Donnerstag den y Zebruar a !•„ I ißjj ^DAMMRsL WW^N •ÄiHfi "mT Auf Liebespfaden. Roman von $£>. Ehrhardt. 'Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) So stand sie, groß, uitb schlairk, int grellen Licht, das der Mond durch eins der unverhüllten Fenster tvarf, und das deutlich ihr voll Glück rind Bcfriedigllng überstrahltes, blühendes Gesicht zeigte, mit dem sie sich der Freundin zuwandte, die zusammen- gekauert, das Kinn auf die emporgezogenen Kniee gelegt, in' ihrem Bett saß, und deren Züge, dem Licht abgewandt, nur undeutlich zu erkennen ivaren. „Was hat Hans gesagt?" war ihre erste, zitternd geflüsterte Frage. Lisbeth kam näher rind setzte sich zu der Freundin auf den Bcttraud. „Er läßt dich grüßen und dir gute Besserung wünschen," berichtete sie, den schwarzen Spitzenschal aus ihren Haaren lösend, Um ihn auf ihren Knicen sorgfältig zusammenzulegen. „Sonst nichts?" Es War halb ein Seufzer, halb ein Schllichzen. „Nein," sagte Lisbeth ehrlich. Aber dann stieg ein großes, kvarm.es Mitleid in ihr auf aus dem Born ihres Glückes heraus, ein Mitleid für die kleine, zärtliche, schwache Helene, die mit ihrer überschwänglichen Liebe ewig vor dem verschlossenen Paradies stehen würde, das sich ihr, weil das Schicksal sie auf einen günstigeren Platz gestellt, ganz ohne Verdienst heut geöffnet hatte. Und tröstend nrit der Lütken über das weiche Mädchenhaar und die kühle Wange fahrend, setzte sie hinzu: „Er schien sehr enttäuscht, wie vor den Kopf geschlagen, er lief gleich fort." „Wann werde ich ihn Wiedersehen?" Tie bange Frage verhallte unbeantwortet. Lisbeth starrte gedankenabwesend vor sich hin, ein glückliches Lächeln in den Mundwinkeln. Helene sah dieses Lächeln, sah den seltsam veränderten, Weichen .Ausdruck in dem Antlitz der Freundin, und mit Augen, die im Dämmern groß und dunkel leuchteten, fragte sie: „Wie war Espach zu dir? Du siehst so glücklich aus, Lisbeth!" Da vergaß die blonde Lisbeth ihr Mitleid und dachte nur an ihre Seligkeit. "Ich bin auch glücklich, Helene." Sie näherte ihr Gesicht dem der Freundin, und durch den ^uft des Parfüms, das sie bevorzugte, spürte Helene den Geruch von Zigaretten, den ein männlicher Mund auf Lisbeths Lippen zurückgelassen hatte, und ehe diese ihr Geheimnis verrieten, fiel sie ein: „Heut hast du dich von ihm küssen lassen." „Ja!" sagte Lisbeth, und nach einem tiefen Atemzug setzte sie ruhig und selig und voll Stolz hinzu: „Denn ich bin seine Brant." Gin banges Schweigen. Sekundenlang. Dann bewegten sich Helenens Lippen, sie Wollte einen Glückwunsch sprechen, zweimal fetzte sie an, schluckte, aber der Würgende Knoten saß fest in der trockenen Kehle. Lisbeth, ihr Empfinden verstehend, umfaßte sie, selbst Volk einer Rührung gepackt, die ihr für gewöhnlich fremd war, zärtlich tröstend: „Du wirst auch noch einmal glücklich, Helene." Aber die arme, kleine Helene glaubte nicht an diese gut-, mutige Verheißung. Sie schüttelte den Kopf, bann umschlang sie mit ihren mageren Kinderarmen den Hals der glücklichen, jungest Braut und weinte bitterlich. * Zu derselben Stunde nahmen die beiden Freunde an HassingeW Haustür voneinander Abschied, denn der blonde Offizier hatte unterwegs geduldig auf Espachs Rückkehr gewartet, da er wußte, daß heut die Entscheidung über dessen Zukunft fallen sollte. Er war auf die Nachricht, die dieser ihm zwischen -Scherz und Ernst mitkerlte, schon lange vorbereitet, und deshalb und auch, weil er Rührszenen haßte, gratulierte er dem Freunde, ohne Bitterkeit und Neid zu verraten, mit ehNicher Herzlichkeit, ja, er machte ihn sogar darauf aufmerksam, daß er ihm ganz allein sein Glück verdankte, da er ohne ihn die blonde Lisbeth nie kennest gelernt hätte. Espach versprach ihm zum Lohn eine Patenstelle bei seinem Erstgeborenen. So schieden sie heiter lachend. Erst als Hans Huss in gen sein Zimmer betrat, fiel es ihist