Samstag den 2. Januar S ■hmüttk i^AKZ IMIH UMW! Maria Hendrina von Goch. Novelle von Luise Schulze-Brück. (Nachdruck verboten.) I. Ter Rhein ging mit Treibeis. Es waren noch keine schweren Schollen. Sie sahen aus. als seien sie von dem Eisrande abgc- bröckelt, der sich breit am Ufer hinzog, glasgrün, mit etwas Schnee bedeckt. Auch oer Muß war grasgrün, er strömte stark, mit kleinen weißen Schaumköysen auf den Wellen, zwischen denen sich die Eisschollen rasch vorwärts drängten. Wenn sie zusammen- stießen, gab es ein Knistern und Knattern, nicht stark, aber durchdringend. Dee Himmel hing schwer, grau und niedrig über den beschneiten Bergen, das Braun der Felsen und der weiße Scynee ftndpmt scharf ab gegen den „rüttelt Flust. Es war wunderlich still auf dein Rhein. Seit dem Tage vor Weihnachten hatten die meisten Schiffe ihre Fahrten eingestellt und den schützenden Hafen aufgesucht. Ohnehin fuhren sie sa nicht Wer die Feiertage, sie hielten Rast ergendwo, geschmückt mit einem weihnachtlichen Tannenüanm, der hoch aus dem Maste steckte oder vorn am Schiffsschnabel, mit allerhand buntem Kram behängt, mit Fähnchen und Bändern verziert. Nun, nach den Feiertagen, schien es, als ob der Rhein wirklich „zugehen" wollte. Das Treibeis hatte sich schon einmal an der Lorelei gestellt, an fener schmälsten Stelle, wo im Sommer die fretnden Reisenden auf den Personenschiffen sich zusammendrängen, den berühtnten Fels unstarren und auf das ebenso berührte Echo warten, das ein Böllerschuß aufweckt. In den Dörfern am User schlenderten die „Schifsischen" am Wasser auf und ab. Sie „dischkerierten", ob und wann das Eis sich stellen werde, wann der Rhein zum letztenmal zugegangen sei, und wie lange eS damals gedauert habe. Und die Kinder rannten voller Freude herum, weil man nun bald auf dem Eise ans andere Ufer konnte und es Eisbahn gab. „M," sagte ein Schäffer in weiten Lederhoscn, mit einem wie braun gegerbten Gesicht, indem er die kurze Pfeife in den anderen Mundwinkel schob, und es fertig brachte, dazwischen auszuspucken, „nä, er geht noch nit zu! Der letzt' Gutsahr is Noch net vorbei!" Tic Männer, die zusammenstanden, lachten. Es war eine ausgemachte Sache, daß es immer „ein Gutjahr", ein Dampfer der Reederei Louis Gutjahr in Mannheim sein nutzte, der noch 0u allerletzt, knapp, ehe sich das Eis stellte und schloß, mit seinen Anhängeschiffen den Rhein hinauf schleppte, wie er auch Jyifön- der erste war, der stolz hinunterfuhr, fast mit den letzten Eisschiollen, die abtrieben, wenn der Eisgang vorbei war. „M," wiederholte er, „er geht noch nit zu." Aber einer von den anderen hob langsam die Hand und Deutete stromab. Hinter der Biegung, die der Rhein da machte, stieg schwarzer Rauch auf, eine Säule, die sich vorwärts bewegte. — „Dä Gutjahr." Da kam er herauf. Schnaubend und keuchend. Der große Dampfer schien wie ein lebendes Riesenwesen, das schwer arbeitend stromauf kämpfte, Zoll für Zoll sich vorwärts bringend. EL hatte vier gewaltige Kähne im „Anhang", die er noch vor dem Eise stromauf brachte, lind da er der einzige war auf dem verlassenen Strom und sich doppelt scharf abhob gegen die schneebedeckten Berge, sah es majestätisch und gewaltig aus, als er so langsam Hinanffuhr. Die Eisschollen brachen sich mit Knacken und Knistern an den Schiskswänden, das Wasser wühlte sich gewaltig auf, schwere Wellen rollten an den Sirand und warfen Eisstücke hinauf, den Männern am Ufer zwischen die Füße. Sie standen und fthauicit, unbeivußt ergriffe» twu dem Anblick. Langsam schob sich der lauge Schiffszng aufwärts. Die An- Hängeschiffe nmen von der größten Sorte, gewaltige Kerle, schmuck gehalten, mit lebhaftem Anstrich. - - „Maria Hendrina von Goch", das leuchtete mit großen Goldbuchstaben vom Rand des größten und schmucksten, und darunter der Name der Eigentümer: (Gebrüder ton Endert. Die große Kajüte war bleno.nd weiß gestrichen, die vier Fenster blitzten spiegelblank, man konnte säst das Muster der gehäkelten weißen Vorhänge erkennen, allerhand Kupferknöpse blinkten, und das Wasserfaß stand grasgrün auf einem grellweißen Ständer vor der Kvjütentur. „Donnerwetter! Der Enoert hat feine W-.iüslrnt gar bei sich," sagte der, der eben den „Gutjahr" gesehen hatte. Die airderen schauten neugierig hinüber. Bor der Kajütentür! stand eine Fran oder ein Mädchen. Groß und voll, starkes, blondes Haar war am Hinterkopj zu einem dicken Knoten zusammengenestelt, — bis zu den Männern am Ufer konnte mack erkennen, daß sie rot und weiß war mit blendenden Farben. Der mit der Pfeife spuckte anerkennend aus. „Die Hendrina i Wie nor der schrooe Kerl zu so cre schöne Dochirr fimmt!" „Sie gleicht seiner Fraa( Die war's schönste Mädche in Meenz (Mainz). Nor not so stramm war die! Dünner, spierzigcr!, Geld hot se aach gehott! Un net zu wenig. Wenn die Hendrina entöl heirat', dann muß der Alte erausrücke mit ihr'm Mutterdeil." „Das wird'm hart ankomme." Die „Maria Hendrina" war vorüber. Neben dem MädcheN stand jetzt ein junger Mensch. „Der Beert! No, der kamt sich freue. Ae Fahrt mit LV rite BäAche!" „Wiffe möchi' ich awwer doch, warum der Endert die He»- drtna mitnimmt uss'n Winderdag. Er hüt ft doch fonscht wie ä vcrgrawene Schatz. Er sperrt se doch in mit der aide Bas' und läßt se net enaus." „Der weeß schun, was er but! Slo e Fuchs, so e Nennmalschlauer. Die Niederrheiner, die hawwe's jo all in sich! Awwer dä Endert, dä is ärger wie siwwe mal siwwe von denne!" — „Se Beert is,alach ä staatftr Kerl. Daß dem's Herz net bubbert, wann er mit so'me Mädche zcfamme is." „Weeß merfch bann?" Sie stießen sich mit den Ellenbogen in die Seite und lachten. „Die könnt's nach noch alde Kerle wie uns unner der West warm mache, gell!" „Ach nhttt, so e Bstsche! Des iS ja' Lall wie e Schwester!" „Rv, «o! Des is doch e yääne Nnr-erschlchAe Bos' Ium «ter tzeirvdde!- „Dir Beert iS ä rechter SioMck." Der SchisfsMg war vorüber. Er bog schon wredfv um bte «ochste Krümmnng des Stromes. „Nu kamt der Rhein Mgehe." . . Sie standen noch eine Weile. Die Schotten wurden, dichter im Strom, drrr Himmel Urte sich langsam auf, und es schien Klier zu werbe». „Wenn's bloe Himmel werd',. do gibt s noch arge exrost-' „Am Neijahrschdag is er zu." Dann gingen sie heim. II. Der Gutjahr-Dcmtpfer hatte doch seine „UnhSuger" nicht mehr diä Mannheim geschleppt. Zu schnell toar der Frost gekommen. Darum hatte er sie bei B Ingen „abgeworfen", und nun lagen sie dort im Winterhafen mit manchen anderen zusammen, die hierher geflüchtet waren. • . Kleine und große .Kühne, alle mit Wohnkajüten, aus deren Schornsteinen luftig der Rauch in die. kalte Lust auswirbelte. Es ging ganz fidel zu, im Würterh,rsen. Lange dauerte es ja Nicht, das Mißt man aus Erfahrung. Zehn, vierzehn Tage. So lange hielt man's schon aus. Die kleinen EiseNöfen in den Kajüten waren voll Feuerung gestopft, sie glühten rpt und. machten die molligen Stübchen »och- Würmer. Die Frauen machten, sich Besuche, sie liefen geschickt auf bett schmalen Gangbrettern, die von SMff zu Schiff uub ans Land gelegt waren. In den Kajüten wars blink und blank, die Schrankbetten mit dem schönsten Zeug belegt, die Leintücher und Kiffen mit den breiten Spitzen besetzt, die die Frauen in ihren Mußestunden häkelten. An den kleinen Fenstern zwischen den blendendweißen Gardinchen standen Porzellantöpfe mit blühenden Blumen, und auf dem Ofen brotzelten Bratapfel. Abends erhellten sich alle Fenster, tzarmoiMklcmg drang heraus und lautes Lachen, bis es später dunkel wurde und nur hier und da ein Lämpchen brannte, das dem Schiffer leuchten sollte, tveuir er heimkam aus bett Binger Wirtshäusern. Da mußte sich freilich mancher zusammenraffen, wenn er ungefährdet i über das schmale Gangbord kommen wollte. Dem» der Binger i Wein ist schwer und feurig und süffig zugleich, ein gefährlicher I Gesell. In der Kajüte der „Maria Hendrina von Gock/' war es gut sein. Sie war extra groß und besonders fein, Die Holzvertäfelung glänzte schön gebohut, und die Bank, die an beiden Seiten entlang lief, tvar glänzend blank. Aus dem kleinen Borraum, der zur Küche eingerichtet war, blinkte das gescheuerte Kupfergeschirr, die Messingstange des kleinen Kochherdes und allerlei Knäufe und Stangenwerk. Auch in der Kajüte selbst tvar' überall Messing angebracht. DaS war des alten van Endert Stolz, er rieb es gern selber blank. In der Hinterwand war das Schrank- hett hoch aufgeüettet, die Einsätze der Kissen und Bezüge waren rot unterlegt und zierlich mit roten Bündchen gebündelt. Eine winzige Meine Luke ging nach außen. Sie war von innen mit einem Holzladen geschlossen, aber wenn die schöne Hendrina van Endert sich am Morgen in ihrem Bette dehnte, dann könnte sie den.Laden öffnen und hinausschiuen über den weiten Rhein, der jetzt gefesselt lag unter dem Eis. Sie hatte es gut, die Hendrina van Endert. tat die anderen Frauen stütz auf warett, Kaffee kochten, wuschen und scheuerten, lag sie im Halbschlaf. Draußen hörte sie ihren Vater in der Küche hantieren, die Kaffeemühle knarrte, und das Wasser zischte im Kessel. Sie hörte auch ihren Vetter. Beert, wie er mit beit Tassen leise klirrte, und Metthes, den Schisfsknecht, der mit Bürste und Scheuerlappen hantierte. Und dann kam ihr Vater Hera», klopfte an die Tür des Bettverschlags und brachte ihr eine Tasse süßen, starken Kaffee und frisches, fast noch warmes Gebäck, das der Matthes in Bingen geholt hatte. Und sie trank und aß, und das Gebäck knusperte unter ihren weiße» Zähnen, und ihr blonder Zopf ringelte »eben ihr auf dem Bette wie eine Schlange. Tann schlief sie noch ein wenig em. Wenn sie auswachte, war es stell in der Kajüte nebenan. Sie schlüpfte hinüber; die deinen Vorhänge waren herabgelassen, alles für sie bereitgo» stellt. Sie zog sich daun taut, langsam und gemächlich. Es war eine schwere Arbeit, ihr Haar zu kämmen,.und; sic murrte jedesmal dabei. Denn in Goch, wo sie wohnte», besorgte das die alte Base, die ihnen den Haushalt führte, und es war ärgerlich, daß sie es hier allein tun mußte. Und an die Tür Mopste ihr Vater ganz leise und fragte, ob sie noch, nicht fertig sei. Sie räumte kamt auf und bettete das Schraukbett auf. Damit war ihr Tagewerk getan, und sie wurde wie in Goch am Fenster gesessen und etwas gearbeitet und viel Hinausgeschaut haben. Aber in Goch war das langweilig, weil sie alles kannte, und hier gab cö so viel Neues zu sehen. Sie ging gern mit ihrem Vater oder Beert hinunter nach Bingen, wo es iM Tag für Tag wimmelte von Menschen, die die Vorgänge auf dem Eise beobachten wollten. Zwei Tage war jetzt das Treibeis in kompakter Masse vorüber getrieben. Die Schollen waren riesengroß geworden, sie schoben sich auf- und übereinander, und das Wasser zwischen ihnen war wie eine breiige Masse von kleinen Eksbrocken. Dreimal schon! hatte, sich das. Eis au der Loreley gestellt, dreimal war es wieder dnrchgebrocken. _ ... ’ Nun wartete man darauf, daß es sich endlich feWellte. Mert van Endert war mit seinem Onkel an Land gegangen'. Sie gingen den Hasenweg stromab nach Bingen. Der alte »aitz Endert hatte eine dickflanschige Joppe angetan und eine Kapps mit Ohrlappen ausgesetzt, aus der sei» rotes Gesicht mit dem! ausrasierten. Mund und Kinn und dem grauen Holländerbart, der es wie ein struppiger Kranz umWg, listig hervovlngte. Sein Nesse ging neben ihm. Er überragte ihn fast um Kopfeslänge. Auch kein Zug. in seinem Gesicht zeigte eine Aehnlichkeit mit seines Vaters Bruder. Ci: tvar ein bildschöner Mensch, einer von denen, stach dem sich die Frauen aus der Gafse umsetzen, und der den Mädchen Herzklopfen macht. Aber seine braunen Augen - blickten ordentlich tiefsinnig, und er tat kaum den Mund ! auf. Der alte van Endert sah ihn ein paarmal Prüfend von der Seist an. Einmal setzte er zum Reden an, doch er Hielt wieder inne. Es war sehr still auf dem Hafenweg, der Schnee knirrschtö unter de.» Füßen, und die kalte Mutersonne glitzerte darin wie Milliarden Diamanten. Im Hafen tvar das Eis schon fest utw die Schiffe gefroren, doch vom offenen Rhein her krachten dis treibenden und sich aneinander zerschellende» Schollen. „Tja-a-a!" Der Alte warf das hi» in bem breiten, singenden Tonfall der „Niederländer", der Rheinländer unterhalb Kölns. Mert uaii Endert warf ihm einen kurzen Blick zu. Dann stapfte er stumm durch den Schnee weiter. (Fortjetzung folgt.) In Sicherheit. Erzählung von Reinhold O r t m a st n. 'Nachdruck verboten. 1. Vor dem Portal des stattlichen BaMeböudes wartete wie immer auch an diesem Frühlingsabend der elegante Landauer, den beinahe jedes Kind der betriebsamen Industriestadt als den Wagen des Bankdireitors Reuhoss kannte. Nach seiner ständigen Gewohnheit war der glückliche Besitzer des vornehmen Gefährts auch heute einer der Letzten, die nach Schluß der Bureaustunden das Gebäude verließen Leicht und elastisch legte der stattliche, blondbürttgs Mann den kurzen Weg bis zum Wagen zurück und ließ sich in die Polster fallen, nachdem er den vorschriftsmäßigen Gruß des Kutschers mit einem freundlichen Kopfnicken erwidert hatte. , Die ehrerbietigen Grüße, die ihm während seiner Henn- fahrt von vielen Vorübergehenden zu teil wurden, legten! I beredtes Zeugnis ab für die Beliebtheit, deren er sich in weiten Kreisen erfreute. Nach zehn Minuten mirschlen die Gummiräder auf dem Kies des wohlgepslegten Gartenweges, welcher zum Portal der int zierlichsten Barockstil gebauten Billa Neuhofs führte. Der Bankdirektor hatte vor zwei Jahren seiner jungen Frau ein prächtiges Geburtstagsgeschenk mit diesem Hause, gemacht. Aber sie hatte sich desselben nicht lange erfreuen dürfen, denn schon wenige Monate fpäter war sie kurz nach der Geburt eines toten Kindes gestorben.. Ernst Neuhofs hatte seitdem wiederholt die Absicht ausgesprochen, das Haus! zu veräußern, sobald sich ein zahlungsfähiger Käufer fände. I Es. war In der Tat für ferne persönlichen Bedürsinsfe viel zu geräumig, denn er bewohnte nur vier Zimmer im unteren,' Stockwerk, während die reich ausgestatteten Gemächer im. Obergeschoß seit dem Tode seiner Fran beständig verschlossen blieben. Er hätte den Wagen verlassen und war eben int Begriff, in das Hans zu treten, als ihn zu seiner Neberraschung eine Anrede des Kutschers zurückhielt. „Ich bitte um Verzeihung, .Herr Direktor," sagte der Mann, auf dessen glattrasiertem Gesicht sich deutlich dis Befangenheit spiegelte, „aber wenn ich ausgespaunt habe, möchte ich den Herrn Direktor gehorsamst um ein paar Minuten Gehör gebeten haben." - Sie wisten, daß ich für meine Leute immer- -U sprechen bin, Rennert," lautete die freundliche (gntgegnuny. „Kommen Sie nur getrost in mein Arbeitszimmer, wenn Sie etwas -auf dem Herzen haben." Rach Verlauf von kaum einer Piertetstunbe stand der Kutscher, ein ebenso blonder und stattlicher Mann wie fein Herr, mit allen Anzeichen der Befangenheit immtien des luxuriös ansgestattete« Gemaches, in welchem Neuhofs vor seinem'mächtigen, mit Briefschaften und Papieren üverpftett Schreibtische saß. „Nun, mein Lieber, womit kann ich Ihnen helfen?" Rennert würgte ein bißchen; dann platzte er heraus: „Ach, Herr Direktor, ich bin etn unglücklicher Mensch." „Unglücklich? Weshalb?" „Weil ich von hier weg muß, wo ich es doch so gut habe. Aber es geht nicht anders, ich könnte die Schande nicht überleben, und Sie müßten sich ja doch nach einem anderen Kutscher umsehen — so oder so." „Ich verstehe Sie nicht. Was für eine Schande' ist es denn, von der eie reden?" „Ich bin ein bestrafter Mensch, Herr Direktor — das heißt ich habe meine Strafe noch nicht einmal verbüßt. Ich werde sie auch nicht verbüßen. Ehe. ich. ins Gefängnis gehe — lieber gleich ins Wasser." „Na, na, so reden Sie doch mal vernünftig und in ordentlichem Zusammenhänge. Welche Bewandtnis hat es mit Ihrer Bestrafung, und tvarum haben Sie mir das bisher verschwiegen?" „Weil ich mich so schämte und weil ich auch immer noch im stillen hoffte, die Herren vom Gericht wurden es vielleicht vergessen. Es war doch ganz oben in Ostpreußen, wo ich verurteilt wurde, und es ist auch schon sieben Monate her." „Bei Behörden Pflegt dergleichen, nicht vergessen zÜ Werben, mein Lieber. Weshalb wurden Sie denn verurteilt? Sie haben doch nicht gestohlen?" Der Kutscher errötete bis über die Stirn hinauf. „Rein, Herr Direktor, so was werden Sie mir hoffentlich nicht zutrauen. Es war wegen Körperverletzung. Aber wenn ich auch sechs Monate dafür gekriegt habe, so brauchen Sie mich darum noch nicht für einen Totschläger zu halten. Ich war damals im Dienst bei einem Gutsbesitzer, und der Streit kam Wegen der Kammerjungfer von der gnädigen ?finit. Sie war so gut wie meine Braut, und kein Mensch ounte es mir Übelnehmen, daß ich wild wurde, weil ich hinter die Geschichte mit dem Zierbengel, dem Wirtschafts- eleveu, kam. Aber ich wollte ihm nicht ans Leben — ganz 6>'wiß nicht, Herr Direktor. Bloß einen kleinen Denkzettel sollte er haben, und ich hatte mein Lebtag noch nichts davon gehört, daß ein Peitschenstiel ein gefährliches Werkzeug ist, wie die Herren vom Gericht nachher bei der Verhandlung sagten. Ra, kurzum, ich wurde wegen Körperverletzung angeklagt und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt." „Wie ging es zu, daß Sie die Strafe noch nicht verbüßt haben?" ' „Ich kriegte einen Aufschub, iveil mein damaliger Herr, Der Baron v. Riebenow, sich für mich verwandte. Meine f»e Mutter war nämlich zu jener Zeit todkrank, und sie sollte die Lxyande nicht an mir erleben. Drei Monate nach- her ist sie gestorben." „Wo wurden Sie verurteilt?"- „Vom Landgericht zu Bartenstein, Herr Direktor." „Und nun sind Sie vermutlich anfgefordert worden, Ihre ipchs Monate abznmachen?" Der Kätscher schluckte die aussteigenden Tränen her- purer. „Jawohl. Vorgestern, während ich mit dem Wagen Unterwegs war, hatte sich schon ein Polizist nach mir erkundigt, und heute habe ich das amtliche SchrftMick bekommen. Da ist es." brachte mit zitternder Hand das Blatt aus seiner Brusttasche zum Vorschein und überreichte es dem Bank- „ "die sollen sich also innerhalb einer Woche beim Di- wtior der Strafanstalt in Neustadt zum Antritt Ihrer Strafe melden. Ja, da wird Ihnen wohl nichts anderes ubrrg oleibeu, mein Bester, als sich in das Unvermeidliche zu fügen. L«tis Monate kosten ja auch noch nicht das Leben." Aber Rennert schüttelte mit großer Entschiedenheit 'einen lurzgeschorenen Kopf. „Nein, Herr Direktor, oas Mit nicht. Ins Gefängnis bringt mich kein Mensch." „Wollen Sie sich etwa aus dem Staube machend Verlegen schaute der Gefragte vor sich hin. „Ich dachte, die holländische Grenze ist Doch nicht sehr weit, mtb wenn der Herr Direktor die Güte haben wollten, mir meinen Lohn suszußahlen--" '„Das könnte natürlich geschehen. Ich will Sie auch keineswegs an der Ausführung Ihres Vorhabens hindern, aber, mit den paar Mark werden Sie nicht weit kommen. Haben Sie denn sonst noch Ersparnisse?" „Neunzig Mark, Herr Direktor." „Ra, das ist auch nicht gerade sehr viel. Wenn Sie sich der Verbüßung Ihrer Strafe wirklich dauernd entziehen wollen, so mihft'n Sie übers Meer. Könnten Sie sich dazu entschließen?" „Ich möchte wohl: aber der Herr Direktor sagen ja. selbfft daß ich mit meiner kleinen Barschaft nicht so weit komme." Neuhofs dachte ein wenig nach; dann sagte er mit behutsam gedämpfter Stimme: „Sie tun mir leid, Rennert, und darum will ich Ihnen behilflich fein, obwohl ich mich damit geradezn einer strafbaren Handlung schuldig mache. Sie werben mich ja hoffentlich nicht verraten." Beteuernd legte der andere die Hand anfs Herz. „Ich! zyürde lieber sterben, Herr Direktor." „So werde ich Ihnen also fünfhundert Mark geben, die Sie mir später wiener zurückgeben müssen, denn geschenkt werden Sie sie nicht haben wollen. Damit können Sie ganz gut von einem holländischen Hafen aus im Zwischendeck nach Amerika gelangen. Aber hüten Sie sich, daß man Sie beim Einschifsen nicht erwischt!" Er hatte seiner Brieftasche schon die fünf blauen Scheine entnommen und sie auf den Rand des Schreibtisches gelegt. Der Kutscher aber schien noch gar nicht recht an die Wirklichkeit dessen zu glauben, was er da erlebte. Er zitterte am ganzen Leibe vor freudiger Erregung. „Herr Direktor, wenn ©te das für mich tun wollten! Aber ich kann es ja gar nicht annehmen. Wie soll ich denn das toieder gut machen?" „Sie sollen nichts weitet tun, als reinen Mund halten, wenn man Sie doch verliaften sollte, damit ich nicht zum Dank für meine Gutmütigkeit schließlich noch Ungelegenheiten habe. Und gehen Sie lieber heute als morgen über die Grenze. So lange, bis ich einen Nachfolger für Sie gefunden habe, kann der Friedrich die Pferde schon versorgen." Jetzt mußte Rennert ivohl glauben, daß es Ernst sei, und mit bebenden Fingern raffte er die Scheine an sich. „Wenn ich dann den Herrn Direktor vielleicht auch noch um meine Papiere bitten dürfte —" „Ihre Papiere? Ja, mein Lieber, die habe ich nicht hier bei der Hand, sondern sie liegen in meinem Tresor unten in der Stadt, wo ich alle mir anvertrauten Dokumente ausbewahre. Und außerdem — was sollten Ihnen denn diese Legitimationen nützen? Unter Ihrem mach gen Namen dürfen Sie doch nicht reisen, die Papiere könnten Sie höchstens verraten," „Aber wird man nicht auf dem Schiff irgendeinen Ausweis von mir verlangen?" „Jedenfalls. Doch es Wird Ahnen nicht schwer fallen, sich etwas dergleichen zu verschaffen. I t den Hafenkneipen der Einschiffungsplätze finden sich immer Leute, die für einen kleinen Betrag jedes gewünschte Legitimationspapiev liefern, und die Auswanderungspolizei wird Ihnen keine großen Schwierigkeiten mache«. Sie sind ja kein steckbrieflich Verfolgter." Der Kutscher schaute so glücklich drein, als ob er sich bereits in Sicherheit befände, und er würde, seinem gütigen Dienstherr« in überströmender Dankbarkeit die Hand geküßt haben, Wenn Neuhofs ihn nicht daran gehindert hätte. „Machen Sie doch keine Geschichten, Rennert — es ist schon gut." ' ' ' Rennerts Augen standen voll Tränen, als er endlich nach einigen ungeschickten Abschiedsworten das Arbeitszimmer verließ. Lin paar Minuten nach seiner Entfernung öffnete der Bankdirektor, dessen Miene einen eigentümlich nachdenklichen Ausdruck angenommen hatte, ein verschlossenes Fach seines Schreibtisches und entnahm demselben verschiedene Rechnungspapiere, in die er sich eifrig vertiefte. Während der nächsten Tage legte Neuhofs den Weg zwischen dem Bankgebimde und feiner Billa zu Fuß zurück. 4 Und als ihn der Landauer wieder vor dem Portal erwartete, saß ein anderer Kutscher auf dem Bock. Es war an einem herrlichen Frühlingstage, als mit Blitzesschnelle ein sensationelles Gerücht die J.idustriestadt durchlief. Der Direktor Wernick von der Aktienbank sollte sich in seiner Wohnung erschossen haben, nachdem ungeheure Betrügereien und Unterschlagungen ans Licht gekommen waren, die er im Verein mit seinem jüngeren, aber einflußreicheren Kollegen Neuhofs verübt hatte. Diesem letzteren, der nach einer hinterlassenen Aufzeichnung Wernicks der eigentliche Urheber der schwindelhaften Manipulationen gewesen sei, sollte es gelungen sein, sich rechtzeitig aus dem Staube zu machen. Eine gewaltige Aufregung bemächtigte sich weiter Bevölkerungskreise. Denn viele Hunderte von Einwohnern hatten in engster geschäftlicher Verbindung mit der Aktienbank gestanden und hatten ihr im Vertrauen aus ihre unerschütterliche Solidität ihr Vermögen anvertraut. Die Furcht, daß alles verloren sein könnte, veranlaßte unmittelbar nach dem Bekanntwerden der ersten dunklen Gerüchte einen wahren Ansturm auf das stattliche Gebäude, zu dessen blanken Fenstern bis dahin jeder Vorübergehende mit einer Art vor bewundernder Ehrfurcht emporgeblickt hatte. Es erschien wie eine Bestätigung der allerschlimmsteu Befürchtungen, daß schon die ersten der um ihre Habe zitternden Kunden die Kassenschalter geschlossen gefunden hatten, und es vermochte die Aufregung der immer mehr anwachsen- den Menge nur wenig zu besänftigen, als die Verwaltung der Bank durch Anschlag bekannt machen ließ, daß der Schluß der Schalter lediglich wegen einer plötzlich notwendig gewordenen Revision der Bücher und Bestünde erfolgt sei, und daß den Depotgläubigern vom nächsten Tage an ihre Einlagen zur Verfügung stehen würden. trotz der Zurückhaltung, welche sich die von allen Seiten bestürmten Beamten in ihren Aeußerungen auferlegten, hatte man doch bald herausgebracht, "daß jene wilden Gerüchte in ihrem ganzen Umfange dem wirklichen Sachverhalt entsprachen. Der Direktor Wernick lag mit durchschossener Schläfe in seiner Behausung, und in "einem zurückgelassenen Briefe bezifferte er den Schaden, der durch seine und Neuhofss Betrügereien der Bank erwachsen sei, ans mehrere Millionen Mark. (Fortsetzung folgt.) Vermischte». * Ein eigenartiger Abschiedsgruß findet sich im „Zeitzer Anzeiger". Er lautet: „Bei meinem definitiven Wegzug von Zeitz nach meinem neuen Wirmngskreise Burg b. M. rufe ich allen meinen früheren werten Kunden sowie Freunden usw. ein herzliches Lebewohl, allen sogenannten guten Freunden und Neidern doppelter Front aber ein kräftiges „Rutsche mir den Buckel hinunter" zu. Und den mir besonders unvergeßlich bleibenden Kunden, welche meinen Mahnungen recht schwerfällig gegenüber ftanbeii und im Bezahlen recht schwerfällig veranlagt sind, lasse ich meinen letzten Gruß durch meinen Rechtsanwalt zustellen. Burg b. M. Otto Wohlfahrt und Familie." * Ein Abenteuer Sven Hedins. Im Graphic gibt Sven Hedin eine fesselnde Schilderung eines aufregenden Abenteuers, das er während seiner Forschungsreise durch Tibet auf den Fluten des heiligen Sees erlebt hat. „Ich war etwas spät am Wend mit meinem Boot hinauSgefahren, um im See Messungen vorzunehmen und in meiner Begleitung befand sich nur ein Diener. Die Arbeit interessierte mich sehr, und ich war so vertieft in sie, daß ich erst aufhörte, als das schwindende Licht mich daran erinnerte, daß es Zeit sei, an die Heimkehr zu denken. Kaum hatte ich das Boot auf das Land zu gerichtet, als mit unglaublicher Plötzlichkeit ein furchtbarer Stur m über uns herein- brach; der Wind trieb uns direkt von der Küste ab. Wir konnten nur eines tun, das Boot dem Winde zu überlassen und bald jagten wir vom Sturm getrieben pfeilschnell da- hm, fort über die schaumgekrönten Wogen, ohne zu wissen. wohin das Schicksal uns verschlagen würbe. Die Nacht brach herein. Unsere Lage schien hoffnungslos, und zur Erhöhung meiner Besorgnisse konnte ich beobachten, wie mein Diener vor Angst halbtot und außerstande war, den einfachsten Befehl auszuführen. Schließlich erreichten wir doch das Land, eine gewaltige Woge packte unser Boot und schlenderte nns ans Ufer. Es war sehr flach und beide mußten wir in das eiskalte Wasser springen, um uns mühsam bis an bett Strand hinaufzuarbeiten. Nach großer Arbeit gelang es uns, das Boot ins Trockene zu ziehens wir kehrten es um, verkrochen uns dahinter unb gewänne« so wenigstens einen Schutz gegen die Gewalt des Sturmes, Ein Heines Feuer wurde gemacht, um das wir uns eng zu« sammengedrückt hinhockten, völlig durchnäßt, vor Kälte schauernd und schlaflos, um so die Morgendämmerung zu erwarten". * Lateinische Inschriften. „Resurrecturis", so- steht über der Eingangshalle eines deutschen Friedhofs^ u. z. nicht eines rein katholischen, bei dem es ja dnrch die lateinische Kirchensprache einigermaßen erklärlich wäre; „Hy- giae Sacrum" liest man im Giebel einer deutschen Klints Usui publico patens an der Dresdner Königlichen Bibliothek» Krankenhaus in Landeshut, Deo et Litteris an einem Gymnasium, Juventuti litteris erudturdae an einem anderen, Apollini et Musis an einem Theater, Miseris an einem' Salus intranttbus am Eingänge eines Tales, Providentiae memor auf Bersicherungsschildern, Sub nmbra alarutn tua- rum Protege nos unter dem Reichsadler am neuen Martins- tor zu Freiburg t. B., Nutrimentum Spiritus an der Kgl. Bibliothek zu Berlin. Ist es aber nicht geradezu absonderlich, wenn öffentliche Gebäude, die den breitesten Schichten unseres! Volkes dienen, mit lateinischen Inschriften „geziert" werden, Inschriften, die von der Durchschnittsbevöllerung durchaus nicht verstanden werden? Wieviele der Friedhofsbesucher können jenes Wortungetüm überhaupt entziffern und ohne zu stolpern lesen, geschweige denn übersetzen und verstehen? Und wieviele außer den Studenten und Professoren verstehen die Inschrift an jener Klinck? wieviele das „MiseriS" am Krankenhause usw.? Ist denn die deutsche Sprache so arm, die Gegenwart so unbedeutend, daß man aus alten, längst untergegangenen Sprachen seine Weisheit holen muß. Ist es nötig, daß deutsche Behörden und Baumeister dem guten Deutschen mit lateinischen Brocken aufwarten unb so bent gesunden Deutschgefühl in unerhörter Weise Gewalt antnn? Was mag der Grund, was die Absicht sein? Will man seinen mehr oder minder schwer erworbenen Gelehrtenkram einmal auspacken, um zu zeigen, daß man noch allerlei davon behalten habe? Ja es ist wohl häufig nur die Sucht zu scheinen, nicht aber das ehrliche Streben zu fein, was man scheint, unb anbere Male ist es ein seltsamer alter Zopf. Also hinweg mit aller falschen- Zierde: Lauterkeit unb Reinheit seien der echte Schmuck eines jeden Deutschen! Gibt man aber vor, man wolle sich aus Ehrfurcht vor dem Alten der griechischen unb lateinischen Worte im Urlaut bedienen, so wolle man doch nicht übersehen, daß nach neuerer Forschung dem Assyrischen in dieser Beziehung unbedingt der Vorzug gebührt; dann, iHv Herren, die ihr so gelehrt scheinen wollt, bringt uns, was uns ja mir noch fehlt: die Keilschrift! * Abgewiukt. Bewerber: „Gnädiges Fräulein, darf ich vielleicht mit Ihrer Frau Mama sprechen?" — Fräulein: „Gewiß! Meine Mama ist durchaus nicht abgeneigt — noch einmal zu heiraten." Charade. TaS Ganze ist die zweite nickt, So sehr die erste es auch verwricht, Tie hed) zu prablen sich erdreistet Mitt dem, was die zweite wirklich leistet, hb. Auflötung itt nächster Nummer. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des NeüjahrS-Nätsels tu voriger Nummerr ® l ii ck w u n s ch k a r t e n. NeSaltwn. E. «hnögsfeti, — Lioraiumsdruct «ch Berta» Sr» ivrüdt'jchev llnwrrjuais- Buch- unö Sieiuötudcse«, St Hangt, Gieße»