aW Ja uiij K N 'JÄl' 'M^"'I ». • mwMO 8WMNVK WWU,O 'EffM-: Spätinghof. Roman von K. u. d- Eide V,> (Nachdruck verboten.) (Schluß) Ian Thomsen legte sich ins Mittel. „Muß Ihr Sohn denn gerade zu seinem Onkel? Ich könnte auch ganz gut eine» jungen Mcmn gebrauch», auf Spätinghof, und lernen kau» er da auch etwas!" Die Frau überlegte noch. „Es ist nichts rechtes, Ivo keine Frau im Hause ist." „Das meine ich auch," sagte Jan. „Außerdem hat mir meine Tine das Versprechen abgenoinmen, daß ich heirate, ehe es Winter wird. Es soll nicht lange mehr dar. ... dann hat Spätinghof eine Frau, und das eine von den allerbesten." Frau Harbek reichte ihm die Hand über den Tisch. „Ich bin einverstanden. Ja, ja, Niels," sagte sie weiter mit einem leichten Seufzer. „Nun kommt bald die junge Welt ans Regieren, und wir sitzen dann aufs Altenteil hinter bei Ofen." Niels reckte seine sehnigen, behaarten Arme. „Hinter dem Ofen? Noch lange nicht!" Jan Thomsen wollte gehens aber das litt Frau Harbek nicht. Er mußte zum Mittagessen bleiben und Schinkenssuppe und Sauerbraten mitessen. Als er dann nach dem AaOee aufbrach, geleitete Niels ihn ein Stück.Weges fort. „'Na, Niels," sagte Jan beim Abschied, „denkst'du denn immer hier zu bleiben?" „Immer. Ich bin Dithmarscher geworden, Jan. Ich werde auch mal drüben zu liegen kommen, wo Tine liegt, hoffentlich nicht allzuweit von ihr. Ich habe gräßlich viel von ihr gehalten." „Warum habt ihr euch nicht geheiratet?" wollte Jan fragen. Mer er unterdrückte die Frage; mit einem kräftigen Händedruck schieden ,sie. Jan reiste noch an demselben Tage ab. Frauke blieb noch citttge Tage, weil Liese und Janne es so sehr wünschten. Sie half den beiden Frauen, die Spuren, welche die letzten traurigen Tage zurückgelassen hatten, zu vertilgen. Sie ging mit Liese zum Tischler, um ein Holzkreuz zu bestellen. Sie und Janne pflanzten Immergrün auf das Grab. Jannes Augen blickten schon wieder hell; ihre Wangen wurden wieder rosig. In ihrem jungen Herzen stritt die Freude über den Vater, den sie erhalten, und der sogleich einen Platz in ihrem Herzen gefunden hatte, sich mit der Trauer über den Tod der Mutter. Daneben keimte das süße, bräutliche Glück. Nein, sie konnte sich der Trauer nicht ganz und gar hingeben. Anders Liese. Sie war ordentlich still geworden und ging gebückt und leise im Hause umher. In der letzten traurigen Zeit hatte sie viel von ihrer ursprünglichen Grobheit eingebüßt. „Was machen wir bloß mit Tante Liese?" fragte Janne, „Wir können sie doch nicht allein lassen." „Hab keine Angst um mich," sagte Liese. „Ich schreibe noch heute an meine Schwester in Hainburg, daß sie mir Grete schickt, damit ich jemand habe, wenn du November nach Harbekshof gehst. Grete ist ein stilles, vernünftiges Mädchen, die kommt nicht so leicht auf dumme Gedanken." „Aber Grete ist doch nie so recht gesund, die kann dir doch nichts nützen." „Das ist es ja gerade. Ich muß jemand haben, für den ich sorgen kann, und ihr wird die frische Luft gut tun." „Du hast recht, Tante. Grete paßt für dich, besser als ich." „Ja, du bist ein Wildfang. Aber weißt du was? Ich werde mir meine alte Maschine icheder vom Boden her- unterholen. Sie hat ja ihre Nücke», aber ich kann doch nicht gut ohne sie fertig werden. Ich will mich wieder mit ihr vertragen. Sie soll »lieh trösten; denn sie hat meine Tine gut gekannt." Frauke Steffens »ahm Abschied. „Nicht wahr, Tante Liese, im nächsten Sommer besuche» Sie uns »tat auf Spä- tinghof? Sie sollen sehen, auch bei uns scheint die Sonne!" „Aber zuerst," rief Janne, „kommst du nach Harbekshof." „Nein," sagte Liese bestimmt. „Zuerst in die Marsch, ich muß doch mal sehen, ob die Marsch wirklich so aussieht wie ein Teller voll Grünkohl. Zu euch junges Volk komme ich erst viel später mal, wenn da mal eine junge Frau ihre Aufwartung haben muß." Janne wurde glühendrot. „O, du bitterböse Tante!" * Einmal »och vor der Abreise Mars Harbeks kamen er und Janne allein zusammen. Der öffentliche Abschied vor den Augen der Mutter würde, am nächsten Sonntag vor sich gehen. Daun würde Niels Liese und Janne iit der Kutsche abholen, und die Mutter würde Janne in die Arme schließe» und feierliche Worte sprechen. Aber ob Mars seiner kleinen Braut auch nur einen kleinen Kuß würde aufdrücken könne», das war die Frage. Deshalb »ahnten Mars und Janne jetzt schon vorweg voneinander Abschied. Es war auf dem schmalen Landwege, der von Helling- stedt »ach Dörpeln führte, auf 'derselben Stelle, an der sie sich int Frühjahr gefunden hatten. Die Büsche zu beiden Seiten des Weges zeigten schon gelbe Blätter. Die Schlehen reiften, und rote Vogelbeeren hingen über ihren Köpfen. Große Schwärme von Vögeln zogen über das Land. „Nächstes Jahr um diese Zeit ziehen ivir in unser Nest." „Du kommst nun zu ntement Vater und ich zu deiner Mutter; ist das nicht herrlich?" „lind Weihnachten feiern wir Verlobung; dann kommt dein Vater mit seiner neuen Frau nach Harbekshof." 346 „Ja, ich freue mich darauf. Ist! es nicht schön, daß ich so bald wieder eine neue Mutter bekomme?" „Janne, es wird doch ein schweres Jahr für uns beide." „Denk ans Ende, Mars, denk ans Ende!" In Witzwort gab es wieder mal ein großes Gerede. „Habt Ihr schon gehört, Ni.sche Heistersche, Jan Thomsen seine Frau soll tot sein." „Ist nicht möglich, Nasche Lehmbek, er trauert ja gar nicht." „Na, wozu auch, er hat ja kaum mehr gewußt, daß er noch 'ne Frau hatte." „Was sagen Sie dazu, Nachbar? Nun kann Jan doch endlich Frauke Steffens heiraten!" „Ja, das Aufgebot soll schon bestellt fein." „Ja, sie hängen schon im Kasten an der Kirchtür aus!" „Na, das ist man recht. Dann kann man doch wieder ans Spätiiighof verkehren. Solange keine Frau im Hause war, konnte unsereins doch nicht da kommen." „Wißt Ihr was, Nasche, Tine Thomsen soll gar nicht nach Amerika gekommen fein. Ganz in der Nähe, in Dithmarschen hat sie gewohnt." „Und eine Tochter soll sie hinterlassen haben." „Ja, sie soll aber ganz wunderlich zuletzt gewesen sein, ganz und gar menschenscheu." „Sie war immer schon nicht ganz richtig im Kopfe. Ob ihre Tochter ebenso ist?" „Nein, die soll nach dem Vater arten." „Was geht es doch doll her in der Welt!" So und ähnlich sprach man in Witzwort. Jan und Franke schritten durch das Gerede hindurch zum Traualtar. Sie ließen sich nicht auf dem Hofe, sondern öffentlich in der Kirche trauen, um zu zeigen, daß sie das Licht nicht d'u scheuen brauchten. Aber sie fuhren nicht in der Kutsche, sondern gingen den kleinen Weg zum Standesamt nach Lehnsmann Bartels Hof unb von dort zur Kirche zu Fuß. Frauke sagte: „Je einfacher iw- es machen, desto eher verzeiht man uns unser Glück." In der Kirche hatte sich eine große Anzahl Menschen eingefunden. Man war doch neugierig auf Frauke Steffens' Staatskleid. Man wollte sehen, ob Franke auch vor dem Altar den hellen Kopf noch so stolz trug, ob sie es wagte, einen Myrtenkranz zu tragen. Als das. Paar eintrat, hinter ihnen als Zeugen Niels Sänkst» und Klaas Nissen, gab es ein Getnschel. Frauke Stessens, die es wohl riskiere» konnte, sich das schwerste Seidenkleid anzuschaffen, schritt im schlichten, schönen, schwarzen Wollkleide zum Altar, und in ihrem hellen Haar hing eine Ranke Immergrün mit blauen Blümchen. „Das hat was auf sich," sagten die Leute und sahen sich bedeutsam an. „Immergrün bedeutet Treue," sagte ein kleines Mädchen auf dem Orgelboden. Der alte Pastor, der beide von Kindheit am gekannt hatte, hielt eine ergreifende Rede. Er hatte das Thema: „Selig sind, die reinen Herzens sind" gewählt. Und als er sprach, als feine Stimme sich hob, da blickte er über das Paar hinweg, hinüber zu denen, die auf den Bänken und auf dem Orgelboden mit neugierigen, schadenfrohen Gesichtern saßen. „Selig sind, die reinen Herzens sind!" Da wußte wohl ein .jeder, daß das etwas zu bedeuten hatte; es blickte aber jeder vor sich nieder. Mit einer Stimme voll Milde und Güte segnete der alte Pastor beit Herzensbnnd. Als die Feier zu Ende war und Franke an Jans Arm heraustrat, da kam dieser unb jener schüchtern heran und gratulierte, da flog ihnen manch freundlicher Gruß, manch herzliches Wort zu. Es war am Ende des Oktobers. Jan ging mit feiner jungen Frau Arm in Arm die Trift entlang. Es war ein schöner, klarer Spätherbsttag. ~ Die Bäume rings um den .Hof waren fast kahl, die ü eint en sähen bräunlich ans. Es ging zu Ende mit dem Gras. Nur die Spätings schimmerten int frischesten Grün; hrer fanden die rotbunten Kühe noch reichliche Nahrung. , „ Franke blickte zn Jan ans. Wie ans tiefen Sinnen dlrck. „Du hast eine alte Frau bekommen, Jan Thom, en." Er blickte in ihr Antlitz, das seit den letzten Wochen einen rosigen Schimmer bekommen hatte. Lächelnd deutete er auf die Spätings. „Sieh mal, wie grün die Spätings sind," sagte er. „Erst spät kommt das Gras heraus, aber bann bleibt es auch befto länger, unb wenn es überall schon öde und grau ist, dann sind die Spätings noch immer grün. So ist es auch mit unserem späten Glück." „Jan, Jan," sagte Franke, „wo hast du all die schönen Worte her? Jan, dn bist erkannt, dn bist ja ein Poet." Stolz und glücklich sah sie ihm in die Angen. Ta lachte er. „Franke, was bist du für ein kleines, süßes Franken; du machst deinem Namen Ehre." Arm in Arm schritten sie weiter, dicht aneinander geschmiegt. Dann blieben sie stehen und sahen einen Augenblick lang in die Ferne. Ihre Blicke wurden scharf und spähend. Am Horizont winkte ein Segel, nein, zwei, drei. Sie sähen sich tief in die Augen. Es waren dieselben sehnsuchtsvollen Augen, die einst aus Kindergesichtern in die Ferne schauten. Sie hatten beide einen Gedanken: Tort winkt das Meer, das schöne, ferne, nie gesehene. Laß es winken, wir halten unser Glück in Händen. Der Held. Von Wilhelm H o l z a m e r. (Schlich.) Voller Harmlosigkeit deutete sie dem Italiener dies und das in der Kegelbahn, wohin ihre Augen gegangen waren. Er sah hin — ihr Auge ging darüber ivegi Fast mit einer Rührung fühlte der Jean: die fleht zu den Menschen stumin und fromm. Er sah ihr lange zu. Und nun dachte er: sie ist doch raffiniert. Doch wie er sie nun weiter sah, hilflos, flehend, da schalt! er sich. Sie war doch herzlich, arm und bittend wie ein Kind. Keiner verstand ihren Blick. Blitzschnell ging er weiter. Eine Verzweiflung lag nun schon darin. Er wurde heißer und heißer. Er war fast (irr. Sie würde es nicht mehr aushalten können, sie würde sich ihm verraten. Und sie wäre verloren — er würde sie niederstechen. Ta sah sie zu. Jean. Sie sah seinen Blick. Sie zuckte. Einen Moment. Sie flehte, flehte, flehte. Ganz Kind. Einen Moment. Sie wusste schon, daß sie verstanden und erhört sei. Sie atmete auf. Ihre Brust hob sich. Ein Weiches trat in ihren Blick, legte sich über ihre Züge. Tie Spannung in ihr wollte sich lösen, sie fühlte es, nndi man sah es deutlich. Ta giug's wieder wie ein Schreck über ihr Antlitz, fuhr in ihr Auge. Sie raffte sich auf. Sie warb, warb, warb. Einen Moment. Einen heißen, tiefen Moment. Ter Seans rührte sich nicht. Aber sie verstand sein Auge. In diesem. Augenblick war sie nur noch Weib. Sie strich sich ein Stirnlöckchen von der Stirne hoch und glitt mit der Hand über die Augen. Sie lockte. Aber es war nicht gewöhnlich, cs war ein. unendliches Glück darin. Und sie musste die Augen schließen, sie mußte sie schließen. Sie war wie im Taumel. Ein Lächeln spielte um ihren Mund. Ter Italiener stieß sie au. „Prost!" sagte sie. Er tat einen' tiefen Zug. Aber in seinen Augen flackerte es. Er verfolgte jebe ihrer Bewegungen, jeden ihrer Blicke. Er lag auf der Lauer wie ein Luchsi. In dem Jjdan wär die Glick zur Flämme geworden. Sie schlug nun auf und wuchs hoch in ihm. Und er selbst wuchs dabei. Er fühlte seine Kräfte, und er fühlte sich ihr Meister. Er hatte, sich vorhin gefragt: wie bring ich dies Mädchen aus dieser Gesellschaft? Er fragte sich's nicht mehr. Er sagte sich: dies Mädchen muß aus dieser Gesellschaft heraus. Er hatte sich einen Augenblick geängstigt: kann dies Mädchen in dieser Gesellschaft rein geblieben fein? Es siel ihm ein — sie war ja zu kurz darin, sie mußte rein fein — sie war rein. . Er sah noch ihren flehenden Kinderblick, ihr ängstliches Werben. Immer sah er diese Äugen, diese Wimpern, die weit aufschlugcu, dre sich scheu senkten und schlossen, während die Hand von der Sterne herunter über die Augen glitt. Und plötzlich wußte er's: sie mußte sein werden! , z,öie muß mein werden!" rief's in ihm. „Ich will sie er- rengen!" Er stand aus — er ging wie im Traume. . Er kam sich viel größer vor als alle, viel stärker, viel toW tiger. Tee anderen sah er nicht, er war nur ganz von sich erfüllt. Aber ganz en ihr und nur in ihr. Als ginge er eine weite (strafte hm, war's ihm, in ein weites Land, ihr entgegen. Und 347 aller Widerstand war ihm' ein Spiel, spielend überwand er ihn — zmd sie sah ihm zu. Lächelnd, winkend. So ging er wie im Traumei Weit wär ihm die Welt ge-^ worden, und doch nur eine enge Bühne für seine Taten. Vornehm', stolz-gerüstet, ein glänzender Ritter — seine Jugend grüßte ihn. Tas Beste seiner Jugend — in seinem schönsten Lebensmomente. Er zahlte seinen Einsatz. „Ter Jean wirst! Hurra!" Er würde gewinnen, er wußte es. Siegen! Es war die größte Tat, die er jetzt vollbringen konnte. Er stellte sich in die Reihe, er wartete geduldig. Er sah gar nicht, was die anderen warfen. Tas war ihm gleichgültig. Es rief seinen Namen. Er trat vor — wieder wie im Traume. Er nahm eine Kugel. Er prüfte nicht erst. Tie erste beste nahm er und schob sie hinaus. „Hurra! Alle Nenne!" Sie lagen alle. „Alle Neune, richtig!" ries der Polizeidiener. „Zweite Kugel, Herr „Ober"!" rief der Lehrer. Jean schob die zweite. „Runde! — Bravo, Bravo!" „Ter hot Glick! Tunncrwetter! Der hat die Uhr!" „Runde, richtig!" rief der Polizeidiener. „Tritte Sugcl, Herr „Ober" — auf den König!" rief der Lehrer. _ „E fein Spritzkigelche jetzt", sagte einer wohlmeinend zum Jean und klopfte ihm aus die Schulter, „do kimmt kaner driwwer." Der Jean schob die dritte. Er zielte jetzt doch ein wenig. Zweimal zagte er. Tann beim drittenmal flog die Kugel. Fein mitten setzte sie auf. Drei Schritte lief er mit. „Der liegt!" sagte er und drehte sich um. In der halben Bahn tat die Kugel den ersten Sprung, gleich darauf noch einen, beim dritten „spritzte" sie'über den liegenden! Bauer, und der! König lag. „König!" „König, richtig!" rief der Polizeidiener. „Neun, Runde, König —" Ter Lehrer zählte dann die Würfe zusammen, aber der Lärm, das Hallo war so groß geworden, daß män's nicht mehr verstehen konnte. Jean schritt auf seinen Platz zu. stolz, hoch in die Brust geworfen. Tie Buchenauer brachten ihm' ein Hoch aus. Er schwenkte ihnen den Hut zu. „Tanke!" rief er. Dabei sah er die Anna an. Mit einem großen verschlingenden Blick, „Einen Humpen! Einen Humpen Wein!" Tic Anna strahlte. Ihr Blick hing an dein seinen, so tief, so innig, so eins. Tas Fremdartige, was ihr an dem starken und schönen Italiener so sehr gefallen hatte, das luitrbe jetzt ganz in Schatten gestellt von der! Kraft und Schönheit der eigenen Stamuiesart. Heiß entbrannt war ihr Herz. Doppelt heiß in dieser Stunde, da er sie aus ihrer Bedrängnis befreien, aus der Gefahr, in dick sie sich begeben, erlösen wollte. Sie war sein! Sie fühlte: der konnte sie fordern, -er würde es tun. Ihr Blick gab ihm alle Rechte auf sie. Sie zitterte. Nicht aus Angst — in glücklicher Erregtheit. Ten Italiener fürchtete sie jetzt reicht mehr. Ter ivar ihr gleichgültig. Sie vertraute voll auf den Jean. Wie es werden sollte, was werden sollte, wußte sie ja nicht, konnte sie nicht ausdenkeir. Am liebsten wäre sie ihm in die Arme gestürzt, hätte ihn geküßt, nur geküßt, geküßt! Aber sie tat nichts. Sie wartete auf ihn!. Er würde alles schon machen, dieser starke, stolze, umjübclte Mann. Der Italiener knirschte. Er sprach erregt mit seinen Kameraden. Er hatte erkannt, daß hier einer um sein Mädchen warb — daß er ihm den Mang ablaufen würdet Ja, daß er schon gewonnen hatte. Tie Italiener tranken rasch leer. . „Aus!" — zischte er — „amante mia; Anna!" flötete er nach. Sie gehorchte. Ta kam der Jean mit dem Humpen auf sie zu. Flamme ging zu Flamme. „Auf deine Gesundheit, Mädchen!" „Prost! — Bravo!" schrie's rings. Man hatte jetzt den Jean verstanden. „Prost!" Hinten rollte dumpf eine Kugel in die Vollen. Anna schlug die Augen nieder. Ter Jean tat' einen tiefen Zug. Tann reichte er den Humpen peilt! Mädchen. Ter Italiener Hatte die Anna schon am Arm. „Tie bleibt hier!" sprach der Jean, als ob er ihr Herr, ihr' Vater fei. Sic stand schon an seiner Seite und atmete tief ans. Tie Italiener waren doch verblüfft. Einen Augenblick wären sie sprachlos. Tann brachen sie in Fluchen aus. Tie Anna schmiegte sich eng an den Jean. Ter legte seinen! Arm um ihren Racken. „Wer will itum noch was?" Und groß stand er da. „Bravo!" rief's. Eben kam der Humpen mit dem Rest zurück. Ter Jean leerte ihn. Wie er trank, flog ihm ein Messer an den Augen vorbei. „Ha, ha!" sagte er. „Jetzt gilt's! Aber offen und ehrlich, Kraft gegen Kraft. Ein Schuft, der sich fein Mädchen nehmen läßt. Nun wer gewinnt!" Rasch hatte er die Anna, hinter sich auf einen sicheren Platz! gesetzt. Nun itand er zum Kampfe bereit. „Hier stehe ich — allons!" sagte er. Ein Italiener war schon gepackt worden. Ter habe das' Messer geworfen. Ter Polizeidiener war dazwischen gesprungen — er war machtlos. Von allen Seiten sausten die Hiebe. Stöcke, Gläser, Fäuste. Alles ging schon drunter und drüber. „Ehrlich!" rief der Jean, „Kraft gegen Kraft, nicht das Messer! Ein feiger Schuft, wer sticht!" Vor ihm rangen sie, in einem solchen Durcheinander, daß Frennd oder Feind schwer zu unterscheiden war. Nun sprang der Jean hinein. Wer von ihm gepackt wurde, fiel, den Freund befreite er, half ihm, den Verletzten riß er heraus. Keine Waffe hatte er, seine Faust, sein starker Arm genügten ihm. Ter verschmähte Liebhaber kämpfte wütend. Er suchte an den Jean heranzukommen. Und auch dem Jean luar’S recht. Jetzt hatte er freie Bahn. „Ach Gott!" schrie die Anna. Sie wußte, jetzt ging's auf Leben und Tod. Ter Italiener fiel den Jean an. Ter war aber gefaßt. Kragen, Rock, Weste, Hemd wurden ihm nur aufgerissen. Nun kämpfte er mit freier Brust. Er packte den Gegner an den Armen. Wie Eisenringe legt« er seine Finger um des Feindes Muskeln. Er drückte ihm die Arme in die Seiten. Ter Italiener keuchte. Anfangs leistete er Widerstand. Auf einmal ward er geringer. Aber der Jean war vorsichtig. Tie Krast des Gegners! konnte ja noch nicht erschöpft sein. Plötzlich schnellte er denn auch auf, den Jean, den er siegesgewiß wähnte, zu werfen. Aber der hatte ihn schon an der Kehle gepackt und zusammen- gerissen, daß er sich überschlug. „Hurra!" schrie's. „Der Jean hot gewunne!" Ter Italiener bäumte sich auf. Ter Jean hielt ihnt die Arme bei. Auch jetzt fürchtete er eine List. Ter Italiener warf sich auf die Seite. Er suchte nach feiner Messertasche. „Freundchen, Messer nicht!" sagte der Jean. „Steh doch einer dem Herrn „Ober" bei!" rief's. „Wenn der Kerl sein Messer erwischt!" „Nicht helfen, keiner helfen — Kraft gegen Kraft! So will ich gewinnen!" rief der Jean halb außer Atem dagegen. Und mit aller Kraft suchte er dem Gegner den Kjopf aiuf den Boden' zu zwingen. „Er hot gesiegt — gewunne! hoch der Herr „Ober"!" rief's! schon. ! Ta gellte ein Schrei. Er gellte furchtbar durch Mark und! Bein. Ein Menschenschrei — und doch kaum zu glauben, daß er aus einer Menschenkehle kommen könnte. „Ah — hui—u—u—io!" Tas schnitt, das riß, das psisf, das röchelte. Tas ging durch eine ganze Tonleiter, durch alle Vokale. Entsetzen machte alle starr. Ter Streit war aus. Ter Jean war rücklings hingeschlagen. „Schn—u—usst!" — stöhnte er. Einer der Italiener hatte ihm hinterrücks das Messer ins Herz gestoßen. Er stöhnte noch einmal — noch einmal warf er sich auf. Er schnellte hoch. ' Schwer und dumpf fiel er nieder. Dann lag er still, die Arme ivdit auseinander, Blut vvrmi Munde. Tie Italiener waren fort. In der Bestürzung hatte sich keiner nach ihnen umgeschen, selbst der Polizeidiener nicht. Unbemerkt hatten sie sich davon gemacht. Welcher hatte gestochen? Der Fiori nicht. Man stand nm beit Toten. Einer bückte sich nieder und legte dein Iran das Ohr atif bic freie Brust. „Er ist tot!" sagte er. Tie Anna saß auf ihrem Platz und weinte. Sic konnte nichts denken, nichts begreifen. Ter Jean war tot. Ter Jean war tot. Ta lag er — nie wieder würde er aufstehen. Tot, tot! Ztlidiensahri nach Trier. Am 27. Mai fuhren die Professoren I m m i s ch, K ö r t e und Strack nebst 40 Studenten nach Trier, um, wie in den letzten Jahren des östern, die alte Römerstadt, die Augusta Trevirorum, zu besichtigen. Trier, die älteste I deutsche Stadt, war als Residenz römischer Cäsaren schon — 348 — im 3. Jahrhundert n. Chr. mit allen Herrlichkeiten Und Prachtbauten ausgestattet, deren Drummer noch heute Staunen erregen. Hier haben Constantius Chlorus und sein größerer Sohn Constantin gewohnt und gelebt, von hier aus Spanien, Gallien, Britannien verwaltet, was die damalige Bedeutung Triers klar erkennen läßt. Der Wanderer, der vom Bahnhof aus Trier betritt, findet plötzlich mitten in der modernen Stadt einen großartigen, aus mächtigen Quadersteinen ohne Mörtel aufgerichteten Bau, die Porta nigra, die bekannteste Sehenswürdigkeit Triers. Mit Erklärung dieses Nordtors des viertorigen Trier begann der Gang durch die alte Kaiserresidenz. „Lassen Sie uns von der Seite beginnen, von ivo unsere Vorfahren dieses Römertor zuerst sahen, von wo sie immer wieder aiisturmten, bis es endlich ihren wuchtigen Angriffen erlag." Mit diesen Worten begann Museumsdirektor Dr. Kr ü g e r-Trier seinen Vortrag auf dem durch Germanenblut geweihten Böden. Staunend sahen wir die in die mächtigen Quadersteine geschlagenen Löcher, aus denen die wilden Söhne unserer Heimat die zur Waffenherstellung für sie so wertvollen Eisenklammern herausrissen, staunend hörten und sahen wir, wie rasch infolge drohender Germanengefahr dieser Bau errichtet, wie wild und stürmisch hier gerungen und gekämpft worden ist. Automobile und Wagen der elektrischen Bahn störten