SStottiSsg Fhoj-r, u t ft." j-fJhioP_ * r ■' Mil WüE^M«!' UMDMW Mi gswMawwai WWW mmH Auf Liebespfaden. Roman von £>. Ehr H ard t, 'Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) ES war sonst nicht Espachs Art, sentimental zu sein, es war immer mehr eine Mahinmg, die er an den Freund richtete, nicht nur um des Mädchens, sondern um seiner selbst willen. Er hegte die Befürchtung, Hassingen könne doch noch, um Helenens Besitz zu erringen, eine Dummheit machen, und davor wollte er ihn behüte». Hinter eine aussichtslose Liebe, so meinte er, machte man je eher desto besser einen dicken Strich und verrannte sich nicht erst in Gefühlsduselei. Tast Hassingen nahe vor dieser Gefahr stand, las er aus seinem düsteren Gesicht, das im Mondlicht fahl, beinah bleich aussah. Bon drüben klangen deutlich ein paar Worte des Liedes herüber: So last uns schweigend feiern die letzte Stund! „Komm!" sagte Hassingen! etwas heiser. „Die Mädchen wcr- deu schon warten!" Er hatte richtig vermutet. Ms sie sich durch niedriges Buschwerk ungefährdet den Weg bis zu ihrem „Glückszaun" gebahnt, sahen sie vor dem im Mondlicht grau erscheinenden Boskett, das diese Gartenecke noch besonders vor den Blicken vom Hause her schützte, eine schlanke weibliche Gestalt stehen, die sich beim knistcrn- den Geräusch der vorsichtig nahenden Schritte langsam bis zum Zaun herüberschlich. Espach erkannte mit dem Auge der Liebe sofort seine blonde Lisbeth, obgleich sie Ivie stets den Kopf und. einen Teil des Gesichts mit einem schwarzen Spitzentuch verhüllt hatte. In seiner Freude achtete er nicht gleich darauf, dast sie allein war, erst als Hassingen neben ihnen mit einer Stimme, durch die seine Erregung zitterte, fragte: „Wo haben Sie Helene?" blickte auch xr erstaunt und neugierig in Lisbeths rosiges Gesicht. Die hatte etwas Lauerndes in ihren grünlichen Katzenaugen, aber keiner der Aiänncr bemerkte cs. „Sie fühlte sich nicht ganz wohl," sagte sie gleichmütig, als habe sie keine Ahnung von dem Enttäuschungsweh, das ihre Nachricht bereiten mußte, „und da Sie ja doch hier bleiben, Herr von Hassingen, meinte sie, Sie würden sie heut mal entbehren können. Beinah wäre ich ja auch nicht gekommen —" Atzte sie hinzu, und nun wurde ihr Blick etwas kokett und suchte Espachs Gesicht im Schatten der Baume. „Ich will nicht stören," meinte Hassingen hastig und griff ßint einer nervösen Bewegung nach seinem Hut. „Grüßen Sie Helene, und ich lasse ihr gute Besserung wünschen!" , „Bleiben Sie doch hier, Herr von Hassingen, ich muß auch gleich wteder fort!" rief die blonde Lisbeth hinter ihm, aber er Körte ihre gedämpfte Stimme wohl nicht mehr. Seine Schritte verklangen int raschelnden Laub. Um die beiden Zurückblcibenden war cs nun so still, daß Mut die tiefen, erregten Atemzüge des Mannes hörte, der die Wanken, kräftigen Mädchenhnude, die sich ihm geboten, Ivie in. einem Schraubstock hielt und in dem Bewußtsein des Abschieds zmn erstenmal seine ruhige Fassung verlor. Er wollte die hohe Mäidchengestalt an sich ziehen, aber Lisbeth bog sich kraftvoll zurück, und im Mondlicht sah er deutlich ihrs kühl blickendenAugen und beit abwehrenden, herben und stolzeij Zug um die schmalen Lippen. „Sie tun mir ja weh, Herr Espach!" stieß sie Nach kurzer,- stummer Abwehr zornig hervor. „Lassen Sie mich los. Sie wissen, ich will das nun einmal nicht." Ihr Zorn klang so echt, dast Espach sich wieder einmal fragte, ob es denn überhaupt Liebe war, die dieses Mädchen veranlaßt hatte, nachts mit ihm im Walde herumzuwandern, ob es nicht bloß das kühlen Naturen oft eigene Gefallen an einem gefahrvollen, grausamen Spiel mit dem Manne Ivar, das sie zu diesem Wagnis getrieben, und in diesem Zweifel sagte er zornig und leise, wobei er ihre Hände fallen liest, ihr aber ganz nahe trat: „Sie spielen mit mir, schlimmer als die Katze mit der Maus,- Fräulein Lisbeth, das ist auf die Dauer meiner unwürdig." „Ah!" ES war wie ein Aufatmen und doch ein Laut der Empörung. Die grünlichen Mädchenangen konnten auch aufsprühen, das! blühende Gesicht erblassen. „Unwürdig!" wiederholte sie, und er hatte ihre Stimme nie so erregt gehört. „Nun, unwürdig ist vor allem, dast ich mich hier in der Nacht mit Ihnen treffe. Nein, sagen Die nichtZ dagegen. Sie fühlen cS ebenso wie ich — und ich muß es mal aussprcchen. Bon mir ist diese Idee nicht ansgegangen — ich' will mich nicht Iveifpvascheu, um meine Freundin anzuschwärzeü — ich sag es nur vor Ihnen, damit Sie wissen, wie ich dazu kam, ich Hätte es ja gut vermeiden können und vielleicht auch Helene davon abgebracht, denn ich bin fast ein halbes Jahr älter als'sie, und ich bin überhaupt keine dumme Gans, die noch nichts vom Leben weist, aber —" Sie stockte, wich Espachs Blick, dem sic bis dahin freimütig begegnet war, aus, indem sie die Lider senkte, wodurch ein ganz fremder Zug von mädchenhafter Verlegenheit in ihre Zuge trat, der sic Espach doppelt reizvoll erscheinen: liest. Er schob sachte, neben sie tretend, seinen Arm in den ihren/ und als sie es geschehen ließ und er fühlte, daß sie leicht erzitterte, sagte er sehr innig: „Warum kamen Sie aber trotz all dieser Bedenken, Lisbeth? Nur, weil Sie wußten, wie lieb ich Sie habe, und wie ich mich auf diese Plauderstunden mit Ihnen freute oder auch deshalb, iveil Sie gern mit mir zusammen waren — weil Sie mir gut sind/ Lisbeth?". Sie gab nicht gleich Äntwork. Sie hatte sich ein wenig zur Seite gedreht, dast er aus der dunklen Umrahmung ihre» blauen Mnsselinkleides ihren Nacken und ihr helles Haar schimmern sah, sie wandte sich auch nicht nm, als sie rasch mit dem ihr eigenen' stolzen Freimut sagte: „Ich habe Sie lieb, sonst wäre ich nicht gekommen, aber ich tue es jetzt nicht mehr, ich will nicht länger meinen guten Ruf leichtsinnig aufs Spiel fetzen, wir müssen heut Abschied nehmcm" — 90 — Er Wie sie nicht unterbrechen können, und -cks' sie geendet, fallt seine Antwort nicht gleich. . Er Ivar in diesem Moment stolz aiif sie, stolz aut chre Reinheit und Charaktersestigkeit, mochte auch immer ein gut Lei! filljle Berechnung dabei sein. Tas verzieh Efpach ihr, denn erdachte selbst zu vernünftig in diesem Punkte. Ein Mädchen, das er zu seiner Frau machen Ivvllte, musste so denken, wie die stlbst- bewußte, blonde Lisbeth dachte. Eine große Glückseligkeit stieg in ihm auf, und er fühlte erst jetzt so recht, wie innig verwachsen sein Fühlen schon mit dem Mädchen war, trotzdem sie ihm in all diesen schwülen duftenden Sommernächten nicht die geringste Vertraulichkeit gestattet, ihm aber reichlich Gelegenheit geboten hatte, ihr Wesen und Denken kennen zu lernen. Und deshalb besann er sich nicht länger, den letzten, entscheidenden Schritt zu tun, sondern sagte, den Mund dicht an ihrem rosigen Ohr und umspielt von dem Duft, den Fraulein Möller so haßte und den er, als zu ihr gehörig, reizvoll fand: „Wenn du mich lieb hast, Lisbeth, mein süßes Mädchen, dann brauchen wir doch nicht Abschied zu nehmen, daun srag ich, sobald du erst zu Hause bist, bei deinen Eltern an, ob ich ihnen als Schwiegersohn willkommen bin, und dann wirst du in kurzer Zeit meine Fran. Oder sagst hu da auch: Das mag ich nicht." . Er nahm sie beim Kopf und wandte ihr Gesicht herum. Mochte sie auch noch so kühl und besonnen auf ihr Ziel losgesteuert fein, es war doch der Mann ihrer Liebe, den sie sich mit erzwungener Sprödigkeit erkämpft, und deshalb war der Jubel, der aus ihren Augen strahlte, die Weichheit, die ihre Lippen seife öffnete, so echt, wie bei jedem anderen warm und ehrlich Mnpsindenden Mädchen. Sie brauchte ihm nicht erst zu sagen: „Ja, ich will deine Frau werden," er las es ans ihrem glückstrahlenden Gesicht und Merkte es an der Bereitwilligkeit, mit der sie sich zum erstenmal' freiwillig an seine Brust schmiegte. Sie wehrte sich auch nicht, als er sich, herabn'eigte, um ihre schmalen, stolzen Lippen mit dem ersten, heißen Lieücskuß zu schließen. Die nächste Viertelstunde gehörte dem Rausch ihrer Liebe. Dann besprachen sie, ruhiger geworden, ernsthaft die nächste Zukunft, in der fürs erste Hassingen respektive .Helene die Vermittler ihrer Korrespondenz spielen sollten, bis Lisbeth von ihren Eltern die Erlaubnis zum Verlassen des Pensionats erhalten haben würde. Der Mutter mußte sie natürlich eine vollkommene Beichte ablegen, aber sie fürchtete sich nicht davor. „Mama weiß ganz genau, daß sie sich aus mich -verlassen kann, wenn ich behaupte, du bist der rechte Mann für mich — Über die Rendezvous wird sie ja schelten und auch mit Recht, aber da die Sache gut ausgefallen ist, wird sie sich schnell versöhnen lassen." Es war die Zuversicht der verwöhnten „einzigen Tochter".. Espach sah erst recht kein Hindernis auf seinem Wege. Seine Eltern würden sich freuen, daß er ihnen eine Tochter zu führ le, die zu alledem noch auf dem Lande ausgewachsen war und dem Gedanken, später eine Gutsfrau werden zu müssen, durchaus freudig gegenüberstand. Sv schieden sie als zwei glückliche Menschen, vor denen das Leben wie eine glatte Straße lag, umsäumt von den frischgrünen Bäumen ihrer Hoffnungen, bedeckt mit den Blüten ihrer Liebe. Es lag in den Verhältnissen, daß ihre Gefühle nichts Ueber- schwängliches. Krankhaftes und Sentimentales hatten, sondern mit Hellen, frohen, klaren Augen mitten im praktischen Leben standen. Lisbeth fühlte eine tiefe, freudige Genugtuung mitten durch daZ erregte, zitternde Pochen ihres jungen Herzens, als sie vorsichtig, sich möglichst im Schatten haltend, durch den Garten zum Hause schlich. Es war eine herrliche Sommernacht. Groß, ruhig und klar ftanb am graublauen Himmel der Mond zwischen den schwach blinzelnden Sternen. Vom Turm der Marktkirche schlug es die Mitternachtsstunde, M Lisbeth Schäffer sachte den losen Fensterflügel des kaum' einen 'Halben Meter vorn Erdboden entfernten Fensters int Erdgeschoß der Pension Möller öffnete, Sie hatte schon vorher die niedrigen Schuhe ausgezogen, schlüpfte geräuschlos durch das Fenster, drückte es behutsam wieder zu und stieg mit Katzentritten unhörbar die läuserbelegte Treppe Lis zum ersten Stock empor. Das erste Zimmer dicht an der Treppe und zugleich das einzige Schlafzimmer, das auf den Garten - hinaussab, während Mtf dieser Seite sonst nur Lehrzimmer, unten Ssrelsesaal und Musikzim'mer lagen, war das von ihr und Helene Falk bewohnte. Die Tür war nur angelehnt. Als Lisbeth Schäffer diese Tür langsam und vorsichtig hinter sich ins Schloß drückte, atmete sie ans. Sie war diesen heimlichen, verbotenen Weg zum letztenmal gegangen. Nach der glücklich überstandenen Gefahr erging es ihr ähnlich wie dem Ritter, der ahnungslos den gefrorenen Bodensee überritten und, als er hörte, welches Wagnis er vollsührt, vor Entsetzen tot umsauk — es überlief sie glühend heiß bei dem Gedanken, was die Folgen gewesen, wenn Fräulein Möller ihr leichtfertiges Tun entdeckt hätte. Sie hätte es nicht erleben mögen, von Fräulein Möller, die sich ihrer „Kinder" liebevoll annahm und sie nach besten! Kräften zu liebenswürdigen, gebildeten und tätigen jungen Damen! erzog, mit Schimpf und Schande entlassen zu werden. Es siel wie eine Last von ihr ab, und ihre Gestalt richtete sich noch straffer und selbstbewußter auf. (Fortsetzung folgt.) Aus einsamer Heide. Novelle von Helene S t ö k l. (Nachdruck verboten.) . (Schluß.) Er hatte die .Hände vor sein Antlitz geschlagen, und die heißen Tränen tropften durch seine Finger. „Und Sie wandten sich nicht von mir? Sie taten mir nur Gutes all diese Zeit?" „Ich sah, daß Sie Ihr Lehen zur Buße geben wollten," erwiderte sie mit zuckenden Lippen. „Und es war noch etwas, das mich hinderte, zu hart zu urteilen," fuhr sie leise sort, „Ich trug selbst schuld au dem Tode meines Kindes." Er ließ die Hände von feinem Antlitz sinken und starrte sie überrascht an. „Meine Schwäche war schuld gewesen, daß mein Sohn verdarb. Hätte ich nicht seine Fehler versteckt vor deut Vater, solange er klein war, ihn, als er größer ward, für die Strenge des Vaters zu entschüdigeu gesucht, indem ich ihm hinter dessen Rücken Geld zusteckte und seinen Leichtsinn dadureh begünstigte, es wäre nie dahin gekommen, daß der Vater ihn aus dem Hause stieß. Das Geld, das Ihnen zur Versuchung ward, hatte ich ihin heimlich gesandt, der Vater konnte wohl aussagen, nichts von einer gefüllten- Brieftasche bei seinein Sohn zu wissen, ich aber wußte davon, und ich wußte also auch, daß die Selbstanklage, des fremden Wanderburschen wahr^ sei. — Wie hätte ich aber verdammen können mit der Schuld ans der eigenen Seele! Und," sie strich ihm mit der zitternden Hand das Haar aus dem Gesicht, „einen Sohn mußte ich dochIjabett!"- „Mutter!" Sie hielten sich beide weinend umjchluugeu. „So glaubst du, daß auch Einma verzeihen wird?"- fragte er nach einer Weile. „Sie darf nie davon erfahren!" sagte sie, hastig ihre Träiten trocknend. „Sie kennt die Macht der Versuchung nicht; warum sie auf die Probe setzen, ob ihre Liebe das Entsetzen über die Tat überwinde. Wenn es dir schwer fällt, deine Seele vor ihr verschlossen halten zu müssen, so nimm es als Buße hin. Sie hat ihren Bruder nicht gekannt, er hat keine Rolle in ihrem Leven eingenommen, lasse sie bei dein Glauben bleiben, daß er den Tod durch die Kälte saud. Und mm komin mit mir zn ihr, nimm sie an dein Herz, damit nicht auch sie von mir genommen werde." Es war einige Wochen vor dein für die Hochzeit Hallers und Emnras bestimmten Tage. Haller saß mit seiner Braut auf einem erhöhten Platz int Garten unter einer Esche, deren lang herabwallende Zweige sie von der übrigen Welt absonderteu, ohne ihnen doch die Aussicht in diese ganz zu nehmen. „Es ist seltsam," sagte das junge Mädchen sinnend, „wie diese Tage, in denen ich mit meinem bisherigen Lebest abschließen soll, alle Erinnerungen in meiner Seele checken, auch solche, von denen ich selbst nicht wußte, daß sie noch existierte!?. Ich denke iiicht nur deS dahingegangenen Vaters, ich denke oft auch des Bruders, der so früh feinen Tod fand. - Sie sah nicht, wie er bei ihren Worten erblaßte, sondern fuhr, träumerisch vor sich hinblickend, fort: „Ich kann | mir kein Bild, mehr von ihm machet?, ich war noch jü nein damals. Er soll den Eltern viel Kummer gemacht haben, aber er war ja noch so jung! nicht älter, als ich jetzt bull I Wie leicht hätte er sich ändern können. Wenn et* zurück-- 91 gekehrt wäre, wtt dem Beter ein guter Sohu zu fei«, an seiner Seite zu arbeiten " „Dann wäre ich nicht hier," unterbrach Haller mit klangloser Stimme. „Du nicht hier!" rief sie betroffen. „O vielleicht doch! Ihr seid ja Altersgenossen! Ihr hättet euch treffen, hättet Freunde, Brüder werden können. Dcmke doch nur, wie schön das gewesen wäre! — Weißt du auch," sie blickte scheu zu ihm auf, „daß mein Bruder keines natürlichen Todes starb, daß er ermordet wurde?" Er zuckte zusammen, als habe eine Natter ihn gestochen. „Ich dachte, er sei auf der .Heide erfroren?", kam xs mühsam von seinen Lippen. „Ja, so hieß es, aber es war anders," sagte sie. „Ich habe noch zu niemand davon gesprochen, den 'Vater fürchtete ich zu sehr, und die Mutter wollte ich nicht betrüben, sie wies mich erregt ab, als ich einmal eine Frage danach stellte. Eine Magd, die zn jener Zeit bei uns war, hat es mir gesagt. Ecn Wanderbursche hat ihn erschlagen, nur ihm sein Geld zu nehmen, Und er ist straflos geblieben, das Gericht hat ihm nicht geglaubt, als er sich selbst an- geklagt hat. Der Vater hat auch geglaubt, daß mein Bruder erfroren ist, aber die Mütter soll wissen, daß cs anders ist. — Einen Menschen, der einem nichts getan, nmzu- bringen, bloß des Geldes willen, ist das nicht entsetzlich? — Du wirft mich für töricht halten," fügte sie hinzu, sich an Haller anschmiegend, „aber oft, ivcnn ein Fremder mir die Hand entgegenstreckte, hat mich der Gedanke beben gemacht, ob es nicht die Hand von nceincs Bruders Mörder sei, die ich berühre." „Er hat die Tat vielleicht hart gebüßt!" „Gebüßt? Er ist ja straffrei geblieben!" „An der inneren Strafe kann er um so schwerer getragen haben." „Ein Mörder bleibt er doch," sagte sie, leise in sich erschauernd. „Gott vergibt jedem reuigen Sünder, und du könntest es nicht?" „Vergeben?" sagte sie nachdenklich. „Vielleicht könnte ich das, aber ihn ohne Schauder in meiner Nähe dulden, nein, das könnte ich nie!" „So hältst du es für unmöglich, daß ein edles Weib einem solchen Menschen in Liebe angehören könne?" „Einem Mörder? Wie könnte sie das? Müßte nicht immer die Gestalt des Erschlagenen zwischen ihr und dein Gatten stehen?"- „Wenn sie aber von seiner Schuld nicht wüßte, und er jeden Atemzug daran wendete, sie glücklich zu machen?" „O, sprich nicht so!" bat sie. „Wie kann jemand einen andern glücklich machen, der selbst für immer vom Glück geschieden ist! Kannst du dir eine Ehe glücklich denken, wo der Gatte der Gattin nie den Grund seiner Seele erschließen kann, weil er eine Blutschuld darin trägt? Wenn sce dann doch davon erführe, müßte sie nicht wahnsinnig werden? — Du bist ganz blaß geworden," sagte sie plötzlich, ihn liebevoll betrachtend. „Warum sprechen lvir aber .auch von so schrecklichen Dingen, statt uns 511 freuen, daß Unser Gewissen rein ist?" „Und wenn nun eine Schuld auf mir läge?" „Eher würde ich mich selbst für schuldig 'hallen!" rief sie voll stolzer Zuversicht. „Ich iveiß nicht, ob es das dnnlle Geschick meines armen Bricders oder die glücklose Ehe meiner Eltern war, was mich ernster ins Leben sehen ließ, als andere junge Mädchen. Was dir aber zunächst mein Herz zuivandte, Geliebter, das war das schrankenlose Vertrauen' in deine Ehre, deine Güte, deine Tüchtigkeit. E glaube, eher ertrüge ich es, dich tot als von einer -t.§u sehen!" Sie schlang ihre Arme leiden- schastlrch nm seinen Hals und verbarg ihr Gesicht ansschlnch- zend an seiner Brust. hielt sie eine Meile fest an seinem Herzen, dann küßte er ihr Mund, Augen, Haar. „Du sollst dich deines Gatten nm zu schämen haben," sagte er fest. „Doch jetzt konliii, die sonne ist niltergegangen, es ist Zeit, ins Hans AU ßeijcii. ,A «drfnlcn -rage erschien Haller nicht bei den »enteilt* fonieit Mahlzeiten. Er ließ sich imt rmerwarteten, unau- geitehmen Geschäften entschuldigen, und sein Antlitz, das sclt- Mn gealtert rind verfallen aussah, bezeugte, daß er keinen Vorlvaud gebrauchte. Am Wend des dritten Tages trat .er plötzlich reisegerüstet vor die Frauen. Wenn' er die Fabrik vor großen Verlusten bewahren wolle, müsse er sogleich eine Reise nach Amerika antreten. Vergebens bat feine Brant, daß er einen andern für sich gehen lasse. „Du wirst nicht glauben, daß ich ginge, wenn cs nicht ftin müßte." „Mer jetzt, jetzt vor der Hochzeit?" stammelte sie. „Ich glaube gewiß, daß es uns beiden leichter fettt wird, «ns jetzt zu trennen als später. Hätte ich dich einmal beschien," fügte er, ktnr seiner Braut verständlich hinzu, „fände ich vielleicht die Kraft nicht mehr, meine Pflicht zu tun. Ich habe die Leitung der Geschäfte für die Zeit meines Abwesenheit dem jungen S. übergeben," fnhr er dann lauter fort, „er ist euch ergeben, ihr könnt üt jeder Lage auf ihn rechnen." „Du versprichst, bald wieder zu fommen?" bat sie, an seiner Brust schluchzend. „Ich verspreche, mit meinen Gedanken gar nicht fort von dir