Donnerstag den y. Dezember ■ M * ■ ffi Rheinlandstöchter. Roman von Clara Vie big. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Dm ganze cirge Komurke erfüllte Fliederduft. Am Lehnsessel am Fenster saß Nelda, an ihre Seite war ein Tischchen gerückt; drauf stand ein Fliederstrauß, üppige lila Dolden nut saftig grünen Blättern. In ihrem Schoß, auf der über die Kniee gebreiteten Decke, lag ein Buch-, aber sie las nicht darin. Träumerisch hielt sie den Kopf an die hohe Lehne gedrückt, ihre Finger drehten einen Blütenstengel hin und her. Sie freute sich daran. Als sie krank wurde, da stand der Flieder noch in unscheinbaren Knospen; jetzt waren drei Wochen vergangen, viel Sonne war gekommen, er blühte über und über. Sie lächelte. Drüben der Star pfiff nicht mehr, er hatte ein Gelegenheitlein erwischt und war davongeflogen h— heidi, wie ein dunkler Punkt schoß er hinauf in die Luft. Oh, er konnte noch fliegen! Der Schuster fluchte und lamentierte, Nelda hatte es über den Hof schallen hören und sich freudig die Hände gerieben — der Vogel war fort, er war frei! Sie glaubte sein glückseliges Lied überm Hof, hoch über dem rauchigen Dach zu hören. War das eine selige Ermattung in den Gliedern, und dabei doch ein Gefühl wiedererwachender Kraft, ein warmes Fluten in den Adern! Der Kopf war frei, noch eine süße Müdigkeit darin, aber die Gedanken klar, heiter wie seit lange nicht. Es war 'doch schön zu leben, gesund zu sein; die Welt sah ganz anders aus, als vor Wochen. Selbst in dies enge Fenster drang ein ganzer Strom von Licht! Sie saß darin wie gebadet und blinzelte schläfrig. Und die Mutter war jo vergnügt, man sah ihr an, wie froh sie wär, die Tochter wieder gesund zu haben. „Bei Leibe nich von der Berg sprechen, sie hat sich zu sehr alteriert; Schwamm drüber," flüsterte Schmolle hinter der angelehnten Tür Frau Rätin zu. „Man ja nich, sie ist uns so knapp am Typhus vorbeispaziert!" ,,-^ch höre alles," halte Nelda mit klarer Stimme gerufen. „Bitte, Herr Schmolte, kommen Sie herein!" Schmolle kam, ganz gerührt, sehr erfreut. Das große blonde Mädchen da im Lehnstuhl, dem das schlichtgefchei- telte Haar in zwei langen Zöpfen über den Rücken hing, gefiel ihm ungemein. „Na Gott sei Dank, Kindchen, was haben Sie denn für Geschichten gemacht?" Er hätte sie in seiner Herzensfreude am liebsten auf die Stirn geküßt, aber -er traute sich nicht. „Herr Schmolte," sagte Nelda und sah ihn durchdringend an, „sagen Sie mir die Wahrheit, ist Fräulein Berg ordentlich begraben?" Der gute Schmolle fuhr auf, als hätte er sich auf einen hohlen Zahn gebissen — kam sie schon wieder mit der Unglücksgeschichte? „Natürlich," stotterte er eilig. „Man ja nich ausregen, Neldachen, um Gotkeswillen nich! „Sie ist begraben, natürlich, und sehr anständig, auf mein Ehrenwort! Und was den Schleicher, den Müller, anbelangh wissen Sie was, der hat sich dünne gemacht; er hat gekündigt und sich die Sachen holen lassen, er müßte vor der Hand" zu Hause bleiben. Ra, so dumm! Ich habe ihm, 'nen Brief "geschrieben und mal durch die Blume gewinkt puh, der denkt, Schmolke läßt sich begimpeln! Jawohl! Am neuen Tor wohnt er; kann ja gar nicht so weit von! der Charite ziehn; kröch' am liebsten in en Mauseloch!" „Sie meinen wirklich, Herr Schmolke?" Nelda beugte sich vor und faßte nach seinem Arm. „Sie meinen, Doktor Müller und Fräulein Berg —" ,Fch meine gar nischt, ich sage nur: Schubiack! So 'nem armen Balg von Liebe reden und sie dann sitzen lassen — ja, ja, das ist so die Manier! Hat dann eine nich genug Docht in sich, na dann —! Aber Schwamm drüber, was reden wir davon?! Regen Sie sich nicht auf! Sie haben sich doch nicht etwa aufgeregt, Neldachen?" Sre faltete die Hände. „Gott, fei du ihr gnädig!" lind dann liefen ihr die Tränen über die Wangen, und Herr Schmolke konnte sich gar nicht halten, er zog das große seidne Taschentuch- — gelb war's mit rotem Rand, — und schnäuzte sich umständlich.