1909 09 3 f Auf Liebespfaden. Rvmatr ton H. Ehrhardt. 'Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) V. _ Bleiern und dLfteschiver schleppte die Reihe der ungewöhnlich Heiden und trockenen. Sommertags sich in der kleinen Harzstadt dahin. Bei der tropische» Temperatur war der militärische Dienst doppelt anstrengend, und Exerzierplatz und Kasernenhof hörten gar manchen derben Fluch, manch verzweifelten Notschrei, sahen gar Manchen Schweisstropfen über braunrote Gesichter fliesten. Von allen Milibärpersonen freuten sich nur Leutnant ton Kasstngen und Leutnant Espach des wolkenlos blauen Svmmer- HimmelS. Sie wanderten nach des Tages Last und Hitze fast jeden Abend ihren heimlichen Liebespfad. Hassingen genoß freudig und skrupellos das Zusammensein Mit seiner kleinen .Helene, Wie auf Verabredung sprachen sie nie mehr ton der Aussichtslosigkeit ihrer Liebe. Noch immer siegte bei Has singen die Stimme der Vernunft, die ihn mahnend auf den Weg wies, bat' er sich von Jugend ait torgezeichnet hatte, ilnd wenn er Mich oft, die zarte junge Mädchengestalt an seiner Brust fühlend, für Momente glaubte, sich nie mehr ton ihr trennen Zn können, so hütete er sich doch, diese Gefühle laut zu äußern. Er war überhaupt nicht wortreich in seiner Liebe und auch »licht überschwänglich in seiner Zärtlichkeit. "Ich denke manchmal, er liebt ntich gar nicht mehr," sagte Helene eines Tages zit ihrer Freundin Lisbeth, die noch immer hrit Leutnant Espach ihre nächtlichen Spaziergänge machte, als ioandele sie mit ihnr int hellen Sonnenschein unter dem grünen Buchenlaub, obgleich sie beide wußten, daß sie sich liebte», nur instinktiv wohl das Gefühl hatten, es sei für sie gut, sich recht genau feinten zu lernen. Das blonde Mädchen mit ihrem stets wachen und aufmeik« famen Blick verstand ruhig und sicher auf ihr Ziel zuzusteuern. „Du bist viel zu verliebt in ihn, kleine Helene," sagte sie in der gönnerhaften Art, die sie oft gegen die Jüngere aunahnr, ünd blickte dabei in den Spiegel zwischen den beiden Fenstern, iwr, dem sie saß, um eine moderne Frisur zu probieren, die sie in der neuesten „Woche" an einer englischen Schauspielerin ge- fehtm hatte, „ich hab dies schon' oft genug torgehalten, du hättest Wn nicht sofort um dm Hals fallen dürfen — man must die Männer nicht so verwöhnen." Es war in dem schmucklos, aber gut möblierten Zimmer, das die beiden Freundinnen bewohnten, nach dem Mittagbrot, zu Kiner Zeit, da alle der Ruhe pflegen durften. Eine drückende Hitze Herrschte, es roch nach verbranntem Haar und einem Parfüm, das Lisbeth trotz des Verbots ton Fräulein Möller doch immer lvieder benutzte. Helene hockte im ineißett Unterrock und geöffneter Bluse auf dem Rande ihres Bettes, das dem Lisbeths gegenüber stand, nit8 ihre schräg stehenden träumerischen Kinderangen hingen an den? Gesicht der Freundin im Spiegel. „Wie du wieder sprichst, Lisbeth. Als ob du seit zehn Jährest den Männerfang betreiben möchtest. Und dabei hast du noch nicht einen einzigen gekriegt!" setzte sie mit ganz unbewußter! Bosheit hinzu. Lisbeth antwortete nicht gleich, sie war gerade damit beschäftigt, die eine Hälfte ihres mit der Brennschere gewellten Haares in eilten! lockeren Bausch über Stirn und Schläfen zu legen. Erst als ihr dies nach Wunsch gelnngeit war, sagte sie, sich im Stuhl zurücklehnend und sich aufmerksam im Spiegel musternd: „Daß ich Espach bekomme, ivenn ich ernstlich will, darauf kannst du Gift nehmen, aber nur deshalb werd ichs erreichen, weil ich mich kühl zurückgehalten habe — ich habe ihn wohl eben so lieb als du deinen Hans, aber ich will geheiratet sein." Sie drückte energisch ihren Kopf in den Nacken und schob ihr kräftiges Kinn dabei etwas vor, wobei sie selbstbewußt lachte und ihre festen, großen, weißen Zähne zeigte. „Heiraten tut Hans mich ja doch nicht!" murmelte Helene, den Blick senkend, weil ihre Augen sich mit Tränen füllten, die sie tapfer niederzukämpfen suchte, „er sagt, es ginge nicht des Geldes wegen, und ich sehr ja auch ein — aber manchmal denke ich doch, wenn er mich so liebte wie ich ihn, würde er doch eist Mittel ersinnen, mich heiraten zu können, es kommt doch oft tot, daß Männer Rang und Stellung hinwerfen für eine Fran —< mit ihr entfliehen —" „Wenn er ober sie viel Geld hat," fiel die praktische Lisbeth ein, „dann geht alles, aber soll dein HanS vielleicht Kellner in Amerika tverden?" Sie trug gleich krasse Farben auf. „Daß er dazu keine Lust verspüren! würde um den Preis, dich entführest zu können, ist ihm doch nicht zu verdenken — und was sollte e# sonst werden? Vielleicht Buchhalter in Eurer Fabrik?" „Hör auf!" Helene schrie es fast auf und griff sich mit den Händen ftst die Ohre», als wolle sie sich taub machen. Sie dachte au die .schmutzige, verräucherte Nägelfabrik in Barmen, an die kahlen Kondorstichetk, deren Fenster auf den Hof hinausgiugen — sie. sah die blassen Gesichter hinter den trüben Scheiben, sah ihres Vaters gebeugte, nachlässig gekleidete Gest-alt und die ewig abgehetzte Mutter, die nicht fähig war, Ordnung und Sauberkeit ist dem großen Haushalt und unter der zahlreichen Kinderschar zu erhalten, und sie sah daneben den Geliebten, den vor nehmet eleganten Offizier, an dem immer alles so tadellos sauber, so. bis inS Kleinste hinein korrekt und sorgfältig gepflegt aussah, gleichviel, ob er in Uniform säbel rasselnd durch die Straßen schritt oder im schlichten Zivilanzug am Gartenzauu auf sie wartete.. Sie empfand einen ungeheuren Schmerz 6ei der Vorstellung, er könne ihretwegen sein glänzendes LeutnautSlebeu gegen das eines air Kontor und Fabrikhof gebannten Kaufmanns eintauscheu, „ES ist unmöglich!" Ein- Schütteln ging durch ihre junge Gestalt. „Nun, wenigstens versuchen wRrde ichS mal, seine KMM« 8« zU steigen»," schlug Lisbeth mitleidig, aber gelasscp vor, „mal vergeblich warten lasse» Helene antwortete nicht, sie saß ,etzt ganz stul und sah zu, $yie Lisbeth ihre Frisur vollendete. Mitte Juli fiel dies Jahr die dreiwöchentliche Nebnng des Regiments 187 auf dein Schießplatz. Es war am Abend vor dem Abmarsch. Im Kasino laßen die unverheirateten Offiziere bei einer Pfirsichbowle. Die Fenster der hohen, einfach und gediegen ausgestatteten Räume waren weit geöffnet, um der kühlenden Abendlust Einlaß zu gestatten, da «in Kasinvgarten leider fehlte, was in der heißen Jahreszeit steten Anlaß zu Klagen gab. „In Altengrabvw haben Sie Luft genug," tröstete der,Ba- millousadjuiaut, ein spindeldürrer, sehniger Mensch mit einem regelmäßig geschnittenen, auffallend blassen Gesicht, einen dicken Oberleutnant, der soeben pustend und stöhnend den engen Kragen Unter dem feisten Kinn geöffnet hatte nnd wie ein Fisch, den Min ans Land geworfen, nach Lust schnappte, halblaute Vertuschungen über den fehleichen Kasnwgarten ausstoßcnd. „Sprecht wenigstens heut noch nicht Von Altengrabvw!" mischte der freche Leutnant Bercken, ein Kvrpskamerad Hassingens, sich «in und zog ein wehleidiges Gesicht. „Mir wird Übel, tvenn ich das Wort bloß höre — drei Wochen Schießplatz in der heißesten Zeit des Jahres — es ist mehr, als ein armer Leutnant ertragen kann." „Das meinst du doch «vohl nicht im Ernst, Kurtchen!" Ts war HanS Hassingen, der sprach. „Denk an unsere Kameraden, die „drüben" alle Qualen der Hölle durchwachen, um der schwarzen Bestien Herr zu werden, und von denen so viele schort unter der Mut der Tropensonne das tödliche Blei empfingen. Während wir hier bei eisgekühlter Borvle sitzen, schmachten sie hort nach zinem einzigen Trum? sauberen Wassers —" „C'est la guerre!" meinte der kleine Bercken ohne sonderliche Rührung. „Da weiß man doch, wofür man alle Strapazen Erleidet, und wenn als einziger Lohn nur der Tod ^rs Vaterland Winkte — es ist doch schön, fiir eine edle Sache m den Tod zu gehen. Aber alle Theorie ist grau — auf weißem Aktenpapier