sarmtag den t August SKT 1909 — Nk. 122 Peter Nockler. Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holz am er. (Nachdruck verboten.) Ein Schneider, sag ich, ist immer ein girier Kerl. Einer, der's nicht gewesen wäre, ist mir noch nicht begegnet. Sollt's aber doch einmal geschehen fein, muß ich das als Ausnahme bezeichnen. Und ich bleibe dabei — ein Schneider, sag ich, ist immer ein guter Kerl. Ich habe darüber nachgedacht, — warum? Es ist so leicht nicht, das zu ergründen. Vielleicht weil ihm das Herz wächst bei der Arbeit. Wenn er mit seiner Schere so ins Zeug schneidet, tut ihm die Seele weh. Und damit nicht genug — Fetzen um Fetzen verstichelt er mit seiner Nadel, daß ihn ein Erbarmen ankommen muß. Es könnte auch dies sein: er kann nicht gut reden bei der Arbeit — er spart sich seine Sprüche lieber für draußen auf — denn geht's Reden an, hört die Arbeit auf. Und der Sonntag läßt sich nicht aufhalten und rückt näher heran, und Graf und Kutscher will sich da fein machen. Von der Schere, die beim Reden neben 'naus, der Nadel, die in den Finger geht, nicht zu sprechen. Der tiefste und triftigste Grund dürfte aber der sein: ein Schneider verfällt nicht mit dem Leben. Auch das hat ihn sein Beruf gelehrt. Er weiß, alles, was auseinander ist, ist auch wieder zusammenzubringen. Er weiß, wie breit und dünn und flach etwas liegen mag, es ist ein Ganzes draus zu machen. Er weiß, allem ist Form zu geben und Fasson im Leben, und Stichelchen um Stichelchen, das gibt eine Naht, und Stückelchen nm Stückelchen, das gibt einen Frack. Und er weiß, ivo's mal nicht recht will und eine Falte ist, da zieht.man ein wenig und zupft zurecht, und hilft das nicht, macht man sich mit dem Bügeleisen drüber her, kalt erst, und wenn's' nicht fruchtet, warm, und ist auch die Gewalt nicht ausreichend, gibt man sich eben drein und legt Watte unter, und man hat's schließlich doch bezwungen. . Oder wenigstens, man ist zu feinem Ziele ge- kommen. Zu seinem Ziele kommt der Schneider immer, er ist ein Aufbauer. Und er glaubt an sein Ziel. Und ist etwas ganz und gar Verschnitten, und will die Hofe gar nicht sitzen, irgendwo gibts noch ein Mittelchen, ihr noch zu helfen, und gäb's das auch nicht mehr, tät's eine gute Rede. Also bleibt der Schneider gelassen und gewappnet und voller Zuversicht. Er zerfällt nicht mit sich und mit dem Leben und scheut feinen Umweg und Umstand, alles glatt und rund zu bringen. Und glatt und rund, das ist ihm die Hauptsache — und gar oft verdecken gerade Achseln schiefe Schultern. Aber das ist gut so, es muß nicht alles nach außen gehängt werden zu aller Leute Anblick; es geht auch so. Das, denk ich mir, legt sein Geschäft in den Schneider, es wächst mit ihm und bleibt mit ihm verwachsen, so sehr, daß er ohne das gar nicht zu denken wäre. Drum sag ich: ein Schneider ist immer ein guter Kerl. Ein recht guter aber war der Peter Nockler daheim, der schon beinahe grau war, als ich meine fünfzehn, sechzehn zählte, und heute erst recht ein weißes Männchen ist. Immer noch mit demselben vergriffenen Stulpkäppchen, das Anno dazumal wohl mit Silber und Gold gestickt war und auch ein grünes oder rotes Quästchen gehabt hatte, immer noch mit der halblangen, gelben Rohrpfeife und dem dicken, braunkrustigen Pfeifenkopf. Und immer noch mit dem gutmütigen Blick, trotz der großen Stahlbrille, und dem gütigen Lächeln um die Lippen, die fast nie ein hartes Wort gesagt, die sicher nie einen verdammt haben. Kein „Ideal" aber, der Peter Nockler. Er machte seine Witze und Schnurren und lächelte still zu ihrer Bedenklichkeit, wenn's gerade eine ist. Auch zu lügen versteht er — und er verstand es einstmalens wohl noch besser —, wenn er eine Arbeit nicht zur rechten Zeit geliefert hat, ans dem Effeff, und ist ihm ein Stück mißraten und sieht er das gleich ganz deutlich selber eilt, hat er hundert