---— Wie rasch- die Tage flogen, halb verschlafen, halb verträumt! Eben kam die Rätin herein. „Mama," bat Nelda, „gib mir Papier und Tinte, ich muß an Agnes von Osten schreiben, es läßt mir keine Ruh, Was ivird sie denken, sie hat so lange nichts von mir gehört!" c. „Gleich, gleich, ich finde, sie hätte auch mal zu dir kommen können. Aber natürlich, wenn die Leute so im Glück sitzen — halt, hat es da nicht geklingelt? Ach herrjeh, nun muß man wieder rennen, die Marie ist aus!" Sie stürzte fort und Nelda rückte sick zurecht und überlegte, was, sie an Agnes schreiben wollte. Da steckte die Mutter schon wieder den Kopf zur Tür- spalte herein und wisperte in aufgeregtem Flüsterton: „Nelda, Frau von Osten ist da! War die erschrocken, als ich sagte, du wärst sehr krank gewesen! Sie will dich ä tont prix sprechen. Jetzt hab' ich's aber satt mit der Wohnung hier, man muß sich schämen, lvenn einer kommt! Kannst bn nicht vorn hinkommen? Versuch' mal, hier kann ich sie. dock unmöglich hereiubringen!" c, ' „Bring' sie nur!" Neldas Mick streifte lächelnd die kahle Kammer, so häßlich dünkte ihr die heute gar nicht; die Wände waren von Sonnengold bestrahlt, und der Fliederstrauß driftete. „Ach, liebe Agnes!" Sie streckte die Arme aus. — — Eine Stunde war vergangen, die beiden Freundinnen saßen noch beieinander. Agnes kauerte auf dein niedrigen Stuhl, Nelda gegenüber, den Kopf auf die Brrrst gesenkt; unanfbaltsam flössen -ihr die Tränen. . „lind das willst du dir alles gefallen laßen?" fragte Nelda; ihre noch bleichen Wangen hatten sich vom Unmut 770 gerötet. „Ml das wägt er dir zu bieten? Es ist empörend! Laß dich scheiden, nimm dein Kind, geh' weg! Du darfst nicht bleiben. Es ist Schwäche. Ich ertrüge das nicht, ich wäre Zu stolz!" „Ich bin auch stolz," — auf dem Gesicht der jungen Frau zeigte sich keine Spur von Farbe — „aber anders stolz. Ich mag nicht, daß sie von ihm sagen, er Hat schlecht gehandelt; meine Felicitas soll nicht über ihren Vater rot werden. Ach, Nelda, was man einmal lieb gehabt hat, das möchte man nicht in den Augen anderer heruntergesetzt sehen, man möchte nicht, daß sie häßlich darüber reden!" „Du liebst ihn noch? Wie kann man!" „Ich? Ach —" jetzt stieg ein glühendes Rot in die durchsichtigen Wangen, sie lächelte wehmütig. „Ich weiß es selbst nicht. Mir ist oft bang um ihn. Er hat doch auch viel Gutes; manchmal denk' ich, es wäre besser, er wäre recht häßlich und unscheinbar, dann liefen sie ihm nicht alle nach. Die Versuchung ist so groß!" Das letzte klang führend altklug. „Ach du, wie kannst du ihn nur entschuldigen?" Nelda war noch schwach, aber es lag ein Teil des früheren Ungestüms in ihrer Stimme. „Er ist nicht zu entschuldigen! Du hast ihm alles zum Opfer gebracht, Eltern, Heimat, dich selbst, und er — er hat doch ein Kind! Vergißt alles und will sich zerreißen um eine andere! Ich will dich nicht kränken, aber du mußt die Kraft haben, dich zu trennen; wenn dein Herz drüber in Stücke geht, du mußt!" Sie stockte plötzlich; es kam ihr in die Gedanken, auch sie hatte sich einst bezwungen, ihre Liebe sich aus dem Herzen gerissen. Verzweiflung, Todesgedanken, Tränen, all das und noch schlimmeres hatte sie überwunden. „Glaub' mir," sagte sie leise, „manch eine von uns macht so was durch, ich