschlag. ; Natürlich gab es neben diesen ganz urwüchsigen Einrichtungen für Puppenspiele auch Lokale „besserer" Gattung, die, zumeist in Kellern oder Parterrelokaiitäten untergebracht, ebenfalls mehr oder weniger primitiv und so un- bequent als möglich ausgestaltet waren. Der Spielplan lvurde namentlich von Ritter- und Schauerdramen bestritten. Daneben aber machte man auch dem wirklichen Theater furchtlos Konkurrenz. Es geschah nicht selten, daß man „Roger, den Schanbbefleckten", „Die zwei Waisen", „Die Piraten der Savanne" und so fort von den Puppen dargestellt sah, und auch große Opern, tute „Wilhelm Teil", „Faust", „Tannhäuser" sind über die Bretter der Lütticher Puppentheater gegangen — man frage freilich nicht, wie? Auch muß es zur Schande der sonst so musikalisch veranlag teu Wallonen gesagt werden, daß. obige in Musik gesetzte Helden beit stammverwandten und traditionellen Haünons- kindern, Ogier, dem Dänen, den Lancelot, Hüon von Bordeaux, Amadeus von Gallien und ähnlichen gestiefelten Herrn schmachvoll unterlagen. Diese Figuren nur waren und blieben die wahre Kost fürs Volk der Puppenliebhaber. Zu Weihnachten und Ostern wurden ihnen dann noch geistliche Vorstellungen geboten, ein Abklatsch der inittel.Nter- lichen Mysterien. Mau berichtet ferner, daß einzelne Lütticher Polechenelletheater über ein Personal bis zu achl- hnnbert Puppen verfügten. Die tzaiiptmimen Wogen im Durchschnitt ihre 10 Kilo, die Statisten und Nebenpersonen höchstens zwei. Man ersieht daraus, baß der Akteur, der die Puppen am Schnürchen hatte, es mitunter garnicht so „leicht" hatte. Wie Deutschland seinen Hanswurst, so hatte das Lütticher Puppentheater als stehende Persönlichkeit, wie gesagt, feilten Chancet, der den eingeborenen Witz verkörpern und ausdrücken mußte. Chancet ist zwar geborener Lütticher, aber von sozialer Stellung ein Bauer in Holzpantinen, mit denen er einen fürchterlichen Lärm auf den Brettern der Pnppenwelt vollführte. Der klassische Chancet mußte außerdem mit einem blauen Kittel, weiß-leinenen Hosen und einem altmodischen Zylinder bekleidet sein. Auch hielt der Lütticher Chancet besonders auf eine äußerst große Jiafe, die, nach dein jeweiligen Geschmack des Erzeugers, dato als „Gurke", bald als „Kartoffel" geformt war. Schabe um ihn und um sie! für JugendwändemugÄt, auf seine Glückwunschsendun'g folgenden! schönen Brief gesandt, den wir mit Erlaichnis der Monatsschrift des Bundes entnehmen: . »Aks ich. Ihre Sendung dnrchgelcsen, so hätte ich mich am; nebitcrt gleich den Wandervögeln zugesellt und wäre mit in die schöne Welt hinaus, jugendfroh, bedürfnislos, sorglos und noch manch anderes los, was. das Alter gebracht hat; aber wenn mau im siebzigsten Jahre steht, da erwecken solche Gelüste nur schmerzliches Empfinden. Ich gedenke wieder der schönen Wanderungen, die ich in der Jugend gemacht habe uno es ist mir, als ob ich ans denselben? Nahrung für das ganze Leben eingenommen hätte. Auch ich war damals bedürfnislos und sogar alkoholfrei, denn ich konnte froh sein, wenn die wenigen Kreuzer, über die ich verfügte, mir aus- reichten, die nötigen Nahrungsmittel zu verschaffen; das Wasser ist bekanntlich im Schwarzwald besonders gut und eine. Dickmilch mit Schwarzbrot iir einem Bauernhaus ist auch nicht zu verachten. Jeder -Quell, jeder schattige Baum lvurde mir ein milder Wirt; ich sah die Schönheit der Welt und sog sie förmlich in mich — auch hatte ich mein Skizzenbüchlein zur Hand, alle anderen Wünsche! lagen in