Samstag den 6. Februar 0 BH IIWM i>F>!M Ms Ml M ^lUMAZTj Auf Liebespfaden. Roman von H. Ehrhardt. 'Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) IV. Der Schleier blieb auch zart und rosenfarbig über beit nächsten Wochen hängen, in denen nicht nur die Natur farbenprächtige Blüten unter heißer Sommersonne trieb, sondern auch die Frühlingskeime in jungen Menschenherzen immer üppiger emporschossen und Knospen trugen, die sich beim ersten Anlast zu feurigroten Liebesblumen entfalten mußten. Die beiden jungen Offiziere hießen im Kameraden-kreise bald „die Unzertrennlichen", denn man konnte sie, Hassingen, der noch immer Zivil trug, aber täglich rascher und sicherer ansschritt, auf den Arm Espachs gestützt, fast jeden Nachmittag auf die Anlagen des Heidelbexges zusteuern sehen, zum Zweck von Gehübungen, wie sie jedem, der sich über diese Spaziergänge verwunderte, ernsthaft versicherten. Sie waren sich sehr nahe getreten und duzten sich seit einiger Zeit. Hassingen lernte die kühle, überlegene, oft etwas ironische Art Espachs in gewisser Hinsicht schätzen, denn dieser schonte den Jüngeren durchaus nicht, sondern erinnerte ihn oft ironisch an den „Mangel an Gefühl" und an die „Vernunft", worüber er einst bei sich zu verfügen glaubte und wovon jetzt oft gerade das Gegenteil bei ihm zu bemerken war. Auch pflegte er ihm sehr kühl und sachlich vorzurechn'en, daß nichts mal Nichts noch weniger wie nichts ergäbe, wenn man davon einen Hausstand zu gründen gedächte und zu diesem Zweck den bunten Rock auszöge, was schon eine Torheit an sich wäre, denn wer einmal wie Hassingen zum Soldaten erzogen und mit Leib und Seele Offizier sei, der wäre wie ein Fisch, den man auf den Sand geworfen, sobald er einen anderen Beruf ergreife. Hassingen pflegte dann gänzlich ernüchtert zu sein und nahm sich vor, Helene Falk schonend darauf hinzuweisen, daß er kein armes Mädchen heiraten könnte, aber wenn ihre schwärmerischen und zärtlichen Augen unter dem Schatten des weißen Mullhutes so voll unbedingten Vertrauens zu ihm cmporgerichtet waren, verursachte, ihm allein schon der Gedanke, diese Augen könnten sich mit Tränen füllen, und er würde ratlos und unbeholfen neben ihr hergehen müssen, ohne bei der Gefahr ihnen begeg- nender Menschen eine herzlichere Aussprache mit ihr beginnen zu können, ein so peinliches Gefühl, daß er sich damit begnügte, den harmlosen Freund herauszukehren und jede Anspielung auf seine Verliebtheit zu unterlassen. Zwischen Espach und Lisbeth Schäfser herrschte dieser mehr freundschaftliche Ton auf ganz selbstverständliche Weise, ohne die schwülen, kleinen Pausen, wo nur die Blicke sich kreuzen und dem unbefangenen Gespräch die Wirkung nehmen, wie dies zwischen dem anderen Pärchen der Fall war. Erstens hattest die Beiden sich erst vor kurzen kennest gelernt. ohne sich schon wochenlang verliebt miteinander beschäftigt zii haben, zweitens waren sie auch anders geartet. Sie wären verwöhnte Kinder, die naturgemäß nicht diese Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit hatten, da gütige Elterst sie noch aus der Ferne mit liebevoll schirmender Sorge umgaben und eine lichte, traute Heimat ihnen jederzeit als Asyl des Friedens! offen Mtb. Außerdem war sich Lisbeth der Tatsache bewußt, daß sie recht gut einen Offizier, einen armen Offizier sogar, heiraten konnte, geschweige denn Espach, der sie wiederum selbst als armes Mädchen hätte zur Frau nehmen können, und sie war, trotzdem sie den! jungen Offizier von Tag zu Tag lieber gewann und innerlich durchaus nicht so kühl veranlagt war, doch zu selbstbewußt, urst sich in eine bloße Liebelei ohne reellen Hintergrund einz»lassen. Sie