My — Nr. \T2 ■ - W SS W 9MM Rheinlandstöchter. Roman von Clara Biebig. (Fortsetzung.) .Nachdruck verboten.) Zweites B n ch. I. Unruhig ging Bürgermeister Dallmer die 'Straße im Mors auf und nieder, die Hände auf den Rücken gelegt; feilt mächtiges Genick war von grauen Haaren umflattert, schwer stampften seine Tritte. Jetzt sah er nach der Uhr. „Halb vier, Die Post muß gleich kommen!" Der Gehilfe trat schou mit dem Briefsack vor das Postgebäude; dies war das einzige größere Haus in der ganzen Straße, zugleich Steueramt und Kreiskasse. Sonst nur niedere Hütten mit dem Dünghaufen vor der Tür; einzig jene Gastwirtschaft drüben konnte sich noch sehen lassen. Ein junger Mann trat gerade in deren Tür und grüßte respektvoll herüber: „Guten Tag, Herr Bürgermeister !" Dallmer faßte an die Pelzmütze. „Herr Bürgermeister, ich hab' Schnee schippen lassen auf dem Weg zum Tempelchen. Fräulein Nelda kann als heut noch nach der Aussicht gehen. Ich weiß, wie wir noch Kinder waren, liefen wir da immer zuerst hin!" Schnedderedengdeng! Eben bog die Post mit die Ecke; langsam kam sie die Straße herauf. Der Postillon versuchte eilte Melodie, die Töne blieben ihm int Horn stecken; es war zu windig. Aus allen Fenstern fuhren Köpfe, Müder eilten vor die Tür — ,/die Post, die Post!" Auch ein paar Männer standen neugierig herum; sie grüßten faul. Jetzt hielt der gelbe Kasten. Mit starker Hand rtß Dallmer den Schlag aus, ein einziger Passagier darinnen — Nelda! „Heiho, willkommen, Kind, in der Eifel! Gut, daß tut wieder da bist!" „Onkel Konrad!" Sie versuchte zu lächeln, stieg tote im Traum aus und schaute verwundert um sich. Noch alles, wie das letztemal, ganz so; die Hutten, die Dung- haufen, und da schpute trotzig ein Berg in die Gasse. „Ah!" Sie atmete tief, wie erleichtert, dann gab's ihr einen Stich dprch's Herz — alles so wie früher, nur fiel selbst nicht. „Du siehst blaß aus, Kind!" Der große Mann beugte sich und küßte sie. „Was machen sie zu Hanse? Na ja, ich weiß schon, der Vater immer krank und Lorchen klagt ewig; sie ist natürlich sehr dagegen, daß du zu mir kommst. Schadet nichts, tut dir sehr gut! Na, hast du mich denn noch nicht vergessen?" Er legte ihren Arm in den seinen und zog sie an sich. „Was? Nun wollen wir aber gehen. Potz Kuckuck, ist denn keiner hier, der uns den Koffer tragen kann?" Er sah suchend umher, die feurigen, bläuen Angen rollend. Von den Männern rührte sich keiner. Nur der junge Mensch drüben aus der Wirtshaustür sprang schnell herbei. Er grüßte Nelda mit einer Verbeugung. „Lassen Sie mich dafür sorgen, Herr Bürgermeister, Sie sollen ihn gleich haben!" „Danke!" Mit einem kurzen Nicken drehte sich der Bürgermeister ab und ging mit Nelda weiter; seine breite Stirn hatte sich gekraust, er brummte vor sich hin: „Schafsköpfe! Rührt sich wieher keiner, wollen mit mir maulen, aya!" Er sah finster auS, sein Gesicht trug keine Spur der Freude mehr, mit der er die Nichte begrüßt hatte. Er sprach nicht. Sie bogen links ab in die zweite und letzte Straße des Dorfes — dieselben Hütten, dieselben Dunghaufen —t nur stand hier die Kirche, merkwürdig groß und stattlich; links die Pfarrwohnung, rechts die Bürgermeisterei. „Da sind wir!" Hinter ihnen trappsten kräftige Schritte; Nelda sah sich um. Der junge Mann von der Post kam eilig heran, er trug ihren schtoeren Koffer, als sei das gar nichts. Keine Muskel war angespannt, das gleiche bräunliche Rot deckte die Wangen und die Stirn unter den Haarringeln, lieber das ganze Gesicht lachend, ließ er das Gepäckstück vor der Tür niedergleiten. „So, ntt hat das Fräulein den Koffer!" „Mer, Heinrich, jetzt haben Sie selbst den Koffer getragen, das war doch nicht nötig! Danke!" Der Bürgermeister klopfte dem jungen Menschen ans die Schulter. „Das ist auch einer von den wenigen Getreuen, hat sich schon draußen in der Welt umgesehen und ein Quentchen Aufklärung mitgebracht. Danke sehr, Heinrich!" „Nix zu danken, Herr Bürgermeister, gern geschehen. Das Fraulein kennt mich wohl net mehr?" Er blinzelte Nelda mit den hübscheit Augen erwartungsvoll an. Sie wurde aufmerksam, dunkel stieg die Erinnerung an einen Knaben auf, mit dem sie in der Kinderzeit hier viel gespielt. Ein paar Jähre älter als sie, hatte er sie allezeit beschützt. Dann kamen Jahre, in denen sie nichts mehr von ihm gesehen, er war ihr gänzlich entschwuiiden. Sollte der stattliche Mensch der Junge von damals sein? Sie hob die müden Augen und sah ihn an; es war ihr eigentlich recht gleichgültig, wer da vor ihr stand. „Es ist Heinrich Hommes, Nelda," sagte der Onkel. „Kennst ihn wohl gar nicht mehr? Hat' sich inzwischen draußen nmgesehen, war erst in Trier, dann in Belgien. Jetzt hat er die Wirtschaft von seinem Vater übernommen. Ein ganzer Kerl, verblendet den Manderscheider Mädchen die Augen. Haha!" Er lachte dröhnend. „Wollen Sie nicht eintreten, Hommes?" Er stieß die Tür auf und rief laut: „Vefa, Vefa!" . Hommes schüttelte treuherzig Neldas Hand. „Adteu, — 686 Fräuleitt^LtLlda! Ne, ich Will net ereitt kommen, Sie sehen müm aus; aber ich komme gern en andermal. Gehen Sie ereilt, Sie werden kali! Sie müssen sich erst wieder bei uns gewöhnen; geben Sie Obacht!" Nelda konnte nicht umhin, zu lächeln; der Mensch redete väterlich besorgt und sie kannte ihn doch eigentlich gar nicht. Sie sagte freundlicher: „Ich danke" und nickte dazu. Im Hausflur roch es nach frischem Kuchen — ach, auch eilte Kndheitserinnerung, immer roch es so, wenn man beim Onkel ankam — aber jetzt war ihr der Geruch ordentlich peinvoll, sie war so übersatt und hatte heute hoch kaum etivas gegessen. Am liebsten hätte sie geweint. Hier war noch alles wie früher, sie fühlte sich geborgen und doch fremd. Da war der schmale Ziegelflur, tue niedrige Stubentür, die hölzerne Stiege, das Madönnchen in der Nische; alles wie immer! „Guden Dag, Fräulein, sein Se willkommen in unse Eifel!" Nelda schreckte ordentlich zusammen, vor ihr stand ein üppiges Mädchen mit einem bräunlichen Gesicht und dunklen Augen, aus denen unverhohlene Lebenslust sprühte. „Das ist meine Vesa!" Des braunen Mädchens Lippen teilten sich über blitzenden Zähnen, die Augen lachten mit, sie strahlten den Bürgermeister an. Dieser nickte ihr zu, nahm dann der Nichte Hand und zog sie in die Stube. „Komm, tränk' jetzt Kaffee, Kind, und ruh' dich aus! Die Vesa ist ein Schatz, alles kann sie. Du mußt sie nicht grad' wie eine Magd behandeln, sie ist doch Mehr. Sie hat nicht Baier und Mutter: drüben aus Meerseld ist sie, wild aufgeschossen, ein Gemci.tck.ktnb — nun ist sie bei mir fast wie zu Haus. Wenn man alt ist und so viel allein wie ich, muß man was Lebendiges um sich haben. So, nun setz' dich hierher an den Ofen Und probier' mal den Küchen, die Vefa hat ihn gebacken -r ja, weißt du, die ist so eine Urnatur, das tut wahrhaftigi wohl; ich hab' sie mir eiugezähmt. Hör' nur, wie sie singt!" Aus der Küche drang eine Helle Stimme. „Aber btt bist kalt, Nelda; du ißt nicht?" Nelda hatte erschöpst den Kopf an die Stuhllehne sinken lassen, sie schloß die Augen; sie mochte nicht essen noch trinken, sie fühlte sich sehr angegriffen. Der Gesang draußen in der Küche tat ihr Weh. Es wirrte ihr alles durcheinander, sie stieß einen lauten Seufzer aus und wurde totenbleich. Der Bürgermeister beugte sich erschrocken über sie, dann riß er die Tür auf. „Vesa, Vefa, schnell!" Wie der Blitz war das Mädchen da; ein Blick genügte, ein Wink. Ohne viel zu fragen, nahm sie Neldas Kopf in die Arme. „Schnaps," sagte sie kurz. Gehorsam hastete Dallmer zum Wandschrank und brachte ein Gläschen voll Kirschbrauntwein. Vefa goß der Ohnmächtigen einen Teil hinunter, mit dem Rest rieb sie ihr die Schlafen. Sang;am fühlte Nelda die tödliche Erstarrung von sich weichen, mit Gewalt richtete sie sich auf. „Verzeih, Onkel — so was — ist mir — noch nie — passiert —!" Ihre blassen Lippen konnten kaum die Worte formen. Dallmer war sehr besorgt. Das war ja ein hübscher Zustand, also so weit hatten sie das frische Mädchen gebracht? ! Ein wütender Zorn überkain ihn, er batte am liebsten auf den Tisch geschlagen — diese vermaledeite Ge- chichte, von der Joseph geschrieben! Das kam alles von jer verkehrten Erziehung; wenn man den Gaul ewig eingespannt hält, schlägt er mal über die Stränge, und bann ist das Unglück fertig. Mitleidig ruhte sein Blick auf Nelda, sie hatte die Augen jetzt geöffnet, aber mit einem starren, abwesenden Ausdruck.' Vefa kniete vor ihr am Boden, Hatte ihr die Schuhe äbgestreift, und rieb die eiskalten Füße. Den Spann, die Spitzen, die Sohlen. Immer auf und nieder. Ein wunderbares Fluidum schien von bett warmen, festen Händen auszugehen. Es rieselte Nelda belebend durch aile Glieder herauf bis zum Herzen - ein neuer Strom von Blut. Eine köstliche Mattigkeit kam über sie; sie versuchte klar zu denken, es ging nicht, nur ein brennender Wunsch in ihr: Schlafen, wenn ich jetzt schlafen könnte! Sie richtete sich auf und versuchte zu gehen * die Füße schlurrten, schwer fiel sie gegen Vefas Schulter. Es war alles tote im Traum. Dumpf, durch eine dicke Wand hörte sie den Onkel sprechen: „Sie muß zu Bett" — und des Mädchens Stimme: „Soll se etoeil nebenan in meiner Kammer liegen? De Trepp' is e so steil." Sie fühlte sich an beiden Armen gefaßt und fortgeschleppt, mehr getragen als geführt. Sie saß jetzt auf dem Lager, das Kleid tourde ihr "äbgestreift, willenlos ließ sie alles geschehen. Nun lag sie in den Kissen, Vefa kniete am Bett und rieb ihr die Füße. Immer auf und nieder. Den Spann, die Spitzen, die Sohlen. Ihr wurde so wohl, ein himmlisches Sich? vergessen kam, zufrieden seufzte sie. Vefa beugte sich über sie und machte ihr das Zeichen des Meitzes auf Stirn und Brust. „Heiliger Schutzengel mein, Laß mich dir besohlen sein! Jü Mariä Herz und Jesu Wunden Befehl' ich mich jetzt und alle Stunden! Amen!" Nelda schlief. Es war mitten in der Nacht, als sie erwachte. Wo- war sie — zu Hause in der Giebelstube? Sie drehte sich auf die andere Seite, der Strohsack raschelte unter ihr. Ah, bei'Onkel Konrad in der Eifel! So herrlich hatte sie! lauge nicht geschlafen. Sie umfaßte das Kopfkissen mit beiden Armen und drückte ihr Gesicht hinein — das war ja nicht das Bett oben in der Fremdenstube, nein, das der Magd! Der Strohsack hatte geraschelt, der Bezug Ivar- grob. Sie hatte nicht die Spur eines unangenehmen Gefühls, in dem fremden Bett zu liegen; e§ roch so frisch nach einem reinen, gesunden Körper. Sie reckte und bei;, sich, es war, als ströme von ber Lebensfülle, bie hier geruht, auch etwas toieber in sie über. Halb richtete sie sich jetzt ans — wie spät mochte es fein? Der Kopf war ihr nicht mehr so schwer wie seit Monaten; bie Kammer war ungeheizt, unb boch fror sie nicht. Draußen, klarer Sternenhimmel, der Schein blinzelte! hinter dem Gardinchen des schmalen Fensters bis a.itf'si Bett: ber Laben war nicht geschlossen. Kvin Winb heulte, kein Laut vernehmbar, nur das eigene Atmen. Ein solcher Friebe! Sie legte sich in das'Kissen zurück, der Schlaf kam schon ivieber. Die Gebauten irrten noch einen Augenblick umher, zu ben Eltern — zu Xylauder — zu ihm — aber nicht mehr mit dem furchtbaren Schmerzgefühl; es lag alles entfernter, ein Berg dazwischen. Die schweren Lioer senkten sich beruhigt. Sie atmete gleichmäßig — jetzt, zwischen Wachen und Träumen hörte sie etwas am Fenster klopfen. Ganz leise. Nun wieder!---Das war ein lebhafter Traum! Draußen flüsterte es: „Mach auf, Vefa! Vefa schläfst du? Mach' auf!" (Fortsetzung folgt.) Einiges über I. h° Merck. (1741—1791.) (Mit besonderer Berücksichtigung seiner Wohnhäuser.) Von Hermann Franz Oktavio (Darmstadt). Ich halte es für eine der heiligsten Pflichten eines Gemeinwesens, dann und iumtn einmal in seinen Annalen zu blättern und sich die Namen seiner Söhne ins Gedächtnis zu rückzurufen, die es verdienen, nicht vergessen zu werden, — um ihnen ans Dankbarkeit ein ehrendes Denkmal zu setzen. Wenn ich diese Forderung auch für Merck geltend mache, so tue ich es, überzeugt von der Bedeutung all dessen, was er für Darmstadt geleistet hat. Vielleicht hat man es vergessen, — vielleicht hält man es nicht der Mühe wert, sich damit zu beschäftigen; wahrlich ein tt-auriges Geständnis, eine haltlose Entschuldigung, wenn dem so wäre! Entdeckt man Jahrzehnte, oder ein Jahrhundert nach denk Tode eines Kapellmeisters Stöße von herrlichen Kantaten, prächtigen Kompositionen, so to'it'b man sich darum reißen, den verklungenen Namen dieses Komponisten zu Ehren zu bringen? Was für ein Optimismus! — Mühe kostet es und selbstlose Aufopferung, Namen aus unserer Väterzeit an die Gegenwart hervorzuzerren, weil es Menschen gibt, die vor den Schatten bangen für ihre eigene kleine Größe, wenn es gilt, eine „verloren!« Handschrift" auszugraben. Diesen Geisteshe'lden Möchte ich immer die Worte des Mephistopheles zurufen: „Wer kann was Dummes, wer kann was Kluges denken, Was nicht die Vorwelt schon gedacht?" . Es gibt auch Dichter, bedeutend genug, um einem Frnwrny Schiller vor mehr denn 100 Jahren Motive an die Hand zu geben', interessant genug, um noch heute gelesen zu werden, zumal gute 687 — Humoristen unt> Satiriker in Deutschland iminer zu zahlen waren, — heute Nennt und nennt man ihre Namen nicht mehr! Ich batte dabei vornehmlich an den Darmstadter Helfrich Peter Stürz (1736—1779); vergessen! sich mit nichts beschäftigen, als die vorbehfahrende Mistwägen auf öffentlicher Straße zu berauben, die Wälder plündern zu helfen', alle Arten von kleinen Spitzbübereyett auszuüben, sich 'in *) Diese, wie noch andere auf Merck bezügliche Akten, die in dein' Großherzvglichen Haus- und Staatsarchiv! aufbewahrt werden, konnte ich mit gütiger ministerieller Erlaubnis benutzen'; zum Teil sind sie schon' von Dr. .Heidenheimer veröffentlicht in der „Zeitschrift für Deutsches Altertum"; Berlin, 1878, Neue Folge X, Seite 428. dm Häuser durch Betteln einzuschleichen, auf der Landstraße zu hegen usw. Es sind mir viele Fälle bekannt, wo die fähigsten Knaben von 10 und 12 bis 14 Jahren zum Auslauffen und 'Dieust- nrbeiten angenommen sind, und sich die Wern oeme beanüaen, wenn man ihnen etwas alte Kleider zuwirft, und sie ohne alle Kost 'des Monats ohugefehr mit 30 bis 36 xr. bezahlt. Gewiß ein trauriges Beispiel, wie weit der Verstand und die Kräfte eines vernünftigen Geschöpfs in ihrem Berthe herabgewürdiat werden, wenn in einem Laude nicht die mindeste Gelegenheit zu! irgend einer Art von Kunstfleiß sich vorfindet." — Merck macht im folgenden! Vorschläge über die Einrichtung der Fabrik, an der zunächst mir die Jnvalidenkmder beschäftigt werden sollen; die Kosten will er zur Hälfte tragen, so daß es schließlich auf nichts, als die Erlaubnis ankomme, „ob es gnädigst üerftaftet werde, auf eigne Gefahr dem Staate Mtzlich zu sehn, und ob der Nutzen des Instituts mit dem Allgemeinen verbunden, und dasjenige .was dieses Pium Corpus allenfalls wagen dürfte, durch die Teilnehmung eines Privatmannes gewissermaßen kautionniert werden dürfte." Schon am folgenden Tage, am 29. März 1787, genehmigte der Erbprinz, der nachmalige Grvßherzog Ludewig L, das Gesuch; fo anerkennend auch für Merck die Begleitworte des Geheim-Rats Hesse sein mögen: „Serenissimus Hereditarrus haben anliegenden Entwurf mit außerordentlichem Beyfall und gnädiger Teilnehmung aufgenommen, und fich darüber schriftlich zu erklären geruht. Hierdurch sowohl als durch. Ew. Wohlgeboren edlen' Patriotismus ist dieser zur Versorgung der Armen und Aufmunterung der Industrie abzweckende Plan genugsam garantiert, und Ihre ausgebreitete Kenntnisse und Talente gewähren bey dessen Ausführung die gesegnete Folgen. Meinen aufrichtigen Glückwunsch also zu einem Unternehmen von' so fröhlicher Md glücklicher Aussicht, bey dem ich mirs zur Ehre und Pflicht rechne, auf alle mögliche Weise mitwurken zu können," so war Merck nicht der Mann, ein solches Unternehmen zu einer gedeihlichen Weiterentwickelung zu leiten; er kaufte die Rohmaterialien zu teuer ein, wurde von den Händlern übers Ohr gehauen und fand schließlich nicht die nötigen Absatzgebiete für die fertigen Waren.! Ihm fehlten vor allem die Kräfte des Beharrens, die nötige Ruhe und 'Stetigkeit; an seiner Vielseitigkeit, so erstaunlich und bewunderungswert sie ist, an der Zersplitterung seines Wollens and Wirkens ist er zugrunde gegangen. Auf die Wiedergabe seines interessanten Briefes vom! 5. Juni 1787 an Sarasin muß ich leider verzichten _■— aus Raummangel ; hoffte Merck auch, „in! wenigen Wochen mit 300 Kindern spinnen zu Knuten," so mußte er doch schon sobald gestehen, daß ihm der Hofrat Bigel aus Emmendingen, von dem' er anfangs dis Baumwolle bezog, zum Teil die abscheulichsten Preise setzte, zum Teil Ware schickte, die nicht zu verarbeiten war. , „Ich begreife nicht, wenn ein Negoeiant gegen, den Werth von einigen Louisd'ors alle Reputation uns alle Hoffnung eines ferneren! Gewinnstes mit einem imbekannten Freund aufs Spiel setzen kann." Allmählich geriet er in immer größere finanzielle Schwierigkeiten, so daß er für sich und seine Familie den Ruin befürchtete. In seiner Verzweiflung schrieb er jenen ergreifenden Brief vvm' 13. August 1788 an Goethe, in dem er den einstigen Jugendfreund nur noch mit „Sie" anzureden wagte. Bereitwillig halfen Gönner und Freunde; „der Erbprinz und Schleiermacher haben sich wie Engel gegen mich äufgesührt und so noch einige edle Menschen", heißt es später in einem Briefe vom 18. Oktober 1788. Doch das bedeutete nur ein letztes Aufflackern, ein vergebliches Sich-Aufrassen; hatte das grausame Schicksal mit all seinen herben Enttäuschungen genugsam dazu beigetragen, das Senat des' unglücklichen Mannes zu erschüttern, so tat sein körperliches Leiden ein übriges, ihm üt einem Anfall von Melancholie die Pistol« in die Hand zn drücken. Welche Schmerzen mag er ost ausgee standen haben bei einem mehr als zwanzigjährigen Leidet! und dabei noch Verspottung, Verkennung, Verleumdung ertragen! „Daß sich der Verstorbene die durchaus tödliche, und unheilbare Wtmde höchsttvahrscheiulich in einem heftigen Anfall der Melancholie zugefügt habe", bezeugte auch der Arzt Dr. Renting in dem „Visum Repertum" (aufbewahrt in dem Großherzvglichen Haus- und Staatsarchiv). Mercks Gattin hatte jn her „Hess. Darmst. privilegierten Landzeitung" in Nr. 53 vom 2. Jult 1791 eine Todesanzeige veröffentlicht, auf die bisher noch nicht aufmerksam gemacht worden ist, und die Jahrzehnte lang um den Tod Mercks einen geheimnisvollen Schleier wob. Ich lasse die; Anzeige hier folgen: Todes Anzeige'. Deit im 50 teil Jahre seines Alters am 27 kn Jun. äst einem Süksluß erfolgten Tod meines Mannes notifiziere ich hiermit allen dessen Gönnern, Freunden, Verwandten und Bekannten. Ich statte Ihnen für die meinem Manne erzeigte Gewogenheit und Freundschaft meinen lebhaften' Dank ab, und vost Ihrem Beileid überzeugt, verbitte ich mir die Kondolenz«. Darmstadt, den 28. Jnuii 1791. Des verstarb. Kriegsrath Merks Wittib. Ast der Tatsache, daß Merck durch Selbstmord geendet hat, gibt es nichts zu rütteln; ihn darum aus engherziger Buchstaben^ klanberei (vergleiche die biographische Skizze von Pfarrer FuW — 688 trt der „9f((gem. Konservat. Monatsschrift", 1892) verurteilen! wollen, ist nicht nur ungerecht und selbstgefällig, es' verstößt auch gegen die so oft gerühmte ChristenpMcht des „Verzeihens". Mercks Landgut und Druckerei in Ar Heilgen. Noch heute gibt uns das Loben' dieses' seltsamen Manuejs gar manches Rätsel auf, — Rätsel, die vielleicht nie ganz gelöst werden. Heiß Umstritten ist vor allem! die Frage: Wann hat Merck in Arheilgen gewohnt, Und.hat er dort eine Druckerei besessen? Ich muß hier zurückgreifen auf die mit ziemlicher Schärfe geführte literarische Fehde zwischen Freiherrn von Schenck ('Direktor des Großherzogl. Haus- und Staatsarchivs) Und Pfarrer Fuchs' (Arheilgen). Im Jahre 1894 hatte Fuchs in Nr. 115 und 116 des „Darmstädter Tagblatts" einen Artikel über Merck veröffentlicht, in dem er, zurückgehend auf die Bemerkung Dr. Wagners2), aUsführte, Merck habe in Arheilgen seit 1775 ein Haus mit Oekorwmiegebäuden und einem großen Garten besessen und auch eine 'Druckerei betrieben. Das Merck zugesprochene Haus (heute das Gasthaus zum weißen Roß), an dem die Arheilger Merck- Freunde eine Gedenktafel hatten anbringen lassen, erwies sich auf Grund der Darlegungen des Freiherrn von Schenck als falsch ; Merck hat niemals das Gasthaus zum weißen Roß innegehabt, sondern das Haus nebenan, den „Freihof" (heute die Häuser Nr. 6 und 7), und zwar, wie Freiherr von Schenck auf Grund der .Arheilger Flurbücher annahm, erst seit dem Jahre 1789. . Die Frage war mir so interessant, daß ich mich noch einmal eingehend mit ihr beschäftigte. Nach mündlicher (auch Darmstädter) Ueberlieferung galt in! Arheilgen für ausgemacht, daß Merck seit dem Anfang der 70 er Jahre dort gewohnt, und eine Druckerei errichtet habe, in der auch Goethes „Götz von Ber- lichingen" gedruckt worden sei; noch vor Jahren habe man in einer Arheilger Familie ein Exemplar des ersten „Götz-Druckes" aufbewahrt; einen alten Stich „Merck von Girsch" (nach dem Streckerschen Oelgemälde) hat man mir auch gezeigt. Schließlich sollen vor Jahrzehnten Kinder noch mit den Lettern jener Druckerei gespielt haben; gefunden haben sich aber keine mehr! Allen Kombinationen war mit diesen Geschichtchen Tür und Tor geöffnet; doch es galt mehr als Geschichten sammeln! Drei dickleibige Folianten habe ich durchstöbert und zu Meinem Erstaunen begegnete ich sowohl bei dem Haus, als auch den Aeckern, Wiesen und Gärten überall nur der Jahreszahl 1790; demnach hatte sich Merck erst 1790 in Arheilgen angekauft, also noch ein Jahr später als Freiherr von Schenck angenommen hatte. !Da bot sich mir in den Arheilger .Kirchenbücher» ein willkommener Aufschluß; unterm 22. Januar 1789 fand sich der Eintrag über die Trauung von! Mercks Tochter Adelheid mit ihrem Vetter, dem Kammer-Assessor und Apotheker Johann Anton Merck °). Da wohl schwerlich anzuuehmen ist, daß Merck mitten im Winter 'ein Landhaus in Arheilgen kaufte, so lag der Vermutung nichts im Wege, Merck könne sich schon im Jahre 1788, vielleicht auch früher, angekauft habe», während der Eintrag in dem Flurbuch erst später vollzogen wurde, — was auch Pfarrer Fuchs für wahrscheinlich hielt. (Schluß folgt.) VeviMsHtes. * Im Au t o über eine n S alzse e. Der weite unheimliche Salzsumpf, der im äußersten Süden von Tunis sich dehnt, der berühmte Schott Dscherid, aus dem nach den altgriechischen Mythen Minerva aus den Wellen auftauchte und der seitdem eine Stätte bangen Aberglaubens für die nordafrikanische Bevölkerung geblieben ist, hat sich jetzt dem Automobil ergeben müssen: eine Frau war es', die bekannte Pariser Romanschriftstellerin Mhriam Harry, die mit einem kleinen Automobil es wagte, ihr Leben der trügerischen Salzkruste auzuvertrauen. Mit einem Begleiter und einem Kamele, das Wasser und Be'nzinvorräte trug, brach man vort Gabez auf. Mit einem Korbgeflecht waren die Automobilräder notdürftig gegen das Versinken int Sande geschützt, eine anstrengende! Wüstenfahrt, von mehr als 139 Km. mußte vollbracÄ teerten, ehe der kleine Militärposten Kebilli erreicht war. Aber Nun verändert sich das Bild. Die Oasen werden öder und kahler, die letzte dürftige Wüstenvegetation! hört auf. „Wir geraten in eine teerte Ebene von Salpeter und Magnesium. Das ist das Schott." (Sm in den Boden gerammter Pfosten zeigt den Fremden den ge- fahnich schmalen Pfad, den nur zwei Meter breiten Weg, der durch den verderblichen Sumpf führt, in dem schon ganze Karawanen spurlos unter der dünnen Salzkruste versanken. In Ab- 'ständeu von etwa zwei zu zwei Kilometer sieht man diese Weg-- teetler aus der weiten bleichen, kristallisch flimmernden Ebene Änporragen wie die Masten' gescheiterter und halbversunkener ®Riffe, Totenstille herrscht rings, nirgends ein lebendes Wesen, kem Mensch, kein Bogel, keine Schlange, ja selbst feine Mücken Seite' ffuä bcm Freundeskreise .... (1847) 3) Bon beiden stammen die Glieder der in Darmstadt lebenden, angesehenen Familie Merck ab. Und Fliegen. Abe-r an bett Rändern der schmalen Furt fieffl man überall Kamelskelette bleichen, vom Wasser sind sie abge? waschen, von den Salzen durchlaugt und weiß wie Schnee. Dä- Neben die Schädel vouKferden oder Mauleseln; es sind die Ueber- reste der unglücklichen Opfer des heimtückischen Schotts, die durch geheimnisvolle Flutbewegungen aus ihrem unterirdischen Grabe empor und über die Salzkruste gehoben werden. „Ein glühend heißer Südwind geht," so erzählt die kühne Reisende in ihrem Bericht ttt der Illustration, „aber die weiße Fläche, die glitzerndenl Salzpartikel, die unsere Hände und Kleider bedecken, 'erwecken die Illusionen, daß mau fern im Norden durch die kalten Eini- ödeu unerforschter Polarländer dahinzieht. Der anfailgs feste Weg verschlechtert sich, die Räder des Automobils laufen bereits im Wasser: da sind sie plötzlich, die berühmten Luftspiegelungen des Schotts, von denen die Araber erzählen, daß sie beit Geist umnachten und jeden Wanderer irre führen. Lenkbare Luftschiffe sehe ich vorüberschweben, einen Schweizer See, eine Meeresküste mit Badegästen, große Fabriken mit Schornsteinen', ein europäischer Wald: aber in dem Maße als wir näherkommen, entschwinden di« Bilder. Nur das Wasser, die Salzkruste und die schauerlichen' Gebeine zu beiden Seiten des schmalen Weges schwinden nicht." Aber endlich ist die gefährlichste Zone übetz- IwundeN. lieber 50 Kilometer sind zurückgelegt, aber noch immer ist das Ende der Salz-Heide nicht abzusehen, die an manchen Stellen nach den Messungen des Obersten Rondaier und von Lesseps eilte Schlamm'- und Wassertiefe von 400 Meter erreicht. Zwei Sekunden der Unaufmerksamkeit: da beginnt das Automobil im schlammigen Boden sich zu verfangen, sinkt tiefer und bleibt stehen. Zum Glück ist mau nahe am Rande des Schotts. Araber eilen herbei, unter die .Räder schiebt mau Knochen und Skeletts, und es gelingt, den Magen wieder flott zu machen. Eine halbe Wegstunde weiter liegt Kriz: die Ueberqnernng des Schotts im Automobil ist vollendet. * Vanille und Vanillin. Seitdem die wissenschaft- lichö Chemie namentlich in Deutschland so gewaltige Fortschritte gemacht und der chemischen Industrie die Mittel und Wege gezeigt hat, wie sie gewisse Stoffe billiger Herstellen kann, als sie sonst durch Anbau und Bearbeitung von Pflanzen zu erlangen sind, ist manchs Pslanzenkultur fast ganz eingegangen. Wir erinnern nur an die Indigo kulturell. Neuerdings ist auch der Vanille ein großer Konkurrent in dem .auf chemischem Wege erzeugten! Vanillin entstanden. Die Vanille ist eine Zwischenkultnr, bereit Pflanzung in unfern Schutzgebieten noch ziemlich int Anfangs steht; in der Hauptsache wird sie in Mexiko und in den französischen! Kolonien gewonnen. In diesen leben gegen 40 000 Personen' von ihrer Kultur. Aber der Wert der berühmten französischen Vanille, die in die ganze Welt verschickt wird, ist so tief gs- snnken, daß die Pflanzer alle Hoffnung verloren haben und eifrig nach Mitteln suchen, den Preis wieder zu heben. Tie Schuld an dem großen Preissturz trägt die Billigkeit des Vanillins, dessen Preis, anfangs 400 Mark für ein Kilogramm!, durch Verbesserung der Erzengungsmethoden nach und nach bis auf 30 Mark gesunken ist. Tie französischen Vanillepflanzer verlangen daher eine Steuer für das Vanillin, das zur Grundlage die Stärke des Riechstoffs hat. Man hat nun gefunden, daß das Vanillin hundertmal so stark riecht, wie Vanille. Sie wünschen daher, daß die Steuer auf Vanillin hundertmal so groß, sei wie aus Vanille; letztere betrügt nur 2,08 Franks für das Kilo. Indessen hat die französische Regierung doch geglaubt, hier etwas vorsichtiger zu Werke gehen und nicht gleich die äußerste Möglichkeit heranziehen zu müssen. Sie hat daher in dem Etatsvorans- schl'ag für 1910 zunächst einmal eine Steuer von 60 Franks sich das Kilo Vanillin vorgeschlagen, wozu noch 15 Franks für dasjenige Vanillin treten, das von fremden Ländern nach Frankreich eingeführt wird. * A m Stammtis ch. Kulicke (Sonntagsjäger): „Ich will ja alles gern glauben, meine Herren — aber daß es Völker gegeben haben soll, die nur von der Jagd lebten, das ist ganz undenkbar !" Zitaten-Rätsel. Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, sodaß sich ein neues Zitat ergibt: 1. Mein Sohn, nichts in der Welt ist unbedeutend. 2. Mensch, bezahle deine Schulden! Lang ist ja die Lebensbahn .... 3. Und immer höher schwoll die Flut. 4. Der Knabe Ton Carl sängt an, mir fürchterlich zu werden. 5. Wer früh erwirbt, lernt früh den hohen Wert Der holden Güter dieses Lebens schätzen. 6. Stets ist die Sprache kecker als die Tat. 7. Am Ende ist der ganze Kerl noch nicht einmal geboren. 8. Ein jeder gibt den Wert sich selbst. 9. Das ist des Landes nicht der Brauch. 10, Tages Arbeit I Abends Gäste'I Saure Wochen! Frohe Feste l Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: AllerAnfang i st s ch w e r. Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.