guter Ruh — tote sollte inan da nicht glücklich sein. — Ich bin in der Nacht gewandert wie bei Tag, durch Sturm und Schn-eü und Regen wie bei Sonnenhitze. Mit -einem Stück Brot imi Sack und -- ich will hier gerne eine jugendliche Schwäche bc- fennen — mit einer nicht kleinen Portion Zucker, habe ich öfters den- zwAfstündigen Marsch von Basel nach Bernau und umgekehrt gemacht. Freilich wanderte ich fast immer allein, wie schön muß es aber sein, wenn man jugendliche Wandergeuossen hat, die frohe Lieder singen. Nun bin ich aber alt und bereit, Abschied zu nehmen von der schönen Erde — man muß sich auch, jeder auf seine Weise, damit absindeu — auch da muß man suchen frei zu werden von Wünschen, daß man auch diese Wanderschaft leicht nntrcten kann. Trotz diesem Lostveuneu habe ich aber meine Freude daran, daß jetzt so viele Bestrebungen auftaucheit, die darauf hiuaus- gcben, die Jugend gesund und stark zu erhalten und damit wahrheitsliebend, pflichtgetreu nach sittlicher Reinheit strebend; eine Jugend, die stark ist, die Ehrfurcht hat vor der Natur und den geheimnisvollen Mächten, die sie regieren, eine Jugend, die ihrer Begierden Herr zu werden lernt, in Beachtung der Verpflichtungen, welche die Menschengesellschaft, das Volkstum, beanspruchen muß von jedem Einzelnen, weuwdas Ganze gesund und stark bleiben will. Wir Deutschen- haben es besonders notwendig, als Volk gesund zu bleiben bei den vielen Gefahren, die drohen und die nur ein ganz gesunder Kern überwinden kann. Es ist Pflicht der Jugend, gesund zu sein. Ihr „Wandervogel" ist! Mmß auf guten Grund- sätzeic aufgebant, nicht auf Vergnügungssucht, sondern auf bi-e Fröhlichkeit, die stark macht zu aller guten Tat und auch zur schwersten Pflichterfüllung, die ja an jeden von uns herankommt. .— Ich kann mir auch denken, daß der Plan des „Wandervogels'" dahitt geht, echte Brüderlichkeit zu pflegen, das Volk in feinem Manchem so verschlossenen stummen Dasein kennen und schätzens zu lernen als eine Urkraft, die entsteht, wenn mancher Wind der Meinungen und sogar der Weltanschauungen verweht ist. — Kenntnis der Heimat und Liebe zu ihr Möge der „Wandcrvogel"- fördern! „Ans Vaterland, ans teure, schließ dich au, Hier sind die- starken Wurzeln deiner Kraft." Ich denke es mir gar schön, daß die Jugend in der freie st Natur Kraft holt und feine Sinne, statt in der Kneipe zu renommieren — ja, cs will mir fast dünken, daß das, was man ilt Gottes schöner Natur sich' anszusprechen erlaubt, nie ganz dumm sein kann. Nun wünsche ich, daß der „Wandervogel" allzeit seine schönest Zupfgeigenlieder singen möge und daß sein Flug ihn zu schönen Höhen des Lebens führe. Indem ich Sie bitte, ihm meinen Gruß übermitteln zu wollen — Hochachtungsvoll Karlsruhe. Haus Thoma, Arithmsgriph. 12 6 1 deutscher Fluß. 2 8 4 4 5 Stadt in Posen. 3 2 2 1 französischer Fluß. 4 5 6 5 alter Name einer arabischen Landschaft. 5 6 12 biblischer Name. 6 13 2 ein Werkzeug. 1 2 3 4 5 alttestamentlicher Prophet. 7 5 8 3 7 3 eine Insel. 8 5 2 2 1 Stadt in Mitteldeutschland. 123456178 weiblicher Vorname. Auflösung in nächster Nummer,? Auflösung des Zitatenrätsels in voriger Nummer: Weh' dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld. Ein Brief Hans Thomas. .... ,P/»s?ls.or Hans Thoma, dessen 70. GcburtÄäg' wir kürzlich feierten, hat dem Wandervogel, dem Deutschen Bund Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brtthl'schen Universitäts-Buch, und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.