uiedergeschriebene Schlachtenplane, nach denen man wütend mit blinden Schüssen nach einem Feinde schießt, der ans einer roten Fahne, bestenfalls aus einem Häuslein Soldaten besteht, finde ich absurd — dafür Menschen abschinden noch absurder — und M wird wieder eine große Schinderei in Altengrcibow, seid versichert !" „Maul Halten, mein Sohn!" warnte Hassingen und warf einen bezeichnenden Blick nach den älteren Offizieren,die an einem der offenen Fenster eine Gruppe bildeten. „So was denkt man, aber man sagt es doch nicht — wie ich dich kennen wirst du auch dem Schießplatz seine guten1 Seiten abgewinnen, ich habe noch nie bemerkt, daß du dir die Butter vom Brote Nehmen läßt." „Du hast gut reden, mein Junge I" sagte der kleine Bercken, Und seine unglaublich frechen, dunklen Augen musterten den alten Kvrpskameraden mit offenbarem Hohn. „Wer im gelobten Laude zurückbleibt, soll nicht Steine werfen auf die, welche mit Grausen der Tage in der Wüste gedenken, in die sie ziehen müssen." Hassingens sympathisches Gesicht verdüsterte sich, und ein wenig erregt fiel er ein: „Findest du es so beneidenswert, als Halbinvalide hier auf Wachkommando zu bleiben? Ich ginge weiß Gott lieber —" Er brach plötzlich ab, das leidige Erröten, das er so ost verwünschte und doch nicht verhindern konnte, kant und stieg bis in feine Schläfen. Er hatte gelogen. Er blieb gern hier, sehr gern sogar, selbst um den Preis des zeitweisen Jnvalidenseins. Er dachte an Helenens Jubel, als sie fein Zurückbleiben erfahren. Espach mochte der nähende Abschied von Lisbeth wohl im Kopse herumgehen, denn er saß mit nachdenklicher Miene, die Arme auf den Tisch gestemmt, und beteiligte sich mit feinem Wort an der Unterhaltung. Ihm tvandte sich jetzt Berckeus Necklust zu. „Prost Espach! Weiß der Teufel, was Ihnen! wieder ist, Sie kommeir mir so verliebt — verlobt — verheiratet Vor — jedenfalls walzen Sie irgendwelchen großen Plan hinter Ihrer Denkerstirn herum." Ter brünette Offizier blickte auf und lächelte eigentümlich, da er nach seinem Glase griff. „Vielleicht haben Sie recht, Bercken, einmal muß man wohl daran glauben. Also lassen Sie uns trinken auf die Eine, die Feine, die Kleine —" An dem kleinen Leutnaut vorbei blickte er Hassingeü fest ins Wst? und leerte feist Glas ist einem Zuge. Bercken pfiff leise durch die Zähne. Daß die Beiden gemeinsam etwas äüsgeheckt hatten, darüber iuar er sich längst klar, aber unter Kameraden ist Diskretion in solchen Fällest Ehrensache. Er unterdrückte deshalb auch die anzügliche Bemerkung, die ihm auf der losest Zunge lag, als die beiden befreundeten Offiziere gleich darauf, unter dem Vorwand?, noch einen Spaziergang machest zu wollen, aufbrachen. Eine halbe Stunde später schrittest die beide» Offiziere ist dunklest Zivsl eilig durch die Anlagest der Promenade, die sich gleich einem Gürtel nm die kleine Stadt zog. Der Mond war ausgegangen und streute Silberslecken auf ihren Weg, beleuchtete grell die weißen Villen 'ist dem dunklest Grün ihrer Garten, aus benen sich zuweilen der rotgelbe Lichtkreis einer Lampe, um! die eine heitere Gesellschaft sich geschart, scharf heraushob. Asts einer geöffneten Tür, die auf eine große Veranda hiuaus- sührte, klang Musik, leise, diskrete Klaviertöne, und gerade, als die beiden Offiziere alt deut Gartenzaim entlang gingen, fetzte eine herrliche Altstimme ein zu einer schlichten, schwermütigen Melodie. Unwillkürlich verlangsamten sie ihre Schritte. „Lockt dich denn nicht dieser Sirenengesang, du Musiknarr?" fragte Espach, bett Freund aut Arm ergreifend. Hassingen, der Ivie immer von der Macht der Musik in eine Art Zauberbanst geschlagen wurde, war stehen geblieben. „Ich muß ehrlich gestehen," sagte er leise, als fürchte er die Sängerin zu stören, „daß eine schöne Menscheustimme eine groß« Gewalt über mich auszuüben vermag, meine Frau muß jedenfalls fingest könnest —" Ein gedämpftes Lachen unterbrach ihn. „Bescheiden bist du nicht, Hans. Schlank wie ne Tamte, • schöm sehr reich und Sängerin —" Er zögerte etwa«, und bann! klang in die traurige Melodie des Volksliedes der Nachsatz, den Espach feiner Rede anfügte: „Arme kleine Helene!" (Fortsetzung folgt.) Aus einsamer Heide. Novelle von Helme Stökl. (Nachdruck verboten.) (Fortsetznstg.) Ich hörte still an, was man mir auseinandersetzte. Als ich so weit hergestellt war, nm marschieren zu können, machte ich mich aus bett Weg nach .Holstein. Ich wollte meine Strafe haben, die Brieftasche mußte meine Schuld beweisen. Ich wußte gut, wo ich sie begraben hatte. . Nur zuweilen für kurze Zeit Arbeit nehmend, oest größeren Teil des Weges mich durchbettelstd, so erreichte ich mein Ziel, die ein fasste Heide. Ich sand die Brieftasche und kehrte mit ihr in die Stadt am Rhein zurück. Ich lies; mich ztt dem Richter bringen, der die Ver- hastdlung geführt. Ich mochte wohl zum Erschreckest aus- sehen, denn er fuhr vor mir zurück wie vor einem Gespenst. Ich zeigte ihut die Brieftasche. Ob er mich wirklich für geisteskrank hielt, ob es die Unlust war, die umständliche Verhandlung noch einmal aufzunehmen, ich weiß es sticht. „Das Gericht hat mit Ihnen nichts zu schaffen," herrschte, er mich an, „Sie gehörest in den Narrenturm. Gehest Ste, oder ich lasse Sie als einen Verrückten ins Irrenhaus sperrest!" Jus Irrenhaus! Dahin gehörte ich nicht; ich war nicht irre. Ich ging aus deut Äerichtsgebüstde, und mit Ranzel und Stock, iuie ich war, sprang ich ist den Rhein. Ich hatte ein Leben genommen, und ich wollte ein Leben dafür geben. z . Nach Wochen fasst ich wieder zu mir. Matt hatte mich herausgezogen und in ein Krankenhaus der Barmherzigen Brüder gebracht. Der Sturz in das Wasser nach den Anstrengungen und Aufregungen vorher hatte mir von neuem ein Gehirnfieber zugezogen, das mich an beit Rand des Grabes brachte. „ „ . Nur ganz langsam kehrten Leben und Bewußtsein zu mir zurück, mit ihnen kam jetzt die Erkensitnis der gasigen, Schwere meiner Schuld. Ich wußte, daß ich das Kainszeichen mit mir Herumtragen müsse, wohin ich auch gehe. Ich meinte, verzweifeln zu müssen. In dieser furchtbaren Zeit fand ich einen Retter an einem der Barmherzigen Brüder. Es war ein alter, weißhaariger Mann, dessen hageres, von tiefen Furchen durchzogenes Antlitz von bestandenen eigenen schweren Seelen- länipsesi erzählte. Wie er mir zusprach, wie er mein ge- 87 den voni ver- vor. r, Zeitverhültnisse waren günstig; gewinnbringende Bestellungen aus dem Auslan.de boten sich. Bon Jahr mi vergrößerte sich das Geschäft, die Familie, die ich am » Ä? Unterganges gefunden, feint zu Wohlstand, ja Reichtum. Berger hinderte mich nicht, allerlei Wohlfahrts- einrichuingen für die Arbeiter zu treffen. Es schmeichelte ihm, snh als Wohltäter seiner Untergebenen preisen ru Jörcit, nachdem er so lauge nur Abneigung und Mißachtung etfahren. Auf meine Vorstellungen hatte er auch einge- seine Tochter schon früh einem guten Pensionat ilov" t>st^ane«tV sie sich die Bildung aneigne, die den ternnderten Verhältnissen des elterlichen Hauses entsprach. der, früheren Jahre war aber nicht auf dre Konstitution Bergers geblieben. Seine Gefuudheit^gab plötzlich nach. Gerade als seine Tochter, an gleich holdselig erblüht, ans dem Institute Tir.y’Vi11' ft? sich zur letzten Krankheit nieder. Er öu leiden, denn seine kräftige Natur unterlag nicht gleich dem crlteit Anprall des tödlichen Nebels, pflegte ihn, so gut ich wußte und konnte. letzten Tagen trübte sich sein Beivnßtsein. ■ hielt rnich für den Sohn, den er einst im Jähzorn aus dein hrö'chnes Gemüt ausrichtete, meine Verzweiflung auf die göttliche Barmherzigkeit hinwies, die auch für den größten Sünder Gnade habe, ich kann es nicht beschreiben. Es dauerte lange, bis Seele und Leib dem Leben wieder öelvoniieti waren. „Was soll ich tun, meine Schiild zu büßen?" fragte ich, mein Haupt zunr Abschied vor dem alten Manne neigend. „Dein Leben iiicht nutzlos von dir iverfen, sondern jeden Tag zu eitler werktätigen Buße machen. Geh' und sieh, ob du oas Leben, das bn nahmst, nicht ersetzen rannst. Findest du ben Platz leer, dann fülle ihn aus, gib Eltern den Sohn zurück, den du ihnen nahmst." Ich schied von bent alten Mann wie ein Sohn Vater. Er ist längst heimgegangen, aber sein in Milde klärtes Antlitz schwebt mir noch jetzt als Leitstern Namen und Wohnort der Eltern des Getöteten wußte ich, es machte mir keine Schwierigkeit, sie zu finden. Was ich empfand, als ich ihnen zuerst gegenübertrat, ihnen die Hand zum Gruße bot, Gott allein weiß es. Ich nahm es als Buße willig hin. Ich fand, wie der Greis mir gewünscht, den Platz, den ich einnehmen wollte, leer. Die Werkstätte war verödet. Kein Geselle konnte es bei dem von jeher jähzornigen, gewalttätigen Manne aushalten, der sich seit dem Tode des einzigen Sohnes ganz dem Trunk über- Ueß. Ob er wußte, wie sein Sohn gestorben, konnte ich nicht erfahren, sein Name ward vom Vater nie, von der Mutter nur selten und scheu genannt. Die Mutter war eine blasse, verängstigte und verhärmte Frau, die einzig darauf bedacht schien, ihr damals dreijähriges Töchterchen vor den Wutausbrüchen des Vaters zu schützen. Mit ungläubigem Staunen sah sie, daß ich nicht, wie die andern es getan, die Arbeit hinwarf und ging, sobald ihren Mann Zorn oder Wein um die Besinnung brachten, ja, daß ich, der Gesunde, Kräftige, dessen geschickte Arbeit überall willkommen gewesen wäre, es selbst gelassen hinnahm, wenn der Wütende sich zu Tätlichkeiten gegen mich hinreißen ließ. Sie wußte nicht, daß mir dies keine Ueberwindung kostete, sondern daß die Augenblicke, in denen er tobte und mich beschimpfte, die einzigen waren, iii denen es mir leicht ums Herz ward. Rur wenn er Weib und Kind bedrohte, bot ich ihm Trotz. Anfänglich mißtraute er mir, als aber mein Benehmen immer gleich blieb, ward er zugänglicher. Er war geschickt und intelligent, aber verkommen. Mit der Zeit ward meine Macht über ihn größer. Er entsagte dem Trinken nicht ganz, aber er hielt gewisse Grenzen dabei ein, er miß- Mndelte Weib und Kind nicht mehr und gewann wieder Interesse für seine Arbeit. Er hatte ein blühendes Ge- l7af* ehe seine Leidenschaften ihn unterjochten, ich htzjl lhiu, das Geschäft wieder empor zu bringen. Mit dem Erfolg hob sich sein Selbstbewußtsein und seine Unternehmungslust. Es war ihni recht, daß ich die Feierstunden benutzte, um mich weiter auszubilden. An technischer Begabung fehlte es mir nicht, so kanr ich rasch vorwärts. Was ich ersann, das führte er aus. Ein paar Erfindungen brachten unerwarteten Gewinn. Als der ft/jCE einer nahegelegenen Maschinenwerkstätte starb, kaufte schifte^ bte n,lb vereinigte sie mit dem bisherigen Ge- Hause getrieben mtb dessen Namen er seitdem nicht über seine Lippen gebracht. Ich durfte Tag und Nacht nicht von ihm gehen. Die Jahre des Zwistes mit seinem Sohn schienen vergessen von ihm, er glaubte, ihn in seiner Knabenzeit vor sich zu sehen. Soll ich Ihnen beschreiben, was ich litt, während er, meine Hand liebkosend streichelnd, mir die zärtlichen Namen gab, die er damals für ihn gehabt, sich seine Zukunft ausmalte, die glänzendsten Pläne für ihn machte! Auch das ging vorüber, er starb, und ich drückte dem Manne, dessen einzigen Sohu ich erwürgt, die Augen zu. In feinem Testamente hatte er bestimmt, daß ich der Vormund seiner Tochter sein und die Fabrik für sie und die Mutter fortführen solle. Zugleich sprach er die Hoffnung aus, daß ich seine Tochter zu meiner Gattin mache. Sein Wunsch griff mit unbarmherziger Hand in die Wunde, an der mein Herz ohnehin krankte/ Ich liebte Emma von dem Augenblicke an, da sie in ihr Vaterhaus! zurückgekehrt war; aber konnte die Schwester des Ermordeten je mir angehören? Das war unmöglich! So hatte ich das Gefühl für sie tief in mein Herz zurückgedrängt und es als Teil meiner Buße getragen, das Mädchen, das ich mit jedem Pulsschlag meines Herzens liebte, täglich um mich zu sehen und ihr meine Liebe doch mit keinem Blick zu verraten. Ich tat des Wunsches im Testament keinerlei Erwähnung, führte die Fabrik weiter und suchte mich durch Arbeit zu betäuben. Aber ich wollte für das Glück des mir anvertrauten Mädchens sorgen, ivas eS mir auch an Selbst- überivindung koste. Ich kannte einen jungen Mann, einen Beamten der Fabrik, der seine Augen in heimlicher Liebe auf das Mädchen geworfen. Ich ermutigte ihn und versprach ihm Beistand. Als ich in seinem Namen bei ihr warb, stürzte sie sich an meinen Hals und gestand mir, daß sie mich liebe und nie einen andern lieben werde. Was waren alle Qualen, die ich bisher gelitten, gegen die Pein dieses Augenblicks! Aber ich bezwang mich. Ich entzog mich sanft ihrer Umarinung, redete ihr beruhigend zu und bat sie, ihrem Herzen Zeit zu lassen, bis es sich elbst wieder gefunden, es werde sie niemand drängen, ich einem ungeliebten Manne zu vermählen. Von einer Erwiderung ihrer Liebe sagte ich nichts, und ich sah, daß sie das ins Herz traf." Eine Meile schwieg Haller, dann sagte er gepreßt: „Seitdem ist ein halbes Jahr vergangen. Aeußerlich ist keine Aenderung in unserem Verkehr eingetreten, wir begegnen uns wie sonst, aber ich sehe, daß sie an ihrer zurückgewiesenen Liebe dahin iecht. Ihre Fröhlichkeit ist vergangen, still und blaß geht sie umher. Sie ist ein zartes Geschöpf, ich sehe an den Augen der Mutter, daß sie sich um ihr Kind sorgt und daß sie hofft, daß ich das erlösende Wort spreche. Ich dachte, es würde vielleicht besser tverden, wenn ich für einige Zeit verließe. Ich verreiste, aber die Mutter rief mich zurück. Sie schrieb, die Gesundheit ihrer Tochter sei schwankend, ich solle sie nicht allein lassen in dieser Sorge. So trat ich den Rückweg an. In der Unruhe meines Herzens suchte ich hier, ivo ich ein paar Stunden Aufenthalt hatte, die Kirche auf; ich hörte Ihre Predigt, nun komme ich. Sie zu fragen: Was soll ich tun? Soll ich meine schuldbefleckte Hand in die reine Hand des vertrauenden Mädchens legen, oder soll ich die Geliebte vor meinen Augen hin- tvelken sehen und der Mutter, der ich den Sohn nahm, auch die Tochter rauben?" Haller schwieg. Es war eine Mile lautlos still in dem Zimmer. „Sie wollen sich dem Mädchen nicht anvertrauen und es selbst über sein Geschick entscheiden lassen?" fragte der Geistliche daun bewegt. „Hundertmal war ich auf dem Punkt, es zu tun !"■ rief Haller. „Wenn ich denken könnte, daß das Bekenntnis meiner Schuld sie von ihrer Neigung zu mir heilte und ihr Herz einer anderen Liebe zugänglich machte, Gott ist mein Beuge, ich würde es tun, wie schwer es mir auch fiele! Aber sie könnte es nicht tragen. Sie ist nicht stark, ich weiß, es würde sie töten."- „So öffnen Sie Ihr Herz der Mutter. Vermag sie zu verzeihen, dann betrachten Sie es als Zeichen, daß Gott Ihre Buße angenommen hat. Sie mag auch entscheiden, ob die Tochter von Ihrer Vergangenheit wissen soll." . „Ich will es tun," sagte Haller, nachdem er eine Weile schweigend mit sich gekämpft. 88 „Sie werben mir Nachricht geben von der Entscheidung Ihres Schicksals'?" sagte der Geistliche, als Haller sich verabschiedete. „Ich werde Ihr Ergehen mit der ganzen Antcil-- nahnre meines Herzens begleiten. " Haller war noch am selben Abend nach H. zurilckge- kehrt; aber er hatte sich nach kurzer Begrüßung von Mutter und Tochter unter dem Vorwande der Ermüdung auf sein Zimmer zurückgezogen. Es war ihm nicht möglich, mit dem gefaßten Vorsatz in der Brust den Frauen unbefangen zu begegnen. Angekleidet hatte er sich auf sein Lager geworfen und starrte nach den zuckenden Lichtern, welche die Glut des Kamins aus die Decke des Zimmers warf. „Ich kann Nicht," entrang es sich stöhnend seiner Brust. Da öffnete sich die Tür, die Mutter trat herein. „Frau Berger, Sie!" rief Haller, sich jäh ausrichtend, „was führt Sie zu dieser Stunde hierher'?' „Vielleicht dasselbe, toas Sie nicht schlafen läßt," sagte sie leise. „Wenn Sie davon wüßten, Famen Sie nicht!" „Wollen Sie sich mir nicht anvertrauen, mein Sohn?" bat sie sanft. „Sagen Sie nicht .Sohn'!" schrie, er auf. „Sie wissen Nicht, wen Sie so nennen!" „Und wenn ich cs doch wüßte?"- Er starrte sie entsetzt an. „Sie zögern, Emma zu ihrer Gattin zu machen, lveil —" sie neigte ihren Mund dicht an fein Ohr. „Sie wissen —" stammelte er. ,Lch weiß es seit lange." „Haben vie Toten gesprochen?"- Er blickte verstört tim sich. Sie legte beruh igend die Hand auf seinen Arm. „Haben Sie vergessen, wie Sie sich, ein paar Jahr nachdem Sie zu uns kamen, den Fuß in der Maschine zerquetschten? Ich pflegte Sie, während Sie im Wundfieber sprachen." „Wie konnten Sie für wahr halten, was ein Besinnungsloser sprach?" „Weil ein Zeuge mir seine Worte bestätigte," sagte sie leise. „Ein Zeuge?" „Ja. Ich ordnete die Schriften aus Ihrem Schreibtisch. Sie hatten den Schlüssel daran stecken lassen, in dem Fach, in das ich die Papiere legen wollte, fand ich die Brieftasche, die ich selbst einst meinem Sohn gestickt hatte, und die er bei sich trug, als er umkam." Ihre Stimme war fast unhörbar geworden. (Schluß folgt.) vermischter. C.K. Wie Kaiser Kwaug-sü starb, davon gibt, „auf Grund zuverlässiger direkter Informationen aus Peking" jetzt Francis Mury in der „Revue" eine neue aufsehenerregende Darstellung, nach der man das Schicksal des unglücklichen Kaisers, den vfsiziösen Ausstreuungen entgegen, gewaltsam herbeigeführt hat. Als Tsu-Si, die Kaiserin-Witwe, ihr Ende herannahen fühlte, berief sie einen Ministerrat, der am 12. Mvembec zusammentrat. Hier wurde nach langen Beratungen ihr dreijähriger kleiner Neffe Pu-Bi zum Erben des Kaiserthwns bestiurmt, Prinz Tschun und der Vater Pn-Dis sollten bis zur Großjährigkeit die Regentschaft führen. Nach der Beratung behielt die Kaiserin Nnanchikai und den alten Prinzen Tschin bei sich zurück und ließ den Großmeister der Eunuchen rufen. Hier wurden allo Maßnahmen festgesetzt. Das Ergebnis war zunächst eine Mitteilung, wonach sich das Befinden des Kaisers gefährlich verschlimmert habe; dem früheren Brauche entgegen wurden diesmal die Dienstangebote der Legationsarzte rundweg abgewiesen. Am nächsten Morgen um 10 Uhr betrat der Großmeister der Eunuchen, begleitet von zwei sicheren Männern,den kleinen Palast, der dem Kaiser zur Wohnung angewiesen war. Die Umgebung des' Herrschers wurde entfernt Und nun teilte der Großmeister dem Kaiser mit, daß Tsu-Si im Sterben läge uttb daß er sie in den Tod begleiten müsse. Dabei legte er vor dem Kaiser die Opiumkügelchen, die kleinen Goldblätter und die gelben Seidenschnüre auf den Tisch, mit denen die Chinesen von Stand Selbstmord begehen. Dis kleinen Gold» bMtchen dienen beut Ersticknngstvde; der Lebensmüde legt eines der dünnen zarten Blättchen auf den Mund, atmet tief eilt, wo- burch die kleine Scheibe in den Hals geweht wird, die Oefftumg der Luftröhre verschließt und so den Tod herbeiführt. Der Grv^ freister zog sich dann zurück mit dem Hinweis, daß er um ein Uhr Wittags wiederkehreit toMe. Sollte bis dahin Kwang-sü nicht dis Ofmlmpillen geschluckt oder die Goldblättchen eingeatmet haben, so Müsse er trotz des Respekts, den die Person des Monarchen ihn? einflöße, den Kaiser durch die Seidenschnüre erdrosseln lassens Tie beiden Begleiter des Großmeisters blieben als Wachen zurück. Im Palast verbreiteten sich sofort Gerüchte über dunkle Gescheh nisse, die Fmnen des Kaisers zitterte« für ihr Leben und büi Eunuchen versuchten zu flieheir. Aber Yuanchikai hatte seine Maß- nahmen getroffen, niemand konnte den Palast verlassen und bald zog eine dumpfe Ruhe ein. Ms der Großmeister am Mittag zurückkehrte, waren die Opiumkugeln verschwunden, der Kaiser, lag kaum noch atmend auf seinem Ruhebette, das Herz scUug mit iwch schwach und die Glieder begannen bereits zu erkalten. Puan- chikai wurde sofort verständigt, machte der todkranken Kaisernk Mitteilung, die Gesandtschaften empfingen Nachricht, der Kaisen liege tut Sterben und Prinz Tfchin wurde nach den Kaisers räberck gesandt, durch Opfergaben die Borfahren auf das Nahen eines, künftigen Gefährten vorzubereil-en. Dieser Tragödie ivareit Jn- triguen twranfgegäugen, die sich auf Jahre erstrecken und ick denen Nnanchikai eine tzervorrageird« Rolle spielt. Er hatte deck Kaiserin den Plan Ktuang-süS, Tsu-Si durch Nnanchikai entführen zu lassen, verrate», Partei gewechselt und mußte die Rache des nnglücklicheu Kaisers fürchten, in dem Augenblick, da er der Vormundschaft seiner Tante entrückt sein würde. Sv begegneten sich feilte Absichten mit denen der Kaiserin-Witwe, die für den Fall,- doß der völlig geschwächte, energielose, kranke Kwang-sü nach ihren« Tode die Regierung ergreifen würde, innere Unruhen voraussaU und in ihrer Sterbestunde noch ihnen durch einen grausamen Entschluß vvrbeugte. ... C. K. Die Heilkraft des Radiums. Aus Lvuvon, wird berichtet: Ueber die Bedeutung des Radiums für die Heil-, künde hat sich im London Hospital jetzt Sir Frederick anSgesprochen und dabei eine Reihe von interessanten Fällen beschrieb ben, in denen mit Radium außerordentlich günstige Heilresultates erzielt imirden. Die Wirkung ist oft verblüffend bei Schwellungeck und Geschwülsten der Hautgefäße und bei allerlei Arten Vock Muttermalen. ZSir Frederik Treues erzählte von einem Fall/ in dem der Patient ein fast pflaumengroßes Blutgeschwür ank Auge hatte, das viermal erfolglos operiert wurde; bei der An-< Wendung von Radium vollzog sich schließlich die Heilung ohich Schmerzen und Schwierigkeiten. Sehr interessant waren die Mit- teiluuaen, die der Gelehrte über die Art machte, in der das Radiiuck seine Wirkung ausübt. Nach der ersten Anwendung ist eine Einwirkung überhaupt nicht zu bemerken und alles scheint tage lang beim alten zu bleiben; erst am fünften Tage zeigt sich plötzlich eine Veränderung. Die Haut wird rot und reizbar und schließlich' bildet sich eine Kruste, die nicht abgenvmmen werben darf und bis nach zwei bis drei Wochen von selbst abfällt. Die zweite Anwendung des Radiums findet gewöhnlich erst einen Monat späten statt und verläuft in der Regel so befriedigend, daß die Aerzte sich um den Patienten überhaupt kaum noch zu kümmern brauchen. Sir Frederik Treues wies dann auf einen merkwürdigen Versuch (litt, den ein bekannter englischer Gelehrter kürzlich mit dem Radium angestellt hat. Der Forscher gab einer Maus, die künstlich mit Krebs infisziert worden war und sich bereits in fortgeschrittenem Kmnkheitsstadimn befand, eine Einspritzung von Radium« lösimg. Das Wachstum des Krebses kam sofort zum Stehen und schließlich erholte sich die Maus sogar von der Krankheit. SiV Frederick TreveS warnt zwar ausdrücklich davor, derartige Einzel- refultate in ihrer Bedeutung zu überschätzen; die Wirkungsmög- lichkeiien des Radiums int Kreise der Heilkunde bedürfen noch umsassenderer Beobachtungen, um ein endgültiges Urteil zu er«, möglichen. Tie Studien sollen sich jetzt erstrecken auf eine systematische Untersuchung der Wirkung der Radiumstrahlen auf Bakterien und Bazillen, zugleich werden die Experimente mit deck HautgeschwUsten fortgesetzt und schließlich lvird man den Einfluß des, RMums auf den Krebs methodisch untersuchen. Rätsel. Einst ging ich von Kirchhain nach Auen, Da begegneten mir zwei Frauen. Jede Fran hat eine Ziege, Jede Ziege hat ein Böcklein, Jedes Bocklein hat ein Glöckleiu. Wie viel Glöckleiu, Böcklein, Ziegen, Frauen Gingen von Kirchhain nach Auen k Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Anagramms in voriger Nummer: Lech, Elch. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der VvubI'scheu Universitäts-Buch' und Steindrnckerei, R. Lange, Gießen.