m 1909 — Hr. H2 ■ mut WN w W WM IsteaS Nerven. Novelle von Georg Freiherr von Ompteda. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ich raffte mich ein paarmal auf, doch weiß der^Teufel, immer sank ich wieder in meine halb schlummernde Stumpfheit oder stumpfsinnige Schläfrigkeit zurück. Natürlich hatte ich schon ein Loch mit der Zigarre, die ich weggelegt, in die Tischplatte gebrannt. Und da kam ich ans den Gedanken: „Nun ist's aber genug, mag's biegen oder brechen, jetzt gehst du in deine Falle." , , ... Ich stand aus, gähnte, streckte die Arme, rieb mtr die Augen, warf den Zigarrenstummel in den Aschenbecher und wollte eben gute Nacht sagen, als Fritz plötzlich bat: — Hör mal, ich würde furchtbar gern etwas mit dir besprechen. , t o Nun blickte ich ihn genauer an und sah, daß er durchaus nicht schläfrig war wie ich, sondern einen erregten Gesichts- ausdruck zeigte. Nervös spielte er mit der Uhrkette. . Er hatte mir offenbar wirklich etwas Wichtiges mitzuteilen, das ihn diese Zeit über ernstlich beschäftigt, wahrend ich geträumt und gedöst hatte. Obgleich ich herzlich müde war, konnte ich doch unmöglich dem Freunde sagen: „Alter Kerl, können wir das nicht morgen besprechen?" Das hätte ihm auf ewig den Mund verschlossen. Ich K mich also in meinen Lehnstuhl zurück, ein wenig nnig, indem ich mich aber äußerlich sehr zusammennahm, um ein interessiertes Gesicht zu machen. Fritz begann. Was er mir sagte, war so, daß mich nach den ersten Sätzen alle Müdigkeit verließ und ich ihm mit gespannter Anfmertsamkeit und tiefer Bewegung zuhorte.^u gemeint/ jch hätte mich damals beim Sturze gut benommen. Das freut mich. Und dann hast du erklärt, daß du der gleichen Ansicht bist, tote unser Oberst, weißt du, mit dem, na also nut der. . . mit dem. . . mit der... ich will's mal „Feighert" nennen. Du wirst mich deswegen nicht anders ansehen, da ich eben gehört habe, tote du denkst. Also daß ich's nur gestehe: ich freute mich, nicht wieder in den Sattel steigen zu müssen, weil mir solche Sachen, wie das Rennen, nicht angenehm waren. Ja, du machst ein erstauntes Gesicht, aber tch kann dir nur wiederholen — ich hatte „Nerven". Nennen wir's einmal, tote ich's vor mir selber nannte, geradezu „Furcht". — Das ist nicht möglich! — warf ich dazwischen. Doch er wehrte ab: f ,, — Ich kann dir die Versicherung geben, tch hatte Furcht. Jedesmal, wenn ich. sprang, war es mir wie Schwindel. Ein Gefühl, tote ich's toohl als Junge kannte beim Schaukeln, wenn die Schaukel nach vorn geht, em Gefühl, als ob ich plötzlich in einen Abgrund sänke. Jeder einzelne Sprung ivar mir eine Folter. Wenn mein Wille nicht stark gewesen iväre, ich hätte etn- fach gesagt: „Fällt mir gar nicht ein, nennt mich feige, nehmt mir den Reserveoffizier, denn ich bin ja nicht wert, die Achselstücke zu tragen, verachtet mich alle, aber ich springe nicht, ich springe nicht, und ich springe nicht! Wenn ich der Gefahr gegenüberstehe, ist mein Hemd naß. Nur gelang es nur noch immer, mich zu beherrschen. Und doch kann ich dir sagen, damals — ich weiß das noch so genau — als mich der Kommandeur springen ließ: wäre das Tier ein viertes Mal gefallen, ich hätte unserm Oberst den Gehorsam verweigert. Ich habe dir dieses Geständnis längst einmal machen wollen, aber ich konnte nicht, den Mut dazu finden. Der Mut hat mir auch dazu gefehlt. Ich habe nie Mut, ich habe nur Willen. Nun habe ich mir allerlei zurecht gelegt, um vor mir selbst anders daznstehen. Sieh mal, es gibt gewisse Sachen, zu denen gehört ein Mut, den Reiter wieder nicht haben. Kann man's zum Beispiel Furcht