selbst" — sie stockte wieder — „aber ich denke gar nicht mehr an ihn! Öder doch —" ein Zucken ging um ihre Lippen — „ich will nicht lügen, manchmal träum' ich von ihm, aber selten, immer seltener; jetzt schon lauge nicht mehr. Ick) liebe ihn nicht mehr — Gott sei Dank!" „Ja, du bist anders!" Die Stimme der jungen Frau war tonlos. „Ich kann nicht so fein. O lieber Gott" — ie rang die Hände , „gib mir Kraft!" Sie sprang auf, hre zarte, kleine Gestalt bebte. „Tausend, tausendmal hab' ch Gott gebeten, er soll mich nicht sterben lassen; manchmal bin ich vor Gram so krank. Ich darf nicht sterben, mein Mud rxuß erzogen sein, und mein Mann" — die Stimme brach ihr — „er wird mich noch nötig haben, er wird mich nicht mehr lieben, aber er wird mich doch noch nötig haben. Wauhst du, Nelda, daß er sie immer lieben wird? O nein, das vergeht, ich kenne ihn besser; er kann nicht anders, er ist wie Felicitas mit ihren Puppen. Ich muß nur aushalten." „Du erträgst das nicht, du reibst dich auf!" „O nein!" Die zarte Gestalt schien zlu wachsen; aus der schwachen Brust ram ein tiefer Atemzug. „Er wird dich beleidigen; er wird dich ohne Rücksicht behandeln, dich betrügen!" „Ich halte au§." „Du kannst nicht!" Angstvoll faßte Nelda die kalten, zitternden Hände — o, wie dünn die waren! Der Arm, einst so rund, mager wie ein S öckchen! „Agnes, rette dich, so lange es noch Zeit ist! Was willst du dich opfern? Ja, opfern, noch dazu ohne Nutzen!" Sie umfaßte die Freundin und drückte einen Kuß aus deren Wange. „Meine, arme, arme Agnes!" „Du bist sehr gut!" Frau von Osten lächelte matt. „Es tut mir sehr wohl, daß du mich lieb hast, aber siehst du, ich kann dir nicht folgen, ich kann nicht von ihm gehen. Und wenn ich sterben muß, dann will ich doch bleiben bis zuletzt. Ich mutz bleiben für Felicitas, und dann" — sie hielt inne und preßte die verschlungenen Hände gegen das Herz — „hier, hier in mir, da lebt etwas, das läßt sich nicht ersticken. Ich weiß nicht, wie ich's nennen soll —< ob das alle Frauen haben?! Wenn ich auch wollte und wegginge, meine Seele bliebe doch hier. Ich bin stolz darauf, wenn kein Mensch etwas ahnt; ich iuerbe stolz sein, und das wird mir helfen!" Ein starker voller Klang war in ihrer Stimme. Sie hob den Blick gegen das Fenster, auf ihren Wangen glänzren Tränen, das Licht spiegelte sich in den klaren Tropfen; ein Zug lag um den Mund, wie ihn wohl Märtyrer tragen mochten, als man sie auf's Rad flocht. Nelda konnte dies arme, kleine Gesicht nicht mehr ansehen; es gab ihr inwendig einen Rück, als stürze etwas in ihr zusammen, was sie bisher für allein groß und- richtig gehalten. O, diese höchste Demut — dieser höchste Stolz! Ein Stolz, der wie Schwäche aussah und doch stark war wie — wie — ihr mangelte der Vergleich, sie haschte nur nach der kleinen, zitternden Hand und dr täte ihre Lippen darauf. Dann wandte sie den Kopf und steckte das Gesicht in den großen Fliederstrauß, Agnes sollte die Tränen nicht sehen, die ihre Augen füllten. Ein Gefühl tiefer Bewunderung war in ihr; und dann huschten ihre Gedanken, toie aufgescheuchte Vögel, um Jahre zurück, huschten hin zu Ramer. Sie fragte sich mit Beben: „Ob ich dem auch verzeihen könnte? Hab' ich das auch hier, hier int Herzen, wovon Agnes sagt, daß es sich nicht ersticken läßt?" — Sie schwiegen lange, dann sagte Frau von Osten in ganz verändertem Ton — der volle, starke Klang war verschwunden, so reden Pensionsmädchen, wenn sie einer andern Geheinrnisse anvertraucn —: „Aber du darfst keinem Menschen was sagen, Nelda, gib mir die rechte Hand darauf! Sag' nur ja nichts an L'hlander!" „An