war sich ganz einfach zu schade dazu. Dieses kaum siebzehnjährige Mädchen hatte eine angeborene Routine, einen verliebten Mann in Grenzen zu halten, wie sie, erlernt, nur reifen, viel umworbenen Frauen eigen. Deshalb glaubte Leutnant Espach seinen Augen nicht trauest zu dürfen, als-er eines Mittags verstaubt und erhitzt vom Exerziere platz in seine angenehm kühle, mit den Fenstern in Buchenwald! blickende Wohnung zurückkehrend, ein mattblaues Briefchen vor" fand, das in steiler, großer Schrift nichts enthielt als die viel" sagenden Worten: „Heute abend 10 Uhr am Gartenzaun wartest auf L." Er war so verblüfft, daß es ihm unmöglich war, alleist mit dieser Ueberrafchung fertig zu werdest. Er griff nach der eben erst abgenommenen Mütze ünd ging im bestaubten Tienstanzuge und mit zweifelhaft sauberem Gesicht zu Hans Hassingen, der seit einigen Tagen wieder Dienst tat. Ter stand, als er bei ihm eintrat, an seinem Schreibtisch, ebenfalls noch im Staub und Schweiß des Exerzierens und starrte, ganz eben so überrascht auf ein mattrvsa Briefchen, das er geöffnet in der Rechten hielt. Unwillkürlich lachte Espach laut auf und warf das blaues Briefchen zu der andersfarbigen Schwester. „Heut abend 10 Uhr am Gartenzaun!" sagte er, und Hassingen nickte lachend. Gleich darauf zeigte er wieder die vertiefte Sorgenfalte. „Heut werd ichs ihr sagen, daß ich sie nicht heiraten kamt — int Dunkeln seh ich ihre Tränen nicht." „Wir. habest heut Mondschein, alter Freund." „Im Buchenwald gibts wohl Schatten genug — zum aller-- mindesten keine Zeugen, ich kann mich doch wenigstens mit ihr' aussprechen." „Tue das!" meinte Espach, den ein mählich anfsteigendes Glücksgesühl übermütig zu machen begann, schon zwischen Tür und Angel, „aber Courage haben die beiden Mädels, Donnerwetter." Mit diesen Worten überließ er Hassingen seinen teils freudigen, teils schwermütigen Grübeleien. * Kurz vor 10 Uhr gingest sie zusammen durch den schwülen. Mondhellen Jnniabend ihrem Ziel, dem Möllerschen Pensionat zu. Der trockene Sommer hatte das Laub zum Teil schon JtfeWeit lassen, unb wenn bet NaWvinÄ tzinditrchstrtch, klang xZ wie höhnisches Zischeln und warnendes Geflüster. Mer junge Menschen achten nicht auf die Stimmen der Natur, wenn die in der eigenen Brust so laute Sprache redet. Der letzte Rest von Hassingens vernünftigem Denken starb in dieser Heiken, Hellen Sommernacht, als er mit Espach ani Zaun des Heusionszartcus stand. ' , Bis in die Schläfen! pochte ihm das erregte Blut beun Nahen leise huschender Tritte, die sich der Lücke im dichten Strauchwerk näherten. , Zwei dunkle Gestaltei« mit verhüllten Köpfen tauchten tm hkendenden Mvndlicht auf. Kein Wort wurde gewechselt, aber wie auf Kommando streckten sich zwei Paar kräftiger Mänireranne hilfreich aus und hoben die beiden Vermummtet« über den trennenden, niedrigen Zaun. Lisbeth machte sofort ihr Gesicht frei, wahrscheinlich, um Espach zu zeigen, das; sie iveder erregt noch zu besonderem Entgegenkommen bereit war. Ihre großen Äugen leuchteten im Mondschein genau so klar mit dem ihnen eigenen, tvachsanren und aufmerksamen Blick, her nur im Gespräch kokett und lebhaft aufzublitzen pflegte, wie Lei Sonnenschein, und der junge Offizier war klug und taktvoll genug, ihr ihm durch dieses nächtliche Rendezvous bewiesenes Vertrauen nicht durch irgend Ivelche verliebte Vertraulichkeiten zu täuschen. Nebeneinander suchten sie zwischen den Stämmen des Waldes vorsichtig bis auf einen Weg zu kommen, der zu den weitverzweigten Anlagen des Heidelbergcs gehörte. Mit dem anderen Paare hatten sie vorher einen bestimmten Pfiff verabredet, der sie wieder zum Zaum zusammenführen sollte. Helene Falk und Hassingen blieben allein in bent gespenstisch Nvm Mond durchglänzten Walde, in dem es fast betäubend schwül ivar uird unheimlich still. Die kleine, sensitive Helene, deren Augen so viel von trüu- Merischer Sehnsucht verrieten, war diesem schwülen Zauber und der Nähe des Geliebten nicht gewachsen. Hassingen brauchte nur die Hand auszustrecken, um das scheue, zitternde Bögelchen gefangen darin zu halten. Mit einem kleinen Seufzer, der zwischen Bangen und Befriedigung schwankte, schmiegte sie sich an ihn. Für sie war es ja so selbstverständlich, daß „ihr Hans" sie beim ersten Alleinsein iu die Arme nehmen mutzte. Gesprochen wurde zuerst nichts zwischen ihnen, sie dachten beide nicht daran, sie wntzten es ja schon lange, datz sie sich lieb hatten. Er sagte nur: „Meine liebe, kleine Helene!" und bückte sich nieder und küßte die frischen, unschuldigen Mädchenlippeu, die zuerst ein wenig scheu widerstrebten und sich dann freiwillig boten und nicht genug bekommen konnten. Eine an Ekstase grenzende Hingebung und Zärtlichkeit offenbarte sich in einem Wesen, etwas Sinnverwirrendes, das ihn berauschte und zugleich erschreckte. Und da kam ihm eine so jähe, erstickende Angst vor dem, was werden sollte, wenn er den Mut nicht sand, ihrer Liebe zur rechten Zeit den Todesstotz zu geben, datz er in seiner fast schroffen Ehrlichkeit, sie auf eilte Bank am Wege ziehend, sagte: „Ich hab noch keine Worte dafür gefunden, Helene, tute sehr ich dich liebe — ich denke, du weitzt es auch ohnedies — aber ich hatte auch nicht das Recht, dir von Liebe zu reden, nicht das Recht, dich zu küssen, denn ich kamt dich nie heiraten, Liebling — ich bin so arm, lute du gar nicht ahnen kannst, und sch habe außerdem noch Rücksichten auf meine Familie zu neymeit — du hast auch kein Geld — unsere Liebe ist also ganz aussichtslos, lind wir tun gut, uns heut zu trennen. Aber ich überlasse es dir, darüber zu bestimmen." Auf ein junges, argloses Mädchenherz fiel der erste Rauhreif tiiter bitteren Enttäuschung und tötete eine lichte, beglückende Illusion. Wie erstarrt satz Helene Falk sekiutdenlang, ihre Hände, die in denen .Hassingens ruhten, wurden eiskalt, aber in ihrem Kopf war eine Glut, als durchfließe ihn all die Scham und der Schmerz, die sich wild in ihr anfbäumlen und das bis dahin so scheue Mädchen zu eurem temperamentvollen Ausbruch Hinrissen. Sie entzog dem Geliebten ihre Hände, preßte ihr Gesicht hinein, warf sich vornüber, daß ihre wirre Haartolle ihre Kniee berührte lind knirrschte zwischen den Zähnen hervor: „Pfui, pfui! Oh, wie ich dich hasse, wie ich dich hasse! Du Hist schlecht, ich mag dich nie mehr sehen." Und sie brach in schluchzendes Weinen aus. Ein Anderer hätte ivohl versucht, sie zir trösten und zu beschwichtigen, aber Hassingen war nicht der Mann dazu. Weinetrdc Menschen Erweckten an sich eilt schreckliches Unbehagen in ihm. und er wüßte auch für Helenens Schrmrz keinen Trost, da er ihr nicht versprechen konnte, sie trotz aller Hindernisse zrt seiner Frau zu machen. Ein Pfiff, der grell durch die Mcht tönte, endete die traurige und peinliche Szene. Stumm schritt Hassingen Hinter dem Mädchen her, das ihrs Tränen niedergerungen, ihm aber kein gutes Wort mehr gesagt hatte. Herrisch zwang er sein heißes Gefühl nieder, das ihn zst einem versöhnenden Mschiedskutz drängte. Ehe sie in Hörweite der beiden! Anderen kamen, die schon, in! angemessener Entfernung voneinander stehend, am Garteuzaun warteten, schlangen sich zwei schlanke Amte um den Hals beä Mannes und glühende Lippen preßten sich an Hassingens Wange. Er wandte sich und zog Helene an sich.^ Sie zitterte am ganzen Körper. Aus ihrem Gesicht, das weiß durch die helle Nacht leuchtete, glühten fieberisch erregte Augen, er fühlte, daß es noch -naß war von Tränen, als er sich darüber neigte, um es zu küssen. Mit der Wildheit eines von Schmerz und Leidenschaft am- gewühlten Temperaments hatte sie seine Küsse erwidert. Ohne Worte hatte sie ihm eingestanden, daß ihr die Kraft fehle, sich von ihm zu trennen. Wer hätte an feiner Stelle die Selbstbeherrschung besessen, daS Opfer, das sie ihrem Stolz und ihrer Liebe durch das Eingehen auf ein aussichtsloses Verhältnis brachte, zurückzuweisen? Selbst der besonnene Espach sand kein Wort des Tadels, aber er wars, der in jener schwülen, Hellen Sommernacht nach dem Bekenntnis des Freundes die Worte sprach, die Hassingen später iwch so ost int Ohre klingen sollten: „Arme fleine Helene!" (Fortsetzung folgt.) Aus einsamer tzüde. Novelle von Helene S t ö k l. (Nachdruck verboten.) Es war gegen Abend. Der Geistliche einer kleinen Stadt saß ausruhend in seinem Studierzimmer. Frau und Kinder waren einer Einladung in die Nachbarschaft gefolgt, er selbst war zu ermüdet gewesen, sic zu begleiten. In seinen Lehnsessel zurückgelehnt, gab er sich seinen Gedanken htn. Die Töne, die er in seiner eben gehaltenen Nachmittagspredigt über die Vergebung der Sünden angeschlagen, zitterten noch in ihm nach. Da klopfte es an seine Tür; ein ihm unbekaimter Herr trat herein. Er hatte ihn schott in der Kirche bemerkt. Nn- beweglich an einen Pfeiler gelehnt, hatte er während der ganzen Predigt die Augen voll durchdringender Frage nicht von ihm gewandt. Nicht ohne einige Spannung, was den Fremden zu ihm führen könne, blickte er ihm entgegen. Es war ein mittelgroßer, schmächtig gebauter Mann von etwa 35 Jahren, mit wohlgebildeten Zügen, die aber durch den eigentümlich verschleierten Ausdruck der dunklen Augen etwas Verschlossenes, fast Düsteres, erhielten. Der Geistliche hatte sich erhoben: „Womit,kann ich Ihnen dienen?" fragte er, nachdem er vergebens eine Anrede des Fremden, der an der Tür stehen geblieben war, erwartet hatte. „Ich weiß nicht, ob ich zu gelegener Zeit komme? Ich habe Ihre Predigt gehört und komme in einer Gewissenssache —" er hielt einen Augenblick inne. „Ich stehe zu Ihrer Verfügung." Der Geistliche uahnt feinen Lehnsessel wieder ein und wies ans einen gegenüber- stehenden Stuhl. Der Fremde zögerte, sich zu fetzen. „Ick) darf das, wovon ich reden will, als unter dem Beichtsiegel gesagt betrachten?" „Gewiß dürfen Sie das. Was Sie in diesem Raume sprechen, verhallt auch hier." „Ich möchte zuerst einige Fragen an Sie stellen." Der Geistliche neigte zustimmend sein Haupt. „Sie glauben/ daß es für jede Sünde Vergebung gibt?" „Wie sollte ich nicht? Es ist der Grundstein, auf deut die Lehre Christi sich aufbaut." „Aber die Folgen einer Tat können hierdurch! utcht aufgehoben werden?" „Wer seine Sünde aufrichtig bereut, >vird sich der Strafe dafiir nicht entziehen wollen." „Nicht immer läßt eine Schuld sich äußerlich abbüßen. - „Auch die innere Buße entsühnt." „Und wenn jemand seine Sunde nun gebüßt hat, so gut es ihm möglich war," fuhr der Fremde fort mit einer 83 Stimme, Mts der die Erregung zitterte, „fann dann eine Zeit für ihn kommen, in der er das Recht hat, feilt Leben zu gestalten, als hätte er nicht gesündigt? Darf er andere, die nichts von seiner Schuld wissen, an sein Leben fesseln? — Doch ich tue wohl besser," unterbrach er sich selbst, als nicht sogleich eine Antwort auf seine Frage erfolgte, „Ihnen ziterst zu sagen, mit wem Sie es zu tun haben. Mein Name ist .Hermann Haller, ich bin Leiter der Bergerschen Maschinenfabrik in H." Der Geistliche machte eine Bewegung der Ueberraschung. „Ich bin bekannt in H.," sagte er. „Meine älteste Tochter ist dort verheiratet, ich habe öfters von Ihnen sprechen gehört." „Wollen Sie mir sagen, was Sie von mir hörten?" „Ich habe keinen Grund, es zu verschweigen. Ich hörte Ihren Namen nur mit hohem Lobe nennen. Man rühmte Ihre fleckenlose Ehrenhaftigkeit, Ihr Wohlwollen gegen Ihre Arbeiter, Ihre Tatkraft und Unermüdlichkeit. Man sagte, daß die Familie des Fabrikbesitzers, er selbst ist ja chohl vor einem halben Jahre gestorben?" — Haller nickte bejahend — „Ihnen ihren Wohlstand verdanke, daß Sie dieselbe vom Ruin retteten und auf die soziale Stufe hoben, die sie einnimmt." Das Antlitz Hallers hatte sich gerötet, während der Geistliche sprach. „Was man Ihnen sagte, ist wahr," sagte er nach einer Pause, „aber es berührt nur die Oberfläche der Werhältnisse. Fünfzehn Jahre lang habe ich für den Besitzer gearbeitet, ohne nach Lohn oder Dank zu fragen. Er wäre zugrunde gegangen ohne mich. Ich lieh mich beleidigen, ja mißhandeln; ich kannte keine Ruhe, keine Erholung, hatte reine eigenen Bedürfnisse; und wenn ich mich am Tage zum Umsinken müde gearbeitet hatte, dann lag ich nachts schlaflos auf meinem Lager und rang mit Gott, bis meine Seele matt war wie mein Körper. Die Leute priesen inein Glück und ich empfand das Leben als unerträgliche Last; ich .erwachte keinen Morgen ohne den Wunsch, daß es der letzte für mich werde; ich schlief nie ein, ohne den Wunsch, nicht mehr zu erwachen; fünfzehn Jahre lebte ich so" — Haller aufgesprungen und schritt hastig im Zimmer auf und jab, plötzlich blieb er vor dem Geistlichen stehen und fragte, ihm voll ins Antlitz blickend: „Ist das Buße genug für seinen Raubmord?" Der Geistliche erhob abwehrend die Hände: „Einen Raubmord? Cie?" „Ja, ich! — Ich, der ehrenhafte, angesehene Fabrik- otrektor, der Wohltäter der Arbeiter, der selbstlose Freund der Familie, der ich diene, ich bin ein Raubmörder. Ich habe einen Menschen umgebracht, um ihm seine Barschaft zu nehmen, und ich bin jetzt zu Ihnen gekommen. Sie zu fragen, ob ich die Schwester des Ermordeten zum Weibe nehmen darf. — Nein, nein; ich bin im vollkommenen Besitz meiner Sinne," fuhr er mit mattem Lächeln fort, jals er den ihn scheu streifenden Blick des Geistlichen bemerkte. „Sie haben es mit keinen! Wahnwitzigen zu tun, Eie brauchen auch nicht zu fürchten, in Widerstreit mit sich selbst zu kommen, oo Sie niich dem Gericht ausliefern sollen oder nicht, das Gericht hat mir die Strafe für meine Tat verweigert. Doch ich will Ihnen erzählen, wie ich zu der Tat kam, wenn Sie Geduld haben, mich anzuhören." _ „ «Ich bin gern bereit, Sie anzuhören. Wir haben keine Störung zu befürchten." Haller trank hastig ein Glas Wasser, das er aus der zur Hand stehenden Wasserflasche einschenkte, dann begann er, dre Augen an dem Geistlichen vorbei ins Unbestimmte richtend: „Ich habe früh meine Eltern verloren und habe nie Geschwister gehabt. Mit achtzehn Jahren stand ich allein und gänzlich auf mich selbst angewiesen in der Welt. Ich hcitte eine Bürgerschule besucht uiid meine Lehrzeit bei feinem Kunftschlosser durchgemacht. Vom Militär war ich, Är M phwachlich, befreit; so ging ich auf die Wanderschaft. Ich hatte den Kvpf voll unklarer, sozialistischer Ideen, ohne ihnen doch je praktischen Einfluß auf mein Leben gegeben zu haben, war gleichgültig gegen religiöse Dinge, ohne doch fV; Irreligiös zu sein, ich war nicht gut Und Nicht böse. Geschickt in meinem Handwerk, hielt ich es doch nie lange an einem Orte aus, und da ich für das, was V.^rdrente, immer schnelle Verwendung sand, geriet ich Nicht selten in harte Not. Ich ivar auf meiner Wanderung nach Holstein hinaüf- §5kommen. Es war ein strenger Winter, ich hatte keine Arbeit finden können, und meine Barschaft war bis auf j den letzten Heller aufgezehrt. Einen ganzen Tag lang war ich in der bitteren Kälte gewandert, ohne einen Bissen, um meinen Hunger zu stillen. Ueber Nacht war ich heintlich in einen Stall gekrochen, am Morgen wanderte ich weiter, den grimmen Hunger in mir. Da traf ich mit einem andern Handwerksburschen zusammen, er war Schlosser wie ich, aber er hatte die Tasche voll, Geld. Er zeigte mir seinen vollen Beutel, und als ich gierig den Inhalt von Mark und Pfennigen musterte, sagte er mir prahlend, daß er noch eine Brieftasche mit 50 Mark bei sich trage. Die Mutter habe sie ihm geschickt. Vom Vater sei nichts zu bekommen, mit dem stehe er schlecht, aber dafür müsse die Mutter herhalten. Wo sie's hernähme, kümmere ihn nicht, er sähe nicht ein, warum er als einziger Sohn sich etwas abgehen lassen solle. „Zum Hungerleidsn wie andere Leute," er blickte spöttisch auf mich, „fei er nicht geboren." Der Weg ging über eine Heide, auf der weit und breit keine menschliche Behausung zu sehen war. Aus einem Steinhaufen rasteten wir. Mein Begleiter zog Brot und Wurst aus der Tasche und aß, ohne mir einen Bissen anzu- bieten. Ich war zu stolz, um den großtuerischen Menschen um etwas zu bitten, obwohl jeder Bissen, den er aß, mir zur unerträglichen Qual wurde. Wir gingen weiter. Die Kälte und der Hunger ließen mich taumeln. Mühselig schleppte ich mich hinter dem rüstig Ausschreitenden her. Das Blut stieg mir in die Augen, in meinem Kopfe drehte es sich, der Schweiß trat mir auf hie Stirn trotz der Kälte. Die Brieftasche mit den 50 Mark darin, wenn ich sie hätte! Ich malte mir aus, wie das Brot, das Fleisch schmecken müßten, das ich mir dafür kaufte, wie mir die Ruhe in der warmen Schenke gut tun würde. Ich fiel und raffte mich wieder auf. In meinen Ohren brauste es, vor meinen Augen tanzten feurige Funken. Ich sah und wußte nichts mehr, als daß da jemand vor mir eiuherging, der eine Brieftasche mit 50 Mark bei sich trug, und daß ich diese 50, Mark haben müsse. Ich strauchelte wieder, und als er sich umkehrte und mir eine höhnende Bemerkung zurief, da sprang ich ihm an den Hals, nicht hinterrücks, nein, Auge in Auge. Wie mit eisernen Klammern umspannte ich seine Kehle; als ich die Hände löste, starrte mir ein blaues, entstelltes Antlitz entgegen, der Körper fiel zur Erde, ich hatte ihn erwürgt." Haller hielt schwer atmend inne. „Ich hatte einen Menschen umgebracht," fuhr er dann fort, seiner Stimme gewaltsam Fassung gebend, „absichtlich, um ihn zu berauben, und doch schwöre ich Ihnen, Herr Pastor, bei dem ewigen Gott, der über uns ist, die Tat hatte mich überfallen wie ich den Nuglücklichen. Noch zehn Minuten vorher hatte ich so wenig an Word gedacht wie Sie in diesem Augenblick. Ich hatte eine Tat begangen, die mich für immer von Glück und Seeligkeit schied; aber nicht meine Mordlust, der Hunger in mir hatte sie begangen. Für den Augenblick kam mir die Größe meiner Tat nutzt ins Bewußtsein. Ich riß die Brieftasche aus dem Rock des Toten und floh dantit über die Heide. Im nächsten Krug kaufte ich mir Fleisch und Brot, das ich außerhalb des Dorfes verzehrte, dann wanderte ich weiter die ganze Rächt hindurch trotz der grimmigen Kälte. Am Morgen Truste ich wieder Lebensmittel und ging weiter, nachdem ich für- kurze Zeit, den Kopf auf einen Wirtshaustisch ge- legt, geruht hatte. Nur wenn ich ganz erschöpft war, legte ich mich in einem Stall, einer Scheune zur Ruhe nieder, sonst wanderte und wanderte ich, einen dumpfen Schmerz im Kopse, als könne ich durch das stete Wandern den Gedanken entfliehen, die mich überfielen, sobald ich ruhte. _ Das Geld hatte ich aus der Brieftasche genommen und' die^e in einem der alten Hünengräber auf der Heide ver- graben. Je mehr meine Kräfte schwanden, desto ruheloser Ivard ich. Kein Schlaf wollte mehr in meine Augen kommen. Sobald ich sie schloß, stand der Ermordete vor mir und scheuchte die Ruhe von mir. Allmählich gesellte er fich auch am Tage zu mir und wich nicht von meiner Seite. Endlich konnte ich es nicht länger ertragen. Der Erwürgte wollte sein Recht, das sollte ihm werden. Wemr ich die Strafe für meine Tat erlitt, dann mußte er wohl von mir ablassen. Es war in einer kleinen rheinischen Stadt, top ich mich dem Gericht stellte. Ich bekannte mich des Mordes schuldig, gab alle Umstünde an, dann brach ich zusammen. - Grieb an das zuständige Gericht; die Anttvort war, daß schon seit Jahren keine Mordtat m der Gegend vollbracht fei. Man schrieb noch einmal genauer. Jetzt wurde festgestellt, daß zu der angegebenen Zeit und an dem bezeichneten Orte allerdings ein Toter aufgefunden worden sei, ein Handwerksbursche, der erfroren am Wege lag. Eine gewaltsame Tötung anzunehmen, lagen keinerlei Gründe vor, der Tote habe sein Arbeitsbuch, sowie seine Uhr und seine Barschaft unversehrt bei sich getragen. Auf Wunsch des rheinischen Gerichtes wurde die Exhumierung des To teil vorgenommen, aber auch die gerichtliche Obduktion ergab teilte Merkmale für eine unnatürliche Todesart, freilich war die Verwesung hierzu schon zu weit vorgeschritten. Auch die Brieftasche war an dem von mir angegebenen Orte nicht gefunden worden. Der Vater des Toten, den man gerichtlich befragte, gab an, nichts von einer Brieftasche oder einem größeren Geldbeträge zu wissen, die sein Sohn bei sich getragen. Ich selbst wußte nichts von all' diesen Ergebnes,en, denn ich lag in wilden Fieberphantasieeu. Eine Gehirnentzündung war mit voller Macht zum Ausbruch gekommen. Der Arzt erklärte, daß die Krankheit sich aller Wahrscheinlichkeit nach schon seit Wochen in mir vorbereitet habe, und daß die Behauptung, meinen Begleiter getötet zu haben, schort eine Fiebervorstellung sei. Vermutlich sei mein Kamerad au meiner Seite zusammeugebrochen, und das Entsetzen darüber habe meinen ohnehin von Hunger und Entbehrungen geschwächten Geist verwirrt. Es sei um so weniger an- zunehmen, daß ich die Tat begangen, da der Tote, wie festgestellt, größer und stärker gewesen als ich. (Fortsetzung folgt.) Am dem Lrinnerungs Album, das Freunde und Kunstgenossen am 28. Jan. Victor H o l l a e n - der zum Jubiläum seiner fünfundzwanzigsten Kompomsten-Lauf- Mj'it widmeten, sei hier einiges wiedergegeben: Bor etwa 25 Jahren — ich war damals' schon ein in ganz Deutschland unbekannter Schriftsteller — ließ sich ein Herr bei mir anmelden ... ein Name, den ich noch nie gehört hatte. Ein kleines, unscheinbares Männchen war's, bat mich um ein Buch für eine Operette. Ich lachte. Mer er setzte sich ans Klavier Und spielte so lustige Weisen, sang mit einer ganz unsanglichen Stimme so hübsche Lieder.... Aus dem wird was, sagte ich Mir! Ich schrieb das Libretto — er komponierte die Musik dazu! Und ich habe Recht gehabt! Nicht mit der Operette--di e ist durchgefallen! Aber aus dem Männchen ist was geworden — — Victor Hollaender heißt er! Gustav Kadelburg. An Victor Holleander. Wir waren drei muntre Gesellen, Der Richard, der Alex und Du, Wir schrieben zusammen ein Opus, Der künftigen Spielzeiten Clou. Die schönste der Operetten Entstand auf diese Manier, Mr Divas und für Divetten Ein Labsal — auf dem Papier. Sie war so geschmackvoll gesponnen. So reizend instrumentiert, Im Texte so witzig ersonnen. Daß >— keiner sie aufgeführt. Behütet vor jedem Tumulte, So pflegt sie im Kasten der Ruh, Und immer noch wachsen im Pulte Ihr neue Reize hinzu. Wir singen nächstens' Tedeunk Dreistimmiges Gloria, Wir feiern das Jubilauut Der schönen „Tulipia". Wir feiern diejenige, welche Tas Muster an Huld und Geduld, Und gießen drei Pommerh-Kelche Der scheintoten Dame ins Pult. Alexander Mos-z kowski. Meinem lieben Victor! Durch manche Saison Sah man gemeinsam uns wandern. 8.4 — Den eiuM M' ,,Bunimel kompagitott" Getreu an der Sette des andern.. i Wir fuhren per „Nvrdexprcß" hinein JuS Reich der Abenteuer, Es waren die „süßen Mägdelein" Uns beiden gemeinsam teuer! Wir schlenderten „zum Kasino hin". Wo uns flotte „Kusinchen" erwarten. Und pflückten mit brüderlichem Sinn ; Die „Kirschen in Nachbars Garten". Wir haben „die Herzen der Fran'n von Berlin" \ Umworben — und reizend war es. Ins Land der „Märchen und Träume" zu zietz'n .Gemeinsam — zum „Manzanares"! Ich immer mit Dir — und Du mit mir! Die Mitwelt mag's staunend lesen, Was' wir beide — am Schreibtisch und am Klavier Mr zwei Don Juans gewesen!! Mit herzlichem Jnbiläumsgrnß Dein Mitverbrecher ; Julius Frßund. Wer so lustig wirkt und doch nie gemein, Ter wird künftig auch semper Victor sein, Und kein Holland in Not des Trübsinns stöhnt. Solang Hollaender in N o t e n tönt. Louis Herrmann. Du hast im Lauf Deines Werdegangs Einen Gailg Dir erkoren: Du gehst — nicht einem jeden gelang's —’ In die Beine und in die Ohren! . Rudolph Dchauzer. . vermischtes. * Wie sich königliche Diener verhalten sollen. Eine Handschrift des Königs Heinrich VIII. von England, welche sich im Louvre befindet, verzeichnet eine Reihe von Vorschriften, die fite die königliche Dienerschaft maßgebend sein sollen. In der Zusammenstellung heißt es: Der Barbier muß sich stets sehr sauber halten, damit er oie Gesundheit Se. Majestät nicht gefährde. — Der Schatzmeister soll keine zerlumpten Mchenjungeik halten, die halbnackt umherlaufen und die am Küchenherd uml>cr- liegen, um zu schlafen. — Die Diener müssen hinreichende Bürgschaft leisten gegen Entwendung hölzerner Trinkbecher, überhaupt aller Gerätschaften, so Sr. Majestät gehören. — Ta Zinngerät zü kostspielig ist Site den täglichen Gebrauch, soll mit größter Sorgfalt auf die hölzernen Schüsseln und Zinnlöffel geachtet werden. — Kein Junge oder Träger soll für die Bedienung der Diener am Hofe gehalten werden. — Verschwenderische und übertriebene Weiber sollen schleunigst vom Hofe entfernt werden. — Ebenso soll man keine Hunde dulden mit Ausnahme einiger kleinen Wachtelhunde für die vornehmen Damen. — Stalljungen sollen sich hüten, Sr. Majestät Stroh zu stehlen, damit sie cs in ihre Betten tun. Sie erhalten so viel, daß sie Genüge daran haben können. — Zwischen 6 und 7 Uhr haben die mit dem Dienste in den Zimmern des Königs betrauten Diener das Fetter anzuzündetr und Stroh nt den Gemächern Sr. Majestät ausznbreitcn. — Kohlen werden nur verabreicht für die Zimmer der Königin, des Königs und für Lady Mary. .— Die Ehrendamen haben ein Stück weißes Brot und etwas' Rindfleisch als Frühstück zu bemtspruchcn. -- Alle Beamten, die sich verehelichen, erhalten von Sr. Majestät ettt Geschenk, Bedingung ist jedoch, daß sie dem König ein anderes! dafür machen. c-C1 Anagramm. Rastlos ström' ich dahin durch Schwabens liebliche Gaue: Setzest zwei Zeichen bn um, bin ich ein jagdbares Tier. Auslösung in nächster Nummer» i ---— Auflösung des geographischen Verschiebrätsels in vor. Nr.: Böhmen Harz Paris Sudeten Bern Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brtthl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-