nennen, wenn du dem Löwenbändiger, der zu dir sagt: „Kommen Sie ruhig mit in den Käfig, ich garantiere, daß Ihnen nichts geschieht," antwortest: „Ich danke schön. Fällt mir nicht im Traume ein! Damit mich die Bestien zum Frühstück verzehren!" Der Löwenbändiger wird dich für feige halten. Und von seinem Berufsstandpunkt aus hat er recht. Oder du kommst bei einer Bergbesteigung an eine sehr gefährliche Stelle; die Führer sagen dir: „Es kann Ihnen nichts passieren!" Trotzdem zuckst du zurück und magst nicht über den schmalen Grat hinweg oder über die schwindelnde Wand hinauf. Ja, dann hast.du dpch zweifellos in den Augen der Führer Furcht und bist ein Feigling. Was ist also Feigheit, was Furcht? Es ist doch nur relativ! Ich habe mir das alles zu meiner Rechtfertigung überlegt. Und trotzdem: es ist nicht bloß das, es ist nicht beim Reiten allein, es ist bei allem. Ich kämpfe gegen mich an, die Furcht bleibt mir. Aber das ist nur die Einleitung. Ich glaube, wenn nicht etwas in mein Leben getreten wäre, das ich dir jetzt offenbaren will, so hätte ich auch dir, dem Freunde, zu dem ich das größte Zutrauen Habe, meine Schwäche me eingestanden. Ich bin nämlich in eine Angelegenheit verstrickt worden, aus der ich, tote ich weiß, nicht wieder herauskomme — wenigstens nicht lebend. Ich bin sozu- sagen zum Tode verurteilt. Erschrocken sprang ich auf und rief, die Hande zu- sammenschlagend: , , , i— Mer nun hört's doch wirklich auf, Fritz. Was hast du nur heute abend, daß du mir solche Geschichten erzählst? Doch er antwortete einfach: — Bitte, du wirst gleich beurteilen, ob ich recht habe öder nicht. Ich muß zu dem, was ich dir zu sagen habe, etwas weiter ausholen. Ich befand mich setzt, ehe ich zu dir kam, wie du weißt, ein paar Tage in Wien. 566 — die aber mit ' I Mir aber entfuhr ein unglückseliges Wort. Ich be- tlHHt|U.llcu herrschte mich nicht mehr und sagte möglichst kalt — ich Er glaubte damit I lDe^j aber, daß mir die Stimme vor Aufregung beinahe — Bitte, was wünschen Sie? r— Ich wünsche gar nichts. — Dann weiß ich nicht, warum Sie mit uns sprechen! Ich kenne Sie nicht und wünsche Sie auch nicht kennen zu lernen! Er setzte sich, und die andern drei lachten. Ziesow sagte ganz ruhig: — Lassen Sie doch die Herren. Sie sind Wohl taumj in einer Verfassung, daß sie einen kränken könnten. von Wissen und von einer nia,- Und ex setzte mir den Unterschied zwischen Rumänen, Serben Und Bulgaren auseinander. Er meinte, wir würfen sie alle in einen Topf und hätten keinen Begriff davon, daß es durchaus verschiedene Leute sind. Er sprach von der römischen Abstammung der Rumänen und solchen Dingen. D« steht Plötzlich am Nachbartisch ein Herr auf, tritt an Unfern Tisch und bittet Ziesow um eine Unterredung. Wir tpußten wirklich nicht, wie wir dazu kamen, und ich war äußerordentlich erstaunt, als Ziesow zurückkehrte, sich wieder — Das ist von Halbasiaten nicht anders zu erwarten! Da erhob sich der Serbe und brüllte mich an: Wir werden uns draußen sprechen. Ich tat nicht, als hätte ich ihn gesehen, sondern ging Ziesow davon. Im Lokal selbst wollte ich keinen Streit haben. Die letzten Worte waren so laut gewesen, daß sich der Kellner Unwillkürlich zum Nebentisch umwandte. In mir ftieg die Wut auf. Aber ich beherrschte mich- noch, wenn mir auch alle Glieder schlugen. Ziesow, der dem Ktzllner die Speisen nannte, konnte nicht alles hören, ich aber mußte jedes Wort verstehen. Nun rief der eine Serbe noch einmal: — Kolossal schneidig! Mir war es, als ob der Zählkellner lächelte. n™ ,w. mr °«,u tom«,. und Ich war I da-'«-sicht b-z ZnUk-lln-rS b-dchch mich dazu, daß ich Ä 'ts.