jdj« W M ÄS « «fÄlti'il Auf Liebespfaden. Roman von H. Ehrhardt. 'Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Tie verführerischen Walzerklänge lockten noch andere Besucher herber, die erst das richtige Karnevalsmilieu schufen. Unheimliche schwarze Gestalten im alles verhüllenden Domino, mit hnschendcrr Bewegungen und raunenden Stimmen, die glitzernden Augen das einzig Lebendige in der düsteren Tvtenfarbe. Tie Gewandtheit, toiit der sie, den Arm um eine schlanke Mädchentaille legend, ihre holde Besitzerin in dem engen Raum zum flüchtigen, wortlosen Tanze führten, verrieten das deutlich genug, was der schöne Leutnant Lena von Rieding, die sich nur widerwillig von den Vermummten umschlingen ließ, beruhigend zuflüsterte: „Es siird alles Offiziere von uns, die Masken tragen, weil sie in ihrem 'Amüsement nicht behindert sein wollen." Fvünlein von Meppen zeigte wieder ihre ewige Jugend, sie ließ sich von dem bartlosen Leutnant im Walzer drehen und kannte keine Ermüdung. Am kühlsten war die Exzellenz trotz der brennenden, dunkel tcknschatteten Augen, sie Hatte wohl glühenderen Rausch gekostet, als daß der künstliche, flüchtige sie erregte. Auch sie tanzte, aber es geschah interesselos, mit der .Höflichkeit der Weltdanre, die nicht Spielverderberin sein will, wo sichs der Mühe nicht lohnt. Bei dem rasch improvisierten Souper später eroberte sich der Schriftsteller mit dem Korpsstudentengesicht und dem Leutnants- ntoiwkel küHn den Platz an Lenas rechter Seite, während auf der andern natürlich der Husar seine Attacke auf die reizende Frau fortsetzte. Hans von Hassingen saß bei der Jugend und fühlte sich recht wohl da, indem die beiden Spaßmacher, der Dresdener Artillerist und der Mainzer Husarenbaron, beide in ihrem heimischen Dialekt so reichlich für Unterhaltung und Amüsement sorgten, daß die jungen Mädchen nur Augen und Ohren für sie hatten unfc keinerlei Ansprüche an ihren schweigsamen dritten Kavalier stelltem Die beiden Mütter legten nach Tisch ein Veto gegen die Fortsetzung des Tanzes ein und drangen auch siegreich durch, da das Tantchen nach der Ruhe des Stillsitzens die Ermüdung der Beirre spürte und ebenfalls nach Hause verlangte, ehe der Gähn-- reiz kam und die schweren Augenlider. Die Mainzer Herren hofften auf Unterstützung von feiten der jungen Frau, sahen sich aber bitter enttäuscht, denn auch Lena von 'Rieding war für die Mckfahrt nach Wiesbaden. Sie wehrte sich auch gegen jede Fortsetzung der Karnevals- freuden, und da sie im übrigen den drei Herren ein Wiedersehen in Wiesbaden, verhieß, tröstete der schöne Moeschen sich in Gep danken an die weniger exklusiven, aber auch nicht zu verachteiiden Amüsements, die ihm der Faschingsdienstag in Mainz unter den vielen kleinen Mädchen verhieß, diej ihn anbeteten und ihn nicht so knapp hielten wie die reizende Frau, die ein wenig kühl drein-« blickte, Mil sein Handftiß ein wenig Zu Miß ausgefallen. In ztoei Wagen fuhr dis Gesellschaft zum Bahnhof, die beidetk Husaren gingen nach kurzem Ueberlegen doch noch in die Stadthalle. Im letzten Moment fiel Fräulein von Meppen die Pou-i larde ein, rind wenn der Neffe auch versicherte, sie würde ihrer! Bestimmung, gebraten und gegessen zu werden, nicht entgeht er mußte doch einmal herausÄettern und sich sein Mittagessen! schwer verdienen, indem er das unglückselige Huhn aus der Sofa--, ecke herausholte, in welcher abwechselnd jemand darauf gesesseii und ihm wahrscheinlich schon einen Vorgeschmack des Bratofens bereitet hatte. Auf dein Bahnhof herrschte ein fürchterliches Gedränge. Trotz eingelegter Züge tobte ein lebensgefährlicher Kantpf um die Coupes. „Es ist unntöglich, daß wir zusammen bleiben können!" sagte die junge Frau, stirnrnnzelnd über