Nr. 56 < Kj> 1 Ms rsMiw WW mm! «GW M&tJT PE?g M ÄLE-M M-::iiiii". g; WW!^L Spätinghof. Roman von K. v. d- Eide?.- (Nachdrnck verboten.) (Fortsetzung.) Die Wintergesellschaft auf Bäkhof verlief in althergebrachter Weise. Der Bauer hatte für den Winter eingeschlachtet, und bei dieser Gelegenheit fielen gleich einige Braten für eine Gesellschaft ab. Es waren nur junge Leute beiderlei Geschlechts eingeladen worden. Schon am Nachmittage nahm die Festlichkeit ihren Anfang. Es gab selbstgebackenen Kuchen und starken Kaffee mit fettem Rahm. Es wurde viel genötigt, viel gegessen und getrunken, aber sehr wenig gesprochen. Frauke Steffens nahm sich neben den steifen, von Seide und Goldschmuck strotzenden Bauerntvchteru in ihrem einfachen hellgrauen Kleide sehr zierlich und lieblich aus. Jaus Blicke wanderten die stattliche Reihe entlang. „Sie ist die schmuckste von allen," dachte er. Jetzt sah er, wie auch Jaks Augen an der zarten Gestalt wie gebannt hingen; eine innere Unruhe ergriff ihn. Zum Abendbrot wurde bunte Reihe gemacht: jeder junge Mann führte eines der jungen Mädchen zu Tisch. „Ob ich es wohl wagen darf, Frauke zu holen?" überlegte Jan mit klopfendem Herzen: er hatte sich noch nie in einer ähnlichen Situation befunden. In diesem Augenblicke ging Jak quer durch die Stube auf Frauke zu, verbeugte sich und reichte ihr den Arm. Jan war Ivie vor den Kopf geschlagen. Er sah, ivie eilt Paar nach dem andern sich zu Tisch setzte. Aergerlich und verlegen blieb er in seiner Ecke sitzen, bis Stete, die jüngste Tochter des Hauses, lächelnd auf ihn zukam und fragte: „Na, Jan?" Da hielt er ihr unbeholfen den Arm hin, und sie setzten sich zu den anderen. Jan kam sich bei Tisch sehr überflüssig vor. Frauke saß so, daß er erst den Kopf drehen »rußte, um sie zu sehen. Als er dies einmal versuchte, meinte seine Tischnachbarin, er suche die Fleischschüsfel, und brachte sie eilig herbei. Was Siete Nissen ihm von ihren Stimmern und Kälbern erzählte, vernahm er nur halb. Mechanisch aß er die guten Sachen, die sie ihm reichte, den Kohlrabi in Rahmsauce und die gestobten Pflaumen. Er trank ein Glas des heißen Punsches nach dem andern: aber während die übrige Gesellschaft nach und nach in eine ausgelassene Lustigkeit verfiel, wurde er immer stiller und schwermütiger. Nie war er sich seiner Lage so klar geworden. „Ich bin der Knecht meines Bruders," dachte er, „ich säe und er erntet. Es wird Zeit, daß ich fortkomme, ja, ich will fort." ! Ein freierer, fast fröhlicher Blick traf seine Nachbarin. „Ja, und das Fohlen von der Bläß sollst du mal sehen, das hat sich bannig herausgemacht," sagte Siete. Im stillen dachte sie: „Er hat hübsche blaue Augen; er ist nicht uneben."- Nach dem Abendessen wurde auf der großen Diele getanzt. Der Hofknecht, der in der Ecke auf einem alten eiseubeschlagenen Koffer saß, spielte die Harmonika. Jak wirbelte als erster Frauke Steffens im Tanze herum. Ihre Augen suchten Jan, der auf einer Bank abseits saß. Ihm fehlte der Mut und die Gewandtheit zum Tanzen, Stete Nissen hatte sich neben ihn gesetzt und erzählte ihm, was ihr kürzlich mit den Hühnern' passiert war. ' Jetzt kam Jak mit Frauke am Arm an ihnen vorbei. Sie waren vom Punschgeiruß und dem raschen Tanzest erhitzt: der Knecht spielte zu rasch. Frauke schwenkte ihr Tüchelchen in der Luft, um sich Kühlung zuzufächeln. Jak hatte sie schon wieder um die Taille gefaßt; ein funkelnder Siegesblick traf den Bruder. „Prost!" sagte er mit zynischem Lächeln, küßte Frauke, ehe sie sichs versah, auf beit Mund und zog sie im Tanze davon. Jan stand langsam auf, feine Gestalt reckte sich, er rang nach Atem, siedendheiß durchrann e's seine Adern. Er sah nicht Siete Nissens spöttischen Blick; er sah auch nicht, wie am andern Ende der Diele eine helle Gestalt sich freimachte und verschwand. Mit schweren Schritten ging er in die Stube, nahm seinen Hut und ging hinaus vor die Tür. Er fühlte sich -in seinem Innern tief verletzt. WM er sich in den kühnsten Träumen nicht auszudenken gewagt hatte, das nahm sich der Bruder, als ob es ihm gehöre. Die Luft kühlte seine heiße Stirn. Er blickte umher. Der Schnee bedeckte die weiten Fennen wie ein ungeheures Seichentuch. Nirgends sah er ein Sicht, nirgends Leben; alles war starr und kalt. Das Gefühl einer trostlosen Berlasseucheit überkam ihn. Ans der Tür trat eine dunkle Gestalt. „Jan!" rief eine Stimme leise und zaghaft. Es wär Frauke, in Mantel und Tuch so fest eingehüllt, das; nur ein wenig von ihrem weißen Gesicht zu sehen war. Einen Augenblick erfaßte heller Zorn den jungen Mann'. Er stand im Begriff, ihr ein Schimpfwort entgegeuzuschleu- dern, ein sehr häßliches Schimpfwort, das sie ans ewig getrennt hätte. Wer er brachte cs doch nicht über die zu- sammeugepreßten Lippen. Als er sie dann ansah, blickte er in zwei todestraurige Augen, und sein Zorn war verflogen. „Jan," bat sie, „willst du mich nach Hause bringen?'« Er nickte. „Ja, Frauke, komin man." Als sie nun nebeneinflitber auf dem knirschenden Schnee die Trift entliniggingeit, nahm Jan ihre kleine Hand und zog sie sachte durch seinen Arm. Ein wunderbares, süßes Gefühl quoll in feinem Herzen auf, ein Gefühl, dem er keine Worte zu leihen vermochte. Als er anfblickte zum .Himmel, sah er Tausende von blitzenden Sternen. Da erschien ihm die weite Marsch nicht mehr starr und leblos) sondern heilig und friedvoll in ihrer jungfräulichen Rein- 222 Tjeit. . VerMinöert fragte er sich selbst, wie es zuging', das; er vorhin nicht die Sterne gesehen hatte, als sein Herz voll Zorn und Trauer war. Tie beiden sprachen wenig, von Jak gar nicht; sie verstanden sich auch ohne Worte. Als sie am Kantorhause angetangt ivaren, zog Frauke ihren Arm ans dem seinen. „Ich danke dir, Jan," sagte sie, und als sie ihm die Hand reichte, wiederholte sie: „Ich danke dir, Jan!" Der Ton, mit dem sie diese einfachen Worte sprach, und der Blick, der sie begleitete, drangen tief in Jans Herz. Sie schloß die Haustür auf und schlüpfte hinein. In gehobener Stimmung ging Jan nach Hanse. Er wußte, wenn er sie um einen Kuß gebeten hätte, der iväre ihm nicht verweigert worden. Aber diese Stunde erschien ihm zu hoch und heilig, nm an einen Lohn zu denken. Wenn er Frauke einmal küssen würde, dann sollte der Kuß ein Versprechen und ein Gelübde zugleich sein. An diesem Abend hielt Jan in seiner Kammer im Geiste wieder ein Zwiegespräch mit Frauke. „Frauke, . ich habe dich furchtbar lieb", ivaren seine Worte, nnd die Antwort lautete: „Ich habe dich auch lieb, Jan." Weiter kam er nicht. Er lächelte vor sich hin, und einen Augenblick später seufzte er. Als Jak gegen Morgen nach Hanse kam, schlief er fest. * Am anderen Vormittag erhielt Jan einen Brief von einem Gutsbesitzer in Angeln. Der alte John Briefträger langte ihm das Schreiben durch die Stalltür hinein, und- Jan überflog es> während er den Futtereimer neben sich stehen ließ. _ Ihm wurde in dem Brief eine Stelle angeboten nlit 70 Taler Gehalt, freier Station nnd familiärer Stellung. Hell, sonnig, verheißungsvoll erschien ihm mit einem Male das Leben. Er hatte plötzlich hohen Mut und große Kraft. Er schwang den schweren Stalleimer, als ob es em Spielzeug wäre. Hochaufatmend trat er vor die Stalltür hinaus auf dre Werft. , Es war ein schöner Wintertag. Die Sonne hatte siegreich die Morgennebel vertrieben und' schaute nun mrld von dem klaren blauen Himmel auf die weiße Marsch hinunter. Jans Blick schweifte über die Fennen, er schweifte weiter bis zum Horizont. Ja, dort tauchte ein Segel auf. Dort winkte die blaue Ferne mit ihrem Tuch. „Ich komme!" rief Jan. Seine Seele war voll Sehnsucht und .Begeisterung. Als er in die Stube trat, saß die Tante hinter dem Ofen und trank den gewärniten Kaffee, dessen fader Geruch das Zimmer erfüllte. Jetzt klopfte Jan doch ein bißchen das Herz. Während er, den Tabakskasten zwischen den Knien, seine Pfeife stopfte, begann er, ohne aufzusehen: „Zum Frühjahr meriy' ich wohl mal Ernst machen und fortgehn, Tante. Man muß ja doch mal weiter denken." Das war für Jan schon eine lange und, ivie er dachte, wohlgefetzte Rede. Er atmete auf, denn er meinte, nun Ware das Schlimmste überstanden, doch als er ausblickte, erschrak er über die Wirkung seiner Worte. Aschgrau war das Gesicht der Frau, und ihre großen Augen waren noch größer geworden, ivie von Angst und wtlsin?" "$U kreischte sie auf. „Wo willst „ „Ich habe schon eine Stelle in Angeln, ich dachte, du wurdest leicht rnit Jak allein fertig." „Allein soll ich mit ihm hausen?" schrie sie. „Allein nur ihm?" Tranen des Entsetzens schossen in ihre Augen, ein Husten erstickte ihre Worte. Jan war betroffen. Was war das? Woher diese Filrcht vor x$f? Was für geheime Bande bestanden zwischen ihnen, dag sie sich liebten und fürchteten? „Warum soll ich nicht fort?" o. wüe Mundwinkel der Frau waren herabgezogen, ihre Tippen bebten.