■ K m / I alle Selbstbeherrschung verlor, mich plötzlich zum Nebeu- bewußt, dag wir beleidigende Aeußerungen I tisch hinüberwandte und fragte: -ich mlZ« -Lin ~ ss-r-chln Sie mit ,mä? limä Sie-bamyf? I i,er mit Zi-sdw btaugen groe[<» Er meinte mit gedämpfter Stimme: . ~ Dieser Herr, der mich da eben angeredet hat, hat Mich p,raupen gestellt, wir hätten es gewagt, über die Serben zu schimpfen. Von Schimpfen war keine Rede. Zjch glaube sogar, dag wir, abgesehen von dem Worte „Gerber? gerade über dieses Volk kaum etwas gesagt hätten. Ich schüttelte den Kopf, aber wir wollten über das Serbenthema nicht weiter sprechen, denn wir hatten keine Lust, uns neuen Unannehmlichkeiten auszusetzen. Ziesow erzählte mir noch, er hätte diesem Herrn, nachdem sie sich gegenseitig vorgestellt, erklärt, es wäre ihm nicht im Traume eingefallen. Schlechtes von den Serben zu reden. Er glaubte, damit wäre die Sache wohl erledigt. Uns war die Laune gestört, und die Nachbarschaft jener Herren mit den slawischen Gesichtern war uns jetzt keineswegs angenehm. Du weißt, daß Ziesow nicht der Mann ist, vor irgend etwas zurückzuweichen. Aber er sagte Mir leise, er wäre dafür, zu zahlen und zu gehen. mein?^eranlagungE^meine"^erven, "mein? nnchücksettge I - Fer Herren folgten uns augenblicklich. Es tart Natur, einen Streich. Ein anderer hätte es vielleicht für I X, J)ier Garderobe Sst einem heftigen Wortwechsel. Dw selbstverstSnblich erachtet, wie Ziesow eben sich zu ent- I ß^ben behaupteten, ich hatte ihre Nation beleidigt, ihr ferney. Aber ich tiftelte mir aus, wir müßten bleiben' I ^atronalgefuhl verletzt. »Lie gaben uns ihre Karten, Die Angst beherrschte mich, man könnte mir meine Nerven I bm einen „Ctojau Protitsch." Es blieb anmerken. Go überlegte ich mir die Sache und überlegte an^r,S ^rig, als anch, ihnen unsere Karten M und kam schließlich zu dem Entschluß, es lvürde feige fein I überreichen. Ich nahm noch emen Bleistift und schrieb gehe/lchsem bU ^rbeu vor uns wir ÜÄ g?ngen Afte?W" Uf‘ ”” flr^tCtt Ziesow war zwar nicht meiner Ansicht, aber er fügte ,fon”te Begegnung nicht vergessen. Liesow sich meinem Wunsche. Wir tranken noch eine Tasse Kaffee I behauptete, es wurde nichts weiter daraus werden, unbi Wer wie du dir denken kannst, kam unsere Unterhaltung & es doch sehr zweifelhaft, ob Rüpel dieser Art uicht recht in Gang. Wenn man am Nebentisch eine I hitisfaktionsfahig waren. Was sollte schließlich dabei her- Oesellschaft von Leuten sitzen weiß, offenbar die Ohren I Auskommen. auf jebe Silbe, die man sagt, na, da erstirbt einem , „„ Eigentlich wollten wir am nächsten Tage Wien ver- natürlich das Wort im Munde. Ich merkte, wie die Herren I bassen, aber das hätte wie eine Flucht ausgesehen. NUN ^unausgesetzt beobachteten. Sie schienen nicht dieselbe I mußten wir erst einmal die Angelegenheit abwickeln. M-cksicht M wahren wie wir, sondern redeten offenbar fort- mni\ während von uns. Aber sie waren insofern besser daran I tFortsetzung folgt.) «wem Bekannten, dem Bruder von dem als sie serbisch sprachen, während wir deutsch reden mußten Zwueu Ziesow von unserem Regiment, beim Sacher, dem Ich denke mir wenigstens, daß es serbisch gewesen A Restaurant hinter der Oper. Wir unterhielten uns über Mein Gott, wer soll denn serbisch lernen außer den Gerb n alles mögliche und dabei sprachen wir von diesen und jenen I selbst! Völkerschaften Oesterreichs. Wir hatten bei unfern Aufent- Wir saßen so Nock! zwei Stunden Die Leit tnnrha Ny» Wien die verschiedensten Idiome gehört und Machten mir unglaublich lang. Uni dabei Üb'erfiel's