1909 a 13 fflBf IM Mittwoch der; Z. Mörz W W rf- MWM M^UW w8?B®w^bsW »WD^WW^ ' .:Xf« Htfjji1. j: ■ Auf Liebespfaden. Roman von H. Ehrhardt. 'Nachdruck verböte::. (Fortsetzung.) Lena von Rieding ivandte sich rnhig mit. Die Maske der liebenswürdigen Weltdame lag undurchdringlich auf ihrem Gesicht. „Es tut mir herzlich leid, Exzellenz, es war ein ganz plötz- licher Entschluß von mir. Sie wissen, ich liebe plötzliche Entschlüsse." „Du wärest ja doch nicht mit mir gegangen, Mama!" ließ sich der rotblonde Backfische von der Truhenbank her hören. „Tas sagst du jetzt so, weils vorbei ist. Aber zum Rosenmontag nach Mainz fahre ich doch." *0« warf den Kops zurück und schürzte trotzig die Lippert, wobei sie mit ihren schnralen, schwarzen Augen den kleinen Ar- tillcristen auf dem Hocker vor sich verliebt anstrahlte. „Bombensicher!" bekräftigte sie. „Ich danke Ihnen für das Kompliment, mein gnädiges Fräulein." Leutnant Keschers spiegelnd glatter Scheitel iteigte sich tief. „Kompliment?" wiederholte sie etwas verdutzt. Er tat seinen humoristischen AugenaussMag. „Ich bin so nämlich Bombcnschnreiher, mei Gndeste, 5tcrr- leses." Sie lachte, daß ihre Augen nur rroch zwei dnnKe Schlitze iln dem rosigen Gesicht waren. „Also Maina," rief sie dann, „es ist bombensicher mit dem Rosenmontag, bombensicher." , lMr wohl sehr hart rrnd grausam, iveim es galt, ictnc Rlvalrn zu vernichten, aber sie war eine schwache Mutter — der Rosenmontag wurde bewilligt. m . Lena von Rieding tauschte mit Hassingcn einen flüchtigen Bl'.ck, für einen Moment huschte, der müde Zug um ihre Mundwinkel. Tann erklärte sie ruhig, sie habe auch die Absicht, nach Mainz zu fahren, es gab ja doch kein Entrinnen mehr. „Aber bitte keine feste Verabredung!" sagte sie. „Ich hasse folche, wenn sic nicht unbedingt itötig sind, mau kann sich ver- Mcken, man kann Migräne bekommen, dann gibtS Abhetzerei, ..Absagen, M ißverstnudnisse — Sie iverden außerdem sicher gern nn „Holländer Hof" dinieren ,vollen, und das mache ick keinesfalls nut, für meine Nerven ist ein Nachntittag und Abend voll Karnevalstrubel genug." Exzellenz war etwas pikiert, ihre Nasenflügel bewegten sich wltiernd, da steckte etwas dahinter. Sollte alter Haß jetzt endlich o:e stelle ftnden, wo diese inpertinente, scheinheilige Person verwundbar märe? ... „Wir fahren eben allein, das heißt, Leutnant .Keßler fährt mit uns, Mama!" schmeichelte Erika, die mit ihrem Kavalier herangetreten war, schmollend ihtb trotzend. Exzellenz musterte den hübschen, korrekten Artilleristen, der sie nut seinen braunen Augen, in denen der Schalk lauerte, seinerseits eben so prüfend ansah, so daß Hassingcn im Hinter-- gründe Mühe hatte, nicht laut aufzulachen. Und während die Exzellenz geringschätzig dachte: „Ein bürger-- licher Leutnant ohne nennenswerte Mittel, denn sonst wäre er wohl Kavallerist, tvas soll mir der für meine Erika?" hatte Walter Keßler, wie er .Hassingcn erzählte, sich innerlich bekreuzt und nach Art der Bauernleute, wenn ihnen der leibhaftige Satan erscheint, gemurmelt: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn." Er hoffte damit den Teufel in Gestalt dieser Schwiegermutter, zu bannen. „Tantchen," wie der Neffe sie zärtlich nannte, schwebte als rettender Engel dazwischen. Sie sah gar nicht ein, warum mail den Rosenmontag ttt Mainz ohne sie feiern sollte, sie wollte mit und zwar „iuenn schon, denn schon", also auch zum Diner im Holländer Hof. „Sind Sie denn eigentlich mit von der Partie, Herr von Hassingcn?" Exzellenz tat wieder gleichgültig und war doch sehr interessiert. „Aber gewiß doch, Mama!" fiel Erika naseweis ein, während Leutnant Keßler spitzbübisch vor sich hinlachte. Hans von Hassingcn schien bereits etwas von der Kaltblütig-- keit Lenas profitiert zu haben, er wurde nicht einmal mehr rot, als er sagte: „Natürlich heißt auch meine Devise für morgen: „Rosenmontag in Mainz", aber nicht „Diner im Holländer Hof", ich bin in erster Linie Patient, Exzellenz haben mich bis jetzt noch nicht als Humpelnden Invaliden gesehen, ich kann keinesfalls meine Kur gerade Montag, nachdem schon Sonntag Pause war, unterbrechen, der Oberstabsarzt würde mich nicht schlecht ansauchcn imd mich fragen/ob ich zur Kur oder zunt Karneval nach Wiesbaden gekommen wäre. Ich hoffe, Nachmittag das Vergnügen zu haben, in Mainz mit Ihnen znsammenzutreffen." „Also auch erst nachmittags?" Wieder das boshafte Lächeln, das mehr sagte als Worte, das böse, fllnkclndeAuge. Und daneben tauchte jetzt das mattweiße, ruhige Gesicht der jungen Frau auf, welche die Unterhaltung gehört zu haben schien, denn sie sagte, näher tretend und mit unverkennbar amüsiertem Lippenzucken: „Wir beiden kommen als Nachzügler, Exzellenz, cs trifft sich in so nett, daß ich auch nicht ohne Kavalier zu fahren brauch,, es ginge wohl gar nicht — Herr von Hassingcn hätte mirs vielleicht auch ohne Kurzwang nicht abgeschlagen, wenn ich ihn gebeten hätte, mein Kavalier zu sein." „Sicherlich nicht, gnädige Frau!" Ihre lachenden Augen fanden sich verständnisvoll, die boshafte Exzellenz zog eine sauer-süße Miene. Der blonde Offizier begann sich köstlich zu amüsieren, das sah ra ganz so aus, als solle sich ein regelrechter Kantpf entspinnen, bei dem er Partei ergreifen mußte: Hie Schlettau, hie Rieding. Er kam nicht einmal dazu, mit der jungen Frau ein paar ungestörte Worte zu wechseln, er hätte direkt unhöflich sein miiffat gegen die ältere Dame, und das verbot ihm Erziehung und Gefühl, Exzellenz ließ ihn bis zum Abschied nicht von ihrer Seite, — 138 — Tie Damen gingen zu gleicher Zeit, die Offiziere blieben tote allsvmrtäglich znm einfachen Abendbrot; Hassiugen hatte diese Wende bei der heiteren, alten Dame immer sehr behaglich gefunden, heut wäre er lieber sortgcgangen. Es kam ihm vor, als hätte er die reizende junge Frau schutzlos einem bösen Drachen überlassen. Und als Keßler ihm sein BekrcuzigungSmanöver erzählte, wobei er wieder sehr ernsthaft dreinsah und sehr wenig ernsthaft war, meinte sein blonder Kamerad: „Die beiden Frauen haben etwas gegeneinander, haben Sie daZ nicht auch bemerkt, Keßler? Tie Alt«, die übrigens mal gefährlich schön gewesen sein muß, ist ja mit Bosheit geladen, sobald sie Fran von Rieding nur ansieht." „Darüber kann uns vielleicht „Tantchen" ausklären, mau schwatzt ja doch immer über die Abwesenden, sie ivirbS auch tun." Besagtes „Tantchen" war gerade hinausgegangen, um nach dem Abendbrot zu sehen, die Herren waren allein in deut kleinen Salon mit seinen altmodischen Mahagonimöbeln, den Porzellan- schäferinnen im Glasschrank und dem perlengestickten Klingelzug neben der Tür, der jetzt nur noch Dekorationsstück war. Ter Frühlingshauch von Fran von Riedings Veilchenpacsüm mischte sich in den faden Verwesungsgeruch getrockneter Blüten aus einer geöffneten Potpourrivase. „Wie gefallt Ihnen die Kleine, Keßler? Wäre das nichts für Sie?" Der Artillerist räkelte sich in seinem Sessel und gähnte. „Mart muß da höllisch sondieren, ehe man sich engagiert — ich bin mir noch nicht über diese junge Pflanze klar. Ich wittere Moderlust — gefärbte Haare bei der Jugend — da ist irgendwo sumpfiger Boden, aber es kann auch nur die Mutter sein oder das ganze Milieu — der Vater ist Hofmarschall an einem kleinen, aber übel berüchtigten Herzogshofe — von solcher Lust bleibt immer etwas hängen — ich würde ohne weiteres sagen: eine schon im Keim verdorbene Mädchenblüte — aber die Geschmacklosigkeit ihrer Toilette ist beruhigend und läßt mich noch hoffen." „Mein lieber Neffe mokiert sich schon wieder mal, hören Sie nicht auf ihn, lieber Hafsingen, er ist ein zu scharfer Kritiker." Fräulein von Meppen war uitbemerkt eingetreten und nahm den kleinen Leutnant scherzend bei den hübschen Ohren. „Es kann nie schaden, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, Tantchen, und deshalb wirst du gleich mal mit Uber die Abwesenden reden und uns erzählen, warum die beiden Frauen, die uns eben verließen, sich so lieben. Tu warst doch Mit ihnen in Bordighera zitsammen, als sie sich kennen lernten." „Tie Liebe hast du auch schon wieder entdeckt?" „Nee! Tiesmal wars Hafsingen, Tantchen!" Fräulein von Meppen versprach zu erzählen, was sie wußte, Aber zuerst bat sie zu Tisch. Nachdem das einfache Abendbrot verzehrt war und die drei Wieder im Salon znsammensatzen, begann das alte Fräulein: „Also die Feindschaft der beiden Frauen interessiert Sie beide? Ich glaube, sie ist nur einseitig, Frau von Rieding ist innerlich viel zu Hochmütig, sie zu erwidern, sie ist eine weltkluge Frau iund hütet sich, den Menschen lvirklich richtige Angriffspunkte zu geben, deshalb sagt sie sich auch: „Was kümmert mich die Bosheit dieser Frau? Ich haoe sie nicht zu fürchten." Sie weist- sicher gar nicht, warum sie eigentlich angefeindet wird, aber ich ahne es. Unbeteiligte sehen oft schärfer als die,'welche mitten in den Ereignissen stehen. In Bordighera taicchte damals ein Prinz lvon W. auf, ein Bruder des regierenden Herzogs, es sollte ganz zufällig sein, aber mir schien's, als sei er der noch immer genug verführerischen Exzellenz nachgereist — die ersten Tage sah man sie immer zusammen, er war ein häßlicher Mensch, sehr brünett, tiefliegende Augen, die sehr weich und sehr hart blicken konnten, dazu eine sehnige Sportsmattfigur, war auch auf allen Rennplätzen zu Hause und lag tagelang mit einer Segeljacht auf dem Meere — ich mochte ihn uicht — ich mag die Männer nicEjt, denen man ansieht, daß sie die Frauen lieben und — verachten. Er kümmerte sich auch nicht um meine weißen Haare, aber als Frau von Riediug von ihrem Mattne auf einer Automobilfahrt, ine über ihre Kräfte ging, in Bordighera zur Erholung gelassen wurde, toax mein Prinz, soweit ich es beurteilen konnte, Feuer und Flamme stir sie. Sie war damals noch viel reizender, als sie jetzt ist, der Lvd ihres Mannes muß ihr doch sehr nahe gegangen sem, obgleich die Ehe mir sehr kühl und modern Vorkain — uy war dabei, als sie sich von ihm verabschiedete, ehe er weiter- ftlhr -- ein formeller Handkuß — sie blickte ihm nicht mal nach. Mit dem Prinzen verkehrte sie in der unbefangenen, kameradschaftlichen Art der vielgereisten, vornehmen Frau, der auch eine Herzogskrone nicht imponieren konnte — sie ritt mit ihm und Z-rau von Schlettau, sie spielten zu dreien Tennis — nur aufs Meer mußte die Exzellenz sie, tote ich eben vermute, zähneknirschend allein lassen, da sie an einer unüberwindlichen Neigung zur Seekrankheit litt. Ich bin überzeugt, sie hatte ruhig als Mäuschen mitsegeln können, Frau von Rieding hat den Mann vielleicht sehr geliebt, aber seine Geliebte war sie ganz sicher nicht." Ter kleine Artillerist kniff toie immer, wenn er etwas bezweifelte, das linke Auge zu und zog eine schreckliche Grimasse. „Bist bu dessen wirklich so sicher, Tantchen?" Die alte Dante setzte eine geringschätzige Miene auf. „Lieber Walter, ich kenne mein Geschlecht besser tote du, eine Lena von Rieding mürbe wohl den Mut gehabt haben, den Skandal einer Scheidung auf sich zu nehmen, um einem anderen Manna angehören zu können, aber seine Geliebte werden — nie." „Tie hat einen großen Stein bei dir im Brette, Tantchen." „Was wurde denn nun aus der Geschichte, gnädiges Fräulein?" siel Hafsingen etwas nervös ein, denn diese Auseinandersetzung schien ihm ganz überflüssig. TaS „Tantchen" lächelte belustigt. „Ja, das Eitde weiß ich leider tticht, da ich vierzehn Tags früher als die Hauptbeteiligten abreisen mußte. Diese dummen! Rundreisehefte — damals hab ich das meine besonders verwünscht. Tie gaitze Tragödie mit dem Sturz Herrn von Riedings passierte ja trocf; zu der Zeit, als die junge Fran an der Riviera war — ich habe Fran von Schlettau schon um die Geschichte befragt und hörte da zu meinem Staunen, daß sie eher wie Frau von Rieding, altz twch vor der Katastrophe, abgereist sei —“ „Und ob der Prinz mit ihr reiste oder bei seiner neuen! Liebe blieb, verriet sie dir wohl nicht?" „Oh!" Fräulein von Meppett streckte abwehrend die beiden flachen Hände aus. „Ich werde mich hüten, in ein Wespennest zu stechen, das muß ich mal sehr geschickt und harmlos anstellen — taktlos bin ich nie gewesen, und ich habe das Gefühl einer Taktlosigkeit, wenn ich den Namen des Prinzen vor diesen beiden! Frauen erwähne." Dann kaut das Gespräch noch auf die pekuniären Verhältnisse des Hofmarschalls, auf die kleine, rotblonde Erika. „Mach ihr die Cour, mein Junge, aber denke nicht ans Heiraten!" warnte das „Tantchen" gutmütig. „Sie stammt aus keiner guten Ehe, solche Töchter werden schlechte Fraiten. Der Hofmarfchall ist eilt Ehrenutann vom Scheitel bis zur Sohle, wie mein alter Geheimrat mir erzählt — die Frau verdankt cs nur seinem guten Namen und einer unbegreiflichen Nachsicht der Gesellschaft, daß man sie noch empfängt — ich bin keine strenge Sittenrichter inl — aber wer Treue schwört, soll nicht Treue brechen. Deshalb ist mir Frau voll Meding, die iicher eben so viel utmvorben mürbe als die Schlettau, so sympathisch, und ich wünsche ihr von Herzen ein Glück — kein neues Glück, toie man sonst gedankenlos sagt — sie hat sicher mit ihrem Manne keins verloren." Auch heut hatte Hans von Hasfingen, ehe er endlich die Ruhe des Schlafes fand, so viele Gedanken zu bewältigen, daß der Kopf ihm schwer ward und die Stirn heiß. Vier Wochen hatte er sich in Wiesbaden gelangweilt, und nun stand er plötzlich mit einem Sprunge mitten drin in einer ihm vertranten und doch fremden Welt. Es waren Menschen seiner Kreise, aber toie weit gähnte die Kluft zwischen ihnen und denen, die in der kleinen Harzstadt sein Leben beeinflußten, sein Denken beschäftigten. Wie furchtbar spießbürgerlich erschien ihm atif einmal alles, was er dort zurückgelassen hatte, iuie armselig und kleinlich. Ein Stich zuckte ihm durchs Herz, dachte er an das Milieu, in dem seine kleine Helene hoffend auf das Wunder harrte, das bett rettenden Prinzen in ihr Aschenbrödeldasein sandte. Dabei siel ihm der Prinz ein, der wirkliche Prinz, dem Lena Riedings goldbraune Augen in Liebe gelächelt haben sollten. Sie mußte sehr schön sein mit solchem Lächeln. Aber eilt widriges Mißtrauen kroch ihn an, ob sie nicht doch vielleicht einst die sündige Leidenschaft über die ehrliche Treue gesetzt hatte, und Helene Falks Bild hob sich rein, licht und keusch aus dem Chaos dec Bilder, die sich ihm aufdrängten. Sie stand doch turmhoch über all diesen müden, kühlen Weltdamett. Aber auf den Rosenmontag in Mainz freute er sich doch. (Fortsetzung folgt.) Die Gegenreformation in der Umpfalz. (Nach einem Vortrag von Pfarrer Bechtolsh'eimev int evangelischen Bund.) Die Entwicklung der Menschheit könnte man vielleicht vergleichen mit der bekannten Echternacher Springpro- zession: 3 Schritte vorwärts, 1 Schritt zurück. Nie geht und ging diese Entwicklung geradlienig unb ungebrochen — 139 — weiter, sondern stets folgen auf Zeiten des Fortschritts solche des Stillstandes oder des Rückschrittes. Auch das deutsche Bolk kann in seiner Geschichte das mit mancherlei Beispielen belegen. Wie folgten auch da auf Zeiten nationaler Begeisterung und religiöser Erhebung trostlose Perioden! Man denke nur an die Jahre einer kraftvollen, nationalen Betätigung von 1813—15: von 1870/71 und an die kleinen Zeiten, die daraus folgten. Und wie war es nach den Frühlingstagen der deutschen Reformation von 1517—1530 etwa? Auf Luther und seine große, gewaltige Zeit folgt der 30jährige Krieg und bringt mit dem wirtschaftlichen Ruin für Deutschland einen unsäglicher: Niedergang auch in geistiger und sittlicher Beziehung. Die hoffnungsvolle Saat der Reformation wird zerstört durch die sogen. Gegenreformation. Als typisches Beispiel dafür mag die Entwicklung in der Kurpfalz dienen. Die Kurpfalz ist ein Staatengebilde, das als solches heute nicht mehr besteht, sondern in den Tagen der französischen Revolution untergcgangen ist. Sie war eines der schönsten Länder Deutschlands zu beiden Ufern des Rheins, ihre Residenz das herrliche Heidelberg. Jin Osten reichte sie bis zum Schwarzwald und Odenwald, auf dem linken Rheinufer umfaßte sie den größten Teil des heutigen Rheinhessen und Rheinbayern, auch Kreuznach gehörte dazu. Kornfelder und Weinberge, Industrie, Schiffahrt und Handel kennzeichnen die Pfalz, die als Grenzgebiet lange Zeit der Schauplatz erbitterter Kümpfe im 30jährigen Kriege war. Die Bewohner der Pfalz sind noch heute, wie in jenen Zeiten, redselig und offenherzig, wenn auch nur beschränkt von ihnen gelten kann, daß sie leichtfertig oder gottlos seien. Nicht mit Unrecht trug das Land von seinen Bewohnern her die Bezeichnung die „fröhliche Pfalz". Das so oft als leichtsinnig gescholtene Volk ist in Wirklichkeit sehr empfänglich für religiöses Leben. Das zeigt schon die Zeit der Reformation. Diese ging recht eigentlich vom Volke aus, während der Kurfürst erst nachfolgte. Als in Heidelberg 1545 eine Messe celebriert werden sollte, da stimmte die Volksmenge plötzlich das damals viel gesungene Lied au: „Es ist das Heil uns kommen her," und 6 Wochen vor Luthers Tod konnte der erste evangelische Gottesdienst gehalten werden, nachdem Melanchthon als Pfälzer sein Gutachten abgegeben hatte. Eifrig wurden nun Kirchen und Schulen gegründet. — Bald aber wurde die fröhliche Pfalz der Schauplatz heftiger Kämpfe, nachdem sie unter Kurfürst Friedrich III. vom lutherischen zum kalvinistischen Glauben übergeführt worden war. Jedenfalls war sie damals zu mindestens s/io evangelisch. Noch schlimmer aber wurden die Verhältnisse in der Pfalz üi den Zeiten der Gegenreformation, die mit Hilfe der katholischen Fürsten, der Jesuiten und anderer Mönchsorden durchgeführt wurden. Im Jahre 168 > starb der letzte Kurfürst der reformierten simmerifcher Linie, und nach dem Gesetz kam nunmehr die katholische Neuburger Linie auf den Thron mit Philipp Wilhelm. Fair schwere Komplikationen sorgte von Westen her Ludwig XIV., der Ansprüche auf die Erbschaft erhob aus dem durchaus nichtigen Grunde, daß sein Bruder, der Herzog von Orleans, mit der pfälzischen Prinzessin Elisabeth Charlotte vermählt war, einer deutschen Prachtnatur, bekannt unter dem abgekürzte:: Namen Liselotte, die als Opfer der Politik ganz besonders unsere Teilnahme und Sympathie | beanipruchen kann. Obgleich Ludwig XIV. also keinerlei Rechtsauspruch hatte, schritt er 1688 zum Kriege. Der deutyhe Kaiser, der gerade mit den Türken im Kampfe lag, konnte die Ausführung von Ludwigs Befehl „de bruler le Palatinal", d. h. die^Psalz zu verbrennen und zu verwüsten, wn-r Ö I war, erfolgte die zweite Zerstörung von Heidelberg 1692. Die damals geschlagene Denkmünze trägt die Prägung: rex diz.it et factum est, d. h. der König wollte es, und so geschah es. Endlich fand der Krieg seinen Abschluß in dem i Frieden von Ryswyk 1697. Auf Drängen von England und Holland sollte darin auch die evangelische Kirche der Kurpfalz wieder zu ihrem Rechte kommen und ihre Verhältnisse so wieder hergestellt werden, tvie sie vor dem Krieg gewesen waren. Doch wurden diese Hoffnungen jäh wieder vernichtet. In der letzten Nacht vor Ratifikation der Bestimmungen wurde die berüchtigte sogen. Ryswyker Klausel in den Vertrag eingeschmuggelt, wonach bei der katholischen Kirche in der Pfalz alles in dem Zustande bleiben sollte, in welchem es im Augenblicke sei. Vergeblich suchten Holland und die pfälzischen Diplomaten gegen die jesuitische Klausel ihren Standpunkt durchzusetzen. Die Folge derselben war natürlich die, daß nach dem Friedensschlüsse in der Pfalz der kirchliche Terrorismus seinen Anfang nahm. (1697—1705.) An 39 Orten wurden Evangelischer: die Kirchen ganz abgenommen, an über 100 Orten wurden aus ihnen mit Gewalt Simultankirchen gemacht, obgleich die Evangelischen über 2/3 der Bewohner bildeten. In Weinheim z. B. zwang man diese, bei der Frohnleichnamsprozession zu knien und Maibäume zu stellen. Widerstrebende hatten Gefängnisstrafen zu erwarten. Die Kinder aus Mischehen wrrrden durch Drohungen und Gewaltmaßregeln gezwungen, katholisch zu werden. Diese Dinge sind noch heute nicht aus dem Gedächtnis der Rheinhessen geschwunden, und das Kreuz, das Symbol des Christentums, weckt dort stets traurige, trübe Erinnerungen: Denn in jenen schweren Zeiten kamen die kreuztragenden Mönche unter militärischer Bedeckicng, um die evangelischen Kirchen in Besitz zu nehmen. Und doch ist kein einziges Beispiel bekannt geworden, daß ein erwachsener Evangelischer seinen Glauben aufgegeben hätte. Man hoffte stets auf kommende bessere Zeiten. Von anderen evangelischen Herrscher:: wurde m:f den Kurfürsten eingewirkt, besonders von preußischer Seite ihm angedroht, daß man den Katholiken Repressalien auflegen werde. Im Jahre 1705 erschien dann die sog. Religionsdeklaration, wonach 7? der Kirchen und des Kirchengutes den Katholiken, s/? den Evangelischen zugesprochen wurden. Damit war ein wesentlicher Fortschritt errungen, gegen früher allerdings immer noch ein gewaltiger Rückschritt. Und noch lange Zeit, ein Jahrhundert laug, dauerten die Bedrückungen an. Ein neuer Streit entbrannte 1714 um die 80. Frage des Heidelberger Katholis- mus, it: welchem die Messe als „vermaledeite Abgötterei" bezeichnet wurde. Der Kurfürst Karl Philipp wollte deshalb den Katechismus gänzlich vernichten und übergab außerdem die Heiliggeistkirche in Heidelberg ganz den Katholiken. Erst als Preußen und Hessen an fingen, nun gegen die Katholiken in ihren Ländern schärfer vorzugehe::, mußte sich der Kurfürst fügen. Um Heidelberg zu vernichten, siedelte er nach Mannheim über. — In anderer Weise suchte der letzte Dirfürst Karl Theodor (1742—1799) als Jesuitenzögling die katholische Religion zu fördern. Er stellte nach Möglichkeit nun noch katholische Beamte an, so daß 1790 unter allen Verwaltungsbeamten nur noch sechs Evangelische waren, in Heidelberg neben 44 katholischen Professoren nur 5 evangelische Dozenten, von denen jene 10000, diese aber nur 2000 Gulden Gehalt bekamen. Sämtliche Schulthciße waren katholisch, auch in ganz und gar evangelischen Orlen. Auch das evangelische Kirchenvermögen wurde geradezu verschleudert durch ganz unmotivierte Ver- mehrrlng der Behörden. In die evangelischen Pfarrstellen kanren aus Prinzip nur üble Subjekte. So vereinsamte das blühende Land immer mehr, die fröhliche Pfalz war tief traurig geworden. Der Name „Pfälzer" wurde gleichbedeutend mit „Auswanderer", und sang- und klanglos ist schließlich die Pfalz untergegangen. 1792 kam die französische Revolutions-Armee unter Custine über Speyer, Worms und Mainz, ohne daß ein deutsches Heer ihr die Spitze bot. Bis 1799 bestand die Pfalz zum Schein — 14.0 — ■ Wti. Redaktion: K. Neurath. -^.Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fcheu Universitäts-Buch- und Sleindruckerci, R. Lange, Greben. Kritiker Stellung geuommeu haben. Manch treffende Bemerkung kann man da hören, tote oft trennt sich Roh und Reiter zur Heiterkeit der Zuschauer. Jedoch auch auf Herz und Gemüt inuß das Rodeln wirken; denn vor mir teht eine süße Maid und sumnit so vor sich hin, wie schön )och das Rodeln 511 Zweien wäre. Da sie allein war, bot ich mich als Zweiter an. Der Blick, den sie nrir zitivarf, ist nicht zu beschreiben, und das, ivas sie seht zwischen den Lippen summte, war sicherlich alles, nur keine Schmeichelei für mich. Jedoch der Strafe sollte iroch nicht genug sein. Noch garrz geknickt von meiner Niederlage, merke ich nicht das Unglück, das mir drohte. Ein Junge benutzt nämlich beim unfreiwilligen Sprunge von fernem Schlitten meine Beine als Haltepunkt. Jedoch auch ich komnre mit zu Falle uiib liege in ganzer Körpergröße zu Boden, der mehr seuchteift Lehm als Schnee aufzuweisen hat. Nun bin ich zwar ein großer Freund des Ackerbaues, jedoch der große gelbe Flecken auf der ganzen Rückseite meines schwarzen Ueberziehers, trug gerade nicht zur Verschönerung meines Aeußereit bei und zwangen uns die Rodelbahn zu verlassen, lind im Cafe bei Mohrenköpfen und Schillerlocken uns von den Vorfällen zu erholen. Voit jetzt an ging es auch ganz leidlich. Es kam eigentlich gar nichts vor; nur daß, nebenbei erwähnt, meine Kleine ein Glas Wasser un!schüttete und meine sechsjährige sich eine Tasse Kaffee über die neue weiße, von Großmutter gestickte Jacke goß. Das sind so kleine Vorfälle, die man nicht rechnet. Glücklich langten wir nm 6 llhr wieder zu Hanse an, froh, in den heimatlichen Räumen zu fein. Die Kinder mußten fick bald, wahrscheinlich einer kleinen Magenver- stnmnung wegen, zur Ruhe begeben; miet) bei meiner Frau machte sieh das Fehlen des Schlittens beim unfreiwilligen Rodeln bemerkbar. Mit den Worten: „An den Tag denke ieh noch lange", zog sie sich zurück. Ich aber hielt bei einer guten Zigarre noch einen Rückblick'über den Tag und kam, da ick, Optimist bin, zu dem Schluß: Loch im Hute, Flecken im Ueberzieher, Kaffee auf der Jacke, Unfall der Frau, sonstige Ausgaben! ,„ . „Es war doch im ganzen em schöner Tag geioejen. • noch weiter, die Franzosen Umreit fast freudig ausgenommen tvorden. Das ist wohl verständlich, denn sie erschienen diesmal als Retter in der Not. — Aber haben diese trüben Bilder deutscher Geschichte noch praktisches Interesse für uns? Wohl! So lange in der deutschen katholischen Kirche noch Fremde regieren, so lange wir noch als Missionsgebiet gelten, so lange ist die Gefahr noch da, so lange hat der evangelische Bund noch zu wanum und zu mahnen. Erster und letzter Besuch auf der Rodelbahn. Gemütlich sahen iuir um den Abendtisch : der Ofen verbreitete eine behagliche Wärme im ganzen Zimmer; die Zeitungen wurden von der ganzen Famrlie gelesen -- sie besteht nämlich aus Gattin, drei Kindern uud niemer Persönlichkeit —, da wurde die Stille durch die Stimme meuter Nettesten unterbrochen, die folgende Zeitungsnotiz vorlav: Johannisberg. Wiedereröffnung der Rodelbahn. Unr-- son-o ertönte es aus Kindermunde: „Da gehen wir morgen hin " Ich versteckte mich hinter nteine Zeitung, als ob ich nichts gehört hätte. Die Gattin scheint jedoch den M durchschaut zu haben und geht gleich aufs Ziel lov. Das Borschützen von Besuch einer notwendigen Bersamntlimg mn nächsten Tage zieht nicht, drei Sonntage rst sie nicht fortgekommen, sie besteht auf ihrem Recht. Also nolens Polens, der Ausflug ist beschlossene Sache. Am anderil Morgen zu früher Stunde schon lebhafte,- Getümmel in der Kinderstube. Im Halbschlaf höre ich unseren Dicken schon rufen: „Bahn frei", dazwischen die beruhigende Stimule der Mutter. Da auf einmal em jämmerliches Geschrei der beide» Aelteren. Der Kleine war ru seinem Feuereifer für die heilge Sache seinen Geschivistertt ms edle Angesicht gerodelt. Erster, kräftiger Abzug von feiten der Mutter. Für eine Weile herrscht süßer Friede; auch der Streit über den Vorrang beim Anziehen wird unparteiisch zu aller Zuftiedenheit entschieden. Wie aus dem Ei geperlt kommen nach einiger Zeit die drei Kinder zum Vorschein; der jüngste in einem grauen Sportanzuge, heute zum dritten Male ihn tragend. „Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell". Kräftiges Schreien von Kinderstimmen aus der Küche her, unterbrochen durch Klagen der Mama. Entsetzt eile ich hin. Eine Treppe, die zur Küche hinab- . führt, ersetzte dem Kleinen die Rodelbahn; unglücklicherweise rodelte er in seinem neuen Gewand in einen gefüllten Putzeimer hinein. Erneuter zweiter und etlvas kräftigerer Abzug, Anziehen der zweiten Garnitur war die Folge. Sonst passierte bis zuin Abgang des Zuges 2.12 Uhr nach- mittags nichts. Nur soll man etwas auf Vorahnungen geben; hätte ich sie beobachtet, wäre verschiedenes nicht vorgekonnnen. Eine meiner Stimmen riet mir, den älteren, grünen Hut aufzusetzen, meine Frau dagegen war für den besten. Mit dem nun von ihr zum Weihnachtsfeste geschenkten steifen Hut —■ den ich mir natürlich selbst bezahlen durfte — bin ich int Begriffe, in den Zug einzusteigen, als ein kräftiger Stoß von hinten die Kopfbedeckung die Fallgesetze studieren läßt. Zugleich bittet in süßen Worten eine junge Schöne, den ominösen Rodelschlitten aus dem Rücken, um Verzeihung, so daß ich ihr gar nicht böse fein konnte. Im Abteil erst merkte ich, daß der Hut dienstuntauglich geworden ist, indem die Rodel mit einem scharfen Schnitte sich darin verewigt hatte. Unser Dicker fand zunächst die Worte des Trostes: „Papa, laß doch; es gibt ja noch viele andere." Dagegen war nichts eiuzuwendeii. Dem Ziele unserer Wanderungen gelangten wir immer näher. Bor uns die schöne Freitreppe, die nach den Sprudeln und dem Parke führt. Schon wollte ich als vorsichtiger Familienvater die Kinder warnen, auf den Stufen langsam zu gehen, als ein leichter Aufschrei meiner Frau, die nebenbei "bemerkt über ein beträchtliches Körpergewicht verfügt, mich darauf aufmerksam macht, wie man auch ohne Schlitten sogar Treppen herunter rodeln kann. Froh, daß alles so ohne ernstlichen Schaden abgegangen ist und ivir wegen unbefugten Rodelns an verbotenen Stellen nicht aufgeschrieben worden sind, gelangen wir endlich an die Rodelbahn. Hier ist lebhafter' Betrieb. Vom Aussichtsturm durch den Wald der alten Chaussee entlang führt die Bahn bis zu dein berühmten Brett, an dem links und rechts die » . „ ______________ Auslösung in nächster Nummer. Auslösung des Rätsels in voriger Nummer: Pinsel, Insel. humoristisches. * Boshaft. „Denke dir, Berta, die Olga hat behauptet, mein Bräutigam habe gar nichts Militärisches an sich! „Die ist blind! Er hat doch Säbelbeine!" _ . . * Druckfehler. Beamtentochter, fünfundzwanzig Jame all, mit kleiner Mitgift, hässlich, gut erzogen, wünscht sich zu verheiraten. Gcfl. Oss. sub „Hymen" bef. die Exped * Ueberraschung. Gast: „A propos, Herr Wirt, ich werde jetzt mit meinem Freunde eine Partie Billard nm die Zeche spielen; wenn ich etwa verlieren sollte, bezahle ich morgen. — Wirt: „Hm, dasselbe hat mir aber Ihr Freund auch gesagt. * Abkühlnng. Sonntagsreiter (renommierend): „Was meinen Sie nwhl, meine Isabella nimmt mit Leichtigkeit die. weitesten Gräben." — Bekannter: „Sie auch?" * Im Zweifel. Schwiegervater m spe: „Mit 20009 M.- Schulden wagen Sie cs, nm die Hand meiner Tochter anzu- halten?" — Bewerber: „Sie wünschen noch mehr?" .. * Abgekühlt. „Ach, Fräulein, für Sic könnte uh du größte Dummheit begehen!" — „So, so, und ich habe mir eingebildet, ich könnte Sie zn großen Taten begeistern! . * Feiner Geschma ck. Köchin: „Nein, was mein Jranzt für einen feinen Geschmack hat! Als ich diesen Abend das Essen probierte und ihm nachher einen Kuß gab, da sagte er gteiiy, „In der Sauce ist zuviel Paprika!" Bilderrätsel.