bKNZiag Sm % Dezember 4 WD IWW^A W^W W I I (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Rheinlandstöchter. Roman von Clara Biebig. Gorge machen die Kinder bem Vater genug; damit ist's immer noch beim alten. Seit meine Besä mich verlassen hat, ist's still bei mir. Bald sind es vier Jahr, daß fiü tot ist — Herr Gott, wer denken soll, daß das junge Leben 'o früh erlöschen mußtet Glaubst nicht, wie glnültch sie und der Hommes mit einander waren; lang genug hatten sie sich herum gezogen, bis es zur Hochzeit kam. Deut Hommes seine Alten wolltens partout nicht zugeben, und d-.e Befa 'hat auch gern mal einen Seitensprung gemacht. Junger Most will ausgären, wird nachher desto besser. Aber geliebt hat sie nur den Hommes. Und jetzt ist der Hommes weg nach Amerika" — hier hatte Nelda beim Lesen einen tiefen befreiten Atemzug getan, beide Hände an die erglühenden Wangen gepreßt,'er war fort! — „die Heimat ist ihm verleidet; das Kind, das ihr das Leben gekostet hat, spielt bei den Großeltern vor der Tür-. Es dauert mich ber den alten .Hommes, wird herumgestoßen mehr oder weniger. Ich kann nicht Vorbeigehen, ohne das kleine Mädchen auf den Arm zu nehmen, hat Augen wre die Befa. Macht' gern mehr für es tun, aber wie?! Es ist öd' um mich. Ja, meine liebe Richte, könntest Du bei mir sein! Gut für Dich, gut für mich, gut für meine Eifeler! Brauche hellere Augen, die mir sehen helfen, meine werden schwachsichtig; auch eine jüngere Hand, die zwischen mir und ihnen hm und herreicht; da ist manches im argen. Auf der Besä ihrem Grab steht ein roter Rosenstock, sind alle anderen im ^orf erfroren, blüht der: dünkt mich, er lacht dann über s ganze Gesicht, wie -die Befa. 's ist doch was Herrliches um so einen gesunden Lebens- und Liebestriebl Verlier Du ihn auch nicht, mein Mädchen"--— Ach, der Lebens- und Liebestrieb nein, den hatte sie noch nicht verloren! In Reldas Wangen stieg ein wärmeres Rot, rascher kam ihr der Atem über die Lippen. Den würde sie auch nie verlieren. Klopfte nicht nhr Herz gleich rasch wie früher, waren nicht ebenso gut Wunsche darin? Ja, es hatte sich nur geweitet, das fühlte ,ie. Und das Wort kam ihr nicht so rasch mehr auf die Zunge, die böse Spottlust war weg, ein großes Mitleid an die Stelle, getreten. Ging sie über die Straße und ,ah ent Kind weinen, sie konnte nicht anders, sie mußte es trösten. War da ein verlaufner Hund, sie mußte ihn locken und ihm zir feinem Herrn zu verhelfen suchen. Allesneme großen Taten — aber wohin mit der Fülle der Empfindung?„ _ Onkel, ich wünschte, ich könnte dir he.feu, imju fie laut und faltete die Hände. Ach ja, der war petzt recht einsam! Nelda mußte an die Befa denken, die das Haus einst ko lustig belebt hatte. War die zu beklagen? O, tausendmal nein! Hingegangen chbollster LebenschUe, den Kuß der Liebe auf den Lippen. Nelda fühlte heute noch die Erschütterung in den Miedern, die sie damals empfand, als der Onkel ihr den raschen Tod der jungen Frau Hommes mitgeteilt. Tot, das frische gesunde Erschöpf?! Aber gc- -storven mitten im Mick, rasch vergangen wie M achender Sommermorgen, an den man mit Wonne zurück denkt. Neldir sah mit großen Augen nm sich - wie seltsam! Aber Fräulein Berg war ja mitunter sonderbar. Und doch fing ihr Herz an zu klopfen; sie sprang auf, jagte den langen Gang entlang, durchs Berliner Zimmer, hin zur Korridortür. " „Fräulein Berg,Fräulein Berg!". Keine Antwort nlehr, niemand auf der Treppe. Sie stürzte in Herrn Schmoltes Borderzimmer und riß das Fenster auf; was wollte sie denn nur? Ein paar Augenblicke noch und Fräulein Berg trat 'unten ans dem Tor auf die Straße, unschlüssig blieb sie stehen und sah nach rechts und links. Nelda hing Mit halbem Leib zum Fenster heraus, sie schrie laut: „Fränlem Berg, Fräulein Berg!" Die rasselrrden Wagen, das Rollen der Pferdebahn übertönten den Ruf. . „Fräulein Berg!" Der Name zerflattcrte in der Lust. Da ging sie hin, das blaßblaue Kleid verwehte um. die nächste Ecke. „ ,, „Ich weiß nicht, warum ich so dumm put," murmelte Nelda und wischte sich über die Stirn; langsam, fast wtder- willig schloß sie das Fenster, und dann ging sie zurück und setzte' sich auf beit alten Platz in der engen Komnrke. Das Schreiben wollte nicht vorangehen. „Mein geliebter Onkel! Wie geht es Dir? Alle Tage und Stunden denke ich an Papa und Dich, ich wünschte oft, ich könnte bet Weiter kam sie nicht, und -sie war doch ganz allein. Nichts regte sich, nur der Star , drüben pffis: langiam verblaßte das Sonnengold, jenseits die hohe Hauswand warf schon eilten düstern Schatten ins Fenster. Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. .Ach, so emsam, so still. „Ich wünschte oft, ich könnte bei Dir seni. — fte lächelte, ihr war, als hörte sie Tannen rauschen, eine frischere Luft umfächelte die Stirn, die Brust hob sich tu einem sehnsüchtigen Seufzer. Das ivar.die Natur, groß und unberührt, heilig; und mitten drein tönte des Onkels Stimme < „Lieg du nur einmal so recht fest an der Brust der Natur, dann kriegst du andre Augen, sie werden heller. Atau wird besser. Wunden hcileik kann nur die Natur. Tic Natur ist Gott." , Ich wünschte, ich könnte dort sein," murmelten ihre Lippen. Die Feder fiel ihr aus der Hand, rollte uver's Papier, hinab auf den Fußboden; sie achtete es nicht. 1.. — — -Sie ging wieder durch die Dorfgafie, und die Kinder liefen ihr entgegen, und die Leute nickten ihr zu: „Sei Se als Widder hei, Fräulen Nelda? Dat es gut! Wie der Onkel sich freuen würde! . , Ich bin alt geworden," schrieb er ini letzten Bries, „all und mkd. Meine Eifeler sind gut, aber Not und — 758 Wi einem Zauberschlag stand das braune Mädchen vor Neldas Augen, sprühend vor Lebenslust; sie fühlte wieder dho jivarinen festen Hände und von diesen aus den wohltuenden Strom durch ihren Körper rinnen. Ja. ein roter Rosenstock, das war das Rechte auf Pefas Grab. Keine weißen Kirchhofsrosen, die gebühren nur den Blassen, Hin- gewellten, die vergangen sind ohne Lust, oder keine Kraft haben, für ihre Lust ein,yatreten. Und Neida dachte mit einer ungewissen beklemmenden Angst au Bern Berg, und dann mit Sorge an Agnes von Osten. Die eine sah müde aus bis zum Tod, und die andere kämpfte, aber nur nach ihrer Art. ,,Jch muß wieder zu Agnes," murmelte Nelda, „sie geht hin wie ein Schatten. Daß wir daun nicht die Kraft haben, wenn wir sie gerade brauchen! Oder hat Agnes Kraft! Ich weiß nicht!" Nachdenklich zog sie die Stirn kraus. Drüben pfiff der Star. „Wart', Bogel," sagte sie plötzlich, „wenn der Sommer erst da ist, laß ich dich doch heraus! Du mußt frei sein! Besser in der Freiheit sterben, als hier so dahin kümmern. Gibst du Antwort, he?" Sie stand auf, schlang den Arm um's Fensterkrenz und spähte hinüber; so stand sie lange. Noch lag ein Glanz von Tag auf ihrem .Haar, aber die Gestalt tauchte schon in den Schatten.---„Klingelingeling!" An der Korridortür heftiges Läuten. So zog die Mutter die Glocke, immer gleich dreimal hintereinander; sie hatte nie Zeit zunr Warten. War es schon so spät? Im Berliner Zimmer bereits tiefste Finsternis, Nelda rannte einen Stuhl um, als sie durchlief. „Klingeling" — —! Die Rätin stand bereits draußen mit gelösten Hutbändern, die Mantille auf dem Arm. Eine Treppe tiefer tönte das Fauchen von.Herrn Schmolte, er nahm die .Höhe langsamer. „Aber Relda, du machst ja gar nicht auf, hörst du denn nicht?" Die Mutter betrat hastig die Stube. „Was, noch keine Lampe an? Kein Tisch gedeckt?!" Wie versteinert blieb sie stehen. „Wer, mein Gott, was hast du Denn den ganzen langen Sonntagnachmittag gemacht? Todmüde kommt man nach Haus und dann ist nichts hergerichtet. Zünde mal Licht an, rasch!" „So so, hoplala," sagte Herr Schmolke gemütlich und schloß umständlich die Korridortür. „Da wären wir ha wieder! Na" — er zog ein Sträußchen ans dem Knopfloch und überreichte es Nelda galant — „man en ganz kleiner Frühlingsgruß. Was denken Sie wohl, Neldachen, wie schön es war! Neberall Musik und die Leute alle M zweien. Ne, ne, es ist «ich gut, wenn der Mensch allein sitst Warten Sie nur, Kindchen, der Rechte kommt bei Ihnen auch noch, dafür lassen Sie man Schmollen sorgen!" Er schlug sich auf die breite Brust und nickte dann zu Frau Rätin hinüber. „Nicht wahr, Berehrteste? Neldachen muß heiraten, darüber sind wir beide uns ganz einig!" Die Mutter seufzte und warf einen Blick gen Himmel. „Ja, wenn man mir einen wüßte! Komm' mal her, Nelda!" Sie reckte sich und strich der Tochter, von einer plötzlichen Mrtlichkeitsregung gefaßt, die Haare aus der Stirn. „Sie ist doch ein gutes Mädchen! Da ist manche, die eine exquisite Partie gemacht hat, und ist nicht halb so wie meine Nelda. Aber wenn eine kein Geld hat —!" Sie zuckle die Achseln. „Na, erlauben Sie mal" — Schmolke blinzelte ganz verfänglich und rieb sich dann die Hände — „wird sich alles machen, lassen Sie man gut sein! Wissen Sie was, Werehrteste, bin riesig fidel; was meinen Sie, teuerste Geheime, wollen wir heute eine springen lassen? Bon Meinem Geburtstag her, steht unten im Waschtisch noch 'ne Flasche Cermaniasekt mank die Stiefeln — was?" Frau Rätin lächelte und errötete wie ein junges Mädchen; sie sah ordentlich hübsch aus in ihrem schwarzen Seidenkleid mit dem Käffeebohuenmuster und diesem verschämten Ausdruck um die kleine Nase. Was ging denn vor? Nelda sah etwas verwundert von einem zum andern. Die Mutter war merkwürdig sanft; während sie miteinander den Tisch deckten, fragte sie mit einer weicheren Stimme als sonst nach Onkel Konrad. „Hast du ihm geschrieben? Ach Gott ja, der mag sich auch sehr einsam fühlen! Stell' die harten Eier dahin! Du kannst ihn vielleicht bald mal besuchen, aber ganz zu ihm lassen — die Leberwurst im Fettdarm ist nur für Schmolke, «vir essen die andere von vorgestern — nein, nein, das kann ich nicht!" Sie streichelte bie. Tochter. „Du bist ja doch mein einziges Kind, da möchte es kommen wie es wolle, du gehst doch allem andern öor! Weitz Gott, wenn ich toas tun würde, täte ich es nur für dich!" C-ie zog aufgeregt ihr Tascheiw tuch heraus und wischte sich die Augen; Endlich saßen sie bet Tisch. Die Lampe brannte nnd warf ihren Schein auf die Gesichter; das des guten Schmolke strahlte vor Vergnügen. Er legte sich hinten über und wippte mit dem Stuhls asle paar Augenblicke nahm er fein Glas und hob es gegen die Damen. „Prost, prost, es lebe die Gemütlichkeit! I Gott bewahre, Verehrteste, haben Sie keine Angst, 'nen Schwips leisten wir uns nich! Prost, Neldachen! Na, machen Sie man kein so finstres Schnuteken, Kind ha ha, so leben wir, so leben toir alle Tage!" Er intonierte mit krähender Stimme und lachte dann in sich hinein, daß die Rundung seines Leibes hinter der vorgebundenen! Serviette schütterte. Warum diese Fröhlichkeit? Auch die Mutter saß da mit einem permanenten Lächeln um den Mund; sie halte das gute Schwarzseidene anbehalten, nur die Aermel mit den Spitzenmanschetten sorgfältig umgekrämpt. Nelda sah unruhig über den Tisch und jenseits-nach dem Regulator — schon neun! Vera Berg noch nicht da?! Nun, der Weg von Schöneberg war weit, die Pferdebahnen am Sonntag üb erfüllt. „Doktor Müller spielt heute wohl irgendwo anders den Angenehmen?" meinte Schmolke. „Na, mir kann's recht sein, sind wir schön entre nanoiis. Trinken Sie mal ans, inerte Frau! Nm wo ist denn der Schleicher?" „Aber, Herr Schmolke!" Die Rätin schlug vorwurfsvoll die Augen auf. „Schleicher! So ein netter junger ManU." „Pah, pah, netter junger Mann hat sich was! Verdreht der armen Person, der Berg, ganz den Kopf — gefällt mir gar nicht, bum. Schmollen macht der keine Wippchen vor; die Sache ist nicht koscher!" „Wieso?" Fran Tallmers Augen wurden groß und größer. „Mama," sagte Nelda plötzlich und tat einen tiefen Atemzug, „ich ängstige mich so um Fräulein Berg. Sie war komisch, als sie heut nachwittag fort ging, so verstört, so — ich weiß nicht!" „Na, da haben wir den Salat!" Schmolke rückte näher und legte den Arm auf der Rätin Stuhllehne; er tuschelte ihr etwas in die Ohren. Wie von einer Tarantel gestochen, fuhr Frau Dallrner auf. „Um Gotteswillen, ich" — „Na man sachte, man sachte, was Gewisses weiß man nich! Beruhigen Sie sich, ich werde die Sache in die Hand nehmen, werde der Berg mal mit feiner Diplomatie etwas auf den Zahn fühlen. Und nu lassen wir Berg und Müller — es lebe die Gemütlichkeit, prost, prost! Prost, auf eine frohe Zukunft!" „Ach, bester Herr Schmolke!" Frau Rätin war wieder sehr gerührt, sie reichte Herrn Schmolke die Hand und guckte verstohlen zu ihrer Tochter herüber. „Neldacheu," sagte sie uni) nickte; noch nie in ihrem Leben hatte sie so gesagt. „Neldachen!" Nelda sah' verwundert auf, ein seltsam unbehagliches Gefühl beschlich sie, sie kam sicb.so überflüssig vor. Drüben die beiden an der anderen Tischseite waren sich vollständig genug, sie fühlte das, ohne daß man ihr's zeigte, „Hery Schmolke, bester Herr SclmwUe" — „Werte, Teure, Verehrteste" — das flog nur fo hin und her; sie entsann sich kaum, die Mutter je so vergnügt gesehen zu haben. Halb zehn Uhr! Zehn! Eine grenzenlose Oede kam über sie; was war's, warum mußte sie immer und immer wieder an ihren toten Vater denken? Sie hielt es nicht mehr aus, leise stand sie auf und ging um den Tisch herum. Was sie sonst nie getan, sie schlang den Arm um den Hals der Mutter und schmiegte den Kvpf an deren Wange. „Mama," flüsterte sie mit Beben in der Stimme, „hast btt mich lieb?" Ihre Hand faßte eine Falte der schwarzen Seidenfahne< „Ei, was füllt dir ein?!" Fran Dallrner wurde rot, dann lachte sie, ein kleines Verlegenheitslachen, und küßte die Tochter auf die Stirn. „Natürlich! Und nun sieh mal nach der Uhr, wir müssen jetzt abräUmen, die kommen nicht mehr!" lFortsetzung folgt.) 7LS Der Mß GsE Wahre Dorfgeschichten. Wvn Hermann Strack, Ruppertenrod. Mei unserem Preisausschreiben tobend erwähnt.) ,,, Wenn einer eine besonders starke, robuste Natur besitzt, sich dabei einer kernhaflen Gesundheit erfreut, Wind und Wetter nicht fürchtet, tti.lt und warm und süß. und sauer vertragen kann, dazu Schmerzen zu verbeißen weiß, die einen! anderen die Tränen auspressen, so sagt man im Volks- mund: „Tas eas 'n Kerle — wäij 'n Gaul." Solche „Gmilsnaturen" gab es in früherer Zeit viel' häufiger wie letzt, wo die verfeinerte Kultur auch in die entlegensten Gebirgsdorfer gedrungen und bei den Dorfbewohnern Bedürfnisse und Ansprüche weckt, die bei jenen Alten als ein Luxus galten. Von einem solchen Mann aus altem Schrot und Korn, den man 'm seinem Dorfe wegen einer derben, lvetterharten Natur, seinem rauhen, furcht- osen Wesen den. „alten Gaul" nannte, will ich in nach- olgendem erzählen. I. Das Herz des „alten Gaul" war in seiner Jugend gegen die zarten Regungen der Liebe unempfindlich geblieben; in seiner rauhen Natur klangen keine weiche Saiten der Sehnsucht nach einer Lebensgefährtin. Er war frei und ledig geblieben, und ledig und frei mußte er auch fein, nur den ungebundenen Trieben seines Wesens folgen zu können. Gaul verdiente sich seinen Lebensunterhalt durch Besenbinden, Holzmachen und dergleichen Arbeiten. Die Hauptquelle seines Verdienstes gewährte ihm aber der Wald- und Wildfrevel, der ihm aus dem Jähr 1848 gar zu tief im Nacken faß. Hatte jemand im Dorfe eine Langwitt, eine Deichsel, einen Pflugbaum, ein Paar Leiterbalken oder dergleichen Ange nötig, so brauchte er nur einen diesbezüglichen Wunsch beim alten Gaul verlauten zu lassen. Am anderen Tage du lag unter der Gartenhecke des Betreffenden oder in feiner Scheuertenne das Gewünschte. Wer es gebracht, das ivußte man ungefragt, und der alte Gaul ging niemals unbelohnt aus. Die Förster und Jagdaufseher kannten den alten Gaul; sie wußten, wer er war und was er trieb. Keiner getraute sich aber, mit ihm anzubinden, weil er überzeugt war, daß es denr Gaul nicht darauf ankomme, wenn es gälte, auch einem „Grünrock" einmal das Lebenslicht auszuolafeu. So blieb der alte Gaul ungeschoren. In einem kalten Winter der 50er Jähre des vorigen Jahrhunderts hatte ein leichter Spurfchuee, wie ihn der Jäger nennt, weil er darin die Spur des Wildes leicht entdecken und verfolgen kann, den Erdboden überzogen. Im Dorfe des alten Gaul war einem Bauersmann ein Ferkel verendet. Das holte sich Gaul, um es zum „Ludern" o. h. aus der Jägersprache übersetzt: zum Anreizen des Fuchses zu verwenden. Dieses verendete Jungschwein schleppte Gaul nach dem Walde, der jenseits der nächsten Hügelkette, die das Dorf auf seiner Nordostseite begrenzt, lag und heute noch liegt. Bon hier aus schleifte es Gaul wieder zurück nach dem Friedhof, wo er den Kadaver liegen ließ. Der Friedhof umßab damals das Dorskirchlein, das hoch oben über dem Dorfe aus einer Hügelkoppe steht. In dem Turme dieses Kirchleins hatte sich Gaul ein Loch gemacht, um die Flinte hindurch- zustecken. Ich glaube, das Loch befindet sich noch heute im Turme des Kirchleins. In der daraus folgenden Nacht, einer Hellen, kalten Mondnacht, schleicht sich Gaul gegen 8 Uhr auf den Turm des unverschlossenen Kirchleins und tvartet auf den Fuchs. Sein scharfes Auge entdeckt bald über den Bergen, die vor dem Walde herziehe n, den Fuchs auf der Fährte des Luders. Endlich kommt er, vorsichtig schleichend, auf den Friedhof. Der alte Gaul, dem doch vor langem Warten und! Frost die Zähne klappern, hebt die Flinte an die Backe, Und bums! — kracht der Schuß. Doch, was ist das? Die zwei Glöcklein im Kirchturme fangen an zu tönen und zu klingen. Ten alten Gaul packt kaltes Grausen; er weiß sich dieses Klingen nicht zu erklären, weiß nicht, daß der Knall seiner Flinte den Klang der Glocken geweckt. Gaul eilt zur alten Turmtreppe, verfehlt den Tritt, stürzt hinunter und bricht — ein Bein. Den Fuchs hatte er getroffen; zu ihm schleppt er sich mit gebrochenem Bein, nimmt ihn mit und heim. Hier muß nun Gaul trotz seiner „Gäülsnatür" wochenlang das Mit hüten. II. Jä nächster Nachbarschaft der Schirle befand sich Gauls Wohnung, em kleines, altes, zerfallenes Häuschen. Hierin chaustsMaul. Nicht selten ja stier in der Nähe seines Kanonenöfchens, sang und rappelte mit einem Kroppendeckel auf tem> Kanonenöfchen den Takt dazu. , Günes Abends, als fern Nachbar, das war der Lehrer des Dorfes, von dem Anstand — er war Mitpächter der Jagd — hermgekehrt, erscheint der alte Gaul im Wohn- zrmmer des Schulhauses. - „Herr Schullehrer!" beginnt («auf, „wollt Ihr m'r nitt 'n GLfoann (Gefallen) tu?" „Warum nicht?" sagt der Lehrer, „sagt an; wenn ich euein Wunsch erfüllen kann, will ich's gerne tun!" „ErschZ,ißt wich!" ruft Gaul, „ ich sein d's Leawe merrid." „Jfidas euer Ernst, Gaul?" fragt ihn der Lehrer. „Mein völliger!" erwidert Gaul. Scheinbar geht der Lehrer auf Gauls Wunsch ein und! handelt so, als wollt er ihn sofort zur Erfüllung bringen. „Stellt Euch dort drüben in die Stuben ecke!" fordert er den alten Gaul auf. Gaul folgt der Aufforderung. „Nun", fagt der Lehrer ernst, „hebt eure Arme hoch und haltet ruhig!" Dieweil greift er nach der Flinte. Wie Gaul diese Bewegung sieht, da ruft er: „Herr Schullehrer, loßt's noch a mol, Ihr könnt' uch sealwer eau Uhgelegenhare (Ungelegenheiten) brenge!" Damit war der,Lebensüberdruß des alte,! Gaul kuriert« III. Einst begab sich Gaul zum nächsten Städtchen G., int Ranzen die Haut von einem gefrevelten Reh tragend. Der Weg nach der Stadt führte unweit dieser durch einen Wald. Aus einer Seitenschneise, die auf die Straße ncündet, kommt ein Förster mit seinem Hund und stößt gerade auf Gaul. Der Hund des Försters wittert sofort das Rehfell in Gauls Ranzen und springt wiederholt an Gaul hinauf. „Woas d's Ooos doach a schoarb Noase hott", sagt Gaul, „huh ich m'r do haut Moarje a frösch Serveloat- wörscht ean Ranze gestoppt, glaich richt fe der Soatan!" Mit diesen Worten wehrt Gaul den Hund ab und schreitet weiter der Stadt zu. Auf seinem Rückwege, der abends spät erfolgte, kehrte Gaul in die Wirtschaft ein, die hart au der Straße in der Mitte der Wegentfernung von feinem Ort liegt. In dieser Wirtschaft war zufällig ein Bauchredner eingekehrt. Derartige Künstler erschienen damals noch viel häufiger auf der Landstraße als heute. Der Bauchredner hatte, zum Ergötzen und zur Verwunderung der Gäste feine Kunst gezeigt und fein Trinkgeld empfangen. Er saß schon geraume Zeit aus einer Bank hinter einem Wirtstiscü und hatte beim Wirt daä Nachtlager bestellt. Da tritt der alte Gaul herein. Jedermann in der Gaststube kannte ihn und wußte, daß er keine Furcht hegte. Einer der Gaste aber denkt, wart, der Bauchredner muß den alten Gaul einmal „pflegen". Als der Bauchredner kurz darauf zur Tür hinaus ging, folgt ihm der Gast unauffällig nach und weiht ihn ein. Zuruckgekehrt, setzt sich der Bauchredner wieder an seinen Tisch, von Gaul ganz unbeachtet gelassen. Da ruft's auf! einmal vernehmlich laut draußen: „Gaul!" Ter alte Gaul rafft sich auf, macht's Fenster auf und fragt in die dunkle Nacht hinein: „Wer eas dai.s?" Keine Antwort. Gaul macht das Fenster wieder zu und setzt sich wieder. Kann? sitzt er, so ruft es abermals draußen: „Gaul! Gaul!" Jetzt eilt Gaul hinaus und will sehen, wer ihn ruft, oder ob ihn gar einer foppen will. Kopfschüttelnd kommt er wieder herein zur Stube: er hat niemand draußen gesehen, niemand gesunden. Kurze Zeit darnach ruft eine Stimme im Keller unter dem Stubenboden: „Gaul!" Dann ertönt'S, wie von der Oberstube: „Gaul! Gaul!" Dem alten Gaul steigen dis Haare zu Berge. Die Angst malt sich in seinen Zügen. „Konrvad!" sagt er jetzt zum Wirt, „aich bleibe bei dir ittoer Noacht!" „Ja", sagt der Wirt, „doas tcmts mit; ich kann dich nitt behäln, die Vetter sei all belegt; dau mußt weiter." „Do leg ich mäich Hai off d' Bank", fagt ltzaul, „fort brengt mich kahner." . Als inan nach geraumer Zeit Gaul aufklarte, um ihn fort zu bringen, und der Bauchredner ihm die Kirnst gezeigt. 7 60 txr fiel ein Stein von Gauls Brust. Nu» fragte man ihn. was er denn dabei gedacht habe, als er sich überall rufen gehört. „Ich," sagte Gaul, „glaubte fest, der Teulmk hält mich !" August RaveWLiu. Ein guter, edler Mensch, der. van uns gegangen, kann Uns nicht genommen werden. Er läßt eine leuchtende Spur zurück, gleich jenen erloschenen Sternen, deren.Bild noch nach Jahrhunderten die Erdenbewohner sehen. Dieser guten, edlen Menschen einer, dessen noch in fernen Zeiten gedacht werden wird, war August Ravenstein, der Turnvater des Mit telvye i n kreis es und der Vater der Feldbergfeste, der vor nun hundert Jahren in Frankfurt a. M. das Licht der Welt erblickte. Am 4. Dezember 1809 als Kind einer einfache,;, aus. Thüringen zugewanderteu Familie geboren, wurde er schon im sechsten Jahre elternlos. Aus Mangel an Mitteln auf den Besuch der Volksschule angewiesen, die dem begabten Knaben nicht genügend geistige" Nahrung züsnhren konnte, ergriff er nach vollendeter Schulzeit das Büchhändler- gewecbe, das ihm die beste Gelegenheit bot, seinen Trieb nach geistiger Weiterbildung zu befriedigen. Fremde Sprachen und Zeichnen waren seine Lieblingsfächer, in denen er sich aus eigner Kraft weiterbildete. " Seine künstleri- schei! Reigmigen führten ihn nach beendigter Lehrzeit seinem späteren Lebenslauf, der Kartographie-'zu, einem Gebiet, auf dem er vorzügliches leistete, das aber seine Kräfte nicht ganz in'.Anspruch zu -nehmen vermochte. Einen großen Teil widmete er in edler, selbstloser Absicht dem "Wohle seiner Mitmenschen. Der Grund dazu wurde auf seiner ersten Wanderfahrt gelegt, die er zur Erlernung des Steindrucks nach Mainz unternahm. Dort blühte bereits die neue Kunst, die Jahn seinem Volke geschenkt, in der Tn.ru- anstalt von Lehnhardt und Mämpel. Ihr ivandte sich Ravenstein zu, und wurde einer ihrer eifrigsten Jünger. Im Jahre 1833 nach längeren Wanderfahrten in" seinen Heimatort Frankfurt zurückgekehrt, war er emsig bemüht, auch hier der Turnkunst weitere Verbreitung zu verschaffen. Diesem Streben entsprang die Gründung der ersten Frankfurter Turngemeiude. Seine ganze Kraft setzte er ein, um dieser und den daraus entstandenen Vereinigungen die Gunst der Bürger und der städtischen Verwaltung zu erringen. In Wort und Schrift wirkte er für die weitere Ausbreitung des Turnens, dessen Wert er nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist erkannt hatte. Diesen Gedanken behandelte Ravenstein in der 1842 erschienenen Schrift: „Die deutsche Turnkunst in ihrer sittlichen Richtung als Beförderin edler Gesinnungen und vaterländischer Tugenden". Wie hoch er das Turnen als Erziehungsmittel schätzte, sagen die Worte, in die er Zweck und Ziel seiner Turnanstalt einkleidete: „Ausbildung und Veredlung der Körperkräfte und in ihrem Gefolge Stählung bet Gesundheit, Beförderung der Sittlichkeit und Erziehung größerer Empfänglichkeit der Seele für geistige Bildung der Pflegebefohlenen." Die von ihm eingeführten Wett- und Prüfungsturnen und die Jugendfeste mit ihren Jugendspielen unterstützten diese Bestrebungen durch die Tat und verschafften ihm die Unterstützung der Bürgerschaft und der Behörden in weitestem Maße, so daß diese auch für die Einführung des Turnens in vielen Schulen gewonnen wurden. Doch nicht auf den engeren Kreis seines Heimatortes blieb seine turnerische Tätigkeit beschränkt. Bald dehnte sie sich auf weitere Streife aus, die ■ von ihren Erfolgen vernommen hatten. Dieser freundschaftlichen Verbindung der tnrnerischen Bereinigungen im Main- und Rheingebiet entsprangen auf Ravensteins Anregungen die ersten Turnfeste: 1841 in Frankfurt, 1842 in Mainz, 1843 in Hanau, 1844 in Darmstadt. Weitere Wellen aber schlug seine Tätigkeit durch Schaffen der Feld bergfeste. Selbst ein rüstiger Wanderer von Jugend auf, legte er einen hohen Wert auf die Turnfahrten, denen der nahe Taunus mit feinen Bergen und Tälern, besonders aber der höchste Gipfel, der sage'nuinwobene Feldberg, schöne Ziele bot. Die Erbauung einer Schutzhülle gegen die Unbilden der Witterung, zu der er die Anregung gab, war die Ur fache des ersten Festes. Turner ‘ und Sänger, die stets, wo es gilt, gemeumützige Ziele zu fördern, ihre Hand leihen, geben von da ab diesen einfachen, edlen Volksfesten ihr Gepräge, die zur Ausbreitung des Turnens und besonders der volkstümlichen Hebungen bis weit über die Grenzen des Taunus hinaus beigetragen haben und als Vorbild zahlreicher anderer Bergfeste"dienten. Bis 1858 lag die Leitung in Ravensteins Händen, von da ab war er Ehrenvorsitzender. Neben diesem ausgedehnten turnerischen Wirken aber fand er immer noch Zeit, sich auch noch anderen gemeinnützigen Vereinen zu widmen. Allen seinen Bereinsgenosfen ging er durch die Tat mit gutem Beispiel voran, denn er zeichnete sich aus durch einen gediegenen Lebenswandel, emsigen Fleiß, Mäßigkeit und Einfachheit, Eigenschaften- die sprichwörtlich geworden sind. Eine große Freude war es ihm noch- die herrlichen Tage des 5. Deutschen Turnfestes in Frankfurt a. M. erleben zu können. Ein Fahr später, am 31. Juli 1881, schloß er die Augen für immer. In Treue und Dankbarkeit gedenken ganz besonders die Turner des Mittelrheinkreises an seinem hundertjährigen Geburtstag des. Entschlafenen. Eine einfache Feier wird am 4. Dezember an der Stätte veranstaltet werden, die das birgt, was an ihm sterblich war. Zur Hauptfeier versammeln sich die Turner und die Mitglieder des Taunusklubs auf dem Feldberg, der durch den Entschlafenen erst recht in der Volksgunst zur Geltung kam, nur dort eine ihm geweihte Gedenktafel zu enthüllen. In K r o n- berg wird der Feier unter Mitwirkung des Feldberg-Aus- schusses ein würdiger Abschluß verliehen werden. Sein Bild aber wird uns allezeit voran feuchten bei der Tätigkeit auf dem Gebiet, das ihm das liebste nmr, dem deutschen Turnen. ' * Ballonett. Ei wie nett, Ballonett! So'n bißchen Französisch ..., namentlich wenn es ganz „modernes" ist, macht sich wirklich gor zu nett! Und „modern", neu ist es fieber, denn im Sachs-Villatte findet sich dieses Wort erst im Ergänziings- bande vom Jahre 1894: ballönnet, kleiner Ballon, kleine Kugel, kleines Glasgefäß: sonst könnte man auch annehmen, unsere deutschen Luftschiffer hätten „ganz von alleine" das Wort „gemacht". Und nun kommt das Nettste vom Ballonett: kein Mensch weiß, ob es der ober das Ballonett heißt — gerade wie beim Meter, Liter, Ar u. a., die man nun amtlich „sächlich" abgestempelt hat —, und in ein und demselben Luftschiffbericht heißt es zuweilen bald der, bald das. Aber trotz dieser Unsicherheit bläht sich der Schreiber dieses Wortes im stolzen Bewußtsein, etwns ganz Feines und Neues zu sagen, genau so auf wie der Gegenl- stand, den es bezeichnet. Und doch ist's und bleibt's ein ganz gewöhnlicher Luftsack — so nennt unser Zeppelin die einzelnen Abteilungen -des' -Gas- oder Tragkörpers seines Fahrzeugs, wie das kürzlich in der Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins (Juni-Nr. 1.909) zn lesen war. Und wer sich mit der Luftschifferei beschäftigt und noch nicht wissen sollte, wie deutsch unser berühmter deutscher Zeppelin auch in der Wahl der richtigen — deutschen — Worte und Wörter ist, der lese einmal mit Andacht jenen Aufsatz, aus dem wir nebenbei auch erfahre«, daß der Graf Mitglied des Sprachvereins ist. Auch sein Be-. richt über die denkwürdige Psingstfahrt enthielt unter 1400 Wörtern —. abgesehen von Motor und Automobil - keinein z tzgäes F r e m d w o r t. Möchten, doch alle seine Mitarbeiter nnd Nachahmer eilt gleich hohes Bewußtsein ihrer Pflichten gegen die Muttersprache haben wie er! Weg also mit den Ballonrtts, her mit den Lnftsäcken! Magisches Dreieck» | i In die Felder nebenstehender Figur sind I I die Buchstaben eeeeiilrrrssssw derart einMragen, daß die einander ent- -—|----J---- sprechenden wagerecliten nnd senkrechten i Reihen gleichlautend folgendes bedeuten: —j——1. Deutschen Flnß. I 2. Griechische Landschaft, i 3. Englischen Titel. ___! 4. Teil von Schlesien. 5. Einen Buchstaben. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Geographischen Berschiebrätsels in voriger Nr.« Heidelberg Elsaß Amiens Weißenburg Friedrichkrnh Versailles . Lothringen Redaktion: K. Neurath. - RotatiönsdruA imd Vertag der Bri-hl'sthen UntyersüäiS-Bnch. und Steiiidrückerei, R. Lange, Gießern