Nr. 125 Montag -en 9. August ML K Peter Nockler. Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holz am er. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Gleich in Mainz hatte der Peter eine Stelle gefunden. In einem Hinterhaus, droben im vierten Stock, hatte der neue Meister seine „Butik". Und der Peter saß nun da oben und nähte so fleißig und flink er nur konnte. Denn einmal, er wollte ja ein tüchtiger Schneider werden und deui Michel Sieben Ehre machen. Und dann, er mußte das Geld für sein Logis, das ihm sehr viel vorkam, obgleich er nur ein enges Mansardenstübchen in einem engen Gäßchen bewohnte, und sein Kostgeld allwöchentlich zusammenbringen, und er wollte auch noch ein paar Kreuzer für ein Schöppchen zum Feierabend übrig behalten. Und so nähte der Peter in der Schneiderbutike oben im vierten Stock flink und fleißig. Er nahm sich gehörig zusammen, nur an seine Arbeit zu denken und keinen anderen Gedanken in sich aufkommen zu lasseu, denn die anderen Gedanken fürchtete er. Es saß ihm so ein. Druck in der Brust, in der Herzgegend links unten. Es war so etwas, das herauf wollte und immer nur auf eine Gelegenheit paßte: heraufschluchzen, müde und traurig machen. Und ein paar Mal packte es den guten Peter, und die Hand sank ihm aufs Knie, und die Nadel ruhte. Da war ihm seines guten Meisters Michel Sieben geräumige Werkstatt eingefallen und der Platz, den er drin gehabt hatte. Da war der Blick aufs freie "Feld gewesen, bis hinunter in die Wiesen. Jeden Baum kannte er da und die Obstsorten, die drauf wuchsen. Auf dem großen, dicken dort mit dem breiten, runden Kopf: die weißen Ernteäpfel, auf dem spitzen dort hinten: die gescheckten Zitronenbirnen. Rechts dort, nach der Anhöhe zu, die gewaltigen Nußbäume, und ganz da hinten die Weiden und Pappeln in den Wiesen, und zwischen denen ein heller, weißer Giebel: die Wiesenmühle. Hier auf der anderen Seite aber, ganz links, daß man sich ein wenig Vorbeugen mußte, um recht zu sehen, ein Stück der langen, grauen Kirchhofsmauer. Und die Fuhrwerke sah er, die hin und her gingen, die Schnitter sah er in den weiten Getreidefeldern, ein Blitzen und Minken der Sensen in der hellen Sonne. Und die Abendröte sah man, die ganz langsam, ganz leise hinter dem Hügel heranfgekrochen kam — und es war so still geworden im Feld. Dann ruhte auch er. Am Fenster stand er dann noch eine Weile, bis die Meisterin zum Abendessen rief, und blickte hinunter ins weite, stille Feld und hörte die Bäume rauschen und die Kauze schreien. „Schön war's," mußte der Peter denken. „Und am Sonntag erst mit den Kameraden durch die Wiesen hin, einen Strauß am Hut und lustig! Scherze und Lieder!" „Schön war's," mußte der Peter denken. Und er dachte dann, ivie er int Holderbusch gestanden hatte und „'s Vogelsbergs Gretche" zur Hochzeit geschossen hatte. Und er dachte dann, wie sie still den Kirchhofweg gegangen waren, da sie den Andres Görz begruben, der mit achtzehn Jahren schon hatte ins Gras beißen müssen. Er hätte wieder Heimlaufen mögen in sein Dorf, so ein Heimweh hatte er. Wenn er sich nur nicht gar zu sehr schämen müßte! Denn hier auf der Schneiderbutike war's ja öde. Wollte man nur ein Stückchen vom Himmel sehen, mußte man den Kopf weit zum Fenster hinausrecken. Und das bißchen Himmel, das man sah, war ja nie so hell und blau wie daheim. Daheim! Grad heimlaufen möchte er. Aber rasch ging die Nadel wieder. Der Peter hatte sich wieder gefaßt. Und so hielt er's tapfer aus, zwang er's tapfer nieder. Ja, ein tapferer Schneider war der Peter, und er blieb, uild mit der Zeit gefiel's ihm auch hier nicht übel. „'s ist überall die Welt!" tröstete er sich. Und schließlich sah und hörte er hier und da auch manches, das ihn interessierte, ihm gefiel. Da war das Stadtleben mit seinen hunderttausend Abwechselungen, die Gesellschaft, das Militär — und damals waren die Oester- reicher noch in Mainz! Und das war eilte lustige Zeit. Und da waren die Mädchen. Auch für dies Kapitel int Leben war d;r Peter bald reif geworden. Es war so gekommen, er wußte selbst nicht wie. Es war ihm so angeflogen. Es war nur ein Blick gewesen, und 's war doch, als sei ■ aus dein Schlafe aufgeweckt worden. Es war grat), als .