Montag den 6. Dezember 7 / 1909 — Nr. H9I W^« v4W!^^Wssi mßÄ®Wii! uti S Z n MM«> EWK HFlhv' ^DMWW«8 Out' UMWWWZ RdWv ®id( - ■ Rheinlandstöchter. Roman von Clara Viebig, (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) „Doktor Müller hat den Hausschlüssel, aber Fräulein ^oerg nicht,' ivte kommt sie ins Baus? Ich ängstige mich!" Nelda ging unruhig ab und zu. Elf llhr. Bald stand sie- am Treppengeländer und leuchtete hinab bei jedem Schritt, der auf den unteren Absätzen erscholl; bald lag sie vorn in Schmolkes Stube im Fenster und spähte hinab auf die einsamer werdende Straße. „Sitz endlich still, Nelda, bit machst einen ganz nervös; sie imrd schon kommen!" . ' ,.±1 »Rein, nein, es ist ihr was passiert! Herr Sch mölke, bitte, lassen Sie uns auf die Straße gehen, vielleicht —। horch!" Es rappelte einer am Korridorschloß, Doktor Miller war's mit dem Drücker. Er zuckte lächelnd die Achseln, als ihm Nelda bleich und unruhig entgegeutrat. „Wo ist Fräulein Berg?" Sie gingen mit einander herunter und sahen sich um nach allen Seiten; sie fingen nur Marie ab. die, allein und ziemlich verstimmt, schon fünf Minuten vor Zwölf nach Haufe kam. „Es is nischt mit den Mannsleuten," brummte sie übellaunig im Aufwärtssteigen. „Am besten, inan legt sich in die Klappe!" „Fräulein Dallmer, ich möchte Ihnen -'wirklich ein Brausepulver verordnen," sagte Doktor Müller. „Sie sind so aufgeregt. Fangen Sie auch mit Nerven an? Wie kann man ich so ängstigen?! Fräulein Berg ivird in Schöneberg über Nacht bleiben, ich >— wirklich, ich begreife Ihre Angst nicht!" Wie vorhin zuckte er die Achseln und lächelte, abär sein Gesicht war totenbleich. Sie kam nicht. Alle gingen zur Ruh, nur Nelda saß allein im Berliner Zimmer, ein Tuch fröstelnd nm die Schultern gezogen. Nun gab sie die Hoffnung aus. Mit einem scheuen Blick auf den Regulator — es war fast zwei Uhr — nahm sie die Lampe vom Tisch und schritt den langen Gang hinunter zur Schlafstube. Ihre Schritte in den weichen Hausschuhen waren unhörbar, an der Wand glitt ihr langer Schatten mit; sie guckte scheu zur Seite — ging jemand nebenher? Jetzt kanr sie an Fräulein Bergs Stubentür vorüber; ihr war, als bliese ihr plötzlich ein kalter Hauch ins Genick, ein Grauen überlief sie. Zögernd legte sie die Hand auf die Klinke und trat ein. Da war das kleine Zimmer, das Bett, der Stuhl daneben, der Kleiderschrank; alles ordentlich, die Bettdecke grade gezogen. Nelda leuchtete umher — wo war Fräulein Berg? Nun, hier doch nicht! Ihr Blick fiel auf den kleinen Spiegel, das eigene, erschrockene Gesicht mit den großen Augen sah sie an, daneben erblickte sie einen Zettel, zwischen Glas .und Rahmen geklemmt. Es ivar ein abgerissener Papierfetzen mit kleinen, zierlichen Schriftzügen; hastig riß ihn Nelda herunter. „Liebes Fräulein Dallmer, adieu! Ich danke Ihnen für alle Freundlichkeit, ich wünschte, es ginge Ihnen sehr gut. Sie haben Mut — ich nicht. Seien Sie so gut, schicken Sie meine Kleider an meine Mutter: „Frau verwitw. Kreissekretär Berg, Wreschcn, Provinz Posen." In der Tasche von meinem schwarzen Sonntagskleid steckt ein Portemonnaie mit 30 Ml., das ist die Pension für den nächsten halben Monat, damit Ihre Mutter keinen Schäden hat; auch das Porto für die Kleider steckt dabei. Werzeihen Sie, wenn ich Ihnen Ungelegenheiten mache, rch —■" Nelda las mit flimmernden Augen — „ich kann nicht mehr. Bern Berg." „ Mit einem dumpfen Schrei sank Nelda auf den nächsten Stuhl, dann sprang sie empor und stürzte auf den Gang und riß die Tür zum Schlafzimmer auf. Eben war die Mutter erwacht. „Was, ivas ist los? Fehlt Schmolle was? Hast du geschricen, hast du die Lampe hingeworfen?" „Mama, Fräulein Berg —F-räulein Berg!" „Was ist denn? Mein Gott, die Wirtschaft!" Frau Rätin war schlaftrunken und ärgerlich. „Ist sie da?" „Sie — sie kommt nie mehr wieder!" Zitternd lehnte sich Nelda an die Wand, die Zähne schlugen ihr aufeinander. .ec FrühlingSfluten haben das Wasser des Kanals ge- schwellt/am Schiffbäuerdamm steht es hoch, schwarz und glatt, und der Laternenschein wirft am Abend tanzende Kringel darüber. Da hatten sie sie herausgezogen; das blaue, zerknitterte Frühlingskleid grau und getrübt von schlammigen Flecken; der modische Hut nicht mehr auf denr Kopf, nur das schwärze Haar in wüsten Strähnen um das traurig entstellte Gesicht. Wo war der Hut? Er schwamm, Gott weiß ivo, in die Spree hinein; mit dem nickenden Mohnblumenbündel spielen die Wellen, und die Fische mit den dummen, stummen Mäulern zupfen daran. Fräulein Berg hatte ihn sehr in Ehren gehalten und das mattblaue Frühlingskleid auch; sie hatte immer den Rock hoch gehoben, damit ja kein Schmutzrand ihn umsäume. Nun lag sie darin auf der Straße, am Rand des Kanals, umdrängt von Menschen, begafft, bestaunt, betupft. Knaben prügeln sich und erklettern den Laternen Pfahl, nur um einen Blick auf sie zu erhaschen; Weiber zetern, Männer machen ihre Glossen; Polizisten packen sie beim Kopf nnd bei den Füßen und schleifen sie ab, Das blaue Frühlingskleid schleppt naß und schwer durch den Schmutz. Das warIdas Ende. — —. _ Nelda lag fiebernd in ihrem Bett. Sie wär krank, -zum erstenmal seit langen Jahren. Nachts schrie sie, von entsetzlichen Traumen gepeinigt, gellend auf; Frau Rätin fuhr immer Zusammen bis ins innerste Herz. „Gott, Gott," klagte sie, „das hat man nun noch von der Berg, dem —. 762 greulichen Frauenzimmer! Die Nelda ist so angegriffen — „eine Nervenerschütterung" sagt der Doktor — und eine tüchtige Erkältung dazu. Vielleicht hat sie sich auch den Magen verdorben; ich hab' ja auch seit der Alteration immer Magendrücken. Kein Wunder! Nein, nein, ich gebe die Pension auf, einmal und nicht wieder — so ein Gesindel!" „Die Arme," sagte Nelda matt und preßte die heißen Lider über die Augen. Nur das Bild nicht sehen, das immer tind immer wieder cniftanchte! Kalt und starr und langgestreckt, so hatte sie im Leichenschauhaus gelegen, kaum wieder zu erkennen. „Neldachen, ne, das ist die Berg nicht, i tvo! Kommen Sie man lveg, es wird einem ganz übel," hatte Schmolke gesagt, an dessen Arm sie sich klammerte. „Doch, sie ist's!" Nelda streckte zitternd den Finger aus und drückte das Gesicht an die Glaswand, die sich trennend zwischen ihr und der Leiche erhob. Bor ihren Augen schwankte alles, die Glaswand, der ganze Saal. Das war nicht mehr Vera Berg, die da lag — das war sie selbst, Nelda Dallmer, deren verzerrtes Totenautlitz hinter den Scheiben grinste. Hatte sie nicht auch einmal das Leben von sich werfen wollen, zu feig, nun es zu ertragen? Das war der Rhein, der vor ihren Ohren rauschte; der Winterwind pfiff, Eisschollen rieben sich knirschend an einander — tot, tot, sich feig aus dem Staub gemacht, und nun da liegen, verzerrt, angegafft, ohne Weihe -es Todes — huh! Nelda hatte sich geschüttelt wie ein schwanker Baum, dem der Sturm die Krone zaust; sie hob abwehrend die Hände und schrie auf: „Nein, nein!" „Na, sehn Sie, ich sagte es ja schon! Die Berg hatte ’ne viel rundere Physiognomie, sie war auch 'ne ganz hübsche Person, die hier ist ja infam gräßlich!" „Sie ist es — sie ist es!" 9ie(ba klammerte sich fester an Herrn Schmoltes Arm. „Das ist Vera Berg! Ich — ich" sie griff taumelnd mit der freien Hand um sich — „ich i— kommen Sie heraus — ich" — Ihre Lippen zitterten, sie konnte nicht weiter sprechen. „Um Gotteswillen, Neldachen, 'raus mit Ihnen! Sie kriegen mir doch am Ende nicht ’ne Ohnmacht? Nanu, wer hat recht gehabt, habe ich nicht gleich gesagt, nich damit hem engen!" Geräuschlos glitt hinter ihnen die Tür zu, sie standen wieder draußen in freierer Stift, aber Nelda schwankte. Sie konnte nicht gehen, sie mußte sich an die Wand lehnen, ihre Knies drohten, zusammen zu brechen. „Na, na," tröstete Schmolke, „man uich so aufgeregt; gleich en guten Cognac genommen, det rappelt wieder! Sehen Sie, Kind, hätten Sie mich man alleine gondeln lassen, das ist nicht für's schöne Geschlecht. Puh, mir ist aber auch ganz eklig hier herum geworden, wahrhaftig!" Er rieb sich die Weste über der Magengegend. „Kommen Sie, daß wir uns ’nen Cognac zu Gemüte führen. Pfui" — er spuckte aus — „so eMg! Na, wir haben sie ja nun, da werden Sie wohl Rühe kriegen." „Nun kommt sie doch nicht in die Anatomie?" Nelda konnte kaum sprechen, die Zähne schlugen ihr wie im Frost Mfeinander. „Na ne, bei Leibe nicht! Denken Sie mal die Mutter, ’ne Kreissekretärin! Doch immer 'ne ganz honette Stellung, wenn sie auch in Meeschen ist. Ne, ne, die paar; lumpigen Märker schieße ich schon vor. Der da drin" — er wies mit dem Daumen über die Schulter — „ist das zwar ganz schnuppe." Er wiegte den Kopf bedauernd hin und her. „Arme Jähre!" Schmolke war doch wirklich gut! Er nahm eine Droschke und redete während der ganezu Tour auf Nelda ein; sie lehnte stumm, wie versteinert, in ihrer Ecke. Was waren das siir gräßliche drei Tage gewesen, ein Laufen zur Polizei, eine Aufregung, ein Gefrage! Der Polizeileutuaut ioar mehrmals selbst dagewesen. Heute morgen war die Meldung gekommen: „Eine weibliche Leiche im Leichenschauhaus eingeliefert!" Die Beschreibung paßte ungefähr. Kein Mensch wollte gehen, sie zu rekognoszieren. Frau' Rätin schrie laut auf und hielt sich die Ohren zu. Dr. Müller, der eigentlich, als Arzt, der Berufenste gewesen ioäre, hatte schon gestern, telegraphisch gerufen, nach Hause reisen Müssen; sein Vater war plötzlich schwer erkrankt. „Ich werde gehen," sagte Nelda fest. „Du — ?" Die Mutter geriet ganz außer sich. „Du gehst nicht, ich will es nicht, die Berg war sicher liederlich. Das fehlte noch, meine Tochter, ein Mädchen ans guter Familie! Vergiß nicht, der Papa war Regierungsrat! Was hast du in solch einer mediokren Umgebung zu suchen? Es tut mir ja sehr leid um die Berg; wenn ich nur wüßte, was sie gehabt hat? Ich ja, irgend einer hat sie fitzen lassen, so was soll öfters vorkommen. Wer weiß, am Ende ist sie auch im Dunkeln unversehens ausgeglitscht, oder sie hat eine Ohnmacht bekommen, oder es hat sie einer hereiugestoßen — ja, wirklich hereingestoßen — man muß das so erzählen, es wirst ja sonst auf uns ein häßliches Licht. Es wird sie einer hereingestoßen haben, ja, ja!" „Aber, .Verehrteste," sagte Schmolke, „bedenken Sie doch den Zettel, den Zettelt' „Ach ja, den Zettel!" Fran Rätin fuhr sich an den Kops. „Mein Gott, ich bin ganz verwirrt! Muß. einem! das noch passieren?" Sie rang die Hände. „Meine Pension kommt in Mißkredit, in das Zimmer zieht mir ja keiner! Nein, ich geb's überhaupt aus, ohne Mann, ohne Beschützer ist das nichts, jeder denkt, er kann auf einer armen Witwe herumtrampeln! Ich kündige, ich ziehe auf den Hof!" Sie weinte bitterlich. ,-Aber, Teuerste, Verehrtest«:!" Herr Schmolke trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, er konnte niemanden weinen sehen. „Seien Sie doch nicht so! Ich bin doch da, ich, Moritz Schmolke!" Er schnäuzte sich gewaltsam und hob bann mit zwei Fingern die herabgesunkene .Hand der Rätin in die Höhe. „Liebe Geheime, beruhigen Sie sich, ich bin ja längst nicht mehr für die Pension — wo wollen Sie wohnen? Berlin W natürlich. Und soviel Treppen sollen Sie auch nicht klettern, wozu? Gott fei Dank, wir habews ja; umsonst hat man sich fein Lebtag doch nicht geschunden. Und nu lassen Sie man gut fein; die liebe Seele muß Ruh' haben, ich gehe mit Neldachen — i wo, wir werden das Mächen doch nicht allein laufen lassen!" Nelda hatte ihn dankbar angesehen, sie sah ihn auch auf der Rückfahrt in der Droschke dankbar an, als er ihr Zusprach Md mit seinen roten, fleischigen Fingern jhre eiskalte Hand klopfte. Und doch schauerte sie — ivas hatte ihr toter Vater für eine feine, blau geäderte Hand gehabt, eine Hand, die so oft liebkosend auf ihrem Scheitel gelegen! Eine grenzenlose Sehnsucht nach dem Toteti überkam sie; nie würde sie zu dem hier „Vater" sagen -können, und er würde es verlangen, bald! Seit heute war ihr gewiß,, was sie bisher nur dumpf geahnt. Schwerfällig stieg sie die Treppen hinan; auf dein langen Gang schlich sie an der Tür der kleinen Hinterstube vorüber, es war ihr, als würde die anfgerissen — Vera Berg stand auf der Schwelle, triefend, mit langem Haar und schleppendem schmutzigen Kleid. So hättest du aus- gesehen, du — du — du----! In Schweiß gebadet warf sich Nelda anf’s Bett, ihr war sehr elend/ lieber ihr hing eine kleine schlechte Photographie des Vaters, auf die heftete sich ihr fiebriger Blick unverwandt. „Papa, siehst du mich? Papa, wenn sie inich so aufgefischt hätten? Was hätte ich dir angetan, verzeih!" --Ha! Klopfte es nicht, trat da nicht Fräulein Berg über die Schwelle, blaß wie der Tod?---„Rein, ich bin nicht feig, nein, ich will leben! Papa," schrie Nelda und bäumte sich kerzengrade im Bett auf. Und bann brückte sie sich in bie Kissen und zog schaudernd die Decke bis über die Augen. Wilde Phantasien jagten über sie hin. (Fortsetzung folgt.) Dar Neujahrsfest -er Chinesen.') Von Ernst Zeh, Gießen. Als Knabe las ich einst in einem alten Sagenbuchs von! beit heiligen Raucht ächten zur Zeit des Mittwinterfestes. Da! sollen dis Seelen und Dämmen durch die Lüfte ziehen und alle Götter durch dis dunklen Winternächte dahinbrausen. Wart, dachte ich, wenn dis heiligen Nächte herangekomnicn find, wandere ich einmal hinaus auf das dunkle Feld, ob nicht vielleicht mit Sturms gebraus hoch oben am Himmel der wilde Troß vorübersieht. Ich hatte von meinem elterlichen Hause nur wenige Schritte zu gehen, mit mitten in einem freien, fern vom Verkehr der Menschen gelegenen Gelände zn stehen, das von den ernsten und scl-wstg- famcn Nadelwäldern des Fichtelgebirges umsämnt wurde. In der Dunkelheit versinkend, lag hinter mir die lleme Stadt. Einsam, mutterseelenallein stand ich auf dem schneebedeckten Felde, über das ein scharfer Wind hinw eg fegte. *) Für einzelne Notizen bin ich Herrn Professor Forkel Berlin, zu Tank verpflichtet. — 763 — . Mit verhaltenem Atem lmrschte ich und! meine Augen schauten m dre schwarze Nacht hinein. Denn eS war ein Brausen in der Mft, em Raunen ringsum und hoch oben am Himmel zogen schwarze schatten tu zäher Hast vorbei, dem! nahen Walde zu- Mend Und ni meiner Knabenphantasie wurde das Rauschen hes^Mntersturmes zur Sprache der umziehenden Täuwueu und s"Eer, die schwarzen Wolken oben am Firmament waren sie selbst!. Biele xiahre waren verflossen, als ich glaubte, in den hei- rigen Rauchnachten den Zauberspuck mit eignen Augen gesehen M haben und vergessen war jene Rächt, als ich einst fern vom heimatlichen Laude plötzlich wieder daran erinnert werden sollte. . Seb stand in einer sternenhellen Nacht auf dem Hinterdecke emes Schiffes, das im Hafen lag. Rur die -Schritte des Wache haltenden Offiziers unterbrachen die Stille. Allein war ich wack nmteben, denn die tropische Nackt Ivar unendlich mild und eine xVlts «ist wehte so erquickend. Eine besonders festliche, feier- lrche «tinMung ergriff mich, als ich hinüberschante über eine Itteite Wasserfläche, über die sich die Nacht hserabgesenkt hatte. Wie ein Christbaum mit nnzähligeir Lichtern stand HvnMna über dem Meere und ab und zu huschte das Flämmlein, einest Bootes tote em GeiWein über daS Wasser. Feierlich still war die Nacht, märchenhaft der matte Schimmer der Lichter und,- >vie einst in der Veimat, glaubte ich, dast sich auch hier im fernen Osten, etivas fi.nl und heimlich vorbereiten müßte zu zaubrischem Tun, das dem kund wird, dessen Herz noch voll des süßen alten' Kinder- graubens ift. Und da ich wußte, daß für den .Bewohner des vftaswtlschen KvntimmtS weihevolle Mächte sich über sein Land legten, so wurde meine Stimmung doppelt angeregt — der Zauber der chmesifchen Neujahrsnächte war es, der mich so seltsam ergriff. Tas Neujahrsfest, sin-nien, ist das große Fest der Chinesen, rhr Weumachtssest, und Ivie bei uns in der heiligen Nacht auch in des Annen Hütte ein Tannenbäumchen in seinem Lichter- schmuck fümmert und Freude bereitet, so freut fick) zur Zeit des Reuzahrssestes in China jung und a!lt, reich und arm beS süßen AchiMms; selbst der arme Rikschakuli, der wie ein Pferdck-en fein.Wägelchen zieht und jeden anderen Tag so ungemein geschäftig ist, feiert mit und wenn es nur auf dem bescheidenen Sitz seines Wagens ist. Das chinesische Neujahrsfest ist das glänzendste aller chinesischen Feste und seine Dauer (vom 21. Januar bis zum 19. Februar! ist lange genug, nm bat Becher der Freude bis auf die Neig« kerren zu können. Freilich wird es nach den ersten Jübeltagew in der Kasse der armen Schilucker übel aussehen und die reu)tc AfÜMtvittivochsstimnuing auf bett Freudenrausch folgen, während di« mit Glücksgütern Gesegneten die Gelegenheit des Feierns, sv'lango es nur irgendwie geht, nicht vorübergehen lassen. So sah ich noch nach dem 19. Februar in Penang, dem Platze reicher Chinesen, ganze Scharen in den feinsten Seidengewündern hin- aufpilgerit durch die prächtigen Paluwuivalder nach deut in herrlicher Umgebung gelegenen großen Tempelbezirk tiön Ayer-Cttnm, l!M dort noch zu feiern und zu opfern. Schon die Vorbereitungen zum. Feste lassen uns ahnen, daß jeder Chinese alles aufwendet, um das Fest würdig begehen können. Selbst die Mühe des großen Reinemachens vor dem Haupttage scheut ixt der Chinese nicht und bei meinem Aufenthalte in Cantvn kurz vbr dem Feste wurde überall, auch in der kleinsten Mandschnhütte, geputzt und gesäubert. lind welch ein Leben und Treiben in Hongkong- vor dem Hauptrummel! Eine nngeheure^Menschemnenge, summend >vie ein Bienenschwarm, füllt alle Straßen und jeden Platz. Hat Matt Hvngiiottg in feinem alltäglichen Slraßenbilde gesehen, so kann Man sich nicht genug wundern, woher denn mit einem Male, Wie aus der Erde gestampft, diese Flut vott Zopfträgern kommt. Welch ein Treibett, welch ein Lärmen, Handeln, Feilschen seilbst im Keinfteit abgelegensten Winkel! Alles Erdenkliche wird da MM Verkaufe aus den Markt geworfen. Zunächst kann man* Mrs Nötige für das Fast selbst bekommen, seidene Gewänder, bunte Papierlaternen, Feuerwerkskörper aller Art, Biktualien, ausgestapelt in unheimlichen Mengen. Dann aber verkauft der Chinese, der an diesem Feste klingende Münze am meisten nötig hat, selbst von seinem eigenen Hab und Gut. Denn feiern >vill feder Chinese — das erfordert schon der Anstand — aber dies Verschachern des eigenen Hausgerätes, der sonst während des ganzen Jahres sorgsam gehüteten Kostbarkeiten, hat noch einen anderen Grund. Meist sind es verschuldete Chinesen, die ihre Habseligkeiten jedem Vorübergehenden attpreisen, um wenigstens nur das Geld zunt rechtzeitigen Bezahlen der Schulden einzuheimsen. Am Neujahrstage nämlich müfsett alle Schulden bezahlt sein, und der Gkäubiyer hat für beit Fall, daß sein Schuldner säumige ist, das Recht, tit die Wohnung des firmen Schuldners durch- Fenster und Türmt einzubrechen, umZich ein Pfand zu holen!. Tas märe aber immer noch nicht das Schilimmsts. Das für den Chinesen ganz Schreckliche! besteht darin, daß zugleich mit dem Eindringe« des' boshaften Gläubigers die bösen Dämonen mit ins Haus kommen Wunen — o wie fürchtet sich vor ihnen jeder Chinese! Tie Sorge und Angst, dis bösen Geister dann ständig im Hause zu haben, beherrscht den Chinesen so vollständig, daß er alles aus- metet, um diesem gräßlichen Schicksal zur entgehen. Was dem! Fremden da 'zunt Berkattfe angebvten wirb, ist nicht zu beschreiben, und^zMveilen suchet stch noch unter all dem Kitsch und Jabrs- mEplunder ern tmrtvollerer Gegenstand. Es ist eiue^ imp fiÄÄ'.fr'oIJ diesem Menschengewühl den aklererderA sick sten Kram tu den Laden, in den Bertanssbuden, ja sogar aus dem Boden der Gasten und Wmkel zum Verkauf angeboten zu sehen Und tote Mel Gegenstände, die sonst als Heiligtümer in der Samtlte gclteir, wandern tit die Pfandhäuser, die an diesen Tagen vollgepfropft fmd, tote tn München dieselbe« Institute vor dem. , ^a,ant Neuzahrstage braucht der Chinese Geld, Geld und nochmals Geld «« kommt es, daß in diesen Tagen ein Geld;- stuck auf den Chinesen einen unwiderstehlichen Zauber aus-M. Tritt man an den Verkaufsstand eines Chinesen Kran, st bringt er unter vielen Kotaus eine Unmasse von Sachen herangeschleppt, Bronzevasen, Specksteinschnitzereien, Teerholzfiguren, Terrakotta^ arbeiten; fragt man nach dem Preise, st ist er in die Höhe geschraubt, wie an keinem anderen Tage, aber während das Handeln mit dem Chinesen sonst nicht immer die leichteste Sache ist, greift man vor deut Neujahrsfeste blofi in die Tasche, holt ben blanken mexikanischen Dollar heraus, hält denselben dem! Chinesen vor die Augen und er langt danach mit fiebernder Hand, während man seine so leichten Kaufes erworbene „Porzell-mvaft mit blauer Unterglasurmalerei" in das fast schon volle Riffcha- wögclchen verstaut. Jstl Aron das Leben und Treiben in diesen Tagen an und rät ftch intere>saut genug, st fesselt besonders das Auge eine tiefe Farbenpracht ringsumher und die Maler bcS Orients in der ersten! Hälfte des 19. Jahrhunderts hätten hier neue Anregungen gewonnen. RirgendZ kann man sich den Farbenreichtum eines Straßenbildes lebhafter denken als in China in bett Tagen vor den ReujahrSnäcksten. Ta blitzt und glitzert es' nur st in den Läden von prächtigen, goldgetoebtcn Stoffen, bunten Papierlaternm, ttefanfglüheuden künstlichen Blumen, vom goldenen Zierat jnntl Schmuck des Hausaltars. Und wenn dann abends die Lichter aus al! die färben sprühenden Gegenstände fallen und das Spiel«« der Farben zu einem harmonischen Stetig von unerhörter malerischer Schönheit zusammenklingt, so gönnt mau gerne dem B»M die Freude, da auch für uns ein Teil davon abfällt. Und wenn wir auch in unseren! Gebräuchen dem chinesischen! Leben, Denken und Fühlen ferne stehen, st erfaßt ims doch der Reiz der Sage, wenn wir hören, daß in der Neuzahrsnacht selbst der Küchengvtt hinauf zum Himmel steigt und dort oben berichtet, was er während des Jahres am häuslichen Herd gesehen hak. ilm ihn zu bestimmen, im Himmel günstig über die Menschen! zu berichten, opfert man ihm, d. h. verbrennt vorher, um ffe zu vergeistigen, Pferde und Wagen für die weite Reise. 38er sich aber seiner Schuld und seiner int verflossenen Jahre bet- gangenen Fehler bewußt ist, streicht dem über dem Herd hängenden^ aus Papier verfertigten Küchengott eine süße Zuckermasse, die möglichst pappig ist, über die Lippen, damit sie sich nicht öffnen, können. Neben dem Kücheugott werden die Ahnen, die Pmastnl und Hausgötter verehrt. Wie jeder Hausvater, st opfert auch der Kaiser und fei«! .Hofstaat zuerst am Morgen des Neujahrstages dem Himmel und der Erde, den Gestirnen und dem Drachengvtt und in die Dnnk- gebete für das im vergangenen Jahre empfangene Glück mischt sich das Gebet um Segen für das neue angebrochene Jahr. Der Neujahrstag selbst ist dem engeren Kreis der Familie getoibniiet und ganz im Gegensatz zum Abend vorher ist es auffallend stille in ben Gassen. Nur der starke Geruch vom Weihrauch der ?bbo