Montag den 6. September m sj K M g|||||| W warn KW WE i m Mr .».‘aLrypm : H I '"1 Nerven. Novelle von Georg Freiherr von Ornpteda. (Nachdruck verboten.) 1. Ich denke an die Vergangenheit, an die Zeit zurück, als ich noch Soldat war. Eine Menge lieber Erinnerungen steigen vor mir auf, und aus der großen Zahl beginnt vor allem sich eine abzuheben — die Gestalt eines Freundes. Er war im Dienstalter jünger als ich: Einjähriger unter den Rekruten meiner Schwadron. Als solchen lernte ich ihn zuerst kennen. Er fiel mir sofort auf durch fern ausgesprochenes Reittalent. Der lange, flache Oberschenkel, der weite Spalt, dazu etwas Weiches, Geschmeidiges tm Eitz, alles so, wie wir Reitersleute es uns wünschen, um die Kunst zu üben. Ich war Rekrutenoffizier und interessierte Mich besonders für Graf Morsums Ausbildung. Täglich nahm ich ihn an die Longe, ihm größere Festigkeit irn Sitze beizubringen. Schließlich, im Frühjahr, setzte ich ihn öfters auf eines meiner eigenen Pferde und ritt Mit ihm spazieren. Er hatte bedeutende Fortschritte gemacht und zwar derart, daß man ihm den jungen Reiter kaum anmerkte. Natürlich war er im Sattel rein passiv. _ Mit nervösen und heftigen Pferden wußte er ganz nett fertig zu werden, während es ihm noch nicht gelang, ein faules oder widerstrebendes Tier vorwärts zu bringen. Das pflegt sich erst nach Jahren im Sattel einzustellen. Mancher lernt es nie; das Reiten ist eben eine Kunst. Bei solchen Ritten an schönen, milden Abenden, wenn die Pferde mit langen Zügeln Schritt gingen, fingen wrr an zu erzählen. Und ich erfuhr seine häuslichen Ver- $Ött®tne Mütter besaß er nicht mehr. Sein Vater saß daheim in Ostfriesland jahraus jahrein auf feinem schlösse und kümmerte fich nicht viel um den 'Lohn, der em eigene^ Vermögen von seiner verstorbenen Mutter her hatte. L>o komite Fritz Morsum eigentlich tim und lassen, was er wollte. , . , ,.,, Es war natürlich, daß ich ihm zureoeie, er mochte doch das Studium an den Nagel hängen und ganz bei uns bleiben. Zuerst freilich ohne Erfolg. Er schien andere Plane zu haben. „ , . , ., Aber ich fragte ihn eines Tages, als wir wieder miteinander auf einem Ritte waren: ,r. n a Warum wollen Sie nicht ganz bei uns bleiben? Das Offizierkorps nimmt Sie mit Freuden auf. Ich habe schon mit dem Kommandeur darüber gesprochen. Da schien er schwankend zu werden. Doch endlich blieb er bei seiner Weigerung. Natürlich kam ich nicht wieder auf den Gegenstand zurück. Er mußte wohl seine guten Gründe haben. , , , „ , ... Der Sommer verstrich, und der Herbst kam mit den Manövern. Auch sie gingen vorüber, und die Einjährigen wurden entlassen. , , Beim Abschiede spielte ich gegen Graf Morsum daraus an, ob er es sich nicht anders überlegt hätte und nicht dennoch bei uns bleiben wollte, denn wir Offiziere hatten den bescheidenen, netten, jungen Mann — ich hätte ihn öfters zu uns ins Kasino eingeladen — liebgewonnen. Leider bekam ich von neuem einen ablehnenden Bescheid. Zwei Jahre sah ich ihn nicht, da ich. abkommandiert worden war. Ms ich zum Regiment zurückkehrte, war er schon Leutnant der Reserve und machte gerade feine erstfi Frühjahrsübung. „ , Nun, wo die dienstliche äußere Schranke gefallen war, kämen wir uns schnell näher, und nachdem wir uns du nannten, wiederholte ich meine Aufforderung, er, der so gut für uns und unfern Beruf passe, möge doch übertreten. Dann wären wir beide zusammen geblieben. Er hatte die gleichen Interessen, die gleichen Zu- _unb Abneigungen. Wie ich nun gar nicht locker ließ, rief er schließlich: ., . ~, ,, , . Es ist unmöglich! Ich kann nicht! Ich habe emen Grund, den ich dir nicht mitteilen kann. Warum nicht? Du hast mir doch einmal gesagt, nutz