Xylander — ?! Wie, tvas meinst du? Warum?" „Ah, richtig, du weißt ja noch gar nichts! Verzeih nur — ach, ich bin oft so zerstreut und vergesse das Aller- wichtigste! Denk' mal, vor ein paar Tagen waren wir in Gesellschaft beim Obersten, und Lylanders waren da auch und —" „Erzähle, wie geht es ihnen?" Neidas Blick zeigte freudige Ueberraschung. „Ja, der ist längst Major und jetzt hier im Generalstab! Seit kurzem sind sie erst« hier. Sie tvaren sehr nett, er fragte gleich nach dir, ich habe ihm deine Adresse gegeben. Ach" — die junge Frau seufzte — „find die glücklich! Frau Lylander ist ganz unverändert, so lustig, und er ist so gut gegen sie! Sie wohnen in Moabit; ich glaube, er hat eine kleine Erbschaft gemacht, sonst könnten sie's ja auch hier nicht machen. Sie tonren so freundlich zu mir. Aber nicht wahr, Nelda, du sagst nichts? Ach, und nicht wahr, du glaubst auch, er wird sie nicht immer lieben, er wird mich noch einmal nötig haben? Sag', sag'! " Sie klammerte ihre Finger um den Arm der andern und sah sie aus verweinten Augen angstvoll fragend an. Dieser Blick war der des totwunden Rehs. Nelda schüttelte stumm verneinend den Kopf. Ein Gedanke war in ihr ausgestiegen, blitzschnell wurde er zum Entschluß. Sie fi.V) wieder Anselma von Koch vor sich, vor Jahren in Koblenz, bei jenem Zusammentreffen in der blumendurchdusteten Veranda der jung verheirateten, glücklichen Frau von Osten — spitze Worte, versteckte Angeisse — die schöne Koch war impertinent, aber bann hatte sie plötzlich, ihrer Grausamkeit bewußt, ben Blick gesenkt, Schamröte hatte ihre Wangen überzogen. Sollte dieser stolze Nacken sich nicht noch einmal beugen, im Bewußtsein größeren Unrechts?! Die folgende Nacht tvar unruhig, es war zuviel für Nelda gewesen, die Sorge um Agnes raubte ihr den Schlaf. Mer sie warf sich nicht ruhelos, sie lag still; die Mutter durfte nichts merken, sie wollte, sie mußte bald ausgehen. Und wenn sie schlief, kurze abgestohlne Momente, dann träumte sie wild. Agnes und Schmolle, die Mutter, die schöne Frau Arnheim drehten sich in buntem Durcheinander, wie auf einem Karussel — ganz in der Ferne verschwamm eine Gestalt im blaßblauen Frühlingskleid. Und in der Mitte stand Lylander; seine milden Augen sahen hinter ben Kueifergläsern vor, er streckte ihr die Hand entgegen und lächelte — „Und für dich willst du gar' nichts mehr, Nelda, gar nichts--?!" (Fortsetzung folgt.) Mn-etteben in Japan. Eine reizvolle Schilderung von dem Leben und Spielen der Kinder im Lande der ausgehenden Sonne wird in dem „Figaro de la Jeunesse" veröffentlicht, der jetzt als neugegrnndete Wochenbeilage des Pariser „Figaro" znm ersten Mal erschienen ist. Nicht umsonst hat man Japan das „Paradies der Kinder" genannt, denn wohl in keinem Lande pflegt man den Kindern nach er- süllter Pflicht so viel Freiheit zum fröhlichen Treiben und Spielen an irischer Luft zu gewähren, wie im Reiche des Mikado. Besonders in den Städten im inneren Japan geben die heiter sich tummelnden Kleinen an den Nachmittagsstnnden dem Straßenbild eine reizvolle besondere Note und überall in den Gärten, zwischen Chrysanthemen und Kirschbänmeii, erschallen die hellcn Kinderstimmen der spielfrendigen kleinen Söhne Japans. Wie — 671 lief der Abgrund auch scheinen «lag, der daS Fühlen und Denken' des zähen, gegen Fremde bei aller Liebenswürdigkeit verschlossenen Japaners von uns trennt, die sorglose Jugend sucht, ganz !vie im Westen, auch im fernen Osten im heiteren Spiel Erlösung der Phantasie urid Betätigung der erwachenden Lebensenergien In den Gärten lassen die Knaben im fröhlichen Wettkampf