-.v er aus einmal andere Augen gekriegt. Denn ganz anders sah auf einmal die Welt aus. Es lag so was ganz anderes in ihr, das klang und schwieg, das lockte und narrte, das kam und ging. Es war feierlich und fromm und still — und es war quälend und unruhig und abstoßend. Einmal hatte der Peter von seiner Werkstatt oben hinuntergeguckt in den Hof. Mitten in der Arbeit hatte er aufgehört, was sonst gar nicht seine Art war. Ein lustiges, helles Lachen war heraufgeklungen. Er blickte hinunter — und in eben dem Augenblicke entdeckte er fein Herz, er, der Schneidergeselle Peter Nockler, grab einundzwanzig Jahre und acht Monate alt. Das Lachen klang noch einmal, und da fuhr's ihm durch alle Glieder. Bau den zwei Mädchen, die da unten standen, kannte er jetzt die Lacherin heraus. Die kleine Schwarze war's gewesen, die mit der runden Brust und dem weißen Schürzchen. Und dem Peter hüpfte das Herz. Ihm war zum Hin- unterspringen, oder zum Tanzen und Lachen und Jubeln und Singen und Pfeifen. So lebensfroh war er auf einmal. So, als sei er ganz allein ans der Welt, und ihm gehöre die ganze Welt und der ganze Himmel dazu, der voller Geigen hing. Oder als sei er so reich auf einmal, wie ein Fürst, und als fei er gleich einem Baron und Grafen. 490 — Wohl war ihm, so wie noch nie in seinem Leben. So recht ausgelassen. Aber er hielt sich ganz still. Und auf einmal ward ihm fast, ängstlich. Er guckte mal au sich hinunter. So in Hemdärmeln machte e-r keine gute Figur. Auch den Kragen hätte er au seinem Hemde offen, lind die Weste war zerrissen. Und am Ende guckte ihm auch der Ellbogen zum Hemdärmel heraus. Er trat ein einziges Viertelschrittchen voin Fenster zurück. Aber er spähte genau. Und die kleine Schwarze, sah er, schwadronierte lustig wie ein Star, und alles, was sie sagte, unterstrich sie in einemfort mit den kräftigsten Hand- und Armbewegungen, und wenn das nicht reichte, stampfte sie mit dem Fuße auf. und sie schwätzte sich so ein ritzerotes Köpfchen an, die Wangen glühten ihr wie mit Zinnober gestrichen, und die Haare waren ganz lose geworden und hingen über den Obren, allerliebst verwirrt, daß nur noch die kleinen roten Ohrläppchen unten herausspitzen konnten. Da lachte der Peter breit mit dem ganzen Gesicht, als sei ihm eine gebratene Taube zugeflogen, und er mußte ordentlich an sich halten, daß er nicht hinauslachte und hinauswieherte wie ein Füllen, das den Halfter zerrissen hat und ins Freie galoppiert. So ganz losgebunden war er. Gleich aber kitzelte ihn der Meister mit der Elle ein wenig unsanft in die Seite, daß er sich 'rumdrehte und ein ernsthaftes Gesicht machte. Er sprang auf den Tisch, schlug die Beine übereinander und nähte, ohne ein Wort zil sagen. Nur die kleine schwarze Hexe mit dem Schwadroniermäulchen, den vielen Arm- und Handbewegungen und den energischen Stampffüßchen stak ihm fest und gegenwärtig im Sinn. Und ob er sich auch einige Mal die Radel in den Finger stach und öfters ein ganzes Stück wieder auftrennen mußte, er konnte sie sich nicht aus dem Kopfe schlagen. Er konnte nicht. Er wußte ja selbst nicht, was es war. Er fühlte nur noch eine Freude nach über ihr Lachen, über ihr Plaudern, über ihre roten Backen, über die kleinen, glühenden Ohrläppchen, die nnterm Haar noch herausgespitzt hatten. Ja ?