SW MU W M Auf Liebespfaden. Roman trott H. Ehrhardt, Kachdrtick verboten. (Fortsetzung.) XI. Und der Rosenmontag kam. Es war ein Frühlingstag, so Kau leuchtete der Himmel, so golden strahlte die Sonne, so lau wehte die Lust. Selbst der schmutzige, verräucherte Bahnhof erschien heut weniger Häßlich als sonst, da er ein Schandfleck des eleganten Wiesbadens war. Tie Geleise zogen als silberne Schlangen ins Land hiitaus, der schwarze Körper der Lokomotive glänzte festlich Menschen- gewühl, heiter strahlende Gesichter, ein Turcheinander von Rufen Und Lachen, vereinzelte Masken, schon knallte eine Pritsche, eine Papierschlange zischte über die Köpfe der Drängenden hinweg, das Vorspiel des Karnevalstreibens, von dem das Straß,enleben Wiesbadens merkwürdigerweise fast gar nichts nterken liest. Hans von Hassingen stand etwas abseits int grauen Zivilanzug und vertragenen Lodenhut, den Mantel über dem Arm. Seine blaugrauen Augen blickten, schon jetzt von der Leichtlebigkeit dieser zum Vergnügen eilenden Menge angesteckt, froh und erwartungsvoll nach dem Eingang zum Bahnsteig. Zwei Minuten vor der Abfahrtszeit des Zuges erschien sie in der sicheren Ruhe der Vielgereisten. Auch in ihren goldbraunett Augen leuchtete Karnevalsfreude, ihr uuverschleiertes Gesicht sah jung uttd reizend auS. Ein rasches, kameradschaftliches Begrüßen, dann sprang sie leichtfüßig in ein leeres Coupä, er folgte schwerfällig. Tie Tür krachte hinter ihnen zu. - Die junge Frau rümpfte das feine Näscheit. Stickluft und Rauchgeruch erfüllte den kleinen Raum, dazu drückende Hitze. „Bitte, bald ein Fenster auf, lieber Herr von .Hassingen, ich must Lust haben mtb Sonne — es ist gut, daß wir nicht weit zu fahren brauchen, mir ist dieser Coupsgeruch so zum Ekel — wir hätten einen Wagen nehmen sollen — schade, daß gute Ideen so ost zu spät kommen —es wäre eine schöne Fahrt gewesen« denn ich glaube wirklich, es wird Frühling." Sie war an das geöffnete Fenster getreten ttnb schaute hinaus. Scheinbar lag das Land twch kahl, winterlich, aber hier und da tmichten doch lenzverheißend schüchtern sprossende Saaten auf, ein frischgrüner Wiesenstrich. Aufgeworfene Ackerschollen glänzten fettig, kleine Bächleitt rieselten in geschäftiger Eile. Wie ein goldenes Band blinkte der Rheinstrom auf. Die Taunusberge begrenzten in anmutiger Wellenlinie den Blick Lena von Rieding sog mit leicht geöfstreten Lippen den frischen, feuchten Lufthauch ein. Ihr goldbraunes Haar, das sie wie stets zur Strastentoilette am Hinterkopf in losen Puffen aufgesteckt hatte, flatterte im Winde. Sie trat zurück und setzte sich in die Kflster, wobei sie di« schwarze Tuchjacke öffnete ,rnd die, Arme unter derselben jm Rücken kreuzte. Wieder funkelte der Smaragd am hohkn Kragen einer diesmal weißen, reich mit binnen Spitzcueins-ätzen garnierten Seidenbluse. Hans Hassinge» fast ihr gegenüber und fühlte den Reiz ihres Nähe und des völligen Alleinseins mit ihr wie einen leichterns Rausch. „Ich utust Ihnen «och danken, gnädige Frau!" sagte er tu diesem Gefühl. „Es war zu nett, wie Sie gestern stir unserck Rosenmontag kämpften — vielleicht entgehen wir doch ein Weilchen dem scharfen Exzellenzenblick und wenn nicht — diese Fahrt totn nigstens gehört uns allein." Seine Stimme klang froarm, aber noch fehlte ihr jedes fetbafa schastliche Vibrieren. Sie vermißte das wohl kaum, weil sie es nicht suchte. „Ja, gestern war ich wieder nml rebellisch !" lachte sie befangen. „Haben Sie's gemerkt? Diese dunkeläugige Exzellenz ist die Letzte, deren Urteil mir die nächtliche Ruhe raubte, bitt Erste, gegen deren Bevormundung ich mich auflehne. Die