mich immer ort gesehen, und ich weiß noch, daß Ziesow sagte: „Im Grunde I wie die Ahnung von etwas Bösem. Mit einem Wortr Wfwnn'.en gibt eö doch bloß zwei Hauptstämme in Oester- meine Natur regte sich. Ich empfand die Anwesenheit der UTtb dw Ungarn, die Tschechen, I Leute drüben als stete Bedrohung. Wir hatten nichts n»In-vwmen doch kaum in Betracht.' Ich I mehr getrunken, aber die Serben ließen sich einen Schnaps aiuMtnm u,ks«rukmeit ; ln Betracht genug, UM das nach dem andern geben, und ihre Stimmung wurde immer Deutschtum in Böhmen einfach an die Wand zu drücken. I erregter. Es wäre vielleicht das beste gewesen, wir wären wvil dabei erwähnen, daß wir nicht etwa angeheitert I nun doch gegangen. Denn die Herren — es waren vier nprm'hifHnPT Lw, seinen Ziesow ist ein sehr I — hatten offenbar die Absicht, uns auszuhungern, wie ^j-chvvfiiger, sehr nüchterner Mensch, vielleicht etwas zu I man sagt. Sie wollten das Feld behaupten. Da sagte bin Glas Sekt ver- plötzlich, als wir endlich doch den Zählkellner gerufen by,vnd daß ich I hatten, derselbe Herr, der sich vorhin an Ziesow gewandt, erinnerst du dich wohst Ich glaube ! in einem nicht sehr glücklich nachgemachten sogenannten also, behaupten zu können, daß unser Gespräch nicht über-l „Jordeton"- mäßig laut geführt wurde. — Kolossal schneidiq' Tschechen weiter auf die vielen Ziesow und ich blickten uns an. Der Zählkellner machte Naiionalttateii, die in und um Oesterreich gruppiert sind. ! die Rechnung. Da sagte wieder einer der Herren nm G weiß nicht recht, was wir eigentlich sagten, ich glaube Nebentisch 19 öm Slawen im allgemeinen redeten, - So ein Berliner erlaubt sich alles. Die sollten von der Llawengefahr, die den Germanen einmal drohen I bloß mal zu uns kommen' würde. Ziesow hat sehr ausgeprägte Politische Ansichten, ‘ Die letzten Worte waren so laut gewesen, daß sich durchaus nicht engyerzig sind. Er ist ein Mensch I der Kellner Unwillkürlich zum Nebentisch umwandte. In .E^vhnlichen Bildung. I mir stieg die Wut auf. Aber ich beherrschte mich noch, 567 Vas Duell des „Saukaspar" im Gießener Stadtwal-. Mne wahre Dorfgeschichte aus der Umgegend von Meßen. Bon Hermann Strack, Ruppertenrod. (Bet unserem Preisausschreiben lobend erwähnt.) (Nachdruck verboten.) Ein Mann von eigentümlichem Ansehen und eigenartigem Aussehen schreitet an einem Sommertag des Jahres 1850 in Gießen den Seltersweg entlang, gefolgt von einer lärmenden, lachenden Schar Stadtkinder. Wer den Mann besonders .ansah, entdeckte bald die Ursache seiner Begleitung und Verfolgung durch die Stadt- ßüler. Das Aussehen des Mannes und seine sonderbare eidnng riefen bei jedem, der ihn ansah, unwillkürlich! ein Lächeln hervor. Das Gesicht dieses Mannes sah aus wie eine alte Pergamenthaut, nur faltiger und runzeliger. Daraus ragte eine kecke, rote Sattelnase, kühn mit der Spitze nach oben ge- eMlmgen, hervor. Mit zwei dicken, etwas rot umlaufenen ugen schaute der Mann neugierig und erstaunt umher sind dabei ärgerlich rückwärts auf die nachfolgende, johlende Kinderschar. Auch die Kleidung des Mannes zeigte ein ungewöhnliches Aussehen. Ein dunkelblauer Rock 'umwallte in einem langen Schoße die erdfarbenen, engen Beinkleider. Auf dem Kopfe trug der Mann eine Art Pelzmütze mit zwei Ohrenklappen, die oben durch Schnürchen festgehalten wurden. Unter dieser „Bleachläppe" mit ihrem riesigen Schild, das wie ein Vordach das Gesicht beschattete, quoll das Haar lang hervor, eine Haartracht, die man mit dem Volksnamen „Merchanke" (von Meerrettich) bezeichnet. War nun schon das sonderbare Aussehen dieses Mannes eine