„Ja, Amerika ist doch mächtig groß, haben Sie beim keine Verwandten dort?" „Nein, ich dachte — ich könnte da dienen." „Können Sie denn schon ein bißchen Englisch? Das müssen Sie zuerst lernen." „Ich hin man so hartlehrig", versetzte Tine. „Na, denn bleiben Sie man lieber hier, denn sind Sie in Amerika verraten und verkauft. Brot wird ja allenthalben gebacken." „Suchen Sie sich doch lieber 'ne Stelle in Hamburg", redete ihr jetzt das älteste der ihr gegenübersitzenden Mädchen zu. Sie erzählte weiter, wie gut sie es gehabt hatte, als sie vor einigen Jahren in Hamburg in Stellung gewesen war. „Die Arbeit ist leicht," sagte sie, „und es gibt feine Geschenke und hohen Lohn." „Ja, Hamburg ist eine schöne Stadt", pflichtete das andere Mädchen bei. „Ja, aber ich kenne keinen Menschen dort", meinte Tine kleinlaut. „Ich nehme Sie mit zur Mietsfrau)" sagte das Mädchen, „dann haben Sie morgen schon eine Stelle, und nacht- bleiben können Sie auch bei der Frau." . Das leuchtete Tine ein. Ja, warum mußte sie absolut nach Amerika? Warum sollte sie nicht in Hamburg bleiben, wenn es so viel Umstände machte, nach. Amerika zu kommen, wenn es dort nicht einmal schön war! .Hamburg war ja eine große Stadt, da würde sich gewiß kein Mensch um sie kümmern. Ehe die große Elbftadt mit ihren Türmen und Masten sichtbar wurde, war Tine schon mit sich im reinen: sie wollte in Hamburg bleiben. Als Jan am Nachmittag vom Husumer Wochenmarkt nach Hause fuhr, ging ihm mancherlei durch den Kopf. Er war so in Gedanken versunken, daß er ganz überhörte, was die Großdeern ihm vom Butterverkauf, vom Handeln und Feilschen der Frauen erzählte. Die Schweine waren verkauft, das Sparkassengeld abgehoben. Tine war fort, Hans und Hof/in bester Ordnung, jetzt war seine Zeit gekommen, jetzt ging es fort in die weite Ferne. Jan Thomsen hob den Blick. Er spähte scharf nach dem fernen Westen, aber kein Segel zeigte sich. „Wir bekommen bald Schnee", meinte die Großdeern. Jan antwortete nicht. Seine Gedanken spannen sich weiter fort. Heute noch wollte er nach Hamburg schreiben wegen der Ueberfahrt. Dann wollte er noch einmal zu Kantors, noch einmal, bevor er der Heimat den Rücken drehte, wollte er Frauke in die klaren blauen Augen sehen. Und dann ■— ja, der Brief war noch nicht fertig, der Brief an Tine, den er am Tage seiner Abreise an sie abschicken wollte, aber noch heute sollte er fertig werden. Der Wagen fuhr in die Trist ein. Jan hielt einen Augenblick, damit die Großdeern absteigen und das Hecktor i Spätinghof. Roman von K. v. d. Eider«: (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Endlich saß sie drinnen, in einem Frauenabteil dritter Klasse. Ihr Paket hatte sie auf dem Schoß, das Bündel lag in einem Netz über ihrem Kvpfe. Ein befreiender Atemzug entrang sich ihrer Brust. Sie blickte zum Fenster hinaus. Doch rasch fuhr sie zurück in ihre Ecke: dicht am Zuge vorbei gingen zwei Bauern aus Witzwort. Es stiegen noch zwei Frauen zu ihr in den Wagen, aber es war niemand darunter, den sie kannte. Endlich fuhr der Zug ab. Unterwegs sank Tine doch ein bißchen der erzwungene Mut. Fremde Leute stiegen fast bei jeder Station ein und aus. Manche waren neugierig, andere gleichgültig. Neben ihr stieg eine junge Frau mit zwei Kindern ein, ihr gegenüber saßen zwei Dienstmädchen, die sich in Hamburg einen Dienst suchen wollten. Mit diesen Leuten fuhr Tine eine längere Strecke zusammen. Nach und nach! wurde man bekannt. Die junge Frau z-eiste nach Newyork zu ihrem Manu. Sie erzählte, was ihr Mann ihr von Amerika geschrieben hatte: wie viel Rot und Elend es dort gäbe, wie schwer es ihm geworden wäre, Arbeit zu finden, und daß er schon gut Englisch sprechen könnte. „Er konnte aber auch Hochdeutsch wie ein Pastor", fügte die Frau hinzu. Freude und Sorge sprachen aus ihrem abgehärmten Antlitz. Die Kinder wurden ungeduldig. Das älteste bekam einen Klaps, und als es dann noch mehr schrie, einen halben Wecken, den es tränenden Auges in den Mund stopfte. Das Kleinste stillte die Frau au der Brust. Tine stellte schüchterne, ängstliche Fragen. Ob alle Leute in Amerika Englisch sprächen, ob man dort auch Dienstdeerns brauchte, ob es in Amerika viele Mörder gäbe. „Ja," meinte die Frau achselzuckend, „das glaube ich wohl. Wenn in Amerika einer totgeschlagen wird, da kräht kem Hahn nach. Und arbeiten müssen die Menschen, daß sie Blut schwitzen, und dann auf Stroh schlafen und dabei knapp das trockene Brot." „Ach Gott!" entfuhr es Tines Munde. „Ob es dort Dienstdeerns gibt, weiß ich nicht. Mein. Mann hat nichts von Dienstdeerns geschrieben, aber Englisch muß jeder können, sogar die Packtrüger." Tine schwitzte vor Angst. In ihren Augen war Amerika jetzt ein Land voller Räuber und Englisch sprechender Pack- träger. „Ich wollte auch eigentlich" nach Amerika", sagte sie zaghaft. „Wo wollen Sie denn da hin?" „Das weiß ich nicht." — 290 »usumchen konnte, da kam den Weg entlang eine ältere Fran, sie machte dienstfertig das Hecktor ans. Es war Stina Duhr, die Hebamme des Dorfes. Ein- nral war sie auf Spättnghof aus-- und eingegangen, zu der Zeit, da Tine den Knaben gebar. Seitdem hatte Fan die Fran nie wieder in der Nahe gesehen. Es war ein Zufall, Last sie gerade jetzt des Weges kam und Jan das .Hecktor öffnete, aber weshalb lächelte sie ihn so vertraulich an? „Na, nun wird der Bauer mir auch bald mal wieder was W verdienen geben," sagte die Alte, „was gibt's, wenn es ein Zunge ist?" Jan wandte sich Halb um. Jetzt schloß die Alte das Heck: sie lachte noch aus vollem Halse.. Vielleicht hatte ihr das verdutzte Gesicht des Bauern Spaß gemacht. Die Großdeern kicherte. Jan rückte unruhia hin und her. Was hatte die Frau gesagt? Stand es so? Oh, das fte^ crft6iitto1&-iAe$ MKstx.kkWr. Ein Mrd, das ttmrd« Kindes würde Tine nichts Schlechtes denken. Wie ini Traume stieg Jan vorn Wagen; wie im Traume ging, er umher. Warum hatte sie es ihnr nicht gesagt, was schon die Leute auf der Straße wußten? Zu fein, zu scheu war ihre Seele. Wie konnte er so blind sein! Nein, nun konnte er nicht reisen, nun mußte er es noch einmal mit Tine versuchen, in Geduld und Liebe. Ja, er wollte sie lieb haberr, er wollte gut zu ihr sein und geduldig ihrem sonderbaren Wesen gegenüber. Beide Arme iW'ffte er ausbreitem wenn sie wiederkam. Das Lachen des alten Weibes mit Hecktor stieß seinen Lebensplan um. Mit neuer Lust arbeitete I« in Hans und Hof, und er empfand eine heimliche Freude darüber, daß es' nun doch alles anders kam, daß er nun nicht fort mußte in die Fremde. Vierzehn Tage wollte Tine fort bleiben; die Zeit war bald um. Wie lang ihm diesmal die Tage geworden waren. Es fiel Jan ein, daß der Brief noch in der Schatulle lag, der Brief,, den er in einer trüben Stunde geschrieben hatte, der unvollendet geblieben war. Jetzt sollte er in den Ofen wandern. Jan stand vor der Schatulle und zog den Brief hervor. Er hielt ihn in der Hand, er besah die Aufschrift und wurde starr vor Erstaunen. Was war das? Es war nicht fein Brief. Das schreiben, das er jetzt in der Hand hielt, war an ihn selbst gerichtet und von Tines ungeübter Hand schrieben. Sein Brief aber war verschwunden. Jan stand und las. Er traute seinen Angen nicht. .Wie mit Flammenfchrift prägten sich die Worte seinem Gedächtnis ein. Er las: „Lieber Jan! Dein Brief, den ich unversehens gelesen hab' hat mich ein büßchen vorn Kopf gestoßen aber wenn Du es doch mal mit mir nicht anshalten kannst,, dann will ich man lieber gehen das kommt mir zu denn mir gehört doch, nichts vom Hoff und ich kann doch nicht allein Herr sein .wlf son großen Hoff. Ich kann das nicht zugeben daß du davon gehst das kann und kann ich nicht. Und ich glaub auch das ist mir bestimmt daß ich nach Amerika soll und was einem bestimmt ist entgeht man doch nicht. Das ist das Schicksal was in die Karlen geschrieben steht. Ich werd' auch in Amerika walk mein Brot finden, ivo schon so viele rüber gegangen sind, die es nicht gereut hat. Bloß eins will ich Dir sagen, daß ich glaube, daß Du der beste Mensch von der Welt bist und nimm mirs nicht vor übel daß ich mir das in den Kopf gesetzt hatte. Ich fahre nun nicht nach Mutter sondern gleich nach Amerika und wünsche Dir noch, daß es Dich recht gut geht. Heirate nun mal lieber Frauke Messens die paßt besser zu Dich und werde glücklich und mach Dich keine Sorge und Umstände wegen meiner. .Unter herzlichen Grüßen Deine Tine." Jstn diesen Brief Wort für Wort las, wußte er, vM sem Werb ihm in dem Augenblick, da er sich ihr näher- aerückt glaubte, da er ihre scheue, seine Seele erkannt hatte, für immer verloren war, und zwei Tränen rollten seine Wangen herunter, die ersten, die er seit seiner Kinderzeit geweint hatte. ' * Tine hatte in Hamburg bald eine Stelle bekommen, als Aushilfe auf einige Monate, wie sie es selbst gewünscht hatte. Die Mietsfrau hatte sie zu der Herrschaft begleitet und beim Abschied gesagt: „Wenn es nicht mehr geht, kommen Sie tmeder zu mir, ich werde Ihnen schon eine Unterkunft besorgen." So war sie denn der größten Sorge enthoben und fand sich mit Hilfe der anderen Mädchen bald in ihrem Dienstverhältnis zurecht. Tines Herrin war eine junge Hamburger Großkaus- mannsfrau mit hellblauen Augen, glatt zurückgestrichenem, hellblondem Haar und einem Teint tvie Milch und Blut. Es war eine "sehr junge und sehr tüchtige Hausfrau, die ihre Dienstboten gut anlernte und das Hauswesen wie an einem Schnürchen lenkte. Sie behandelte ihre Leute nicht unfreundlich, das Essen war gut und reichlich, die Arbeit den Kräften angemessen, und um die Privatangelegenheiten —- D-°nt-prt kümmerte sich Frau Lüders nicht. Tine war es ganz recht so. Die durfte wieder arbeiten nach Herzenslust, brauchte nicht zu sorgen, was gekocht, wann gewaschen werden sollte. Niemand fragte fier „Was soll ich tun? Wie soll ich dies und das machen?" Sie „tat, was ihr aufgegeben, sie aß, was ihr gereicht wurde, und ihr Mut hob sich. Anfangs ging sie ungern auf die Straße, weil sie fürchtete, es könnte ihr jemand aus der Heimat begegnen. Nach und nach verlor sich auch dies Gefühl; Hamburg war ja so groß. Es . war ihr nur. peinlich, wenn ihr manchmal ein Herr dreist ins Gesicht sah, sie dachte dann jedesmal, es wäre vielleicht jemand von der Polizei, der sie suchte, uud sie wurde glühendrot und lief schnell, daß sie davonkam. Daß man sie wegen ihres lieblichen Antlitzes und ihrer herrlichen, braunen Augen ansah, fiel ihr nicht ein. Sie dachte oft an Spättnghof und an Jan. Sie stellte sich im Geiste vor, wie er jetzt ohne, sie glücklich und zufrieden lebte, und in der Gewißheit, ihm zuliebe ein Opfer gebracht zu haben, fühlte sie sich zufrieden. Da kam die Zeit, vor der sie sich gefürchtet hatte, die Zeit, da sie ihren Dienst verlassen mußte. Sie ging zu der Mietfrau, uud diese wußte sogleich «Ja, ja," sagte sie, „ich dachte schon, daß Sie bald kommen würden, ich erwarte dieser Tage noch ein paar Mädchen, denen es so geht. Ich will Sie schon unterbringen. Behalten Sie Ihren Mantel man an, ich gehe gleich mit Ihnen. Znerst gehen wir zu Fräulein Petersen, und wenn die ihre Stube nicht frei hat, gehen wir weiter zu Frau Leidig. — Fräulein Petersen wohnt ganz, in der Nähe." „Ich möchte nicht gern zu einem Fräulein," meint« Tine, „die sind immer so fein." „Ach, Fräulein Peteren ist nicht fein, eher grob; aber Si ist 'ne gute Seele. Sie ist so 'ne Art Mhersch, hat ’ne ohnung von zwei Stuben und Küche; es sind aber man kleine Löcher. Früher hat sie mit ihrer Schwester, zusammen- gewohnt; sie haben beide genäht. Bor ein paar Jahren hat sich, die Junge verheiratet mit 'nem kleinen Beamten; das heißt, er ist groß genug, hat aber man 'ne kleine Stelle. Na, nun vermietet sie ihre Stube, wenn es so paßt, aber nur an anständige Mädchen. Sie kann ja die Groschens brauchen, und sie weiß auch mit alles Bescheid. Aber wie gesagt, jedeeine nimmt sie nicht bei sich ein. Ra, mit Ihnen hat das keine Nv. Sie sind ja eine Frau. Bloß eilt bißchen wunderlich ist sie, aber daran gewöhnt man sich." — (Fortsetzung folgt.) Die Gsmanen. Aus der Geschichte ihrer Herrschaft. Von Dr. Ernst Rieding er. Nachdruck verboten. Wieder einmal, wie schon so oft, sind schwere Tage übd« den Staat und die Dynastie der Osmanen gekommen. Die' berühmte Schlangensäule auf dem wunderbar an der Hagia Sofia gelegenen Hippodrom und der Achmed-Moschee, von der die Sage behauptet, daß sie einst den Dreifuß der delphischen Pythia getragen habe und mit dem von Herodot erwähnten Weihgeschenk nach der Schlacht von Platää identisch sei, ist Augenzeuge von Dingen geworden, wie sie für die wildbewegte und blutgetränkte Geschichte des Osmanen- tuins in Europa seit seinem Auftreten: auf der Welt-Ahne bezeichnend fhtb. Das grausige Geheul jener Taufende von Janitscharen, das in den Mordtagen des Jahres 1826 von hier bis zu dem in höchster Naturfchönheit Prangenden asiatischen User deS Bosporus hinübergellte, hat vor wenigen Tagen ein, wenngleich minder schreckliches, Echo gesunden, und von diesem blutgetränkten Platze, an dem vor 32 Jahren das erste türkische Parlament tagte und rühmlos endete, ist wiederum vor wenigen Tagen die Militärrevolution ausgegangen, die das nach den serbischen Vorgängen kaum halbwegs beruhigte Europa aufs neue in Sorgen stürzt. Niemand vermag zur Stunde zu sagen, welche Folgen diese in ihren Ursachen noch unklare Bewegung nach sich ziehen wird. Sicher dagegen ist aber, daß die Dynastie Osmans, deS Begründers des türkischen Reiches, in höchster Gefahr schwebt, sich wieder einmal durch bett in der Zamilje zur Tradition gewordenen Verwaudtenneoro zu zerfleischen. Zum Schutze der Europäer dampfen bereits ganze Ge- Mvader und einzelne Kriegsschiffe der Großmächte, darunter auch die neuesten deutschen Turbinenkreuzer, dem Aegäischeu Meere und der Dardanellenpforte zu. Mit ganz anderen Gefühlen als in Goethes Tagen aber folgt von einer Zeitungsausgabe zur nächsten auch der deutsche Bürgers- UMun, den es einst ruhig ließ, „wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen", den ' Ereignissen, die sich zu überstürzen scheinen. Plötzlich, wie ein in der Sprache der Astronomen als U'ova 'bezeichneter Stern, tauchen vor wenig mehr !als einem Jahrtausend die Türken, die schon im Altertum friedsam die Abdachung vom persischen Tafelland zur aralo-kaspischen Niederung bewohnt hattet!, am geschichtlichen Horizonte auf. Zum Islam bekehrt, warfen sie zwar schon damals unter ! Führung ihres krietzstüchtigsten Stammes, den Seld- . schuken, die Kriegsfakel in das brandbereite, ausgetrocknete ; Gespärre gar manches vorderasiatischen Reiches. Mit volleri Stoßkraft aber setzen sie sich erst in Bewegung im Lause Jener hochasiatischen Völkerwanderung, die durch das unaufhaltsame Vordringen der Mongolen eingeleitet wird, ttm sich vor den bestialischen Zerstörungsinstinkten dieser Horden zu retten, die später aus ihrem Schoß heraus den typischen Vertreter hochasiatischer Grausamkeit, den Steppen- sohn Timur Lenk gebären, vertauschen um das Jahr 1225 an 66 600 türkische Krieger ihre angestammten Sitze in Ehorassan mit den wilden Gebirgslandschaften Armeniens. Führer ist ihnen hierbei ihr Stammeshäuptling Suleiman I., der im Gegensatz zu der üblichen Darstellung, als Begründer der noch heute herrschenden Dynastie zu bezeichnen ist und 1231 im Euphrat ertrank. Die Armut des Landes veranlaßt das Volk unter Ertogrul, Suleimans Sohn, Kriegsdienste bei Alaeddin, dem Seldfchukensultan von Konia zu nehmen, der ihnen blühende Landstriche im nordwestlichen Phrygien zum Wohnsitz anweist, lind wie es so oft zutrifft, daß der Appetit beim Essen kommt, so erzeugt auch hier die glücklich veränderte Lage, das Kennenlernen der Reich- Muer Kleinasiens den Hunger nach mehr, die unersättliche Eroberungssucht, die zum Schrecken der Völker vom Ararad W nach Wien und bis zur GrenKe der grünen Steiermark ausgedehnt wird. Schon Ertogrul war es geglückt, dem dahinwelkenden byzantinischen Kaisertum der Päläologen verschiedene Gebiete zu entreißen. Erst sein Sohn Osman aber war es, der die wilden Horden in die erste staatliche Organisation hineinzwang und damit zum Schöpfer der seinen Namen tragenden Dynastie und des' Staates wurde. Die Geschichte hat ihn mit dem Beinamen „el Ghazi" (d. i. der Eroberer) geschmückt, und siegreich war auch wirklich! sein Walten vom Regierungsantritt 1288 bis zu seinem im Jahre 1326 erfolgten Tode. Alle Räuber der türkischen Stämme, die übrigens tat Talent, Mut und Disziplin den entarteten .Griechen um vieles überlegen waren, strömten dem kühnen Führer nach Karahissgr, dem festen Sitze seiner Herrschaft zu. Während kleine türkische Teilfürsten den Griechen Kenschreä, Tripolis am Mäander, Sardes, Ephesus' und manche andere Stadt Kleinasiens! eroberten und die Inseln des ägäischen Meeres verheerten, konnte Osman sich schon 1299 als unabhängig erklären und erlebte noch! kurz vor seinem Tode die Eroberung, der bithynischen Hauptstadt Brnsfa, wo drei Meilen entfernt vom Spiegel des Mar- niarameeres im Schatten des mH fischen Olymps, in prächtigen Ahnengruften sein Leichnam! und diejenigen der nächsten fünf Ostnänensultane, umgeben von einem halben Tausend von Gräbern der berühmtesten Staatsmänner, Gelehrten, Künstler, Dichter, Musiker und Aerzte ans der Glanzzeit des Osmanenregiments bestattet sind. Die furchtbare Macht, die sich knapp 100 Kilometer vor den Toren des goldenen Byzanz niedergelassen hatte, zögerte nicht einen Augenblick, zum Angriff auf die zum jüngsten Tag gereiften christlichen Staatengebilde vorzu- gehen. Osmans Sohu Urchan, der erst den Einzug als Sieger in Brussa hielt, um sich unmittelbar von dort an das Sterbelager des Vaters zu begeben, schuf nach vergeblichen Versuchen, aus feilten Horden eine reguläre, türkische Armee zu bilden, schon 1330 jene ebenso berüchtigte wie berühmte Gardetruppe der Jauitscharen, eine Schar von Löwen an todesmutiger Kampflust, vor deren Ungestüm! die Feinde liinweoo-ch?.'"".»to «)»•«.. »*» e>turme. Von je fünf gefangenen Chrrstenknaben ließ er den körperlich tüchtigsten auswählen und bei türkischen Bauern in die Erziehung geben,Zoo der Jüngling, der nie heiraten durfte, wie ein antiker Spartiaie an das Ertragen schwerster Strapazen, aber auch an besinnungsloses Blutvergießen gewöhnt wurde, bevor man ihn in die Janid- scharengarde einreihte, bereit hoher Sold und sonstige Bevorzugungen freilich aber auch bald jenen unsäglichen Hochmut und Un'botmäßigkeit gebaren, denen ihre höchsten Gebieter, die Großherren selbst, so ost zum Opfer fielen. Schon 1357 setzten Urchans Scharen über die Där- danellen nach dem thrakischeu Chersones über, wo sie in Gallipoli, damals noch eine der wichtigsten Städte des sinkenden byzantinischen Reiches, festen Fuß faßten, worauf unter Murad I. 1360 die Residenz von Brussa nach Adria- uopel verlegt wurde. Der Ansturm auf Konstantinopel führte zwar noch nicht zum Erfolge, dafür aber sanken die südslawischen Reiche der Balkanhalbinsel in Trümmer, als erste die serbischen Teilfürstentümer in Makedonien und in der vom serbischen Heldenliede hundertfach besungenen ersten Schlacht auf dem Amselfelde (Kossowo 1386), wo am Abend des blutigen. Ringens Sultan Murad von einem verwundeten serbischen Krieger erdolcht wurde, das Zareu- tum des Knez Lazar. Der unerhörte Siegeslauf der Osmanen, der in den folgenden 180 Jahren mir selten durch einen Stillstand auf- gehalten wurde, kann hier nur durch Anführung der wich tigften Ereignisse beleuchtet werden. Schon 1391 wagst Bajezid I., der „Wetterstrahl", beit er^en Einfall nach Ungarn, dessen König Sigmund er 1396 bei Nikopolis eine siegreiche Schlacht lieferte. Im Jahre 1394 wurde Bulgarien unterworfen, beim folgten Makedonien, Thessalien und die Walachei, und schließlich trugen feilte Scharen ihr' Waffen sogar bis nach Hellas hinunter. Während m. Bajezids Lebensabend ein noch mächtigerer, der grause „lahme Timur" über, ihn kam, der ihn in der Ebene von Angora am 28. Juli 1402 besiegte, und bis zu seinem Tode in strenger Gefangenschaft hielt, setzten seine Nachi- folger die Eroberungen fort. Im Jahre 1430 wurde von Murad II., dem Sohne des auf der Eberjagd tödlich verunglückten Mohammed I. Saloniki erobert. Der Sohn dieses! Sultans, der — eine Ausnahme — eines natürlichen Todes durch Schlagfluß starb, Mohammed der Siegreiche, machte 1453 dem oströmifchen Reiche ein Ende und verlegte feine Residenz nach Konstantinopel, machte Serbien zu einer türkischen Provinz, unterwarf das Königreich Bosnien, dessen letzten König Stephan Tomas er hiurichten ließ, eroberte die Herzegowina, Albanien, die Krim, Epirus, die jonischen Inseln und machte sogar den Versuch, auf italienischem Boden in Otranto festen Fuß zu fassen. Zum höchsten Glanze erhob sich die Osmanenmacht unter Bajezid II, einem friedfertigen Fürsten, der die Künste und Wissenschaften begünstigte und die seinen Namen tragende, prächtige Moschee in Konstantinopel erbaute, gerade seiner Friedensliebe wegen aber bei den kriegslustigen Janit- scharen Unzufriedenheit erregte und auf Anstiften seines Sohnes Selim von feinem Leibarzt vergiftet wurde. Nur kurze Zeit unter Selim I., der 40 000 auf türkischem Boden lebende Schiiten ermorden ließ und den Titel eines Chalifen annahm, und unter Suleiman II., dem „Prächtigen", der den bis dahin nur nach mündlicher lieber» lieserung geleiteten Staat durch weise Gesetze ordnete, dauerte die Periode des höchsten Glanzes. Mit feinem Tode, der den mehr als 70jährigen vor der ungarischen Feste Szigeth in der Marmarosch ereilte, war das Glück — 292 Vermischte». ein mal in fegen manch trat schon be der des schei sen des blick lei dens gestalt unter schar un dens des klare der dir glüch nur' Zeit jener gegen ent fehlte dir in Ko,. nTnrreicfteit Stea Don Zn an 8 d Austvig tu re K Lrfif T>pi Pcbmito am 7 Okt. 1571 in Trümmer geschlagen. Wbegannba» von jeher in der Dynastre als " gut- Sicherung der Alleinherrschaft geulte Minriv des Verwandtemnordcs mit schauerlicher ärausam- lett aii toüten. Murad HL, der Nachfolger des sich schrauten- den Laremssreuden überlassenden Selims II, der Käufer" genannt, sicherte sich die Macht durch Ermordung ^ou 5 BrLe.ru. Sei,? Nachfolger Mohammed aber begann fein Regiment damit, daß er am Tage feiner ~t)toi Lesteiaung nicht weniger als 19 seiner Bruder erwürgen liest Ändere Sultane wie Osman II. und Ibrahim I. fielen unter bim Moinerhailven oer o u • *[ < ».<• t'*»- eia eit en Verwandten. Bei anderen wieder nmhnlleu dunkle, vielsagende Schleier den Plötzlichen Tod und es ift erwiesen, daß innerhalb 600 jJ ähren mehr als ^-00 Prinzen d s? Sauses ihr Leben auf unnatürliche Weise endeten. Der langsame politische Niedergang des Reiche» innerhalb der letzten 300 Jahre ist als ein untrennbarer Teil der allgemeinen europäischen Staatengeschichte ebenso bekannt wie die grausame Ermordung des vorletzten Sultan» Abdul Aziz durch seine neuen Minister in der Nacht vom 4. Juni 1876, die anfänglich als ein mit einer «chere begangener Selbstmord dargestellt wurde, bis die Wahrhe t durch einen fünf Jahre später emgeleiteten Prozeß bekannt wurde, in dessen Folgen die Angeklagten zwar nur zur Verbannung verurteilt, aber tatsächlich in ihren arabischen Kerkern ermordet wurden. Neber Murad V., den sein jetzt entthronter jüngerer Bruder nach kurzer Regierung entthronte, um ihn bi» zu seinem vor nicht langer Zeit erfolgten Tode in Hast zu behalten, gelangt die Darstellung zu der - milde gesagt — vieldeutigen Persönlichkeit Abdul Hamids. Die Verfassung, die er 1876 erließ und die kein geringerer >als Heinrich von Treitschke gleich bei ihrer Verkündigung eine „Posse" nannte, hat , er damals nach der kurzen Dauer nur eines Monats ,emen Volkern lvieder eskamotiert. Selbst einer armenischen Mutter Sohn Und diesem freilich jedem Kenner des Orients unsympalhi- schen Volke im Aussehen und Sinnesart völlig gleichend, hat er gerade diese Nation noch mehr als die ihm tu der Seele verhaßten Jungtürken in den zahlreichen Armeniergreueln der jüngeren und jüngsten Zeit mit kalter Grausamkeit blutig verfolgt. In seiner Jugend als em Prinz Mit wenig Aussichten auf den Thron kaum beachtet und oft ut verletzender Weise zurückgesetzt und schacht behandelt, wurde er durch die Verhältnisse geradezu zum Meu chenverachter emvaen und hat auch wohl m einer mehr als BOjabugiit Reqierunqszeit die Gelegenheit benutzt, sich an denjentgeu zu rächen, von denen er sich tatsächlich oder vermeintlich beleidigt glaubte. Bei Verfolgung eines bestimmten Zieles von bestrickender Liebenswürdigkeit, ein unubertrefstich^r Meister in den Winkelzügen der Diplomatie, daneben aber uuch wieder ein Spielbakl seiner heftigsten Zornausbruche, hat er die Festungsgefängnisse von Tripolis, BenghafuEize- frnm Bildiz, St. Jean dÄcre und das Hollenbagno von Kaffer, Orte des Schreckens, die ich fast sämtlich nach eigener Uuschauuug als Orte voll Mordgeruch erklären muß, mi Tausenden von politischen Gefangenen bevölkert, die dort zum größten Teile elend zugrunde gehen mußten. Und doch! Der Sultan, der eben jetzt lvieder ein üet> wegenes Hasard gespielt hat, bei dem Freiheit, Thron und Leven den Einsatz bildeten, ist ein Mann von unbestreitbaren Fähigkeiten, der obendrein immer daraus ausgegangen ist, möglichst viel Einzelheiten der Verwaltung an sich zu reißen, die nimmermehr Aufgabe des Monarchen eines großen ^taa» tes sein können. Freilich hat er dabei aber nu au» J^ine Haut heraus gekonnt, und ist ent orientalischer D. sPot ut hem Sinne gewesen, daß er sich mit lvesteuropatscheii poliu- schett Zielen nie befreunden konnte. Auf setttem Walten lastete ebenso wie auf bett Türken und allen unter dem Zeichen des Halbmondes stehenden Völkern der Fluch, der lat (en islamitischen Staaten früher oder später zum „-verderben gereichen muß, daß orientalische und westeuropäische ßlnschauung sich hassen wie Feuer und Wasser. * (SAH (8 Reitrrzuas (18 09). In diesen Tagen jährte es sich zum hundertsten Male, daß der Major Ferdinand Baptist v Schill jenen von patriotischem Gefühl angegebenen, abenteuer- lickm Zug begann, der so tragisch Mr ihn und ferne Untergebenest enden sollte, in der vaterländischen Geschichte teooch rinofern eMn rnlnulichen Platz einniin'int, als er das Verlangen nach Befreiung von der Fremdherrschaft entfachte. Unter dem Vorwande, Hebungen SÄiÄ W Schill, wie Generalleutnant v. Pelet- Rarboiine in seinem' prächtigen Werke „d^nden^rgM-Prmßiscke Reiterei" (Verlag von E S. Mittler u. «r Biilm) fckuldert, M'U feinem .smfaren Regiment am 28. April 1800 von -oe.liN auf Seine Absicht war, auf Magdeburg zu marschteren imd sich •88 8TÄ ÄÄtX Schills einfach als Desertion betrachtete. Zwar chatte die Be- völkernng dem Schillschen Korps vielfach Bewege der shmpahie entgegengebracht, aber keinerlei Anzeichen eines begmuenden VoW' aufstandes, den der kühne Führer zu erwecken hoffte, zeigten sich. So befand sich Schill, der am 4. Mai Bernburg erreicht hatte, m einer furchtbaren Sage. Er versammelte seine Of cztere um sich, schilderte, ihnen die Situation nngeschnunkt, und stillte ihnen vor, cs sei nun wohl das ratsamste, über die Elbe wieder zninckzugeheii und einen besseren Zeitpunkt für die Aus, hrungi ^Befretmmg Deutschlands abzuwarten. Wurde dieser Eutfchlnß g.fastt, w hatte Schill voraussichtlich allein die Schuld für allo zu büßen gehabt. Doch seine Offiziere wollten ihn nicht vertagen — vorwärts winkte bie Eure mit einem rühmlichen Untergang — rüchvarts Strafe und Schande. Es galt jetzt für Schilt, sich gegen emo Abteilung zu Wenden, die der französische Kommandant von Marburg «eßen ibn vorgeschoben hatte. Schills Kavallerie griff dw Gegner sostit an- das Gefecht endete jedoch verlustreich für ihn und sein« Trmppem Nun marschierte Schill nach Wanzleben 'm> er Komvaanien Infanterie bilden konnte. Nachdem er sich der tleine, iSSfä Festung Dömitz bemächtigt hatte zog er gegen Stralsund, das eine Besatzung von Mer. niecklenburgücken Ba- fnilltmcn voluischcn Ulanen Und franzofgcher 2u.tuU.ue unter Ä ferSS Äeral batte. Dieser verließ ben wenig verteidigungssähigen Platz und nahm bei Damingarten eine Stel lnna che Schill am Tage darauf angrift und einnahm. M nächsten Tage sprengte Schill die Tore der nherraschten^ Stadt Stralsund. Nach wenigen Tagen aber schon iah er fn, Streitmacht von 5500 Holländern und Danen gegenüber,.dienach einem heftigen Gefecht am Kniepertor in bie Statt ««joggte Bei der heldenmütigen Verteidigung der Stadt, die * Ä und an der er Persönlich teiliuihm, wurde er in der FahrstE Äi «öWöfesi Äs? «' '»;"«• fei WÄXÄföÄ» 17. Dezember 1'809 nach kriegsgerichtlichem Spruch auf einer Wiese bet Wesel erschossen. Köurgspromenade. Mail darf die ein}elnen Wörter und Silben nur in der Wech miteinander verbinden, daß man - wie bcrShmtg aufbein bvett — stets von einem Feld ans auf em benacljtait-.S >>be g Nedaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Vertag der BrÜhl'schen Universitäts.Buch- und Steindruckereß R. Lange, Gießen. denke J dies Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Zitaten-Nätsels in voriger Nmmner: Sicher i st der schmale Weg de r P f l l ctz r.