ihre Drachen steigen, mit blitzenden Augen und von der Anstrengung des Laufens geröteten Gesichtern stürmen sie über Helle Kieswege und treiben ihren Reisen. Die kleinen Mädchen aber Hüpfen und springen mit den bunten Puppen auf dem Rücken, ihre zart- farbenen Kimonos flattern im Winde und die Puppen werden derb geschiittelt, aber die kleinen Mütter wissen, daß die hölzernen Babys das Rütteln wohl ertragen intb nichts lieber haben, als tüchtig durcheinander gewirbelt zu werden. In den Spielen der Knaben offenbart sich der alte kriegerische Sinn der Japaner; mit Vorliebe betreibt die männliche Jugend das „Fahnenspiel". Die muntere Schar bildet zwei Parteien, die eine mit kleinen weißen, die andere mit roten Flaggen. Dann ein Signal: ein wildes fröhliches Ringen beginnt, wie in einer Schlacht prallen die beiden Parteien gegeneinander, ein jeder sucht dein Feinde Flaggen zu entwinden und die Partei, die schließlich die meisten Fahnen, erobert hat, wird feierlich zum Sieger erklärt. Jin Jn- liercn Japans, Ivo die Aufnahme westlicher Sitten die Lebensgewohnheiten des japan. Volkes noch nicht so stark beeinflußt hat, bietet die Straße der Kinderwelt eine Quelle unerschöpflicher Zerstreuungen und Belustigungen. Denn hier sind die Straßen iwch wahre Jahrmärkte, im Freien produzieren sich Akrobaten und Schlarigenmenschen, aus den Sttaßen kochen die fliegenden Zuckerbäcker ihre Leckerbissen, dort läßt ein Schlangenbeschwörer seine Schlangen tanzen und hier macht ein Zauberkünstler aus einem kleinen Glase eine endlos rieselnde Wasserquelle laufen. Wenn aber der Himmel schwer und grau über den Stödten lastet, wenn ein kalter Wind pfeift und rauschende Regenschauer gegen die Bambuswände des Hauses prasseln, dann sitzen die Kleinen zu Hause und lauschen phantastischen Märchen. Es müssen nicht Erwachsene sein, die die Kinder unterhalten, sie selbst erzählen sich die alten! Sagen, die sie hörten, Estschichten von wohltätigen Feen oder bösen Dämonen, die über das Leben und Glück der Menschen Gewalt haben. Wenn die kleine Gesellschaft dann des Lauschens müde wird, versucht sich der kindliche Geist an Rätseln, aus kleinen Bauklötzen entstehen schlanke Pagoden oder sröhliche Gesellschaftsspiele lassen das frische Kinderlachen durchs ganze Haus tönen. Die Kleinen sind nicht wie die europäische Jugend an ein Zimmer gebunden, die leichten Bambnswände, die die Gemächer des japanischen Hauses abteilen, sind verschiebbar und wenn die Eltern es erlauben, kann dann in kurzer Zeit ein kleines Zimmer zu einem wirklichen großen Spielsaal erweitert werden, wo jugendlicher Uebermnt Licht und Raunt genug hat, sich unbeschränkt auszutoben. Japan ist das Land der Feste, die Kinder gehen dabei nicht leer aus. Jur März wird das große Puppenfest gefeiert, das nicht weniger als sieben Tage dauert. Schon lange vorher bereitet die kleine Japanerin sich auf dies Ereignis vor, ihre Puppen werden neu gekleidet, bisweilen auch verkleidet, jedes Mädchen arrangiert eine eigene kleine Puppenausstellung, ui der sie ihre Schätze zur Bewunderung bereitstellt, die kleinen! hölzernen Bäuerinnen, Tänzerinnen und Geishas, die Samnrai- puppcn, die noch das Schwert der Väter und die phantastische alte Rüstung tragen. Dann kommen die Freundinnen, die Herrlichkeiten zu bewundern, die kleine Wirtin legt stolz ihren schönsten Kimono an, die Lippen werden besonders sorglich gepinselt und die schönsten Silberspangen funkeln im Haar. Am 5. Mai aber ist der Ehrentag der Jungen, das große „Fest der Knaben". Alle Eltern, die einen Sohn ihr eigen nennen, befestigen an ihrem Hause Drachen, die fröhlich in der Lust schweben. Jeder Drachen bedeutet einen Knaben und die Größe ist genau abgestimmt nach dem Alter des Kindes. Sie haben die Forni von Karpfen, denn der Karpfen gilt als ein tapferer, kühner Fisch, der sogar gegen den Strom schwimmt. Und dieses Sinnbild kann als Wahrzeichen der japanischen Kuabenerziehung gelten. Während die kleinen Mädchen kunstvolle Tänze erlernen, die seltsam gesorntte japanische Laute schlagen und in der Kunst des Blumenbindens eine Meister- schast zeigen, die jedem europäischen Blumendekorateur neidvolle Bewunderung abnötigen könnte, lernen die Knaben den Tuschpinsel führen, um zu schreiben und verraten schon dabei als Kinder jenen frappierenden Wissensdrang und jene zähe ziel- bewußte Energie, die sie dereinst als Männer befähigen soll, gleich dem Karpfen tapfer und kühn zu sein und gegen den Strom zu schwimmen... Vevmischtss. * Der Man« der Diva. Heitere Bilder Ms der Vergangenheit des Theaterlebens, ans der großen Zeit der Comödie Jranyaise kurz vor Ausbruch der Revolution, läßt Georges Claretie in einem Aufsatz der Deutschen Revue aussteigen, den er einer der berühmtesten Schauspielerinnen ihrer Zeit, der „idealen Soubrette" Moliöre'scher Stücke, Marie Joly, widmet. Di« Schauspielerin, von der Rivavol geschrieben hat: „Sie allein läßt »eich in Mokiöre alles finden, was ich in ihm entdecke, wenn ich ihn lese," deren früher Tod die größte Trauer unter den/ Zeitgenossen und eine ganze tränenselige Literatur hervorrief. war ein echtes Theaterkind. Zuerst sollte sie Tänzerin werdest, aber der -vchauspieler Pröville „urteilte nach der Grazie ihrer N-Se, daß ne Geist besitze," und ließ sie für das Schauspiel! ausbiwen, m dem sie bei ihrem Antrittsspiel als Torin« im „Tartüffe" ihre hohe Begabung entfaltete. Ihre Volkstümlichkeit nahm immer mehr zu und bald erschien neben ihr eine ander«! von ihr unzertreuMche Figur, die durch ihr eigenartiges Be- nehmen nicht minder Aussehen erregte, als sie durch ihre Kunst: ihr Gatte. Der Mann der M'lle. Joly — denn ihren Mädchennamen behielt sie bei — spielt in der Geschichte der Comddi« Frangaise neben seiner Gattin eine wichtige Rolle. Er Ivar der typische eifersüchtige Ehemann, der Lnstspiel-Gemahl, der sich aus einer Komödie hinter die Kulissen der Bühne verirrt zu haben schien, der mit seinen tollen Wutausbrüche« Gelächter erregte und zuweilen auch ernstere Zwistigkeiten entfesselte. Der Stall- Meister und ehemalige Rittmeister Fvuquet Tulomboy, Ritter des königlichen Militärvrdens vom heiligen Ludwig, der me Hand der berühmten Schauspielerin erobert hatte, ivar ein sehr Ivohl- habender Herr, aber ftirchtbar jähzornig und eifersüchtig. Als ein Herr des „Ancieit Regime" trug er in seinem Degen sein Recht zu Händeln und Uebergriffen aller Art, hatte eine wahre Leidenschaft für Zweikämpfe und gab an Rauflust und einpfind- lichem' Ehrgefühl dem „Ritter von der traurigen Gestalt" nichts nach. Oft hallten die Kulissen der Comedie von dem Lärm der geräuschvollen Auftritte wieder, die er seiner Gattin imb ihren Verehrern machte. Besonders die Reimschmiede und Federfuchser konnte er nicht leiden. An einem Juliabend dcS Jahres 1 Machten die beiden jungen Dichter Marie-Jvseph Ctzönicr und Legouv« der Marie Joly in ihrer Loge in der Comädie den Hos. Ter Gatte, der dabei saß, litt Folterqualen, aber er beherrscht« sich. Zwischen den beiden Nebenbuhlern, die sich nm den Gatten gar nicht kümmern, entsteht ein Streit und sie verlassen aufgeregt die Loge, une im Zweikampf die erhitzten Gemüter abzukichlen. Ter gutmütige Gatte, der sich zuerst über diesen Streit gefreut, bekommt Angst, daß sich die beiden jungen Herren die Gurgehck abschneiden, läuft ihnen nach und will sie trennen. Aber alÄ ihn Legvuvö zurückweist, wird Tulomboy wütend und bearbeitet den armen Dichter 'mit Stockhieben, Faustschlägen uub Fußtritten, bis er blutüberströmt .zusammenfinkt. Chdnier stehl ruhig dabei und sieht zu, wie der Gatte statt seiner Genugtuung nimmt. Legouvä bleibt schließlich bewußtlos und mit geschwollenem Gesicht halbtot auf beim Pflaster liegen, und der ehemalige Rittmeister kehrt, stvltz auf seine Heldentat, mit der Seelenruhe und! dem guten Gewissen eines Beleidigten, der gerechte Rache genommen, in die Loge seiner Frau zurück. Tas Zwischenspiel kostete ihn nachher 5000 Lire Strafe. Ein Dorn im Auge war ihm auch der Dichter und spätere Revolutionsheld Fabre d'Eglaw tim*, der Mlle. Joly huldigte. Als seine Frau in einent Stück Fabres dis Hauptrolle spielte, beschloß er sich zu rächen. Bei der Erstanfsührung nahm er inmitten seiner Freunde Platz, angetan! mit einer grauweißen Kapotte und mit einem großen Hut mit schwarzer Kokarde. Kaum war der Vorhang aufgezogen, so bc- gann er zu schreien: „Tas ist abgeschmackt! Das ist schlecht!" und verlangte, von den Seinen unterstützt, daß ein anderes! Stück gespielt werde. Da erscheint Marie Joly auf der Bühne. Ter Gatte springt auf, schwenkt seinen großen Hut und rüst: „Seht ihr? Sie verhilft allen Stücken zum Erfolg, aber dieses kamt sie nicht durchbringen!" Großer Tumult im Saal. „Wer ist denn der große Kerl?" lachte nm«. „Wie, das wifsen Sie nicht? Tas ist doch der Mann. Der Mann der Marie Joly!" Man will ihn Hinauswersen. Tulomboh schleudert Beleidigungen unter das Publikum und fordert alle Welt heraus. Ter Vorhang muß heruntergelosseu werden: das Stück ist aus, bevor es begonnen. Ter ehemalige Rittmeister aber stürzt wutschäumend auf die Straße, packt alle, die nicht seiner Meinung sind, beiiiti Kragen und fordert sie zum Kampf. „Sie werden mir alle Genngttrung geben, alle! Ich bin Offizier!" Dieser eifersüchtige Raufbold wurde nach dem Tode seiner Fran zum rührseligst Verherrlicher ihrer Tugend und Schönheit. Bäuerliche Sprichwörter und Redensarten. Wohl kaum etwas ist bezeichnender für die Gemüts'lagc Nick» die Lebensauffassung eines Volkes, als seine Sprichwörter und Redensarten. Wohl sind ein großer Teil Allgemeingut der Mnpch- heit, soweit es sich eben um die gleichen Lebensbedingungen handelt, aber auch viele absonderliche Bildungen entstehen, die nur in einem1 verhältnismäßig enge» Gebiete gang und gäbe jiirb und außerhalb nur schwer verstanden werden, tuen da derselbe. Sinn möglicherweise ganz anders ausgedrückt wird. Im folgenden geben wir eilte Anzahl Sprichwörter und Redensarten, dte ut Unserer Gegend gebräuchlich sind, z. T. aber auch anderwärts! Vorkommen, und von unserem -ler-Mitarbeiter gesammelt imttben. M'r was; ne! ehender, ob sich Geschwester gern hnn, des s« qedahit hnn! Statute Kinn irere de Ahle of de Sch»-?, grüße os d's Herz. * Wann die WeibSleut wasche tut backe, Müsse sich die Männer deut Haus enauS packe. — 772 Wer viel Buwe hott, der brach kau Houd. । Wann in'r de Kinn de Wenn (Willen) but, dann kreische se net. Wann die Slhle die Aage zuduhn, dann giehn se de Junge off. * Viele Rinner, schinale Güter. * Die Sorge wachse niet de Rinn in die Hich, Wer kau Rinn hott, der macht sich sein Sorge of a (tunet Art. Gruß Gegeng gebt grüß Gekomm. * Wo der Has geheckt ist, do is er an», liebste. Die Fra kann mehr in der Schürz fortirage, wie der Mann «net dem Leitcrwage eiusahrn kann Sechs mol sechs iS sechSiiuddretßig, Wann