das wüste Treiben Hin- ivegfehend. „Es nmß feder auf eigene Faust versuchen, nach Hause zu kommen." „Natürlich, auf dem Bcchnhof in Wiesbaden feiern wir Wiedersehen, bis dahin gehe jeder seinen eigenen Weg!" pflichtete Fräulein von Meppen bei und stürzte sich als Erste mutig ins Gewühl. Hans von Hassingen aber war neben Lena getreten, die rwM unschlüssig am Gitter stand. Sie zeigte kein Erstaunen, daß der blonde Offizier die Absicht hatte, sie nicht zu verlassen, nur ein klein wenig zuckte die rote Lippe, als die Exzellenz sich spöttisch lächelnd noch einmal umwand tc, ehe sie im Gedränge verschwand. „Warten Sie einen Moment auf mich, lieber Freund!" be-, beutete sie dann und war, ehe Hassingen eine Frage tun konnte/ verschwunden. Ter Menschenstrom begann sich etwas zu verteilen, als sie wieder erschien, es war höchste Zeit, wollten sie noch mitkommen. Schon schmetterten die Coupötüren zu, ein Schaffner blickte deM Paar ungeduldig ftagend entgegen. „Erster!" sagte die schlanke Frau kurz. Six hätte zwei Zuschlagkarten genommen und sie hatte ihren Zweck erreicht. Das Abteil, das der «Schaffner, der wohl ein Liebespaar Ivite terte, ihnen öffnete, war leer. „Gott sei Tank!" Lena ließ sich aufatmend in die roten Polster gleiten und, nahm den Hut ab, den sie sehr schick mit den Narzissen garniert hatte, die der unbekannte Verehrer ihr gespendet. Nur eine trug sie zwischen den Knöpfen der schwarzen Tuch- sacke. Nun nahm sie dieselbe, und mit der Unbefangenheit, die etwas so Reizvolles an ihr war, stand sie auf, und neben Hassingenj tretend, befestigte sie die weiße Blüte im Kiwpfloch feines lieber-! ziehers. Tie rosigen Finger Hantierten so graziös unter seinen Angen, die Nähe ihres schmiegsamen Körpers mit dem diskreten Veilchen- duft und dem leisen Rauscheir ihres seidengefütterten Kleides wirkte so schmeichelnd und verführerisch, das ihn ein Angenblicks- rmrsch mit fortriß, et die weichen Hände, nachdem sie ihr Werk Mllendet, erfaßte und sie abwechselnd beide an die Lippen preßte. Sie ließ es geschehens ptzne daß ihr fyarMx Blick erkaltete — 150 aber sie bewahrte die sichere Ruhe der Frau, die es gelernt hat, solcher Huldigung keine große Bedeutung beizumcsftu. t Bei ihm war's auch nur eine Aufwallung gewesen, ine Frenoe, nach der inneren Einsamkeit der letzten Stunden inmitten gleichgültiger Menschen mit einer sympathischen Frau allein zu sein. Sie sprachen ganz offen mit denr heimlichen Vergnügens zweier Kinder, die einer strengen Aufsicht entflohen, über ihre gegenseitige Sympathie und die merkwürdige Fiigung, die jtc in letzter Stunde zu diesem! Karneval vereint hatte. Sie naimten sich wieder Lena und Hans und feierten den. Echlußrefrain ihres Rosenmontags. „Es ist wirklich zu drollig!" plauderte die junge Frau, den Kopf ein wenig kokett in die Erke gedrückt, daß ihr inattr- weißer Teint sich! leuchtend von dem Tunkelrot des Lannnets abhob. „Ich hatte an dem' Sonnabend gar nicht die Absicht ans- zngehen, und zu Blum gehe ich nun erst gar nicht gern -- ich hatte mich gerade mit einem Roman recht bequem in einen Faulenzer gesetzt und blätterte die erste Leite um, da merke ich an denr Ring hier, den ich als eine Art Talisman liebe und immer trage, einen fehlenden Brillanten. Tarin bin ich nun eigen — ich urteile bei Anderen gar nicht so streng, wenn mal irgend etwas an ihrer Toilette nicht ganz tadellos ist, aber an lmir selbst kann ich auch das Fehlen eines winzigen Brillanten nicht eine Stunde länger ertragen. Außerdem bin ich ein Kind des Augenblicks — wenn Sie's noch nicht gemerkt haben, werden »Sie's schon irodji Merken, ich handle int ersten Impuls, leider in allen Dingen, erst später kommt Has' Zaudern, das vorsichtige Erwägen — nun, diesmal trieb mich's sofort zu dem Juwelier auf die Wilhelmstraße, unb ivie ich zurückgehe und gerade denke: Pfui, ist das häßlich naßkalt, nrach, daß du schleunigst wieder in dein behagliches Zimmer kommst, da winkt mir meine Be- kannte — wär's die Schlettau gewesen, ich hätte abgewehrt • - über bei dieser Frau —" „Wer war die Dame eigentlich, Lena?" fiel der blonde Offizier ein. „Ich bin da wirklich ein bißchen neugierig — sie 'paßt mir so gar nicht zu Ihnen •— Sie nehmen mir's doch nicht übel?" „Wer ich. bitte Sie, nichts schätze ich hoher als ein ehrliches Wort, und Sie Huben auch! ganz recht, toir passen nicht zusammen, und die ganze Clique, die vielleicht dicht neben uns in# Coups sitzt und uns beide durchhechelt, für die existiert die Frau nicht, Und ich würde es um der Frau willen nicht wagen, sie in diese Gesellschaft einzuführen ich würde mich maßlos empören, wenn Man sie Wer die Achseln ansähe, aber ich wäre nicht stark genug, den Kampf für sie zu wagen. Sie hat einst dieser Gesellschaft angehört, zu der Zeit, als ich sie kennen lernte — da war ihr Mann Oberstabsarzt bei einem' Potsdamer Garderegiment — ein brutaler Kerl, der sie alle Augenblicke mit dem Revolver bedrohte — eines Tages flüchtete sie zu ihren Eltern und ließ sich von ihm scheiden, war dumm genug, ihm einen Teil ihres Geldes zu lassen — sie war immer fchpn eine sensitive, etwas haltlose Natur — damals waren ihre Eltern noch reich, dann machte ihr Vater Bankerott und starb, ihrer Mutter und Schwester blieb nur das Notwendigste zum Leben, sie selbst suchte sich mit dem Rest ihres Vermögens hier in Wiesbaden eine Existenz. zu gründen, indem sie Zimmer vermietete. Ich traf sie gleich in den ersten Tagen meines Hierseins, nnb weil ich mich immer Ungezogen fühle zu den Stiefkindern unter uns Frauen, besuche ich sie öfter und gewähre ihr die Wohltat sich auszusprechen. Sie Ist ein dedauernswertes Geschöpf -- seit vier Jahren verzweifelt bemüht, durch eine Heirat sich und ihrem! Töchterchen ein Glück und eine gesellschaftliche Position zu erringen. Ihr Unglück ist's, daß sie ihre Ansprüche zu hoch schraubt — irgend einen ehrens werten Kaufmann, auch ivohl einen Arzt oder Beamten hätte sie Wohl schon bekommen können, aber sie ist verwohnt, sie war in Potsdam sehr gefeiert und von Offizieren der feudalsten Regimenter umschwärmt — diese Bekanntschaften kultiviert sie noch heut, aber statt eines Mannes findet sie da leider immer nur eineu Geliebten •— das ist ja auch, so klar, daß Unbeteiligte! gar nicht begreifen können, wie sie doch bei jeder neuen Eroberung erneut hoffen kann, sie würde geheiratet werden, llnd warum ist sie schließlich so weit gekommen, daß sie sich svritvirst in ihrem Bestreben den Mann an sich zu fesseln, in ihrer Sehnsucht sich anzuschmiegen? Weil sie fein Geld. hat. Geld ist eben eine Macht, die so viele Brücken schlägt, so viele Unebenheiten glättet .— Armut ist demoralisierend, Armut ist schrecklich." Sie schüttelte sich vor Entsetzen. Sie mochte wohl an die Kinderjahre in dem verfallenden Schlosse denken, in denen das gräfliche Blut in ihr sich, auf Vergeltung sinnend-, gegen die Almosen der Verwandten aufgebäumt hatte. Tann schloß sie befriedigt die Augen und streckte den weichen Körper, den jetzt hie feinsten, spitzenbesetzten .BatiWemhen und weiche, knisternde Seide kosend umhüllten, während sie sich früher die zarte Haut an grober Wüsche wund gerieben Hatte. Der Mann blickte sie an, zuerst ein wenig finster, bmutj leise lächelnd, die Weltdame lö-ar doch ein großes Kind- und! eins, zum Verwöhnen und Liebhaben geschaffen rvar — es war ihm unmöglich-, bitter zu denken: „Warum hat sie das Geld und nicht Helene?" Er konnte sich fein kleines Mädchen