My Samstag den 6. November Ei fi Ulf ioT I Li WWMW Rheinlandstöchter. Roman von Clara Viebig. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Sie ging dem Dorf zu, dann fiel ihr Plötzlich ein: wie kam er auf die Oberburg? Kein Schnee war geschippt; ein schmaler geländerloser Pfad über nackte Felszacken führte nur dorthin, selbst in besserer Jahreszeit schwindelerregend beim Blick in den Abgrund zu beiden Seiten. Welche Tollkühnheit! Unwillkür ich bl eb sie stehen und sah sich um — da, weit drüben stam,pfte schon seine dunkle Gestalt durch den Weißen Schnee. Nun kam die schlimmste Stelle, die kannte sie Wohl, die wurde in der Kinderzeit mit seligem Grausen passiert! Da war schon einer abgestürzt und hatte unten in der Schlucht mit zerschmetterten Miedern gelegen. Sie öffnete die Lippen: „Halt, Vorsicht!" Es war noch nicht gerufen, da drehte er sich um, als habe er ihren Blick gefühlt. Er riß die Mütze vom Kopf, schwang sich mit einem kühnen Satz auf den äußersten Borsprung der Felszacke und winkte. „Halloh — ho — ho, Fräulein Nelda!" Die Berge hallten wieder; wie Posaunenstoß drang die kräftige Stimme hinunter in die Schlucht, Schnee löste sich und polterte abwärts. Der kecke Mensch sprang mit gleichen Füßen in die Höhe und stieß einen zweiten Ruf aus. Ein Jauchzen waus. „Mle Knochen im Leib schlag' ich dem kaput" — Nelda glaubte Wohl, daß er dazu fähig wäre. Sie lächelte wehmütig — merkwürdig, daß sie schon an etwas anderes denken konnte! Seit sie hier, war es nicht mehr nur das eigene Geschick, das sie ganz und gar in Anspruch nahm. Die furchtbare letzte Zeit trat etwas zurück, Wohl dachte sie daran in jedem einzigen Augenblick, aber eine Entfernung war dazwischen. Die armen Eltern! Die Tochter war entflohen, und die beiden saßen nun so allein, die hatten gar nichts, was sie ablenkte. Neldas Augen füllten sich mit Tränen, des Vaters Gesicht stand greifbar deutlich vor ihr, bleiche und verfallen am Abschiedsmorgen; gesprochen hatte er nicht viel, sie, auch nicht geküßt, aber mit einem tiefen Blick in ihre Augen gesehen. Den Blick würde sie nie vergessen; er war vorwurfsvoll und entschuldigend zugleich. Und bei Xylanders, wie würde es da sein? Nelda preßte die Augen zu. Oh, keine Zeit, kein Ort, kein Mensch konnte das schwere Gefühl fortnehmen, das auf ihr lastete! Sie griff mit den Händen um sich wie ein Stürzender, der einen Halt sucht. Wo war eine Hilfe? ! Keine — keine — nirgend! — ---- Wie oft sie hier in dem Manderscheid läuteten! Es war Mittag, die Kinder kamen aus der Schule, mit offenem Mund starrten sie dem fremden Fräulein nach, Sie grüßten nicht, sie waren zu blöde; nur ein Größerer sagte recht laut, stolz auf seinen Mut: „Gelobt sei Jeses Christes!" Und Nelda antwortete mechanisch: „Irr Ewigkeit Amen!" II. Im Innen raum der Kirche geheimnisvolles mystisches Halbdunkel; es leiht dem Nüchternsten Poesie. Durch die bunten Fenster fällt kein Tageslicht mehr, nur ein mattes Schimmern. Es duftet nach Weihrauch urrd legt sich schwer auf Sinne und Gedanken. Fm Beichtstuhl ein monotones unverständliches Murmeln. Dort vor dem Seitenaltav kniet noch einer, bewegt die Lippen und kreuzt sich wieder und wieder. Die Himmelskönigin scheint niederzulächeln; die iveißen Lilienstengel in altmodisch porzellanenen Basen knistern leise im Zugwind, der feilt und dringlich durch die Fensterritze fährt. Die Flannne der geweihten Kerze flackert höher, die papiernen Blätter der weißen Blumen sind wie lebend. Aus geschwärzten Rahmen schauen alte Heiligenbilder. Nun neigt der Betende die Stirn bis auf die Fliesen; jetzt erhebt er sich, ein stumpfer Alter, wie mit aus Holz geschnitztem Gesicht. Er schlorrt hinaus und taucht die Finger in's Weihwasserbecken; er nimmt den Segen mit. „So ruhig, so befriedigt nach erhörtem Gebet", dachte! Nelda . Sie saß in der hintersten Kirchenbank, ganz allein. Warum war sie herein gekommen? Sie beantwortete sich das selbst nicht. In ihr war eine treibende Unruhe, eine mächtige Sehnsucht. Die Veränderung des Ortes machte teilten Eindruck mehr auf sie; alles alte war wiederge- kommen und quälte sie. Sie hatte ein unbezwingliches Verlangen, sich anzulehnen, die Hände um etwas zu legen, zu sprechen: „Hier bin ich, birg mich, gieb mir Ruh!" Sie preßte die Finger in ihrem Keinen Muff wie zum Gebet ineinander; nun legte sie die Stirn auf die harte Holzlehne vor sich. O dieses wehe