Nr. (76 $909 - fin™ les äs :i BeäS Wsl £Sisäs™ää2£33S CÄ3) '• WWW MUM '$SB ^WW « Iss Rheinlandstöchter. Roman von Clara Viebig. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Sie mußte lachen wider Willen. „Beklagt hast du dich nicht so sehr, Onkel, aber verstimmt bist du oft!" t „Ja, das ist's, man kann's nicht lassen!" Der Bürgermeister ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen und stützte den Kopf in die Hand. „Es bost einen doch, wenn man es so von Herzen gut mit ihnen meint und sie denken noch, man will ihnen was Böses. Das unglückselige Maar, es hat was zwischen mich und meine Eifeler gebracht! Ich hab 'manch schlaflose Nacht drum. Kennst du die Geschichte, Kind?" Sie nickte. „Heinrich Hommes hat sie mir erzählt; dec sagt: Liebesleute verstehen einander ja auch mal nicht!" „Liebesleute! Was — Liebesleute hat er gesagt? Ha ha! Ach ja, meine Eifeler und ich verstehn einander jetzt immer nicht; ich weiß nicht, liegt es an mir, liegt es an ihnen? Zum Donnerwetter, sie müssen doch wissen, daß ich's gut mit ihnen meine! Wenn sie mir nicht parieren, die Schafsköpfe, und Dummheiten machen, was kann ich dafür? Gestern in der Gemeindesitzung hab' ich es aber energisch erklärt, ich Eiimmre mich um die Sache nicht mehr. Jetzt schreien die Meerfelder Hunger! Wie oft hab' ich gesagt: fangt Hausindustrie an, flechtet Körbe, bindet Besen, schnitzt Holzsachen! Ae was, sie denken nicht dran! Und alle Winter dieselbe Litanei, diesmal toller denn je. Und die Manderscheider halten auch nicht zu mir!" Er seufzte und sah düster vor sich nieder. „Sie reden darüber, daß' ich die 'Besä im Haus hab'; als ob ich alter Mann an der nicht ein reines Wohlgefallen haben könnte. Und dann das Scheußlichste ist" — er stockte und rückte heftig mit seinem Stuhl — „sie — sie sagen, ich hätte bei der Sache mit dem Meerfelder Maar meinen Profit gehabt. Bon dem bewilligten Geld hätte ich — Herrgott, ist das eine Gemeinheit, es ist um rasend drüber zu werden!" Er fuhr sich durch die Haare, die Stimme zitterte ihm; er sprang auf und rannte in der Stube hin und her. „Sie sind toll — meine Eifeler!" „Onkel!" Nelda stand auf und trat zu dem Erregten; zum erstenmal seit langer Zeit war auf ihrem Gesicht nicht der zerstreute, geistesabwesende Ausdruck. Sie hatte ein feines Ohr bekommen für den Schmerz, der auch unausgesprochen klingt. „Onkel Konrad, hast du ihnen alles erklärt? Sie sind so dumm. Du mußt es ihnen klar auseinandersetzen, was das für ein Unfinn ist. Sie müssen dir dann glauben. Sag's ihnen doch!" „Nein. Wo denkst du hin? Ich werde mich doch nicht verteidigen?! Wenn sie mich nicht Leiser kennen! Man könnte bitter werden; manchmal denk' ich, ich bin's schon. Nur das nicht, nur das nicht, dann wird man auch ungerecht! Ach!" Er ließ fick wieder auf den Stuhl fallen, die geballten Fäuste auf den Knien. „Hab' ich nicht unk sie geworben, wie ein Bräutigam um seine Braut — fünfundzwanzig lange Jahre in guter und böser Zeit? Nun tun sie mir das an!" Der Kopf sank ihm auf die Brust. Nelda sah, daß er Thränen in den Augen hatte. Sie hatte ihn nie so gesehen. „Onkel," sagte sie leise. Er gab keine Antwort. „Onkel!" Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. „Meine Eifeler!" Sie blieben lange stumm. Im Ofen knisterte das Feuer, die Holzscheite knackten; ein Regen von Funken sprühte durch die angelehnte Ofentür mitten hinein in die Stube. Sie glimmten auf dem Boden; Nelda trat sie aus, schwarze! eingefresfene Punkte blieben in der weißgeschenerten Diele zurück. Sie sah darauf nieder — ach ja, solch eingefresfene Punkte gibt's auch in jedem Herzen! „Onkel!" Sie kauerte rasch vor dem Sitzenden nieder und sah ihm von unten herauf mit großen Augen fragend in's Gesicht. „Glaubst du, daß es etwas gibt, was einem die wunden Stellen im Herzen so zuheilt, als wären sie nie gewesen? Tut das die Religion? Ich möchte das wissen! " Er schüttelte langsam verneinend den Kopf. „Hör' mal zu, Nelda! Ich bin früher, als du noch gar nicht geboren warft, Offizier gewesen, dazu ein sehr flotter —1 du weißt es ja — der Water spricht nicht gern davon, habe zu tolle Fahrten gemacht. Das Ende vom Lied war, ich mußte den Abschied nehmen; sie dachten, ich wäre gut katholisch, drum kriegte ich die Bürgermeisterstelle Heer, Ich habe auch jetzt noch meine Religion, 0 ja, nur etwas anders, als die Kirche sie serviert! Wenn du die Wahrheit wissen willst, so sag' ich dir: ich bin kein Katholik, ich bin kein Protestant — ich bin ein Mensch, der Gott sucht. Was einem die Wunden im Herzen zuheilt, ist nicht die Religion, schlechtweg aufgefaßt, denn damit ist nur die Kirche gemeint Munden heilen kann nur die Natur. Und die Natur ist Gott. 