Überhaupt nicht vorstellen in solcher Eleganz, zu dem' weichen, sanften Gesichtchen paßte nur das schlichte Mädchenkleid. undj der Heckeiirosenkranz einer süßen Sommerliebe, der entblättert zur Märtyrerkrone wird. Er nahm absichtlich das Thema der Armut nicht auf, sondern sagte nach einer Weile, in der nur die Räder eintönig rolltest und die Lokomotive keuchend atmete: „Wenn Sie ein so warmes Interesse für diese Frau haben, Sena, dann warnen Sie sie vor Meisenberg, bei dem geriete, sie an einen der gewissenlosesten, an bett Mann mit den heißen! Sinnen und dem kalten Herzen — die werden leider den Frauest immer am gefährlichsten —" Täuschte ihn das flackernde Licht der Gasflamme hinter der trüben Glaskuppel oder war sie wirklich zusammengezuckt? Ihre Lider hoben sich. Was für merkwürdige Augen sie doch, hätte! Im Moment schienen sie schwarz, unergründlich, starr, die Goldlichter erloschen. „Ja, es -ist wahr!" Es kam nicht ganz klar heraus, als! presse ihr eine häßliche Empfindung die Kehle zusammen. „An solche Männer wird viel verschwendet an kleinen und großen! Gefühlen - aber nicht alle Frauen fallen immer wieder in bie gleich gestellten Schlingen." Sie biß die Lippen zusammen, daß er meinte, unter beit weißen Zähnen müßten Blutstropsen hervorquellen. Sie rang wohl mit einem Entschluß, aber ein gellender Pfiff verhinderte, daß er zur Tat wurde. Vor den beschlagenen Fenstern huschten Lichter vorüber, unter den Rädern klang das rasselnde Geräusch im Fluge genommener Weichen, ein Schüttern ging durch die lange, eiserne Schlange, die in weitem Bogen in die kleine, verräucherte Halle des Wiesbadener Bahnhofs hineinglitt. Hastig steckte die junge Frau den Narzissenhut aus das- wirre Haar. „Steigen wir rasch aus, lieber Hassingen, tch möchte nicht für protzenhast gelten — eS war auch wieder ein impulsives Entschluß in dem Ekel vor dem Zusammenpferchen mit trunkenen und taktlosen Menschen — bereuen tue ich ihn nicht — aber meiner Freundin gönn' ich's nicht, mich spöttisch deswegest bekritteln zu dürfen." Er folgte ihrer leichtfüßig herausspringenden Gestalt, so geschwind sein Knie es zuließ Sie Mußten am Ausgange eine Weile warten, ehe die übrige Gesellschaft erschien, das Tantchen, die beiden Mütter, die eine! blaß, abgespannt, die andere mit nervösem- unlieben^ würdigem Gefichtsausdruck, die jungen Mädchen mit dem kleinen! Attilleristen, der so unschuldig dreinsah, als könne er kein Wässerchen trüben, der aber bei Exzellenz völlig in Ungnade gefallen war, denn trotz der sichtlich schmollenden Tochter oder vielleicht gerade deshalb lehnte sie das Angebot seiner Begleitnng schroff ab und stieg nach kühlem Abschied von Hassingen und der nust absichtlich liebenswürdigen jungen. Witwe mit Fräulein von Meppen und Erbhagcns in eine Droschke, die sie ihren nahe aneinander; gelegenen Wohnungen zuführte. (Fortsetzung folgt.) Aus den Berliner Märzlagen. Auszeichnungen des Grasen Eduard, v. Waldersee. Unter diesem Titel erscheint in diesen Tagen, herausgegeben von H-. v. Caemmerer, im Berlage von E. S. Mittler und S-ohn in Berlin, die Schilderung jener erregten Zeiten aus der Feder eines Mannes, der sie als Augenzeuge in nächster Umgebung des Königs miterlebt hat; seine Auszeichnungen bestätigen nicht nur in manchen Punkten Ergebnisse, die erst die neuere Forschung gewonnen hat, sondern sie bringen auch manches Neue und können besonders über den Verlaus der eigentlichen S-traßenkämpfe als wich- tige Quelle dienen. Der Verfasser, Graf Eduard v. Walder- see, ein Oheim des Feldmarschalls, war im Jahre 1848 Oberst und Adjutant beim Gouverneur von Berlin; er hat seine Lebenserinnerungen sür seine Kinder ausgezeichnet und in Form eines Tagebuchs fortgesetzt. Die wichtigsten 151 Ereignisse, die Märztage von 1848, hat er später auf Grund der knappen Tagebuchnotizen eingehender dargestellt, wobei er jedoch die Form des Tagebuchs beibehielt. In seinem Urteil vertritt er natürlich den Standpunkt des Militärs, Und er teilt auch, die damals am Hofe und in der Armee allgemeine Meinung, die heute nicht mehr widerlegt zu werden braucht, daß die Revolution das Werk ausländischer Emissäre und alles von langer Hand zum Kampfe vorbereitet gewesen sei. Die Auszeichnungen setzen ein am 27. Februar, an welchem Tage die erste Nachricht von dem Pariser Aufstand nach Berlin gelangte; sie schildern die wachsende Erregung in Berlin und besonders die militärischen Beratungen. Am 13. März wird der erste bewaffnete Zusammenstoß erwähnt: „Unter den Linden mußten die Ulanen, welche mit Steinen geworfen wurden, von der Waffe Gebrauch machen; ebenso auf dem Schloßplatz, wo die daselbst ausgestellte Kavallerie durch Schimpfen und Steinwürfe insultiert wurde. Der General v. Tümpling gab ein Zeichen, die Dragoner machten rechtsum kehrt und hieben ein, wobei manche Unschuldige unter der Stechbahn mit verwundet wurden, so namentlich Leutnant v. Kunitz, Adjutant von der Garde-Landwehr. Das Geschrei der Bedrängten und das Klatschen der Säbel machte einen ganz eigentümlichen Lärm. Der Schloßplatz wurde so bald gereinigt. . ." Die Ereignisse drängen nun schnell zur Entscheidung, immer häufiger kommt es zu Zusammenstößen, bei denen die Menge das Pflaster ausreißt und mit Steinen wirft. Jü- teressant ist dabei eine Notiz unter dem 17. März: „Man hatte am Morgen einen großen Blutfleck vor dem Palais des Prinzen von Preuße n gesunden, als wenn er von den Verwundungen des vorigen Tages herrührte. Ter Prinz machte mir auf dem Schlosse selbst Mitteilung davon und war empört, auf welche Art man ihn zu verdächtigen suchte." Der Morgen des 18. März. „Den 18. März," so fahren die Aufzeichnungen fort, „war der Morgen eines verhängnisvollen Tages angebrochen, tote ihn die Hauptstadt Preußens noch nicht erlebt hatte, und welcher die Monarchie und besonders das Haus Hohenzollern schwer erschüttern sollte. Und gerade an diesem Morgen schien sich alles wieder in ruhiger und gesetzlicher Weise zu gestalten: man sah nur vom Schlosse aus auf dem Schloßplatz einzelne Trupps und zuweilen einen Mann auftreten, der etwas vorlas, um welchen sich dann ein dichter Saufen bildete. Auf dem Schlosse aber erschien nach 10 Uhr eine Deputation von 12 Mitgliedern des Gemeinderats von Cöln. Ich sah den König, zuvor er in den Sternensaal eintrat zum Empfange dieser Deputation. Seine Majestät seufzte tief auf, faßte sich dann aber schnell und machte eine Bewegung, die deutlich ausdrückte: „Nun in Gottes Namen!" Herr v. Wittgenstein an der Spitze der Deputation schilderte nun den Zustand der Rheinprovinz und drang in den König, feste und sofortige Zusicherungen zu geben, weil sonst für die Rheinproviuz alles zu befürchten sei. lieber letzten Punkt wurde der König sehr ungehalten und verbat sich solche Aeußerungen. Sonst antwortete er einlenkend." Gegen 1/21 Uhr erschien eine Deputation des Magistrats und der Stadtverordneten auf dein Schlosse. „Ich war gegenwärtig^ schreibt Graf Waldersee, „als infolgedessen der Minister v. Bodelschwingh dieser Deputation, nachdem sie vom Könige entlassen war, den Entwurf dieses Patents vorlas. Die Deputierten waren hocherfreut, daß ihnen der König mehr gewährt, als sie gebeten, und beeilten sich, die Kunde dieser Konzession zur Kenntnis der Stadt zu bringen. Der Prinz von Preußen nahm mich beim Arm und sagte: „So weit sind wir nun gekcnmnen, aber wie weit wir noch kommen werden, wissen wir freilich nicht." Die ersten Schüsse. Aus die Erzählung der Szene vor dem Schlosse, die im Anschluß an die Spenersche Zeitung gegeben tvird, folgt die Schilderung, wie die ersten Schüsse fielen: „Der König fordert Herrn v. Minutoli (den Polizeipräsidenten) auf, auf den Balkon hinauszutreten und den draußen Versammelten mitzuteilen, daß der König nun Ruhe wünsche; die Königin sei unwohl. Gegen diesen Befehl deprezierte aber der Polizeipräsident und äußerte, er sähe sich kompromittiert, wenn man dieser Aufforderung nicht nachkäme. Der Ruf „Militär zurück", wozu sich auch der „Minister abtreten" gesellte, wurde immer dringender, so daß man sich entschließen mußte, in Bereitschaft gehaltene Truppen kommen zu lassen, um den Schloßplatz zu säubern. Es sollte dies aber mit Vermeidung des Gebrauchs der Waffen geschehen; es rückte daher von der Stechbahn aus eine Eskadron Dragoner en ligne im Schritt, ohne das Gewehr aufzunehmen, auf dem Platze vor, gleichzeitig eine Abteilung Infanterie in einer debandierten Linie aufgelöst, die zurückweichenden Menschen dicht vor sich treibend. Ich sah und hörte vom Schlosse ans die beiden ost erwähnten Schüsse bei der Infanterie fallen (ohne daß jemand verwundet wurde), welche aber den unglücklichen Vorwand zu dem längst organisierten Widerstand des Tages gaben. Alles stob nun auseinander und lief unter dem Ruf: „Wir sind verraten! Man mordet die Bürger!" nach allen Rich- tungen." (Schluß folgt-) Musterschutz in früheren Zetten. Als im Fahre 1665 Colbert in Frankreich eine Reihe von Fabriken und industrieller Unternehmungen ins Leben, rief, tauchte auch der Plan auf, die Spiegelglasindustriei nach Frankreich zu verpflanzen. Seit drei Jahrhunderten besaß die Republik Venedig eine Art Monopol für die Herstellung kunstvoll gefertigten Spiegelglases, und die Republik wachte ängstlich darüber, daß dieses Monopol nicht gebrochen werde. Die Arbeiter wurden mit schweren Strafen bedroht, falls sie das vaterländische Gebiet verlassen und dem Ausland das Geheimnis des venezianischen Glases verraten würden. Den entflohenen Arbeiter, den man im Auslande wiederfand, erwartete ein schlimmes Schicksal: er tourde entführt und ins Meer geworfen; gelang die Verhaftung nicht, so warf man die Familie ins Gefängnis und fruchtete all das nicht, so kündigte man ihm an, daß er durch einen Bevollmächtigten der Republik im Auslande ermordet werden wird. Trotzdem gelang es nach einer Folge diplomatischer Winkelzüge Colbert doch, 10 Mura- neser Glasarbeiter für seinen Plan zu gewinnen. Aber diese Uebersiedelung der 10 Muranesen nach Paris, so berichtet Elphöge Frsnch im Correspondant, brachte eine Fülle von Komplikationen und Jütrignen. Als die Flüchtlinge in Paris eintrafen, hatte Colbert bereits die Gesellschaft gegründet, die die venezianischen Glasarbeiter anstellte und mit Freundlichkeiten überhäufte. Man gab ihnen schöne Wohnungen und wahre Fürsten gehälter und man bot ihnen Garantien gegen die Konkurrenz der französischen Glasindustrie. Inzwischen arbeitete der venezianische Gesandte Sagredo mit tausend Kniffen, um die Deserteure zur Rückkehr nach Venedig zu bewegen. Doch umsonst, seine Bemühungen scheiterten, und über diesen Fehlschlag empört rief ihn seine Regierung ab. Sein Nachfolger Giustiniani ging raffinierter zu Werke; er verschaffte sich einen gewissen Einfluß auf die ausgewanderten Mstranesen, indem er ihnen das schlimme Schicksal ihrer Angehörigen in Venedig vor Augen führte, und bediente sich dann der etwas fügsamer Gewordenen, um von Colbert die Aushebung der Zölle auf venezianisches Spiegelglas zu erlangen. Zugleich verweigerten nun die Muranesen die Annahme von Lehrlingen. Giustiniani ging dann noch weiter und versucht« seine Leute durch gesälschte Briefe, in denen