Ausreden und macht den Leuten immer seine Wippchen vor. Und seine Aeuglein zwinkern hinter der Brille, und er geht heim und klimpert mit dem Geld im Sack. Auch sein Schöppchen trinkt der Peter Nockler gern, und er trinkt auch mal eins mehr. Er hat gewiß seine Untugenden, die Fastnacht macht er mit, und auch zur Kirchweihzeit drücken ihn die Sorgen nicht gar zn sehr. Er ist eben ein rechter Sohn seiner Heimat. Mit den Jahren freilich ist alles ein wenig „kurzatmiger" bei ihm geworden, wie er selbst sagt. Und freilich ist auch zu sagen, daß er so recht leicht und unsolid doch eigentlich nicht war. Dafür hat ihn das Leben zu früh am Kragen gefaßt und festgehalten. Und schlug er mal über die Stränge, war's hauptsächlich, weil ihm etwas über den Kopf wuchs, wenn ihm Mühen und Strampeln nichts mehr hals. „Und 's War auch so gut," meint er noch heut. „Es hat mich vonn Aushängen bewahrt. Und das wär doch der allergrößte Unsinn gewesen, den Raben und Atzeln auch noch den Spaß mit einem dürren Schneider zu verderben." Aber ein paar Mal wär's ihm doch nahe dran gewesen, und er habe sich den Strick schon kaufen gewollt. Doch hab er sich gefunden. „Ein jeder hat sein Bündelchen im Leben. Dem einen macht's das Leben so, dem anderen so. Da muß mau's tragen, wenn's einem grab mal ein bißchen mehr den Buckel drückt." So hat sich der Peter Nockler durchs Leben geholfen. Und er ist nicht schlecht dabei gefahren. Gelernt hat der Peter Nockler beim alten Michel Sieben. Es war die beste Lehre grade nicht. Im Essen war's ein bißchen knapp. Das garstigste war aber, daß der Peter manchmal aus der Schneiderbude hinaus ins Feld mußte, Kartoffeln hacken oder häufeln, Mist tragen, Rüben stecken, oder auch, daß er manchmal Kindermädchen spielen mußte. Das Kiiiderhalten machte ihm aber gar keine Freude, und er verwünschte ein paar Mal ganz für sich und auch bann 486 Und wann einmal laut den guten alten Michel Sieben, daß der noch einmal geheiratet hatte und noch dazu so eine junge Frau. Und er verwünschte die junge Frau von Herzen mit. Als er einmal die Milchflasche zerbrochen und das Kind zu sehr gewiegt hatte und die Milch hatte überkochen lassen, fuhren ihm von der Meisterin ein paar Donnerwetter und Esels- und Schafsköpfe an den Kopf. Und als ihm mal der Reiserbesen nachflog, aber nicht traf, machte er der Meisterin eine Nase und streckte ihr die Zunge heraus. Vou da au hatte er's bei der Meisterin total verschüttet. Der Meister hieb ihm ciu paar Mal links und rechts hinter die Ohren, daß ihm Hören und Sehen verging. Das war nicht das schlimmste. Einmal geschah es mit Grazie — denn der Michel Sieben war ein Schneider! — und der Peter, obgleich er den ästhetischen Wert solches Ohrfeigens noch nicht voll zu würdigen gelernt hatte, nahm's mit einigem Respekt hin und rieb's als tapferer Schneider tapfer ein. Aber daß ihn die Meisterin von nun an bei jedem armen Käsebrot kürzte, und daß sein kleines Stückchen Fleisch jedesmal auch noch einen Knochen enthielt, das schmerzte ihn bitter. Aber er hielt's aus. Auch seine Ueberzeit hielt er aus, und die dauerte noch zwei geschlagene Jahre. Denn weil er ein armer Teufel von Hans ans war, mußte er für seine Lehre einstehen und dem Michel Sieben als Geselle gegen freie Kost arbeiten. Ja, er tat's, und als er nach Ablauf seiner Zeit in die Fremde ging, schied er gut von: Meister und auch von der Meisterin, deren Gunst er sich in der letzten Zeit noch besonders dadurch erworben hatte, daß er dem kleinen Michel, der nun schon ziemlich Hosen zerriß, aus abgelegten Kleidern des Vaters die schönsten neuen schneiderte. Das hatte der Meisterin die innigste Versöhnung abgerungen. Am Abschiedsmorgen stellte sich der alte stolze Michel Sieben sehr vornehm vor den Peter hin, strich seine grauen Bartkoteletten zärtlich und sein, teilte seine dünnen Haare mit stinken