würdest du alles sagen können ? Er schüttelte den Kopf: Das? Nein. Das darf ich nichtk Du darfst nicht? Da entfuhr es ihm: Nein, sonst — sonst müßtest du wich verachten! Ich verstand ihn nicht, doch mehr war nicht aus ihm herauszubringen. , , , , . . Seine Dienstleistung beim Regiment neigte dem Ende zu. Da erschien er einmal, während ich eine Abteilung; Fußdienst machen ließ, auf der Reitbahn meiner Eskadron mit einem Pferde, das ich nicht kannte. Ich trat an ihn heran: Das ist ja ein neuer Gaul? ' Er erzählte mir, er habe die Stute eben gekauft. Wie man. das immer tut, sah ich mir das Tier genau an, um mein Urteil zu sagen. Inzwischen war mein Dienst zu Ende, ich ließ die Leute wegtreten und bat den Freund, mir doch feine neue Erwerbung in verschiedenen Gangarten zu zeigen; erst wenn ich den Gaul in allen Gängen gesehen hatte, konnte ich mich äußern. Er ritt im Schritt das Viereck hinab, dann trabte er an, machte ein paar Volten, ging auf die andere Hand und sprengte zum Galopp an. Die Stute ging tadellos, und ich freute mich über den ruhigen, weichen, elastischen Sitz ihres Reiters. . Während ich aufmerksam zuschaute, war, ohne daß ich es aemerkt hatte, der Kommandeur dazu gekommen. Er erkun- diate sich sofort nach.Graf Morsums Gaul, der seinem sicheren Auge auf den ersten Blick als neues Pferd aufgefallen war. Beim nächsten Vorüberkdmmen erst erblickte ment — 554 Freund den Oberst. Er parierte und grüßte. Und Unser Kommandeur rief ihm zu: Das ist ja ein sehr anständiges Pferd! Wo haben Sie denn den her — oder die, es ist ja wohl eine Stute? Ich habe sie gestern gekauft. Sie stammt aus Ostpreußen. Der Kommandeur blieb neben mir stehen und beobachtete. Mir war es, als gebe sich mein Freund ganz besondere Mühe, und ich sah jedesmal, wenn er an uns vorüberkam, daß sein Blick über das Gesicht unseres Vorgesetzten glitt, der in der Tat nicht nur ein hervorragender Pferdekenner, sondern vor allem ein geradezu außergewöhnlich guter Reiter war. Es schien nur natürlich, daß sich Morstim in möglichst gutem Lichte zeigen wollte, ganz abgesehen davon, daß der Oberst eben unser Kommandeur war. In der Mitte der Reitbahn stand ein Hindernis, .eine feste Bretterwand von ansehnlicher Höhe, nicht übermäßig breit, und ohne Fang -an bett Seiten. Darauf führte nun Graf Morsum seine Stute zu, gewissermaßen als Abschluß des Vorreitens, wie.man das gewöhnlich §11 tun pflegt, um nun auch zu zeigen, daß der Gaul ein guter Springer oder doch wenigstens eingesprungen und im Gehorsam war. Das ist so kavalleristischer Brauch'. Der Kommandeur Wandte sich zu mir mit dem Scherzwort: Run kommt auch was fürs Auge. Ruhig ritt Morsum gerade auf das Hindernis los, setzte etwa vier bis fünf Pferdelängen vorher den Gaul in Galopp Und kam bis dicht an die Bretterwand heran. Ich freute mich schon über die wohlabgemessenen Sätze, als die Stute urplötzlich, als sie sich eben zum Sprunge Site heben sollen, tote angenagelt stehen blieb. Ihr Reiter pte vornüber, aber blieb im Sattel. Er wendete den Gaul, ritt ein Stück zurück, setzte sich zurecht, nahm das Pferd zwischen die Schenkel, orückte es an die Zügel und ritt zum zweitenmal an. Meder näherte er sich dem Hindernis. Aber dieses Mal war er vorbereitet auf der Stute Versagen und gab ihr kurz davor ein paar scharfe Sporen, so daß sich das Pferd, das wieder Miene gemacht hatte, stehen zu bleiben, hob, um zu springen. Wer es stieß mit den Vorderbeinen an. Im selben Augenblick berührte seine Nase den Sand, Und die Kruppe sauste im Bogen herum. Der Gaul überschlug sich und lag. Morsum hatte es fertig gebracht, trotzdem noch im letzten Augenblick aus dem Sattel zu kommen. Er fiel nun, halb auf den Kopf, halb