Fran haßt mich. Warum? Tas weiß ich nicht. Vielleicht nur, Weil sie auf dem absteigenden Aste ist, ich noch auf dem empor steigenden', manchen Frauen genügt das zum Haß. Sie müssen wissen, daß ich noch sehr jung bin — jünger als ich ost aussehe und mich oft gebe — erst 22 Jahre — nicht wahr, Sie sind erstaunt?" „Nicht Ihrer Jugend wegen, gnädige Frau, Sie sagen ganz richtig. Sie geben sich oft älter, aber Sie geben sich auch oft so jung, daß man Sie für achtzehnjährig halten muß — Wenn! ich erstaunt schien, so .war's, weit ich dachte, löte unglaublich jung Sie geroefen sein müssen, als Sie heirateten." Ihr schlanker Körper dehnte sich ein wenig, sie. bog deck Kopf 'nach hinten gegen das bräunlich-graue Polster. „Siebzehn!" meinte sie gleichmütig. Ihre Gleichgültigkeit gab ihm den Mut zu einer indiskrete! Frage. „Haben Sie Ihren Mann sehr geliebt, gnädige Frau?" Sie blickte ihn ohne jede Verlegenheit an. Es war big Dame der vornehmen Welt, die sich durch den Mangel an Empfindlichkeit so angenehm von der Spießbürgerin unterscheidet.! „Auf eine offene Frage hab ich noch immer offen geanfa wvrtet, Herr von Hassingen, bei Ihnen tue ich's mit befonberetto Vertrauen, denn Sie sind keiner von den leichtfertigen jungest Leutnants, denen jede Damenbekaiintschast ein allerliebstes, pw kanntes Abenteuer sein muß, soll sie ihnen von Wert sein —i Sie brauchen nicht zu erröten, obgleich Ihnen das Rottverdeck steht — also, ich habe meinen Mann so gern gehabt, wie ein! Mädchen meiner Art ihn gern haben mußte, um ihn überhaupt heiraten zu können — geliebt habe ich ihn nie, obgleich ich mir! das in der Zeit, als ich mein Kind erwartete, einbilbete — wäre er arm gewesen, ich hätte feine Werbung ausgeschlagen, auch das gestehe ich ganz offen zu — ich hatte zu schwer unter der Armut gelitten. So lange mein Vater, der durch eigenen Leichtsinn als Offizier fein Vermögen vergeudet hatte, als eine Art Schloß- verwatter in einem einsamen Rivieraschbosse von der Gnabe feiner Verwandten mit mir lebte, ging es noch, obgleich schon da mein Blut sich gegen abgelegte Kleider meiner gräflichen Cousinen gewaltig empörte, aber später in Berlin geduldete arme Nichte und Aschenbrödel spielen, das ertrug ich nicht, ich gab den Gvcifinnenrang hin und heiratete den eben erst geadelten Herrn von Rieding und seine Millionen. Sie werden cs vielleicht häßlich finden, daß ich inst siebzehn Jahren schon so vernünftig rechnen konnte — jetzt könnte ich es vielleicht nicht mehr. Dicchzchn- jähriqe kennen weder die Ehe noch die Liebe — sie haben nur Ideale, und die richten sich ganz sicher nach den Eindrücken ihrer Jugend. Mein Ideal war — reich zu sein, so reich, daß ich meinen Verwandten die Demütigungen heimzahlen konnte, die ich durch sie erlitten. Meine Toiletten waren iinmer kostbarer als die meiner Cousinen, «rein Reitpferd von edlerem Blut als das ihre, kurz, ich war ihnen immer einen Schritt voraus. Das ist rachsückrtig, nicht wahr? Rache ist häßlich, aber Sie kennen meine Cousinen nicht — lassen wir diese Abschweifung! Wie finden Sie mich jetzt, mein Freund? Bin ich ein Scheusal geworden in Ihren Äugen?" Haus voll Hassingen war sonst nicht der Mann des leicht flüssigen Wortes, aber tote sie so vor ihm saß, jetzt die Hände um das überschlagene Knie gefaltet, mit den wehenden goldbraunen Haaren um das gerötete, schmale Gesicht mit dem halb schelmischen halb scheuen Ausdruck des Schelte fürchtenden Mildes im großen, goldsiinnnernden Auge, dem roten, lächelnden Lippenpaar über beut energischen und doch weichgerundeten Kinn, erschien sie ihm so entzückend, daß er ernsthaft und ohne Uebcrlegen sagtet „Sie sind für mich noch immer die reizendste Frau, die ich kenne." Es gefiel iljto, daß sie sein ehrliches Wort nicht als fade Schmeichelei abwehrte. Sie war nur noch ein wenig tiefer errötet und hatte rasch die breiten Lider gesenkt. Die Unterhaltung ruhte ein Weilchen Draußen begleitete sic.jctzt der Rhein in trägem Dahinfließen Das sonnenüberstraWe Wasser blendete, goldene Funken blitzten nm den Bug eines kleinen Schleppdampfers hüpften weiße Schaum fpritzer, ruhig, plump, wie große, bunHe Sarge glitten die trici Lastkatzne hinter ihm her. Aus dem Teck deZ einen stand eine Frau mit einem Kind aus dem Arm und winkte. Leica von Rieding zog ihr spitzenbesetztes Taschentuch zum Gegengruß. Für einen Moment spraicg ein weher Zag um ihre! lächelnden Mund. Es tonte wohl das Kind, das ihn geweckt. Mbe> dann kam Mainz und der Karnevalsübermut. Zwei ausgelassenen Kindern gleich zogen sie durch die Straßen Bei dem ersten fliegenden Händler war die Pritsche aus Papp erstanden, die so lustig auf dem Rücken anderer klatschte und auf dem eigenen so weh tat. Lena bekam sie schmeichelhaft oft zu kosten. Sie duckte sich lachend und wehicke sich tapfer. Noch war das Leben in den Straßen nicht auf dem Höhepunkt angelangt, die maskierten Gestalten noch vereinzelt. Aber als sie sich den> großen Platze neben dem stattlichen Bau der Stadthallc näherten umtoste sie der Trubel der Karnevalsmesse. Ein Schreien, Pfeifen Tuten, Quieken, grelles Gebimmel, das Surren der Glücksräder ein Quodlibet von Musikklängen und gellenden Ausrnferstimmeu Run mußte die junge Frau Hassingeus gebotenen Arm nehmen, so drängten sie sich durch die Menge, mit stoßend und schiebend, sich von Zeit zu Zeit lachend ansehend. Ein Schlittenkaressell weckte halb vergessene Kinderwünsche. „Wollen wir?" Im nächsten Moment saßen sie schon in den roten Plüsch polstern und glitten auf ivellensörmiger Bahn im Kreise aus und nieder. Sie kicherten und bogen sich nach den schwankenden Bewegungen, ArM in Arm. sitzend, sich gegenseitig stützend. Ihr, Augen leuchteten, ihr Haar unter dem großen, schwarzen Chiffon Hut wehte. Auch sein junges Gesicht lachte in harmlosem Uebermnt. Sie wankte ein wenig, als sie wieder ans festem Boden standen und lehnte sich fester auf seinen Arm. Dann mußte sie durchaus ein Fastnachtsgebäck kaufen, das em schneeweiß gekleideter Konditor vor aller Augen mischte und in spritzendem Fett ansbuk. Sie aß es mit spitzen Fingern vom gelblichen Papptellcr inmitten des Menschengewühls mit einer köstlichen Unverfrorenheit, um die der blonde Offizier sie geradezu beneidete. Zn diesem gänzlichen Aufgehen in einer Idee, wie diese Karnevalslaune, war er nicht fähig, dazu rollte sein Blut zu schwerfällig in seinen Adern. Weil der Impuls fehlte, der die Natürlichkeit schafft, hätte er sicher , nur eine lächerliche Rolle gespielt bei etwas, was weder ihrer Vornehmheit noch ihrer Würde Abbruch tat. Rur als sie die Handschuhe Der die mit dem (.pitzentnch Kgewischten Unger zog, wurde sie ein bißchen verlegen. „Ich bin kindisch, ich bin ganz sicher kindisch —" „Sie sind reizend, Lena." Ter Name glitt ihm unwillkürlich von der Zunge, es wär? nevalsfreiheit. Sie griff es neckisch aus. „Vielleicht bin ich nur reizend, wenn ich kindisch bin, Hans." „Jedenfalls steht es Ihnen tausendmal besser als das Ernst- haste, Lena, wem: Sie nur ein bißchen eitel sind, daun rate ich! Ihnen zunc Miderübermut." Sie hing sich wieder in seinen Arm. „Männer wollen immer Zern lachende Frauen, aber lacht man ntal über sie, so nehmen sie's furchtbar übel und erklären!, man könne bedauerlicher Weife nie ernsthaft sein." Ten Mann neben ihr durchzuckte ein peinliches Empfinden. „Ich glaube gern, daß Ihr Lachen auch sehr lveh tun kann, Lena." Sie sagte nichts daraus, aber jn ihren Augen -blitzten dis Goldsunken intensiver, wie triumphierend. Ein wenig später stießen sie vor. der amerikanischen Riesen- sckwukel ans Leutnant Keßler und „Tantchen". Diese Begegnung nahm ihnen noch nicht die Stimmung, sie fanden ja gleichgesinnte Seelen. Ter Karnevalston wurde beibehalten. „Tantchen hat mir vorhin eine Poularde gekauft," erzählte Der Heine Artillerist, „wie sie so zart und weiß nur in Mainz hr junges Leben aushauchen, sie soll mir morgen warm und gebraten ans Herz gelegt werden." Tas „Tantchen" freute sich, trotzdem sie tadelte: „Spricht er wohl je ein vernünftiges Wort? Und was meinen Sie, was er jetzt von mir verlangt? IN so einen Kasten soll ich mich mit ilM setzen und mir hoch in den Lüften die Seekrankheit holen." „Sprich nicht von etwas so Unästhetischem, Tantchen das ut man, aber man sagt cs nicht vorher," meinte der unver- nsserliche Nesse und bot dabei der jungen Frau überzuckerte Man- oeln an, die seine Mndheitserinnerungen von der Messe waren. Schließlich fuhr man doch amerikanische Lustschaukel oder u'sser man schwebte in bedenklich schwankenden Kästen zwischen Himmel und Erde. Als die Bier gerade den höchsten Punkt erreicht hatten, versagte die Mechanik und das Rad stand still. Das „Tantchen" oegann zu zetern und preßte die weiß umlvickelte Poularde sester an sich, Lena von Rieding wurde sehr blaß. Hassingen faßte nach ihrer Hand und drückte sie fest und be- . uhigend. Der Artillerist umschlang das geängstigte Tantchen. „So soll der Tod uns mit Dir vereinen, geliebtes Huhn!" sagte er pathetisch. Darüber mußte Lena so herzlich lachen, daß sie ihre Furcht verlor und interessiert Wer das Menschengewimmel unter sich, die Zelte, Verkaufstische, Karussells hinwegblickte bis dorthin, wo der Rhein seine glitzernden Wogen majestätisch dahinwälzte. Bon rechts grüßte der verwitterte Domlnrm, Hinten die ersten Tämmerungsschattrn. Sie versank inc Anschauen und fuhr erst auf, als sie langsam aus der gefährlichen Höhe herabglitten. Dann kam das Schlendern durch die Straßen, die in Erwartung des Karnevalszuges sich mehr und mehr belebten. Fahnen wallten, bunte Fähnchen flatterten. Konfetti, stäubte durch dis Lust, die bunten Papierschlangen, von kleiner Armbrust abge- schnellt, zuckten wie Blitze hin und her. Aus den Fenstern wurden Bluincn geschleudert, Bonbons und Apselsinen. Eine traf schwer aus Hassingens Rücken, prallte zerplatzend ab und flog dem kleinen Artilleristen an die .kecke Nase. Der gelbe Saft spritzte, er schüttelte sich pustend, macht« gute Miene zum bösen Spiel und lachte mit, mährend die Gassen^ fugend johlte. Tie Komik der Situation tvar so groß, daß alle lachten bis sie nicht mehr konnten und sich wirklich so matt und schwach gelacht' hatten, daß sie außer stände, weiter zu bummeln in einen offenen Landauer kletterten und sich von da zuerst den eben nahen- Den Karncvalszug ansahen. Sehr amüsant war ihnen Üjre Fahrt durch die vom! Menschengewühl erfüllten Straßen. Tort zogen sich letzt aus allen Stockwerken die bunten Papierschlangen zu den Drähten der Telegraphenleitung, von da zum nächsten Balkon, zur benachbarten! Straßenlaterne herüber, ein Netzgewirr von farbigen Streifen, das zuweiten wie ein Vorhang über die Straße hing, von jedem! Mauervorsprung in flatternden Schlangen sich ringelte. (Fortsetzung folgt.) Der KutmlLmm.- Ein neues künstlerisches Programm'. Mit klingenden Worten verkündet ein junger italienischer Poet, F. T. Marinetti, ein neues künstlerisches Pro- gramm, mit dem er den Zwang alter Gesetzestafeln zu brechen hofft; er nennt es den „Futurismus", und vielleicht hat er damit ein Schlagwort gesunden, aus das man gut tot, bei Zeiten zn achten. Wir geben den uns kürzlich zn- gegangenen Erlaß der Futuristen hier in einem knappen Auszüge wieder, ohne zu hosten, den echt .roma- nischen Schwung des italienisch-französischen Originals zu erreichen. Die Futuristen also erklären: 1. Wir besingen künftig nur die Liebe zur Gefahr, das Gewöhnen an Energie und Kühnheit. 2. Die Hauptelemente unserer Poesie sollen Mut, Verwegenheit und Auflehnung sein. 3. Die Literatur hat bis jetzt nur (?) die nachdenkliche Trägheit und die Träumerei verherrlicht; wir wollen den kämpfenden Blut erheben, die fieberhafte Unruhe, den Lans- schritt des Angriffs, Hieb und Schlag im Kampfe. 4. Wir erklären, daß die Schönheiten der Wett sich uni eine neue bereichert haben, die der Schnelligkeit. Ein Renn-Automobil, das mit seinem röhrengefüllten Kasten dahinsaust gleich einem fauchenden Drachen —- ein solches. Automobil, das aussieht, als stürze es sich in das Gewehrfeuer der Schlacht, ist schöner als die Nike von Samvthrake. 5. Wir besingen den Mann, der die Hand am Schwungrad hält, dessen Achse die Erde durcheilt, .die selbst herumgewirbelt wird auf dein Umkreis ihrer Planetenbahn. 6. Es gibt wahrhafte Schönheit nur im Kampfe.' Fedes wahre Meisterwerk hat einen aggressiven Charakter. Die Poesie muß ein ewiger Ansturm sein gegen unbekannte Kräfte, um sie zur Unterwerfung unter den Menschen zu zwingen. 7. Wir sind auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! Wozu wollen wir ewig hinter uns in dem Augenblick, wo sich die Pforten des Unmöglichen weit vor uns auftun? Zeit und Raum sind seit gestern tot für uns. Wir leben ja bereits im Absoluten, da wir die allgegen- ivärtige. Schnelligkeit geschaffen haben. 8. Wir verherrlichen den Krieg — die einzige Hygiene der Welt! — den Militarismus, den Patriotismus, die zerstörende Geste des Anarchisten, die schönen Gedanken der Zerstörung und die Verachtung der Frau. 9. Wir wollen die Museen zerstören, die Bibliotheken, den Moralismus bekämpfen, den Feminismus und allen schlappen Opportunismus und Utilitarismus. 10. Verherrlichen wollen wir die großen Bolksmassen, wenn der Sturm, die Arbeit oder das Vergnüge,! sie in Bewegung bringt, die tiefe Brandung und die vielstimmige Sinfonie der Revolutionen in den großen Städten, das nächtliche Leben der Arsenale und Werkstätten, die Bahnhöfe, welche die dampfenden Schlangen der Züge gierig ein- schlucken,----usw. usw. Das sind die Gesetzestafeln der Futuristen, wie sie der R. Z. zufolge der Figaro wiedergibt. Energisch genug gebärden sie sich ja. Goethe hätte Ursache, sein Wort von den, Most, der sich absurd gebärdet, hier zur Anwendung zu bringen, denn iuie die Futuristen verkünden, ist keiner aus dieser jungen Dichterschule über 30 Jahre alt, und da hat man ja immer noch Zeit, feilte Ideale zn revidieren. Obgleich diese Poesie in erster Linie sür Anto- möbtlisten geeignet scheint, ist doch als Stimmungssymptom für die heutigen Strömungen in den lateinischen Rassen dres Manifest recht merkwürdig. Was in ihm, neben wachen Verschwommenheiten als Kernpunkt in die Augen fallt — ,ehr deutlich in die Augen fällt! — ist der Haß gegen die Vergangenheit des eigenen Volkes. Die la- tetnischen Völker, Erben eines jahrtausendalten Kultur- örS vor 40 Jahren die Chorführer der curo- parschen ZMlrsatton, werden erdrückt von ihrer Vergangenheit. eie wissen nicht mehr aus noch ein in diesem Vorrat von uralten Formen, Mustern, klassischen Idealen, traditionellen Schönheiten, bte man jeder Generation von neuem Uberlresert. Sie möchten aufatmen, sie haben etwas wie den Durst nach frischer Meerluft, nach dem Geruch der Erde. Das dunkle Gefühl beherrscht sie, daß, um neue Kraft- quellen für ein Volk zu finden, die Wiederholung der Vvr- schristen der Vergangenheit nicht genügt. Die politischen Niederlagen der vorletzten Generation haben dies Bedürf-, ins nach neuer Kraft verstärkt — sie haben ein Gefühl mehr in Frankreich als in Italien) unruhiger, verbitterter Ergebung erzeugt. Die lateinischen Völker sind heute der Hamlet Europas. Daher berührt sich, vieles, was die Futuristen und ihr sonst sehr unbekannter Führer Marinetti predigen, auffallend mit dem, was französische Schrift- steller dem heutigen Geschlecht unaufhörlich Vorhalten (Maurice Barros, Octave Mirbeau, Ernest La Jeunesse): Keine Tradition, aber neue Energiequellen! Und gemein- sam ist ihnen dabei etwas, was den Kenner romanischer Volksnatur tragikomisch berührt: die Predigt gegen die Herrschaft der Fran. Als ob die Völker je etwas von ihren Predigern gelernt hätten! Eigenartig ist, daß dies« Aufrüttelung und Durchsiebung alter romanischer Volks» ideale zum Teil durch germanische Künstler erfolgt ist. Hinter dem verzweifelten Ruf nach Energie steckt der literarische Einfluß Nietzsches, hinter dem Heldenideal! thronen die phantastischen Wolkeugöttcr Richard Wagners. Richard Wagner und Metzsche.— die beiden einzigen Deutschen, die (neben Heinrich Heine) je wirklichen Einfluß auf die französisch-italienische Kultur gewonnen haben! Werden die Futuristen nach Zerstörung unserer Museen das Heldenideal der Zukunft verwirklichen? Wer weiß! Aber vielleicht sind die Futuristen nur ein guter Karnevalsscherz, und das wäre schade in einer Zeit, wo man mit neuen Zedalen recht sparsam umgehen sollte! Das eingenShte Autogramm. Eine Rosegger-Anekdote. Im „9L W. T." erzählt der steirische Dichter selbst das folgende gemütliche Erlebnis: Die Waldschule in Alpel hat auch mir schon zur Entfaltung meiner Fähigkeiten gedient. Besonders einmal im vorigen Herbst. Ich stand vor dem Schulhause, lehnte mich an den Lattenzaun und schaute den gegenüberstehenden Bergwald an. Er wird immer dunkler und wüster. Der letzte Schneebruch hat die geknickten Stämme stelleniveise so arg ineinander verfilzt, daß kein Durchkommen mehr ist. lieber das enge Wiesental heran, das zwischen Schulhaus und Waldberg liegt, kam ein ziemlich dicklicher Mann, ein Tourist oder Sommerfrischler, wie sie sich an schönen Tagen gern in der Gegend herumtreiben. Sein Gesicht war, soviel ich schon sah, stark gerötet und hatte einen blonden, cmfgestrammten Schnurrbart. Aber die Körperhaltung hatte etwas Greisenhaftes, auch legte er seine Hand an den Magen. Als er näher herankam, hörte ich ihn sagen: „Dieses verfluchte Becst! Daß man so ein Vieh frei umlaufen laßt, das ist gesetzwidrig. Niederschießen!" Ich neigte mich teilnehmend, wie man es in der Einöde immer ist, über den Lattenzaun vor und fragte, ob da etwa von einem Hund die Rede sei. „Ein Stier! Ein wütender Stier ist auf mich losgegangen," sprach der Fremdling. „Der hätte mich ab- gestochen!" „Ein Stier? Ja, warum haben Sie denn keinen Stecken bei sich?" „Ich dank' schön!. Wie das Luder sieht, daß ich Seit Stecken brauchen will, ist es erst recht her auf mich. Zum Glück, daß Gefällholz in der Nähe ist, da bin ich hinein und da hat der Teuxel nicht nachkönuen. Aber ein Malheur ist mir passiert. Ich brauch' ein Frauenzimmer! Da im Schulhaus wird hoffentlich ein Frauenzimmer sein. Der Teuxel eini! Die ganze Hülfe rutscht niederwärts — Sie fehen's ja. Denken Sie bloß, Mann, int Baumgefäll beim Druiiterschlüpfen und Drüberhüpfen habe ich ’ mir nicht weniger als drei Knöpfe aus der Hose gesprengt." „Na, wenn sonst nichts ist", sagte ich — es war schon lustig- „Frauenzimmer ist jetzt allerdings kein's da." „Aber, du heiliger Fabrizius", rief er stark erhitzt und immer noch das Beinkleid haltend, „so kann ich doch nicht ins Mürztal laufen!" „Da kann Rat geschaffen werden. Kommen Sie nur herein." Ich öffnete das Zauntörchen und lud ihn ins Schulhaus auf mein Zimmer. — c — 144 — „Säe tragen Hosenträger", sagte ich. „Der LeibgürteL wäre empfehlenswerter. Am besten ist's ohne alles." „Oho, da müßte der Körper danach gebaut sein!" tief er. „Oder die Hose", sagte ich, „aber das können die wenigsten Schneider. Bitte, setzen Sie sich." Dann machte ich ein Trüherl auf und suchte Knöpfe und Nähzeug hervor. Er entfaltete seine Bedeckungen so weit, daß ich dran konnte. Seine Aufregung legte sich sachte, und während ich bei der Arbeit war, sprach, er von Dankbarkeit. Dabei betrachtete er mich aufmerksamer und sagte: „Sie sind wohl doch nicht der Herr Schulmeister?" „Warten Sie. Ein paar Stiche noch und den Faden herumgeschlungen, daß es auch hält. So, von diesen springt Ihnen keiner mehr los. Nein, der Schulmeister bin ich nicht." „Oder gar ein Schneidermeister?" „So weit habe ich's nie gebracht, mein lieber Herr. Sie sind wohl ein Wiener?" „Sozusagen. Aus .Mödling. Ich wollte mir einmal die Waldheimat anschauen und ging über Stanz- auf den Teufelsstein." „Gutes Wetter gehabt?" Er antwortete nicht mehr. Er blickte im Zimmer umher, auf den Bücherkasten, auf den Schreibtisch. Und dann zuckten seine Augen über mein Gesicht. „Sollte ich — sollte es —", stotterte er, „nein, ich werde mich täuschen. Am Ende hätte ich — das Vergnügen — — der steirische Dichter?" „Einer derselben," sagte ich. „Der Rosegger?! Wäre es möglich?!" „Ich bitt' Sie, tun Sie nicht so. Seien Sie froh, daß ich's bin. Nicht jeder andere hätte Sie bedienen können." Der Tenorist klatschte die Hände zusammen. „Aber da schau' man her! Jetzt hat er mir die Hosenknöpf eilt» geheftet! — Hatte ich mir's nicht heilig vorgenommen, im Mürztal beim geehrten Herrn Dichter vorzusprechen Und ihn zu bitten um ein Autograph!" „Das haben Sie jetzt in der Hose. Es ist eines der tvenigen Autogramme, die zu was gut sind." Ich hatte wirklich Freude an meinem Werk. Wie ganz Anders, wie stramm aufrecht stand er jetzt, da die „Hülfe" wieder anhänglich geworden tvar. Ob wohl auch mit meinen Schreibheften immer so viel Anhänglichkeit erzielt wird wie mit dieser Stichprobe einer fadenscheinigen Kunst? * Der Teufel im Wartesaal. Die Passagiere einer badischen Lokalbahn erwarten den Zug; aber umsonst. Ter Stationsverwalter macht die Mitteilung, das Zügli habe wieder „si Berspätig vom a Mertelstündli". Trotzdem wollen sich die wartenden Bauern nicht in den Wartesaal weisen lassen, wo ein geheizter Kohlenofen behagliche Wärme verbreitet. Dies fällt dem Stationsbeamten auf und er beauftragt den Stationsdiener, nach der Ursache zu sehen. Der geht, staunt, erschrickt, bekreuzigt sich. Der Landbriejbote neben ihm desgleichen. Die geärgerte Frage „Was gibt's denn da drinn'?" wird prompt erwidert mit „Der Tüsel hockt drinn'!"' Der Stationsdiener begründet dies mit der Behauptung, er habe „was wie Hörnle auf dem Kopf und a absonderliche Weise, zu gehen." Kurz entschlossen betritt der Stationsvorstand den Wartesaal. Erschrocken weicht die gesamte Bauernschaft weit zurück und wartet mit ängstlicher Neugier. Im Wartesaal aber sitzt, vergnügt eine Zigarre rauchend, ein greulicher Teufel: ein junger Herr, der im Kostüm zum Maskenball fährt und als einziger Insasse des Wartesaals den verhüllenden Mantel der Wärme wegen aufgeknöpft hat. Neue vüchek. (Besprechung erfolgt Nach Auswahl. Eine Verpflichtung zue Besprechung und zur Aufbewahrung unverlangt eingesandter Bücher wird nicht übernommen.) R. A. Schröder: Hama, Ged. und Erzählungen. Leipzig, Insel-Verlag. Marie von Redwitz: Planeten-Kalendariüm. Leipzig, Insel-Verlag. Heinrich von Kleists: Erzählungen, eingeleitet von Erich Schmidt. Leipzig, Insel-Verlag. Aus Goethes Tagebüchern, eingeleitet vvn H. G, Gväf. Leipzig, Insel-Verlag. Grimmelshausen: Simplizissimus. Leipzig, Inseln Verlag. El. Evrrei: Siehe, es beginnt zu tagen. Berlin, Concordias Deutsche VerlagS-Anstalt. P. Posener: Ter junge Jurist. Breslau, I. U. Kern- Ko enigs illustr. Jahrbücher der Erfindungen. Berlin- Merkur. G. E. Beetz: Das eigene Heim und sein Garten. Wiesbaden- Westdeutsche Verlagsgesellschast. AmalieJessen: Die bürgerliche Küche. Hamburg, Heim« rich Bandholdt. , J Böttners Garten-Taschenbuch. Frankfurt a. O., Tvowitzsch u. Sohn. v. Komvrowicz: Quer durch' Island. Charlottenburg- M. Teschner. — Feuergewalten. Charlottenourg, M. Teschner. Gegenwartsfragen» Heft 1—6. Stuttgart, Greiners ti. Pfeiffer. A. Grooß: Dec hessische Staatshaushalt und die Eisenbahn-! gemeinschast. 1 Ernst Haeckel: Tas Weltbild von Darwin und Lanwrck. Leipzig, Alfred Krüner. Dr. Rühlemann: llnterrichtsbuch für die Scmitätskolonne'lk vom Roten Kreuz, Berlin. Tony Kellen: Das Zeitungswesen Kempten, Jos. Mel. G. A. Friedlieb: Das Gesetz von der Erhaltung bey Substanzintelligenz, Leipzig, Bruno Bolger. W. Geert: Jahreszeiten, Leipzig, Bruno Bolger. P. Winkler: Im Spukfelsen, Leipzig, Brmw Bolger. K. Weiß: Das Sündenkind, Leipzig, Brmw Bolger. O. Stände!: Kleine Lieder, Leipzig, Bruno Bolger. Marie Hummel: Für frohe Stunden, Leipzig, BruM Bolger. K. Bertram: Neues und Altes, Leipzig, Bruno Bolger. O. v. Kraft: Tie Liebe in Wagners Musikdramen, Leipzig, Bruno Bolger. K. Ren rode: Potpourri, Leipzig, Bruno Bolger. H. Roquette: König Otto, Leipzig, Bruno Bolger. H. v. K l e i st: Die Hermannsschlacht, für die NaturbühuA bearbeitet von K. Neurath, Gießen, Wandervogel d. B. f. A H. D. Thore au: Walden 3. Ausl. Dresden, M. Menzel Der Türmer. XI. Jahrg. Heft 6. Kind und Kunst. III. Jahrg. Heft 5. Humoristisches. * In der Instruktionsstunde. Unteroffizier: „Tetz Soldat hat das Recht, sich gegen seine Vorgesetzten zu beschweren, wenn er ungerecht behandelt wird, aber es ist lasser für ihn, wenn er sich nicht beschtvert." „ . . * Boshaft. Fremder: „In Ihrem Städtchen praktizieren wohl viele Aerzte?" — Einheimischer: „Warum?" —1 Fremder r „Es macht so 'nen ausgestorbenen Eindruck!" , , * O weh! Schauspielerin: „Dieses Armband hat mir gestern ein Verehrer übersandt! Was sind das für Steine?" — Juwe-< licr: „Prellsteine!" * Auch eine Eheirrung. „Das hätte ich von weinet» Schwiegervater nicht erwartet; die Mitgift hat er mir gutgeschrictM und mit der Tochter hat er mich belastet!" Versteck-Rätsel. Ltedereomponist — Hnndesperre — Lagerstätte — Schnhmacherimnmg — Drahtzauu — Bttderrahmen. Alls jedem der vorstehenden Wörter sind der Reihe nach drei zusammenhängende Buchstaben zu entnehmen, so daß stch daraus ein Sprichwort ergibt. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nunnnerr Allzu nahe mindert die F r e u n d s ch a t t. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen U-uuersiläiS»Buch» und Steindruckerei, R, Lange, Gießen.