's ist ja bei dir eine andere Sache, du bist jung! Wenn man jung ist, klammert man sich an das, was die Sinne umnebelt. Aber wart', wenn das Blut kühler wird, laßt das Rumoren von den Sinnen nach; das Herz ist dabei nicht weniger warm, es schlägt nur anders!" „O, ich möchte nicht alt werden — und allein sein!" Nelda fröstelte, als striche ihr eine eiskalte Hand über den Rücken; sie hatte tiefdunkle Ränder um die Augen, ihre Lider waren schwer. „Onkel, wie deine Frau starb," fragte sie plötzlich unvermittelt, „warst du da sehr traurig?" Er nickte etwas verwundert. „Ich meine nicht nur traurig, nein, unglücklich, verzweifelt ! Warst du verzweifelt, Onkel Konrad?" „Nein, das war ich- nicht." Ein trüber Schatten glitt — 702 über fein Gesicht, aber dann lächelte er; Relda kannte dieses Lächeln, es hatte was von der Sonne an sich, „Sie Ivar sehr einfach,- ihr Vater war nichts weiter als ein größerer Bauer: aber was sie über ihren Stand hob, das war die Herzensbildung. Sie haben sich alle gewundert, als ich sie heiratete; Lorcheu war wir lange bös darum, sie sagte, ich wär' nun ganz verbauert. Sie kannte sie ja nicht. Ich habe sie nur zehn Jahre gehabt! Ich war nicht verzweifelt, als sie „fortging" — er schüttelte den Kops und sah fast heitern Gesichts ins Weite — „ich sage nie „starb". Was man einmal geliebt hat, stirbt nicht. Und daun die Erinnerungen! Die zehn Jahre waren eine großes, voll ausgenossenes Glück. Da verzweifelt man nachher nicht!" „Aber wenn man kein Glück ausgenossen hat, was dann?" Sie fragte mit kurzem Atem, die Stimme klang heiser. „Ja, dann ist's schlimmer und —" „Dann verzweifelt mau doch, sprich's nur aus!" „Nein, man braucht nicht zu verzweifeln, man sucht sich ein anderes Glück." „Mau sucht sich ein anderes Glück," wiederholte sie mit seltsamem Tonfall, trat ans Fenster und starrte auf die einsame Gasse, die Arme über der Brust gel'reuzt; um ihre Mundwinkel lag ein eigentümlicher Zug. „Ein anderes Glück, aber mißversteh' mich nicht, Kind." „Da kommt Heinrich Hommes," unterbrach sie rauh, „er kommt zu uns!" Sie schritt zur Tür und ging dem jungen Manu entgegen. * Frühlingsanfang! Der Schnee auf den Höhen taute; nur oben auf dem steilsten Gipfel des Moseukovfs klebte er noch an den Lavabrocken, aber schmutzig und halb zerronnen. Gewaltige Regenmassen kamen nieder; alle Tage der Himmel wie ein Sack, alle Tage der gleiche plätschernde Morgengruß, dasselbe Trommeln nachts an den Fensterscheiben. Manderscheid steckte wie in Wolkenfetzen. Und Meerfeld lag ganz im Dunst verkrochen. Das Maar schwoll und schwoll. Als wolle es sich rächen für die Einschränkung, kam es über die Ufer gelaufen, der gange Talkessel glich einer unbeweglich trüben Lache; die Felder verschwanden. Es war Zeit zur Bestellung — wie sollte mau? Wasser, Regen — Regen, Wasser;! Alle Tage hockten ein paar von den Meerfeldern oben in Manderscheid herum — dünnbeinige Gestalten, hohläugige Gesichter -- sie saßen im Wirtshaus, soffen und lietzen's ankreiden. Das war ein Lamentieren und Fäusteschlagen! Den ganzen Tag ging die Türklingel an der Bürgermeisterei; lauter Bettler, Weiber und Kinder aus Meerfeld, aber sie baten nicht bescheiden, sie forderten chr gutes Recht. Die Manderscheider guckten zu; sie gingen jetzt fleißig zur Kirche in der österlichen Zeit, beichteten und tomnru liierten. Am Palmsonntag war große Prügelei in den verschiedenen Wirtsstuben, Heinrich Hommes hatte aus seinem Gasthaus die Schreier herausgeworfen; die übrigen Tage der Woche war's still, aber ungemütlich. Die Leute guckten nach dem Himmel mit scheelen Blicken, mit noch scheeleren nach der Bürgermeisterei. Keine Spur von Frische in der Luft; immer gleich lau, mit einer verfrühten Schwüle wehte der Westwind. Die Nässe verdichtete sich in wunderlichen Dünsten, sie krochen durch die Dorfgafse, die Wände entlang, und quetschten sich durch jede Ritze und Luke in die Hütten. Den Mander- scheidern tat's nicht viel, die wohnten freier und waren nicht so arm, aber unten im engen Talkessel, die Meerfelder, die saßen drin wie in einem Brodem. Schlechtgenäqr-, schlechtgekleidet! Sie gossen ihre Cichorienbrühe herunter schlechtgekleidet! Sie gossen ihre Zichorienbrühe herunter und stopften die Kartoffeln samt den Schalen; glücklich Am ersten Osterfeierlag wurde der erste Typhussall in der Bürgermeisterei gemeldet. Dallmer saß gerade an seinem Schreibtisch und las die Zeitung, er zuckte zusammen und fuhr vom Stuhl auf, als der Gendarm die Meldung brachte. Draußen läuteten festlich die Glocken der Kirche, in das Läuten hinein klang die erregte Stimme des Bürgermeisters : ,,Typhus?! Wo — wer ist krank?" „No, zo Meerfeld, Hähr Borgemaster, däu Leisager'sch Hanni! Han wohnt nächst beim Maar. Se saon, hän war schuns dod, als dän Hahr Dokter kommen es. On anuere sein auch als krank gäwen!" „Wer Pflegt sie?" Der Gendarm zuckte die Achseln. „Ech waaß net, Hähr Borgemaster! Wän soll et öezaohlen?!" Eine Stunde später schritt Bürgermeister Dallmer auf der Höhe der Chaussee. Ter graue weite Mäntel flatterte um ihn. Ein Wind hatte sich aufgemacht, die schweren Wolkenballen am Himmel auseinander gerissen und ein paar Fetzen Blau vorgedrängt. Zum erstenmal feit Wochen. Eine trügerische Sonne huschte mit bleichen Strahlen über den Boden; das Erdreich war wie Schwamm, das Schiefergeröll am Abhang glänzte tiefschwarz. Ernst und düster schaute der Mosenkopf drein; noch keine Spur von Grün an der Berglehne, grau und nackt die Kuppe. Dallmer stand still; weit hinten lag Manderscheid. Der Weg führte setzt seitab der Chaussee, einen Jid) schlängelnden, schlüpfrigen Pfad hinab ins Tal. Sonst war das ein schöner Anblick, hier oben zu stehen und das Auge dem windenden Lauf der kleinen Kyll folgen zu lassen, wie sie zwischen Hügeln und Wiesenlnud durchschläpft und, je näher Meerfeld, sich immer mehr einklemmt. Jetzt wogten Nebel nuten; der friedliche Bach war geschwollen, trüb' und reißend schleppte er ganze Erbstücke mit sich fort, kleine Bäume und Neste. Sein Murmeln war Brausen geworden. Hui, Pfiff der Wind und riß dem Abwärtssteigenden den Hut vom Kopf! Er haschte danach und hörte nicht den Ruf: „Onlel, Onkel Konrad!" Ein Ausdruck tiefster Bekümmernis war auf seinem Gesicht; so sieht ein Vater aus, dem seine Kinder krank liegen. Mühsam stampfte er weiter, es war ein schweres Gehen; wie Klumpen hingen sich Erdklöße an die Sohlen. Der Bach hatte den Weg überflutet; hier mußte man springen, dort ausweichen, von Stein zu Stein steigen. (Fortsetzung folgt.) schiller und die deutsche Nachwelt. Von Tr. Paul Lands u. Tie Gestalt eines großen Mannes lebt nicht nur in den Werken fort, die er hinterläßt, sondern sie wirkt auch weiter in leiten Kräften und Eindrücken, die sie in Kultur und Geschichte auslöst. Tie Sonne einer überragenden welthistorischen Erscheinung spiegelt sich, außer in ihrem eigenen Werk, auch noch tu unzähligen gebrochenen Reflexen wieder, die bald heller, bald trüber ein Teil des Wesens auffangen und vereinigt eine neue Großtat der schöpferischen Persönlichkeit darstellen. So bedeutet das Nachleben eines Dichters wie Schillers ein neues Walten und Wirken, die wichtigste Entfaltung seines Genius. Als er jäh aus seiner Bahn gerissen wurde, mitten aus gewaltigen Entwürfen und Plänen, da ahnte man dunkel den Verlust; aber nur bei ganz wenigen, nur bei denen, die ihm am nächsten standen, war ein' volles Verständnis für die Einheit und Bedeutung fernes Gesamtwertes vorhanden. Mit seinem Tode begann erst die eigentliche Geschickte des Lebendigwerdens seiner Werke. Durch mehr als ein Jahrhundert hin hat sich das deutsche Volk in zähem Ringen und Kämpfen, in Widerstreben und Mißverstehen, in begeisterter Verehrung und rastloser Forschung, die Reife für seinen Lieblingsdichter erworben, so daß heute jeder das stolze Wort aussprechen darf, das zunächst nur Goethe gewagt: „Denn er war unser!" Sv eng ist Schillers Wesen und Schaffen mit den großen historischen Momenten unseres nationalen Lebens, mit der Entwicklung und Ausgestaltung des Deutschtums ver- knüpft, das; er ebenso wenig wie aus der Literatur, je aus der Geschichte Deutschlands ausgelöscht werden könnte. Das höchste, was ein Poet sein kann, geistiger Führer, Erzieher, steter Anreger und Förderer hoher und edler Gedanken, das ist er uns gewesen. Wenn wir daher bei der Frier seines 150. Geburtstages -uns als seine dankbaren Schuldner, als Verehrer des Unverr- gänglichm und ewig Großartigen in feinem Werk fühlen, geziemt es sich, die leuchtenden Spuren seines Einflusses in der Vergangenheit zu versolgen, die Arbeit der früheren Generationen! zu betrachten, die in Liebe und Haß, in lautem Festjubel und stiller Versenkung das Vermächtnis Schillers bewahrt und für ihre Zeit wirksam gemacht haben. Reiches Material zur Beantwortung dieses wichtigen Problems bringt ein unlängst erschienenes Werk von Albert Ludwig „Schiller und die deutsche Nachwelt" bei, das gleichsam die Bilanz des ganzen Jahrhunderts in feiner Stellung zu Schiller zieht. Bei Lebzeiten des Dichters hatte die Kritik sich ihm gegenüber mehr wohlwollend, als zustimmend, mehr tadelnd, als bewundernd verhalten. Unter der Jugend besaß er ein großes und begeistertes Publikum; so gehörte ihm denn die nächste Zukunft. Sein jähes Ende, in dem majestätischen Aufstieg des „Demetrius' doppelt ergreifend, gewann ihm alle Herzen und die Totenfeiern zeigten, daß- kein Dichter seinem Volke näher stand als Schiller. 703 Wer so sehr m’an ihn nun auch liebte und- Pries, man hatte seines Wesens noch kaum einen Hauch verspürt, verstand noch, nicht die Eigenart seines Charakters und seiner Kunst. Tas neachten lick betriebsame Spekulanten zu Nutze und schmutzten deut geduldigen, empfang lr chen Pub l i tu in einen falschen Schiller auf. Ter wichtigste Fabrikant dieser gefälschten Schiller-Traditionen war ein gewisser DenÄkr, der m zwei viel verbreiteten MachwerkenmachÄgeM dazu verfertigten Briefen, Versen und Erinnerungen den Dichter als mnen , gefühlsseligen, weichlich schwärmerischen, iveltunkundigLN ^ungling erscheinen ließ. Und dankit eine auf langehin nicht mehr auszurottende Anschauung von dem unpraktischen Träumer Schiller " me Gemüter pflanzte. Tie Lieblingsdramen der Zeit »raren ,,^-vn Carlos" und „Dell", deren Weltbürgerliche Ideen, FreiheitK- begeislerung und hohes Pathos entzückten. Die Jugenddramen galten als Ausschweifungen eines unbeherrschte!» Talentes; „Die viunafrau von Orleans" war zu mystisch-phantastisch, die „Braut von Mesfma" näherte sich dem, Schicksalsdrama; dem „Wallenstein" stand man ganz verständnislos gegenüber. Von der Bühne herab wirkte der Enthusiasmus des Dichters auf die freiheilsdurstigen Gemüter, die das Joch Napoleons abschütteln wollten. Dadurch wurde denn Schiller ein mächtiger Faktor in der nationalen Erhebung der Freiheitskrieg«. Seine Dichtungen trugen die frei- willsgen Jäger int Tornister und int jugendlichen Eifer überboten, sie sich in der Bereitwilligkeit, ihre Finger und sogar beide Lände zu opfern, wenn sie ihm damit das Leben wiedergewinnen könnten. Während so eine unklare, aber herzliche Schwärmerei in den Seelen der Vaterlandskämpfer lohte, sprachen die Führer der romantischen Literaturbewegung Schiller kühl das eigentliche Künstlertum ab; ihnen war seine Art des Schaffens zu bewußt, zu zu klar, zu wenig erlebt. Sie erhoben bereits alle die Vorwürfe gegen ihn, die später immer wieder vorgebracht wurden, tadelten das Reflektierende seiner Dichtung, das Hinarbeiten auf dramatische Effekte, vermißten jenes üppige Weben und Schweifen der Phantasie, die schrankenlose Herrschaft des Gefühls, die sie vor allem in der Poesie suchten. Mit der Romantik ging ihre politische Schwester, die Reaktion, Hand in Hand: ihr war Schiller als der Poet der Freiheit höchst verdächtig, die Räuber galten als eine gefährliche Lektüre; in einer Kadettenanstalt tvnrde das Lesen des „Wallenstein" verboten, weil er den blasphemischen Vers enthielt: „Tas Wort ist frei" und einem wegen demai- gvgischer Umtriebe verhafteten Burschenschafter wurde die Tatsache als belastend angerechnet, daß er in ein Stammbuch das Tell-Zitat geschrieben hatte: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern . . ." Die Zensur suchte ans Schiller alles ,,Revolutionäre" auszümerzen. Rach langjährigen Kämpfen durfte der „Teil" 1827 in Wien gegeben werden; aber die „Räuber" zogen erst 1850 in die Burg ein. Sie wiesen denn in den zwanziger Jahren auch, die Ziffern der Bühnenaufführungen Schillerscher Werke einen starken Rückgang auf. Shakespeare trat neben ihm immer mehr in den Vordergrund, und während in den früheren Romantikerkreisen die Goethe-Verehrung eine Geringschätzung seines großen Genossen hervorgerufen, trat nun als sein wichtigster Rivale der große Brite auf, dem von T i e ck bis Otto Ludwig die kritischen Geister die Palme des dramatischen Dichters reichten. Auch in der christlich-deutschen Burschenschaft regte sich allmählich rin zunehmender Widerspruch gegen den weltbürgerlich-antikisie- reuden Dichter. Obwohl Schiller im Volke eine große Popularität hatte, sein Bild auf TadaksWpfen erschien und sogar ein Handwerks bursche, wie der elsässische Dichter Daniel Hirz, seine Gedichte im Ränzel auf die Wanderschaft nähnk, toter doch in dieser dumpfen, trüben Restaurationszeit des Dichters Geltung auf ihren tiefsten Stand gesunken. Freilich fehlte es nicht an Verboten einer nahenden besseren Zeit. Wolfgang M ei nzel, der grimme Goethe-Hasser, wurde ein desto beredterer und begeisterterer Prophet von Schillers Größe; er schuf das Jahrzehnte hindurch verehrte Idealbild des Dichters für den Bürgerstand; an die Stelle des sentimentalen Idealisten! trat nun das kräftiger gestaltete Monument des edlen, jungfräulich reinen, wunderbar starken, echten Deutschen. Wer etwa au diesem aus das hohe Postament der geistigen Führerschaft gestellten, heldenhaften „lichten Engel" zu zweifeln wagte, wurde zu den „Unreinen und Boshaften" gezählt. Deshalb hatten die wundervollsten Veröffentlichungen von Schillers Nächsten, die nun ans Licht traten, Körners Ausgabe und seine „Nachrichten von Schillers Leben", Wilhelm von Humboldts „Borermnenmg" zu seinem! Briefwechsel mit Schiller, Karoline von Wolzogens Lebensbild, Eckerntanns Gespräche, die Goethes schönste Worte enthielten, keine große Wirkung. Wohl aber trug zu der wieder anhebenden Verehrung Schillers die hohe Achtung bei, die ihm „der Kaiser im Reiche der Geister" Hegel schenkte. Er stellte ihn neben Shakespeare als den größten Dramatiker der Weltliteratur hin und sah in ihin einen bedeutenden Träger des Weltgeistes. Aber dieser hohen objektiven Auffassung zum Trotz ward nun der Dichter in der Zeit zwischen den Revolutionen (1830—48) immermehr zu politischen und tendenziösen Zwecken mißbraucht, in die Strömungen der Parteien hineingezogen und von dem liberalen Bürgertum als Hort und Verteidiger all feiner Ideale in Anspruch genommen. Schon 1825 toter aus dem Stuttgarter „Liederkranz" ein „Verein für das Denkmal Schillers" hervorge- gaugeu; Schillerseste wurden nun in den dreißiger Jahren überall mit prächtigen Reden und Gelagen abgehalten; sie gipfelten 1839 H. Al EEMung des Schiller-Monumentes von Thorwaldsen, du als em wahres VoMfesq gefeiert wurde. Die nationalen Klänge, die man aus stmen Dichtungen heraushörte, schwollen lauter und lau. r an; oer Dichter, der die Freiheit der Kunst von jedem Zweck gepredigt hatte, wurde zum Tendenzpoeten gemacht, von den freilMMchen Kreisen schwärmerisch gefeiert, von den Ver- tretern der Moral und der Religion angegriffen. Und beim jungen DeutichlandWug diese politische Verherrlichung des Dichters m eine politische Verachtung um. Börne kritisierte diesen Aristv- rrateii, dem et Nochmut und Bildungsdünkel vorivarf, in Grund und Boden Seme Vorstellung von Staatsgewalt und Regierung jand er Midlich und naiv, seine ideologische Schwärmerei wollte er verantwortlich machen für das unpraktische Denker- und Träu- mertum des deutschen Volkes: „Krank deutsch." erschien Schiller den Enngdeutschen, als Symbol des tatlosen, in sich vertieften, JKtaja, als der „nationale Dichter" einer untüchtigen zerrissenen Kation. Wine geistreich paradoxen, poetisch unfruchtbaren Kritiker konnten nur so völlig in die Irre gehen mit ihrem Urteil über, den «chppier des „Tell", weil sie ebensowenig Fühlung mit dem Volk, wie Kenntnis von der wissenschaftlichen Schiller-Forschung hatten. Mit oer gewaltigen Biographie Hoffmeisters einsetzend, begann damals die Wissenschaft, eine Gesamtdarstellung seines Lebeuswerkes vvrzubereiten und die einseitigen Urteile zu ent- irasten, indenr sie die Folgerichtigkeit und Kontinuität seiner Ent- wtalung auswies und die Summe seines Schaffens zog. Immerhin erkannten ihn die führenden Geister noch keineswegs völlig an; Hebbel hielt seine Kunst für ein nicht natürlich entstandenes, sondern gewollt erzwungenes Gebild voll einzelner Schönheit, aber ohne Rvkivendigkeit; Gerviuus setzt« ihn gegen Shakü- speare zurück und Otto Ludwig bot allen seinen ästhetischen -Scharfsinn auf, mit seine Kunst als eine Verirrung und Verwirrung der ötitformen zu erweisen. Andern wieder, wie Hettner und .vMlian Schmidt, dünkte die „weltabgewandte" Sphäre des historischen Dramas zu eng; das Leben der Gegenwart, das Volk bei seiner Arbeit sollte ausgesucht werden. Doch das Volk ließ sich nicht beirren; es sah in Schiller den Bannerträger seiner Ideale und verlangte während der Revolution von 1848 stürmisch oen „Ton Carlos", und den „Tell", die beiden alten LieblingA- ftücke der Freiheitsschwärmer. Wo man seiner Gestalt begegnete, ward sie bejubelt, selbst in den schlechten Biographien, selbst in einem so fragwürdigen Theaterstück wie Laubes „Karlsschüler". Als die Ruhe nach dem Sturm eintrat, dauerte doch die Schillerbegeistcrung fort. Alle verschwiegenen Sehnsüchte der Zelt würden in.seine Dichtungen hineingetragen. Die Mirservativen, die Onhddoxen nahmen ihn für sich in Anspruch; er würde in den Schulen mehr gelesen; kurz, feine Dichtung schien das vereinende Band, das die widerstrebenden Kräfte zusammenschloß. Und wirklich wurde Schillers 100. Geburtstag, dieses begeistertste Nationalfest, das wohl je ein Volk begangen hat, zur großen geistigen Einigungsfeier, zum Vorklang der politischen Ginigung. Zum heiligen unverlierbaren Besitztum des Volkes würde sein Sänger, der „Prophet des Ideals und des Vaterlandes". Als Herzog der Seinen, als' Führer in aller Not und. Fährnis erschien nun „Friedri'ch der Große von Schwaben", wie ihn ein Volksbüchlein Auerbachs taufte. So idealisiert und verklärt stellte ihn auch Pall es ke in seiner vielgelesenen Biographie dar, als den lotbeerbekränzten, verzückten Poeten, von klassischen Mantelfalten umflossen, den Blick in die Wolken gerichtet, als Heros und Träumer, wie Begas auf dem Berliner Denkmal. Auch das gepriesene Jahr 1859 verehrte m ch ein Ideal, hatte den wirklichen Menschen und Künstler Schiller noch nicht entdeckt. Tas geschah erst in eifriger gelehrter Arbeit in den folgenden Jahrzehnten. Haym ordnete zuerst seine Dichtung in ihre Zeit ein; der Historiker, der Philosoph, der Aesthetiker ward gewürdigt. F. A. Länge entdeckte die hinreißende Schönheit der Lehrgedichte!, dieser glühenden Bekenntnisse von Erlebnissen des Gedankens, und baute seine eigene Philbsophie auf ihnen auf. Schillers Geschäftsbriefe ließ in ihm den „Realisten", seinen praktischen LebeNs- ftnn erkennen, so daß ihm Hermann Grimm sogar „schwäbische Bauernschlauheit" nachsagte. Doch Schopenhauers Pessimismus und der Materialismus, die die Zeit zu beherrschen begannen!, lenkten die Allgemeinheit von Schiller ab. Richard Wagners Anschau- ungeii zü Ende der 60. Jahre kennzeichneten diese Stimmung, die bald immer stärker wurde u. in den Jahren 1884—1894, eine Abwendung von Schiller, wie sie seit der Romantik nicht geherrscht, herbeiführte. Wieder warf man Schiller vor, daß feine Dichtungen nicht erlebt, daß sie nicht nach der Wirklichkeit geschaffen seien. Und schon! stürmte ein junges Dichtergeschlecht mit neuen Forderungen gegen die „Idealisierung" > gegen die „schöne Sprache" au. Seine Wut richtete sich mehr gegen die Schiller Epigonen, die Jambendichter der MünckMer Schule, aber der Meister würde mit „vernichtet". Tas Gröblichste leistete ein gewisser Manerhvs in der „Gesellschaft", der Wallenstein-Verse „öde Quasselei" und die Maria Stuart eine „Pfuscharbeit" nannte. Die BesonNeren unter den Jungen, die Harts, Br ahm, Schlenthtt, ließen den jungen Schiller gelten, dessen Realismus ihnen imponierte. Aber aus dem Kampf des Tages ging Schiller, der bereits ein Jahrhundert durch die Macht seiner Individualität überwunden hatte, als Sieger hervor. An seinem 100. Todestage brachte ganz! Deutschland und die halbe Welt dein Kämpfer für das Ideal her durch die Macht seines 704 Willens alle Menschlichkeit bezwungen, seine Hnldigwttg dar und heutö feiern wir voll Ehrfurcht vor dem leidenden Titanen und voll Bewunderung für den triumphierenden Mnstler die 150. Wiederkehr des Tages, an dem sein Genius der Welt geschenkt ward. Marbach. Biele Brenschen und Tinge empfangen ihren Wert von den großen Persönlichkeiten, mit denen sie ein freundliches Geschick in eng« Bsrbmdung gebracht hat, und ebenso pflegt auf die Orte, wo ein Genius gehaust hat, von dessen Glan; ein Teilchen zmrückzu- strahlen. Sa zehrt auch das württembergische Marbach von Schillers Ruhm. Ohne ihn würde dis kleine, Inmitten der freundlichen Neckarlandschaft über dem steilen Felsengelände des Flusses hübsch gelegene Oberamtsstadt mit ihren 2400 Einwohnern, die sich durch keine sonderlichen Merkwürdigkeiten auszeichnet, heute noch ebenso im Verborgenen blühen wi« vor 150 Jahren. Doch hat fie eine nicht so ganz nub-edeutende Vergangenheit gehabt. Sie bildete schon eine römisch« Niederlassung und einen Kreuzpunkt alter Heerstraßen. Urkundlich erscheint sie zum erstenmal iin Jahre 972 als Markbach, durch welchen Namen sie sich als Grenzscheide Mischen Schwaben- und Frankenland zu erkennen gibt. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts in die Hände der württembergischen Grafen gefallen, diente sie diesen als nicht unwichtiger Stützpunkt ihrer anfstrebenden Macht. Reste von Mauern, Zwingern und Gräben, dis Türme und das alte Fürsteuschlvß legeri davon Zeugnis ab. Im 15. Jahrhundert erhielt sie in der dreischiffigen illexauder- kirche, deren kühn aufsteigender Turm jetzt die 1860 von den Deutschen in Adoskau gestiftete Schillerglocke Eonoo-rdia trägt, «in beachtenswertes Denkmal spätgotischer Baukunst. Aber dann ging es abwärts mit Marbachs. Feuersbrünste und andere Unglücksfälle fügten dem Städtchen großen Schaden zu, das 1693 von den Franzosen so gut wie völlig eingeäschert ward. Es erhob sich wieder ans der Asche, blieb aber verarmt, und die engen krummen Gassen der Altstadt, die dichtgedrängten Baureihen der ärmlichen Häuser erzählen noch heute von alter Rot und Dürftigkeit. Unter den eingesessenen Geschlechtern Marbachs genoß die Bäckersfamilie Kodweis Ansehen. Ter Bäckermeister und Löwenwirt Georg Friedrich Kvdweis, Sohn und Enkel von Bürgep- meisterrt, brachte es gar zum herzoglichen Holzmesser. Sein 17» jähriges Töchterlein Dorothea feierte am 22. Juli 1749 Hoch- zeit mit dem ehemaligen bayerischen Regimentsfeldscher Johann Kaspar Schiller, der sich kurz vorher im Städtchen als Wundarzt niedergelassen hatte. Aber der rasche Vermögensversall des Schwiegervaters Kodweis veranlaßte den jungen Ehemann, schon im Jahrs 1753 wieder Kriegsdienste, und zwar diesmal herzoglich württembergische, zu nehmen. Dovothea Schiller blieb in der Vaterstadt zurück. Im Jahre 1758 bezog sie mit ihrer Erstgeborenen Christophine die untere Stube des dem Säckler Schöll- wpf gehörigen Häuschens in der Niklastorstraße. Hier schenkte sie, dieweil der Gatte im Feld stand, ihrem ersten und einzigen Söhnchen Friedrich das Leben. Nur etwa die drei ersten Jugendjahre hat der junge Schiller in Marbach verlebt. Aber später ist er vom nahen Ludwigsburg aus noch oftmals zum Besuch der Großeltern in die Geburts- stadt hinübergewandert. Seit seinem Eintritt in Herzog Karl Eugens Militärakademie dürfte er sie nicht wieder betreten haben. In freundlichem Gedenken hat er sie zeitlebens behalten. An der Elblandschaft in Dresden ist ihm eine „schwesterliche Aehn- Uchkeit" mit seinen Heimatfluren aufgefallen. Marbach aber hat Unmittelbar nach dem Heimgange seines großen Sohnes damit begonnen, sich zu einer der Hauptstätten der Schillerverehrung zu entwickeln. Es setzte seinen Ehrgeiz darein, in seinen Mauern ein Standbild des gefeierten Dichters zu errichten, welcher Wunsch infolge allerhand widriger Umstände freilich erst spät erfüllt wurde. Zunächst gelang es dem 1835 gegründeten Marbacher Schiller- Verein, das Geburtshaus des Dichters, dessen Identität schon 1812 durch ein amtliches Protokoll unzweifelhaft festgestellt worden war, um einen Kaufschilling von 4000 Gulden zu erwerben. Nach einer alten Zeichnung in seiner ursprünglichen Gestalt wiederhergestellt, wurde es an Schillers 100. Geburtstag« in Anwesenheit der Schillerschen Familie festlich eingeweiht. Durch Stiftung von Handschriften, Bildern und Reliquien wuchs es sich allmählich zu einem kleinen Museum aus, und mehr und mehr Wurde das nunmehr in einstündiger Eisendahnfahrt von der Landeshauptstadt bequem zu erreichende Marbach ein Wallfahrtsort für andächtige Gemüter. Am 9. Mai 1876 konnte endlich auf der aussichtsreichen „Schillerhöhe" das Denkmal enthüllt werden, zu dessen Guß Kaiser Wilhelm I. von den Franzosen! erbeutete Kanonen geschenkt hatte. Es ist ein trefflich gelungenes Werk des jungen Meisters Ernst Rau, der schon vor der Weihefeier das Zeitliche gesegiret hatte — „ein Bild jenes Ewigjugend- Achen, wie er soeben mit den ersten Zeugungen seiner bezwingenden Schöpferkraft die Welt überrascht hat und jm Begriff steht, zu Noch höheren Taten des Genius aufzusteigen", um Worte aus o«r Festrede be# Poeten Joh. Georg Fischer zu gebrauchen. Dein pietätvollen Eifer der wackeren Marbacher winkte n-rch ein reicherer Lohn. Jm Jahre 1895 bildete sich ihr kleiner Lokalverein zu einem allgemeinen Schwäbischen Schillerverein um, der. unter dem Protektorat des für di« Sache begeisterten Landesl- tzerrn stehend und sich über ganz Deutschland verbreitend, bald über beträchtliche Mittel gebot und eine Menge handschriftl'.cher und sonstiger Schätze an sich zog. Um diese sicher zu bergen, 6fr durfte es einen eigenen Gebäudes, zu dessen Sitz nach kurzem Schwanken Schillers Geburtsort auserkoren ward. 1903 konnte das auf der Schillerhöhe im Spätrokokostil des Herzog Karl Eugenschen Zeitalters erbaute Schillermnseunr eingeweiht werden, das zugleich als Museum und Archiv für die Nachlasse der übrigen schwäbischen Dichter dient. Marbach ist durch diese Sehenswürdigkeit ersten Ranges zu der meistbesuchten Gedenkstätte be# Schwabenlandes geworden, und kaum anderswo werden alle, die den Spuren des volkstümlichste deutschen Dichters nachgehen!, seine Nähe so unmittelbar fühlen wie in dem traulichen Neckartstädtchen, wo er zuerst das Licht der Sonne begrüßt hat. VeL'm! Achtes. * Das Alter der Gustel von Blasewitz. Es ist Bühnenüberlieferung, die. Marketenderin, die Schiller int fünften Auftritt von „Wallensteins Lager" als Gustel von Blasewitz einführt, als ältere komische Chargenrolle aufzufassen. Man kann sich dabei auf den Vorgang der Goethe-Schillerschen Theatev-- direktivn in Weimar berufen. Tenn bei der Erstaufführung des Vorspiels am 12. Oktober 1798 war dis Gustel der Vertreterin der bürgerlichen Mutter, Madame Beck, anvertraut worden. Diese hatte in Weimar am 29. Aprit 1794 als Oberförsterin in Jff- lands „Jägern" debütiert und wurde auf Michaelis 1823 in den sstuhestand versetzt. Es mag nun sein, daß Frau Beck, obgleich sie nicht mehr zu den jüngsten gehörte, sich für die Roll« besonders gut eignete, und man rühmte ihr wirklich nach, daß sie die flinke Marketenderin sehr gut gespielt habet es mag auch sein, daß die Besetzung ein Notbehelf war, weil gerade keine passende jüngere Kraft für die Gustel verfügbar wär. Jedeiv- falls ist cs aber erlaubt, von dem Dramaturgen Schiller an den Dichter Schiller zu apollieren. Wie alt haben wir uns etwa aus Grund der Dichtung feilte Gustel von Blasewitz vor zu stellen? Bewegt genug ist ja das Leben, das sie hinter sich hat. Sie war dabei, als Wallenstein den Mausfelder stach Ungarn ver-- fcflgte, war bei der Belagerung Stralfuiids, dann in Oberitalien, in dett Niederlanden. Das zuerst genannte Ereignis fällt in das Jahr 1627, und da solche Soldatenweiber ihre Laufbahn zeitig beginnen, kann sie 1634, in welchem Jahr „Wallensteins Lager" spielt, iwch sehr wohl in den Zwanzigern gewesen fein. Demi widerspricht der Umstand, daß sie bereits eilten — etwa achtjährigen — Jungen hat, der zur Schule geht, keineswegs. Auch dis Nichte „aus dem Reich", die fie bei sich hat (nach der Aw- nahme der Erklärer übrigens nur eine vorgebliche), schadet nichts, da ja Gustels Schwester, deren Kind die Dirne sein soll, älter gewesen sein kann als Gustel selbst. Vermutet mau übrigens, daß Gustel auch die Mutter dieses Mädchens ist, so braucht sie darum trotzdem die Dreißiger noch nicht allzu lange überschritten, zu haben. Das Urbild der Gustel ist bekanntlich Johanne Justine Seg-edin, das Töchterchen dec Besitzerin des fogenannten „Schenkguts" in Blasewitz, wohin Schiller von Dresden aus nicht selten' kam. Das heitere Mädchen lebte doch wohl in jugendlicher Gestalt in des Dichters Erinnerung fort, und dies ist eilt weiteren Grund, warum wir uns die Gustel von Blasewttz in „Wallenp steins Lager" nicht als zu alt denken dürfen. Demgemäß wird die Rolle auf der Bühne am besten einer Soubrette xugeteilh, die keck zu charakterisieren weiß und Humor genug besitzt, in ihrer Erscheinung zum Ausdruck z-u bringen, welche Üebensstürme bereits über das junge Weib hiugebraust sind. Niemals aber darf sie das Gebahren einer komischen Alten halten. Zitaten-Kätsel. Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt: 1. Weh dem Lande, wo man nicht mehr singet, 2, Was wolltest du mit dem Dolche, sprich, 3. Nicht der ist aui der Welt verwaist, Dessen Vater und Mutter gestorben, .... 4. Sein ganz' Verbrechen ist, mein Freund zu sein. 5. Röslein, Röslein, Röslein rot, . Röslein auf der Heiden. 6. Die Wahrheit ist vorhanden iitr den Weisen. 7. Es ist nicht zu mit rechten Dingen. 8, Wer reitet so spät durch 9iacbt und Wind? 9. Alle Schuld rächt sich auf Erdem Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummerr F Arm Freya F r e y t a g Ratte San K Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.