1909 mW K Der arme Lukas. Eine Geschichte in der Dämmerung von Wilhelm Holz am er. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) 12. Kapitel. llnser Leben hat Augenblicke, in denen unser Tun unter einem dunkeln Triebe steht, der alles bestimmt. Wir können uns dann nicht Rechenschaft über unser Tun geben, wir sind dann abhängig, int Zwang, wir sind Kinder und Blinde. So weiß ich nicht, was mich trieb, nicht zuerst in unser Häuschen zu gehen. Auf den Kirchhof trieb's mich. Ohne weiteres Ueberlegeu nahm ich den Weg dahin. Gleich eilt paar Schritte nach dem Eintritt blieb ich mitten auf dem Hauptweg stehen. Da also lagen alle int gleichen Boden wieder vereint, dem sie entwachsen waren, nur selten ein Fremder unter ihnen, und auch sein Grab gleich den andern, gleich heimatlich. Auch mein Boden war das! Sollte er mir nicht auch einmal zur Ruhestätte lverden können?!. Aber schon war ich über diesen Gedanken hinaus. Nicht der Boden ist's, der unsere große Heimat wird, die Rühe ist's; in ihr gehen wir auf, aus ihr steigen wir zu dem neuen Leben, zu dem uns das vergangene reifte. 9iein, es verliert sich nichts. Das Leben ist unerbittlich, es enthält alles zu seiner ewigen Dauer, unser Gutes und Schlimmes, und beide sind ihm gleich wert. Fast mechanisch schritt ich weiter. Ich hatte es int Gedächtnis behalten, wo das Grab meiner Mutter war. Auch wo Großvater und Großmutter lagen. Aber freilich, da tvar vieles anders geworden. Ich mußte nun doch suchen, denn nun lagen so viele Gräber, so viele Reihen bis zu dem Pfade, auf dem ich ging, vor ihren Gräbern, so daß ich sie nicht iviederfand, in der Menge, .Es fiel mir ein, daß man an sie nun längst nicht mehr denke, daß man ganz andern nun nachweine. So ging ich Schritt um Schritt weiter. Da bleibt mein Auge wie gebannt haften. Ein noch ziemlich frischer Kranz, ein noch ziemlich frischer Hügel und viel Blumen, und ein frisches Kreuz darauf, und in großer Schrift der Name meines .Paters. Ich traue meinen Augen nicht, ich gehe näher, ich sehe scharf hin. Der Name meines Paters! Ich stand stumm, starr und erschüttert. Ich habe diesen Augenblick nie vergessen, er war schwer, er hatte mich überfallen, unvorbereitet. Ich mußte meine ganze Kraft auf» bieten, ihm nicht zu erliegen, nicht verzweifelt gegen mich und mein Leben zu wüten. In dem Augenblick war's nur mein Pater, der da unten schlief. Meinen Pater hatte ich verloren, und dieses eigene Gefühl des Kindes zu dem Manne, der es ins Leben gerufen, diese starke, innerste Perbindung und Teilhastiq- keit zu ihm, das war jetzt lebendig in mir, mehr wie je im Leben, da ich ihn besessen hatte und da dieses Fühlen mein Verhältnis zu ihm hätte regeln sollen. Und so iveinte mein Herz. Ich dachte nicht an mich, ich dachte nur an ihn, und eine Frage nach seinem Wollen, eine Frage nach seinem Erfüllten lag in mir. Ich habe nie von ihm gehört, wie er das Leben auffaßte, welchen Zweck er für sich int Leben sah, welche Ziele er sich gesteckt hatte. Nun war mir, als sei es ihm eine Enttäuschung geblieben. Klein, den kleinen Verhältnissen entsprechend, wenn mau's von außen betrachtet, aber doch so groß für den, der sie erlebt, iuie sie für den ist, der int goldenen Wagen seinem fernen Ziele zujagt und es nie erreicht. Rur die Verhältnisse ändern sich, ihre Werte bleiben die gleichen. .'Und jetzt dachte ich auch an mich. Ich möchte in seiner Sterbestunde vor feinen Geist getreten sein. Hat er mich geliebt? Er war mein Pater! Durfte er so in mein Lebet! eingreifen? Und ist mein Leben ihm nicht nun zu einer Schuld geworden, die er sich auf» geladen? Mochte ihm das je auch eingefallen fei», mochte er darüber nachgedacht haben? Mag es ihn ivohl bedrückt haben, und mag's in seiner Sterbestunde vor ihm gestanden haben, dunkel, mit brennenden Augen, feindlich und furchtbar? Ich war vielleicht seine größte Hoffnung gewesen, ich war vielleicht sein Stolz gewesen. Er hat sich um diese Hoffnung betrogen, er selbst. Und ich? Ja, wo liegt seine Schuld? Hatte er nicht ein Recht dazu? Und wo war die Pflicht größer? Und was war Sinn und Absicht des Lebens in diesem seltsamen Zusammentreffen? Ich ging zum Grabe der Mutter, da war Friede. Sie hat teilte Täuschung an der Wirklichkeit erlebt, der Tod hat sie davor bewahrt, er war gütig. Sie hatte vom Leben keine Gunst und keinen Gewinnst erhalten, es hat sie nur mit einer Hoffnung entlassen, vielleicht sogar mit einem Vertrauen. Zwischen ihrem diesseitigen Leben und dem jenseitigen stand es ihr nun als Bindeglied, als ein gutes Bindeglied. Sie wußte ja nicht . ' . Die Gräber von Großvater -und Großmutter suchte ich noch auf. Sie sagten mir nichts weiteres. Was von ihrem Wesen bestimmt war, in mir fortzubestehen, war längst in mir aufgegangen, und ich ivußte es längst, ihr Grab verriet rnir's nicht erst. Auf dem Rückwege mußte ich wieder am Grabe des Paters vorbei. Die Blumen sind von „ihrer" Hand, fiel mir ein. Da schrie es verzweifelt auf in mir. Jetzt war's frei, jetzt hatte sich's durchgebissen. Das ist wie Feuer, das sich durch Mauern frißt. Das Lebe»! Herrgott! „Pater!" schrie ich, „Vater!" llnd ich ging vorn Kirchhofe fort. Ich — ja, sag' ich's fest heraus, alles Verrungene war mir verloren jetzt, all der stille Besitz. Ich — wollte ins Leben gehen!" Der arme Lukas war tief erschüttert, er hüstelte ein * 410 — Wenig und sagte: „'s ist Zeit, daß es zum Ende geht, es will nur schwer werden." Er ging ein paarmal in dem Stübchen auf und ab. Der Regen draußen hatte aufgehört. Der Schein des Boll- mouds lag im Fenster. Ich atmete kaum; es war ganz still, nur sein Schritt, ein klein wenig schlurfend, unterbrach das Schweigen. Dann sagte er, auf und ab gehend: „'s ist gut, daß man das alles doch nur einmal er- leben muß, und ohne daß' man's vorher ahnt, denn es kommt doch vieles über einen, das man sich nicht selbst gibt, das aus ganz weiten, unnahbaren Beziehungen fließen muß. Es ist doch ein Rätsel, das Leben. Aber was will das sagen? Unsere Sinne sind so kurz, und wir halten für zerrissen und abgetrennt, was viel tiefer zusammenhängt. In meinen Jahren wenigstens, mein Lieber, will man sich's zum ^Ganzen schmieden, da will man runden und abschließen. Das große Rätsel bleibt ja wohl allemal bestehen, aber viele kleine Rätsel lösen sich ganz von selbst, und das ist immer etwas." Nun stellte sich der arme Lukas vor's Fenster. Es gab ein ernstes Bild. Sein vorgeneigter Kopf, die breiten Schultern, unb darüber, hinter ihm, das Kreuz des Fensters, das sich dunkel in die Mondhelle zeichnete. Ev stützte die Arme auf seinen Arbeitstisch und sprach langsam vor sich hin: „Ich ging nach unserm Hause, wo sie wohnen mußte. Es mochte elf Uhr vormittags sein. Sie war jetzt wohl in der Küche beschäftigt. Aber ich wollte sie jetzt nicht dort treffen. Es war mir, als habe ich eine größere Sicher-s heil in der Stube, die doch einmal mir gewesen war, darin doch so viel von mir, von meiner Kindheit lebte, darin mir nun die Erinnerung Kraft geben sollte und Hilfe leihen. Ich trat also gleich rechts in die Stube ein. Auf der Bank am Tische saß ein kleines Mädchen. Ich sah's lange an. Auch das Kind sah zu mir, aber es blieb ruhig, es fürchtete sich nicht. Ich wußte gleich, daß es ihr Kind ivar, es hatte Aehu- lichkeit mit ihr. Und merkwürdig, mir war, als hätte ich als Kind ähnlich so ausgesehen. Mein Bild, wie ich's einst im Spiegel gesehen hatte, stand mir deutlich vor Augen. Bor diesem Kinde zitterte ich. . . Ich ging freundlich auf es zu. >,Wie heißt du denn. Kleine?" fragte ich, halb flüsternd. >,Luischen," sagte sie. „Gib mir mal 'ne Hand, komm!" , Sie gab sie schüchtern. 1 Weißt du auch deinen andern Namen?" >, Schlüssel." -„Weißt du schon, Wie alt du bist?" „Nein, aber Ostern komm' ich in die Schule." „Wo ist denn dein Vater?" Die Kleine sah mich, groß -an, sie lächelte halb vev- legen. „Weißt du's nicht?" „Auf den Kirchhof ist er kommen." „Wo ist denn deine Mutter?" „Draußen. In der Küche ist die Mutter." Die Kleine stand von der Bank auf und wollte hinaus- gehen. „Nein, bleib schön da, Kind, deine Mütter kommt gleich. Bleib schön bei mir, — siehst du, ich bin der Onkel Lukas. Hat dir die Mutter noch nichts vom Onkel Lukas erzählt? Nein, noch gar nichts? Ei, so will ich dir recht viel von ihm erzählen." Ich hatte das Kind lieb. Es war ihr Kind. Ich nahm's aus meinen Schoß und flüsterte ihm schöne Dinge ins Ohr, durcheinander, buntes Zeug, wie's mir gerade einfiel. „Und gibst du mir auch einen Kuß? Willst du mir auch einen Kuß geben?" Sie tat's nicht gleich. Da drückte ich das Kind an mich und küßte es. Mein Herz jubelte. In dem Augenblick öffnete sich langsam die Tür. Das Geflüster mochte doch hinaus in die Küche gedrungen sein. „Lukas!" Der Ruf war halb angstvoll, halb vorwurfsvoll, und in demselben Augenblick war mir das Kind entrissen. „Lukas!" Dann blieb's einen Moment still, nur das Kind weinte in die Schürze der Mutter. „'s ist doch dein Kind, Luischen?!" Da war's,. als richtete sie sich noch höher auf. Ein tiefer, schwerer Ernst lag in ihren großen Augen. Ihr Mund wurde streng, ihre Züge wurden starr. Ich blickte groß auf. Es ivar so feierlich jetzt. „'s ist doch —" Ich wollte den Satz wiederholen, es ging nicht. Ich schluckte das Wort hinunter. ' „'s ist dein Schwesterchen, Lukas!" sagte sie voll Hoheit. Da traten mir Tränen in die Augen. Ich starrte sie. sragend an. „Du hast kein Recht —" Weiter kam sie selbst nicht, aber sie behielt sich ganz in der Gewalt. In mir weinte es, heiße, heiße Tränen, die niemand sah, die wie Gift brannten. „Du darfst deiuen Vater nicht entehren, Lukas!" Sie hatte sich mir weit fern gerückt. Eine Weile stand ich unschlüssig und einfältig da und sand mich nicht zurecht in mir. Das Kind hatte halb neu-, gierig, halb ängstlich die Blicke auf mich gerichtet. Nun! wandte ich mich zum Gehen, aber in der Tür hielt mich's noch einmal fest. „Mutter!" sagte ich, halb unbewußt. Da trat sie auf mich zu und gab mir die Hand. Sie sah mich fest an, und ich hielt ihren Blick aus. Sie zog! mich nach der Bank. „Setz dich, Lukas, du sollst mir willkommen sein! Jetzt kann ich dich begrüßen und aufnehmen. Gib deinem! Bruder die Hand, Luischen, 's ist dein großer Bruder, den du noch gar nicht gesehen hast." Zwischen ihr und mir saß das Schwesterchen. Sie hatte wieder gesiegt. Aber seltsam, ich fühlte mich nicht unterlegen, ich fühlte mich wie in ihrer Hut. Mutter und Sohn! Das war eine weite Scheidung. Und wie nah hatte einst alles zu ihr in mir gelegen. Nun stand sie mir wolkenhoch, wolkenfern. (Schluß folgt.) Die schlacht von Wagram (5. und 6. Juli 1809.) Von I. C. L u ß t i g. Rasch nach dem Siege von Aspern und Eßling neigte sich der Stern des österreichischen Heerführers, des Erzherzogs Karl, zum! Niedergänge. Napoleon war im Jahre 1809, in ungebrochener Kraft und Energie, noch nicht der Mann, der einen solchen Schlag, ruhig hätte verwinden können, und der nicht mit allen Mitteln! danach gestrebt hätte, die Scharte auszuwetzen und den Gegner in erneutem Kampfe niederzuwerfen. Im Marchfetde hielten sich die beiden Armeen zwischen der Schlacht von Aspern und der kommenden Schlacht von Wagram auf, beide in der sicheren Erwartung und Voraussetzung, daß es über kurz oder laug wieder zum Schlagen kommen müsse. Die österreichische Armee zog sich in der Gegend von Wagraut zusammen, und am 3. Juli 1809 morgens begibt sich Napoleon auf einen Punkt im Gelände, wo er die Gegend um Eßling beobachtet. Am Abend des 4. Juli um 10 Uhr wird dann unter starkem Sturm und Regengüssen! der eigentliche Uebergang über die Donau eingeleitet, während Groß-Enzersdorf bombardiert wird. Und um 2 Uhr morgens! schon sind vier Brücken fertig und die Truppen fangen an, über den Strom zu gehen. Der Kaiser, der während des Brückenschlages an allen Orten anfeuernd tätig gewesen war, legt sich zu kurzem Schlafe nieder, und die Truppen nehmen inzwischen die ihnen angewiesene Schlachtordnung in der Enzersdorfer Ebene ein. Schon um 41/2 Uhr morgens steht Massena mit dem linken Flügel! an die Donau gelehnt, und die Division Legrande, die noch zur Täuschung des Gegners vor den Brücken am Aspernex Uferhause geblieben war, zieht nun von diesem Punkte ab, um sich ihrem! Armeekorps anzuschließen. Davout geht über die Flußbrücke und nimmt Aufstellung mit dem rechten Flügel bei Wittau; uni! 8 Uhr rückt sodann Oudinot zwischen Davout und Massena ein. Auf der Seite der Gegner hatte am l.Juli Erzherzog Karl, beunruhigt durch den Uebergang der Division Leqrande, eine Vorwärtsbewegung gegen die Linie Aspern-Eßlinqen-Groß-Enzcrs--. dorf gemacht und ein Korps nach Wittau geschickt, am 3. Juli aber zieht er das Korps wieder zurück und steht nun wie vorher am Bisamberge und hinter dem Rußbach. Ein Korps' stellte! er in die Linie Aspern-Eßlingen-Groß-Enzersdorf, welche Linie er durch Verschanzungen verstärkte, llm 10 Uhr vormittags schob schon der Kaiser sein erstes Treffen in die Linie Groß-Enzersb dorf-Rutzendorf vor, während Bernadotte zwischen Oudinot und! Davout einrückte. Um Mittag ist auch das zweite Treffen der H-ranzösen schon gebildet, das aus den Truppen beS' Prinzen Agetz und der Garde besteht; ihm schließt sich ein drittes Treffen, Basfisres, an. Nachdem auf diese Weise fast die ganze Armee ausmarschiert ist, rückte sich der Kaiser um 12y2 Uhr mit einer Linksschwenkung vor, während das österreichisch« Korps, das bis zu dieser Zeit dort allein gestanden hat, nach Stammersdorf znrück- wcicht. Der Erzherzog Karl hatte auf seinem rechten Flügel drei Korps, in der Mitte das Grenadierkorps und auf dem linken Flügel drei Korps in der Linie Deutsch-Wagram-Markgrafneusiedel; alles in allem 128 000 Mann. Es war dem Kaiser eine Uebcrraschung, daß ihm sein Gegner gar keinen Widerstand entgegengesetzt hatte, über seine Stellung und seine Absichten wußte er nichts. Um 4 Uhr nachmittags jedoch erhielt er die Nachricht, daß der Erzherzog Johann noch nicht bei der tzauptarmce eingetroffcn sei, und so konnte er denn wissen, daß er nur die Truppen des Erzherzogs Karl vor sich habe. Unter dem Eindruck dieser Erkenntnis beschloß er, den Erzherzog Karl sofort anzugreifen, ihn aus der starken Stellung hinter dem Rußbache zu vertreiben und dadurch der Vereinigung der beiden Crzherzöge vorzubeugen. Gegen 7 Uhr gab er den Beseht zur Eröffnung des Angriffes. Der Erzherzog, die Gefahr bemerkend, zieht von seinem rechten Flügel her frische Truppen heran und führt diese der Division Eugen entgegen, die über den Rußbach vorgegangen war. Diese Division wird geworfen, und der Rest der italienischen Armee, der zu ihrer Unterstützung in die vordere Linie einrückt, erleidet dasselbe Schicksal. So ist der Angriff des Kaisers gegen den Erzherzog auf der ganzen Linie gescheitert, und seine Korps haben in der Nacht zum 6. Juli nur die am Nachmittag erreichten! Stellungen südlich dieses Baches inne. Der Kaiser hatte dem Angriff der ersten Division Eugens und ihrem Mißerfolg zugesehen und es war ihm klar, daß vor dem nächsten Morgen an dieser Stells nichts weiter zu machen sei. Dann aber will er wieder den Erfolg durch Einsetzen aller seiner Kräfte erzwingen, und die meisten Korpsführer werden noch in der Nacht bei dem kleinen Wachtfeuer des Kaisers versammelt, der dort mit ihnen die voraussichtliche Bewegung des morgigen Tages bespricht. Dann bringt er die Nacht bei dem Wachtfeuer zu, schläft aber nur wenig. Mit dem Morgengrauen des 6. Juli ist er wach und weist hie vor der Linie des Rußbaches stehenden Linien an, sich bis auf weiteres Nur in ihren Stellungen zu halten, bis er den Befehl zutu allgemeinen Angriff dieser Linse geben werde. Aber der Gegner fo.nt ihm zuvor. Denn auch der Erzherzog hatte den Angriff beschlossen und hatte hierzu sein rechtes Flügew korps bei Aspern, immer an die Donau gelehnt, in Marsch gesetzt, ein Korps behielt er am Bisamberge zurück und eines ging) auf Breitcnlee. Im Zentrum sollte das Grenadierkorps vorstoßen. Die am Unten Flügel stehenden Korps sollten vordringest, den Bach überschreiten und die feindliche Front angreifcn. Gegen 11 Uhr vormittags war es den Franzosen gelungen, dem umfassenden Angriff des Erzherzogs gegenüber eine Flanke zu bilden und zunächst die drohendste Gefahr abzuwenden. Inzwischen dringt Davout vor, zur selben Zeit auch das Korps von MacdonalÄ. Es war , 1 Uhr mittags. Von Macdonalds Angriff werden Breitcnlee und Aderklaa geräumt, nur der Ort Sußenbrunn widersteht, und das französische Korps, nun inmitten der feindlichen Linie, hat einen schweren Stand.. Tie Versuche der Kavallerie, es herauszuhauen, mißlingen. Inzwischen jedoch war Eugen auf Deutsch-Wagram vorgegangen und hatte sich dieses Ortes bemächtigt. Bor dem Anmarsch dieser Masse, zu der sich auch Truppen von Wrede und Eugen gesellten, gab der Gegner Süßenbrunn aus und wich zurück. Auch an dem Rußbache war um die gleiche Zeit gegen 2 Uhr die Entscheidung- zu gunsten der französischen Truppen gefallen. Der allgemeine Rückzug der Oesterreicher macht dann auch Massena, der ins Gedränge geraten war, wieder Luft. Ter Kaiser schlug sein Biwak zwischen Raasdorf und Aderklaa auf, denn er hatte dort noch an unberührten Korps die Garde und das Korps von Marmont. Der Erzherzog versammelt am Abend seine Korps an der Brünner Straße, und am Bifamberge, nur das Korps vom äußersten linken Flügel hatte sich nach Wollersdorf zurückgezogen. Ta die Oester- reicher den Rückzug angetreteu hatten, ohne daß die Kolonnen völlig geschlagen worden wären, und somit eigentlich mehr das Schlachtfeld geräumt als schon bereits endgültig verloren hatten, so konnten sie noch eine hinreichend widerstandsfähige Haltung annchmen, um eine bloße Verfolgung nicht zu gestatten. Nach den schweren Verlusten aber und bei dem häufig schwankend gewordenen Erfolge des Tages wollte der Kaiser sich zu einem neuen Angriff nicht entschließen. Daher lagen sich von den Abendstunden des 6. ab die beiden Armeen gegenüber, und der Kaiser vermochte sticht festzustellen, wohin der eigentliche Rückzug der österreichischen Armee geplant sei, ob über Wölkersdorf auf die Straße nach Brünn oder über Korneuburg auf die Straße nach Zuaim. Wenn die Schlacht timt Wagram von der taktischen Seite betrachtet wird, so kann man seststellen, daß Erzherzog Karl schon damals sich des konzentrischen Angriffes bediente, der ja in späteren Feldzügen, zumal in den letzten Zeiten des Krieges 1870 und 71, so häufig und erfolgreich angewandt worden ist. Aber die Schlacht gibt auch das Beispiel dafür, daß ein fähiger und energischer Führer immer imstande ist, mit einer guten Armee, die er geschlossen ist der Hand hält, einer solchen Taktik erfolgreich entgegen zu treten. Interessanter mtb wichtiger jedoch ist Wagram für die Beurteilung Napoleons als Feldherrn; er war auch hier nicht imstande, die b®'.öe, Vernichtung des Gegners herbeizuführen, denn die öster- reichische Armee war nach der Schlacht fchnell wieder zu weiteren Operationen bereit. Ter Erzherzog Karl war, wie Graf Yorck von Wartenburg in seinem Buche „Napoleon als Feldherr" sagt, vollständig im Rechte, als er die Schlacht aufgab, noch ehe sie endgültig und völlig entschieden war. Er wollte ja nicht die Welt unterjochen, sondern das Bestehen seines Staates sichern, und dies geschah voraussichtlich am erfolgreichsten, wenn er die Armee int operationsfähigem Zustand wieder zurückführte. Setzte er aber alles an seinen vollen Erfolg, so konnte er eben auch alles verlieren. Ter Gegensatz in der Verfolgung bestimmter politischer Ziele hat der Kriegsführuug gerade in der Schlacht von Wagram seinen besonderen Stempel aufgedrückt. Als eine Folge dieser Taktik ergibt es sich, daß schon am 11. Jstli die österreichische Armee unter Festhaltung von Znaim den weiteren gesicherten Rückzug antreten und einen Vorstoß Massenas abweisen konnte, während Marmont das Herankommen von Verstärkung nbwartete, als plötzlich bei ihm gegen Mittag der Kaiser eintraf. Von der Höhe bei Teschwitz aus übersieht er, daß die Oesterreicher mit verstärkter Macht in guter Stellung stehen, und er weiß, daß ausreichende Verstärkung für ihn nicht vor den ersten Morgenstunden des nächsten Tages zur Stelle sein kann. Ta er also an diesem Tage außerstande ist, den Feind zur Schlacht zu zwingen, so kann dieser, den Rückzug nach Böhmen fortsetzend, ihn dort zur Eröffnung eines neuen Feldzuges zwingen. Doch die schweren Verluste von Wagram und der nur unvollkommene Erfolg dieses Tages haben Wohl den damals auch körperlich leidendett Kaiser von enteilten1 Wagnissen, abhalten. Er griff demnach Vorschläge zu Verhandlungen auf, die schon am Abend vorher Marmont gemacht worden waren, und schloß am Morgen des 12, Juli eilten Waffenstillstand, der diesem Kriege tatsächlich ein Ende machte. Am 15. November kehrt er, zum letzten Male als Sieger, in seine Hauptstadt zurück. Zur Urgeschichte der Münze. Von einer Pariser Sängerin wird erzählt, sie habe durch ein Konzert auf einer australischen Insel eine Einnahme von — drei Schweinen, 23 Truthähnen, 44 Hühnern, 500 Kokosnüssen, 1200 Ananas, 120 Kürbissen und 1500 Orangen erzielt. An diesem hübschen Geschichtchen illustriert Tr. Ferdinand F r i e d e n s b u r g in seinem Buche, das er soeben unter dem Titel „Tie Münze in der Külturge- schichte" bei Weidmann in Berlin erscheinen läßt, das Hineinragen der Urzustände menschlicher Kultur in die heutige Welt des Metallgeldes, wie es sich bei manchen Naturvölkern findet. Erst verhältnismäßig spät ist die Münze erfunden worden. Es erscheint uns heute kaum'verständlich, wie die Babylonier b'ei ihrem hochentwickelten Gewichtssystem ebensowenig wie die übrigen Kulturvölker des Orients, Assyrer und Aegypter, Juden und Inder, die Münze kannten und bei ihren weitreichenden Verkehrs- und Handelsbeziehungen sich mit dem Zuwiegen des Edelmetalls' und den Erzeugnissen der Natur, insbesondere der Landwirtschaft, als Zahlungsmittel begnügen konnten. Wem nun wirklich die Erfindung der Münze zuzuschreiben ist, kann heute nicht mehr mit Sicherheit festgestellt werden; wahrscheinlich hat auch sie sich nur in langer Ausbildung in unmerklichem Fortschritt entwickeln können, um dann an verschiedenen Stellen zu gleicher Zeit ihre Vollendung zu erreichen. Strabo schreibt die Erfindung der Münze dem König Pheidon von Argos,, einem Abkömmling des Herakles im elften Gliede, zu, der in Aegina zuerst wirkliches Geld geprägt haben soll. Nach dieser Angabe müßte man die Zeit Um 700 v. Ehr. annehmen, und in der Tat sind aeginetische Münzen mit dem Bilde einer Schildkröte erhalten, die zu den ältesten überhaupt erhaltenen Geprägen gehören. Herodot schreibt dagegen die Erfindung der Münze den Lydern zu, die er als die „ersten Krämer" bezeichnet, und auch seine Nachricht ist glaubhaft; denn der Reichtum der Lyder ist durch den Namen ihres letzten Königs Krösus sprichwörtlich geworden, und noch heute ist die Umgebung ihrer alten Hauptstadt Sardes die ergiebige Fundstätte uralter Goldmünzen mit den Bildern des Löwen und des Stieres, die sicher zum Teil noch über Krösus (gest. 554j hinausreichen. 'Verwandt mit ihnen find andere asiatische Münzen in Silber und in „Elektron" (Mischung aus Gold und Silber), die auf Phokaea und andere Städte Ioniens, zum Teil auch auf Kyzikos an der Propontis Hinweisen. Auch in Unteritalien find Münzfunde zu verzeichnen, die bis in das siebente Jahrhundert hineinreichen, und ebenso haben nordgriechische Völkerschaften und Städte uralte Geldstücke hinterlassen. Alle diese sind aus Edelmetall und geprägt, während das etwas spätere Geld der mittelitälischen Völkerschaften aus Kupfer besteht und gegossen ist — was ihm an innerem Werte abgeht, ersetzt es durch riesige Größe und Schwere. Wie sehr die neue Erfinduna dem allgemeinen Bedürfnis cntgegcnkam, zeigt die Tatsache, daß sie sich alsbald mit großer Schnellig- 412 feit ausbreitete: bald nach 450 dürfte die gesamte hellenische Kültnrwelt allgemein gemünztes Geld gebraucht haben. Oft aber erhielt sich auf diesen ältesten Münzen die Erinnerung an die früher gebrauchten Zahlungsmittel durch die ihnen ausgeprägten Bilder, iuie sich auch in Sprache und Sitte mancherlei Anklänge an den Gebrauch der Vorzeit lange erhalten haben. Allgemein anerkannt ist die Ableitung des lateinischen Wortes pecunia (Geld) von Perus (Vieh), und die zahlreichen sehr alten Münzen Italiens mit dein Bilde eines Stieres sind ein Nachklang der frühen tveikverbrei- teten Zahlungsweise, die sich des Kindes als des wichtigsten Gegenstandes der Viehwirtschaft bediente. Schon bei Homer wird mit Rindern und Rindshänten gekauft mtd gerechnet; im alten Rom wurden bis zum Jahre 429 v. Ehr. die Bußen in Bieh entrichtet; bei den ripuarischen Franken im sechsten Jahrhundert n. Ehr. wird eine gesunde Kuh einem römischen Goldstück gesetzlich gleichgesetzt, Isländer und Norweger kennen ein Kuhgeld, dessen Einheit die Kuh von drei bis höchstens acht Wintern, heil an Hörnern und Zagel, an Euter und an allen Füßen ist. Wenn auf alten Münzen von Metapont sich eine Wehre findet, so erinnert dies daran, daß auch das Getreide als Zahlungsmittel diente. Bon anderen Naturerzeugnissen sind unter den Zahlungsmitteln der Urzeit neben Muscheln, die in Afrika und Australien eilte große Rolle gespielt haben und noch heute spielen, besonders Felle zu erwähnen, die namentlich im tierreichen Osten Europas vielfach verwendet worden sind. Abgaben in Marder-, Iltis- und Eichhornfellen sind bis tief fit historische Zeiten üblich gewesen, und daran erinnert wohl das sonst nicht zu deutende Eichhorn, das auf Münzen von Polen, Schlesien und Oesterreich erscheint. Weiter zu erwähnen sind Fische, ferner Salz und Tee, Reis, Tabak und zahlreiche andere Nahrungsmittel, nicht zu vergessen die „Tonne Bier", die im Mittelalter einen Rechnungswert Der Ostfriesen abgab. Eine Kuriosität ist das Steingeld, das in Westafrika in Gestalt vier bis fünf Zentimeter großer Stücke erscheint, mährend es auf der Insel Dap (Karolinen) die Größe ansehnlicher Wagenräder annimmt. Im Mittelalter wurde in Böhmen und Schweden vielfach Leinivand als Zahlungsmittel verwendet. Das Gerätegeld, das in Griechenlands vorgeschichtlicher Zeit eilte sehr bedeutende Rolle spielte, scheint sich auch in der Bronzezeit schon eingebürgert zu haben. Aus dieser fanden sich offenbar ungebrauchte Aexte, Speereiseu und Ringe von völlig gleicher Form in großer Menge, von denen man annimmt, daß sie zum Tauschverkehr bestimmt umreit, also die Rolle eines Zahlungsmittels versahen, wie einst Fischhaken in Persien, Ceylon und Indien und noch heute bei afrikä- uischen Schmiedevölkern Schaufeln und Hacken. Ursprünglich _ waren diese Gegenstände natürlich für den Gebrauch bestimmt, da ja durch diesen allein das Metall für den Menschen der Vorzeit begehrenswert ivttrbe. Später sah man von dem praktischen Bedürfnis ab und bediente sich für Handelszwecke solcher Geräte, die auf Brauchbarkeit keinen Anspruch mehr machen können, da die Ringe zu schwer, die Beile stumpf oder ohne Oese, die Angeln ohne Widerhaken hergestellt sind. Ja, man will sogar wahr- genonunen haben, daß diese Ringe und Beile ein bestimmtes, sich gleichbleibendes Gewicht beibehalten, was d