— auch über ihre runden Brüste, ihre weiße Schürze. Mer recht klar ward er sich nicht. Zunächst, war's nur mal die Neugierde: wer ist sie? Wo ist sie? Und dann gleich hinterher das Verlangen': sie mal sehen, mal sprechen, sich mal ein Viertelstündchen vor sie stellen und ihr ins Gesicht gucken, wenn sie lustig schwatzte, und sie auch mal gründlich betrachten und sich freuen an ihr. Weiter nichts! Und das genügte, ihn mit seine Ruhe zu bringen. Es machte ihn ganz irr. Und wie er sich ganz fest zusammennehmen mußte, in seiner Arbeit nicht die reinsten Lehrbubendummheiten zu machen, merkte er, daß es ihn sogar quälte. Was ging ihn auf einmal das Mädchen an! Gefallen hatt's ihm. Na ja, gefallen! Wer fertig damit, basta! Ja — aber sehen müßte er sie doch noch mal. Dann würde er ganz zufrieden sein, würde er nicht mehr an sie denken. Ja, er mußte sie noch mal sehen. So monologisierte es in ihm. Da hatte er wieder ein Stück verkehrt aufgenäht. Er warf geärgert die Arbeit hin. '■ Jetzt war er's aber satt. Was ging ihn das Mädchen an! So ein Fratz! Er war ein Narr! Und nun machte er sich wieder vollen Ernstes an seine Arbeit und schaffte ruhiger. Aber es hielt ihn nicht. Der Meister hatte noch nicht lange die Lampe gebracht, da machte er schon Feierabend. Er putzte sich extra auf. Ohne daß er sich's besonders vornahm. "Und er ärgerte sich, daß er nicht einen besseren , Anzug auf der Werkstatt hatte. Aber 's war ja jetzt ziemlich düster draußen. Er ging sehr langsam durch den Hof. Ob das wohl ihr Küchenfenster war, davor die gelben Levkojen standen!? Aber er sah niemand. Sehr unbefriedigt trat er durch den Torbogen auf die Gasse hinaus. Unschlüssig blieb er stehen. Er wußte nicht recht, was er tun sollte. Er ging wieder zurück und machte sich im Hose zu schaffen. Aber er sah wieder niemand. Und nun ging er gar wieder hinauf in die Werkstatt. .Der Meister sah ihn groß än. Wer den Peter genierte das heute nicht. „Na?" fragte der Meister. „Ich arbeit wieder weiter. Will mein Stück noch fertig machen." Gleich stak er wieder in seinen Arbeitsileidern. Er sprang auf den Tisch, schlug die Beine übereinander und schaffte bis in die späte Nacht. Anderen Tags, als er kam, schritt er gravitätisch durch den Hof. Er mußte einen Einoruck machen durch eine feine, stolze Art. Er wollte keiner nachlaufen. Wer als er zum Essen ging, suchten seine Augen schon wieder die Hinterfront des Vorderhauses ab. Und zwischen den Levkojen, sah er, beobachteten ihn' jetzt zwei kecke Augen. Er meinte sogar ein Gesicht zu sehen, das lächelte. Wer ein bißchen spöttisch, schien's ihm. Das ärgerte ihn verdammt. Sie sah ihm gleich den Schneider an. Sie war ein patziges Ding. Puh! — ein Schneider! Und sie hüpfte wohl in ihrer Küche und machte mäh, mäh! Ein Geißbock! Frech war sie. Er bildete sich's ein. Aber er wollt's ihr zeigen. 1 Als er wiederkam nach Tisch, schritt er noch viel gravitätischer durch den Hof. Nicht rechts, nicht links sah er. Und das Hütchen hätte er ein klein wenig auf Krakeel gesetzt. Er war ganz ruhig. Ihre Art wurmte ihn. Obgleich er sie ja gar nicht kannte. Was ging sie ihn an! Ein paar Mal sprang er aber doch von seiner Arbeit weg und guckte am Fenster. Als ob sie auch mal geguckt habe, war ihm. Und herauf zum Fenster sogar. Aber er Wollte sich gewiß nichts einbilden. Das ging so ein paar Tage ganz in der gleichen Weise. Der Peter putzte sich fein auf, ging stolz wie ein Pfau, spuckte wie ein Baron, kurz, er war ein vollendeter „feiner Kerl". (Fortsetzung folgt.) Der Magister. Von W i l h e l m Krag. Autorisierte Uebcrfetzung aus dem Norwegischen" von Frida E. Vogel. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) 1 Eines Herbstnachmittags saßen Emil und List unten am Teich, wo vier weiße Schwäne majestätisch und geziert nmhersegeltent Life saß auf einer Bank und fütterte die Schwäne mit Brotkrumen, während Emil ein Gedicht zum Preise des Herbstes vorlach welches er selbst verfaßt hatte, und das er auf der nächsten Soiree vortragen wollte. Mitten während der Vorlesung fühlte Life sich unwohl; cs war irgend etwas mit dem Herzen nicht richtig. Sie tonnte! gerade noch ins Haus hinaus und auf ihr Zimnier kommen. Als sie nach vieler Mühe im Bette lag, sagte sie: „Das war das Gedicht, Emil! Das' war so schön. Mein Hetz konnte es gar nicht vertragen." Als sie diese Worte mit einem zärtlichen Lächeln um ihren! kleinen fetten Münd "gesagt hatte, schloß sie ihre Augen und" war ganz weg. , . v ", Emil glaubte, sie wäre auf der Stelle tot. Doch als der Doktor endlich kam, sagte er, daß keine augenblickliche Gefahr vorläge — obgleich man aus alles vorbereitet sein müßte. Bei ihrer kräftigen und vollblütigen Konstitution — sagte er und zuckte die Achseln. . Volle vier Monate lag sie Nnd rang mit dem Tode. Zw-schem durch hatte sie klare Stunden, und da mußte Emil ihr Vorspielen und lesen. Aber es konnten manche Tage kommen, wo sie in einer schlaffen Betäubung, dalag. , Eines Vormittags im Monat Januar wurde sie plötzlich stischer und "war so lebhaft, wie sie es während ihres ganzen Krankenlagers nicht gewesen war. Sie wurde im Bette ausgerichtet und sie War so munter und bat Emil, die Lieder zu spielen und zu singen, er erinnerte sich Wohl —, die er gesungen hatte, als er auf der Mansarde in Wimmelskaftet wohnte, und derentwegen sie sich in ihn verliebt hatte. ,, Emil sang alles, worum sie bat; und sie lächelte glücklich, dankte ihm, drückte seine Hand Und bat um mehr. Als er übÄ eine Stunde gesungen hatte, sagte et, nun wäre sie gewiß müde, jetzt müßte sie etwas ruhen, dann würde er am Abend wehr singen, wenn sie da wieder so frisch wäre. , ... „Lies mir nUr dein Gedicht über den Herbst "vor, das, weitzl dü, was mein Herz nicht vertragen konnte," sagte sie nut einem Lächeln, das saft schelmisch war. _ Und er las ihr über den Herbst vor —, die Zeit der Wehium, 491 tvv die Natur ihre Jugend und die Menschen ihre Liede eiw- büßen, wo die Bäume ihre Häupter neigen und in Festtags-' kicidern des Winters Kommen erwarten, und too die Menschen ihre raschen Schritte anhalten und auf die Huffchläge des bleichen Reiters lauschen, während noch ein Klang von alten Melodien in ihren Ohren tönt. . . Er las ihr sein wehmütiges Gedicht über den Herbst vor, iiitb dieses Mal las er. W> ganz zu Ende. Aber als er von dem Papier aufsah und ihrm Wa.uk zu hören erwartete, lag sie mit geschlossenen Augen. — Sie war gestorben, während er las. Aber um ihren Mund schwebte noch das kleine Lächeln, das fast schelmisch war; und es schien, als 061 sie im Tode sagen wollte: „Du weißt — das ist ja das Gedicht, das mein Herz Nicht vertragen kann." * Die Leute hatten immer geglaubt, daß bei dem Magister eine Schraube los wäre; doch während seine Frau auf dem Totenbette lag, führte er sich so sonderbar auf, daß alle davon überzeugt waren, et hätte vollständig den Verstand verloren. Der Sarg wurde in die größte Stube gestellt, und über ihn baute er einen Baldachin aus hellblauem Flor, mit gvldenest Sternen übersäet. Zu oberst unter dem Baldachin schwebte eine weiße ausgestopfte Taube, ein Sinnbild der Toten. An einem Ende der Stube errichtete er eine Art Altar unter einem großen Bilde von ihr. Rings um dieses Bild brannten beständig Lichte und vor ihm standen zwei weiße Potpourrikruken, worin er ab und zu Räucherpnlver brannte. Sie selbst lag im Sarge in ihr Brautkleid