zu, gehen-" sagte er voll ernster Zärtlichkeit. Er löste sie sanft von sich -und legte sie in die Mine dev Mutter. „Behüte sie für mich, bis lvir ivieder vereinigt find," bat er. „Uild du behüte dich für IMS, mein Sohn," sagte die Mutter, dem Scheidenden mit bangem Herzen nachsehend. Wieder saß der Geistliche üt dem kleinen Städtchen, nach mühsamen Ämtsgeschäften ausruhend, allein in seinem Studierzimmer^ und ließ die Eindrücke des Tages in sich nach klingen. Seine Gedanken beschäftigten sich mit dem Manne, der vor einigen Monaten tu gleich einsamer Stunde fein Herz vor ihm ans geschüttet. Haller hatte ihm feine Verlobung mitgeteilt. . Aber statt der erwarteten Vermäh-- lungsanzeige hatte er heute einen Brief mit den wenigen Zeilen erhalten: „Gott vergibt dem Sünder, aber seine Tat ungeschehen machen, kann auch er nicht. Die Hand, die einem Menschen das Leben nahm, oärf sich nicht nach Glück ans- strcckeu." Da trat die Fran des Geistlichen mit der Lampe und mit dem Abendblatt ins Zimmer. „Sagtest du nicht, daß dich Direktor Haller ans H. vor einiger Zeit ausgesucht hat? Da lies !" Sie wies auf eine, an.hervorstehender Stelle sich befindende Notiz, diese lautete:. „Ein beklagenswerter Unfall, dem das Leben eines unserer verdientesten Mitbürger zum Opfer fallen dürfte, hat sich heute bald uach dem Auslaufen der für Newyork bestimmten „Germania" zugetragen. Ein Knabe, der einzige Sohn seiner Eltern, bestieg trotz des Verbotes in einem unbeachteten Augenblick das Deckgeländer und stürzte in das Meer. Da das Schiff bereits in voller Fahrt Ivar, trieb er sogleich so weit vom Schiffe ab, daß seine Rettung bei der ziemlich bewegten See unmöglich schien. Ehe aber noch ein Boot ausgesetzt werden konnte, sprang Herr Haller, der bekannte und geschätzte Leiter der Bergerschen Maschinenfabrik hier in H„ dem Knaben nach. Es gelang ihm, denselben zn erreichen und so lange über Wasser zu halten, bis beide in ein Boot ausgenommen würden. Mährend aber der Knabe vollkonuuen unversehrt seinen Eltern zurückgegeben werden konnte, scheint Direktor Haller, vielleicht durch Anschlägen an das Boot, schwere: innere Verletzungen erlitten zu habeu. Er wurde nut aller Sorgfalt nach H. zu rückgeb rächt, doch erklären die Aerzte seinen Zustand für hoffnungslos." „Er hat den Tod gesucht," sagte der Geistliche, das Blatt erschütternd sinken lassend, „Gott nehme seine Buße gnädig an." „Er hat den Tod gesucht," kam es auch über die Lippen der Mutter, als die Unglücksbotscyaft sie erreichte, und das Uebennaß des Jammers entrang ihr der Tochter gegenüber das Geheimnis, das sie so lange und sorglich gehütet hatte. ■— In dem Kranken hause, in das man Haller gebracht hatte, stand noch am selben Tage, au dem das Unglück sich zugetragen, eine junge Dame mit bis in die Lippen blassem, aber gefaßtem Antlitz vor dem diensthabenden Arzte. „Ich bitte, Direktor Haller sprechen zu dürfen." „Er ist für niemand zu sprechen/' „Ich l>üt seine Braut." „Sein Zustand verlangt absolute Ruhe." „Er ist in großer Gefahr?" Der Arzt bejahte ernst. Sie preßte die Hände fest zufämmeu. „Er darf nicht sterben- bis er gehört hat, ivas ich Hm^zu sagen Mw." 62 Sie sah den Arzt mit einem Blicke an, der ihn schwankend machte. „Es ist nicht allein die Verletzung, sondern der Zustand seines Nervensystems, die sein Leben bedrohen, die kleinste Beunruhigung kann seinen Tod herbeiführen." „Ich will ihm nicht Unruhe, sondern Frieden bringen." „So gehen Sie," er öffnete leise die Tür, „aber lassen Sie die Unterredung keine lange sein." Ein Leuchten ging über das fahle Antlitz des Kranken, als seine Augen, die bisher ruhelos umhergewandert, auf die Eintretende fielen: aber er las in ihrem Blick etwas, das dies Aufleuchten sogleich wieder verschwinden ließ. „&nmn, du weißt? — Und du kommst zu mir?" „Sprich nicht!" sic kniete an seinem Lager nieder und, ihr Antlitz zu dem seinen neigend, sprach sie: „Ich komme, dir zu sagen, daß mich und dich nichts scheiden kann, nicht Leben noch Tod, nicht Schuld noch Sünde, du hast mich zu deinem Weibe erwählt, als dein Weib fordere ich meinen Teil von deinem Leben und deiner Schuld." „Aber !vas du neulich sagtest?" „Das sagte ich, ohne mein eigenes Herz zu kennen. Heute weiß ich, daß es nichts gibt, das wahre Liebe nicht überwinden könnte." - „Aber dein Bruder?" „Wo mein Bruder weilt, wird nicht mit irdischem Maße gemessen. Dort gilt nicht nur die Tat, sondern auch die Reue. Du hast gesündigt rind du hast gebüßt. Und wenn du noch nicht genug gebüßt haft, so will ich dir dabei helfen. Bereinigt wollen wir Gutes schaffen und Barmherzigkeit üben, bis wir twrser in eins verschmolzenes Leben entsühnt vor Gottes Angesicht bringen können." „Du fürchtest nicht —" „Ich fürchte nichts, Geliebter! Nur Glück und Frieden sehe ich vor uns. Aber leben mußt du, leben!" Sie drückte rhn sanft in die Kissen zurück. „Liege nun still, ich wache bei dir." . Mit einem Seufzer unaussprechlicher Erleichterung streckte er sich aus, ihre Hand fest mit der seinen umschließend. Als der Arzt hereinkam, fand er den Kranken in friedlichem Schlummer, die Hand der Geliebten noch immer in der seinen. ____________ vekmrschtes. O. X. Schauspielerhonorare einst und jetzt. Eine interessante Gegenüberstellung der Nicscngagen, die heute berühmten Stars der Bühncnkunst geboten werden, mit den Honoraren, die in vergangenen Jahrhunderten die Schauspieler bezogen, nimmt das Strand Magazine vor und zerstört damit die Legende von den kümmerlichen Einkünften der Schauspieler von einst. In der Tat haben auch vor Jahrhunderten tüchtige Künstler stets über ein sehr gutes Einkommen verfügen können. In einer im Jahre 1590 veröffentlichten Abhandlung erzählt Robert Greene von einem Schauspieler, den er getroffen habe und der in seiner ganzen Art der Lebensführung auf ihn den Eindruck eines sehr wohlhabenden Mannes gemacht habe. Ter Komödiant, der einst als fahrender Spieler seine Laufbahn begonnen hatte, bestätigt ihm diese Meinung und erzählte ihm» daß er seine Einnahme nicht für ein Fixum von 400 Mk. im Jahre eintauschen möchte, wobei man in Betracht ziehen muß, daß der Geldeswert damals ungleich hoher stand und weitaus mehr als das Doppelte und Dreifache des heutigen Geldesivertes bedeutete. Richard Burhage bezog eine reguläre Gage von 2600 Mk., was nach heutigem Geldeswert einem Einkommen von 20 800 Mk. entsprechen würde und dazu traten nun noch die Anteile an dem Einkommen des Theaters, 1635 cm- pfing ein guter Schauspieler in England durchschniltlich 3600 Mark in bar, nach heutiger Währung rund 28 000 Mk. Sie niedrigste Gage betrug drei Schisting pro Tag, was heute etwa ein Jahreseinkommen von 7200 Mk. repräsen- tieven würde. Shakespeares Einkünfte als Schauspieler vor 1699 haben wohl niemals weniger als rund 16 000 Mk. unseres Eeldeswertes betragen; dazu traten die Extra- einnahmen durch Vorstellungen am Hose und im Hause hoch- gestellter Persönlichkeiten, die ihm im Jahre noch rund 2500 Mark eingebracht haben mögen. In England treten erst von 1662 ab Schauspielerinnen auf der Bühne auf. Zwei dec ersten sind Mistreß Rett Gwyn lind MistreL Knip, beide vordem Apfelsinenverkäuferinnen; am Theater empfingen sie 20 Schilling für hie Vorstellung, nach heutigem Geldwert etwa 80 Mk. pro Abend. Garrick verfügte über eine Wochen« einnahme von 1000 Mk., ungerechnet eine Venefizvorstellung, die ihm 8000—13 000 Mk. einbrachte. Als er spater die Theaterleitung übernahm, errang er glänzenbe Einkünfte und hinterließ bei seinem Tode ein Vermögen, das mit 2 Millionen sehr niedrig eingeschätzt ist. Die berühmte Schauspielerin Miß Farren, die von Lawrences Pinsel verewigt ivurde, bezog 1000 