Gefühl im Herzen, wann ging das weg? „Nie, nie," klang es ihr in den Ohren. So klang es alle Tage, was sie auch tat, wo sie auch war; es wurde zur Pein, kaum erträglich. Sie raunte sich todmüde in Schnee und Eis, etwas in ihr jagte sie — „wenn ich müde bin, werde ich Ruhe finden!" Sitz kletterte die steilsten Wege hinauf und rutschte sie wieder herab. In Schweiß gebadet, trotz der bittren Kälte, kam sie nach Haus; ihre Wangen waren rot, ihre Lippen glühten, thre Augen bekamen wieder Glanz, aber keinen Glanz, der wohl tut. Sie hatten ein unstetes llmherslackern tote bei einem, der den richtigen Weg nicht findet. Bürgermeister Dalmer war stolz auf die Resultate seiner Behandlung. „Sie wird frisch," schrieb er nach Koblenz, „braucht euch nicht zu sorgen, bekommt Backen wie ein Posaunenengel; Schlaf, Appetit vorzüglich. Ist Kern in dem Mädchen, beißt sich durch. Könnt' ich dem vermaledeiten Kerl nur mal begegnen! Möcht ihm gern meine Meinung auf gut Eiflerisch sagen." Zehn Wochen war Nelda jetzt in Manderscheid. Der 694 — Onkel hatte recht, sie sah wieder anders aus, das sagte ihr der Spiegel. Sie konnte auch lachen; ja, sie hatte schon gelächelt, als Heinrich Hommes zum Weihnachtsabend eine grüne, duftende Tanne aus dein Waid brachte, und Vefa mit kindischem Eifer bunte Papierketten schnitt, sang und schwatzte. Ja, die konnte lachen! Nelda empfand es fast mit Neid, lieber diese glatte Stirn schien nie ein Kümmer geglitten, nicht einmal ein trüber Gedanke; der 6raun» bezopfte Kopf war lachend unter jeder Wolke durchgeschlüpft. Wie machte bie'S nur?! Arm — eine Magd — die konnte nicht zwanzig Jahre gelebt haben ohne jede Bitternis! „Vefa, bist bu nie betrübt?" hatte Nelda eines Abends gefragt, als sie am Küchentisch lehnte, und die andre am giCrb mit den Töpfen rasselte. „Bist du nie betrübt?" „Ne — haha — nie!" „Aber du warst schon betrübt?" „O Jeß!" Das Mädchen zuckte die runden Schultern Und lachte, daß man den letzten blitzenden Zahn sah. „Dat sollt' mer fehlen! Emal, als mein erster Schatz untreu war, sein ech bald e so bitntm gewest; aber eweil nimmeh! Ha ha, warum sollen ech betrübt sein? Wie et is so is et; wann't Winter is, kann de Sonn net immer scheinen, aber se kömmt ja Widder ün denn un denn" — sie tat einen Atemzug, daß sich die volle Brust spannte, und schlug sich darauf '— „hier drinn sitzt ebbes, bat macht mich e so froh! Fräulein" — sie wandte Nelda das vom Hero-- feuer angeglühte Gesicht zu — „ech han alleweil en Schatz. Ha ha ha ha ha! Is et net dän, dann is et bau; mer muß nehmen, wat sich biet! Mannsleut giebt et ja genug. U>t wofor sein bann bie Mädercher ba?!" „Aber, IVefa!" „Jesses, wat dann, Fräulein? Sünd' is et net. Uit wenn et Sünd' wär, schön is et doch! Ei, un bann gehn ech in be Kirch un beichten, un ben Herr Kaplan gibt mer Gebekcher auf, ben Rosenkranz un die Litanei oder so ebbes, die beten ech, un dann is et all gut. Un dann bin ech froh un gesund wie bie Forellcher umieii im Bach, un wat be Leut sagen" — sie spreizte bie Finger an bie Nase und wirbelte sich auf bem Absatz herum — „itufen Herr Bürgemeister sagt, babran muß mer sich net kehren. Un selig werben ech boch!" War sie nicht schon selig? Die blühenbe Gestalt in bem einfachen Rock predigte Nelda eine Moral, bie mit ber angelernten nicht in Einklang stanb. Unb dazu bie starke Natur ringsum, bas Fernsein von der Welt, die Stimme im eignen "Herzen, bie nach Erlösung schrie! Wie in Angst konnte Nelda mit beiden Händen um sich schlagen — „nur nicht, nur nicht!" Es lvar etwas in ihr aufgewacht, was bis dahin geschlafen hatte: selbst die Küsse des Geliebten hatten das noch nicht geweckt. Unter denen war sie geblieben toie der unbetretene Schnee; vielleicht weil ihnen jenes Unbeschreibliche fehlte, was den Kuß zur intimsten Berührung, was den Mann zum Gatten macht, wenn er es auch noch nicht ist. Zum erstenmal hatte dies seltsame Gefühl bei ihr angeklopft, als sie an jenem Abend zu Römer eilte; als sie ben Raum betrat, ben er bewohnte; als sie üt zitternder Erregung bie Arme um ihn schlang, aufgelöst ift Bangen, Freude, Schmerz. Aber es hatte nur angeklopft. Stolz und Verzweiflung hatten das Gefühl erstickt, es war fortgeschwemmt worden von ihren Tränen. Manchen Abend lag Nelda wachend in ihrem Bett, draußen heulten bie Eifelwinde um's Haus und rüttelten mn Fenster; bie Einsame zog schaudernd die Decke fester um ihre