gekleidet, mit ihrem Brautschleier um den Kopf und den welken Myrthenkranz ym die Stirn. Zwischen den gefalteten Händen lag ein Bild von Emil, worauf er einst die Worte geschrieben hatte: „Dein auf ewig". Rings um den Sarg brannten jede Nacht vier große Altarlichter. Und jede Nacht wachte er bei ihr — und jede Nacht war er in ein neues phantastisches Gewand gekleidet. Ec wollte keinen änderen da drinnen haben; — „geht ihr nur und legt euch, ich halte selbst die Totenwacht," sagte er. Die Leute legten sich selten, bevor eS sehr spät wär; denn! so viel Wunderliches hatten sie niemals aus einem Zimmer gehört, worin ein Toter lag. Da wurde gesungen und da wurde gespielt vom Abend bis Morgen. Bald klang das Spinet, bald klagte die Violine, bald schmachtete die Flöte, bald hörten sie seine eigene Helle Stimme, lind es waren gar nicht bloß traurige Melodien; es waren sowohl Tänze wie Liebeslieder, und wunderlich klang das in der Nacht aus dem Totenzimmer. Zuweilen hörten sie ihn mit ihr reden, laut und lauge. Auf üud ab ging er und sprach unaufhörlich, aber keiner verstand einen Muck von dem, was er sagte. ' Doch wenn der Morgen kam und er hörte die Menschen ringsherum im Hause sich rühren, dann stimmte er eine feierliche und traurige Sterbehymne an, und wenn sie zu Ende gelungen war, löschte er die Lichter um den Sarg, schloß die Tür auf, und in seiner klirrenden Rüstung ging er stramm in sein Zimmer. Der Magister lud seine Freunde zu dem Begräbnis in einem Schreiben ein, das in den hochtrabendsten Wendungen abgefaßt war. Major von Knarren, der ein Umsichtiger Mann war, grübelte lange darüber, wer die Ehre haben sollte, den Sarg aus dem Hause und darauf zum Grabe tragen. Denn es nützte zum Beispiel einem Mann wie dem Chirurgus nichts, sich zu melden, ihm mit seinem Asthma und seinen Storchbeinen. Nein, hier mußten ordentliche Kraftkerls ran, wie zum Beispiel der Major selbst. Doch ein halbes Dutzend von ähnlicher Sorte zu finden, war keineswegs so leicht. Bassen Brause auf Wibleskau ging an, und der Goldgräber äüf Skar sah auch , aus, als ob er brauchbar wäre. Wenn er das von vornherein so ordnete, daß er diese mit sich brachte und dazu einige von den verabschiedeten Leutnants, deren Qualifikationen er kannte, so dachte er wohl, es würde sich machen lassen. Ob-! tzleich, wenn das Schneewetter beibleiben würde, so wie es mehrere Tage lang gerast hatte, es wahrhaftig ganz gefährlich äussehen konnte. Der Begräbnistag erschien auch richtig mit 'dem schrecklichsten Schneesturm. Es ging gerade noch, daß die Pferde gegen das peitschende Unwetter vorwärts stampfen konnten, und die Leute in alles mögliche Pelzwerk eingepackt und mit allen möglichen Tüchern verschnürt, so daß die meisten ganz unförmig anzusehen waren, ans den Schlitten herauskugelten. Siej wurden von dem Magister, der in kohlschwarze Renaissancen Uacht gekleidet war, empfangen; — an seiner Seite hing der dünne Wegen und um seine Schultern der schwarze Seidenmantel. Ra, — man kannte ja den Magister und seine Eigenheiten, Und alle hatten wohl im Grunde sich irgend etwas Außerordent- liches von ihm bei dieser Gelegenheit erwartet. Die Gäste wurden in das Totenzimmer gewiesen, wo die Mtarlichte ruhig um den Sara brannten und die Taube unter dem hellblauen, sternenbesäten Baldachin schwebte. Gegen die warme, Helle Seide des Brautkleides leuchtete das Gesicht marmorweiß, marmorkalt. Das Leben hatte diese Züge wie in grausamem Spott entstellt: aber nun war das Muntere Leben entflohen und der ernste Tod hatte seine feierliche Stille über ihr Haupt ge.breitet. Selbst die, die am lautesten über sie gelacht hatten, als noch das Glück und das Leben ihren Spaß mit ihrer klotzigen, absurden Er- scheiuung getrieben, — selbst die schwiegen nun, als sie diesem starren Antlitz gerade gegenüber standen, das keine Freude mehr lächerlich machen würde. Als die Gaste versammelt waren, sprach 'der Prediger ein' kurzes Gebet, und der Magister setzte sich an das Spinett und spielte einen Psalm. Als der Psalm zu Ende gesungen war, trat er vor den Sarg hin, entfaltete einen großen weißen Bogest Papier und begann zu lesen. Es waren viele, die baftanben Unb mit einem Lächeln kämpftest ünd bereit zu spotten wärest. I , Doch als er las, wich bas Lächeln beschämt; denn in seiner Stimme bebte eines ganzen Lebens einzige Leidenschaft. Dieser Mann, den bie Freude lächerlich gemacht hatte, —: in dieser Stunde breitete der Schmerz seine großen Flügel schirmend ulst ihn und alles Lächeln verschwand in den Augen der 'Menschen, Und allen, bie ihn sahen, schien es, baß er jetzt groß und schöst wäre, unb fein Wort brannte sich in bie Seelen aller. Er las fein Gedicht über den Herbst — bie Zeit, wo dis Bäume ihre Häupter steigen, während sie in Festtagskleid erst des Winters Kommen erwarten, — wo die Menschen ihre raschest Schritte anhalten und auf bie Hnsschläge des bleichen Reiters! lauschen, während noch ein Klang von Jugend und Liebesmelodiest in ihren Ohren tönt. Als er fein Gedicht zu Ende gelesen hatte, wandte er sich zu ihr um. Da last sie unb lächelte ihm zu, mit demselben kleinen schelmischen Lächeln, bas sie gehabt hatte, als sie bas Gedicht zum letztenmal hörte; — und er fühlte so gewiß, daß sie ihm auch jetzt zulöchelte, — und unwillkürlich glitt da auch ein Lächeln über fein eigenes Gesicht, während er ihr still 511h nickte. Nun brachten sie den Sargdeckel getragen. Er trat an ihr Kopfende, küßte sie behutsam auf den Brautschleier, welcher um die Stirn gekraust war, — strich ihr sanft über bie Hände; sah noch einmal lange auf sie — und gab das Zeichen. , Aber als bie anderen bie Nägel einschlagen wollten, wahrst er ihnen den Hammer fort. Das war das letzte, was er für fiel tun konnte, dazu sollte kein anderer Erlaubnis bekommen. Und er schlug die Nägel ein, — einen nach dem anderen — rings mst den ganzen Sarg — ganz bis zum allerletzten. Drauf ging er hin, drückte Major von Knarrens Hand und sagte: „So, meine lieben Freunde!" Der Major ergriff feinen Hut mit dein Federbusch, warf sich energisch in die Brust und musterte seine Leute: da standest sie in voller Montur, stramm wie zur Parade — drei Krieges auf jeder Seite. Der Major kommandierte ein ganz leises: „Marsch !" ünB wie ein Mann griffen sechs Hände gleichzeitig so fest zu, daß sechs weiße Handschuhe im gleichen Augenblick platzten. Langsam bewegte sich 'der Zug aus dem Totenzimmer hinaus. Aber an der Spitze, allen voran, ganz alleine, ging der Magister — barhäuptig — in seiner dünnen Reuaissancetracht, mit Heist Fed er Hut in der Hand. Schon als sie aus dem Flur hiuauskarnenj brauste der Sturm ihm entgegen, so daß fein Haar flatterte, nutz der Mantel wie große schwarze Flügel von feinen Schultern stand. Allein ging er, weit vor den anderen, und sang die Tötest- Hymne. Langsam ging er in den Schneesturm hinaus und fang! unb fang trotz Sturm und 'Wetter — klagend — klagend. Als der Zug an den Kirchhof kam, hatten die sechs Krieges wieder bie schwerste Arbeit. Denn obgleich 'vor einer knappest halben Stunde ein Weg bis zum Grabe geschaufelt worben war> war er bereits wieder so zugeweht, daß der Schnee bis an Hitz Kniee reichte. " 1 Weit Vvr den anderen ging der Magister in seiner schwärzest Rittertracht, mit dem Federhut in der Hand und sang die Totest- hhmne. Aber der Schnee wuchs lind wuchs — schließlich reichte er! ihm ganz bis ait die Hüsten, und der Sturm füllte ihm, jedesmal, jedesmal, wenn er ihn zum Singen öffnete, den Mund mit Schnee. Es war, als ob das Unwetter ihn hindern wollte, vorwärts zst kommen — es war als ob ein Feind ihn aufhaltcn wollte —■ jetzt wo er mit ihr kam. Mit einmal überkam ihn eine verbitterte Raserei; — er zog! seinen Säbel, schwang ihn über seinem Kopf, stürmte gegen das Schneetreiben unb bas Unwetter los: „Mach Platz! Mach Platz! Vorwärts Kameraden! Vorwärts!" Er sah sich gar nicht nach dem Zug um, nach den sechs! Kriegern und dem großen Sarg, der langsam, sehr langsam, aber unaufhaltsam sich feinen Weg vorwärtsbahnte, während eine tiefe Rinne im Schnee hinter ihm seinen Weg. bezeichnete. Nein, er stürmte blind darauf los — mach Platz! mach Platz! — grabe in eine große Schneewehe hinein. Plötzlich versank ev bis an beit Hals; — man sah nur noch seinen lockigen Kopf und den schwarzen Seidenarm, 6er den Säbel schwang —; Vorwärts ! Vorwärts! ). Der Glückliche! 492 Deutsche Dichter über das lenkbare Luftschiff. Eine interessante literaturhisiorische Ausgrabung macht die „Cffen6. Ztg.", indem sie darauf hinweist, wie in einer Zeit, in der Motorluftschiff und Aviatik unbekannte Begriffe waren, schon ein Dichterauge vorausgeahnt hat, wie dereinst die Welt sich gestalten würde, wenn das große Problem der Eroberung der Luft gelungen wäre. Der 1786 geborene schwäbische Dichter Justinus Kerner hat in einem Gedicht „Unter dem Himmel", das 1845, also wenige Jahre vor der Erblindung des Dichters erschienen ist, ein Bild von der Welt gezeichnet, wie sie einmal sein würde, wenn es dem Menschengeist gelungen, das himmlische Element zu bezwingen. Er sagt: „Laßt mich in Gras und Blumen liegen Und schau'n dem blauen Himmel zu, Wie gold'ne Wolken ihn durchfliegen, In ihm ein Falke kreist in Ruh'. Die blaue Stille stört dort oben Kein Dampfer und kein Segelschiff, Nicht Menschentritt, nicht Pferdetoben, Nicht des Dampswagens wilder Pfiff. Laßt satt mich schau'n in dieser Klarheit, In diesem stillen, sel'gen Raum: Denn bald könnt' werden ja zur Wahrheit Das Fliegen, der unsel'ge Traum. Dann flieht der Bogel aus den Lüften, Wie auS dem Rhein der Salmen schon, Und wo einst singend Lerchen schifften, Schifft grämlich stumm Britannias Sohn. Schau' ich zum Hinunel, zu gewahren, Warum's so plötzlich dunkel fei, Erblick ich einen Zug von Waren, Der an der Sonne schifft vorbei. Fühl' Regen ich beim Sonnenscheine, Such' nach dem Regenbogen keck, Ist es nicht Wasser, ivie ich meine, Würd' in der Lust ein Oelfaß leck. Satt laßt mich schau'n vom Erdgetümmel Zum Hiinmel, eh' es ist zu spät, Wann, wie vom Erdball, so vom Himmel Die Poesie still trauernd geht. Verzeiht dies Lied des Dichters Grolle, Träumt er von solchem Himmelsgraus, Er, den die Zeit, die dainpfestolle, Schließt von der Erde lieblos aus." Justinus Kerner war, wie man sieht, nicht gerade begeistert von der kommenden Zeit, die er voraussah, und da ist es nun interessant, wie ein anderer Dichter jener Zeit, der Schweizer Gottfried Keller, der leider in weiten Kreisen noch nicht nach Verdienst gewürdigte Verfasser des „grünen Heinrich", von „Romeo und Julia auf dem Dorf" und anderer Meisterstücke, auf die Bedenken seines Bruders in Apoll geantwortet hat. Es ist ein „echter Keller", der hier spricht, der Optimist und Feuergeist, der Justinus Kerner folgende Antwort gibt: „Dein Lied ist rührend, edler Sänger, Doch zürne dem Genossen nicht, Wird ihm darob das Herz nicht bänger, Das, dir erwidernd, also spricht: Die Poesie ist angeboren, Und sie erkennt kein Dort und Hier! Ja, ging die Seele mir verloren, Sie führ' zur Hölle selbst mit mir. Inzwischen sieht's aus dieser Erde, Noch lauge nicht so graulich aus, Und innnchmal scheint mir, daß das: Werde I