Anziehungskraft für die Stadtjuqend, die damals noch nicht so lange auf den Schulbänken sitzen mußte, wie heute, so kam noch ei» ganz besonderer Umstand hinzu. Der Mann trug auf dem Rücken seines dunkelblauen Sonntagsrocks — einen mit Kreide gemalten. Affen. So schritt der Mann, den man in seinem Heimatsort den „Saukaspar" nannte, weil er Kaspar hieß und die Säue hütete, beit Seltersweg hinunter, laut schimpfend über die ungezogenen, ungeratenen Stadtkinder. Da tritt ein feingekleideter Herr auf den Saukaspar zu Und fpagt ihn, was es denn gäbe. „Ei", sagt der Saukaspar, „däi Sioadkeanu sein all ean Mond hienean (hinein) verdoarwe; ean er Ahle (Alten) sei noach schlechter, soft däre se die Keanne besser zäihe. Däi hu koan Respekt vor d' grüße Leut. MW mahnt, däi härre noach kan Mensch g'seh!" „Ja, lieber Mann, wißt Ihr denn auch, warum Euch die Kinder nachlaufen und johlen?" fragte der Herr. „Joa!" sagt der Saukaspar, „weil se all naut notz fei." „Nein," sagt der vornehme Herr, „Ihr habt ja einen mit Kreide gemalten Affen auf euerem Rücken." „Woas?" sagt der Saukaspar in einem gedehnten Tone, als sei er vom Himmel gefallen und drehte sich um sich selbst herum, „woas? Doas huh däi nixnotzige Sturrente gedvhn." „Wie kommt Ihr denn zu den Studenten?" fragt ihn der Herr, der kein anderer war als einer der Studenten, die dem Saukaspar den Affen aufgemalt, den aber Kaspar nicht wieder erkennt, da er die Farben abgelegt und statt der Hunten Mütze einen .Hut trägt. Der Saukaspar erzählte nun, daß er zum erstenmal in gnem Leben nach Gießen gekommen, wie ihm Studenten gegnet und ihn gefragt, ob er nicht Einen mittrinken wolle, wie er jrt eine Wirtschaft gekommen und fleißig den Prosit gehalten, und wie er dann etwas „dormelig" fortgegangen. „Das ist aber auch höchst Unrecht", sagt der Herr jetzt, „Und Ihr müßt unbedingt von den Studenten Euer Recht verlangen. —- Wie können solch junge Leute aber auch solch altem Männe so etwas tun?" „Doas mahn ich aach!" sagt'Saukaspar, „ean alleweil giht's gläich hin; däi Nautnötzer muß ja d's Unglück hoan!" „Ja, Ihr habt Recht!" bekräftigt der Herr Saukaspars Aufwallung, und „ich gehe mit," fügte er hinzu. Beide kehrten um, und zurück gings zur Kneipwirt- schäft der Studenten, worin diese noch, beim Schoppen saßen. Freudig begrüßten sie den wieder erscheinenden Saukaspar, bewillkommneten ihn und luden ihn ein, sich zu setzen und mitzutrinken. „Naut", sagt Kaspar, „vo Auch (Euch) will ich naut Uri wösse; Ihr hott mich zäum Afferant g'hoatt, ean hott m'r ean Aff off d' Reck (Rücken) g'moalt. Wersch gedohn hott, den verklahn (verklag) aich: aich sei a ihrlicher Mann, der sich redlich ernährt, ean so aut, doas loß ich m'r nitt gefann — nahn, doas leihr (leide) ich nitt!" „Da habt ihr Recht!" Mit diesen Worten erhob sich der erste Chargierte der Studenten. „Wer dem Manne den Affen auf seinen Rücken gemalt, der melde sich!" Der jüngste Student in der Gesellschaft erhob sich. Er bedauerte seinen Streich und versprach alle gewünschte Gtz- nugtuung. Die Sache war aber unter den Studenten so abgemacht, wie sie verlaufen sollte. „Ja," sagt der Vorsitzende der Studenten, „die Ehren- kränkung ist eine so schwere, daß die Genugtuung nur durch ein Duell gegeben werden kann. Ihr, Mann," wandte er sich zu Kaspar, „habt als der Beleidigte den ersten Schuß. Wollt Ihr das Duell annehmen?" „Woas eas doas, a Duell?" fragt Saukaspar. Man macht es ihm klar, was ein Duell sei und was dabei zu geschehen habe. „Bleibt m'r a wegg mett 'm Duell!" ruft abwehrend der Säukaspar, „so a Deng greif ich nitt on; ich schäiße