Glieder. Sie fürchtete sich; wovor? Nicht vor dem Sturm, der die Dachziegel klappernd herunkerwars und die Straße entlang fauchte. Ihr wallte das Blut in ben Abern, ihr Herz hatte ein wildes Klopfen. Sie drückte bie Augen zu unb dachte an seine Küsse — nein, nicht an seine Küsse — nein, nicht an bie seinen, an Küsse überhaupt! Sie hob bie Arme unb streckte sich int Dunkel verlangend aus. Nicht nach ihm — nach einem überhaupt! Ihr Herz klopfte wilder, das Blut wallte stürmischer, eine brennende Röte stieg in ihr Gesicht; mit halbgeöffneten Lippen lag sie, Tränen bet Sehnsucht tropften aus ihren Augen. So schlief sie ein. Unb am Morgen nach wirren Träumen kam bie Scham, eine andre Scham, als bie sie empfnuben hatte nach ihrer Verschmähung burch ben Geliebten; damals war's noch! eine stolze Scham, jetzt eine tief erniedrigende. In banger Scheu faltete Nelda. die Hände und betete, betete mit heißer Inbrunst auf ber Flucht vor sich selber. Es war im Dallmerschen Haus nicht Mode, von Religion zu sprechen. Fran Zünglein hatte ganz recht, bei gemischten Ehen zerrt immer ein Teil den andren herum, oder beide sind lau; hier war das letztere der Fall. Er, der Regierungsrat, war weder Katholik noch Protestant, er hatte sich eine eigne Religion zurecht gezimmert. Unb bie gute Rätin ging unter in ben vielen kleinen Sorgen bes "Tages, die hatte nicht Zeit, himmlische Betrachtungen anzustellen, die rief den lieben Gott nur an, weil's doch mal Sitte war. Nelda lernte erst mit ber Liebe beten. Da schmeichelte sie um Gott herum wie ein Kind um ben Vater, sie wollte ihm was abbettefn; im höchsten Glücksgefühl hatte sie bie Haube gefaltet: „Gott, du bist so gut!" — nun, in tiefster Bedrängnis umherirrend, rang sie die Hände: „Gott, wo bist du?" Sie suchte, aber nicht in ber nüchtern verständigen Formel des Protestantismus. Um bie Kirche mit ber We.h- rauchslust unb ber mystischen Dämmerung schwirrten ihre Gedanken wie Falter um die Lampe im Dunkeln. „Da beten ech meine Gebetcher, den Rosenkranz un bie Litanei, bann is et all gut. Un selig werden ech boch," sagte biei Vefa. (Fortsetzung folgt.) Allerhand Wetten. Plauderei von M, Ko stak. Wenn man vom Wetten spricht, denkt man in der Regel zuerst an die Söhne des stutzen Albions, deren traditioneller Spleen sich auch auf diesem Gebiet gern äußert. Wo ein sportliches Spiel irgendwelcher Art staltfiildet, wo zwei Schachspieler um die Palme des Sieges ringen, ja, wo zwei Straßenjungen sich prügeln, da knüpfen auch die Engländer, sofern welche zugegen sind, eine Wette hieran. Doch ist es nicht diese Art des Wettens, von welcher ich reden will, sondern vielmehr jene andere, die das Vollbringen irgend einer seltsamen oder tollkühnen Haiwiung zum Gegenstände hat. Wieviele Engländer, freilich auch Amerikaner, haben nicht schon ihren Versuch, durch den Niagarafall zu schwimmen, mit bem Leben gebüßt! Ich selbst war einmal vor einer Reihe von Jahren zugegen, als ein Untertan König Eduards sich vermaß, augesichts des heranbrausenden Eiseubahnzuges eine bestimmte Anzahl von Malen auf seinem Bicycle über die Schienen zu radeln. Er ging eine hohe Wette bezüglich des Gelingens seines wahnsinnigen Unternehmens ein und — gewann sie. Viele seiner Landsleute waren anwesend, aber Niemand legte ihm ein Hinderius in den Weg, im Gegenteil fanden sie die Idee köstlich und benutzten sie ihrerseits zu Wetten. Mit der Aufzählung ähnlicher Kraftstücke könnte man Bände füllen. Eine Weite, die zwar nicht gefährlich, aber humoristisch und originell war, bestand darin, daß ein Engländer sich verpflichtete, während einer vierwöchentlick>en Tournee durch deutsche Bäder kein einziges Mal ein Haus durch die Tür zu betreten. Er stieg überall durch das Fenster ein und führte, um dies bewerkstelligen zu können, eine Leiter mit sich. Man möge sich das Er'staunen der Hotelgäste vorstellen, die, wie sie z. B. in einem im ober« Stock gelegenen Speisesaal an der Table d'hote saßen, plötzlich einen Tischgast durch das Fenster erscheinen sahen. Ueberall erwiesen sich die Wirte bem Beginnen des betreffenden Englis hinan feindlich, sie wiesen ihn aus, machten bei der Polizei Anzeige gegen ihn, aber umsonst — seiner Energie gelang es dennoch, den Sieg zu erkämpfen. Wiederholt soll er auch zu nächtlicher Stunde von seinen Freunden in einem Korbe von außen in die oberen Etagen hinanfgezvgen wurden fein. Ein anderer, ber gewettet hatte, in acht Wochen die Schweiz zu durchreisen, ohne ein Wort zu sprechen oder zu schreiben, gewann bie Wette jedoch nicht. Er bediente sich, um in. Gasthäusern, Billetschalteru usw. seine Wünsche auszw drücken, lediglich der Zeichensprache, doch wurde er bereits am zweiten Tage polizeilicherseits in ein Irrenhaus gebracht, uni dort hinsichtlich seines Geisteszustandes beobachtet zu werden. Nun hätten freilich seine.Bekannten, die ihn begleiteten, um zu konstatieren, daß er sein gegebenes Won hielt, ihn durch. Enthüllung des wahren Sachverhalts leicht befreien können, aber nach dem zwischen diesen und ihm geschlossenen Pakt war dies ungültig. Niemand durfte ihm durch eine Erklärung solcher Art sein Vorhaben erleichtern. Ein Pendant zu dieser Wette bildet auch! jene, bei der jemand sich anheischig gemacht hatte, eine weite Tour ohne einen Pfennig Geld in der Tasche zurückzulegen; diese ist wohl öfters, unter leichteren unb schwereren Umständen, mit und ohne Erfolg zum Anstrag gebracht worden. Es gibt überhaupt eine ganze Anzahl von Wetten, die — und zwar in beit verschiedensten Ländern und Gegenden — schon so und so oft gemacht worden sind und immer wieder von neuem gemacht werden. Zn ihnen gehört die traurige, bei ber ein Mensch sich verpflichtet, zur Mitternachtsstunde mutterseelenallein 695 — auf den Kirchhof zu gehen. Ich nenne sie traurig, da sie regelmäßig einen unglücklichen Ausgang nimmt. Tausende, ja, ich möchte fach sagen, der dritte Teil der Menschheit hält sich für überzeugt, ein solches Beginnen ohne Schwierigkeit ausiührcu zu können- aber keiner, der sich dessen rühmt, kann es, ja, die Erfahrung lehrt sogar, daß Leute, die ihr Heimweg durch lange . Zeiten hindurch über einen Friedhof geführt hat, ihn nicht, ohne da,; ihnen etwas passiert, durchschreiten können, sobald sie es auf Grund einer Renommage tun wollen. Ihre Phantasie wird dann so erregt, daß sie ein weißes Kreuz für ein Gespenst halten oder sonstwie das Opfer einer Täuschung werden, Unendlich viele haben ihren Vorwitz schon mit dem Verlust ihrer Vernunft, ja, Mit dem Leben bezahlt. Ebenso fallen auch jene Wetten, die unsinniges Trinken zum Inhalt haben, fast immer unglücklich ans. Sie waren in meiner Kindheit unter deni ostprenßifchen Landvolk sehr beliebt, und mein Vater, der an der Ostmark unseres Vaterlandes Arzt war, erlebte in seiner Praxis ziemlich alljährlich einen <;all der Art. Manche der Trinker starben, manche blieben auch leben, aber kränkelten seither. Da ich gerade bei den Wetten bin, bei deren Folgen meist ein Arzt zugezogen werden muß, will ich noch eilte unglaubliche, aber buchstäblich wahre Geschichte erzählen. Ein Büchsenschmied, ein etwas wüster, aber geradezu genial veranlagter Mensch, hatte mit seinen Zechkumpanen gewettet, daß es ihm nichts schaden würde, wenn mau ihnt die Beine mit Spiritus übergösse und anzündete. Die guten Freunde taten nach seinem Begehr, und der Mann wurde für zeitlebens ein Krüppel. Um ihm das Leben zu retten, mußten beide Beine amputiert werden. Eine ebenso tolle, tote gefährliche Wette ist seinerzeit der bedauernswerte König Ludwig von Bayern, der später mitsamt dem Psychiater Gudden einen tragischen Tod im Starnberger See fand, eingegangen. Er wettete — und mit ihm noch sechs vornehme junge Bayern — daß er neun Tage und neun Nächte leben könnte, ohne zu schlafen. Die Sieben versuchten sich auf jede Weise wach zu erhalten — sie tranken Unmassen von starkem Kaffee, badeten kalt, verbrachten die Nächte auf dem Pferd usw. — aber alle wurden von Gott Morpheus übermannt, alle — mit Ausnahme des dazumal noch sehr jungen Königs. Einer der jungen . Edelleute soll von der furchtbaren Nervenabspannung ein .lebenslängliches Siechtum davongetragen haben, von einem zweiten erzählt man, daß er an bett Folgen der unsinnigen Wette gestorben, sei. Ebenso wie der Sterbliche nicht lange den Schlaf zu entbehren vermag, so kann er auch der leiblichen Nahrung nur für kurze Zeit entraten. Dennoch sind die Wetten, auf Grund deren jemand tage- und wochenlang zu fasten verspricht, gar nicht selten. Das . Hauptkontingent zu diesen seltsamen Wettenden stellen bekanntlich die Italiener. Die Hungerkünstler werden fast ausnahmslos unter Welschlands blauem Himmel geboren. Oft haben sie ihre Wetten gewonnen, aber meist — wie es sich hinterher herausstellte — durch Schwindel. Viel häufiger sind unter den Wettenden indessen die Bielesser, als die Hungerkünstler. Ta kannte ich einen Studenten', der gewettet hatte, dreißig Paar Wiener Würstchen zu essen, ohne etwas dazwischen zu trinken, und der seine Wette nicht nur gewann, sondern unmittelbar darauf noch drei Portionen Königsberger Fleck, ein Pfund rohen Schinken und zehn Stück Mohnkuchen! verspeiste. Ein anderer verzehrte sechs Pfund Schweinei- braten> ein dritter für fünf Mark Küchen, den seine Freunde jedoch für ihn ausivählten. Natürlich fiel ihre Wahl nicht auf kostspieliges Gebäck, sondern auf die billigsten Hefeküchen. Ein halbwüchsiger Zunge verspeiste sechs Liter rohe Zwetschen und gewann damit von seinen Kameraden eine schöne Briefnmrkensammlüng. In anderen Fällen freilich sind den Eßkünstlern ihre ungeheuerlichen Leistungen auch recht schlecht bekommen. Immerhin wissen diese Leute doch ivenigstdns annähernd-, was sie sich zumuten dürfen. Was aber soll Mau dazu sagen, wenn jemand sich vermißt, etwas zu sich zu nehmen, dessen Beschaffenheit und Wirkung er absolut nicht kennt? So wollte sich z. B. ein mecklenburgischer Ackerbürger nicht davon überzeugen, lassen, daß man Fleischextrakt nicht ungestraft in beliebiger Menge verzehren könnte. Er wettete darauf, daß er ein halbes Kilo davon verspeisen würde, und ließ seinen Worten die Tat solgen, aber fünfzehn Minuten später war er — eine Leiche. Noch toller trieb es ein superkluger Oekonom, der an das- Vorhandensein und die Gefährlichkeit der Trichinen nicht glaubte und eine große Quantität von Fleisch, in dem dieselben nachgewiesen waren, buchstäblich verschlang — eben auch auf Grund einer Wette. Natürlich erkrankte er an Trichinose und starb. Alle diese Wetten basieren, streng genommen, aus einer Renommage der Betreffenden, einer anderen Kategorie von Wetten liegt eine gewisse Menschenverachtung zugrunde. „Es gibt nichts, das zu wahnsinnig ist, um Gläubige zu finden," pflegte ein Franzose zu sagen, der sich durch eine Reklame caNz sonderbarer und lächerlicher Art ein Vermögen, erworben hatte. Er erließ in den Zeitungen ein Inserat, in dem er Käufer für einen von ihm erfundenen! Wärmstein suchte, welcher, ohne daß man ihn zu erhitzen brauchte, Und dessen Größe wenige Quadratzentimeter betrug, angeblich große Räumlichkeiten erwärmte; man hatte nichts weiter zu tun, als dies Juwel in ein Zimmer zu lagen, um es völlig, zu durchheizen, Md nie, auch in Jahrtausenden nicht, sollte es seine wärmende Kraft verlieret!. Dabei betrug sein Preis' wenige Centimes. Im Sommer sollte man den Wunderstein tief in die Erde vergraben, um nicht im Hanse eine infernalische Hitze zu entfalten. Ter Erfinder dieser albernen Mär ivettete, daß ttotz des offenbaren! Wödstnns der Sache ungezählte Menschenmengen darauf hineinfallen würden, und siehe da, der Erfolg gab ihm recht, denn! viele Tausende von Bestellungen des Steins liefen bei ihm ein. Zum Schluß will ich noch eine Mette erwähnen, bereit Ausfall Nicht sonderlich schmeichelhaft für bas weibliche Geschlecht ist. Ein mährischer Herr gab einem Heiratsvermittler dm Auftrag, eine Frau für einen Mann zu suchen, der taubstumm, blind und nahezu schwachsinnig fein und weder Beine noch Arme besitzen! sollte. „Ich setze 50 Flascheti Champagner darauf ein, daß der illusorische Krüppel eine Gattin findet," sagte der Mähre. Es sanden sich Freunde, welche die Wette hielten — zu ihrem Leibwesen, denn das selbstverständlich tiicht existierende Menschen- wrack fand unter der zarten Hälfte der Sterblichen nicht nur eine Liebhaberin, sondern deren sieben, welche sich erboten, ihm durch treue Fürsorge Augen, Ohren, Mund, Arme usw. zu ersetzen. Ter Mähre gewann somit seine 50 Flaschen Sekt. Da§ Täschchens Voll R v d a R o d a. Ich saß einmal mit Claire im Cafo Barnils zu Nizza. Am andern Tisch ein paar Herren. „Warum die Trottel Französisch spreche», wenn sies nicht können?" Claire wußte Bescheid. — „Es sind Fremde," sagte sie, „jeber ist aus einem andern Land. Irgendwie müssen sie sich verständigen, da neben sie eben Französisch." In ber Ecke hatte eine Dame gesessen. Zahlte und ging und vergaß, ihr Täschchen milzunehmen. Zuerst bemerkte es der Engländer, kümmerte sich nicht barttrn und schwieg. Der Franzose sprang wie ein Hase auf. — „Quelle bonheur," ries er, „ick werde macken mit-ihr Begauntssnft." Und eilte der Dame nach. „A so a Schuß!" sagte der Oesterreicher. „Rennt der Person nach uu laßt ’<3 Taschel erseht recht liegen! Geben mirs halt in Kellner — sö wird sichs scho holen." „Nee," entschied der Preuße, „ick tchage et zur Polizei tut valauge bett jesetzlichen Fmdalohn." Ter Russe blickt das Täschchen scheu und- begehrlich an. Ter Rumäne log, bie Dame wäre seine Schwester. Man sollte ihnt bas Täschchen nur ruhig anverttauen, er wolle es ihr wieber- gebeu. „No — wann f’ seine Schwester is?" sagte ber Oesterreicher. „Alsdann, meine Herren, is doch ganz einfach: natürlich, mir geben eahms." Man suchte das Täschchen — es war nicht da. Ich hatte es ganz deutlich gesehen und kann's beschwören: der Grieche hatte das Täschchen gestohlen. Man durchsuchte ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Er ließ es, bleich und feig, geschehen. — Nichts. Und behaglich schlenderte unterdessen der Japaner zur Tür hinaus und pfiff sich eins. * Schiller im Kolleg. Tie alte deutsche Nniversität'K- stadt Jena ist eine kläffische Stätte der Erinnerung an Schiller. Verlebte er doch von den 45 Jahren, die ihm geschenkt waren, 10 volle Jahre in der ehrwürdigen lUtusenstadt. Am 26. Mai 1789 hielt dort ber junge Universitätsprofessor seine erste Vorlesung, und er selbst war über diese Antrittsrede offenbar sehr befriedigt, denn zwei Tage später schrieb er an Körner: „Vorgestern, als den 26., habe tch endlich das Abenteuer auf dem Katheder rühm!- lich und tapfer bestaubst und gleich gestern wiederholt . . . Unter lautem Pochen, welches hier für Beifall gilt, bestieg' ich ihn und sah mich von einem Amphitheater von Menschen umgeben." Und zum Schluß des Berichtes heißt es: „Meine Vorlesung machte Eindruck, den ganzen' Wend hörte man in der Stadt davon reden, und mir wider fuhr einei Aufmerksamkeit von den Studenten, die bei einem neuen Professor das erste Beispiel war. Ich bekam eine Nachttmisik und Vivat würde dreimal gerufen." Fast demonstrativ begrüßten also die akademischen Hörer den „neuen Professor". Aber unter den treuesten Anhängern Schillers' gab es einige, die ihn trotz aller Bewunderung lieber lasen, als hörten. Große Dichter sind nicht immer große Redner. Auch Schiller war kein geborener BvrtragsMeister: schon seine Mundartliche Anst- sprache war ihm im Wege, und das machte sich ans dem' Katheder besonders bemerkbar. Ram-mtlich der Norddeutsche konnte sich an diesen Dialekt des schwäbischen Dichtergelehrten nicht gewöhnen. Aus jener Zeit ist uns ein bisher nnbekanutes Zeugnis erhalten, das ein drastisches Licht ans Schillers Vorlesungen wirft. In beit Jahren 1790 bis 1792 studierte in Jena ein gewisser Karl RechliN aus Lübeck, der sich später als Schriftsteller einen Namen mochte. *) Aus einem demnächst bei Schuster & Loesfler, Berlin, erscheinenden Buch „Schwefel über Gomorrha" von Roda Roda. 696 Seins Erlebnisse und Eindrücke schrieb er getreulich seinem Mid- schüler und Freund Karl Georg Eurtius, und in einem solchen Bericht ist auch von Schiller die Rede, den er gerade gehört hatte. Eine besondere Aufmerksamkeit verdieirt dieser Brief dadurch, daß er bisher unbekannt geblieben und nicht zur Veröffentlichung gelangt ist. Hier heißt es: „Eben komme ich aus einem Collegium von Schiller. Ich will Dir Deine Vorstellung nicht rauben, die Du Dir ton dem Manne machst. Doch ist weit besser, Ihn zu. lesen, als zu hören. Ein feiner, wohlgebildeter Mann. Was .er liest, ist vortrefflich: doch wie er liest — ein unausstehlicher Dialekt, eine -oft überaus falsche Deklamation, eine unangenehme Ausrede. Lies seine Thalia. Ein vortreffliches Journal. Ich lese es jetzt. Er wird wohl nicht lange bleiben. Zu seinen Vorlesungen haben sich nur 29 unterschrieben, und neulich hat man ihm sogar die Lichtschcere entwandt." Aus dieser etlvas burschikosen und respektwidrigen Kritik geht hervor, daß der Sohn der norddeutschen Tiefebene keinen gewaltigen Eindruck von dec Vorlesung des Süddeutschen Schiller empfangen hat. Außerdem scheinen die übermütigen Musensöhne selbst vor diesem Großen bald ihre heilig« Scheu überwunden zu haben, wenn sie ihm den Schabernack spielten und ihm die Lichtscheere Wegnahmen. So mußta sich Schiller wohl manchen Studentenstreich gefallen lassen. Er war ja auch — Professor. * Künstler und Kritiker. Das unblutig verlaufene Piswlenduell zwischen dem bekannten Pariser Dramatiker Henri Bernstein und einem Theaterkritiker, der das jüngste Werk des Tkeatcrdichlers scharf angegriffen hatte, rückt die vielumstrittene Frage von dem Verhältnis des Künstlers zu feinem Kritiker wieder in den Vordergrund des Interesses, eine Frage, die gerade in den' letzten Tagen auch bei uns mannigfache Erörterungen hervor- gernsen hat. In diesem Zusammenhänge wird eine amüsante Reminiszenz aus vergangenen Zeiten interessieren, die der Gil BlaS erzählt. Zur Zeit des ersten französischen Kaiserreiches Hatto Geoffrvy, der geistvolle Kritiker des Journal des Täbats «inen hartnäckigen Feldzug gegen Talma eröffnet. Ter berühmt« Tragöde, der Liebling Napoleons, wurde der nicht immer ganz gerechten Angriffe schließlich müde und als er eines Tages den Kritiker wieder im Theater sitzen sah, eilte er erregt in die Loge und wollte Gvoffrvy aus der Loge ins Foyer zerren. Aber der Kritiker bewahrt« seine gewohnte kühle, nonchalante Sicherheit. „Sind Sie Polizeiagent?" fragte er gelassen den zornigen Mimen, „dann werde ich Ihnen Folge leisten. Wenn Sie kein Polizeiagent sind, müssen Sie mir gestatten, an meinem Platze zu bleiben." „Sie sind hier bei mir!" antwortet Talma wütend. „Pardon, ich bin hier im Hause Mvlidrr-s und nicht bei Ihnen." „Ich werde Sie mit Stockschlägen heransjagen lassen." „Stock- schläg« sind abgebrauchte Tricks des alten Repertoires," meinte Geosfvoy mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit, „man pflegt sie heute kaum noch anzuwenden." Die Gelassenheit des Kritikers übt« auf Talma eine beruhigende Wirkung, er beherrschte sich und meinte schließlich: „Aber sagen Sie mir wenigstens, wawr gedenken Sie endlich aufzuhören, mein Talent zu verunglimpfen?" „Wenn Sie auf meine Ratschläge hören und Ihre Rollen nicht selbst niederbrüllen, wie Sie das gewöhnlich tun. Ich kritisiere Sie nur mit dem Zweck, Sie zu bessern." Später erzählte Geoffwh in einem seiner Aufsätze im Journal des' Tsbats von dieser eigenartigen Szene und er fügte hinzu, daß Talma ihm' zum Schluß die Hand gedrückt habe, „ein wenig kräftiger als einem Freunde". * Vom Souffleur erzählte der kützlich verstorbene greise Theaterfachmaun Ferdinand von Strantz in seinen „Ernsten und heiteren Theater-Erzählungen", die der 88 jährige noch in diesem Jahre veröffentlichte, einige belustigende Anekdoten. Tevrient wollte seine unendlich oft gegebenen Rollen ohne Souffleur spielen. Diesem Wunsche des Künstlers konnte jedoch nicht immer entsprochen werden, da die anderen Mitglieder den Anschlag brauchten. Als Devricut in einer Probe der „Braut von Messina" dem Souffleur wiederholt bedeutete, ihm seine Reden nicht .anzuschlagen, indem er die Worte: „Schiller! Schiller!" hinzusetzte, womit er gewissermaßen andeuten wollte, daß man Schiller auswendig können müsse, ereignete es sich, daß er in einer Szene, den Anschlag doch brauchte und dem Souffleur zurief: „Run, nun!" Anstatt zu soufflieren, guckte der Souffleur aus seinem Kasten freundlich lächelnd zu dem Künstler empor und sagte nur: „Schiller! Schiller!" — Döring brauchte den Souffleur für seine Rollen sehr gründlich. Ueberall, wo er gastierte, war sein erster Weg in der Probe zum Souffleurkasten: dort sagte er: „Mein Lieber, ich brauche Sie gar nicht, nur das erste Wort scharf, den Mittelsatz deutlich und das Verbum — ja, das Verbum!" — In Magdeburg mußte der alte Amberg mit einem' Kollegen laut Vorschrift an einem Tisch, sehr entfernt vom Souffleur, sitzen. Da beide ihn nicht deutlich hören konnten, auch keiner zu sprechen anfing, sagte endlich Amberg: „Weißt du, hier zieht's." „Du hast recht, hier zieht's," sagte der andere, und beide rückten nun den Tisch zum Souffleur. — In Hamburg genoß der alte Glv y mit Recht hohes_ künstlerisches Ansehen. Nicht nur als Sänger; auch als Schauspieler. Sein Kammerdiener in „Kabale und Liebe" war eine erschütternde, mächtige Leistung. Als Bartolo im „Barbier von Sevilla" klebte -er sich immer ein und dieselbe Nase von Wachs ans, dick er aus Geiz nie erneuert hat. Er wird wvhk zweihundertmal den Bartolo mit der Wachsnase gesungen haben. In der Jungfrau von Orleans" spielte Glotz den alten Thibant, Johannas Vater, der bekanntlich zu sagen hat: „Was für ein Geist ergreift di« Dirne." Gloh sagte: „Was für ein Geist" — machte dann eine Pause. Der Souffleur ruft ihm erregt zu: „Ergreift die Dirne." Glvy winkte darauf den Rittern mit der Hand und sagte: „Ergreift die Dirne!" * Ein Abenteuer mit einer Klapperschlange. Ein grausiges, nervenspannendes Abenteuer, das Arthur Ricard, ein junger Farmer in Süddakota vor einiger Zeit glücklich überlebt hat, schildert P. R. Thompson int Wide World Magazine. Ricard hatte eine neue kleine Farm übernommen, er schlief einstweilen in einer provisorischen Hütte, die halb Stall hald Höhle, an der Wand eines Hügels errichtet war. Er war am Morgen erwacht, blieb jedoch noch einige Augenblicke liegen; während er noch mit. halbgeschlosseneu Augen dalag, hörte er plötzlich irgend einen Gegenstand mit einem .Klatsch neben sich aufs Bett fallen. Er öffnete die Augen, um den Anlaß dieses Geräusches zu fei)cu; was er sah, beschreibt er selbst: „Dort, wenige Zentimeter von nieinem Gesicht entfernt, lag etwas, was ich zunächst für einen Gartenschlauch hielt. Aber ehe ich meine Sinne, völlig beisammen hatte, horte ich ein dürres trockenes Klappern und Rasseln, ein dunkles schmales Etwas hob sich empor, jetzt sah ich es, ein gräßlicher, boshaft schauender Kopf, der mir grade zugewandt war: ich verstand nun, eine große Klapperschlange war hier zum Biß bereit. Die Schlange war in höchster Erregung: der Fall vom Dache hatte sie irritiert, nun wandte sie den Kopf mit den grünlich flimmernden Augen nach allen Seiten, um zu sehen, ob irgend etwas Feindliches sich regte. Wie es mir möglich war, weiß ich heute noch nicht, aber es gelang mir, mit äußerster Willensanstrengung, ganz ruhig liegen zu bleiben. Ich wußte, daß die geringste Bewegung meinen Tod bedeutet hätte. Es war August, die Zeit, da der Biß t>& Klapperschlange am gefährlichsten i)"l.; Meine Augen waren geöffnet, ich wagte nicht, sie zu scWcßcn. Ta dicht vor mir war der Kopf des Reptils. Aber nunHvurde es ruhiger und der Kopf sank herab. Ich hatte das Gefühl, daß Stunden verstrichen wären, aber später überzeugte ich mich, daß es sich nur um Sekunden gehandelt haben konnte. Die Schlange hatte sich beruhigt, das Klappern hörte auf; sie begann eine Art Rekogiwszierungsreisc. Der Hals streckte sich, der Schwanz wurde dünner, die Länge wuchs und dann sah ich es; direkt auf mein Gesicht kam sie zu. Ein eisiger Schauer rieselte mir über den Nacken. Ich fühlte den kalten Giftkopf glatt an meinem Halse, dann über meine Wange daherkommen, mein« Lippen, mein Kinn wurden abgetastet; dann kam der Kopf auf mein Auge zu. Ich konnte nicht mehr widerstehen, ich mußte das Auge schließen. Im selben Augenblick lag das Reptil wieder aufgerichtet und sprungbereit, das zornige Rasseln ertönte. Dann, als alles ruhig blieb, näherte es sich wieder meinem Gesicht und die Prüfung begann von neuem. Mehrere Minuten lang betastete und umkreiste so die gräßliche Kreatur meinen Kopf, dann kroch sie über das Leinentnch in der Richtung meiner Knie." Sie legte sich dort schlafen, aber Rettung war damit nicht gefunden, denn bei der geringsten Fingerbewegung schreckte die Schlange auf und nahm Kampfstellung ein. Mit der Zeit aber schwand ihr Mißtrauen und sie begnügte sich, nur lauschend den Kopf zu heben. Langsam, ganz langsam gelang es' Ricard, «ine 'nebat dem Bett stehende leere Hummerdose zu fassen. Mit einer raschen Bewegung schlug er zu: doch die Klapperschlage war schon kampfbereit und antwortete mit einem Biß, der zum Glück in dem scharfen Blechrand endete. Eine Sekunde später hatte Ricard das Bettuch zusammengeknäult und mitsamt der Schlange hiuaus- geworfen. „Ich lehnte am Türpfosten, keuchend, lachend, schreiend und zitternd. Dann verlor ich das Bewußtsein. Einen Moment lang lag ich in Fieberphantasien, ehe ich wieder zu mir kam. Die Schlange aber hatte ich damals getötet." * Ein kl einer Schlauberger. „Run, Karlchen, hast du heute nacht süß geträumt?" — „Ja, Dante, von den Bonbons, die du mir unlängst versprochen, aber noch nicht gegeben hast!" * Wider leg t. Mutter: „Schämst du dich nicht . . . mit so einem neunzehnjährigen Bürschchen willst du eine Liebschaft anfangen?" — Tochter: „Bürschchen? . . . Wv er schon ping Matze kriegt!" ErgäuzmtgsrLiler. Sh.ch.es..ig. o..r l..de.: . a. . e. z b. d.. s .. n . rv. i. es . e. z; G... i. t e F.. u. s. d. p.. l. F.. u . e, G ...i.t. r ..h. e.z .s t .a.b.r S..m.>zl Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Den lieben Gott laß ich nur walten: Ter Bächlein, Lerchen, Wald und steld Und Erd' und Himmel lvill erhalten, Hat auch mein Sach' auss best' bestellt. Eichendorfs. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lange, Gießern