Mk. die Woche und MrS. Siddons am Covent Garden die gleiche Summe, während sie bei ihren Gastspielreisen oft 1000 Mk. für den Abend erhielt, wobei zil bemerken ist, daß bei den damaligen Eeldverhältnisseir diese Summen den doppelten Wert hatten. Heute schlagen bekanntlich die Amerikaner den Rekord, die Sarah Bernhardt 4000 Mk. für den Abend, Sir Henry Irving 2400 Mk. für den Abend, der Patti gar 22 000, Caruso 10 000 und der Melba 7000 Mk. bezahlen. C. K. Haben die Babys ein Recht zn schreien? Die Beantwortung dieser eigeuartigeu Frage war kürzlich bie Aufgabe beS Londoner Richters Channell. Bor seinem Richter- sluhle erschienen eine Anzahl Kläger und verlangten von demj Beaniten der Gerechtigkeit, er möge den Insassen der Kleinkinder- betvahranstalt an der Harewoodroad den allzulauten Ausdriick ihrer Babygesühle auf irgend eine Weise verbieten. Ain härtesten beschwerte sich ein Mieter, dessen Wohnung unmittelbar neben der Kleiukinderöewahrcmstalt liegt und der darauf hinwies, daß fein? Fran durch den fortdauernden Lärm schwer erkrankt sei. Insbesondere beklagten sich die Nebenklöger darüber, daß am Morgen, wenn die Mütter nach Ablieserimg ihrer Kinder an die Arbeit gehen, die Babys allmorgeirdlich ein Frühkonzert veranstalten, das nicht allein durch sein unerschöpfliches Programm und durch die Länge der Darbietungen, sondern auch durch die Kraft nn5i Leidenschaftlichkeit des Geschreies des Guten ein wenig zu viel böte. Auch die geladenen Zeugen konnten nnr drastische Schilderungen von der Lungenkraft der kleinen Kinder entwerfen, die den ganzen Tag über meist tut Garten ihren Babyschmerzen lauten Ausdruck geben, während die Wärterinnen, die offenbar über ausgezeichnete Nerven verfügen, ruhig daneben sitzen, ihren Band Dickens lesen und nicht einmal aufschauett. Die Mietsparteien wiesen darauf hin, daß der Lärm der Kinderbcwahranstalt alle Astermieter vertreibe» und in der Tat konnten sie bewciseit, daß sie säst alle ihre Miets- gäste verloren hatten und genötigt waren, ihre möblierte Zimmer zu niedrigeren Preisen als gewöhnlich zn vermieten. Auch der Hauswirt wurde von bem Schaden betroffen, mußte die Mieten ermäßigen, sodaß sein Haus ihm heute rund 2000 Mark weniger einbringt. Aber alle diese schwerwiegenden Gründe gewannen aus das kinderliebe Gemüt des Richters Channell keinen Einfluß; die Vorsteherin der Anstalt konnte Nachweisen, daß das nötige Personal zur Ueberwachuug der Kleinert im Dienste ist und seine Pflicht auch erfüllt. Das Geschrei der Kinder aber gehöre zu bett kleinen Unannehmlichkeiten, mit denen die Nachbarn sich eben abfinben müßten, und so werben denn auch künftighin die Babys in der Harewood-road ihren Gefühleit ungehindert Attsdruck geben können. * Passendes Geschenk. Fräulein: ,ch>ch möchte für meinen Bräutigam gern eine Handarbeit machett. Was nimmt man da wohl am betten ?" — Verkäuferin: „Darf ich fragen, was Ihr Herr Bräutigam ist?" — Fräulein: „Luftschiffer!" —< Verkäuferin: „Na, daun stricken Sie ihm doch ein Luftballon-! Netz!" _________ SilSc»riitsel. a, ba, ern, ch, gau, gie, mor, nach, ixt, ritt, rat, phi, ft, ss, 1h, um, tut, ur. Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen sechs Wörter gebildet rind derart nntereinander gesetzt werden, daß die Aniaugs- buchstabcn von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen ein Sprichwort bezeichnen, ES bedeuten flbet dt? einzelnen Wörter iolgendcS: 1. Wasserball in der Schweiz. 8. Nebenfluß der Saale. 3. Schweizerischen Kanton. 4. Ein Arzneimittel. 5. Berg in Armenien. 6. Einen Maler. ,, u Auflösung in nächster Nummer.' 1 Allslöstuig des Rätsels in voriger Nummert , - Kein e, denn alle gingen von Auen u a ch K i r ch h a r», Redaktion: K. Neurath, — Rotationsdruck und Verlag der Brtthl'schen UiüverMts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.