uns in unserer Betrachtung und wiesen energisch auf die Gegenwart. Niemand dachte bei den Leben und Geist atmenden Vorträgen Dr. Krügers und des aus Frankfurt gekommenen Prof. Dragendorff, daß schon 1600 Jahre seit dieser Zeit verflossen seien, so nah, so lebendig stand alles vor uns. Trotz des eiligen, mörtelfreien Aufbaues hat die Porta nigra, die int Mittelalter den Hauptteil der Simeons- kirche bildete, die Jahrhunderte überstanden; Römerbau und mittelalterlicher Bau sind deutlich voneinander unter» scheidbar. Von den drei anderen Toren Triers ist nur das Osttor vorhanden: nämlich das auch als Ausgangstor dienende mächtige Amphitheater. Leider hat die preußische Regierung voriges Jahr die Ausgrabungsarbeiten aus Mangel an Mitteln einstellen lassen, was um so trauriger ist, als das außerdem noch in Metz ausgegrabene Amphitheater durch Bahnhofsbauten wieder verschüttet iver- deu mußte. Stolz waren wir Hessen, als der Vortragende unsere hessische Regierung als die an Verständnis und Interesse für Belebung alter Zeiten an der Spitze marschierende bezeichnete, die hessische Regierung, die alljährlich Mittel zu derartigen wissenschaftlichen Reisen bewilligt, als Muster und Vorbild für andere empfahl, ein Lob, das seinen Höhepunkt erreichte in den Worten:Läge dieses Amphitheater in Hessen, eine Zierde römischer Zeit wäre aus deutschem Boden ausgegraben, ein Wallfahrtsort für Tausende, die sehen und lernen wollen, wie derartige Amphitheater eingerichtet waren, wo junge Christen, in der Schlacht gefangene Feinde, Löwen und Tigern, bereit Käfige übrigens noch recht deutlich, beinahe wie zur Benutzung vorhanden sind, vorgeworfen wurden, wo in weitem Umkreis Tausende saßen, um dem Kampf geschulter römischer Gladiatoren mit den wilden Bestien zuzusehen. Ein weiteres Bauwerk, auf das Trier stolz sein kann, sind die Thermen, d. h. die römische Badeanlage. Kem Bad der Neuzeit übertrifft diese, jegliche Anforderung befriedigende, Badeanlage. In riesiger Ausdehnung liegen die Thermen, zum größten Teil ausgegrabeu, vor uns, «ms zeigend, wie verständnisvoll das Römervolk derartige Bauten auszuführen verstand. Als Frigidarium, d. h. kaltes Bad, diente ein Saal von 54 Meter Länge und 20 Meter Breite, dann gabs darin ein Tepidarium, d. h. mäßig warmes Bad, dann ein Caldarium, d. h. heißes Bad, dann Aus- kleideräume, warme Schwimmbäder und derartige Einrichtungen mehr, alles genau und deutlich erkennbar. Wann hat hier wohl der letzte Römer gebadet? 388 u. Ehr. hört Trier auf, Kaiserresidenz zu sein, der stolze K a i s e r p a l a st, der im östlichen Stadtteil Triers liegt, zerfällt langsam. Von Konstantin gebaut, geben uns die hoch in die Lüfte ragenden Manern einen Begriff, wie herrlich, wie großartig diese Kaiserbnrg gewesen sein muß. Wie die Porta nigra beit Hauptteil ber Simeouskirche bildete, so dient die mächtige altrömische Basilika heute als protestantische Kirche. Auch ber Dom und die an- Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Bri grenzende L t e b s r a u e n k i r ch e wurden einer eingehenden Besichtigung unterzogen. Der im Dom untergebrachte Domschatz wurde durch einen Domprobst uns in freundlichster Weise erklärt. Im Trierer Provinzialmuseum, in das alle im Rei glerungsbezirk Trier sich findenden Altertümer abgeliefert werden müssen, verbrachten wir fast den ganzen zweiten Tag unserer zweitägigen Reise. Gern hörten wir den Vor-, trögen ber einzelnen Herren zu. Worte, bie ber Borstel-, lang entbehrten, gewannen Klarheit; Trümmer unb Steine, von Moos überwuchert, von Schutt bebeckt, sie gewannen Leben, sie sprachen in jetzt verstänblicher Sprache, sie er* zählten von vergangener Zeit. Was wir