^ Jan traute seinen Ohren nicht; die harte Frau, deren Herz nie durch eine Bitte gerührt worden w^'7 wit hastigen, zitternden Worten, er möge doch bleiben. a ’ „Geh nicht fort," sagte sie, „geh nicht jetzt, wo ich alt Und kümmerlich werde und mich bald nicht mehr wehren kann. Du sollst auch den Hof kriegen; ich mache mein Testament. Laß mich bloß nicht allein. Ich sterbe ja doch bald; ich merke es, ich mach es' nicht mehr lange. Du sollst alles haben, alles!" Jan kämpfte einen schweren Kampf. Nie hatte er die Tante so gesehen. Nie hatte sie ihn um etwas gebeten. Sollte, konnte er ihr die erste Bitte abschlagen? Sah sie nicht ivirklich aus wie eine, die am Rande des Grabes geht? Sein gutes .Herz siegte schnell. Was kam es darauf an, ob er noch eilt, zwei Jahre blieb und der Alten erst die Augen zudrückte. Vielleicht erfiillte sie ihr Versprechen nnd sorgte für ihn. Nun, Jak sollte darum doch nicht leer ausgehen, wenn sie ihm den Hof verschrieb. Die Tante verlegte sich jetzt aufs Jammern. „Ich armes Stackelsmensch, was fang' ich an, ich bin verraten und verkauft." „Ich bleibe," sagte Jan, „sei man still." Jak trat ins Zimmer. „Was ist hier los?" fragte er. „Was, Jan will fort? Haha! Laß ihn reisen! Reisende Lente soll man nicht aufhalten." „Ne, er bleibt hier", sagte die Alte. Sie hatte ihre Fassung wiedergewonnen und stand da, als wäre sie das verkörperte böse Schicksal. „Was soll er bei fremden Leuten?" fuhr sie fort. „Er ist man schwach, er ivird bei anderen Leuten bloß krank. Wenn es nicht mebr geht, kann er meinetwegen ’ne Dienstdeern mieten; aber fort kommt er nicht." Jan sah ivirklich nicht gesund aus. Blaß nnd teilnahmslos blickte er aus dem Fenster. Der Himmel hatte sich verdunkelt, das Segel von vorhin war fort. Die Ferne winkte nicht mehr. Er war gebannt an die Schwelle von Spätinghof. Einige Tage daraus sprach Jan mit seinem alten Freunde, dem Kantor, darüber. „Armer Falke," sagte der Alte, „ja, du mußt bleiben ; unter diesen Umständen kannst du nicht fort. Aber hab' nur Geduld, deine Stunde schlägt noch einmal. Wenn dann die Ferne dir ivinkt, dann folge." Jan blieb. Jak aber machte sich mit Geschick die Situation zunutze: er ging zu Jochen Kruse, dem Mietsmann, und bestellte sich zum 1. Mai eine Dienstdeern, „die auch was kochen könnte". (Fortsetzung folgt.) höhere Gesetze. Von! Henry D. T h o r e a «.*) i Schluß..- Wer hot nicht bisweilen aus seiner Nahrung jene unaussprechliche Befriedigung gesogen, die mit den« Appetit nichts zu tun hatte? Der Gedanke, das; ich dem groben Geschmacksinn eine geistige Vorstellung verdankte, daß ich durch den Gaumen inspiriert wurde, daß ein paar Beeren, die ich am Hügelhang verzehrte, meinem Genius Nahrung waren, hat mich geradezu erschüttert. „Weil die Seele nicht über sich selbst Herrin ist," sagt Thseng-tsen, „so sieht man, aber man schaut nicht, man lauscht, aber man hört nicht, man ißt, aber man kennt den. Geschmack der Speisen nicht." Wer den wahren Geschmack seiner Nahrung zu erkennen vermag, kann nie ein Schlemmer sein. Wer es nicht vermag, der ist es stets. Ein Puritaner kann seine Schwa rzbrotrinde mit dem gleichen, rohen Appetit verzehren wie der Herr Stadtverordnete seine Schildkrötemuvve. Was zum Munde eingehet, das verunreinigt den Mensch nicht, sondern das sinnliche Verlangen, mit denr cs verzehrt wird. Nicht die Qualität oder die Quantität, sondern das Zugeständnis an die Sinnlichkeit ist verächtlich. Speisen sollen zur Erhaltung unseres animalischen und zur Erweckung unseres intellektuellen! Lebens, und nicht zur Nahrung für die Würmer dienen, die uns dereinst besitzen werden. Während der Jäger ein Verlangen! nach Schildkröten, Bisamratten und anderen wilden Leckerbissen! dieser Art hat, wird die Weltstadtdame Kalbsfußsnlzc oder importierte Sardinen bevorzugen. Zwischen beiden besteht jedoch kein Unterschied: er geht zum Mühlenteich, sie zu ihrer Konservenbüchse. Zn bewundern ist allein, ivie sic, du und ich, dieses schleimige-, viehische Leben führen mögen — essend und trinkend. Unser ganzes Leben ist überraschend moralisch. Nicht eine Minute gibt es Waffenstillstand zwischen Tugend- und Laster. Güte ist die einzige sichere Kapitalsanlagc. Sie bildet in dem Harfenllang, der die Welt umzittcrt, den ewigen (strundton, der uns erschauern macht. Die Harfe- ist der Geschäftsreisende für die Weltallversicherungsgesellschaft, deren Statuten durch sie gepriesen werden, und- unser bescheidenes' Quantum Güte ist der einzige. Beitrag, den wir zahlen. Und mag auch der Jüngling schließlich gleichgültiger werden, die Gesetze des Kosmos werden es nicht, wndern stehen immerdar auf der Seite dessen, der anr tiefsten empfinden kann. Man soll aus jeden,' Zephir den leisesten! 223 — Tadel WreN, den er sicherlich enthält; unglücklich ist derjenige, der ihn nicht Uermmmt. Wir können keine Saite berühren, kein Register ziehen, ohne daß eine bezaubernde Moral unser Innerstes durchdringt. Manch lästiger Lärm wirkt, von ferne gehört, wie Musik —- eine stolze und liebreiche Satire auf die Gemeinheit unseres Lebens. Mir wissen, das; ein Tier in uns wohnt, welches um so mehr sich regt, je tiefer unsere höheren Triebe schlummern; cs kriecht am BvdeN, ist sinnlich und kann vielleicht nie ganz- ausgetrieben werden, gleich den Würmern, die, selbst während wir gesund dahinleben, in unserem Körper Hausen. Vielleicht können wir uns voir ihm zurückziehen, seine Natur aber können wir nicht ändern. Ich fürchte, das; seine Gesundheit bis zu einem gewissen Grade nichts zu wünschen übrig läßt, das; luir also wohl gesund aber nicht rein sein können. Vor kurzem hob ich den Unterkiefer eines Schweines auf. Er Ivar mit weißen, gesunden Zähnen und Hauern besetzt und bewies mir, das; es neben einer geistigen auch eine animalische Gesundheit und Kraft gibt. Dieses Geschöpf verdankt seine Erfolge nicht seiner Mäßigkeit und Reinheit. „Das, worin der Mensch sich vom Tiere unterscheidet," sagt Mencins, „ist etwas ganz Unbedeutendes. Die gemeine Herde verliert es bald genug. Höhere Menschen bewahre» cs sorgsam." Wer weiß, wie unser Dasein Verläufen würde, wenn wir uns zur Reinheit durchgeknmpft hätten. Wenn ich wüßte, das; ein Mann lebte, weife genug, um mich Reinheit lehren zu können — ich würde sogleich ausbrechen, um ihn zu suchen. „Die Beherrschung unserer Leidenschaften und- der äußeren Sinne unseres Körpers und gute Taten werden in den Veden als unerläßlich bezeichnet, um die Seele Gott näher zu bringen." Doch der Geist vermag eil® Zeitlang jedes Glied, jede Funktion des Körpers yu beherrschen und zu überwachen und das, was der Form nach gröbste Sinnlichkeit ist, in Reinheit und- Andacht zu verwandeln. Die Zeugusigskraft, die uns verweichlicht und unrein niacht, wenn wir ausschweifend- find, kräftigt und inspiriert uns, wenn wir keusch leben. Keuschheit ist des Menschen Blüte, und ivas man Genius, Heroismus, Heiligkeit nsw. nennt, sind- nur die verschiedenen- Früchte, die durch sie gezeitigt werden. Der Mensch fließt sofort zu Gott, wenn der Känal der Reinheit offen ist. Bald inspiriert uns unsere Reinheit, bald- drückt uns unsere Unreinheit z-n Boden. Selig ist der Mensch, der tveiß, daß das Tier in ihm von Tag zu Tage mehr abstirbt und- das Göttliche in ihm an Kraft gewinnt. Vielleicht hat sich ein jeder wegen der niedrigen, tierischen Natur, an die er gekettet ist, zu schämen. Ich fürchte, wir sind nur Götter und Halbgötter vom Geschlecht der Faune und «atyrn, bei denen Göttliches sich mit Tierischem! paart, Geschöpfe der niederen Sinnenlust; und darum fürchte ich auch, daß unser Leben bis zu einem gewissen Grade unseren Schandfleck ausmacht. . . „Wie glücklich ist der Mensch, der seinen Tieren Die rechten Plätze angewiesen hat, Und seiner Seele Dickicht lichtete!" „Der Pferd und Ziege, Wolf und jedes andere Tier Verständig zu benutzen iveiß, -nnb- dabei nicht Des schwerbeladenen Esels Rolle für sie alle spielt! Die Menschen find nicht nur die Herde Schweine, Nein auch die Teufel, welche diese Tiere triebe». Das; sie kopfüber den' Hügel abwärts stürzten — Und- noch gemeiner waren als zuvor." . Es gibt Nur eilte Sinnlichkeit, wenn sie auch in vielen Formen nur eilte Reinheit. Es ist einerlei, ob der Mensch lüstern ißt, trinkt, kohabiticrt oder schläft. Wir brauchen rhn nur vci einer dieser Handlungen zu beobachten, um tzn wrssen, wie sinnlich er ist. Der Unreine kann mit Reinheit weder stehen- poch itfjen. Wenn das Reptil an der einen Seite seines Schlupfwinkels angegriffen wird-, so zeigt es sich an einer anderen Seite. Wer keusch sein will, muß mäßig sein. Was ist Keuschheit?^ Wie kann cm Mensch beurteilen, ob er keusch ist? Er wird- es nicht wissen.. Wir haben von dieser Tugend gehört, aber wtc kennen sie nicht. Wir urteilen nach den Gerüchten, die über sie nn Umlauf sind-, Arbeit schafft Weisheit und Reinheit, Müßigkeit dagegen- Dummheit und Sinnlichkeit. Bei einem Denker ist Snmltchkeit gleichbedeutend mit Geistesträgheit. Ein unsauberer .Uccnul)' ist stets auch faul; er sitzt hinter dem Ofen, schläft in den wag Hinein und ruht sich aus, ohne müde zu sein. Wer der unremhett und allen Sünden entfliehen will, der arbeite unver- orosien', und |et es auch beim Stallrcinigen. Die menschliche lirol» ■■ , stvwer zu überwinden, doch sie ums; überwunden werden. I. .rty lUltzt cs, daß ihr euch Christen- nennt, wenn ihr nicht reiner al- die- Heiden seid, wenn ihr euch- so- wenig selbst be- zwingt, wenn ihr nicht mehr Religion besitzt ? Ich kenne viel als heidunch- bezeichnete- Religionen, bereit Gesetze den Leser beschämen und- zu neuem' Ringen erwecken, mag cs sich auch nur durch die Befolgung gewisser Branche dokumentieren. Nur zögernd spreche ich über diese Dinge. Nicht wegen des Gegenstandes — es ist mir einerlei, wie unzüchtig meine Worte sind - sondern weil ich nicht darüber reden kann, ohne meine ^Einheit. zn verratcn Wir besprechen ohne Rückhalt und Schamgefühl eure Formt der «inulichkeit, während wir über eine ÄÄW Wir sind so tief gesunken, das; wir nicht h-erz- 'bsit über die notwendigen Fiinktionen des mensch-Iichen Körpers reden können, ^n früheren Zeiten ivnrde in manchen Ländern ;ede Funktion ehrerbietig besprochen und durch das Gesetz geregelt. Nichts erschien! dem indischen Gesetzgeber zu unbedeutend-, wie ekelhaft es auch immer unseren modernen Geschmack berührt. Er lehrt wie man essen, trinken, kohabitieren, die Exkremente und den Urin1 entleeren soll usw., indem er das' Gemeine adelt und nicht über diese Dinge hinwegsieht, als wären sie Lappalien. Jeder Mensch baut einen Tempel, der sein Körper genannt wird, für Kien Gott, zu dem er betet und nach dem Stil, her ganz- seiner Individualität entspricht. Und mag der Mensch auch Werke aus Marmor schaffen, diesem Tempelbau darf er sich nicht ent» ziehen. Wir alle sind Bildhauer und Maler, und als Materialien dienen uns das eigene Fleisch und Blut und unsere Knochen. Edle Gesinnung verfeinert sofort des Menschen Züge, während jede Gemeinheit oder Sinnlichkeit sie vertiert. _ An einem Septemberabend saß John Farmer nach harter Tagesarbeit vor seiner Tür und seine Gedanken weilten noch immer mehr über minder bei seiner Arbeit. Er hatte sich nach einem Bad hierher gefetzt, um seinen geistigen Menschen zu erfrischen. _ Der Abend war recht kühl, und einige Nachbarn hatten Nachtfrost voraiisgesagt. Er hatte die Kette seiner Gedanken noch nicht lange verfolgt, da hörte er jemand Flöte spielen, und dieser Klang harmonierte mit seiner Stimmung. Noch immer dachte er ort seine Arbeit, doch seine Gedanken waren bedrückt. Er fühlte, das; alle jene Pläne, die er gegen feinen Willen im Geistd entwarf und durchdachte, ihn int Grunde sehr wenig angingen. Sie waren so unbedeutende wie die Schuppen seiner Haut, welche beständig abgestoßen wird. Doch- die Flötentöne, die fein Ohr vernahm, kamen nicht ans der Sphäre, in welcher er arbeitete, und- erweckten gewisse Fähigkeiten, die in ihm schlummerten, zum Leben. Leise nahmen sie die Straße fort, das Dors und auch den Staat, in welchem er lebte. Und eilte Stimme sprach zu ihm: Warum verziehst du hier und führst dieses' niedrige, mühselige Dasein, wo doch ein glorreiches Leben dir winkt? Dieselben Sterne leuchten auch über anderen Feldern als diesen. Wie aber sollte er sich aus diesem Zustand befreien und wirklich dorthin wandern? Doch zu dem Einen war er fest entschlossen, einer neuen strengen Einfachheit sich zu befleißigen, seine Seele- tief in' den Körper zu versenken, damit sie ihn erlöse, und unermüdlich an sich selbst zu arbeiten, damit die Selbstachtung stetig wachse. Aus der Anocheusago. Der berühmte Bone Cabin Quarrtz, jener öde, menschen- vcrlafseiie Landstrich in-, den kahlen Wüsten Wyomings, in dem! die Forschung eine riesige Gräberstätte vorgeschichtlicher Tiere gefunden -hat und in der jetzt nach weiteren Knocheiiresten fossil er! Erdbewohner geschürft wird, verdankt ihre Entdeckung einem eigenartigen Zufall. Eine Anzahl von Gelehrten, die auf der Such« Nach allen Tierskeletten die berüchtigten Bad- Lands Amerikas durchstreifte^, stieß nach tagelanger Wanderung durch die Einöden auf eine kleine Hütte, die einst das Heim eine» Hirten gewesen und 'nun längst verlassen war. Diese menschliche Wohnstätte in so unwirtlicher Gegend, so erzählt D-ay Wen Wilkey in Chambers's Jäurnal, erregte die Neugier der Forscher; ein Teilnehmer der Expedition bemerkte, daß die Hütte nicht direkt aus der Erde errichtet w-av, sondern auf dunkelfarbigen natürlichen Stein- säulen zu ruhen schien. Das Land ist dort sandig und kahk, kaum, daß Man hin und- wieder einige kleine Kieselsteine findet, und daher erregten die Steine das Sitte reffe der Gelehrten. „Ich möchte wissen, wo der Mann die Steine herbe ko irtni-en hat", meinte Walter Grang-cr und -nachlässig stieß eil mit dem Fuße gegen eine dieser „Säulen", die jmit der Zeit sich etwas gelockert Hatten. Ein Rus der Ueberraschnng wurde laut, man beugte ttch näher über den Stein, untersuchte die dunkelsar-bige Substanz und dann kam die überraschende Feststellung: „Dieses kleine „StemWk" ist ein Knochenteil von einer der größten Kreaturen, die der Mensch kennt: es ist ein Fragment von einem Brou- tosaurus." Sofort begann inan an Ort und Stelle weitere Grä- billigen, und nach wenigen Stunden stieß man bereits auf einen! gewaltigen mannsgroßäl Knochen, der ein weiteres Teil von jenem riesigen Boontvsaurusfkclette bildete, das Heute eines dep merkwürdigsten Schaustücke des Rcwyorkev Naturhistorischen Museums bildet. ‘Ser überraschende Fund lenkte naturgemäß mit einem Schlage die Aufuierffanikcit der Naturforscher auf jenen Neck Erde, der bis dahin nur selten von einsame» Gelehrten besucht Wurde. @r erwies sich als eine riesige Totenka m m er vorgeschichtlicher Tiergeschlcchtcr, und in großem Maßstab ist nun mit -der systematischen Durchsuchung der Gegend begonnen worben. Ter Boden wurde in kleine Abschnitte geteilt, die Stück um Stück durchforscht wurden, und nach sechsjähriger Arbeit mit Schaufel und Spaten war ein Gebiet von 7500 Quadratfuß abgesucht. Aber dieses kleine Stück Land ergab schon überraschend reiche Funde; nicht weniger als 73 verschiedene Tierskelette wurden der Forschung gesichert, von denen 44 den Dinosaurierfamilig angchören. Seitdem sind die einst verrufenen „Bad Lands" zu einer wahren Schatzkammer für- die „Knochenjäger" geworden, schon Vorher waren in jener Gegend- einzelne Funde gemacht it-orb-en, Skelette von Elcsantcn, Tiger n und Kanie len, die viel späteren Epochen angehörten, als die zuletzt gefundenen Saurier. Sie haben gelehrt, daß vor Zehntansenden von Jahren riesige Kamele durch das südwestliche Amerika waiidevten, Tiere/ 224 die »naleich größer rvareil als die KaMe, dre je .in der «aharcr oder in «Asien in Karawanen dahinzieheu. ^Mr, dte die gesurch- teten indischen Riesenkatzen Lei.weitem an. Motze «wertttstrn, suchten damals in den südmucrikamschmi. Waldern chre Beute, und es nab auch eine Zeit, >ch die Elesmiten van Asnka Wt die westliche Kalbkugel wanderten und sausend« von wahren in Amerika sich nusiedelten. Wenige Meilen von Aeuuvrk entfernt Kal man die Skelette solcher Riesenelefaiite» gefunden..und auch in dem südlichen Texas machten die Kumdeuiager ähnliche Beute Es ist eine aufopferungsvolle und harte Arbeit, die die Manuels auf sich nehmen, die in jenen unwirtlichen Regionen nach eopuren einer längst dähiugegangenen Tanna forschen. Wenn der gelehrte eine Stätte gesunden hat, die ihm nach ihrer geologiichen Beschaffenheit besondere Chancen zu versprechen scheint, so beginnt zunächst ihre sorgsame Untersuchung, der Erdoberfläche. Alle einzelnen Teile, die durch ihre mattbraune Farve auffallen, werden genau untersucht; denn wenngleich ihr Anschein auch kaum der eines Knochens ist, ergibt die nähere Betrachtung bisweilen doch, dass es sich um die fossilen Ueberreste von Tieren handelt, die durch die Jahrmillionen säst unkenntlich geworden sind. Ergibt die erste Untersuchung des Bodens nichts, so tritt die «chaufel in ihre Rechte. An verschiedenen Stellen werden. Probegrabungen gemacht, und diese langwierige Arbeit kann Wochen, ja Viele Monate währen, ehe den geduldigen Forscher ein Fund belohnt, der neue Hoffnungen erweckt. Oft noch im letzten Augenblick, wenn man entmutigt von monatelaugem fruchtlosen Suchen das Werk aufgeben will, stützt der Spaten klirrend gegen einen Knochen, und der Zufall wirst einem im letzten Augenblick noch enteilt reichen Fund in den Schatz. Ist die Entdeckung gelungen, w beginnt die Sammlung der Knochen. Tas ist oft eine harte Arbeit, denn bisweilen sind die Skelette in Tausende von westen verstreut und einzelne Knochen liegen oft zwanzig, dreißig und mehr Meter von den anderen entfernt. Eine genaue Kenntnis des Knochengerüstes der fossilen Tiere ist tiötig, nm die richtigen Teile zu finden und zusammenzusetzen. Sie werden dann nummeriert und zu der langen Reise sorgsam verpackt. Sind die Knochen gebrechlich oder hohl, so wird ihre. Widerstandskraft durch Em- süllen flüssigen Gipses gestärkt, oft werden die Tausende^von Teilen Stück um Stück mit Seidenpapier oder dünnem -Stoff ümwickelt, um sie möglichst gegen die Einwirkungen der Luft zu schützen. Schlietzlich werben sie dann in Gips gepackt und so in die Kasten gebettet, die erst in den Untersuchungsranmen der- Museen wieder geöffnet werden. Große Knochen müssen oft Mühsam durch besondere Wiudevorrichtungen. aus der Erde , gehoben werden und trotz ihrer Grütze tote die kleinsten Splitter sorglich umhüllt und geschützt werden. Ein einziges ungechMtes Anstößen mit der Schaufel oder mit der Hacke kann da die morschen Ueberreste beschädigen und vernichten und der Forschung nut einer ungeschickten Bewegung unersetzlichen Verlust bereiten. Vermißtes. * sA mtli ch e Erziehung zur Höflichkeit. Als, die amerikanische Flotte im Oktober vorigen Jahres in den Höfen Japans erwartet wurde, lies; der Gouverneur von Kanogawa, einer Stadt an der Bucht von Tokio, folgenden Erlaß den Bewohnern bekannt werden: Müßiggänger sollen sich nicht um die Fremden scharen. Kaufleute dürfen von ihnen nicht übertriebene Preise fordern. Es ist nicht erlaubt, .mit Steinen nach den Hunden zu werfen, die die Ausländer begleiten; die Fremden sind mit Höflichkeit Und Herzlichkeit zu behandeln. Wenn sie in ein Amtszimmer treten, mutz ihnen ein Stuhl angeboten werden; auch ist nicht zu verlangen, daß sie den Hut abnehmen, lieber ihre Kleidung, ihre Religion und ihre Gebräuche dürfen keine spöttischen Bemerkungen gemacht werden, noch weniger dürfen ihnen rohe oder beleidigende Worte zugerufen werden. Ihnen neugierig ins Gesicht zu sehen oder sie unverschämt anzustarreu, ist nicht erlaubt. Niemand darf das Haus eines Ausländers mit schmutzigen Stiefeln betreten. Fremde Missionare hat man ebenso zu respektieren wie die japanischen Priester. Wenn die Ausländer ihre Spiele, treiben oder spazieren gehen, dürfen ihnen nicht Scherben, Knüttel oder Steine in den Weg geworfen werden. In den Eisenbahnwagen oder den Schiffen, in denen Fremde mit euch reisen, ist es verboten, auf den Boden zu spucken, Obstschalen ober Zigarrenreste hiuzuwerfen. ES ist untersagt, nach einer auÄ- ländischen Dame mit dem Finger zu zeigen, sie durch übermütige Redensarten zu belästigen oder gar ohne Grund nach dem Alter zu fragen. Wenn ihr mit einem Ausländer geht, haltet euch einen Schritt von ihm entfernt, und wenn er die Uhr herauszieht, so merkt, das; er noch andere Besorgungen zu machen hat. — Die Japaner, meinen dazu die Grenzboten (Verlag F. W. Gruuow!, Leipzig), gelten int allgemeinen als ein höfliches Volk; es scheint aber doch, daß die Erziehung und amtliche Vorschriften mehr dazu getan haben als natürliche Anlagen. Auch bei uns merkt man ja in jedem Torfe sogleich an dem Benehmen der Jugend, Wie hoch man den Schulzen und den Lehrer einzuschätzeu hat. * dl n mutige Frauen! S tark m u t i g e M ä u n e r! Unter dieser Anrede lesen wir int „T ii r m e r" (Herausgeber Frhr. v. Grotthutz) folgende launige Aussprache: „Es gibt ein Work, wurzelecht und bodenständig, ehrenfest und dickfellig, derb und treu, das- zum Gruß geworden, eine Entartung erlebt hat. Es ist das Wort Mahlzeit. Es gibt Leute, die sich den ganzen Vormittag oder gar noch länger mit diesem Wort begrüßen, als wäre Essen und Trinken Sinn und Zweck ihres Lebens, der Inhalt ihrer Seele, das Ding an sich oder ein tiefer metaphysischer Begriff. Da lobe ich mir den alten akademischen Brauch, guten Morgen zu sagen auch über die Mittagslinie hinaus. Mau wollte damit die Kraft, die Schönheit und den Segen des Morgens auch für die zweite Hälfte des TageS wünschen. Es gibt einen Wunsch französischer Herkunft, der etwas von der Oberflächlichkeit und Leichtigkeit seiner Heimat an sich trägt. Ich meine das Wort: „Amüsieren Sie sich, gutes Amüsement!" Wieviel besser und inhaltvoller der Wunsch: „Viel Freude!" Denn zwischen beiden ist ein weiter ethischer und ästhetischer Abstand. Das Amüsement wählt sich leichte, minderwertige Objekte; rechte Freude wendet sich wahrhaft würdigen Gegenständen, dem Wahren, Schönen, Edlen und Guten zu. Wer sich amüsiert, unterschätzt oder vergleichgültigt dabei die geistigen Werte, während man in der Freude die Erstgeburt des Geistes festzuhalten, zu betonen und anzubauen weiß. Im Amüsement leidet der Wille Schaden, während die. Freude nicht nur nicht eine Aushöhlung des Willens verschuldet, sondern in seiner Vertiefung und Verankerung die rechten Akzente findet und setzt. Das Amüsement zerstreut und zerflattert, wahre Freude sammelt und konzentriert, Das Amüsement wirkt zerflossene, rechte Freude starke Persönlichkeiten. Jenes ist schlietzlich Monotonie, diese Symphonie. Jene wirkt unklare, diese einheitliche und stilvolle Individualitäten. DaS Amüsement veräußerlicht, bindet und belastet. Wahre Freude verinnerlicht, macht frei und leicht. Im Amüsement erfolgt der Anruf der niederen Instinkte, in wahrer Freude die Auslösung der edlen, vornehmen Triebe. Freude fängt Sonnenlichter ins Gemüt ein und weiß sich auS ihnen ein Lichrkleid zu weben; wer sich nur amüsiert, legte Spinnengewebe und Wolkenschatten über seine Stimmung. Rechte Freude schafft Sonntagskinder, wie denn überhaupt in der Freude echte Kindesart kund wird. Man kann sich freuen wie ein Kind. Wie widersinnig dagegen wäre die Rede: Man amüsiert sich tote ein Kind! Darum werden die Klassiker des neuen Testamentes nicht müde, die Umartung in Kindersinn mit dem größten Kinderfreunde, der je unter die Leute ging, zu preisen und zu fordern. Wahre Freude hat olympischen Glanz, himmlische Hoheit und Würde. Ihre ebenbürtige Schwester ist währende Dankbarkeit; das Amüsement dagegen leidet in der Regel unter einem bitteren Bodensatz im Gemüt, wo rechte Freude auf dem Goldgründe sonnenhafter Erfahrung und Erquickung sich aufrichtet und Gott int Himmel Lieder singt. Also fort mit dem Amüsement, aber allen den Wunsch: „Viel Freude!"" ___________ Der fremde Hund. Was fällt da im Boskeltgesträuch Dem fremben Hunde ein ? Geht mau vorbei, io bellt er gleich Und scheint wie toll zu sein. Der Gärtner holt die Flinte her. Es knallt int Augenblick. Der arme Hnnd, getroffen schwer, Wankt ins Gebüsch zurück. Vier kleine Hündchen liegen hier Nackt, blind und nnbewutzt. Sie saugen emsig alle vier _ . , An einer toten Brust. Wilhelm Dusch- Charade. Meine erste Silbe, zwei Zeichen zwar nur, Ist dock äußerst wichtig zu nennen; Sie entscheidet gar oft über Leben und Tod, Kann Menschen vereinen und trennen. Meine zweite verkündet dir einen Gott, Der auf Griechenlands klassischer Erde Einst liebte den Tanz, die Jagd und Musik Und auch noch beschützte die Herde. Mein Ganzes, ein mächtiges Jnselreich, Umbrandet vom tosenden Meere, Hat sich in der Welt einen Namen gemacht Durch siegreiche Schiffe und Heere. Äuskösuug in nächster Nummer. Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Hagen — Ahorn — Gab — Eder — Degen — Drden — Rau -* Nero; Hagedorn. _ Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steiudrnckerei, N. Lange, Gießen.