nitt; ich huh mei Leabioag noach nooch koam Spatz ge- schosse, väil winger schäiße ich off 'n Mensche." Alles Zureden half nichts; der Saukaspar blieb hei seiner Weigerung. „Nun," sagt der Vorsitzende der Studenten, „wenn Ihr das Duell nicht annehmt, dann bleibt der Affe auf Eurem Rücken; und in euerm Heimatsdorf sieht ihn dann jedermann — auch eure Frau!" „Däi siehr 'n nitt!" sagt kraftvoll Kaspar, „läiwer loß ich maich tutschäiße." „Ach," entgegnet ihm wieder der Vorsitzende der Studenten, „Ihr werdet ja nicht totgeschossen, Ihr könnt ja selber erst Euren Beleidiger, hier den jungen Mann, un- fchädlich machen. Ihr habt ja den ersten Schuß, und dann kommt der", damit deutete er auf den jüngsten Studenten, „erst au die Reihe zum Schießen. Nebrigens ist der ein schlechter Schütze," sprach er weiter, um dem Kaspar Mut zu machen, „der noch nie eine Pistole in seiner Hand gehabt hat." „No, dann ean Goarres (Gottes) Nohme; wann's bann sei muß, will ich's tu," antwortet Kaspar. „Das ist recht!" rief man bem Saukaspar vou allen Seiten zu. „Ihr feib ein ganzer Mann, bei" Kourage hat!" Schnell waren einige Chaisen herzugerufen. In die erste kamen unser Saukaspar mit bem Präses ber Studenten und zwei anderen Kommilitonen. In den anderen folgten die übrigen Studenten. Die Fahrt ging zum Gießener Stadtwald. Hier angekommen, wurde der Pistolenkästen hervorgeholt, die Distanz abgemessen und die Gegner ausgestellt. Als man zum Laden der Pistolen schritt, das allerdings nur blind geschah, aber mit einer kräftigen Ladung Pulver, da wischte Kaspar sich den Angstschweiß von der Stirne und sagte zitternd: „Ihr Junge, m'r winn's losse; 's wird naut notz; ich schäiße nitt, ich sei verloarn! Ich schäiße koan öanern tut — ich will aach! sealwer nitt erschösse sei!" Da macht man ihm- klar, daß es jetzt kein Zurücktreten mehr gäbe; er müsse losdrücken, sonst gälte es sein Leben'. „Ei, iw soll ich dann drücke?" ruft Kaspar verzweifelt. „Ei, hier unten", sagen die Studenten und zeigen ihm den Abzug an der Pistole. Nun zählt der Präses: „Eins! zwei! drei!" und bums! bums! krachen zwei Schüsse, gewaltiges Echo in dem Wald weckend. Der Saukaspar liegt am Boden. Die Studenten halten sich den Leib vor Lachen. „Sein ich tut — oawer lernt) ich noach?" Das sind des Saukaspars erste Worte. „Ihr lebt noch!" sagen ihm die Studenten. „Ean der aner?" Damit meinte Kaspar seinen Gegner. „Der lebt auch noch", sagt man ihm. „Goatt sei Lob ean Dank!" ruft sich erhebend Säukaspar. — „Nun müßt Ihr Eurem Gegner aber auch die Hand zur Versöhnung reichen!" sägt man dem Saukaspar. „Bo Herze gern," erwidert er, „ich geawe 'm nitt blus an i— ich geawe 'm gleich die zwü!" Nachdem der Händedruck gewechselt, schlägt man dem Kaspar vor, zur Versöhnung müsse nun ab et auch einer — 568 — getrunken werden. Das ist Kaspar von Herzen zufrieden. Die Chaisen werden wieder bestiegen, und zurück geht es in die Kneipe zum Bersöhnungstrunk. Der ist denn auch kein lappiger. Dem Kaspar wird fest zugetrunken, und er Nimmt ab,und nimmt zu, bis er auf seinem Stuhle, alles um sich her vergessend, fest einschläft. Ein Schnarchen, daß die Fensterscheiben zitterten, zeigt die Tiefe von Kaspars Schlaf an. Die Studenten haben inzwischen beschlossen, dem Sau- kaspar noch ein Stücklein mitzugeben, das seinen Tageserlebnissen die Krone aufsetzen soll. Nachdem Kaspar so felsenfest und so vernehmbar schlummert, fassen ihn zwei Studenten unter den Armen, heben ihn hoch und führen ihn behutsam hinaus. Es geht zum Bahnhof. Drei Billette werden nach Mainz gelöst, und mit dem nächsten Zug geht die Fahrt — nach Mainz mit dem ahnungslosen, schlafenden Saukaspar. In Mainz angekommen, fassen die zivei Studenten den immer noch fest schlafenden Saukaspar in die Mitte, und fort geht es. — dem Rhein zu. Etwa 200 Schritte vom Rhein entfernt, wird Saukaspar sanft zu Boden gelegt, und er — schläft weiter. Nicht weit von ihm stellen sich beide Studenten verborgen auf und warten gespannt der Dinge, die da kommen sollen. Als die ersten Strahlen der Morgensonne auf die Kuppel des Mainzer Domes fallen, erwacht auch unser Saukaspar. Sein erster Blick fällt auf die nqch seiner Meinung vor ihm befindliche Lahn — beit Rhein. „Donnerwearrer!" so hebt er verwundert au, „woas eas oawer die Lahn haut Noacht grüß evoarn!" „Ean 's hott dvach goar nitt gerahnt (geregnet)!" Mit letzteren Worten betastet er die Erde um sich her. Nun packt er auf und guckt nach Mainz. „Kruz Krenk," ruft er aus, „wäi sieht Miße (Gießen) aus!" Den ersten Mainzer, der ihm begegnet, fragt er, nach Mainz deutend: „Eas doas seallt (dort) nitt Miße?" „Nein Mann, das ist nicht Gießen, das ist Mainz!" erwidert ihm dieser. „Sei aich verrucht, oawer Ihr?" ruft Kaspar, der immer noch nicht weiß, wie ihm geschehen, der sich in einer ganz fremden Gegend sieht und nicht ahnt, wie er hierher gekommen. Da treten die beiden Studenten auf ihn zu, die allerdings Kaspar nicht erkennt, da sie keine Farben tragen. „Wo wollt ihr hin, Mann?" fragen sie Kaspar. „Aich will hahm!" sagt Kaspar, ),aich sei von N. bei Miße!" „Ja, wie seid Ihr dann hierher gekommen?" fragen sie ihn. „Doas woaß (weiß) d'r Himmel — aich nitt!" „Wollt Ihr mit uns nach Gießen fahren?" fragen ihn die Studenten. Mein ich dann, daß er wollte. Die Tränen rannten ihm vor Freude an den Backen hinab; denn er glaubte schon, in einem fremden Lande zu sein und nicht wieder heim zu kommen. So stieg denn Kaspar frohbewegt mit den Studenten sn den Zug, der über Frankfurt nach Gießen fuhr. Als der Zug im Gießener Bahnhof anhielt und Kaspar sich ivieder zurecht fand und wußte, wo er war, da rief er freudig aus: „Matt sei Dank, deaß m'r wirrer ean Deutschland sei!" Mit diesen Worten nahm er Reißaus der Heiniat zu. Nach Gießen hat ihn niemand wieder gebracht. Wenn ihn jemand später fragte, ob er mit nach Gießen wolle, da rief er abwehrend: „Mei Leawe nitt!" Die Schlacht von Nalylaquet. Durch die Errichtung eines Denkmals und durch besondere Feierlichkeiten wird die Erinnerung an die Schlacht bei Malplaquet wieder wachgerufen, seit deren blutiger Entscheidung heute 200 Jahre verflossen sind. Sieger und Besiegte haben in dieser entscheidenden Schlacht des spanischen Erfolgekrieges, die das letzte Glied in der Reihe großartiger, durch das vereinte Genie des Prinzen Eugen und Marlboroughs errungenen Siege bildete, Ruhm und Erfolg für sich in Anspruch genommen. Der englische und der österreichische Feldherr, die hier den vollsten Ruhmeskranz ihrer meisterhaften Strategie gepflückt, durften mit Stolz die Volkstümlichkeit und die Weltbewunderung aufuehmen, die gerade von dieser Schlacht ausging, aber auch die beiden französischen Marschälle, die sich auf der Seile der Gegner ausgezeichnet hatten, der Führer der Franzosen Villars und der tapfere Bouffleurs hatten ihr Bestes getan und waren mit der Niederlage nicht unzufrieden. Mehr als 20 000 Mann hatten die verbündeten Engländer, jester- reicher und Holländer verloren, die Franzosen nur etwa 8—10000. Die Schlacht war die blutigste, die in all den zahlreichen Eroberungskriegen Ludwigs XIV. geschlagen worden war. „Wenn uns Gott noch eine solche Niederlage gewähren würde, so