dachten, was wir fühlten, als bei der Ab* reise Trier unseren Augen entschwand, es sei ausgesprochen in den Worten: Nichts gleichet dir, o Trümmerheiligtum, In deinem Sturz noch ist dein Glanz zu lesen; Gefallene Stadt, was sag' ich dir zum Ruhm, Als die vier Worte: Dies ist Trier gewesen. Du eiust'ger Größe Bild und ew'ger Schmach, So reich, so schön trotz Alter, Zeit und Flammen, 9Hc wieder ganz entsteht, was hier zerbrach, Nie bricht, was hier noch stehet, ganz zusammen. ____________ F. H. Vermachtes. * Engländerei. Von Jahr zu Jahr mehren sich die englischen Fremdwörter in unserer Sprache. Englisch wird leider immer mehr und mehr Trumpf. Wie in früheren Jahrhunderten unter dem Einfluß der „galanten Mode" französische Wörter massenhaft in unser Deutsch eindrangen, so erleben wir jetzt eine Ueberflutung unserer Muttersprache durch englische Ausdrücke. Um diesem Hebet zu wehren, veröffentlichte von zehn Jahren Hermann Dünger einen in Deutschland sowohl wie in Amerika sehr freundlich aufgenommenen Vortrag: Wider die Engländerei in der deutschen Sprache. Jetzt ist von diesem eine völlig umgearbeitete und vielfach vermehrte Auslage erschienen unter dem Titel: Engländerei in der deutschen Sprache, Verlag des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, F. Berggold, Berlin, Preis 1,20 Mk. Wie stark sich leider, gerade wie einst die französische, so jetzt die englische Wörterschar in den letzten Jahren vermehrt hat, beweist zur Genüge der Umstand, daß das neue Buch säst fünfmal so gro» ist, wie das alte. _ In frischer, lebendiger Darstellung zeigt der Verfasser, wie diese englischen Wörter bei uns eindringen, in Namen und Geschäftsbezeichnnngen, im häuslichen und öffentlichen Leben, in Gewerbe und Handel, in Wissenschaft und Technik, in Schrifttum und Zeitungswesen, und ganz besonders int Sport. Neu hinzugekommen sind Abschnitte über Lehnwörter aus dem Englischen, Uebersetzung englischer Wörter und Wendungen, Engländerei in der Seemannsprache, fehlerhaftes Englisch, Einfluß des Englischen auf die deutsche Schreib- und Ausdrucksweise, Buchstabemvörter (Hapag, Damuka) und Kurzwörter nach englischer Art (Konsols, Osram). Das Buch verdient von allen, die ihre Muttersprache lieben, gelesen und beherzigt zu werden. Möchte es doch dazu beitragen, daß nicht gedankenlos immer neue englische Wörter eingeschmuggelt werden in unser geliebtes Deutsch! Ist es nicht wahrhaft albern, daß wir Deutsche von Globetrotters, Natives, Girls, Niggers, Snobs, Messenger-Boys reden, daß überall ge- engläitdert wird, vom Baby unb seiner Nurse bis zur Lady Pa- troneß und vom Vacunm-Cleaner bis zum Voeal Recital? Ist denn unsere so bildsame Sprache nicht noch immer so reich wie keine zweite auf der Welt? Sorge jeder an seinem Teil dafür, daß sie nicht auch zu einem so häßlichen Zerrbild werde, wie es gewisses amerikanisches Deutsch ist, von dem Dünger ergötzliche, aber im Grunde traurige Beispiele anführt! * Offenherzig. Gast /im Restaurant gegenüber dem Gerichtsgebäude): „Bringen Sie mir 'mal noch eine Flasche Champagner, Herr Wirt!" — Wirt (vertraulich): „Freigesprochen worden?" — Gast: „Nein — Offenbarnngseid geleistet." T-mschrätsel. Wand, Feder, Mans, Ader, Most, Sichel, Hebel, Kahn, Engel, Ohr, Asche, Degen. Die Anfangsbuchstaben nebenstehender Wörter find mit anderen Buchstaben derart zu vertauschen, daß man ebenso viele neue. Wörter erhält, deren Anfangsbuchstaben den Namen eines bekannten Philosophen ergeben. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Eines wisse, eines merk, Kraft wirds Dir verleihen: Glauben mußt Du an Dein Werk, Wenn es soll gedeihen. hl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».