Ertön' erst recht dein „Dichterhaus". Schon schafft der Geist sich Sturinesschwingen Und spannt Eliasivagen an; Willst träumend bu im Grase singen, Mer hindert dich, Poet, daran? Ich grüße dich im Schäierkleide, Hersahrend, — doch mein Feuerdrach' Trägt mich vorbei, die dunkle Heide Und deine Geister schau'n uns nach. Was deine alten Pergamente Von tollem Zauber kund dir tim, Das seh ich durch die Elemente In Geistes Dienst verwirklicht nun. Ich seh' sie keuchend glüh'n und sprühen, Stahlschimmerud bauen Land und Stadt, Indes das Menschenkind zu blühen Und singen wieder Muße hat. Ibib wenn vielleicht in hundert Jahren Ein Luftschiff hoch mit Griechenwein Durchs Morgenrot käm' angefahren — Wer möchte da nicht Fährmann sein? Dann bög' ich mich, ein sel'ger Zecher, Wohl über Bord von Kränzen schiver, Und gösse langsam meinen Becher Hinab in das verlass'ne Meer." Was von den beiden Dichtern vor mehr als sechzig Jahren der eine gefürchtet, der andere gehofft hatte, ist heute beinahe zur Wirklichkeit geworden. In diesen Tagen, da alle Welt sich mit den Erfolgen beschäftigt, die auf dem Gebiete der Beherrschung der Luft erzielt werden, sind diese literaturhistorischen Ausgrabungen vielleicht nicht ohne Interesse. vermischtes. *■ ® e r Haar markt. Kürzlich fand in Limoges in Frankreich der diesjährige Haarmarkt statt, der einen noch flaueren Verlauf nahm als im Vorjahre. Die Frauen, die bereit sind, ihre Haare zu Markte zu tragen, werden immer seltener. Noch vor wenigen Jahren kostete ein Kilogramm frischer Mädchenhaare auf dem Markt zu Limoges 50 Franks ; aber int letzten Jahrzehnt sind die Preise auf 120 und 150 Franks pro Kilogramm gestiegen. In diesem Jahre wollten die französischen Bäuerinnen selbst für diesen Preis ihre Haare nicht hergeben; die Haarhändler machten verzweifelte Mienen und klagten über die schlechten Zeiten. Kaum 500 Kilogramm Haare wurden in diesem Jahr in Limoges um» gesetzt, während noch 1880 der Umsatz 1400 Kilogramm betrug, und, wie eine Statistik berichtet, int Jahre 1840 in Limoges 2500 Kilogramm weibliche Haare gekauft wurden. Soweit die Haare heutzutage nicht von Verstorbenen genommen werden, kommen sie meistens aus dem Innern Rußlands und Nord- und Südamerikas. Die französischen Händler beziehen seit 30 Jahren den größten Teil ihres Bedarfes aus Panama und Brasilien. * D e r Flirt als Erziehung zur allgemeinen Wehrpflicht. Lord Roberts, der in den letzten Monaten die Seelen seiner Landsleute so oft durch die Ausmalung von Englands militärischer Hilfslosigkeit mit Bangen und Grauen erfüllte, hat jetzt ein Mittel gefunden (!), die Reihen der Terri- torial-Armee zu füllen und die 'lässigen Söhne Englands zu bekehren, die bisher der Freiivilligenbewegung lässig gegenüber«' standen. Bei den Töchtern Englands sucht Lord Roberts Hilfe und Beistand; bei einer großen Rede in Bristol forderte er alle jungen Engländerinnen auf, „mit niemand Tennis oder Krocket zu spielen und mit keinem jungen Mann zu tanzen, ehe er nicht in die Territorial-Armee eingetreten und seine Hebungen pünktlich geleistet hat." Wenn die jungen Engländerinnen seinem Rate folgen, so ist das Vaterland gerettet. „Dann werden wir keinen Grund mehr haben zu Besorgnis und zur Beunruhigung." Deshalb soll niemand tanzen und Tennis spielen dürfen, es sei denn, er habe gelernt, mit einem Gewehr umziigeheu. Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummer Auslösung des Schepzrätsels in voriger Nummer: greiien, ©rauen, trauen, raufen. (Amu.: Letzteres ist nur eine Erfindung seiner ehemaligen mißgünstigen Freunde, deren Kneipabende er nunmehr als solioer Ehemann vernachlässigte.) Redaktion: I. V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen«