MB Auf Liebespfaden. Roma» von H. Ehrhardt. 'Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Es war eigentlich mir selbstverständlich, das; bie_btei Zurück- bleibenden ihre köstliche Freiheit noch, zu einem Seitensprunge verführte. Bei Bols in dem engen, dunkel getafelten Lokal mit seinen in allen Farben funkelnden Likörflaschen intb dem scharfen, zugleich süßlichen Geruch nach Alkohol und Gewürze» wurden noch einige Spitzgläschen rotglühende „Doppelte Liebe" geschlürft und ein bißchen geschandmanlt. „Warum ist denn die Exzellenz so wütend davon gefahren, Kleiner? Schwiegermuttergefühle hegt sie noch nicht für Sie," sagte die junge Frau, mit einer allerliebst graziösen Mundbe- wcgung an deut rosigen, süßen Trank nippend und beit hübschen Offizier von der Seite anblinzelnd. „Davor soll mich ber Himmel bewahren!" Leutnant Keßler stöhnte es förmlich und setzte bann, bas zu Unrecht gescholtenci Kind markierend, hinzu: „Ich weiß gar nicht, was sie sich so giftet, die rotblonde Erika ist ein famoses Mädel, aber heiraten will ich sie ja gar nicht. Und sonst? Was hab' ich denn verbrochen? Ich hab' ihr beim Aus steig en einen Kuß gegeben. -Ob's die Alte, die uns auf den Fersen geblieben war, gescheit hat, weiß ich nicht mal, aber ein Kuß im Karneval, das ist so etwas wohlfeiles und wenig Außergewöhnliches wie Kirschen im Juni, bedeutet gar nichts. Die Kleine hat's auch ganz gern getan — ich hätte sicher ein Dutzend gekriegt, wäre die Gelegenheit günstig gewesen." „Die sind und bleiben ein Unband, Kleiner," lachte die schlanke Fran ans. Das Lachen war nicht ganz natürlich. Sie sog noch immer, den Kopf leicht zurückgebogen, an deut Rand des Likörglases, und ihre Pupillen flimmerten goldig unter halbgesenkten Lidern und trafen mit dem bewundernden Klick graublauer, schmaler Augen zusammen. Eine glühende Röte überflutete auf einmal ihre Wangen und stieg bis in das Haargelock an den blaugeäderten Schläfen empor. „Gott, ist das heiß!" sagte sie, indem ihr Blick abirrte, und sie das leere Glas auf den klebrigen Holztisch setzte. „Ja, kleine Fran, das kommt von der doppelten Liebe," scherzte der Artillerist. Das Rot ebbte zurück, sie wurde eilten kurzen Moment so blaß, daß Hassingcu, ber sie scharf beobachtete, fürchtete, sie würde ohnmächtig werden. Aber sie faßte sich gewaltsam und lächelte. Wieder das MÜde, rätselhafte Lächeln. „Ein billiger Witz!" sagte sie ein bißchen von oben herab. „Er hat sich verausgabt!" entschuldigte Hassingen den zerknirschten Kameraden, „sie glauben ja nicht, was er bei Tisch geleistet Hat, er hatte allerdings ein dankbares Publikum." Lena von Rieding nickte zerstreut, sie war wohl müde. „Wir wollen aufbrechen!" sagte sie. Sie traten auf die Straße hinaus. Sie lag leer, tot, faffl unheimlich gegen das brausende Leben in Mainz. Die vornehme Bäderstadt, die es für exklusiv halt, zu schweigen, wenn die Stadt mit der gemischten Gesellschaft lärmend das große Wort führt. „Sie haben wohl au einem Kavalier genug, kleine Fran!" sagte der Artillerist und verbarg das schalkhafte Leuchten der Braunaugen, indem er sich über Lena von Riedings Hand_neigte. „Meine Harlekinrolle ist heute ausgespielt, ich würde Sie nur langweilen." Die junge Frau lächelte liebenswürdig. „Es wäre ja ein so großer Umweg für Sie, Kleiner: Herr von Häslingen hat ja doch fast denselben Weg wie ich. Morgens essen Sie also bei Tantchen die Poularde, nun, guten Appetit: dazu!" Er zog eine Grimasse. „Ich hoffe noch immer, Tantchen hat das Uuglückshuhn! in der Droschke liegen lassen — wir gehen abends übrigens all« in die „Dame von Maxim". Sind Sie nicht mit von bet* Partie?" „Ich glaube, kaum, ich bin hier, um meine Nerven zu stärken, nicht, sie zu ruinieren — aber auf Wiedersehen anderswo! Wiesbaden ist ja so klein." „Gute Nacht, Hassingen!" Er drückte dem Kameraden die Hand, daß dieser aufschrich Dann entschwand er in einer dunklen Seitenstraße. Die beiden anderen gingen langsam weiter, die Unterhaltung sickerte nur spärlich und drehte sich um gleichgültige Dinge. lieber ihren Häuptern stand der Mond, klar, ruhig, mit mildem Leuchten, die Baumzweige des Parkes starrten gespenstisch', eine Elektrische mit roten Glühäugen surrte vorüber, blaue Funken sprühten in den Drähten der Oberleitung. Aus den Hotels und Billen der Sonnenberger Straße brach' geller Lichtschein durch dünne Spitzenstores, als glänzende Kette zogen die elektrischen Lichtkuppelii den Weg zum Pauliiienschlößchen herauf, das aus seilten Fenstern grell nnd lockend in die Nacht hinaus leuchtete. Unwillkürlich wandten iie beide den Blick dorthin. „Es war doch schön!" sagte der junge Offizier leise. Sie verstand ihn und lächelte. „Sie sehen, wie recht ich habe mit ber Herde. Nur einen sympathischen Menschen haben unter tausend fremden, wie köstlich ist solch ein Alleinsein, aber es ist so selten —" Ihre Augen wurden träumerisch, weich, sie senkte den Kopf, daß ber große Hut ihr Gesicht verschüttete. Wie betäubend schwer und süß plötzlich die sterbenden Narzissen dufteten! Die Unterhaltung stockte, es war ein beklemmendes Schweigen. Dem jungen Offizier klopften die Pulse, die Stirn fieberte ihm, über die kühl der frische Nachthauch strich. Leutnant Keßler Hatte diese Brandfackel in fein Blut geschleudert. 154 — .Immer streifte er verstohlenen Blickes die roten, schön geschwungenen Lippen. Warum' kachelte sie so m'itbc ? Das Lächeln Hätte etwas Aufreizendes, Lockendes. Er musste sie küssen. Den ganzen Weg schon dachte er an. nichts anderes. Nnr einmal! Es war ja Karncvalsrecht, das zu nichts verpflichtete, nichts bedeutete. Auch keinen Treubruch gegen seine kleine Helene. Wie skrupellos waren andere darin, junge Bräutigams, Ehemänner, wie vst hatte er cs im Manöver miterlebt, wenn da jeder Kutz Hätte eine Treulosigkeit sein sollen', o weh! Tie Gartenpforte klirrte, sie waren nm! Ziel. Trotz der noch frühen Abendstunde war die vornehme kleine Pcnsioiisvilla schon verschlossen, das Licht gelöscht. Heut dauerte cs ein Weilchen, ehe Hans von Hassingcn das Schlüsselloch fand, es kam' davon, weil seine Hand zitterte. Die junge Frau stand schweigend zur Seite. In der Stille hörte inan deutlich, daß sie Hastig und gepresst atmete, als ob sie etwas beängstige. Einmal räusperte sie sich leicht. Endlich drehte sich der Schlüssel knackend im Schloß, die Wr öffnete sich mit leise knarrendem Geräusch. Tie junge Fran trat rasch auf die oberste Stufe und ivollte wieder das elektrische Licht entzünden, aber Hassingcn hielt ihren alisgestreckten Arm fest. „Was tun Sie, Hans?" stammelte sie, bemüht einen scherzenden Ton anznschlagen. Bon der Straße drüben fiel greller .Lichtschein über ihr reizendes, erblaßtes Gesicht, aber die Augen, in denen er sich spiegelte, strählten warm und zärtlich. Tas gab dem Manne den Mut, den Arm um die biegsame Taille zu legen, aber als er sich zu den. roten, verführerisches Lippen Herabneigte, durchblitzte ihn im Fluge einer Sekunde der Gedanke, die junge Fran könne seine Kühnheit als Nichtachtung Auffassen, und er fragte leise: „Darf ich, Lena?" ,> lind ebenso leise kiangs zurück. „Weil Karneval ist, Hans, Rosenmontag." Und sie küssten sich. Aber cs Ivar nicht der flüchtige Kuß, der zu nichts verpflichtet, der nichts bedeutet, es war ein langer, sehnsüchtiger Kuß, einer von denen, die ewig sortbrenncn und auf ewig binden. " XII. Hans von Hafsingcn erwachte am anderen Morgen mit schmerzendem Kopf und wirren Sinnen. Er hätte einen regelrechten Kater, obgleich er, der immer Mäßige, auch gestern in Mainz viel weniger als alle anderen getrunken hatte. Leine Lippen 'waren vertrocknet, im, Munde ein ekler, pappiger Geschmack, hinter der Stirn ein Gefühl von Tumpfhcit und Schmerz. Es war wohl auch ein moralischer Jammer, der den physischen Verstärkte. Ans dem Nachttisch lag' neben der schäbigen Brieftasche das noch in Neuheit glänzende Portemonnaie, das er vor kurzem zu seinem Geburtstage von „Muttern" erhalten hätte. Es war seit gestern um zwölf Mark leichter geworden, neun Mark hätte allein die Zeche im Koblenzer Hof betragen, er hatte sie ohne Wimpernznckeu gezahlt, die anderen hatten cs sehr billig gefunden - er auch. Für ihn waren es vier Theaterbesuche weniger. Wie alle Menschen, die ihre Mittel peinlich genau einteilcn müssen, rechnete er den verausgabten Betrag gleich in Werte um. lind diese: vier verlorenen Theaterabende schienen ihm ein zu hoher Preis für den Rosenmontag in Mainz. Als ers gedacht, flog lichte Röte über seine Stirn. Es war ein Häßlicher Gedanke gewesen. Lena von Rieding hatte ihn nicht verdient, hatte auch nicht verdient, daß er, ihn denkend, zur Heuchelei stempelte, was gestern doch wahres Empfinden gewesen. Bei der Fahrt nach Mainz, beim: Bummel durch die Straßen, allem mit ihr im Trubel der Messe und auch später noch hatte er sich sehr glücklich gefühlt, hatte nicht einmal seiner kleinen Helene gedacht Ter Mißmut war erst gekommen, als die reizende Iran auch anderen znlächelte, war wieder verschwunden int Moment des Alleinseins mit ihr. War er eifersüchtig gewesen? Er sagte sich,'s. ehrlich, daß cs beinah so aussah. Oder wars nur verletzte Eitelkeit, geheimer Aerger, daß andere sich Rechte anmaßten an der Tarne, die nach «(teilt Brauch im .Karneval mir einen zu ihrem Ritter schlagen durfte. Taß lie ihn dazu erwählt, hatte sie ja oft genug Nezcigt. Sie bevorzugte ihn, jeder konnte cs bemerken, aber es -lag zu viel Offenheit unb Unbefangenheit in ihrer Gunstbezengung, um schwerwiegende SWisse daraus zu ziehen. Rur der Küß gab dein, jungen Dssizicr zu denken, .dieser Kuß, dessen, Brcuncu er noch jetzt spürte, daß sein Blut answälkte und feilt Herz rascher pochte. So küßt eine Lena von Rieding keinen Mann', der ihr nur eine flüchtige Karneva(staune ist. J Aber was konnte er ihr anders sein? Dieser verwöhnten, eleganten, reichen Weltdame, er, der arme Infanterie-Leutnant, der nichts hatte als seinen Degen und sein unbeflecktes Wappenschild Ter kleine Artillerist hätte so leichthin von einer Möglichkeit gesprochen, vor der ihm schwindelte, die fr fast angstvoll von sich abwies. Seine arme kleine Helene mit ihrem felsenfesten Vertrauen und der unbewußten Leidenschaftlichkeit ihres Wesens. Wie durste er nur daran denken, ihren Platz in seinem Herzen oder auch nur an seiner Seite könnte eine andere einnehmen. Sie würde cs ja nicht überleben, das arme Ting, jetzt noch nicht. Erst mnsstcn die Kräfte zermürbt werden im vergeblichen Warten, dann brach ein junges Herz lautlos und unbemerkt, hätte nicht mehr das Aufbäumen, das vom raschen Entschluß zur verzweifelten: Tat die Brücke schlügt. Helene Falk fühlte sich zu unglücklich und fremd unter den! Ihren, in deren geschäftigem', dem Erwerb nachhastendcu Kreise sie die Verträumte, Untätige war, seit die Liebe zu Hans Hassingen ihr jedes Interesse an der übrigen Welt genommen hatte. Schied er plötzlich ans dem Bereich ihrer Zutunftshoffnungen, so wyr sie wohl dazu fähig, in der jungen Kraft der Empörung aus dem Labyrinth des Lebens in ein friedlicheres Reich zu, flüchten. Dem Manne war ja erst aus ihren Briefen klar geworden, wie leidenschaftlich dieses junge Geschöpf fühlte. Es war ihm je nach seiner Stimmung beglückend und be- ,ängstigend erschienen. (Fortsetzung folgt.) Ans den Berliner Märztagen. Aufzeichnungen des Grafen Eduard, v. Waldcrsev. lSchluß.) Angriff auf die Barrikade n. Nach einer genauen Darlegung der Anordnungen bei den Truppen wird der Angriff auf die Barrikaden im einzelnen geschildert: „Ter Kampf war also beschlossen und nach der Lage der Dinge unvermeidlich. Es mochte i/2ö Uhr nachmittags sein, als er begann. Nachdem als vorangehende Aufforderung zum Anseinandcrgehcn ein dreimaliger Wirbel von den sämtlichen Bataillons-Tambours gegeben worden war, wurde ein Geschütz auf der Langen Brücke plaziert und eine Granatladung abgefeuert. Gleich darauf rückte das Füsilier-Bataillon des 1. Garde-Regiments in Augrifsskolonne in der Königstraße vor, wurde aber schon durch eine Barrikade an der Heiligengeist- Straßenecke aufgehalten und erhielt Feuer ans den Fenstern der ncbenliegenden Straßen, während die Barrikade selbst unbesetzt war. Um die Aufwiegler zu delogieren, schlug man daher die Haustüren ein, drang in die Häuser und stieß, alles, was mit den Waffen in der Hand' gefunden wurde, nieder.... So wurde eine Barrikade nach der andern genommen; man gelangte aber erst, als es finster wurde, zum Alexanderplatz, wo nun auch die Frankfurter Bataillone unter einem Kugelregen eintrafen. Gefangene hatte man hier in der Königsstraße wenig gemacht; die Soldaten waren so erbittert, daß sie lieber kurzen Prozeß machten. Während das hier vorgiug, war man auch an anderen Punkten vorgerückt: ein Bataillon des 2. Garde-Regiments in der Ober-Wallstraße bis zur Jägerstraße. Dasselbe war auf eine Barrikade gestoßen, zu deren Konstruktion man die eisernen Laternenstangen vor dem Gouvernementsgebäude mitbenutzt hatte; auch in den Fenstern des Cafes „Zum Vater Rhein" hatte man Feuer erhalten. In diesem Hause wurde bei dieser Gelegenheit ein sich aus dem Fenster zeigendes Frauenzimmer von einer Kugel tödlich getroffen. In dieser Zeit passierten den Schloßplatz einzelne Leute, die, als man sie untersuchte, Munition bei sich führten, also den 3nfuriertön dieselbe zutragen wollten. Auf dem Gendarmenplatz war Las Regiment Alexander aufgestellt und nahm von hier aus allmählich die Barrikaden bis zur Leipziger- und Schützeustraße, und obgleich viel aus — 155 — den Häusern von feiten der Aufrührer geschossen wurde, so begnügte man sich jedoch, nachdem man in feie Gebäude eingedrungen war, dieselben zu verhaften. Ter Angriff gegen die vom Schloßplatz aus vorliegende Barrikade in der Breiten-Straße begann erst, als es schon völlig dunkel geworden war. Auch hier eröffnete feie Artillerie den Kampf, und einige Granaten flogen ab. Dann ging unmittelbar darauf ein Bataillon von Kaiser Franz- Major Falkenstein, in der Breiten-Straße vor, ihm folgte das 2. Bataillon 1. Garde-Regiments, Major Kleist. Es dauerte nicht lange und feie Verbarrikadierungen waren genommen, nicht ohne einzelne Opfer von seiteii des Militärs, denn feie Jnsurierten schossen zuweilen meuchlings aus Verstecken, aus Kellerfenstern und Dachluken. Es gab manchen Blessierten. Am hitzigsten war der Kampf bei feer Wegnahme des Kölnischen Rathauses, !vo manchein Aufwiegler der Garaus gemacht worden, man sprach von 16 Leichen, welche man daselbst gefunden. Sonst wurden bei dieser Gelegenheit viel Gefangene gebracht; die Grenadiere- brachten sie einzeln nach dem Schloß augeschleppt, wobei es manchen Kolbenstoß gab, wovon mitleidige Seelen bei Hofe die Soldaten abbringen wollten. Der alte Prinz Wilhelm (Bruder Friedrich Wilhelms III.) stand während dieser Vorgänge, umgeben von seinen beiden Söhnen, Prinz Adalbert und Waldemar, auf dem Schloßplatze und schaute dein allen anscheinend mit großer Ruhe zu. Plötzlich ging ein Schuß über unsere Köpfe weg und schlug in ein Fenster des Schlosses ein. Wie wir nachher sahen, hatte feie Kugel das Krügersche Bild „Die große Parade" getroffen, und nach feer Oeffnung, welche die Fensterscheiben hatten, konnte man deutlich die Linie verfolgen, wonach feer Schuß von einer gewissen Dachluke am Schloßplatz ausgegangen fein mußte. Tas Sturmläuten von den Kirchtürmen horte feie ganze Nacht nicht auf, auch sah man au verschiedenen Pnnkten Feuersäulen emporlodern. Der Kampf wurde aber für feie Truppen überall siegreich fortgesetzt, gegen Morgen war man int Besitz der Königsstraße, des Stadtteils bis diesseits der Spree, feer Sinfeen zum Brandenburger Tor und der Schützeustraße bis zum Potsdamer Tor. Nur ein Fall ist vorgekommen, wo feie Truppe nicht ihre Schuldigkeit getan, und zwar eine Kompagnie der auswärtigen Infanterie, welche in der Fricferichs- stadt sich schlug, indem sie nach einer Barrikade vorzugehen verweigerte. Zufällig war in diesem Augenblick Adjutant Graf Münster hier erschienen, der Hauptmann hatte il)m geklagt: „Denken Sie, wie es mir geht! Tie Kompagnie ivilt nicht vor." Darauf hatte Graf Münster den Degen gezogen Und die Kompagnie auf feie Barrikade geführt und sie genommen." Im Schloß. „Zn den Zimmern und besonders in feer Halle des Monarchen sah es, wie man in einem so verhängnisvollen Moment denken kann, auch sehr bewegt aus; feer König schien aber zu dem festen Entschluß gefommcn, nunmehr ein kräftiges Handeln dem revolutionären Treiben eutgegen- zusetzen. Leider gestaltete er an diesem Tage sehr vielen Personen Gehör, die feen Monarchen mit Vorstellungen nnfe Ratschlägen bestürmten. So sprach Viitcke und Fürst Lich- nowsky zum Könige; sie rieten zum Nachgeben; es sei keine Erneute, es sei der Ausdruck fees allgemeinen Volkswillens. Auch Gras Munn hatte gesagt: „Mit Bajonetten können Eure Majestät nicht mehr regieren." Auch erschien eine Deputation, an feer Spitze feer greife Bischof Reau der in voller Amtstracht (mit ihm der Buchhändler Tr. Gumbinner, feer Ar. Loewe, feie Bezirksvorsteher Lademann und Ring und der Stadtverordnete Reimer). Der Bischof sagte ungefähr so: „Zu Eurer Majestät Hauptstadt fließt Blut, Allerhöchst- dieselben wollen diesem Einhalt gebieten nnfe befehlen, daß das Militär zurückgezogen werde und nach den Kasernen abrücke." Der König erwiderte darauf, daß zuerst das Volk die Stellttitgen ansgeben möge, er wolle alles bewilligen, äder nur der Bitte, nicht der Gewalt." Unmittelbar darattf aber wird erzählt, wie feer König, den man vergebens zur Abreise nach Potsdam zu bestimmen versucht hatte, „in diesem Moment schlecht ßeraten war und schon wieder einen andern Entschluß gefaßt hatte." Sy iväre es gekommen, „daß der Monarch mehr feen Eingebungen seines Gemüts und Herzens folgte und feie unglück- lichs Bekanntmachung „An meine lieben Berliner" selbst redigierte, feie feer Professor Hensel nach einer Buchdruckerei beförderte, feie im Rayon feer Jnsurierten lag." Der 19. März brachte daun neue Unterhandlungen, feeren Folge der Befehl an die Truppen, sich aller Feindseligkeiten zu enthalten, nnfe feer Abmarsch, feer Truppen aus Berlin war. D as L ei ch e nb eg än g n is. Von feen Ereignissen „nach feer Katastrophe" sei nur noch das Leichenbegängnis der im Kampfe gefallenen Bürger hervorgehobeii: „So ging feer Zug am Schlosse vorüber, wo Seine Majestät der König jedesmal auf feem Balkon erschien, sobald die Särge vorbeikamen nnfe dieselben durch Ab- nehmen fees Helms grüßte. Auch feie Bürger in feem Zuge nahmen feie Hüte ab und grüßten ehrerbietig. Es war eine merkwürdige Ruhe und Ordnung bei diesem Leichenbegäng- nis, selbst auf dem Platz fand gar kein Drängen feer Ziv- schaUer statt, wozu sonst der neugierige Berliner so sehr geneigt ift. Ich befand mich mit den Umgebungen fees! Königs an den Fenstern des Sternsaals. Wenn eine Ab- teitung Särge vorüber war, so trat der König wieder itt feen Saal vom Balkon hinein und stellte sich feann öfters! feiuter uns, um zu sehen und nicht gesehen zu werden. — war hier davon feie Rede, daß man zuerst verlangt; höbe, daß das Militär (das Regiment Alexander) ein Spalier zu dieser Feierlichkeit bilden sollte; es tourfee möglich, feieS zum Glück noch abzulehnen und dagegen des Königs Erscheinen zuzusichern. Nachdem dieser, nicht zu leugnen, großartige Leicheu- zug vorüber toar, dinierte feer König; es saufe in der .Halle statt, wozu ich auch befohlen toar . . ." C. W, Gustaf af Geijerstam. ..Test' Tod hat feen großen nordischen Erzähler Gustaf af Gerjerstam mitten aus feem Schaffen feiner gereiften,1 :st0nnesjahre hinweg gerissen. Uns Deutschen Ivar dieser schwedische Dichter so nahe vertraut und so liefe geworden, boß toir ihn Wohl zu feen Unseren rechnen mochten. Seins Meisterwerk, der wundervoll klagende Saug vom „Brüderchen", traf mit feiner tiefen Todessehnsücht und seiner melancholischen Seeleulyrik auf verwandte Seiten unseres deutschen Fühlens; neben Hermann Bang erschien er als feer berufenste Erbe jener hohen künstlerischen Tradition des Romans, feie Ionas Lie begründet und zurückgelassen. Gerjerstams Dichtung führte ihn tief nnfe immer tiefer hu lei ii in die Labyrinthe und Dunkelheiten der Seele; ganz! nach innen, zu feen dunkeln Pforten fees Unbewußten und kaum Geahnten führte ihn sein Pfad. So ist er zn dein Poeten des Todes und feer Ewigkeit geworden, zu feem Gestalter jener lautlosen geheimen Kämpfe, die grausamer und quälender sind als alles körperliche Leiden, zum Verkünder jener schweigenden Stimmen feer Menschenbrust, feie feie Rätsel des Lebens erzählen, zum Schilderen feer Abgründe, feie sich jäh int Gemüt auf tun nnfe durch die Herzens ans einig geschieden werden. „Der Kampf der Seelen" ist feer Titel eines seiner Romane, und solch aufreibende, in lant- loser Stille erbarmungslos geführte Seeleukämpfe bilden den Stoff seiner ergreifeudsterl Erzählungen. Wie auf Bildern nordischer Maler, feie ihm in feer Stimmung verwandt infe, besonders Hanimershois, sind seine Menschen von feenil gespenstischen Helldunkel eines ganz in sich gekehrletr Trän- meus umspielt; sie leben und lieben zusammen, aber in seinem Innern trägt jeder fein Heiligstes selbst, das feem anderen fremd ist, nnfe urplötzlich merken sie, daß sie allein stehen, weltenfern von feem, feer ihnen am nächsten war, mit; mit verzweifelter Sehnsucht streben sie, Brücken zu schlagen, über feie Klüfte des Innern nnfe können einander doch nw finden und trauern nnfe sterben. Sie haben alle „eine/* kranken Punkt, der nach innen blutet.;" Zu einer langen Entwicklung hat sich Geijerstam zu dieser Verinnerlichung, zu dieser nur in dem Zwischenreich des Gefühls sich entfaltenden Psychologie Lurchgeruna-^ — 156 — Auslösung dcs ErgäiWingsrätscls tu voriger Äummev. Ter Verstand ist im Menschen zu Hans, Wie der Funken im Stein ; Er schlägt nicht von sich selbst heraus, . Er will herauSgeschlagen fern. JUIBe „ ... -rrfit" in i vielleicht etwas zu geistreich konstruierten „Komödie der wie sie im „Buch vom Dnidexchen, m JJJt cv 'tntt I tritt ein Dritter Mischen Mann und Frau. Em den „Brüdern Mark" lebt, «l» strmger ^ean,t «ar m 6ambr ^ngeworfened Wort, ein zusalügeS Gedantenfpiel Banernnovellen, mit streng s^s^wnübaiiiingsstommi ist I lassen nnheinilich rasch die Dissonanzen anklingen m die,er tung begonnen und dann eute scheinbaren Leetenharntonie; ans leisem Mttzverstehen er- iseinem Fngeltdwerk .Emk Grane zu geben versuastn ~ wächst ein völliger Gegensatz, Liebe schlagt m W W Stttdeiltenlehen "rlchialadasherub^tUNl Äidenschaft in Hätte; die Fran geht zu dem Freunde und der rollt wird,'spiegelt dre c n Mann bleibt allein zurück, fassungslos über diese beelenden es schon früh zu autobrograp. ist, c Berumn n I ö&. deren geheimes Wachsen und Machtigiverdeu er drängte. Obgleich das Buck, eine bi tere AuNage 9c3f’lbD GCrt()llt hatte. Die rührende Gestalt eines Krudes fuhrt Zugenderziehuug ist und stch zu patOett)t-Oci fI die Ehegatten wieder zusammen: der Gewalt des verklärten au schwingt, waltet doch im Grunde ern opttm st,s he» Welt Zeugen sch die Lebenden, vor feiner Ewigkeit und beachten vor, der Held lernt rn eurem frmeu Natt stbc Wnnrj mit) fd)ltmr( aller irdischer Zw e- und in ern.er Tstrchschrrrttsehe „das We ktagSleb n errrag i b bct «rebe Hingt voller ohne zu verkrüppeln." . Es lebt eme reso ke Ia l usck M. Pau 7.^. ÜOm Brüderchen". Geijerstani hat humorvolle Art i« Geiger,tam, deut wu ()ier die Tragik seiner eigenen Ehe gestaltet; dies Buch ist tigsten Jugerrdwerke verdau stu. ^re ui ' Att I all sein Bestes mit seinem Herzblut geschrieben Er Freude am Formest der Um mcktbrach m UM durch a'undcrt sich eiumal selbst darüber, das; ein unerklärlicher wurde in einer eigenen glücklichen Ehe bekräftigt. e I geil Dichter zwinge, sein Innerstes und Heiligstes der Roman „Auf der letzten Schare bic Menge preiszngeben. Unter diesem unwiderstehlichen tuust- Leben der Fischer, sich leicht an Strmdberg anlelstienr. oie 1 . g^ange ist das Buch vom Brüderchen ge,chafseu. Zähe in der Natur wurzelnden Originalität de» Bauer s erncyei, ,^r ung ei^m Maiiue, „der kämpfte und stellt er in anschaulichen Novellen hm; don semen be de», I .. . ’narö aber sich seiner Niederlage nicht schämt. Söhnen erzählt er drollige Bubenstreiche m einer. S n I ^erf frcmb gelu^e;t 'inb alles tot, bis dieses Buch .aeschichte voll Leben ttitb eonnc „Diente ^ung • I ^...ickiriebeu ward Es ivärd geschrieben in lichten ^ommer- . ÄlLhlich um bet HmM» iS.TR S b” Ä eSä? ÄfeU Ul» bas offene Seer mehr zurück gegen den Grübler '"G .Träumer mr a I ”9. Unb e3 ward geschrieben von einem ein,amen Möglichkeiten des eigenen Sems durch ebem inochte der ! jt 1 n * einsam ist." Es ist der ewige Gegeu- fckwu in dem Erstlingsroman nach einem allseitigen ~elt- I - :,discher und himmlischer Liebe, der hier sich au,tut; der erfassen gerungen. Mit dem 189a erschieuenew Werke „ .w 1 l U Innigkeit seines irdischen diesseitigen WLWWWMZUM ZLMM K^m'fcSf&etrUmSeitnn^ ein Gedenkbuch zu gliicknngmi AMdischen,^ ""7,1ÄS? "e.....-m.xw, m rum Lebensglück durchgernngen; im „Haupt der Mrdusa. erliegt I b ’ „wch im dunkeln Reich, Mutter, mich nicht allem! er trotz seines äußerlichen Sieges der Tragik de^^dealisteii, I Gottesnähe der Kinder, die die «eele der Großen der an der Grausamkeit der Welt zngrnnde gvht. Da» I ~u Unendlichkeit verbinden, hat Geijerstam auch m dem „Haupt der Medusa", das ist das Grauen und btc 1WV' I buclt sR0Ut(n[ „Frauenmacht" gestaltet, m der üeblichen lichkeit des Lebens, bei bereit Anblick I Minen Elin des grellgrausigen Romans „Nil» ^.ufvessM Herz zu Stein erstarrt, währetid der oberflächliche Dien, I c. Mutter" geschildert, blnch in , einen sch husten achtlos an diesen furchtbaren Zügen vorbeieilt. TZ^lang- I ^^velleu schlägt er immer wieder die vollen Akkorde an Tante Verkehrung eines innigen Freundschaftsgefnhtt., da.> I Kindesliebe, Todessehnsucht nnb dem ewigen Konflikt Zwei Menschen aneinanderfesselte, tn wildem zerfleistlstnds I ber .avteren Sehnsucht der Frau und dein herberen Haß ist mit der ganzen Wucht einer breitest p!'stholvgi,clstn be3 Mannes. Weniger geglückt sind ihm einige Seelenmalerei dargestellt. Aus dem dunkeln Reich de» Um I 1 *,■’ bic wziale Probleme behandeln ober Gesell,chafts- bewußten wachsen die Schatten auf, iverden zn ^ugcii, I wMdernngen geben wollen; sehr sein, aber ohne letzte die sich zwischen die nahverbnndenen Seelen drangen, ^wbung sind die Seelen,'tnbicn, bic er m die Zeit werden zn Lasten, die sie zermalmen. Der Dichter hat Barocks und'Rokokos verlegt. Ein solcher Roman war selbst geschildert, wie sich sein Weltblick, seine Beobachtung I Jud) - -n allerletzter „Die alte Herrn Hofallee , die^ Dar- des Lebens veränderte. Er sah nun die Menschen nicht mebr i eine§ sich befreienden Franenschick,als au» dem im Hellen scharfen Licht, sondern von dicksten Nebeln tief- j8 -^irlmiiderts. Erfolgreich hat sich Getier,kam auch,aus grau verschleiert, umhüllt und umwogt von der Wolke ihres I beni\^biete be§ Dramas betätigt; er hat ein paar lustige inneren Schicksals; äuftauchend ans dusterm flammen,cheiu, I .Tßaiierufoinöbien „Lars Anders und Jan Anders nnb „F-ri „losgerissene Teilchen von dem Spiel des Lebens, das stchst>» Fststen und seine Frau" uiid einige sehr schöne Rdarchen- uns ereignet, ohne daß wir es fassen können. Pathologisthr I fostlödien nach Andersen geschrieben. ~t. p. L. Probleme reizen ihn nun; er hat den Menschen Mit dir 1 * ----------- Wahnidee des Doppelichs gezeichnet der eute fremde Aiackit I liumoriftische;. des Grauens in sich aufwachsen fühlt ""bui besten B ut I Schläferin in der Hängematte richtete sich i'löv- Mord und Brand rasen; das entsetzliche Motiv bei -Unt- I ~ bcn yor. ihr stehenden Jüngling mit zornigen schände hat ihn gelockt, da die Mutter den -Lohn sich zum I ' ^je haben mir, während ich schlief, einen,Kuv gc- willenlosen Werkzeug macht. Aber von,solch grainigmt I '„.."„Verzeihen Sie," stam'meüe er. „