die zurück- gelassenen Frauen ihr Unglück und ihre Leiden schilderten, Mr Rückkehr zu bewegen. Aber die Arbeiter waren mißtrauisch, sie fanden, daß die gefälschten Briefe doch zu gewandt und gut geschrieben waren, um echt zu fein, und! blieben einstweilen in Paris. Uebrigens nahmen die Muro- 152 nesen ihr Strohwiiwerium nicht allM tragisch. Die schönen Pariserinnen, die sich für die venezianischen Glasarbeiten begeisterten, eilten in Hellen Scharen in die Werkstätten, um die Muranesen bei der Arbeit zu sehen, und diese liebens- tvürdigeii Atelierbesuche, so berichtet auch der Gesandte ausführlich ait seine Regierung, übten auf die Arbeiter eilte sehr starke Anziehungskraft aus. Selbst Colbert fand, daß die Gastfreiheit der Muranesen ein wenig zu weit gehe: die mit so schweren Opfern gefesselten Arbeiter plauderten lieber mit den schönen Pariserinnen als sich mit der Herstellung von Spiegelglas anzustrengen. Man verbot den galanten Frauen schließlich den Besuch der Werkstätten, und die Fürsorge Colberts für seine Glasarbeiter ging so weit, daß er beschloß, alles zu tun, um dem so gefährlichen Zölibat der Muranesen ein Ende zu bereiten. Nun wählte auch er die Praktiken GmstinianiZ; durch gefälschte rührende Briefe bewegte er die zurückgelassenen Frauen, ihren Gatten nach Frankreich nachzukoininen. Die Müranesinnen rochen zwar den Braten, aber die Aussicht aus ein bequemes Leben lockte doch und sie reisten ab. Venedig schien nun endgültig besiegt. Aber nun griff der venezianische Gesandte zu drastischeren Mitteln. Wenige Wochen später wurden zwei der Arbeiter bei Streitigkeiten auf der Straße verwundet, zwei andere starben plötzlich an einem geheimnisvollen liebel. Wohl nicht mit Unrecht wurden die Ueberlebenden mißtrauisch. Nachdem der Gesandte ihnen eine reiche Dotierung und völlige Straflosigkeit zugesichert hatte, verlangten die Glasarbeiter von der Gesellschaft eine so riesige Gehaltserhöhung, daß die Annahme von vornherein aussichtslos war. Aber drei Jahre lang hatte man Gelegenheit gehabt, die Arbeitsweise der Muranesen zu beobachten, und so entließ man denn schließlich die so heiß Umworbenen in ihr Vaterland. Jene Gesellschaft aber, die damals die Muranesen engagiert hatte, besteht noch heute und hat die damals gewonnenen Geheimnisse längst entwickelt und ausgebaut. Vermachter. * Wie der Zufall spielt. Dr. M. A. Stein, dessen geographische und archäologische Forschungen in Zentralasien in den vergangenen Jahren auch an dieser Stelle mehr- ach rühmend erwähnt wurden, hat am nächsten Montag einen Vortrags- und Ehrenabeud vor der Royal Geogra- chical Society zu London. Dr. Stein ist das Haupt der randesaufnahmeabteilung in beit Nordwestprovinzeii Indiens. Er ist der Sohn jüdischer Eltern, und seine Wiege hat in Ungarn gestanden. Mit Dr. Sven Hedin teilt er die Vhre, die Hauptbeiträge des letzten Jahres zu den neuen Ergebnissen geographischer Forschung geliefert W haben. Die Felder ihrer Tätigkeit lagen, wenn auch vielfach sehr weit auseinander, so doch zuweilen wieder nahe zusammen, Und daß sich dabei mitunter ihre Kreise schnitten, ist nicht Überraschend. Ein bemerkenswertes Beispiel davon wird in einem Londoner Klub erzählt, dem zahlreiche Mitglieder der verschiedenen gelehrten Gesellschaften angehören, und der von ihnen den Namen trägt. In dieser Gesellschaft, die fremden Besuchern gastfreundliche Aufnahme zu gewahren pflegt, trafen sich die beiden Forschungsreisenden Sven Hedin und Stein jüngst am gastlichen Tische, rechts und links vom Präsidenten, und während die Unterhaltung ihren Gang nahm, zog Dr. Stein eine Maßschnur in kleiner Aluminium-Federkapsel aus der Westentasche hervor, hob sie zwischen Daumen und Zeigefinger empor, daß die Nachbarn sie sahen, und bemerkte: „Diese Maßschnur habe ich im Jahre 1906 in Ost-Tibet am Fuße einer alten Ruine gefunden. Ich trage sie seitdem stets bei mir und brauche sie jeden Tag und immerfort." Dr. Sven Hedin nahm die kleine Trommelkapsel in die Hand, betrachtete sie einen Augenblick aufmerksam und erklärte: Das ist eine Maßschnur, die ich vor acht Jahren in Tibet, wahrscheinlich! da und da, so ungefähr so und soviel Meilen von dem und dem großen See verloren habe. Gäste und Wirte waren überrascht und angenehm angeregt durch das merkwürdige Zusammentreffen, daß im weiten, wüsten, unerforschten Lande nach fünfjährigem Zwischenraum ein Forschungsreisender in die Fußstapfen des andern trat und einen so winzigen Gegenstand auflas, der dem andern entfallen war, und daß Finder Und Verlierer nach 'weiteren drei Jahren einander in St. James Street in London bei festlichem Klubmahl begegnen und die Gelegenheit bestätigen konnten, wo im fernen Asien ihre Kreise sich geschnitten hatten. Die Adaß« schnür aber, das kleine Baud des Zusammenhangs, ist seitdem dem Museum der Royal Geographica! Society einverleibt worden, wo sie mit unzähligen andern merkwürdigen Er.« innerungsstücken vereinigt ist. D junge Mädchenherrlichkeit. Untere alten Studentcnlieder erweisen sich immer mehr als unzureichend. Sie sehen nämlich die holde Weiblichkeit noch am anderen Wer. Nun aber hat sie sich bereits mitten unter die Musensöhne gestellt und will nicht nur mitzustudieren, sondern auch mitzusingen da sein. Ihr „Gaudeamus igitor, „virgines“ dum suinus" baden sie schon, und an einem Festabend des „Vereins studierender Frauen" in Berlin wurde den weiblichen Kommilitonen eine Umdrehung der „alten Burschenherrlichkett" dargebrachk, die ihnen hoffentlich Spasi gemacht hat. Trotzdem düriten die lustigen Strophen kaum berufen sein, fortan in den Gemütern graduierter Studentinnen dieselbe wehmütige Begeisterung zu erwecken wie die wundersame „alte Burschenherrlichkett". Nach dem Türmer (Greiner & Pfeiffer, Stuttgart) hat der neue Kantus nach- solgenden Text: O junge Mädchenherrlichkeit, Welch' neue Schwulitäten, Bezieht ihr alle weit unb breit Die Universitäten. Vergebens spähe ich umher, Ich finde keine Hausfrau mehr. 0 je nun, jerum, jerum, 0 quae mutatio rernm. Die Rähmaschin' bedeckt der Staub, Es sank der Herd in Trümmer, Der Kessel ward des RosteS Raub, Verblichen ist der Schimmer. Die Wäsche gibt man aus dem Hans Und beizt mit Chlor die Flecke aus. 0 jerum usm. Wo sind sie, die beim Kaffeekranz Nicht wankten und nicht rückten, Die ohn' Latein bei Scherz und Tanz Die Herrn der Erd' entzückten? Jetzt kommen sie uns ins Geheg' Und ivandern früh in das Kolleg. 0 jerum usw. Da forscht mit glüh'ndem Angesicht Die ein' in Quellenjchristen, Die andre Frauenrecht verficht, Und die hantiert mit (Sitten. Sie alle hat der Wissensdrang Hinausgelockt ans altem Zwang, 0 jerum usw. Hier beugt ein dunkler Lockenkopf Sich übers Corpus juris, Die mit dem blonden Mozartzopt Forscht, was denn wohl die Ruhr ist. Wer schilt die säum'ge Köchin aus? Und wer flickt meinen alten Flaus? 0 jerum usw. Ihr Jung traun, diesen lust'gen Scherz Dürst ihr für Ernst nicht halten. Ihr wißt, eiu echtes Burschenherz Kann nie für euch erkalte». Tragt Knchenschürz', tragt Doktorhut, Wir wissen, beides steht euch gut und bleiben euch die alten. 0 jerum usw. Ergänzungsrätsel. D.. SB..ft.n. .s. an M..s..e. at H..8, .i ..r F.n..n .m ..ein; E. sch.ä.t ..ch. v.. ..ch s..b.t h.r..S, .r w..l h.r..s.sch.ag.. . e.nl Auflösung in nächster Nummer: Auflösung des Kreuzrätsels in voriger NnmmSM A 8 H 1 c a ahn Alabastef Schaf köpf Hanak atze tot e p z r f e Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Gießen.