Fingern zum Scheitel und sagte: „Du gehst jetzt in die Fremde, Peter. Du wirst deinem Meister für die Mühe, die er mit dir gehabt hat, danken, du wirst ein braver Schneider sein, fleißig und tüchtig und deinem Meister Ehre machen. Du hast was bei mir gelernt und ich setze meinen Stolz auf dich. Und wenn dir nach Jahren wiederkommst — wer was lernen will, darf nicht nur heut und morgen in die Fremde gehen — wenn du nach Jahren wiederkommst und bist geworden, wie ich mir's denke, Peter, und ich lebe noch, so Gott will, sollst du mir willkommen sein. Das sag ich, dir zum Abschied, Peter, und nun geh mit Gott! Gott segne das ehrsame Handwerk!" Ordentlich weich war's dem guten Peter ums Herz geworden. Ordentlich gerührt war er, und in den Wim- perir preßten sich ein paar Tränen und in der Kehle stak ihm ein Schluchzen. „Fort —- in die Fremde!" spracht auf einmal gewichtig in ihm. „Wie wird dir's gehen, Peter? " Er hätte gleich dableiben mögen. Aber er ermannte sich. Einen tüchtigen Ruck kostete es ihn schon. Und dann trollte er auf der Pariser Straße hin, nach Mainz zu. Er sah nicht nm. Als ob ihn was zurückziehen könnte, wenn er's täte. Nur draußen am letzten Haus könnt er's doch nicht über sich bringen. Wenn er mal um die Ecke wäre, würde er sein Dorf nicht mehr sehen. Sein Dorf! Was ihm jetzt nicht alles einsiel. Gassen auf, Gassen ab ging sein Sinn. Dies Hans und dies Haus. Und die und die Menschen. Nicht liebere als der Michel Sieben und die Meisterin und die Kinder. Dann seine paar Freunde. Der eine war ja nun auch schon draußen in der Welt. Fremd! In der Fremde! Es lag ihm schwer auf dem Herzen. Und wenn er um die Biegung wäre, würde er sein Dorf nicht mehr sehen, die Kirche nicht, die Häuser nicht, die Straße nicht, nicht das Hans vonr Meister Michel Sieben und die Schmiede mit den drei großen Hufeisen, die heraushingen, und nicht die weiße Birke und den großen dunkeln Zypressenbaum in Doktor Wagners Garten. Und er sah noch mal um. Da lag die Straße, wie sie alle Tage gelegen hatte, nicht feierlich und nicht traurig. Da gingen die Menschen und Fuhrwerke her und hin, der Rauch stieg aus den Schornsteinen und verflog — wie alle Tage. Nichts war verändert, und doch wat einer gegangen eben, der so lange dazu gehört hatte, zu alldem, das da vor ihm lag, und selbst ein Teil davon war. Und »ich war doch keine Lücke. Der Peter fühlte das. Keine Lücke, nichts mehr, nichts weniger, der gleiche Gang wie alle Tage. WUs lag an dem einen! Und doch — es war sein Dorf. Stärker als jej fühlte er das: sein Dorf! Da mußte er sich wieder einen Ruck geben. Er ging ein paar Schritte in Sinnen. Dann pfiff er sich ein munteres Liedchen. Und als er drunten in der Mulde war, da fühlte er sich richtig stark und fest. Und er konnte! was zum „Abschied" singen, es würde ihm nichts tun. Er sang fast freudig, mehr fest als gerührt: „So leb denn wohl, du stilles Haus, Wir ziehn betrübt von dir hinaus, Wir ziehn betrübt und traurig fort, Noch unbestimmt, an welchen Ort." (Fortsetzung folgt.) Der Magister. Bote Wilhelm Krag. Autorisierte Uebcrsctzung aus dem Norwegischen von Frida G. Boge l. (Nachdruck verboten.). Es geschieht heutzutage manchmal, daß die Leute um dis Dämmerstunde am Herbstabend etwas Wunderliches die Landstraße draußen, wo einmal das sogenannte Paradies lag, entlang huschen sehen können. Es sieht aus wie. ein winziges Männchen auf einem winzigen Pferd, und es huscht lautlos auf dem Grasrand des Weges entlang. Aber immer, wenn es so nahe kommt, daß die Leute nachsehen wollen, wgs es sei, so ist es mit einSf fort — verschwindet hinter einem Stein, einem Baum oder unten im Graben. Alle, die das gesehen haben, sind darin einig, daß der Maust ungewöhnlich klein von Gestalt ist und einen großen Mantel mit die Schultern hat, und an dem Hut, sagen manche, stecke eine schwarze Feder. Und das Pferd sei nicht größer als eine leidliche Sau. Es geschieht wirklich heutzutage manchmal mitten in unsere« aufgeklärten .Zeit, daß die Leute dies Wunderliche längs des Wegrandes zu sehen meinen; und wenn jemand am Abend hastig und atemlos hereinkommt und erzählt, daß es wirklich so besonder- lich unten auf dem Wege abends wäre, so lachen alle in dep. Stube und sagen tut Chor: „Haha! Das ist vielleicht der Magister. den du gesehen hast!" Das ist nun bloß eine Redensart von den Leuten — si« wissen garnicht, daß dort draußen vor vielen langen Zeiten, ein Magister gelebt hat — Magister Emil Musaeus auf Liselust.: Das heißt: Magister war er nun garnicht, der kleine Musaeus. So nannten ihn nur alle. In Wirklichkeit war er nichts weiter als Student; obgleich das ja in jenen Tagen durchaus nicht etwas gewöhnliches war, wie es jetzt ist. Nun konnte übrigens dieser Student sowohl Magister wie noch vieles andere geworden sein, wenn ihm das Glück nicht von Anfang an zugelächelt hätte und wenn er nicht in seinem ersten Studentenjahr seines Lebens Schutzengel und große Liebe getroffen hätte, Jungfrau Life Hortensia Federsen, einzige Tochter des steinreichen Grünkramhändlers in Kopenhagen. Ter kleine kraushaarige Student wohnte in der MausardZ bei dem Grünkramhändler, und da saß er und sang mit seiner hellen Flötenstimme vom frühen Morgen bis zum späte» Abend.: Sowohl der Grünkramhändler als auch besonders seine schwärmerische und riesengroße Tochter Life waren musikalisch. Ter Grünkramhändler sang und Jungfer Life schlug die Harfe. Es dauerte deshalb nicht lange, bis der junge Student Musaeus ein täglicher Gast im Hause des Grünkramhändlers war. Tst wurde gesungen und da wurde gespielt, da wurde deklamiert und da wurde geschwärmt, und kein Wunder deshalb, daß sieh die beider- jungen Menschen sterblich ineinander verliebten. llnd der Grünkramhändler? Ja, er war wahrhaftig beinah« ebenso verliebt in den Studenten, wie es die große Life waw Und des Grünkramhändlers Frau, die nicht so musikalisch war, aber als Ersatz einen soliden Ehrgeiz besaß, sie war auch wohl zufrieden mit dem kleinen, zierlichen, hübsch gekleideten Burschen mit dem feinen Namen. „Emils Vater ist reetor seolae und Ritter vom Tanebrog", sagte Madame Federsen und brüstete sich, als ob sie den Tanebrog auf ihrem eigenen schwellenden Busen zittern fühlte. Emil Musaeus hatte niemals einen Hang zum Studium gefühlt; dazu war sein Interesse für die schönen Künste allzustark.: Und nachdem er Jungfer Life getroffen und sie ihm ihre groü« Hand geschenkt hatte, wurden die Bücher jetzt gänzlich bei Sette geschoben. - Die Beiden dachten garnicht an seine Zukunft und der Grün- kramhandler, der ein guter Mann war und feine Goldfuchs« kannte, lachte und ließ die beiden Jungen fchwärmen; es war **• 487 —* fp jiftfcfj, diese verliebten Menschen zN sehen! Man konnte fast selbst wieder ruitg werden, wenn man sie betrachtete! K Doch — es gab einen Anderen, welcher an die Zukunft des kleinen Emst dachte und das war der strenge Vater Musaeus, der oben in Norwegen saß und mit Entsetzen die Briefe des jungen las, die von dem verschiedensten überspannten Gerede überströmten, jedoch fehl Wort von den Studien enthielten. Vater Musaeus Episteln wurden' immer mißbilligender; doch als Emil sich keineswegs bekehrte und sogar ein Examen versäumte, kam da eine, die den gräßlichen Befehl enthielt, daß der ■xjiinge mit der ersten Schiffgelegenheit nach Hause kommen sollte — und das war in vierzehn Tagen! Dieser Befehl fiel wie eine Bombe in das Haus des Grüst- kramhäudlerS auf Wimmelskaftet. Life hob Emil in ihre starken Jungfrauenarme und beschwor ihn, der Botschaft des grimmen Vaters zu trotzen; doch Gott bewahre! So etwas konnte dem kraushaarigen Burschen nicht einfallen! Dazu war er viel zu wohlerzogen und tugendsam. Aber ach! Selbst wenn' es ihm nicht einfallen konnte, seinem Vater zu trotzen, so war das doch ein harter Schlag für ihn; denn sein ganzer großer Lebensplan ivurde jetzt in Stücke geschlagen. Sein großer Lebensplan war nämlich, sich voll und ganz der Kunst zu weihen, mit all seinen Kräften und all seinem Streben, mit Leib und Seele. Oder mit anderen und prosaischeren Worten: Emil hatte den Verstand verloren; er wollte Komödie spielen! Er hatte sich schon längst seiner Life anvertraut, und ihr schien das einfach himmlisch! Sie konnte sich nichts Herrlicheres denken, als ihren Emil in Panzer und Helm zu sehen, wie er seine Liebe herausdeklamierte und saug! Tann konnte doch das Leben niemals trivial iverden, ivenn man buchstäblich jeden Tag in einer Welt von Poesie und Musik lebte. Nachdem nun der Brief des Vaters gekommen war, und all ihre Pläne durchkreuzt hatte, beschlossen sie beide, den Grünkram- Händler in das Geheimnis einzuweihen; hatten sie den erst auf ihrer Seite, wurde es leichter fallen, den strengen Rektor mit dem zornigen Blick hinter den Brillengläsern zu besiegen. Hierin wurden jedoch die beiden Liebenden schmerzlich Manscht. Sowohl der Grünkramhändler als auch besonders' seine Frau waren aus das Bestimmteste dagegen, daß Emil „Komödiant" werden sollte, wie sie eS nannten. Zum ersten Mal waren sic mit ihrem lieben Schwiegersohn ernstlich unzufrieden. Fe- dcrsen sagte, daß solcher Schnick-Schnack und Jahrmarktskünste für einen verhungerten Ladendiener paßten, aber nicht für einen Studenten, der noch dazu mit einem ehrbaren Mädchen von braven Eltern verlobt wäre. Und die Madame bekreuzte sich darüber, daß ein Mann mit seinem Namen, ein Mann, dessen Vater rector seolae und Ritter vom Danebrog wäre, daß er sich mit diesem Pack bem engen wollte! Emil wurde bald zahm und ergab sich weinend. So zerknirscht war er darüber, daß er seinen Lebensplan aufgeben, wie seine Geliebte verlassen und seinem Vater unter die Augen treten sollte, daß die braven, weichherzigen Kopenhagener ihn innerlich bedauerten und keinen anderen Wunsch hegten, als ihn und Life glücklich zu sehen. Er war doch so süß, dieses Bengelchest! Wie er ihnen augenblicklich so folgte Und seine Komödiaiiten-Nücken aufgab! Solche Artigkeit mußte wirklich belohnt werden ! Als darum der Grünkramhändler und seine Frau die Sache eine Zeit lang überlegt hatten, schlugen sie Emil vor, daß er • Lise auf der Stelle heiraten, mit ihr nach Hause reisen und sie mutig dem Rektor präsentieren! sollte. Was dann später geschehen sollte, würde ihre Sache werden, wenn Emil bloß geloben wollte, auf ewig der Komödie und all ihrem Wesen und all ihren Werken zu entsagen. Als Emil furchtsam fragte, wovon in aller Welt sie leben sollten!, schlug der Grüukramhändler sich ans sein Herz und sein großes Geldbuch und bat Emil, sich darauf zu verlassen; niemals würden sie seine lieben Kinder im Stiche lassen! In aller Eile wurde der kleine blondlockige Emil und das große Mädchen Life in der Heiliggeistkirche getraut, und mit dem festgesetzten Schiff segelten sie eines Sonnabend abends vom Zollhause ab; während FederseN und seine Frau am Ende der Brücke standen und bittre Tränen weinten, daß sie die süßen Kleinen entbehren sollten! Ter alte Rektor Musaeus wurde mächtig böse und wollte sie nicht in seinem Hause haben, weder Emil noch Life. Sie mußten lt.ch.em paar Zimmer in der Stadt mieten; aber hier genossen sie auch ihre Flitterwochen in' ungestörtem Frieden; er zwitscherte wie eine Lerche und sie schlug die Harfe, und ihr Glück kannte keine Grenzen. ., „ Es war zur Frühlingszeit und bas Wetter war zauberhaft schon. . ^re beiden Jungverheirateten befanden sich beständig auf Ausflügen in die Umgebung der Stadt; sie liehen sich ein Segelboot und bereisten die Schären. Oftmals nahmen sie Proviant Mit und konnten tagelang auf einmal wcgbleiben. Auf einem dieser Ausflüge kamen sie auch in die Gegend des Paradieses, und hier wurde Life so entzückt, daß sie vor Bewegung weinte und sagte, daß sie hier leben und sterben mlißten! Hier Und nirgend wo anders! Eng umschlungen gingen sie von Wiese zu Wiese und sahen, wo das Haus liegen sollte. Und schließlich sanden sie die schönste von allen, die weichste, die anmutigste — ihre Wiese! , Ta hob Life Emil zu sich Mpor und küßte ihn. „Hier Milccheu k Hier muß das Haus liegen." „Und es soll Liselust heißen", rief Milechen und sang steh endest Fußes eine kleine Arie zu Liselusts Preis. ’ Es gab wahrscheinlich kein Nein in Grünkramhändlers Feder- stus Mund. Seine Taler rollten dick und wohlvergnügt fort und bauten das netteste.Schäferhäuschen, das man sich denken konnte -r-4 gennn als ob es in einer romantischen Oper gebraucht werdest sollte. . ~ife tuid Emil verfolgten Tag für Tag den Bau und be- schricben ihn in ihren Briefen nach Hause, nach Wimmelskaftet in glühenden. Ausdrücken. Als das Haus fertig wurde, zeichnete ,rmd bemalte es mit kräftigen Wasserfarben. Es ist nicht zu leugnen, daß er die Dimensionen ein bißchest übertrieb und sowohl die Schwäne wie die Tempel und die Biix- baumhecken zeichnete, die einmal kommen würden, aber was tat das r Tas Bild wurde richtig unter Glas und Mahagomrahmest gesetzt und Madam Federsen zeigte es stolz allen Besuchern vor! Und sagte, daß es ihrer Tochter und ihres Schwiegersohns Schloß oben in den norwegischen Klippen wäre — und das klang wirklich' recht gut in Madam Federsens Mund. Cs hat wohl kaum jemals eine so durchaus glückliche Ehe hiet auf unserer trübseligen Erde gegeben, als die Emils und Lises'.; Sie lebten in! einer überirdischen Glückseligkeit, schwärmten uup für die Kunst und das Schöne und für einander, sorgten sich nie- mals um den morgigen Tag; denn der Grünkramhändler ist Wimmelskaftet kleidete sie und gab ihnen die herrlichste Nahrung.. Emil pflegte seine Stimme und legte sich aus viele Instrumente." Er kaufte sich Violine und Spinet und Flöte; aber von diescst war doch die. Flöte fein Lieblingsinstrument. Eine sonnenhelle Abendstunde die Paradiesbncht entlang zu treiben und die schmachtenden Töne der Flöte in die liebliche Natur ausströmeii zst lassen, — kann man sich etlvas anmutigeres denken? Hier konnte er auch feine szenischen Neigungen pflegen, so viel er Luft hatte. Und wahrhaftig! er agierte früh und spät. Kostüme schaffte er sich haufenweise an, schließlich hatte er nicht einen einzigen Anzug, der dem glich, worin andere anständige Leute sich kleideten; denn er spielte beständig eine Rolle. Einen Tag wat er Ritter in Panzer und Helm, den zweiten war er zärtlicher Schäfer, den dritten Minnesänger mit der Laute über der Schulter'. Er spielte die festgesetzte Rolle vom Morgen bis zum Abend; et gewöhnte sich daran, sowohl in Alexandrinern wie Hexameterst zu reden, und er lernte die Werke der besten Schriftsteller auswendig und wußte Zitate daraus mit großer Geschicklichkeit ail- zuwenden'. Jeden Winter wurden dramatische Vorstellungen drinnen ist der Stadt veranstaltet, bei welchen die beste Gesellschaft der Stadt mitwirkte; doch es versteht sich von selbst, daß Emil stets die erste Und größte Rolle spielte, und es versteht sich ebenfalls von selbst- daß er ein so phantastisches Glück machte, daß es den wildcstest Ehrgeiz zufrieden stellen. konnte. Außerdem gaben sie jeden Monat eine musikalisch-dellai- matorische Soiree draußen auf Liselust, und zu diesen Soireest waren alle Herrschaften im Paradies und ein großer Teil bet guten Gesellschaft der Stadt eingeladen. Sie verbrachten ihr Leben damit, sich ans die nächste Soiree vorzubereiten, denn selbstverständlich waren es wesentlich der Masi gifter und seine Fran, die die Gesellschaft unterhielten'. Auch Major von Knarren und der Leutnant auf Wibleskast waren zu diesen