würden unsere Feinde vernichtet fein'," schrieb Villars an den Sonnenkönig und er rühmte sich später, daß er den Sieg davongetragen haben würde, wenn er nicht verwundet worden wäre. Aber, bemerkte Voltaire dazu, der diese Aeußerung gehört Hatte, „mir wenige schenkten dieser Versicherung Glauben", lieber die Gewißheit dieser Niederlage ließen der Ausgang der Schlacht und ihre Folgen auch keinen Augenblick zweifeln. Nachdem das wundervolle Zweigestirn Prinz Eugen und Marlborough bei Höchstädt, Qudenarde und überhaupt in der glänzenden Durchführung der gemeinsam entworfenen Feldzüge die französischen Waffen geschlagen und den stolzen Widerstand des Sonnenkönigs gebrochen hatten, hatte sich Ludwig XIV. zu den weitgehendsten Zugeständnissen verstanden, aber als die Verbündeten verlangten, daß er selbst zur Vertreibung seines eigenen Enkels aus Spanien Truppen stelle, war er mit seinem Volke der Ansicht, die Franzosen wären keine Franzosen mehr, wenn sie sich solchen Schimpf gefallen ließen. Er hatte also 1709 noch einmal alle Kräfte aufgeboten und unter Villars eine starke Armee ins Feld gestellt, die sich vor dem Andrängen der Feinde nach Malplaquet in eine sehr feste Stellung zurückzog. Den hinter Graben, Befestigungen und Wäldern geschützten Feind anzugreifeii, widerrieten besonders die Holländer, aber der sturmgewohnte siegesdnrstige Marlborough drängte zum Vormarsch. Auf den beiden Flügeln, wo die Franzosen in dichtem Gehölz ihre Positionen hatten, begann zuerst der Angriff, und Marlborough warf nach heißem Ringen Villars zurück, der dabei am Knie verwundet wurde und die Oberleituiig des Kampfes aufgeben mußte. Er hatte aber noch vom Zentrum Verstärkungen nach den Flügeln befohlen und nun ging Prinz Eugen, der die Mitte der Verbündeten hielt, gegen den geschwächten Feind zum Ansturm über, durchbrach seine Stellung und warf ihn zurück. Damit war der Sieg entschieden, an dem auch der Erfolg Boufflers aus dem rechten Flügel gegen die Holländer nichts ändern konnte. Die Franzosen konnten nur noch einen geordneten Rückzug antreten. Es war Marlboroughs letzte Großtat, der nicht lang darauf den politischen Kabalen in der Heimat erlag und von dem ruhmreichen Feld seiner Siegestaten abtreten mußte. . Humoristisches. * So (baten liebe. Feldwebel: „Sie hatten doch abends immer nur Wurst, jetzt essen Sie ja Schinken, Huhn und Fische?" — Soldat: „Ja, meine Verhältnisse haben sich gebessert!" * Anspielung. Junggeselle: „Ich bin in der letzten Zeit immer fo müde." — Fräulein: „Vielleicht des Alleinseins?" * Offenherzig. „Daß man aber bei Ihnen nie ein Gulasch 'haben kann, Herr Wirt!" — „Weil meine Gäste nie was Übrig lassen!" *BerschnapPt. Sie (jung verheiratet, schmollend): „Jedesmal, wenn ich selbst das Mittagessen koche, hast du irgend eine Ausrede; heute mußt du gerade zwischen zwölf und eins int „Goldenen Ochsen" sein. Kannst du denn da nicht später hingehen?" — Er: „Nein Schatz... da gibt's nur bis ein Uhr Mittagessen." Geographisches Verschiebrätsel. Türket — Deutschland — Rußland — Griechenland — England — Kreta — Europa. Vorstehende Namen sollen derart untereinander geschoben werden, daß eine Bnchstabenreihe, von oben nach unten gelesen, den Namen eines schweizerischen KantonS ergibt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Wer hat den Weg durchs wilde Meer gesunden, Der nie mit Todesstürmen stritt? Mir ist ein Herz mit seinen Wunden Mehr wert als eins, das niemals litt. Tiedge. Redaktion: I V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universttäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.