ein, daß Espach ihn heut zum letztenmal auf diesem LiebespfadL begleitet hatte, den sie immer gemeinsam gegangen waren, und da überkam es ihn wie eine Unrnhe, die mit dem Ausdruck Angst zu stark bezeichnet gewesen wäre, daß er nun ganz allein stünde, daß zwischen Espach und ihm der heutige Tag auch in anderer Beziehung eine Schranke aufgerichtet hatte, jener gleich, die denk Verkehr zwischen Helene und Lisbeth fortan die frühere 'Unbefangenheit und das gegenseitige Vertrauen rauben würde. VI. Dieses gewisse innere Einsamkeitsgefühl ging mit Hans vost Hassingen schlafen und wachte früh wieder mit ihm auf. Es War ihm direkt unbehaglich, als das Bataillon unter fiitw genbent Spiel nach dem Bahnhof ausrückte und er allein zurückblieb. Den ersten Tag hatte er noch dienstlich verhältnismäßig viel zu tun, da und dort nach dem Rechten zu sehen. Tann kamen Tage der Untätigkeit und der inneren Unruhe. Diese Unrnhe hatte ihren besonderen Grund. Er wartete auf eine Nachricht von Helene, die ihm meldest sollte, daß er sie abends am Zaun erwarten dürfe. Aber die Nachricht kam nicht. Tie Tage, ans die sich beide so gefreut hatten, verrannest Ungenützt einer nach dem andern. Hätte er seinen Regelmäßigen anstrengenden Dienst gehabt, den Verkehr mit seinen Kameraden, die Sehnsucht in ihm wäre sicher nicht so riesengroß geumchsen, daß sie schließlich alle änderest Empfindlingen erstickte. Sein Gefühl war trotz gelegentlicher Sefteste sprünge doch in ruhigen Bahnen gelaufen, seit er mir Helene einig i war, das; ihre Liebe eben nur eine bis zum Herbst reichende | Episode ihres Lebens sein sollte, nun ihm aber eine Anzahl Tage davon geraubt wurden, ja, es beinah so schien, als solle die Sache Überhaupt zu Ende sein, da erwachte alles in ihm, was er an Trotz, Auflehnung, Leidenschaft und- Schmerz in sich ruhen hatte. Nie war ihm die kleine Helene so lieblich, so begehrenswert! erschienen als in den Tagen, als er sie nur mit seinen geistigen' Mugen sah und sie sich immer wieder vergegenwärtigte, ihre junge, kindliche Gestalt, ihr iveiches,. süßes Gesichtchen mit dem Teint, der zart wie ein blaßrosa Rosenblatt wirkte, ihre seltsam schrägstehenden, schwärmerischen und zärtlichen grauen Augen im .Kranze der langen, dunklen Wimpern, über die verschatteud die goldbraune Haartrolle fiel, während die Flügel der breiten, schwarzen Schleife, die sie im Nacken durch die Flechten gezogen trug, einen reizvollen Hintergrund für ihr ganzes Gesichtchen bildeten. Und wie schön >var ihr Mund mit seinen blaßroten und doch frischen Lippen, wie entzückend ihr zuerst scheues, sich zu leidenschaftlicher Hingebung steigerndes Anschmiegen, Ivie rührend ihr offenherziges Geplauder — Und das altes sollte er ganz ohne Grund schon jetzt entbehren. ■ Er geriet in eine Art Fieberznstand, der seinen Höhepunkt erreichte, als er eines Tages vom Fenster aus Helene im Schwarm der Pensionärinnen Fräulein Möllers Vorbeigehen sah, etwas blaß wie ihm schien, aber inr lebhaften Gespräch mit Lisbeth Schäffer, die den blonden Kopf noch gerader und selbstbewußter trug als sonst. Bis dahin hatte er wenigst' noch geglaubt, sie könnte krank sein, obgleich sie ihm aucg dann doch wenigstens eine Nachricht hätte senden können, während es für ihn unmöglich War, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Er konnte nicht mehr schlafen, seit er sie von weitem gesehen. Halbe Rächte stand er regungslos an seinem „Glückszaun", der diesen Namen nicht mehr verdiente, und starrte auf die toten, dunklen Fenster der Billa Möller und in den düsteren, schwul duftenden Garten, aber nichts regte sich, kein vorsichtiger Mädchcnfuß schritt durch die Gänge. In diesen Stunden vergeblichen Wartens flohen die Gespenster der Sorge, die ernste Gestalt der Pflicht und die lichten Geister der Sohnes- und Bruderliebe vor der sieghaften Göttin im purpurnen, goldnmsäumten Gewand, vor der Liebe zum Weibe. Sie schlichen gebeugt in den Hintergrund, aber dort blieben sie stehen, zäh, ausdauernd, treu und unerbittlich, der sicheren Rückkehr gewärtig. Auch die Liebe ist nicht immer allmächtig' und muß oft matt, müde und mutlos den Kampf aufgeben. Aber jetzt fühlte Hans von Hassingen noch Kampfesmnt in sich und gewann die Neberzeugung, daß sein Gefühl für Helene jenes echte sei, das sein Ziel findet, wenn man' zu tourten versteht. Dieses Warten erschien ihm leicht gegen die Art des Wartens, die ihn jetzt folterte. Schon war die Halste der Zeit verstrichen, welche das Bataillon auf dem Schießplätze zubringen sollte, als ihm eines Mittags, er kam gerade von der Kaserne und wollte nach Harrs, ein kleines, hageres Männchen. begegnete, das eine dunkelblaue Livree trug, einen Weidenkorb am Arm hatte und-aus rot utnrärrder- ten Angen verschlagen und lebhaft umherblickte — derZaPpel-PhilipP Kus dem Pensionat Möller. Der junge Offizier kannte die etwas zweifelhafte Rolle, die er bei den jungen Tarnen spielte, ans Helenens naiven, offenen Mitteilungen, und daher erschien ihm der kleine, häßliche Mann mit seinem wackelnden Kopfe und seiner Trinkernase wie ein vom' Himmel gesandter Engel. Philipp Trampusch stand sich sehr gut mit allen jungen Herren des Ortes, man konnte nie wissen, ob man nicht einmal seine Dienste anbieten könnte, um ein paar Groschen auf einige Schnitt Bier zu verdienen, denn seine Frau, die Köchin und Wirtschafterin int Möller scheu Hause war, hielt ihn sehr knapp und gab ihm nur an hohen Festtagen etwas Geld in die Hand. Er zog also devot die Mütze vor dem blonden Offizier und erleichterte diesem dadurch, ihtt aitzusprechen. Um sich nicht auffallend lange mit ihm zu unterhalten, denn cs fmutte hier jeden Augenblick jemand kommen, der das Faktotum der Pension Möller kannte, steuerte Hassingen! sofort auf sein Ziel los und sagte rasch: „Können Sie mir einen Brief an Fräulein Falk besorgen?" Ter Alte wackelte stärker mit denr grauhaarigen Kopfe. r „Cs ist sehr gefährlich, Herr Leutnant." Tas sagte er natürlich nur, um ein größeres Trinkgeld hcraus- znschlagen, und Hassingen kehrte sich auch nicht, ast den Ein- tvmf, sondern meinte: ' „Na, Sie werden'»' schon machen, Alter, cs soll mir äüch auf ein Trinkgeld nicht ankommen. Mollen Sie bett Brief in' meiner Wohnung, Luisenstraße 6, parterre, abhvlen?" „Bewahre, Herr Leutnant!" Das dürre Männchen machte seiitenr Spitznamen alle Ehre. „Das könnte auffallen. Ich werde in einer Viertelstunde, die Luisenstraße hertutterkommen, und toenttl ich da Ihren Burschen treffe — warum soll ich nicht mit einem.' Soldaten reden — es kann ja ein guter Bekannter von mir sein." „Gut. Ich danke Ihnen, Philipp." Hassingen griff leicht mit der Hand an die Mütze und eilte! weiter. In fliegender Hast warf er, 51t Hause angekommen, einige Zeilen auf eine Briefkarte: „Mein süßer Liebling! Ich vergehe ja vor Sehnsucht nach Dir, warte allabendlich am Gartenzaun, aber Du kommst nicht. Was hab' ich Dir getan, daß Tu so grausam bist? Erlöse mich von diescit Qualen und laß heut abend um 11 Uhr nicht vergeblich warten Deinen Dich heißliebeitden, jetzt sehr traurigenl Hans." Tann erschien Stadthagen mit seinem rosigen Gesicht, seinen vergißmeinnichtblauen Augen, die er immer voll unbedingter Er-, gebenheit und Treue auf seinen Leutnant richtete, und nahm, ohne mit den weißblonden Wimpern ztt zucken, Brieschen und! ein Markstück mit bett nötigen Anweisungen entgegen. Schott tut cf) zehn Minuten erschien er wieder und meldete: „Es ist alles besorgt, Herr Leutnant." Ter Zappel-Philipp erreichte unterdes, nachdem er das Markstück schmunzelnd in der Westentasche, das Briefchen in der Tasche! des Livreerocks geborgen hatte, die Villa Möller, packte den 'satat, bett er vom Gärtner geholt, aus und sann nach einem Vorwande, den jungen Damen unauffällig in den Weg zu laufen, wenn sie sich in den Eßsaal begaben. Bald hatte er's gefunden. Er nahm aus der Kammer, wo- Bcsen und Pützsachen aufbewährt mürben, ein Oelkäunchen und schickte sich an, bie Türen zu ölen, zuerst unten, dann, als der dumpfe Ton des Gong die Tischzeit ankündigte, war er in seiner ganzen Behendigkeit int oberen Korridor, gerade, als die Tür rechts an der Treppe sich öffnete und Lisbeth Schäffer in den' Spalt trat. „Nun, Philipp, was wollen Sie denn da?" Ter Alte hob mit der einen Hand das Kännchen hoch, mit der anderen griff er nach bet Rocktasche. „Nur die Türen ölen, gnädiges Fräulem." Seine kleinen, blauen Angen Mutterten vielsagend, und Lisbeth begriff sofort. Die trat rasch vor, so daß der Alte von ihr gegen den Gang zu gedeckt wurde, und er hatte Zeit, der eben er- scheiitenden Helene fein bereit gehaltenes' Brieschen ziizustecken. Sie verbarg es, vor Ueberraschung halb betäubt, in den Faltest ihrer Binse. Es war alles das Werk einer Sekunde. Im nächsten Moment schon klang die energische Stimm« Fräulein Möllers neben ben Dreien. „Was machen Sie denn hier, Philipp,^Türen ölen? Ich habe Ihnen doch schon oft genug gesagt, daß Sie mit dem Beginn! solcher Arbeiten warten sollen, bis die jungen Damen sämtlich ihre Zimmer verlassen haben. Sie werden immer vergeßlicher." Als Helene nachdem Wen oben in ihrem 3 immer Hassingens Zeilen las, schluchzte sie zwischen Glück und Schmerz und bedeckts die undeutlichen, eiligen Buchstaben mit Küssen. Ihr banges, törichtes Kinderherz hatte ja gefürchtet, er würde! sie in diesen Taget! vergessen und verschmerzen, nun las ficS, wie leidenschaftlich er sich nach ihr gesehnt hatte, wie sehr rr sie liebte. (Fortsetzung folgt.) Darwin als Tier- und Menschenfreund. Durch die Jahrhunderte der Menschengeschichte zielst sich, tote ein roter Faden, ein Suchen und Sehnen nach! hem Urgründe des Seins, ein Forschen nach den Gesetzen! des Werdens und Vergehens der Weltenkörper, die ihre Bahnen durchs ewige All dahinwandeln. Die große Fragen ivie all jene Weltenkörper entstanden, wie das Leben selbst entsteht, wie, wodurch und warum es sich so und so entwickelte und so entwickeln mußte, sie marterte das kleine! Menschengehirn, seit es zn denken begann. Der Mann, dessen 100. Geburtstag wir feiern, begründete durch seine Lehren eine neue Zeit, das Zeitalter des Darwinismus. Anderen Federn möge es an anderer Stelle Vorbehaltes sein, Darwins Lehren zu würdigen, deren hauptsächlichste die Mstammnngslehre, kurz, besagt, daß sich alles LebW 85 Ms bet einfachen Zelle entwickelte, durch Anpassung unb Vererbung im Kampfe ums Dasein höher uttb' höher steigend, herauf zu bett Säugetieren, Lis herauf schließlich zum Menschen. Diese Lehre hat, besonders in ihrem weiteren Ausbau, eine Weltverbreitung erlangt und die ganze wissenschaftliche Auffassung verändert und erweitert. Lassen wir hier die Streitfrage auf sich beruhen, ob 'Darwin, wie die eine Richtung glaubt, das letzte Wort in bezug auf Entwickelnugs- und Entstehungsgeschichte der Organismen gesprochen hat, oder ob, wie die entgegengesetzte Richtung behauptet, seine Lehre nur einem Banne gleicht, der eine gewisse Zeit das Denken in eine bestimmte Bahn zwängt und sich später als nicht ganz der Wirklichkeit entsprechend erweist. Darwins historische Bedeutung ist auf jeben . Fall gesichert und unerschütterlich. Ohne Zweifel äst durch ihn eine reiche Anregung, zu forschen, und zu denken, in die Menschheit gekommen. Bei großen Denkern fesselt uns besonders ihr Gemüts- leben, die Art, Ivie sie sich zu ihrer Umwelt, zu ihren Mitmenschen und zum wehrlosen Geschöpf, zum Tier, Verhalten. Daß Darwin ein großer Naturfreund war, leuchtet von vornherein ein, und auch als Tier- ititb Menschenfreund kann nur mit Stolz auf ihn hingewiesen-werden. In bezug auf die Reinheit und Lauterkeit seines Charakters hat Darwin keinen Gegner. Konnte er einem Tiere Qualen ersparen, so erfaßte er den Gedanken sofort und brachte ihn zur Durchführung. .So erzählt fein Sohn Franeis Darwin*) folgenden Ausspruch des Baiers: „Ich hatte eine große Liebhaberei für das Angeln .... als ich in Maer war, wurde mir gesagt, daß ich die Würmer mit Salz töten könne und von dem Tage an habe ich niemals wieder einen lebenden Wurm angesteckt." Dieselben Gesichtspunkte, die ihn zur Verwerfung des .Angelns mit lebenbem Köder leiteten, machten sich ihm auch geltend für das Sammeln von Insekten nnb für die Jagd; letztere gab er sogar ganz auf. Er schreibt: „Ich entschloß mich beinahe, damit änzufangeu, alle Jttsekteir, welche ich tot fand, zu sammeln; denn als ich meine .Schwester befragte, kam ich zu dem Schluß, daß es nicht recht sei, Insekten zürn Zwecke des Veranstaltens einer Sammlung zu töten." . Neber die Jagd äußerte Darwin: „Ich machte die Entdeckung, obgleich unbewußt, daß das Vergnügen, zu be- dbachten, und zu schließen, ein viel höher stehendes sei als das der Jagd." — Herbert, der ihm befreundete Grafschaftsrichter von Südwales, erzählt, daß Darwin die Jagd schon in früher Jugend aufgegeben habe. Er ging über ein Feld, auf bem tags vorher gejagt morden war, als er einen angefchossenen und sich äbguälenden Vogel fand — dies ließ ihn auf immer der Jagd entsagen. Weiter schreibt Herbert: „Er war der gemütvollste, warmherzigste, edelmütigste und ein tiefsten empfindende freund; seine Sympathien galtest allem, was gut und recht war und er hatte einen ehrlichen Haß gegen alles Falfche, Niedrige, Grausame, Gemeine und Unehrenhafte Er lvar nicht allein groß, sondern besonders hervorragend gut, gerecht und liebenswert." Unwillig sprach Dartvin auch über Schaustellungen dressierter Tiere, die er für große Quälerei hielt. Daß er aw tatkräftiger Tierfreund öffentlich bekannt war, zeigt Uns folgendes Ereignis: Ein Herr, der von Orpington nach Üchu sagte zum Kutscher, er möge schneller fahren. ' versetzte dieser, „wenn ich dem Pferde nur so viel die Peitsche gegeben hätte, luenn ich Mr. Darwin führe, danit wäre er aus bem Wagen gesprungen und hätte mich ordentlich gescholten." „Eines o.ages kam mein Barer," so berichtet der Sohu, „von einem Spaziergang blaß und ermattet nach Hanse, werl er gesehen hatte, wie ein Pferd mißhandelt wurde unb *) „Leben uttb Briefe vW Charles Darwin," httMishegebm vvn feinem Sohlte Franeis. Stintgart 1887, infolge der Aufregung bei einer heftigen Auseitwnbersetznng mit dem Manne. Mn anderes Mal sah er, wie ein Bereiter seinen Sohn reiten lehrte. Der kleine Junge war in Angst uttb der Mann ivar roh. Mein Vater hielt an, sprang aus dem Wagen und machet bett Mann in kaum gemäßigten Ausdrücken herunter." Seine größte Freude lvar, wenn ihm sein Hund Polly bei Rückkehr von einer Reise freudig entgegensprang. Francis Darwiit sagt darüber: „Mein Vater pflegte sich dann zu bücken unb das Gesicht des Hundes an das feine zu drücken." Es ist selbstverständlich, daß ein Mann, dessen Herz so warm für die Tiere schlug, in gleichem Maße das Leid der Menschen zu lindern suchte. Und auch hier ist uns Dartvin ein Vorbild. Wie er in England eifrig gegen die Unsitte wirkte, durch Kinder die Schornsteine reinigen zu lassen, so trat er auch kräftig bem damals noch in Blüte stehenden Sklavenhandel entgegen. „Die Erinnerung au Schreie," berichtet sein Sohu Franeis, „welche er in den Einöden Brasiliens gehört, unb bett Folterungen der Negersklaven zugeschriebeit hatte, verfolgte ihn Jahrelang, besonders des Nachts ... Es rührte einen bis in die Tiefen der Seele, ihn über die Entsetzen des Sklavenhandels sich auslassen und klagen zu hören. Diese unb andere ähnliche Beweise haben die Ueberzenguitg in mir hinterlassen, daß ein humanerer und weichherzigerer Mensch niemals gelebt hat." Freilich geriet Dartvin dadurch nichfinur mit den Ver- ieibigent des Sklavenhandels selbst in Streit, sondern auch mit der damals noch herrschenden Strömung überhaupt, die so weit ging, zu behaupten, daß die Sklaverei der Neger von Gott in der Bibel selbst gewollt sei; dieser habe es auch durch die dunkle Hautfarbe der Neger deutlich ausgeprägt. Eine Eigenschaft, die heute bei NaturwisseuschaftlerU selten gelvorden ist, besaß Darwin: er hatte auch als Naturforscher eilt Herz, und glaubte, daß man zur wahren Forschung und Wissenschaft tveder sein Gefühl abzustumpfeu, noch Tiere zu quälen nötig'habe. Am schlagendsten zeigen uns dies seine Worte über die Vivisektion. So schrieb ep im Jahre 1871 an Professor Lankaster in bezug auf diese: „Es ist ein Gegenstand, welcher mich krank vor Schauder! macht; darum will ich darüber nichts weiter sagen, ich! könnte sonst diese Nacht nicht schlafen." Als Darwin vor der Königs. Untersuchungs-Kommissioni im Jahre 1875 in Sachen der Einschränkung der Tierversuche sein Zeugnis abgeben sollte, beantwortete er die ihm vorgelegten Fragen folgendermaßen: Frage 4664. Sie haben der Eingabe aufrichtig stei- gestimmt? Antwort: „Ich stimmte ihr aufrichtig bei; ich hatte Gelegenheit, dieselbe kürzlich durchzulesen zur Zeit als dieser Gegenstand anfing, öffentlich besprochen und erörtert zu werden; ich las sie sorgfältig durch und stimmte derselben lebhaft bei." Frage 4667. Sie waren niemals selbst, soviel ich glaube, direkt oder indirekt in Berührung mit der Ausübung von Versuchsexperimenten an lebenden Tieren? Antwort: „Niemals!" Frage 4672. Nun in Betracht, ein schmerzhaftes Experiment ohne Betäubungsmittel zu versuchen, ivenn dasselbe Experiment mit Betäubungsmitteln gemacht werden kann, ober kurzweg, irgenbetne Pein, bie nicht ganz notwendig ist, enteilt Tiere zuzu fügen, was ist Ihre Ansicht über diesen Gegenstand? Antwort: „Es verdient Verachtung und Abscheu'" Am 12. Februar feiern wir Darwins Geburtstag. Nester ein Bierteljahrhundert weilt der Große schon nicht mehr unter uns. Aber sein Geist, der Geist der Liebe zu Mensch und Tier, der Barmherzigkeit gegen alles, was da fühlt, wird fortleben. Mdg die nie rastende Wissenschaft über manches, was Darwin für wahr hielt, auch heute schon 96 miders denken, mögen selbst seine eigenen Jünger int Suchen nach der Wahrheit manchen Stein aus Darwins Lebens- iverke brechen — jenes geistige Gilt, jenes Neue, das er Uns geschaffen, jene unmittelbare Anknüpfung an die Natur inib das All, werden ihm noch kommende Jahrhunderte danken. In diesem Sinne gehört er tiicht nur der englischen Nation, nicht nur seinen Anhängern, die in ihm den Bahnbrecher und großen Forscher verehren, sondern der ganzen Menschheit! Lud w. A n k e n b r a n b. Eine Schlittenfahrt durch Nordsibirien. Die Schilderung einer Schlittenfahrt, bei der er als erster Europäer die sibirische Post 1200 englische Meilen durch die nn- wirtlichen Gebiete Nordsibiriens geführt, gibt Oscar Jden-Zellcr iit „Ueber Land und Meer". Der Reisende hat die im äußersten Nordosten von Sibirien liegende, bisher noch garnicht erforschte Halbinsel Tschulzotst in ihrer ganzen Länge durchquert und auch, bevor er sich an die Grenze dieses Gebietes durchschlug, vielfache Gefahren und Schwierigkeiten überwunden. Um seinem Ziel, der Beringstraße, näher zu kommen, verpflichtete er sich, als Postillon die sibirische Post von dem Städtchen Werchojansk bis nach Sredne- Kolhmsk zu bringen. Die Postpakete und Briefe und Wertsachen befanden sich auf sechs schmalen, von zwölf Remitieren gezogenen Schlitten, während er selbst mit dem Kutscher ans einem siebenten Gejährt Plah nahm. So ging es hinaus durch die nnerineßliche Tundra, dahin in der Zone des asiatischen Kältepols durch Eis und Schnee. Ter eisige Wind schnitt wie mit tausend Messer» in die Lungen; der entschliche Frost stmnpste alle Empfindungen ab Und schläferte den klagenden Ton der Wölfe, die die Schlitten au? weite Strecken hin in einiger Entfernung begleiteten und mit ihren grünen, unheimlich flimmernden Augen immer wieder zu beiden Seiten des Weges austanchten. Rach zweitägiger ununterbrochener Fahrt kam man zu der ersten kaiserlich-russische» Hilfspoststation, der armseligen Jakutenniederlassung Küreliach. Voller Freundlichkeit wird der Reisende von den Bewohnern empfangen. Sie fragen ihn aus: „Wer bist Tu? W.her kommst Tn? Wieviel Frauen besorgen Tein Haus? Handelt Euer „Knäs — in diesem Sinne „Kaiser" - auch mit Tabak und Schnaps?" Tann werden die Kleidungsstücke von der Mühe bis zu den Hosen besichtigt. „Man klopft mir vertraulich auf die Backen und ergeht sich in Schmeichelausdrücken darüber, wie schön fett ich sei. Tann bittet man zn Tisch. Ein großer, russischer Eimer nimmt die Suppe auf. Eine umfangreiche Holzmülle, die verteufelte Aehnlichkeit mit einem Schwcinstroge hat, muß als Bratenschüssel dienen. Jeder seht mit untergeschlagenen Beinen auf die Erde, bekommt dann ein mehr als faustgroßes Stück Fleisch, und ohne Teller, Messer und Gabel gehl unter gewaltigem Schmähen und noch größerem Redeschwall die Mahlzeit vor sich. Man nötigt mich beständig, mehr zu essen, und scheint absolut nicht zn bemerken, daß ich nur mit Hängen und Würgen ein kleines Stück Fleisch vertilgt habe. Pferdefleisch ist eben niemals meine Spezialität gewesen. Als ich dann nach Beendigung der Mahlzeit meine Gastgeschenke austeile: etwas Tabak, eine Kleinigkeit russischen Ziegeltee, einige Stücke Zucker, ein paar bunte Perlen und einige Nähnadeln findet der Jubel kein Ende. Tie. Hansmama betrachtet Mich alsbald als ihren Schwiegersohn und führt mir auch gleich „probeweise" die Brant zu. Ta hilft nun kein Protest, ich'muß mich noch zu einem Brautgeschenk verstehen. Und so gebe ich denn meiner „Matuschka" schweren Herzens ein buntes Taschentuch, das sich in ihren Händen alsbald in ein Kopftuch verwandelt. Der Schwiegervater erhält ein großes Paket Tabak. Die Schwieger- mutter begnügt sich mit einem Taschenspiegel und einer Rolle schwarzen Zwirn. Dafür habe ich nun freilich das „Aufgeld" für Matuschka bezahlt und das Recht erworbeir, sie demnächst zu ehelichen. Nachdem ich mich gründlich ansgeschlafen, ziehe ich es aber am nächsten Morgen vor, den Heiratskandidaten wieder mit dem Postillon zu vertauschen." Mit den Jakuten schloß der Reisende überhaupt gute Freundschaft. Tiefe wenig gesprächigen, aber freundlich-lieben Menschen, denen das harte Leben aus den Gesichtszügen zu lesen war, zeigten sich unermüdlich in allen Freundschaftsdieusteu: sie sind »whl die treuesten Vasallen der russischen Krone und von seltener Ehrlichkeit und Güte in ihrem Charakter. Sie wissen, daß der «Tod bestündjig vor ihrer Tür. lauert, und so sind sie feierlich in ihrem! Wesen und fromm in lrhrem Tun. < .^dcckcuweise war die Kälte so groß, daß Iden -Zeller im Schlitten erfroren wäre und dann lieber int hohen Schnee neben dem Schlitten herlief. Ließ die Kälte nach, dann setzte schwerer grauer Nebel ein, der allmählich den Schrecken der tief dunklen Polarnacht wich. Endlich tvar mair air den großen Seen attge- langt, die die Grenze des ,Kreises Sredne-Kolynsk verkünden und viele Meilen iveit durchs Land hinziehen. Niir unwillig -erajr ü < wagten sich die Reunkiere über die spiegelglatte Eisfläche und kamen mit ihrer Last kaum vorwärts. Ein furcht-. barer Nebel ümhullte alles Md keß schon den nächsten SchlitM mcht, mehr, unterscheiden. Plötzlich war der Reisende mit jeinenti Schlitten m offenes Wasser geraten. „Mir rann es eisigkalt übenden Rucken, mein Schlitten schwamm zwar und mit ihm dre braven Zugtiere, aber wie lange könne das dauern^ Wie bald nmßte ich unter die Eisdecke geraten! In einer solchen Situation gebiert der Bruchteil einer Sekunde mehr Gedanken,' als es sonst Stmlden verinögen. Meine Kleider begannen bereits zn gefrieren, aber ich empfaiid nicht den physischen Schmerz, sondern beobachtete nur das seltsame Schauspiel, wie die Remitiere mit ihrer schweren Bürde versuchten, schwimmend festes Eis zu gewinnen. Und es gelang ihnen. Zitternd nnb schnaufend arbeiteten sie nch förmlich mit allen vieren zugleich wieder auf das rettende Eis. Tie Zugtiere sowohl tvie mein eigenes Ich waren vollkommen in eine glänzende Eiskruste eingehüllt. . ." Auf der nächsten Station bot sich ein neuer gräßlicher Anblick; em Bär hatte eine Jakutenfamilie beim Holzsammeln überrascht/ Vater und Mutter getötet und den Sohn schweb verwundet; auf denk Schnee lagen die blätüberströmten Leicheii. Nach einer letzten anstrengenden Tagereise.traten die Schlitten endlich in Sredne--. Kolym.sk ein, wo die politischen Gefangeisen den deutschen Reisenden zu ihrer Weihnachtsfeier einluden. Unter vergrämten und erbitterten Menschen, bereit Lustigkeit etwas Gequältes und Wildes hatte, in einer, dumps gedrückten Atmosphäre von Empörung und Trunkenheit feierte so der Reisende int fernen Sibirien Weihnacht und zugleich den Abschluß seiner denkwürdigen Fahrt. C. K. vermischte». * Warüm Katzen auf die Füße fallen. Man hielt in Gelehrtenkreisen noch vielfach an der Meinung fest, daß es noch nicht einwandfrei nachgewiesen wäre, warum Katzen und ihnen verwandte Tiere beim Niederstürzen immer auf die Füße fallen. Ein Londoner bekannter Zoologe glaubt diese Frage nunmehr gelöst zn haben, indem er an einem Modell nachweisen will, daß es lediglich der Schwanz ist, der den Tieren diese Fähigkeit verleiht. Tas Modell des (belehrten besteht in einer Röhre ans Karton, an der an Stelle der Beine vier Rutenbuschel sitzen.. Der Schwanz ist mit Gelenkeit versehen, die sich biegen lassem Bei den Vorführungen des Modells ergab e8 sich, daß Stürze! aus jeder Höhe, bis zu 25 Meter hoch, durch Biegungen des -Schwanzes reguliert werden konnten, denn immer fiel das Katzenmodell auf die Füße. In der Natur kamt man denn auch biet Nichtigkeit dieses Prinzips nachweisen, denn Kletter- und Sprung- tiere, die sämtlich in die Gefahr des Fallens kommen, haben meist ziemlich lange Schwänze, so viele Äffen, die Eichhörnchen/ Ratten und Mäuse. Im Fallen bewegen alle diese Tiere den Schwanz so lange, bis die richtige Lage des Körpers erreicht ist. Aut besten kamt man dies bei dem Eichhörnchen sehen, das mitunter beim Fallen mit dem langen Schwanz die seltsamsten' Bewegungen ausführt. Ratten mit abgeschnittenen Schwänzen sind schlechte Kletterer, weil ihnen der Mut bei Verlust ihres! Schwanzes dazit fehlt, ebenso klettert und springt der lang- schwänzige Affe viel rascher als der knrzschwänzige, weil dieser vorsichtiger zu Werke gehen muß, nm nicht zu fallen. * Unter F r eundi n n e.n. „Du bist doch nicht böse, liebste Olga, daß ich dir erst heute zu deiner Verlobung gratuliere?" — Olga: „O, durchaus nicht .... hast du dich denn jetzt etwas beruhigt?" ______ Zitaten-Rätsel. AuS jedem der folgenden Zilale ist ein Wort zu nehmen, ss daß sich ein neue? Zitat ergibt: 1. Wer eine Zeitlang Skandal erregt, Glaube nicht, daß er die Welt bewegt. 2. Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen. 3. Was ist der Tod? — Nach einem Fieber Ein snnster Schlaf, der uns erquickt. 4. Fürchtet die Gottheit des Schwert?, eh' ihr's der Scheide entreißt. 5. Es hat der Tieb ein freies Recht zum Rauben, Wenn erst der Richter stiehlt. 6. Für die Jugend ist da? Beste gut genug. 7. Im Leben gilt der Starke Recht ..... 8. Hin ist bin! Verloren ist verloren I Attslösmtg in nächster Nummer. Auslösung des Silbenrätsels in voriger Nummer» Gicßbach Unstrut Thurgau Morphium ... Ararat Cranach: E u t in a ch t Al u t h. Redaktion; K, Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitas-Buch, und Sieindruckerei, R, Lange, Gießern