Gesellschaften eingeladen, aber um die Wahrheih zu gestehen, langweilten die beiden Krieger sich grausam. Ter Major schwor darauf, daß die sogenannte Musik nur eist unnützer Spektakel wäre — es hätte Kriegsmusik sein müssest- doch die hörte man nicht auf Liselust. Ta ertönte bloß Geschrei und Quinkilieren, sodaß der Major und der Leutnant hinter ihrest breiten Fäusten um die Wette gähnten. Eine Ausnahme wär es jedoch, wenn der Magister Helm und' Harnisch anlegte und deklamierte, daß es nur so schallte, und wenn er mit dem Schwert an seinen Schild schlug, daß das Blech nur so klirrte. Ja, da konnte wohl bisweilen ein vernünftiger Sinn drin liegen — nur schade, daß nicht ein erwachsener Kerl alle die stolzen Worte hersagen konnte; denn der Magister war doch zu verschroben, wenn er sich auch noch so sehr herausstasfiert^ Tie große Liebe des kleinen Mannes zu den schönen Künsten brachte seine Freunde darauf, ihn Magister zu nennen. Er selbst legte soviel Wert auf diesen Titel, daß er in vollem Ernst Respekt vor ihm verlangte, ja ihn sogar anwandte, wenn er seine Briefe unterschrieb. Glückselig glitt das Leben für das sonderbare Ehepaar auf Liselust dahin. Er wurde alle Jahr schmächtiger und zarter und zerbrechlich wie dünnes Biskuit. Sie hingegen wurde stets massiver und der Major behauptete, daß sie jährlich einen Zoll in die Länge und fünf in die Breite wüchse. Tas braudgelbS Haar stand Und sträubte sich um ihren Kopf, und das Gesicht dehnte sich wie Kautschuk, bis es schließlich einen Ausdruck bekam, als ob es bald in tausend Stücke springen müßte. Und ihr Korpus ging auch zu undenklichen Dimensionen auf, sodaß die Stufest zu den koketten kleinen Tempeln im Garten jedesmal unter ihrest Füßen barsten. Doch immer fand der Magister sie schöner, immer begchrcns-- toerter, immer neu und eigenartig. — 488 Und wenn sie zusammen des Weges kamen, sw keuchend und stampfend, mit glutrotem, apoplektischem Gesicht, — er schmächtig wie ein kleiner Knabe an ihrer Seite, in Seide und Lammet gekleidet, mit Mantel und Degen, deklamierend, schmachtend, — ja — da mussten alle, die sie trafen, stehen bleiben und ihnen nachsehen, und wenn sie außer Sehweite waren, in em schallendes Gelächter ausbrechen. , , , Und doch war cs das Gluck, das an ihnen oorbeiging. Denn lächelnd streut das Glück seine Gaben vor die Fuße der Menschen und lächelnd legt es sein Purpurgewand um seines Lieblings Schultern, — und lächelnd steckt es die Narrenfeder an seines Lieblings Ritterhnt. Schluß folgt.) vermischtes. * Die deutschen Vettern. Das von der D a il l) Mail herausgegebene Buch über Deutschland, das weiteren Kreisen des englischen Volkes ein „ivahrheltsge- treues" Bild von dem Wesen und der Kultur ihrer deutschen Vettern vermitteln soll, enthält auch für uns mancherler des Interessanten. Die nationale Sorge über Deutschlands kaufmännische Erfolge lebt zlvischen den Zeilen, die dem Wesen des deutschen Kaufmanns gelten. „Durch ehrliche Mittel hat sich der deutsche Kaufmann seineir Ehrenplatz in der Achtung der Welt errungen. Er ist sorgsam erzogen, gebildet, fleißig und unternehmend. Mit eiserner Entschlossenheit ringt er um die Triumphe auf dem Felde, das er sich auf dem Weltmärkte abgesteckt hat. Durch keine Verdächtigungen läßt er in seinen Erfolgen sich aufhalten. Die deutsche Konkurrenz kann nur bekämpft werden mit den gleichen Waffen, die Deutschland als wirksam erprobt hat. Zölle allein reichen nicht aus. Sie würden nur dem ganzen System des deutschen .Handels und der Industrie neue Waffen aufzwingen, diesem System, das da heißtsorgsame ^Erziehung, technische Erfahrung, Militärdienst, Sparsamkeit, Vorsicht, Ehrgeiz und Patriotismus. Das ist eine Kombination, die siegen muß." Der materielle Aufschwung hat jedoch nach dem Urteil der englischen Kritiker in gewissen Gesellschaftskreisen eine ivachsende Neigung zum Luxus gezeitigt. „Man lasse vor seinem geistigen Auge die Bondstreet am Vormittag erscheinen, die Säle des Carlion-Hotel zur Teezeit, den Raum des Coventgarden-Theaters bei einer Galavorstellung, und man hat das moderne Deutschland in einer Nußschale. Man füge dem Bilde die Erinnerungen an den großen Renntag des Ascot-Cup an, die endlose Kette von Automobilen und Equipagen von Piccädilly, die eleganten Wohnhäuser von West-Kensington und die Vergnügungslokale des Pariser Montmar.re, imb man kommt dem Deutschland, wie es ist, iloch näher. Alles zeigt lär- meiide Nachahmung, ist bizarr und übersteigert, aber das Bild ist realistisch genug, um das Schlagwort von der biertrinkenden Nation zu zerstören und an deren Stelle die Er- cheinung eines luxnsliebenden plutokratischen Volkes gn etzen. Dies Kaleidoskop von Reichtum und Eleganz be- chränkt sich ilicht auf Berlin. Gewiß tritt es in der Hanpt- tadt stärker zutage. Aber auch in einem halben Dutzend anderer Städte haben Seide, Federn und Champagner Bier und Wolle verdrängt; in Hamburg, in München, Dresden, Leipzig und Köln; überall hat der luxuriöse Geist des Deutschlands von 1909 die Gesellschaft ergriffen und hat die Einfachheit und Sparsamkeit der Vorfahren zu vergessenen Idealen werden lassen." Am klarsten spricht diese Entwicklung aus der Lebensweise der modernen deutschen Frau. „Sie sahren in prächtigen Automobilen, in eleganten Equipagen und sie kleiden sich von Kopf bis zu Fuß mit den kostbarsten Geivändern, die deutsches Gold erkaufen kann. Die es sich leisten können — und auch Tausende, die es nicht können —, wollen nichts mehr hören von Toiletten oder Hüten, die nicht aus-Paris, London oder Wien kommen. Die meisten sahren zu den fremden Modezentren, um dort ihre Kleider zu bestellen." Dieser Kritik einer „jungen Gesellschaft" fügen die britischen Beobachter andere Bilder an, die mit Anerkennung nicht geizen. „Der Aufschwung Deutschlands ist der Triumph des Kollektivismus iin Gegensätze zum britischen Individualismus. Der Genius Bismarcks konstruierte eine machtvolle Maschine aus einer gelehrigen, phantasielosen und geschmeidigen Volksmasse. Jeder Bürger hat im Staate seine sorgsam und genau bestimmte Stellung. Während in England der Bürger vom Staate ignoriert wird, ansgenommen bei der Steuerzahlung, ist in Deutschland der Bürger durch Erziehung und Ueberzeugung nur ein Teil des großen Ganzen, hat seinen festen Platz im sozialen System, seine Pflichten, seine Verantwortlichkeit gegenüber dem Lande, der Familie und sich selbst. Und das durchzieht das ganze Leben. Von der Wiege bis zum Grabe ist der Deutsche diszipliniert, so daß das Deutsche Reich heute dasteht als das vollkommenste Beispiel in der Welt für einen Triumph des Geistes über die Materie und die Unterordnung von allen unter die Interessen des Staates." * E i u Liebespaar. Ein offenbar sehr typographisch veranlagter Mitarbeiter sendet der „B. L. Ztg." unter dem Titel „HundStagsseuizer eines verliebten Schriftsetzers" das folgende „Gedicht": Ter Sonntag ist da. Sei, Liebchen, parat. Wir gondeln, und würdens auch heut nur sechs 0 Zum Grünewald! Wüßte sonst nichts Gescheut's, Ist auch die Bahusahrt hin ein h. Doch bliebst im Tiergarten du gern, So treff' ich dich am großen * Wir wandeln weiter dann selband' Und plaudern zärtlich in "3^30? Du prangst in deinem neu'sten Staat, Ein Hochgenuß mir im Wie bist du nett, vom seid'nen Blüschen Bis runter zu den „ " Ich fühl' durch dich so selig mich 9US hält ich permanent 'nen — Macht' mit dir fliegen durch den Aether, Und wärens tausend km Für dich bis ans Weltende renn' ich, Gab' hin iür dich den letzten Ja, wenn ein Fürstenthron mir wunkte, Ich halt' dir Treu in jedem...... Doch ob d i e auch bei dir, mein Schal, Der erste Liebes-Z Ach, Eiiersucht ist in mir stark, Kalt geht mirs durch ost bis ins