89 Peter Nockler. Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holz am er. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Und schließlich hatte das gewirkt. So ein Schneider versteht sich doch auf die Wirkung. Die Schwarze war richtig anders geworden. Sie lachte öfters laut und hell m ihrer Küche, daß man sie hören sollte, offenbar, sie treck!e oft sogar den Kopf zwischen den Levkojen heraus, — ie ließ sogar einmal eine alte Scherbe aus dem Fenster stuausfallen und schrie sehr durchdringlich und mehr lustig als ängstlich „ui !", und sie machte sich auch öfter int Hof zu schaffen als früher. Sie hatte den da oben ja noch gar nicht näher kennen gelernt, tvußte gar nichts von ihm, so rnal tzin Blick — aber — Es trieb doch etwas in ihr — es war ihr ja rein zum Lachen. „Schneiderböcklein, Schneiderböcklein!" — und sie schnalzte mit der Zunge und schnipste mit den Fingern — und derweil waren ihr bie, Zwiebeln mit der Butter verbrannt. Da änderte sie rasch die Tonart: „Schneiderbock, Schneiderbock!" Aber was .half's! Er lief ihr ja sichtlich nach. Diese Augen, wie er ihr ins Fenster guckte! Wie er ging — eins, zwei, eins, zwei. Schneiderböcklein, Schneiderböcklein! Gott, man war doch auch nicht von heute! Wenn man auch von „drüben" war, wie diese eingebildeten Rheinhessen von oben herab sagten. Na und — schon gar mancher war ihr nachgelaufen. Aber sie ivollt grab nicht. Und jetzt dieser einfältige Schneidergeißbock! Doch ja — sehen wollt sie ihn doch einmal, was er denn für ein Kerl sei. Und wie er sich anstelle. Was er denn zu sagen wisse. Als der Peter am Abend heimging, jetzt sogar ein wenig geknickt über die völlige Erfolglosigkeit seines Bemühens, rief’» plötzlich „pst!" hinter ihm. Er drehte sich° um und hörte einen Augenblick nach dem Hofe hin. Dann ging er ganz langsam und hochklopfenden Herzens ein paar Schritte zurück. Aber er sah niemand. Er suchte den Hof ab. Da war niemand. Schon ärgerte sich der Peter. Lächerlich kam er sich vor. Und dann ein „pst!" zu hören, wo's doch gar nicht gerufen hatte. Ein Narr war er. Zum Auslachen! Und er ging wieder fort. Da kam wie zufällig die kleine Schwarze ans der Haustür des Vorderhauses. Und stand gerade vor ihm. Er ward gaich rot und stand da wie ein begossener! Pudel. Nur sein Hütchen tonnt er grab noch Ziehen. Und sie lachte. Was war da weiter zu reden! Keines hätt' im Augenblick ein schickliches Wort zu sagen gewußt. Sie fanden beide keines. Ein paar Schritte gingen sie nebeneinander her —: und ans einmal waren sie im Gespräch drin. Das war ge- wissermaßen ohne Anfang gewesen, denn beide wußten sie den Anfang, das erste Wort nun gar nicht mehr. Aber sie sprachen nun miteinander. Ein bißchen zage zuerst. Und sie gingen wieder ein paar Schritte zurück. Dann wurd’s flotter? Und sie gingen hinaus auf die Gasse, gingen die Gasse iueiter die Augustinerstraße hin, die Holzgasse bis zum Holztor.. Sie ging in den „schwarzen Bären" und ließ ihre Bierkanne füllen und kam wieder zum wartenden Peter. Und sie gingen wieder die Holzgasse hin, die Augu- stinerstraße vor b,is zur Heiliggrabgasse, und da standen sie noch eine kleine Weile zusammen und plauderten miteinander. Plauderten viel und über viele Dinge, über die sie gar nicht sprechen wollten, und viele, die ihnen gattz gleichgültig waren. Aber sie merkten das gar nicht. Sie fühlten nur das Bedürfnis, zu reden, recht viel, recht eifrig und jedes das Beste, was es zu sagen wußte, und beide mit dem heimlichen Bestreben, es auf die beste, eindringlichste, ivirksamste Art zu sagen. Und dann drückte der Peter ihr dre Hand, zog sehr tief sein Hütchen und sagte: „Gute Nacht, Fräulein Elise!" und ging dem Dom zu, während sie ihr Bier heimtrug und sich unterwegs eine gute Ausrede wegen ihres Ausbleibens zurechtlegte. Der Peter aber ging am Dom vorbei über den Markt, durch bie' Schustergasse tttib sieben weitere Gassen kreuz uitb quer unb fand feine Wohnung nicht, obgleich er schon siebenmal an ihr vorbeigegangen war, — ging aber immer wieder weiter und immer wieder verkehrt, — tote int Traume Gasse auf und Gasse ab, ---zog in Gedanken manchmal sein Hütchen, tote er’s vor Fräulein Elise getan hatte, drückte mit der rechten seine linke Hand, Ivie er vorhin ihre Hand gedrückt hatte, wiederholte alles, was sie gesagt hatte, und gab gewissenhaft seine Antwort, und lächelte, wenn er sie gut fand, und kratzte sich hinter den Ohren, wenn sie ihm dumm vorkam, — und tappte weiter und weiter und stand auf einmal wieder am Holztor und vor dem „schwarzen Bären" und ging hinein und genehmigte sich einen — und noch einen — ihr zu Ehren. Und als er am Abend zu Bett ging — beny seine Wohnung fand er endlich doch — tat er einen echten Schneidersprung hinein, und sprang noch einmal mitsamt seinem Deckbett fast bis an die Stubenbecke und schlief bann ein. Er schlief mit einem Lächeln im Gesicht und träumte sieben schöne Träume ober siebenmal sieben, und als er am Morgen wach wurde, hatte er sie alle vergessen. Aber das, meinte er, sei ihm als Erinnerung geblieben, daß der Himmel voller Geigen gehangen habe. Und er meinte, daß er noch davon vollhüngen müsse. Er streckte den Kopf zum Fenster hinaus und sah überm Korbgäßchen nur einen winzigen Himmelsfetzen, der, wie 494 Hm schien, bedenklich grau und griesgrämig aussah. Drum ging er heut mit seinem Parapluie auf die Arbeit. — Jedesmal, so oft auch der Peter von nun an durch den Hof ging, rief's „pst!" und er drehte sich um. Und war's gleich nur, um ein Lächeln, ein Nicken, ein Wort auf- Kufangen und mit hinaufzunehmen in die öde, kahle Schnepderbutik und goldene Glücksgedanken dranzuknüpsen. Wie froh und danKar war er druni. Wie viel war es ihm! Es ging so nicht ganz ein Vierteljährchen weiter, da bekam der Peter jeden Abend einen Kuß in der Tvrfahrt und ganz rasch noch einen unterm Dor. Und oft — nicht lange währte es —, da ging er am Sonntagnachmittag geduldig vorm Hause auf und ab und wartete, bis die Elise kam, und sie hängte sich in seinen Arm und ging mit ihm einmal auf die „Kerb" nach Bretzenheim, auf die Wallfahrt nach Gonsenheim, über die Schiffbrücke hinüber nach Kastel und einmal sogar nach Wiesbaden auf den Neroberg. Oder auch, sie blieben in Mainz, spazierten am Winterhafen hin, gingen wieder zurück, kehrten im „Heilig-Geist" ein, wenn die Oesterreicher grab drin waren, und waren so glücklich wie zwei Vöglein im Hanfsamen, zankten sich endlich auch dann und wann einmal, wurden sich aber immer wieder gut. Dann und wann schrieb der Peter ein Briefchen, dann und wann erhielt er auch eins. Sie hatten eben ein richtiges „Verhältnis" miteinander, und keines wußte eigentlich so recht, wie's gekommen war. Ein gut Halbjahr oder länger ging so hin. Da fragte der Peter seinen Schatz eines Abends, wie sie sich's denn nun denke, nun sei's doch an der Zeit für ihn, mal weiter zu wandern, lernen könnte er bei seinem Meister doch nichts mehr. Vom Militär sei er ja frei, da hieß es doch, seiner Zukunft ivegen, weiter in die Fremde zu gehen. Denn nur wenn man recht in der Fremde gewesen sei, könne man sich mit gutem Gewissen mal selbständig machen. Die Elise sah ihn groß an. „So?!" Das klang sehr lang und sehr tief. Sie schmollte. Sie sprach gar nichts mehr. Sie gab ihni gar keine Antwort. Sie schnipperte bloß dann und wann einmal. Der Peter hatte allen Mut verloren. Er gab ihr die himmelsbesten Worte. Aber sie spielte die Gekränkte weiter. Sie drängte ihn zuletzt sogar zum Heimgehen. Es sei schon toi spät, und sie habe keine Zeit mehr. Was konnte er tun? Er ging, einen Stein auf dem Herzen. Die Elise schmollte weiter. Am anderen Morgen rief's nicht ,chst!" — am Mittag, am Abend nicht, gar nicht war sie zu sehen. Da schlich der Peter ums Haus wie ein Dieb. Erst am anderen Dag ließ sie sich flüchtig blicken; sie habe auch heut keine Zeit. Dem Peter wurde der Stein auf dem Herzen nur schwerer. Endlich aber konnte er sie doch zu einer Unterredung festhalten. Vom Fortgehen sprach er kein Wörtchen mehr. Er bat sie nur sehr. Und sie lachte. Sie wußte, sie hätte gewonnen. Nein, sie ließ ihn nicht. Sie wollte ihn noch ganz gerne haben. Und er doch sie auch, das sah man ja. Ginge er aber, und ivenn's nur nach Frankfurt iväre, hätte sie ihn gesehen gehabt. Sie hielt ihn fest. Nur eins hatte sie sich überlegt: eine andere Stelle müsse der Peter haben. Das ganze Haus sprach sowieso von ihrem Verhältnis. Das mochte sie nicht leiden. Sie wollte nicht in anderer Leute Zähnen sein. Es war ihr sehr lästig und genierlich. Und überdies, lernen könnt ja auch der Peter bei diesem Meister doch nichts mehr. Sie sagte ihm eines Tages, er müsse sich nach einem anderen Platze umsehen. Bei einem großen Schneider. Beim Schneider Flügger auf der großen Bleiche, das sei das feinste Geschäft in der ganzen Stadt. Da könne er noch was lernen. Nur langsam und vorsichtig müsse er sein, nicht das eine aufgeben, ehe er das andere habe. Auch sie mache sich dann mehr nach dem Münstertor zu. Sie sei ohnehin lange genug auf der Stelle, und sie könne auch einen besseren Lohn beanspruchen als die paar Gulden. Nach ein paar Monaten war denn der Peter wirklich beim Schneidermeister Flügger auf der großen Bleiche. Nach viel Laufen und Spekulieren und Gutwortgeben hatte er's erreicht. Ein paar Schoppen hatt's ihn wohl auch gekostet, die er einem Gesellen hatte bezahlen müssen, der schon bei Flügger war und für sich in Anspruch nahm, dem Peter die Stelle verschafft tot haben. Und der Peter bezahlte chm gerne. Auch die Elise kam mit Quartalsschluß in die Nähe, und Peters böse Wandergedanken waren vorläufig ausgetrieben. (Fortsetzung folgt.) Moderne Manöver. Der Sommer, der anderen Menschen den ersehnten Urlaub bringt, bedeutet für die Heere der großen Militärmächte die Zeit, in der der Schlußstein für die militärische Ausbildung gelegt wird. Die Manöver in ihren verschiedenen Warten nehmen ihren Beginn, und sie bilden nicht nur immer eine Prüfung dessen, was die Truppen an Kriegstüchtigkeit gelernt haben, sondern sie stellen auch einen Teil der Ausbildung dar, der sich eben darin ausdrückt, daß größere Truppenverbände zu gemeinsamer Wirkung zusammengezogen werden. Das Prinzip der modernen Ausbildung verlangt einen angemessenen Wechsel in den Uebungsgegenden. In früheren Zeiten wurde die Zusammenziehung von manövrierenden Truppen zumeist durch Fußmärsche bewirkt. Auch heute noch marschieren wohl in der Regel die berittenen Truppen. Wer die Fnßtruppen werden doch jetzt zumeist mit den modernen Verkehrsmitteln an die Uebungsplätze befördert, weil man von der Ansicht ausgeht, daß die Kräfte der Mannschaft für die eigentlichen Uebungen geschont werden müssen. In den meisten Armeen verlangt man heute für die Regiments- und Brigadeübungen der Infanterie im ganzen zehn Uebungstage. Dies ist anscheinend nicht viel, genügt aber, wenn ma» dessen eingedenk ist, daß ja diesen Uebungen bereits eine intensive Schulung in der Kompagnie und im Bataillon vorausgeht. Die eigentlichen Manöver werden eingeteilt in Brigademanöver, Divisionsmanöver und in Kvrpsmanöver. Bei uns in Deutschland schließen sich an die letzteren die. sogen. Kaisermanöver an, in denen größere Truppeuverbände nach kriegsmäßigen Grundsätzen gegeneinander sich bewegen und Kämpfe durchführen. Vergleicht man die Art und Löeise, in der noch vor 100 Jahren in der preußischen Armee Manöver ausgeführt wurden, mit der Methode unserer Tage, so sieht mau einen ganz gewaltigen Unterschied in der Auffassung von Zweck und Durchführung dieses Zweiges der militärischen Ausbildung. Man gab vor 100 Fahren für die Garnison Berlin eine sogenannte „Idee" aus, die als Grundlage des Manövers zu dienen hatte. In der Regel schlossen sich damals die Manöver an die alljährlich stattfindenden „Revuetage" an. Solcher Revuetage gab es drei, während deren der König die Truppen besichtigte und zum Schluß ein Manöver aus fuhren ließ. Nicht genug an dieser „Idee" pflegte man noch „Dispositionen" zu erlassen, die so umfangreich waren) daß ein intensives Studium dazu gehörte, sich in ihren Mrrnissen auch nur halbwegs auszukennen. Von einer freien selbständigen Entschließung der höheren Führer war keine Rede. Es war ihnen jeder Marsch vorgeschrieben, die Quartiere waren im voraus bestimmt, ja der Erfolg eines jeden Manövertages wurde schon von vornherein festgesetzt, damit sich alles streng in den steifen Formen der damaligen Taktik abspielen konnte. Für ein Manöver am 21. Mai 1804 waren beispielsweise 18 Kanonenschüsse vorgeschrieben, die das Zeichen abgeben sollten für die Bewegung der einzelnen Truppenteile im Manöver. Beim ersten Kanonenschuß sollten die Bataillone halten^ in Zügen links schwenken und bann nach vorwärts marschieren. Beim neunten Kanonenschuß mußten die Bataillone Front machen und mit Pelotons zweimal chargieren. Heute wird den beiden manövrierenden Teilen eine angenommene Kriegslage mitgeteilt, und die Ereignisse nehmen, wie im Kriege, ihren zumeist ungewollten, daher den natürlichen Verhältnissen entsprechenden Verlauf. Ganz abgesehen von den Hilfsmitteln der modernen Waffen stehen ja auch den modernen Manövertruppen ganz andere Hilfsmittel zur Verfügung, als in früheren Zeiten. Es gibt keinen Zweig der militärischen Ausbildung und der kriegsgemäßen Verwendung, der nicht im Manöver zur Ausführung gelangen würde. Die Pioniere richten Kolonnenwege her, der Telegraph und Fernsprecher tritt in Aktion. Zur Teilnahme an den größeren Truppenübungen werden heute besonders Lust- schifferabteilungen aufgestellt. Der Fesselballon ist Wn eine ständige Einrichtung auf dem Manöverselde. Eben die modernen Hilfsmittel der Technik und der — 495 — Wissenschaft haben ja in den letzten Jahren die Durchführung der Manöver sehr beeinflußt. Dem Gebiete der Aufklärung und der Erkundung der feindlichen Streitkräfte mußte in früheren Zeiten viel Arbeit und Kraftaufwendung gewidmet werden. Das Gelände zu erkunden, möglichst in die verborgenen Falten und Wellen des Terrains einzudringen, ist eine der schwierigsten Aufgaben der Trnppcnführung in großen und in kleinen Verbänden. Wenn früher eine große Anzahl von Kavalleriepatrouillen dorgeschickt werden mußte, um den Anmarsch des Gegners festzustellen, so kann man heute diese Fühler der Armee auf ein geringes Maß beschränken, denn hinter Gebüsch und Terrainfalten verborgen kann man mit einem Goerz- Triöder auf viele Kilometer nach vorivärts jede Bewegung des Gegners beobachten. Befand sich vorher die Avantgarde einer marschierenden Abteilung weit vorn im Terrain, so mußte die Meldung durch Meldereiter nach rückwärts gebracht werden. Heute schwingt sich ein Infanterist auf das Fahrrad und jagt zur Haupttruppe zurück, erstattet seine Meldung, und der Führer des Ganzen ist über das genau informiert, was er wissen muß. Ganz besonderes Gewicht wird heutzutage in den Manövern auf die kriegsgemäße Durchführung der jeweiligen Aufgaben gelegt. Es "handelt sich darum, die Führer der höheren Verbände, nur beeinflußt durch die momentane Lage, daran zu gewöhnen, Entschlüsse zu fassen, den Anforderungen des Augenblicks Rechnung zu tragen und dabei vorauszudenken in Bezug auf das, was sich durch die getroffenen Verfügungen später ergebe» kann. Die gründliche Ausbildung der Offiziere innerhalb der Truppe und in Fachschulen hat es zustande gebracht, daß sich in den Heeren unserer Zeit ein gewaltiger Fonds an positivem militärischem Wissen aufgestapelt hat. Die Kunst des Kartenlesens war vor 100 Jahren noch eine Spezialwissenschaft jener Offiziere, die in den höheren Stäben als Adjutanten und Ordonnanzoffiziere Verwendung fanden. .Heute fordert mau von jedem Unteroffizier, daß er imstande sei, eine zutreffende und korrekte Zeichnung von dem Gelände zu liefern. Und wenn selbst zur Zeit Napoleons noch die Kunst, Truppen gn führen, auf ganz wenig Offiziere beschrankt ioar, so wird heute mit Recht das Schwergewicht der Ausbildung nicht zum geringsten Teile darauf gelegt, daß schon junge Offiziere dazu befähigt seien, auch über dell Rahmen ihrer regelmäßigen Tätigkeit hinaus disponieren und führen zu können. Allerdings ist es nicht zu leugnen, daß bei den Manövern größeren Stils doch nur jene Führer ihr Wissen zu bereichern in die Lage kommen, die dazu bernfeu sind, an der Spitze größerer Truppenteile zu stehen. Vom Regi- Meirtskommandierenden abwärts tritt nur selten an die Whrer die Pflicht heran, völlig selbständig zu handeln. Aber die Manöver bringen doch den Vorteil mit, daß auch Führer kleinerer Verbände lernen, sich in kriegerischen Situw tionen zurechtzufindeu. Aus diesem Grunde auch zieht man es vor, Truppen in Gelände zu führen, die sie während der regelmäßigen Zeit der Ausbildung nicht kennen, weil ja das Zurechtfinden in einem fremden Gelände immerhin schwieriger ist als in den Gegenden, in denen man die tägliche Arbeit der Ausbildung zu verrichten gewohnt ist. Die Führer großer Abteilungen nun müssen heute in den modernen Verhältnissen gar vieles berücksichtigen, was das Gelände und seine Beschaffenheit wesentlich beeinflußt; sie werden auf dem modernen Kampfplatze ganz andere Objekte vorfinden als in früheren Zeiten. Die großen Fabrikanlagen in den Kulturländern bilden Verteidigungs- und Augriffsobjekte, die einen gewaltigen Faktor in der Rechnung des militärischen Kalkulierens ergeben. Die veränderte Art der Bodenkultur 'ist ein wesentliches Moment, das bei der Kriegführung bedeutsam ins Gewicht fällt. Das dichtmaschige Eisenbahnnetz mit seinen zahlreichen Hochbauten spricht wesentlich mit sür die Gestaltung der Kviegs- schauplätze und naturgemäß auch der Manövergelände. All das muß ein moderner Führer kennen, berücksichtigen und auch richtig auszunützen verstehen, lind endlich darf nicht übersehen werden, wie groß die Bewegungshindernisse sind, die alle diese 'Faktoren der modernen Entwicklung des Lebens für die modernen Heere bilden. Dazu tritt noch der Umstand, daß die stetig anwachsende Zahl der Streiter in dem modernen Heere, die ja auch bei den Manövern zur Anwendung kommen, eine gegen früher völlig veränderte Art der Kriegführung in Bezug auf die Verpflegung int Gefolge haben. Man kann heute so leicht nicht fechtende Truppen auch schon in Friedenszeiten ordnungsgemäß er> nähren, und ungeheuer schwierig ist es auch, sie so zu bewegen, daß sie zur rechten Zeit am richtigen Ort in der erwünschten Verfassung bereitgestellt feien. Es steigern sich aber zugleich alle Elemente, alle Wir- kuugsfaktoren der modernen Kriegsführung umsomehr, je toeiter die Entwicklung der Technik auch auf das Leben der modernen §eere Einfluß gewinnt. So kommt es denn, daß der Troß auch bei den Manövern alljährlich anwächst, wofür z. B. nur die eine Tatsache als Beweis bienen mag, daß die Einführung fahrender Küchen fast in allen modernen Heeren beschlossen und teilweise schon bewirkt ist. Wird dies Truppe dadnrch naturgemäß auch unabhängiger von Ziv- fällen und störenden.Zwischenfällen, so ist doch zu bedenken, daß die Dispositionen der Führer sich heute schon selbst darauf erstrecken müssen, die Küchenwagen zur richtigen Zeit den Truppen zur Verfügung stellen zu können. Das wunde Kapitel der modernen Manöver ist die Schonung der Kulturen. Im Kriege wird das Marschziel angegeben, wird bestimmt, wo diese oder jene Abteilung sich zu entfalten habe. Sie geht ans ihr Ziel los, unbekümmert, ob dadurch die Arbeit fleißiger Hände zerstört wird, sie achtet nicht auf die Produkte des Bodens. Im Manöver selbstverständlich muß die äußerste Schonung von all dem eintreten, was Geldeswert darstellt, und darum gehört eine richtige und sachgemäße Führung von Trnppenverbänden schon im Hinblick auf die Schonung des Geländes und der Knliurest zn den größten Schwierigkeiten in den Aufgaben der Ma- növerleitung. So sehen wir denn, wie unendlich kompliziert der Apparat ist, der in Anwendung kommt, wenn bei Manöver» das letzte Ziel aller militärischen Ausbildung, die richtige fachgemäße Verwendung von Truppen, eintreten soll. Die moderne Zeit hat neue Verhältnisse geschaffen- und ihr müssen sich auch die Bedürfnisse der kriegsmäßigen Ausbildung der Heere anpafsen. Unbestreitbar aber ist der große Vorteil, den die großen Manöver ausüben, denn sie lehren den modernen Soldaten die Benützung und Verwendung der modernen Art der Kriegsführung. ZU vsm K(ip nach Kairo. Durch eine Kette aufregender Gefahren und exoiischer Abenteuer hat sich der Forfchungsreifende Theo Kaßuer seinen Weg in das Herz des dunklen Erdteils gebahnt und seinen verwegenen Plan zur Ausführung gebracht, der darin gipfelte, von Kapstadt aus bis nach Kairo zu Fuß Afrika zu durchqueren. In „Je sais taut" gibt der kühne Wanderer eine Schilderung von den Schwierigkeiten und Hindernissen, die sich ihm entgegentürmten, und die er jetzt, nach acht- zehnmonatiger Wanderung durch Urwälder und Sümpfe besiegt hat. „Jur August 1907 kam ich iu Kapstadt au; von hier drang ich sofort nach Transvaal ein und nordwärts weiter; am 1. Januar erreichte ich die Küpferminen von! Biwaua und bald darauf den Kongo, wo die Gefahren und Hemmnisse sich häuften." Die ersten Schwierigkeiten brachten die Eingeborenen, die sich weigerten, Trägerdienste zu verrichten, und immer wieder von neuem ihren weißen Führer im Stich ließen. Man kommt in den Bereich der berüchtigten Tsetsefliege; zahlreiche Träger fallen der gräß-i liehen Schlafkrankheit zum Opfer, aber der kühne Vorsatz wird nicht aufgegeben und weiter nach Norden dringt die kleine Schar vor. Am 10. April ist bereits die Station! Lukonzowlva in der Nähe des Nanganysees erreicht. „Hier luetbe ich der Zeuge eines tragischen Schauspiels, dessen Bild noch heute vor meinen Augen steht. Wir erreichten einen kleinen Hügelrücken, als die Träger plötzlich an» hielten. Was gibts? Die Erregung raubte den Leuten die Sprache, stumm wiesen sie auf die vor ihnen liegende Ebene hinab. Ich sah sich bewegende Formen, die breite Talebene war angefüllt mit schwarzen Kämpfern. Ein furchtbarer Kampf war im Gange. Wir wichen zur Seite aus, drangen auf Schleichpfaden weiter und konnten alle Bewegungen überblicken. Eine neue Gruppe von hundert Balubas eilte jetzt zum Schlachtfelde und zwang uns, eiligst hinter einer Böschung Schutz zu suchen. Wohl eine Stunde lang währte das Morden und Streiten zwischen den Balubas und den Batumbw'es; ich sah nur einen Haufen ineinander geschlungener kämpfender Körper, ein schrecklicher und doch großartiger Anblick. Die erbarmungslose schlacht endete mit dem Siege der Balubas. Alle Ba- tumbw'es, die sich nicht durch zeitige Flucht gerettet hatten, lagen tot auf der Walstatt. Der Triumph und 495 der Jubel der Sieger kannte keine Schranken. Während die einen in wilder Erregung phantastische Tänze auf- führten und mit grellen Schreien die Lüft erschütterten, schleppten andere die Leichen der Gefallenen in den Schatten großer Bäume. Ich dachte einen Augenblick an eine Art Achtung vor den gefallenen Gegner unb au die Absicht, die Gefallenen zu bestatten. Aber bald ivard ich grausam enttäuscht. Alle Krieger schlossen sich zusammen und gleich einer Horde von Schakalen stürzten sie sich über die Leichen. Wenige Augenblicke später leuchteten Feuer auf, inan sah, wie die Toten zerschnitten und zerteilt wurden und dann begann das grausige Mahl. Der Anblick dieser Wilden, die ihre starken weißen Zähne gierig hier in eine Hand gruben, dort in ein Bein, dort in einen Fuß, läßt noch heute mein Herz in Ekel und Widerwillen sich zusammenkrampfen. Das gräßliche Mahl wurde mit allen Zeichen höchsten Wohlbehagens von den Balubas verzehrt. „Sie essen nur ihre Feinde", meinte begütigend einer meiner Träger . . ." Längs des Ufers des Tanganykasees entrollt sich vor den Augen der Reisenden ein furchtbares Bild von den Verheerungen der Schlafkrankheit. Die schlecht bekleideten Neger sind hier die wehrlosen Opfer der Tsetsefliege. In allen Dörfern hatte die grausame Krankheit rhre Geißel geschwungen; in manchen waren alle Eingeborenen gestorben und eine tote Stille lag über den verwaisten Plätzen. In der Nähe von Kabinda bleichen unzählige Gebeine im Sande. Die Neger senken ihre Toten ins Meer und die Flut wirft dann die Skelette wieder an den Strand. „Wahrhaftig, man glaubt einen Höllenring zu betreten. Aber es ist fast unmöglich, dieser dahiu- sterbenden Bevölkerung Rettung zu bringen!" Hier am Ufer des Sees wird der Reisende, fast das Opfer beutegieriger Löwen. Am Abend hallt ihr Gebrüll vom Strande wieder; alle Träger flüchten sich zitternd in das Boot und lassen ihren Führer im Dunkel wehrlos zurück. „Bald hörte ich um mich herum das matte Dahingleiten der Bestien und ihren mächtigen Atem: ich war von Löwen umzingelt, allein und unfähig mich.zu wehren. Eine ganze Horde; schon sehe ich zwei riesige Tiere, die kühner als die anderen sich ihrem Opfer nähern. Ich folge einem plötzlichen Einfall, zünde eine Kerze an und feuere mit meinem Taschenrevolvcr auf die Löwen. Ich fehlte, aber die glimmende Flamme machte sie stutzig und ihr Zögern gab mir Gelegenheit zur Flucht." Bei einer Bootfahrt wird die kleine Schar pon Flußpferden angefallen, „tote ein wütender Stier" stürmt plötzlich ein riesiges Flußpferd auf das Känoe zu, taucht unter und schleudert es mit einem gewaltigen Rucke hoch in die Luft. „Wir fühle,: uns emporgeschleudert, fünf Meter, acht Meter, höher noch und fallen dann ins Wasser zurück. Zum Glück ist es nicht tief, und wir können uns retten, aber das Kanoe ist verloren." Fast Überall setzen feindliche Eingeborene der Truppe Widerstand entgegen, Nahrungsmittel werden beiseite geschafft, heimtückische Angriffe mit vergifteten Pfeilen müssen abgeschlagen werden, aber schließlich gelingt es dem Reisenden doch, nach achtzehnmonatiger Fußwanderung den Nil, Aegypten und schließlich das Endziel, Kairo, zu erreichen. vermischtes. * F l i e g e n d e F r a u e n. Auch die Frau tritt ein in den Kampf üm dis Eroberung der Lüfte: Mde. Peltier, die Schülerin des französ. Aviatikers Dellagrange, schickt sich an, den Preis zu erringen, den Rene Quinton ausgesetzt hat für die erste Frau, die mit der Wugmaschilie einen Kilometer fliegt. Aber die unternehmende Flugtechnikerin bescheidet ihren Ehrgeiz nicht mit einem so kleinen Ziele: in Juvisy rüstet sie jetzt zu einem 5 Kilometer-Fluge im Aeroplan. Seitdem die ersten kühnen Männer der Geschichte der Luftschiffahrt ihre ersten Ausstiege wagten, hat auch die Frau an dem Eroberungskampfe tcilgenommen. 125 Jahre sind verstrichen, seit die erste Frau als Luftschifferin ihren Mut und ihre Geschicklichkeit erprobte. Eine Französin >var es, Fräulein Tible, die am 4. Juni 1784 in Lyon in einer Montgolfiöre aufsticg und Nach stündiger Fahrt glücklich in der Nahe von Balmont landete. Schon int folgenden Jahre folgten vier Frauen diesem kühnen Beispiele, in Paris Frau Hinos und Fräulein Luzarche und in London die beiden Schwestern Simonet. Seitdem hat es nie an Frauen gefehlt, die wagemutig ihr Leben dem Ballon anver- trauten, und viele von ihnen! leben als Märtyrerinnen in der Geschichte der Luftschiffahrt fort. Sv fand Frau Blanchard, die anmutige Gattin des bekannten Luftschiffers, am 6. Juli 1819 bei einem Fluge ein tragisches Ende: auf der Fahrt über Paris wollte sie ein Feuerwerk anzünden, der Ballon wurde entzündet und die unglückliche Luftschifferin fand auf einem Dache in der Rue Provence einen gräßlichen Tod. 1863 wird Madame Nader in ihrer Gondel „geschleift" und erstickt nach 2/s Stunden in ihrem Fahrzeug. Bei einem Versuche, den Kanal zu überfliegen, scheitert Frau Charly 1886 bei Calais an einem Hause, bleibt mit dei« Händen an der Dachrinne hängen und kamt erst int letzten Augenblick' aus dieser schrecklichen Situation gerettet werden. Später retten Seeleute in der Nordsee Frau Dururof, die in der Gondel der Trikolore mit ihrem Manne einen Flug über das Meer wagte und dabei in den Fluten scheiterte, lind so gibt es viele Frauen, die furchtlos ihr Leben eingesetzt haben. Eine der aufregendsten Aufstiege erlebte Mrs. Stock, die am 8. Mai 1824 in Begleitung des Aeronauten Harris von London anfstieg. Die Fahrt verlief ohne Zwischenfall, aber beim Abstieg versagte das Ventil, es schloß nicht wieder; der Ballon entleerte sich mit furchtbarer Geschwindigkeit. Nur schleuniger Ballastauswurf konnte die Luftschiffer retten; aber in der Gondel befand sich nichts mehr, das hinausgeworfen tverden konnte. Einen kurzen Augetiblick blickten Mrs. Stock und Harris sich in die Augen: dann ein kurzes Abschiedswort und der opfermutige Luftschiffer stürzte sich aus schwindelnder Höhe in die Tiefe, um das Leben der Gefährtin! zu retten. Es hat auch nicht an Frauen gefehlt, die bei ihrer Hochzeitsreise unerschrocken den Gefahren der Lüfte trotzten. So unternahmen der bekannte Pariser Astronom Camille Flam- marion und seine junge Frau am 28. August 1874 ihre Hochzeitsreise im Ballon und landeten pach 15 Stunden glücklich bei Spa. Die Befolgung dieses Beispieles nahm 1893' ein tragisches Ende, als Ginseppe Charbonuet mit seiner jungen Frau voit Turin aus int Luftballon seine Hochzeitsreise antrat. Der erste Tag verlief ohne Zwischenfall; am zweiten Tage aber — man hatte noch zwei Herren in die Gondel genommen — wurde der Ballon auf der Fahrt gegen die Alpeitkette von einem furchtbaren Wirbelsturm erfaßt, geriet in einen Schneesturm und sank in wenigen Sekunden um 3000 Meter. Die Hälfte des Gases ging verloren, der Ballonkörper ivar schlaff und ohne Tragkraft, aber der Sturm kannte kein Erbarmen, schleuderte die Gondel gegen Felsen und Gletscherriffe, bis nach V2 stündiger grauenvoller Fahrt der Korb am nordwestlichen Glasier des Bessansse-Gipfels endgültig scheiterte. Hilflos im Schneestnrm mußten hier die Luft- schiffer übernachten, halb erstarrt traten sie am Morgen den geiahr- vollen ,Abstieg an, Seile, ohne Geräte. Nach weUigest Minuten kant das Grauenvolle: mit einem furchtbaren Aufschrei glitt der junge Gemahl plötzlich in einen Gletscherspalt und zerschmetterte in den Tiefen eines Abgrundes. Erst nach drei Tagen fanden die erschöpften Ueberlebenden in einer Berghütte Unterschlupf; später barg man auch die Reste des jungen Charbonuet; in knieender Stellung lag er in der Tiefe des Spaltes, beide Hände vor die Augen gepreßt... Auch Sarah Bernhardt hat einmal die Reize eines Ballonfluges ausgekostet; gemeinsam mit dem Maler Clairin und dem Luftschiffer Godard, so wird in den Lectures pour Tons erzählt, unteritahm sie 1875 einen Ausstieg, von dem sie selbst eine humorvolle Schilderung gegeben hat. „Louis Godard ließ in der Gondel stehend den Pfropfen einer Champagnerflasche knallen: der Kor? entschwand in den Lüsten. Der Knall aber fand ein tausendfältiges Echo, pflanzte sich von Wolke zu Wolke fort, ans der silberhalsigen Flasche guoll der weiße Schaum und trug Trunkenheit in den Himmel. Da Begannen alle Wolken zu tanzen, stießen aneinander, wirbeltest um uns, hüllten uns in ihre Schleier in himmlischer Truukew Beit..." * Recht schmeichelhaft. Frau Schulze: „Sie werden mich doch zu Tisch führen, Herr Meier?" — Meier (hochbeglückt): „Aber, gnädige Frau, wie komme ich zu dieser Ehre?" — Frau Schulze: „Ja, wissen Sie, Herr Meier, Sie sind. der einzige Mann in der Gesellschaft, auf den mein Mann nicht eifersüchtig ist!" _______________ Bsrsteck-Niitsel. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in solgenden Wörtern versteckt sind, tute die Silbe „an" in „Wanderer": Weinkeller — Gustav — Stcsichoros — Berautwortnug — Finsternis — Modetorheit — Schweizerkäse — Biertonne — Gurkensalat — Hammelbraten — Statthalter. Auflösung in nächster Nummer. Auflösttng des Bilderrätsels in voriger Nummer: Frauenli st. Redaktion: I. B.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stemdruckerei, R, Lange, Gießen,