auf die vorgestreckten Hände, rollte sich unwillkürlich zusammen und stand einen Augenblick später wieder auf. Geschehen war ihm nichts. Er stäubte sich die Uniform ab und sprang sofort zu, daß der Gaul nicht weglaufen sollte. Die Stute hatte sich erhoben, stemmte alle viere in den Sand, schüttelte sich wie etto Hund nach dem Bad, daß die Sattelblätter klappten, die Bügel klirrten, pustete vor sich hin und ließ sich willenlos beim Zügel nehmen. Der Kommandeur lächelte schmunzelnd. Der Sturz hatte weiter nicht böse ausgesehen. Besonders angenehm ist ja so etwas natürlich nicht. Nun aber erwachte in imserm Oberst der Kavallerist Und er sagte: Lieber Graf, schnell wieder in den Sattel! Fritz Morsum saß sofort auf, teilte die Zügel, ritt einen Bogen und steuerte von der entgegengesetzten Seite aus das Hindernis los. Er wußte, daß es nun galt, so lange zu springen, bis das Tier glatt hinüberkam. Das war Erziehung für den Gaul wie für den Menschen. Ich bemerkte, wie er einen Augenblick zögerte und sich mit den Zügeln etwas länger abgab, als unbedingt nötig, und ich sah, daß er weiß geworden war wie eine Kalkwand. Ich meinte, er möchte vielleicht durch den Sturz ein wenig betäubt sein, daher käme die Hautfarbe. Wer schon packte er seinen Gaul an und ritt los. Diesmal holte er etwas weiter aus auf den Rat des Kommandeurs, der jetzt sozusagen Reitstunde hielt, die Bewegungen regelte, Schenkel, Zügel und Gewichtshilfe angab. Diesmal zog der Gaul förmlich das Hindernis an. Der Oberst hatte Morsum gewarnt, er möchte vor dem Nusbrechen auf der Hut sein. Und ganz von selbst hatte er sich seitwärts ausgestellt, bereit, etwa die Arme zu erheben oder dergleichen. Ich stand an der anderen Seite. Die Stute kam heran und wurde sichtlich kürzer, so daß unser Oberst, mit dem die Reiterpassion durchging, ungedulidg ries: — Nanu, etwas Feuer dahinter! Ich meinte, es dem Gaul anzusehen, wie er laurig wurde, rechts und links blickte, dem Gebiß auszuweichen und gegen die Schenkel anzudrängen suchte. Aber Morsum gab ihm noch ein paar kalte Eisen und brachte ihn richtig an das Hindernis. Die Stute hatte zwar ihren Sprung sehr verkürzt, hob sich aber doch noch im letzten Augenblick. Und der Oberst rief: — Na ja —: nu Kopf frei: Kopf frei! Donnerwetter l Kopf frei! Der Reiter gab, als das Pferd wirkliche sprang, die Zügel nach, aber sei es nun, daß er doch etwas verfehlt, sei es, daß es eben die Ungeschicklichkeit des Tieres war, genug: der Gaul klappte wieder an, überschlug sich, und diesmal kam Graf Morsum nicht so recht aus dem Sattel, sondern im Sturz, bei dem seine rechte Schulter heftig den Sand berührte, siel ihm die Kruppe des Gauls auf den Unterschenkel. Aber er hatte die Zügel nicht losgelassen. Und der Oberst, der immer ein ermunterndes Wort liebte, meinte: — So ist's recht, lieber Graf. Nur den Schinder nicht weglaufen lassen! Im ersten Augenblick stand Morsum nicht auf, weil das Pferd ihn noch behinderte. Wir sprangen beide zu, um den Reiter frei zu machen. Und der Kommandeur sagte besänftigend: — So, 's ist nichts. Aufs Küie ists nicht gegangen) es schadet weiter nichts. Wir wollen den Gaul schon in Ordnung bringen. Diesmal springt er. Morsum war aufgestanden. Es schien in der Tat nichts zu feüt, denn er konnte gehen. Er schüttelte sich, trat hin und her. Wer es dauerte noch einen Augenblick, bis er sich wieder auf das Pferd setzte. Und da niir seine außerordentliche Blässe auffiel, meinte ich) zum Kommandeur gewendet: — Herr Oberst, ob er nicht schwindelig ist? Morsum hatte das gehört und ging infolgedessen sofort auf sein Pferd zu, obgleich seine Augen tief in deuj Höhlen lagen und er, trotz Anspannung aller Nerven, es sich nicht anmerken zu lassen, einen Ausdruck hatte, aus dem etwas wie das starre Entsetzen sprach. Der Oberst lachte mich aus, während Fritz Morsum einen Bogen machte und den Gaul erst etwas herum ritt: !