die Fra iS noch so fleißig llnd der Mann is liederlich, Dann gieht alles^hiimer sich. Wo a Brauhaus sticht, da brauch mer ka Backhaus. * Wer d'S Brut doppel schmiert, der muß zwa Häuser hun. Im Wirtshaus wird met de Gläser getaut» Im Wirtshaus en Gast, dehaur a Gascht, Der «vill aach blose nn d'S Mehl im Maul behale. * Der macht Helle, er will sich awer die Manschette uet ver- krompele. Der macht aach fliege, aiver die Fettch sin ihm noch net grüß genung. v * Der tret in die Fettch, wie a Gickeler, Der iS himier de Ohrn noch uet trockei«. Der is so arm ivie Hiob. * Der kann uet hinne uff, Der Hot mich Stange wäi Buhne. Der iS aach hinne, wie os cm Reck, * An dem iS aach d'S Malik das beste. * Der Hot a Maul wäi a Avekoai. Der denkt sein Dahl, wäi* der JlbeShäuser Papegei. Der ies so bomm, baß er brommt» * Der Hots Potoer uet erionue. * Doas is e Kerl, wäi Apostels Konrad; bem harre die Spaße in? Ohr gebaut nn er wards net eher gewahr, bes bie Junge aliSfloge. Der sieht vor lauter Beein bc Wald net. Der guckt deck drin. (Dummer Blick.) WaiUl der d's Maul osduht, dann krijn die Ohrn Besuch. Der guckt met dem rechte Aag in die link Westedasch (Schielt.) * Der gieht os ErweZ lunsicherer Gang). Der glickt iioch de Stern, awer net noch sein Kerrn (Karren). Wer vor vierzig Johr reit, der muß noch vierzig giehn. Wer naut se verliern Hot, der kamt aut woge, * Rührt >nr en Dreck weit, stinkt er weit. * Wu sich der Fachs ivelgert, do niuß er Hsor lasse. * Morqerege un Ahleiveiiverdänz bauet« nit laug. v Wer bie Tochter «vill, der muß sich met b't Matter hale» * Lange tzoor, kurzer Verstand, Seht en arnle Mann os en Gaul, dann reit er die Leist im« * Met dem ist nit gut Kirsche esse, der wirft met de Stan. * Die Kuh, die am mehste kreische, gerne die wingst Melch. Der stiehlt wie a Atzel, * Der läßt nit leie, wie glüh Eise. >f: Wer nix erheiert Un nix ererbt, Der bleibt en Lump Bis daß er sterbt. * Wo Tauwe sin, fliege Dauive zu. * Der Hot eil Mage, wie en Slromp. * Mit Freste un Saiife Hot noch lauer Ehr eingelegt. * Dem geschenkte Gaul guckt mer nit ins Maul. * Wer nit enaus kiunnt, kimmt aach nit Ham. Der Hot se, wie die Orgelpfeife (Kinder). Ein Kind, a Sorgekind. * Was nit geschriwe is, das iS a Fresse für die Avekaate (Kaiifkontrakti. Dem Hots amver bei die Plauze gerahnt. * Der Hot mich Gleck, wie Verstaub. Dem fättls int Schlos zu. * Wamr bet Mensch kau Gleck Hot, dann verbrecht er de Finger im Hirschebrei. Mr gieht besser ziiiii Schmitt, wie zum Schmittche. Wem bie Kuh iS, der greis ihr ou Schwanz. * Hinne steche bie Bien. Der kimmt vom Gaul os bc Hand. Der is kan ausgeblose Ei ivert. * Ter sucht Brut im Hoirdsstall. Kinnerhewe is a Ehr, mvcr ’S macht de Beutel leer. * Dem is der Schorustaa ingestürzt. (Batersreitde erlebt.) Bei der is a Katz im Schlag (guter Hoffnung), ffc Der stäubt wie a Mehlsack, wann utr drnWoppt (sehr reich). Sie is met d'm Maulspeüe nix gedohn, hie muß gepiffe wem. Laug geivart, hat nix geschah. * Wer warte kann, kriegt aach en Maitit. * Vorn getrommelt un hinne kan Soldate. * Wer nit ziehe kann, der mag drecke. * Wer am längst lebt, der krieht die Eisebohit, Werd net lese kann, der mags raffe. Logogriph. Gleichen Namen führen zwei Orte im nördlichen Deutschland Seht man ein „l” statt des „n", wirb es dem Landmann verhaßt, ’ Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Zilaten-Rätsels in voriger Nummer: Z ii h a st ig und zu träge kommt g l e i ch z u s p ä t. Redaktion: K> Neurath. — Rotationsdruck und Veilag der Vrühl'schcn Universitäts-Buch- uub Steinbructerci, R. Lange, Gießern