— Was wollen Sie denn? Da sitzt er ja wieder! Nun sollte erst gesehen werden, ob das Pferd etwa lahm fei. Deshalb ging Morsum auf das Viereck, trabte seinen Gaul ab. Der Oberst beobachtete: — Er schont nicht! Er schont nicht! Also, nu gleich mal wieder 'rüber mit dem Schinder! Das wäre doch der Teufel, wenn die Bestie nicht spränge. Sie wird schon um ihre eignen KUochen bange sein. Es ist nichts besser für einen Gaul, als wenn er mal tüchtig fällt. Das merkt sich so ein Tier. Nu legen Cie mal einen Zirkel au- . . ., So, hier um das Hindernis herum — nu mal wieder eine Volte. ... Nu kommen Sie mal ganz nahe hier vorbei. . - < So ist's recht. ... So ist's gut. Jedesmal, wenn die Stute sich dem Hindernis näherte,- pustete und schnaubte sie und blickte das Ding verdächtig an. Wer schließlich beruhigte sie sich. Und als sich Morsum gerade in oer Anrittlinie zum Hindernis befand, rief linse« Kommandeur, der sich wieder als Verlängerung des Hindernisses aufgestellt: — Los jetzt! Wer ein bißchen dalli! dalli! Die Stute kam heran, sprang, klapperte sozusagen mit allen vier Hufen dabei an, konnte auf der andern Mite beim Landen auch, wie der Kommandeur sagte, ihre Beine gar nicht auseinander fitzen, aber der Sprung war doch glatt verlaufen. — Nun loben. Nu ist's gut, — meinte der Oberst und ging nach ein paar Abschtedsworten ins Kasino, (Fortsetzung folgt.) Ti e Ö 5 s t r L r b t l t c -V r < t i k k s r s r l i i i < f t t < ( t c ( t t t 1 i 1 ! K : i < 1 ,i \ ! I i 555 — Lutturhistorisches aus a!Ler Zeit in Oberhesien. Hans Peter Schäfer, Schöffe in Watzenbom-Sieinb er g, führte ein Tagebuch von 1600—1635, das dessen Sohn Jakob, ebenfalls Schöffe, bis 1680 fortsetzte, sodann dessen Schwiegersohn, Jakob Burk in Leihgestern, bis 1752. Vor längeren Jahren hat ein Herr in Meßen in mehreren Artikeln der Darmstädter Zeitung vieles daraus veröffentlicht, das KUl- trlrhistorische aber, das sich aus demselben ergibt, nicht berücksichtigt. Es wird nicht ganz ohne Interesse sein, wenn Schreiber dieser Zeilen sich erlaubt, darauf zurüttzukommen. Bei weitem der geschickteste Tagebuchführer ist Hans Peter, der eine sehr gute Handschrift schreibt und es versteht, sich angemessen auszudrücken. Daraus folgt, daß er eine bessere Schulbildung gehabt hat. Wie erklärt sich das? Ob „Warzenburne", Kolonie des Schiffend er gs, am Sude des 16. Jahrhunderts schon einen eigenen „Schulmeister" hätte, ist mir nicht bekannt, wohl aber, daß das benachbarte Hausen sich eines solchen erfteute. Vielleicht ist er dort zur Schule gegangen. Es kam häufig vor, daß mehrere Orte eine gemeinsame Schule hatten. Bekanntlich wurden in der Reformationszeit deren viele eingeführt. Die Lehrer waren öfter „magistri litterati", studierte Theologen. Es fand damals ein solcher Zudrang zum Studieren der Theologie statt, daß feine Möglichkeit war, sie alle auf Pfarrstellen imterzu- 6ringen. Sa nahmen viele gerne eine Schulstelle an, obwohl deren Einkommen sehr kümmerlich war. Ein Teil hatte das Mück, später int Pfarrdienst verwandt zu werden, andere mußten sich Zeitlebens ohne das genügen lassen. In der Nähe von Gießen waren solche „magistri litterati", außer in Gießen auch in Großen-Liuden, Lang-Göns, Kirch?- Göns, Hansen und anderen Orten. Sie scheinen immerhin mehr geleistet zu haben als ihre Nachfolger in der Zeit nach dem dreißigjährigen Krieg, meist Handwerker, besonders Schneider, denen die Regierung Zunftvorrechte gewährte. So blieb es ziemlich bis zu Ende des 18. Jahrhunderts, ja hier und da bis zu Anfang des 19. Wie sehr die Kultur durch diesen traurigen Krieg gehemmt und zerstört wurde, sieht man unter anderem auch daran, daß z. B. die uns aus dem 18. Jahrhundert überlieferten Handschriften viel fahrlässiger sind, als früher. Aus den Notizen in dem Tagebuch geht ferner hervor, daß es in jenen Zeiten recht wohlhabende Bauern gegeben hat. Hans Peter und dessen Nachfolger werden oft zu Gevatter gebeten und zu Hochzeiten geladen, wo sie verhältnismäßig große Gaben opfern. Nach ihren Notizen ist in Watzenborn die Not des Krieges nicht so groß gewesen, wie in anderen Gegenden. 1628 ist Wolle zum Verkauf da, also waren auch Schafe da, 1631 ist Kirmesfest, an welchem die „Komödie von den heiligen drei Königen" aufgeführt wird. Mitten int Elend sind die Leute guter Dinge. 1637 bei einem „Weinkauf" (Kaufabschluß) ist Jakob Schäfer in der Lage, mit 37 Maß Bier ä 16 Mons --- 96 Pf. (teuer!), dazu 33 Maß — leichtes — ä 4 Albus = 24 Pfg., aufzuwarten, und, was noch wunderbarer ist, in demselben Jahr 13 Reichstaler (ä 2 M. 56 Pfg.) bei einer anderen Gelegenheit für H olzhei m e r Wein zum Besten zu geben wobei zu bemerken ist, daß damals in 'fast allen Orten Wingerte bestanden. Der Wein wird wohl nicht fein gewesen fein. Sogar,1643 kann Jakob, nachdem er als Schöffe und „Achter" des Gerichts Steinberg bestätigt worden war, 58 Maß Bier bereinigen. Das kann er, obwohl die Schweden ihm 1640 ein Pferd, 36 Schafe, ein Mastschwein, 4 andere, 2 Kühe, ein Rind, 12 Hühner, 3 Achtel Korn, 3 Achtel Hafer und 30 Reichstaler bares Geld geraubt hatten. Schon 1644 ist er weiter imstande, eine Schöffenmahlzeit zu veranstalten, bei welcher er 3 Ohm Bier, 1 Schwein, 1 Rind, 1 Ziegenbock, 2 Enten — wohl für den Herrn Amtmann und dessen Personal —, für 26 Mus Gewürz, 24 Mus für Fische, sogar Stockfisch für 10 A, lieferte. Der Koch erhielt 4i/2 Kopfstück (ä 60 Pfg. zus. 2 Mk. 70 Pfg.). 1653 erscheint zum erstenmal B r a n n t w e i n bei einem Weinkauf, aber nur für 6 A. Dieses Getränk wurde schon im 16. Jahrhundert in Klöstern gebrannt, zunächst als Medizin, bis es im 17. mehr und mehr zum Nationalgetränk wurde. — Häufig wird in dem Tagebuch- das Erscheinen von Kometen notiert. Sie werden als Kriegsweissagung angesehen. Sehr naheliegend; denn wenn kein Krieg war, so entstand bald einer. Die Kämpfe hörten nicht auf. 1618 erschien ein Komet von Martini bis Weihnachten, 1680 ein sehr großer, der großen Schrecken erregte, 1743 ein solcher mit sehr großem Schweis, 6 Monate lang sichtbar, bald darauf ein anderer noch größerer, nur I1/2 Stunden sichtbar. 1752 erschien ein Meteor, das mit starkem Donner platzte. Merkwürdig für die Leute war es auch, daß grabe bei einer Mondfinsternis ein Fohlen zur Welt kam. Das Handwerk muß zu Anfang des 17. Jahrhunderts einen goldenen Boden gehabt haben, da Hans Peter, der sehr Vermögende Bauer, nicht davor zurückschreckt, einen Sohn, auch H. P., auf Tritt. 1620 bei einem Schneider in Gießen in die Lehre zu geben. Dafür zahlt er zwei Jahre lang jährlich 14 ft, 1 Achtel Korn und 1 Meste Erbsen. Mit 6 ft. 6 A. hatte er der Zunft ein paar heitere Stunden zu machen. Dieser Schneider kam später auf der Wanderschaft nach Hamburg, wo er sich niederließ. Daß er wieder einmal seine alte Heimat aufsuchte, ist nicht notiert, wohl aber schreibt sein Bruder Jakob: „1654, am 9. Oktober, bin ich zu meinem Bruder, Hans Peter, gen Hamburg gezogen und am 28., Sonntags, wieder zurückgekommen." — Wir sind bei unserer gegenwärtigen, gegen frühere Zeiten hohen intellektuellen Kultur, die aber leider vielfach mit bunfeten Schatten überdeckt ist, sehr geneigt, die ehemaligen Zustände geringer einzuschätzen, als sie in Wirklichkeit waren, aber kluge Bauern hat es auch früher gegeben. Es war ggr manches besser als wir denken. Wie mir aus den uns erhaltenen Grundbüchern ersehen, toar das Feld im 16. Jahrhundert, teilweise auch im 15., z. B. sorgfältig bermeffen und mit Grenzsteinen versehen. Aber es gab auch nicht nur kluge Bauern, sondern bekanntlich auch gelehrte Mämter, erfolgreiche Forscher, sehr bedeutende Künstler und sehr tüchtige Handwerker. Davon legen die Resultate ihrer Tätigkeit, die wir noch vor Augen haben, Zeugnis ab; z. B. durch die schönen soliden Gebäude, welche sie mit ihren verhältnismäßig sehr unvollkommenen Werkzeugen zustande gebracht haben. Die Theorie war damals sehr einfache mürbe aber durch die Praxis der Erfahrung ersetzt. Wo Talent vorhanden war, verstanden die Leute in uns auffallender Weise die Schwierigkeiten des Mangels theoretischer Vorbildung zu überwinden. Br. Spiritismus und verbrechen. Bon Dr. Albert Hellwig. Daß der Spiritisytus, der Millionen von Anhänger zählt, von geriffelten Gaunern ausgenützt werden kann, um durch angebliche Geister Schenkungen zu veranlassen, Vermächtnisse diktieren und ähnliche lukrative Rechtsgeschäfte anordnen zu lassen, die. natürlich den „spiritistischen" Betrügern oder ihren Helfershelfern zugute kommen, ist nur allzu erklärliche Kürzlich hatte sich auch das Reichsgericht mit einem derartigen Fall zu beschäftigen. Eine Witwe Sieß hatt« die spiritistischen Neigungen ihrer Verwandten ausgenutzt, um sich Vorteile bei der Teilung der Hinterlassenschaft ihres verstorbenen Mannes zu sichern. Mit Hilfe des Skriptoskopes ließ sie zwei verstorbene Verwandte erscheinen und bekennen, ihre Kinder hätten ein Guthaben von 31000 Mark, und sie könnten keine Ruhe finden, bevor dies Unrecht wieder gut gemacht wäre. Eine der Verwandten fiel auf diesen plumpen Schwindel herein, zwei astdere waren skeptisch! genug, um diesen Pseudvgeistern nicht zu trauen. Die Revision der Angeklagten, die vom Landgericht Traueustein wegen dieses Betruges zu neun Monaten Gefängnis verurteilt war und geltend machte, sie habe an die Echtheit der Geisterschrift tatsächlich geglaubt, wurde vom Reichsgericht als unbegründet verworfen. In anderen Fällen hatten die Geisterbeschwörer mehr Glück. So ereignete sich in Paris, der Stadt der Intelligenz, vor gut einem Jahre folgender Fall: Baronin du Teil, eine Millionärin, die kurz hintereinander ihren Mann und die näheren Verwandten verloren, hatte seit längeren Jahren ein Dienstmädchen, bas über bte geistes- und Willensschwäche Dame bald große Herrschaft gewann. Dies reizende Kammerzöfchen hatte sehr illustven Verkehr, da ihr ällnächtlisch nicht nur der Geist der verstorbenen Mutter der Baronin erschien, sondern auch der heilige Antonius von Padua nebst einem ganzen Schock anderer Heiliger, ja selbst Christ-us. Diese Erscheinungen sagten zu der Be- 556 gnadeten, die Baronin solle, wenn sie ihre Seele retten wolle, ihr ganzes Vermögen der Marie geben, die dann ein Hospital für Hunde bauen solle. Die alte Dame fiel auch tatsächlich auf den Humbug herein, schenkte dem Medium zwar nicht ihr ganzes Vermögen, setzte sie auch noch nicht zur Universalerbin ein, gab ihr immerhin verschiedene Tausendfrankenscheine. An der Stelle, wo Marie die Geister- erscheinungen zu haben vorgab, errichtete die Baronin einen Altar. Für Marie war die Hauptsache der Opfex- stock, in dem die alte Dame ihre blauen Lappen für die Geister legte, die dann mit wirklich h'cxenmäßiger Geschwindigkeit fortgezaubert wurden. Trotzdem schon mehr als dreißigtausend Franken geopfert waren, war dies den unersättlichen Geistern noch nicht genug. Durch Vermittelung des Mediums befahlen sie der Baronin, auf den Namen Maries ein Geldschrankabteil in einem Bankinstitut zu mieten, in dem die alte Dame bereits schon ein Abteil hatte. Und dann mußten die Tausendfrankenscheine auf Gebot der Geister von einem Geldschrank zu den andern wandern. Die Geister, oder vielmehr Marie, hätten der alten Dame sicherlich über kurz oder lang noch ihr ganzes Vermögen entlockt, wenn sie nicht durch den ewigen mystischen Druck kraulk geworden wäre, und nach einem mehrmonatlichen Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt bei ihrer Rückkehr nach Hause erkannt hätte, daß es doch zweifellos Geister besonderer Art waren, die ihr im Laufe der Jahre nicht nur 150 000 Franken entlockt hatten, sondern auch während ihrer Krankheit ihr ganzes Mobiliar hatten mitgehen heißen. Ans ähnliche Weise wurde einige Zeit vorher gleichfalls in Paris eine liebenswürdige Witwe geprellt, die sich gern wieder verheiraten, vorher aber bei einer Geisterbeschwörerin sich vergewissern wollte, ob ihr deswegen nicht ihr verstorbener Ehemann erscheinen und sie plagen werde. Gegen einen Vorschuß von 150 Franken unternimmt es Eva, den feindlichen Geist zu besänftigen. Weitere 100 Franken sind erforderlich, um Beelzebub zu gewinnen, der die Seele des guten Herrn Sevaliez gefangen hält, weil dieser sich bei Lebzeiten nicht immer korrekt gegen seine Frau benommen habe. Nun bleibt noch Lucifer zu überwinden. Die Geisterbeschwörerin läßt einen kleinen runden Tisch im Speisezimmer aufstellen, setzt eine umgestürzte Schale darauf und verordnet der heiratslustigen Witwe, drei Tage lang eifrig zu beten. Am vierten Tage erscheint Eva und befiehlt der Witwe, 1000 Franken und einige Kostbarkeiten, die dem Verstorbenen gehört, unter die Schale zu legen. „Verbrennen Sie nun Zucker und Lavendel im Zimmer! Dann ist es genug für heute. Ich komme morgen wieder." Am folgenden Tage wird die Schale mit einem schwarzen Tuch bedeckt. „Nun ist alles fertig, Sie haben nur noch weiter Zucker und Lavendel zu verbrennen und die ganze Nacht zu beten. Morgen früh erhalten Sie Antwort." An dem schicksalsschweren Morgen zittert Frau Sevaliez, da sie das Tuch und die Schale aufhebt. Mer, o weh! An Stelle des Geldes und der Schmucksachen findet sie einen Zettel: „Biel Vergnügen für meinen Nachfolger, wenn er eine so dumme Frau nehmen will; er wird heiteres erleben." Daß auch England ein günstiger Boden für derartige Betrüger ist, leuchtet ein, wenn man bedenkt, daß dort sogar viele Gelehrte, zum Beispiel der berühmte Professor Crookes, eifrige Verteidiger der spiritistischen Lehre sind. Vor dem Gerichtshof in Liverpool spielte vor wenigen Monaten erst ein derartiger Geisterprozeß. Ein Dockarbeiter hatte einer Kartenlegerin und Geisterbeschwörerin Emma White nach und nach seine ganzen Ersparnisse von einigen hundert Mark geopfert, weil sie ihm weiß machte, der Geist seiner verstorbenen Mutter fordere das von ihm. Der Gefoppte machte auch mehrmals Sitzungen mit, in denen die Angeklagte sich anstellte, als hätte sie Krämpfe und erklärte dann stammelnd, der Geist der Mutter des Arbeiters sei über sie gekommen ünd spreche aus ihr. Dann diktierte der Geist die Schenkungen an die Whiteschen Eheleute. Der intime Verkehr mit den Geistern half der guten Frau aber bei den Richtern nicht, vielmehr mußte sie für die Geisterschenkungen auf sechs Monate ins Gefängnis wandern. In Budapest ist seit einiger Zeit der plötzliche Tod des Rechtsanwalts Dr. Stephan Evanos das Tagesgespräch. Er starb während einer spiritistischen Sitzung, der er bei dem ihm seit Jahren befreundeten italienischen Fechtmeister Giuseppe Geranni beiwohnte. Man vermutet, daß Gerannt gleichfalls mit Hilfe der Geister dem geistergläubigen Rechtsanwalt sein Vermögen abgeschwindelt und ihn jetzt beseitigt hat. Die gerichtliche Untersuchung ist im Gange. Und vor wenigen Wochen erst wurde gleichfalls aus Budapest von einer raffinierten Erbschaftsschleicherei durch Vorführung von Geistererscheinungen berichtet. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, eine tote gefährliche Waffe die spiritistische Lehre in den Händen geschickter Gauner abgibt. Wie vor einiger Zeit verschiedene amerikanische Zeitungen meldeten, soll der amerikanische Professor Münster, ein eifriger Anhänger des Spiritismus, sogar seine Frau ermordet haben, um ihren Geist sich anzugliedern. Ob diese Notiz allerdings zutrifft, können wir nicht feststellen. ------------- vermachtes. * Wo bleiben die vielen Bilder? Die Frage, was mit den vielen tausend Gemälden geschieht, die man jahraus, jahrein auf den großen Kunstausstellungen auftauchen und dann wieder spurlos verschwinden sieht, hat ein Pariser Blatt so sehr beunruhigt, daß es schließlich sich an eine Reihe von Künstlern wandte, Um Näheres über das Schicksal dieser Gemäldemassen zu erfahren, die ansreichen würden, ganze Weltstädte mit bemalter Leinwand zu tapezieren. Die Künstler, denen man die heikle Frage mit allem Zartgefühl vorgelegt hat, haben Antworten^ gegeben, die zeigen, wie manche bittere Enttäuschung mit Humor ertragen werden muß. M. de la Gandara antwortete kurz und bündig: „Jede Leinwand bekommt Nach der Ausstellung eine solide neue Decke aus weißer Farbe; dann fängt man wieder an zu malen und so geht es immer weiter." Der bekannte Zeichner Billette meinte mit einem leisen Anflug von Bitterkeit, es würde ihn interessieren, zu wissen, wo er hellte wäre, wenn er nicht beizeiten angefangen hätte, zu allerlei Patentmedizinen Reklameschilder zu machen. Was den Verbleib der Bilder anbetrifft, so findet er es absurd, danach zu forschen, heutzutage, wo jeder-, mann male; „ebeirsogut könnte man sich nach dem Schicksal von! alten Regenschirmen erkundigen oder nach dem Schicksal der guten Vorsätze, die in der Welt gefaßt werden". Carrier-Belleuse meint, daß wohl durchweg alle Bilder wieder übermalt würden. „Weim die Leinwand erzählen könnte, was sie alles erlebt hat, so würde das oft ein kurioser Roman werden. Manche von ihnen haben; unzählige Male ihr Gewand gewechselt, cms Samson und Dalila wurden Stiergesechte, aus den Stiergefechten trinkende Pferde, dann erstand auf der gleichen Leinwand ein Sonnenuntergang! oder rastende Herden, ein ruhendes Modell und des Babys erster Zahn." Auf Grund gesammelter Erfahrungen behauptet Süden Simon, daß die meisten der ausgestellten Bilder später vernichtet werden. „Manchmal schneiden wir die weniger schlechten Stücke aus der Leinwand heraus. Uebermalen ist gefährlich. Bei meinem lebten Umzug ließ ich in der alten Wohnung einfach einen! Haufen zusammengevollter Leinwand zurück, der das Resultat mehrjähriger Arbeit umfaßte. Ich glaube, die meisten Maler machen es ebenso." Der neue Mieter mag beim Einzug sehen, was er mit den herrenlosen Kunstwerken anfängt. Srherzrätfel. Einen langen, scharfen Schnabel Und zwei hohle runde Augen, Nicht ein Untier ans der Fabel, Nein: zur Arbeit muß es langen. Weiß bei Frau'n sich einznnisten, Täglich lehrt es die Erfahrung, Und bei manchem Journalisten Kommt das Raubtier geist'ge Nahrung. Auflösung iii nächster Nummer. Auflösung des Anagramms in voriger Nummer: Enschede, neidisch, Deichsel, Eider, General, Ungarn, Trauben, Andreas, Lissabon, Liesbeth, Eidechse, Schuhmacher, Gesundheit, Ungarwein, Titanen; Ende gut, A l l e s gut. Redaktion: I V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen,