M9 M. M Montag öen Vovsmber s w. Rheinlandstöchter. Roman von Clara Viebig. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Schwer wie im Traum stieg er wieder die Treppen zu seiner Wohnung hinan. Seine Frau hatte er nicht ge- sprochen seit der gestrigen Morgenscene, mcht einmal Adieu hatte er ihr heute gesagt; eigensinnig hielt sie sich vor ihm verschlossen. Nun kehrte er zurück — tapp, tapp — wie langsam sein Schritt war! Da — ein Schrei! Die Glastür wurde aufgerissen, sie stürzte ihm entgegen, die Stufen hinunter, verweint, aufgelöst. Sie umschlang ihn schluchzend. „Paul, Paul!" Erschrocken zuckte er zusammen — wie laut ihr Schluchzen im Hause widerhallte! „Ruhig!" Er zog sie in den Flur, hinein in die Stube. Wie eine Sinnlose klammerte sie sich an ihn; sie weinte, sie lachte, sie streichelte seinen Rock. „Du bist da, du bist nicht tot! Ach Gott, ach Gott! Ist er verwundet, ist er tot, mußt i)u nun auf Festung? Paul, Paul, bist du noch böse? Sag' doch ein Wort!" „Niemand ist verwundet, wir haben uns ausgesöhnt." „Ach!" Sie sank auf den nächsten Stuhl und schlug die Hände zusammen. Und all die Angst! „Ah!" Sie schöpfte tief Atem. Er stand mit finsterm Gesicht inmitten der Stube, im Mantel, die Mütze noch auf dem Kopf. Jetzt sprang sie wieder zu ihm und legte beide Arme um seinen Hals. „Ist es wirklich wahr, Paul? Wahrhaftig ausgesöhnt?" Er nickte. „O du goldener, einziger Mann!" Stürmische Küsse brannten aus seinen Lippen, seinen Augen, seinen Wangen. „-O du! Haben dich meine Bitten, meine Tränen doch .gerührt; du hast's nicht über's Herz gebracht, uns zu verlassen! Meinetwegen, meinetwegen — nicht wahr, Paul, mir zu Liebe! Du hast dich nicht duelliert mir zur Liebe?!" Ihre verweinten Augen füllten sich rasch auf's neue mit Tränen. „Was habe ich durchgemacht! Sag', Paul, du hast mich am liebsten, meinetwegen hast du dich nicht geschossen? Sag'!" Flehend drängte sie. „Jawohl." Er nickte wieder, gar keine Herzlichkeit war in seinem Ton; es fuhr ihm durch- den Kopf: Komödie, alles Komödie! „Nicht wahr, Paul, meinetwegen? Sag'!" „Hm." „Mir zu Liebe?" „Dir zu Liebe!" Mit einem Jubelruf umschlang sie ihn, sie preßte ihn, daß er fast erstickte. „Mein Paul, mein guter Mann! Ich bin ja auch gar nicht mehr böse. Ach, was war ich außer mir. Und Nelda Daklmer kann sich auch gratulieren; die hatte schöne Angst! Sehen mag ich sie aber nicht mehr — nein, das kann mir kein Mensch zumuten! Aber Paul, zieh' doch den Mantel aus! Die Mütze ab! Du stehst ja, als wärst du fremd hier und nicht zu Haus. Ach, bist du. blaß und kalt — du armer Paul!" Sie rieb seine Finger, sie hauchte darauf und küßte sie verstohlen; sie drückte ihn in den Stuhl am Ofen und setzte sich auf seine Käse, ihren vollen weichen Arm schlang sie um seine Schulter. Ihr Gesicht strahlte. „Meinetwegen! O du guter Mann, ich bin ganz närrisch vor Freude! Was kann ich dir zu Liebe tun? Wart', ich hol' dir deine Morgenschuh, meinen Plaid will ich dir über die Kniee decken! Weißt du, ich werde dir jetzt Kakao kochen. Kinder" — sie riß die Tür zum Nebenzimmer auf — „kommt herein, rasch, rasch, der Papa ist da!" Aufjauchzend kam die Schar angestürzt. Frau Elisabeth trug den jüngsten; sie kniete vor ihrem Mann nieder und hielt ihm das Kind zum Kuß hin. Die anderen klammerten sich rechts und links an den Vater und überschütteten ihn mit Liebkosungen. Auf Frau Elisabeths Wangen erschienen die Grübchen, dabei liefen ihr die Tränen aus den Augen; sie legte den Kopf auf Xylanders Knie. „Paul, wir sind so glücklich!" Der gespannte Ausdruck seiner Züge ließ nach, mit einem wehmütigen Lächeln sah er die Kinder dec Reihe nach an, dann hob er den Kopf seiner Frau auf und strich ihr die Wangen. Ihre Freude rührte ihn doch. Bei Dallmers tm Hause war's, als ob ein Toter darin läge. Frau Rätin ging herum, ewig weinend; es war ein Jammer. Der Rat sah sehr elend und bekümmert aus; er hatte einen langen Brief an seinen Bruder in die Eifel geschrieben und ihm Neldas Kommen demnächst angekündigt. „Sie muß fort," sagte er zu seiner Frau, „und zivar auf lange. Erst wenn sich die Sache etwas verblutet hat, darf sie wieder kommen. Unser armes Kind!" seufzte er, und stützte den Kopf sorgenvoll in die Hand. „Das fehlt noch, daß du sie bedauerst, sie trägt die gerechte Strafe. Ich meine doch, da sind andere Leute mehr zu beklagen. Nein, uns so was anzutun! Ich sag's ihr aber auch alle Tage gründlich; sie fühlt's auch, mucks- mäuschenstill sitzt sie da. Auf die Straße traut sie sich gar nrcht, und ich traue mich auch nicht. Mein Gott, man sitzt hier wie auf 'ner wüsten Insel, kein Mensch läßt sich sehen!" Frau Rätin hatte ganz recht, das kleine .Haus an der Chaussee lag wie gemieden; allzu lebhaft war ja der Verkehr nie drinnen gewesen. Und Nelda traute sich! nicht auf die Straße; vor der Hand konnte sie auch nicht, sie war wie gelähmt an Geist und Körper. Krank war sie nicht. Es wäre eine Wohltat für sie gewesen, in einem heftigen Fieber sinnlos zu liegen, aber die Natur war nicht so barmherzig. Ihre nassen Kleider hatte sie noch heimlich zum Trocknen aus den Boden geschleppt. Daß pur die Eltern nichts merkten! Dann war's über sie gekommen — eine vollständige Lethargie. Sie weinte nicht. Sie saß den ganzen Tag auf einem Fleck und stickte und stickte, endlos langweilige Muster in eine Kanevasdecke; die blauen und roten Fäden schienen ihr ganzes Denken in Anspruch zu nehmen. Sie hob nicht den "Blick, wenn jemand eintrat; sie rührte sich nicht, wenn die Mutter mit Tränen und unglaublicher Zungenfertigkeit ihr all ihre Sünden vorwarf. Selbst für den Vater hatte sie kein Lächeln. Als er ihr, ohne Vorwurf, aber mit tieftraurigem Gesicht, sagte: „Ich habe an Onkel Konrad geschrieben, nach dem Vorgefallnen ist es besser, du bistfür einige Zeit fort," nickte sie nur gleichgültig. Sie packte dann ihre Sachen. Mit Jammern und Schelten legte die Mutter ein paar wärmere Unterröcke in den Koffer. „Es ist da oben kält. Ach, du mein Gott, so ein Kind, so eine Rute, die man sich selbst gebunden hat! Hol' dir da oben nur nichts!" Der letzte Tag daheim kam. Es ging auf den Abend. 'Nelda saß allein in der Stube zu ebner Erde. Sie saß nicht wie früher am Tisch, unter'm Licht der Hängelampe, sie hatte sich in den dunkelsten Winkel verkrochen; da kauerte sie im alten Lehnstuhl und hatte den Kopf hintenüber an die kalte Wand gelegt. Er war ihr bleischwer. Immer dies eine Gefühl: „Achs, hätte er dich nicht festgehalten, da lägst du nun im Rhein und triebst mit den eisigen Wellen, wer weiß wohin — immer weiter, weit über Köln hinaus nach Holland zu — was die Mynheers und Mysrouws wohl für Gesichter machen würden, wenn man da ein junges Mädchen auffischte mit langen blonden Zöpfen?" — Was für Gedanken. Mit einer Art Beschämung schüttelte sie sich, die Zähne schlugen ihr aufeinander; sie fror jetzt immer. i Draußen tönte die Klingel; gedämpftes Sprechen klang im Flur, dann öffnete die Mutter die Tür und schob eine vermummte Gestalt herein. „Hier, Nelda, die liebe Frau von Osten! Steh mal auf! Das kannst du dir hoch anrechnen — nein, wie reizend, wie liebenswürdig!" Agnes kam mit raschen Schritten auf Nelda zu; diese war aufgestanden und stemmte die Hand auf die Stuhllehne. Frau Rätin ging geräuschlos hinaus. „Was willst du?" sagte Nelda. Sie zog sich förmlich in sich zusammen; die Gestalt der Freundin Ivar ihr fremd geworden, dies rosige E>e;rcht tat ihr weh. Sie sagte nicht: „Setz' dich!" „Was ich will?" Die junge Frau war sehr verlegen, sie kn.öpfte an ihrem Pelzmantel. „Mein Gott, Nelda, wie komisch du bist! Ich — ich, ach Nelda —" sie fing Plötzlich an zu weinen — „du tust mir so schrecklich leid! Ich wollte schon immer gern §u dir, aber Carlo sagte — heut hat er in Köln zu tun, und da hab' ich mich doch aufgemacht. Wie es dunkel wurde, bin ich aus dem Haus geschlichen, meinen alten Mantel und die Kapuze, die ich der Waschfrau zu Weihnachten schenken will, habe ich ungezogen; da kennt nlich keiner!" Sie lachte wie ein Kind, das einen gelungenen Streich ausgeführt hat. „Ich habe mir eine Droschke bis Ehreubreitstein genommen, daun bin ich zu Fuß gelaufen. O, Nelda, sie sind alle so böse auf dich! Aber ich nicht, ich ganz gewiß nicht!" „Weißt du denn, was ich getan habe? Dann wirst du's auch sein." „Ja, ich weiß es." Agnes nickte und wurde dunkelrot. „Früher, freilich, da hätt' ich dich auch verdammt — nein" verbesserte sie sich rasch, „da hätt' ich drüber gesprochen, aber jetzt! Weißt du, Nelda —" sie ruckte sich zutraulich einen Stuhl heran und suchte die kalte Hand der Freundin zu fassen — „seit ich meinen Carlo habe, bin ich ganz anders geivorden. Nun weiß ich, was Liebe ist. So ein Glück, wie man sich's als Braut denkt, ist es ja nicht, wenn man verheiratet ist; ganz anders. Man muß sich doch in manches hineinfinden. Aber man lernt Fehler besser entschuldigen; man wird so viel milder, wenn man recht liebt. Ach, meine arme Nelda —" sie streichelte ihr die Hand — „du mußt doch Ramer sehr geliebt haben, sonst hättest du dich — sonst wärst du nicht so weit gegangen! Carlo hat mir die ganze Geschichte erzählt; er war sehr böse, er sagte, ich dürfte nicht — ach, du glaubst gar nicht, wie komisch die Männer in diesem Punkt sind, gerade bei Frauen! Was guten Ruf anbelangt, wirklich überempfindlich! Ich freue mich ja, daß Carlo so ist, eigentlich ist es doch ein gutes Zeichen für.seinen Charakter; ich wollte aber doch zu gern zu dir! Willst du dich uicht aussprechen? Sei nicht so starr und kalt, liebe Nelda!" „Ich kann mich nicht aussprechen." Nelda schüttelte! den Kopf. „Laß mich gehen." „Nein, nein —" die junge Frau beugte sich vor und legte ihre blühende Wange schmeichelnd an des Mädchens Schulter — „ich lasse dich nicht gehen, du sollst, du mußt mir alles erzählen! Paß mal auf, dir wird viel leichter — nun?" Sie lauschte — keine Antwort.. Dann flüsterte sie: „Ich will dir auch was erzählen, was außer Carlo und Papa und Mama noch kein Mensch weiß. Denke mal, Nelda —" sie errötete und lächelte — „ich soll ein Baby bekommen! Es dauert ja noch eine Weile, aber Papa und Mama sind schon sehr ängstlich; ich fürchte mich gar nicht, ich freue mich grenzenlos. Denke, ich bin dann nicht so viel allein — zu Papa und Mama kann ich doch nicht immer laufen — ich habe dann immer jemand bei mir, der mir ganz und gar gehört, der nichts will und fühlt, was ich. nicht auch will und fühle. Lieber Gott —" sie faltete die Hände und sah Nelda mitleidig freundlich an — „ich glaube, dann kann man nie ganz unglücklich sein. Du Arme !" Nelda zuckte zusammen, in ihr bleiches Gesicht stieg langsam ein wenig Röte. „Dir hast recht. Du Glückliche!" „Und nun erzähl' du. mir auch, ja? Ich möchte von dir selbst alles hören, die Leute lügen ja so viel!" „Ich kann nicht!" Das Mädchen bäumte sich förmlich im Stuhl auf. „Ich kann nicht, laß mich!" Der Kopf sank ihr vornüber, ein Stöhnen kam aus ihrer Brust. So blieb sie unbeweglich; auch Agnes rührte sich nicht. Sie wagte nicht mehr zu fragen; sie wußte nicht, sollte sie bleiben oder gehen? Die Gedanken schossen ihr hin und her — hatte sie am Ende doch nicht ganz den richtigen Ton getroffen, es war gewiß taktlos, von ihrem Glück zu sprechen, während die andere litt?! Leise und zaghaft strichen ihre Finger über Neldas Kleid. Diese gab kein Zeichen der Erwiderung von sich. Es war peinlich. Da öffnete sich die Türe, die Rätin kam wieder herein; wie erlöst sprang die junge Fran auf. „Ach, Sie liebe, gute Frau von Osten!" Die Rätin drückte dem Gast beide Hände. „Zu lieb, daß Sie uns besuchen! Ach ja, im Unglück erkennt man seine wahren Freunde!" Sie schluchzte auf: „Wir find wirklich geschlagen! O mein Gott, zu schrecklich!" Hier faud Agnes den richtigen Ton. Die Unterhaltung der beiden Frauen wurde sehr lebhaft; mau führte sre halb flüsterud, ab und zu schoß ein verstohlener Blick zu Nelda hin. Die nahm gar nicht teil, die saß in ihrer Ecke, als ginge sie das alles nichts an. Endlich brach Agnes auf; sie küßte Nelda. „Seine Mama sagt, du gehst morgen fort, ich wünsche dir glückliche Reise! Es ist gewiß jetzt auch sehr hübsch in der Eifel. Und wenn du wiederkommst" — sie druckte der Freundin bedeutungsvoll die Haud und lispelte ihr iu's Ohr — „dann zeige ich dir mein Baby!" Sie ivußte der anderen nichts Schöneres zum Trost zu sagen. „Adieu, Nelda, adieu!" „Adieu!" Nelda stand auf und ging mit bis zum Tisch; hier blieb sie stehen uni) starrte mit den weiten Augen nach der Tür, bis sie sich hinter Agnes geschlossen. Die Mutter gab dem Besuch noch das Geleit; jetzt trat fies schon wieder' ein. Unruhig sah sie die Tochter an; neben Frau von Ostens blühenden Farben war ihr deren Blässe doppelt, ausgefallen. Nelda stand noch am Tisch, die Rechte auf die Platte gestemmt, mit der Linken das Kleid über der Brust zusammenkrampfend; ein wilder Schmerzenszug war auf ihrem Gesicht. Sie hielt sich gebückt. So gebrochen — so alt! Frau Rätin entsetzte sich; ivar das ihr Kind?! Schön war Nelda nie gewesen, aber so frisch — und jetzt? In der Rätin Gedanken tauchte mit Blitzschnelle ein Sommermorgen auf — sie sah sich draußen im Gärtchen stehen, ein Gewittersturm hatte in der Nacht dem einzigen blühenden Rosenstock die Krone abgebrochen. Sie breitete die. Arme aus. „Mein liebes Kind!" Sie konnte nicht anders, so böse sie auch war. Sie ivar ja doch die Mutter und die dort — der einzige Rosenstock in ihrem Garten. . Nelda stand starr, zweifelnd sah sie der Mutter in s Gesicht; noch rührte sie sich nicht. — 683 — „Mein liebes Kind!" Da, ein Ton wie ein Erlösnngsschrei! Zitternd fiel das Mädchen in die geöffneten Arme. Sie hielten sich umschlungen; eine Flut von Tränen strömte aus Neldas Augen, zum ersten mal seit langen Tagen. Regen, der Eis schmilzt. Wie ein Kind duckte sich die große Tochter lan die Brust der kleinen Mutter. Ta war viel Unverstandenes zwischen beiden, wenig Gemeinsames, und doch eilt mächtiges Band des Blutes, das sich nicht verleugnet. (Fortsetzung folgt.) Vedrimgmsie in und bei Metzen während des 30 jährigen Krieges. In dem ersten Jahrzehnt des unseligen 30 jährigen Krieges blieb unsere Gegend glücklicherweise von fremden Kriegsvölkern verschont. Ter Landgraf von Hessen-Darmstadt, Ludwig V., stand auf der Seite des Kaisers und der Liga. Pur einmal, im Jahre 16 21, drohte unserem Oberhessen ernste Gefahr. Der „tolle" Herzog Christian von Braunschweig, der die Sache des unglücklichen „Winterkönigs" Friedrich V, weiter führte, wollte anfangs Dezember seinen Zug nach der Pfalz durch die Wetterau nehmen. Er hatte sich bereits der Flecken und Dörfer im „Busecker Tal" bemächtigt und sie ausgeplündert. Der Landgraf Ludwig V. versagte dem Herzog den Zug durch feilt Land, worauf dieser dem Landgrafen den Krieg erklärte. Ten bedrängten Oberhessen zog der von Tilly mit spanischen und bayerischen Truppen abgeschickte General Graf Anholt zur Hilfe heran. Dieses Hilfsheer zog am 2 0. Dezember durch Gießen, und an demselben Tage fand noch ein Treffen zwischen Alt - und Großbuseck statt. Hier aus dem Felde hatte sich das braunschweigische Heer, das 16 000 Mann zählte, in einer Wagenburg verschanzt. Gras Anholt lockte den Feind aus seiner Verschanzung heraus und zwang ihn unter Zurücklassen von einigen hundert Toten zum Rückzüge über Amöneburg Nach Westfalen. Oberhessen war somit gerettet. Damals herrschte in Gießen große Furcht vor einer Belagerung. Viele Bewohner, darunter auch die Studenten, wollten die Stadt verlassen. Ten eindringlichen Vorstellungen des damaligen Rektors D. Winlelmann gelang es, die Studenten zum Bleiben und zur Verteidigung der Stadt zu bewegen. Sie ließen sich eine Fahne aus grünem und gelbem Tafft anfertigen, auf der in goldenen Buchstaben stand: „Literis et armis ad utrumque Parati." Glücklicherweise kam es nicht zum Schlimmsten; die Gefahr ging gnädig vorüber. Nicht so erträglich erging es der Darmstädter Gegend. Der Abenteuerer Graf Mansfeld brandschatzte 1622 in furchtbarer Weise das flache Land und bemächtigte sich dann der Stadt Darmi- stadt. Ter Landgraf Ludwig und sein Sohn Johann gerieten ans der Flucht in Gefangenschaft. Ter Verlust per Schlacht bei Höchst machte den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz. nachgiebiger, und er gab dem Landgrafen nach einer Haft von 4 Wochen die Freiheit wieder. Ein schlimmerer Feind als der Krieg stellte sich im Jahre 1 6 2 6 im Amte Hüttenberg ein. Allendorf a. d. L., Leihgestern 'und Watzenborn wurden von der Pest heimgesncht. Niemand, der aus diesen Ortschaften kam, wurde in den Toren von Gießen eingelassen. Landgraf Georg II., der 1 6 2 6 seinem Vater in der Regierung folgte, war anfangs neutral, stellte sich aber dann wie sein Vater auf die Seite des .Kaisers. Während der unruhigen Kriegszeiten sucht der Landgraf Schutz in dem festen Gießen und wohnte hier von 1631—1645 in dem Universitätsgebäude am botanischen Garten, das durch die Verlegung der Universität nach Marburg im Jahre 1 6 2 5 frei geworden war. 16 3 3 war in Marburg die Pest auch ausgebvochen; deshalb wurde die Universität wieder nach 'hier verlegt; sie blieb ein Jahr hier. Oberhessen war während. der Zeit 1 6 3 3 — 3 5 der Schauplatz des Kriegstheaters. Bald erschienen die Schweden, bald die Kaiserlichen. Bei der Erwähnung der Vorgänge dieser und der folgenden Zeit folgen wir den chronikalischen Aufzeichnungen in einem alten Krofdorf er Kirchenbuch.*) Kaiserliche Truppen nahmen 1633 Gleiberg, plünderten und verwüsteten das Schloß und die Wohnhäuser des Ortes, weil der Besitzer der Herrschaft Gleiberg, Graf Ernst Casimir von Nassau-Weilburg, ein Freund! Frankreichs war und sich! auch dort aushielt. Di« Urkunde berichtet: — „die Kaiserische Cleiberg eingenommen vndt quartier darinnen gemacht: haben außweichcn müssen. Ist alles vf dem schloß Undt in den Heusern verwüstet worden." „Ao 1 6 3 4 ist Herr gram Ernst Casimir auß dem Land gezogen, auch 'in Metz vnder Frankreich, verblieben." Hessen- Darmstadt nahm die Huldigung im Amte Gleiberg vor, konnte aber die neue Erwerbung für die Folge nicht halten, da das *) Die Urkunde konnte mit gütiger Erlaubnis des Herrn Pfarrers Knieper zu Krofdorf benutzt werden. Glück der schwedischer nM französischer Waffen gegen die Kaiserin ltchen entschied. , r "9t<° X6„3 4 frf den Newen jahresdag ein Extraordinati Betonst vnd H a sttag gehalte n.'' „Ao 1635 eine allgemeine grimmige durchgehende Pest." Tie Pest brach im JNni in Gießen aus; in diesem Monat starben 85 Personen, im Juli 147, im August 304, mr September 311. 1503 Personen fielen in diesem Jahre der «euche zum Opfer, die vielen fremden unbekannten Personen! ungerechnet, die vom Hospital aus hinausgeschafft wurden. Tie Verstorbenen konnten nicht alle im Kirchenbuch eingetragen werden, und wurden deshalb besondere „Pestregister" geführt. „Wer sich die Pestbeulen sogleich ausschnitt und mit gebrannten Zwiebeln zur Zeitigung brachte, kam oft glücklich davon." „Ao 16 3 6 eine solche teueruNg daß ein Achtel Korn 10 spanisch Thlr. gelten. Zwy Exempel sind daß Menschen einander! auß hungersNvth gefressen, namentlich holten sie auf den schiud- kanteN die Reste auch maß andere ding mehr gemessen." Tie! reichsten Leute hielten das Brot unter dem Schloß und schnitten den Kindern und dem Gesinde die Stückchen wie Weine Leckerbissen! zu. Kleienbrot galt als Delikatesse. Zum Glück brachte das Jahr 1637 eine frühe Ernte; denn zu Bartholomäi war keine Frucht mehr int Felde ; auch trank man auf die „Gießer Kivmeßff (Ende August) schon neuen Wein. „Ao 1 63 7 halt Lan.dgraw Jürg das Ambt Cleibergk et pertinentio auf Kayserliche concessivu eingenommen vndt jhm huldigen auch feilt fürstlich wapen an das Thor' zu Gleibergk schlagen lassen." 1 6 3 8 entstand eine Seuche unter dem Rindvieh und den Schafen, so daß die Fleischpreise bedeutend stiegen. Tas Jahr 16 3 9 brachte ein kaltes Frühjahr, so daß am' 19. Mai das Korn an allen Orten erfror, und man kaum das Saatkorn erntete. „Ao 16 4 3 den 3. vdt 4. january eontinus geregnet vndt ein folg gewester erfolget daß man mit schiffen in denen stattgassest zu Gießen gefahren. Zu Wehlburg 9 Heuser hinweg geflossen." Nachts zwischen 12 und 1 Uhr drang das Wasser von der Lahn in den Stadtgraben und überschwemmte die ganze Stadt, so daß es an manchen. Stellen „zwei Manns hoch" stand. Tie Leute fuhren mit Backtrögen in der Stadt umher; nur auf dem Marktplatz blieb es trocken. Tie fürstlichen Prinzen konnten nicht in die Stadt kommen und mußten auf dem Schiffenberg bleiben. Der Landgraf Georg verließ, da man in Gießen infolge des zurückgebliebenen Schlammes und stehenden Wassers Seuchen befürchtete, die Stadt und zog mit seinem Hofstaat nach Rüsselsheim. 1644 stellte sich frühzeitig ein heftiger Frost eilt; anfangs November fing es an zu frieren; am 3. November mußten die Bürger am Wallgraben eißen. „1 6 4 5, den 25. August die niederhessische Armee Under einem graiven v. Wied zu Croffdorf bassiert vnd alles Berheret." „Eodem anno ist die Guarnison IN Gleiberg vf deM schloß vfgerichtct, 50 Soldaten mit Weib vnd Kinder hierauf geleget. Oberst Leutnant Buseck commandirt sie, stücklein (Geschütze) sindi von Gießen hinauf geführet, mit Palisaden das schloß. Umb Vnd Umb, auch mit Thoren vnd dergleichen befestigt, da denn das schloß elend von Soldaten verwüstet, alle diel vfgebrochen, Betladen, Thürer, vndt Fenster darautz gemacht." „1 6 4 6, 29 Map ist General Feld Marschall Wränget mit der schwedischen Haubt Armee! allhier durch unser Kornsluren zlvischen Gleiberg vndt Vetzberg mit 19 000 paeeagi Wagen naher Wetzlar gezogen, allda biß Juni zu Feld gelegen, dießes Lager aber wieder zurückgezogen vnd ein Feldlager genommen die Hetzen vf von Heuchelheim biß Vs Rodheim hinauf." „Den silNi ist der schwedisch General leutnant Königsmark mit seiner Armee vndt der Cass. General maior Geiß mit seiner Armee allhier ankomMen, Königsmark sein Feldlager Umb Wismar, Geiß aber umb Launschbach vfgeschlagen, Königsmark leib Com- pany zu Pferdt u. 2 Company Tragvner hierauf naher Gleiberg logiret, waß ganz geplündert etzlich hundert Achtel Frucht ins lager gesühret vndt alle Pferd Inweg. genommen, alßo daß hier vnd zu Crofdorf von 70 Pferden nur ein blindes überblieben/ „1646, den 4. JNni. Eben bißen dag gegen Abent ist hessisch geNeral major Geiß mit 700 man zu Fuß das schloß, darauf der darmstädtische Haubiman Hosman mit 45 soldaten gelegen, zu belagern gezogen. Tie nacht 3 kleine Feldstellen (Feldstücke) herauf bracht worden. 'Ten andern Tag solche Stellen vf die Kirche gepflanzt worden alßo das schloß beschossen ist worden Werl aber wenig damit außzu richten', sind fürder' dietze nacht 2 große stück eiserne Mörser davon einer 100 Pfd. getrieben hinauf gesühret worden, ist das schloß die ganze Nacht vnd Tag stark beschossen, aber doch wenig außgerichtet. — Ten 2. Tag mit schießen vndt Krieaswerk wiederum stark ahngehalten vnd hat sich vorgemelder Haubtmau Hosman auß mangel, Pley vnd Pulver vf gnad vnd vngnad ergeben müssen." Der hessen-darmstaotische Hauptmann Hofmann erhielt den 6. Juni freien Abzug iiach Gießen. Damit war der kasselische General Gerß noch nicht zufrieden: denn die Urkund« meldet: „hakt General Geiß das große schloß Thor mit Strohpunzen anstecken lafsen, dadurch,,daß schloß entzündet ganz vnd gar elendlich zu asche werden must em vnd hätte gar wohl den Kirchbaw vnd Kanzler vnd Ritter) chloß erhalten Kennen, aber wie alle Umstände geben (ergeben) ist mit fleiß der brand fortgesetzt worden, damit gar nichts übrig! Der schwedische Oberseldherr Wrangel lagerte um diese Zeit 684 bei Heuchelheim, Utzbach, Kinzenbach- uni» Rodheim. !Die Schweden verlangten, daß üjnen der Landgraf Georg! die Festung einräum« und die Kaiserliche Besatzung entließe. Der Klatzkomnmndant General v. Eberstein zog sein Heer unter den Wällen von Gießen zusammen. Am 12. Juli in der Früh« gedachten die Schweden, die Stadt zu überrumpeln. Sie kamen mit Faschinen heran, um den Wall zu übersteigen, was ihnen um so leichter schien, da die Gräben infolge der anhaltenden Dürre ausgetrocknet waren. Ihre Absicht wurde durch die Wachsamkeit der Garnison und Bürger vereitelt, die den Angriff abschlugen. Der Feind warf nun Bomben in die Stadt, wodurch eine allgemeine Furcht entstand, und man Besorgnis für eine längere Beschießung und Belagerung hegen konnte. Mm 14. Juli zog ein heftiges Gewitter über die Stadt, verbunden mit Hagel und starken Regengüssen, so daß das Wasser in den Feldlagern stand und „die feindlichen Soldaten bekannten: Gott streite für die Stadt." Den 29. Juli sandte der Landgraf den Gießener Superintendenten D. Feuerborn in das schwedische Lager nach Heuchelheim, woselbst er üt das Zelt des Assistenzrates Erskine geleitet wurde. Die Nacht auf den 30. Juli verbrachte der Gießener Abgesandte in dem Zelt des schwedischen Feldsuperintendenten zu. Am anderen Tage wurde Feuerborn dem Generalfeldmarschall Wränget vor- gestellt. , Bor diesem bat er mit eindringlichen Worten für den Landesfürsten und die Stadt, so daß nach weiteren: Verhandlungen mit dem Landgrafen die Feindseligkeiten eingestellt wurden, und auch die Schweden bald darauf die Umgegend von Gießen wieder verließen. 16 4 7 kehrten sie wieder zurück. In Königsberg wurden wenige Tage vor Pfingsten Turm, Schloß und Kirche in die Luft gesprengt. Ter schwedische General Königsmark zerstörte die obere Burg Staufenberg und brandschatzte die Umgegend. Landgraf Georg II. entsandte 16 4 7 zum allgemeinen Friedenskongreß nach Münster und Osnabrück den Gießener Kanzler Wolf von Dodtenwart und den Vizekanzler Sinolt, genannt Schütz. Am 2 9. November 1648 wurde das Dankfest für den abgeschlossenen Frieden zu Münster Und Osnabrück im ganzen hessischen Lande gefeiert. Aber noch lagerten über Vs Jahr französische und schwedische Friedensexekutionsvöller in Hessen, weil das schwer geprüfte Land die noch rückständigen Kontributions- gelber nicht aufbringen konnte. Durch Anleihen brachte man endlich die geforderten Summen zusammen. Die Kriegsvölker zogen ab, und nach Abschluß des „Friedens-Executions-Haupt- recesses" zu Nürnberg konnte man endlich ant 28. Juli 16 5 0 im Hessenlande das Lob- und Dankfest feiern. Trotzdem Gießen als feste und sichere Stadt nicht so sehr wie andere Orte unter den Kriegsdrangsalen litt, so verlor es' doch- ein Viertel seiner Bewohner. Von 510 Bürgern vor dem Kriege zählte man nach demselben nur noch 410. Noch lange Zeit stieß man auf die Spuren des unseligen Krieges. Fast zwei Jahr- hunderte vergingen in manchen Gegenden, bis man den Knltuv- zustand wieder erreichte, den man vor dem Kriege, gehabt hatte. „Ein furchtbar wütend Schrecknis ist der Krieg." —6—. Vermischter. * Wie Ito durch die Geisha gerettet wurde. Fürst Ito, der nun dem Fanatismus emes nationalistischen Koreaners zuM Opfer gefallen ist, hat in seinem Leben mehr als einmal erfahren müssen, wie! blinder Haß sich gegen jeden Vorkämpfer neuer Ideen kehrt: er, der als der gefeiertste Staatsmann des neuen Japans galt, war ost der Zielpunkt mörderischer Attentate; nur Wachsamkeit und eine steundliche Laune des Schicksals ließen ihn seinen Feinden entgehen. Als er, noch ein Jüirgling, gemeinsam mit vier Altersgenossen den kühnen Vorsatz faßte, Japan zu verlassen, um im fernen Westen die Zivilisation der überlegenen „Barbaren" ju studieren und zu prüfen, setzte er sich zum ersten Mal furchtlos dem Fanatismus des Volkshasses aus, denn das Verlassen des Vaterlandes galt als Verrat. Ein englischer Kaufmann, Mr. Keswick, half den jungen Japanern bei der Ausführung ihres gefahrvollen Planes; Ito selbst erzählt von den Aufregungen und Wechselfällen dieser patriotischen Flucht aus der Heimat: „Wir versteckten uns im äußereir Hofe, indes Mrs. Keswick die nötigen Vorbereitungen traf; dort verkleideten wir uns, schnitten uns die Zöpfe ab und legten grobe Kleidung an, wie Seeleute sie tragkn. Plötzlich wurde Keswick ängstlich, er erklärte, er könne uns nicht an Bord des Schiffes helfen, denn das wäre wider das Gesetz. Wir drohten, Selbstmord zu begehen: da gab er endlich nach und half uns an Bord. In vier Monaten erreichten wir London. Dr. Williamson, ein Professor der Londoner Universität, nahm sich unserer an. Wir studierten emsig, lernten alles, was wir lernen konnten, englisch, Mathematik, Elektrizität, Fabrikationsmethoden, Industrie, Oekonomie, Geschützgießen und Schiffsbau." Die fünf jungen Japaner, die damals auszogen, Ito, Hirobumi, Jnouye, Kaoru, Mmao, Uozo, Vendo Kaisuke und Jnouye Masaru, waren die ersten Bürger des „neuen Japan". Als Ito dann heimkehrte, ein unerschrockener Vorkämpfer entscheidender Reformen, empfing ihn und Jnouye der Haß und die Wut des verblendeten Volkes. Er galt als Verräter und fanatische Patrioten sannen darauf, diesen unwürdigen Sohn Japans zu vernichten, der europäische Kleidung und europäische! Waffen aus Kosten der altgeheiligten Tradition einführen wollte. Es war im Jahre 1864, daß Ito nur durch die Geistesgegenwart eines Mädchens dem Haß seiner Feinde entging. Er war damals 25 Jahre alt, ehrgeizig, romantisch und vielleicht ein wenig sentimental: er war verliebt in eine Geisha, die er täglich besuchte. Eines Abends, kurz vor Sonnenuntergang, hörte Ito, wie vor dem Hause eine wütende brüllende Menge sich sammelte. „Tod Ito!" schrieen wilde Stimmen. Die kleine Geisha abep verlor nicht dis Geistesgegenwart; hastig riß sie eine verborgend Falltür auf, der Geliebte kroch in eine Höhlung unter dem Fuß- boden, die Tür lvard geschlossen und schnell schleppte die kleine Japanerin ein Badegefäß herbei, das sie über der Falltür aufstellte und mit Wasser füllte. Als die blutgierige Horde eindrang, fand man das Mädchen im Begriffe, sich zum Baden zU entkleiden. Sie habe Ito seit 24 Stunden nicht gesehen. Mit solchem Don der Wahrhaftigkeit sprach sie die Worte, daß die Schergen der Bolkswut glaubten und wieder abzogen. Ito konnte sich dann nach Kobe flüchten. Seitdem ward sein Leben dreimal durch. Attentate gefährdet, die alle glücklich abliefen, bis nust doch ein gewaltsamer Tod ihn überraschte. Die kleine unerschrocken« Geisha aber, die damals dem jungen Ito das Leben rettete, bej- trauert heute als Fürstür Ito den blutigen Tod ihres geliebtem Gatten, den zum zweitenmal zu retten ein bitteres Schicksal ihr Versagte. * Die Serviette. Der zivilisierte Mensch ist bekanntlich einbandagiert in sogenannte Anstandsregeln. Sie übertreffen an Zahl und Kniffigkeit die vielen Paragraphen des Straf- und Bürgerlichen Gesetzbuches. Ein ausgezeichnetes Gedächtnis ist erforderlich, sie alle zu behalten, und ein großes Maß von Geistesgegenwart, sie im rechten Moment zu beachten. Unter ihrem Zwange ist man jedoch bisweilen geneigt, mit Faust zu rufen: „Es möchte tein Hund so länger leben!" Nimmst du als Gast an festlich geschmückter Tafel ein leckeres Diner ein, gleich kommt der Anstand, um dir den Genuß zu vergällen. Er mutet dir zu, selbst das härteste Brot zu brechen und nicht zu schneiden, die heißeste Suppe ä 'tempo mit den anderen Gästen herunterzulöffeln, die zähesten Hühner- und Fasauenflügel gleich einem Jongleur nur mit dem Messer zu behandeln und die Gräten des Fisches lieber heroisch herunterzuschlucken, als sie mit den Fingern auf den Teller zu legen. Sogar beim Benutzen der Serviette tritt er als kategorischer Imperativ an dich heran. Bindest du die Seroiette um den Hals, ziehst du sie durchs Knopfloch, steckst du sie zwischen Hals und Kragen oder — horribile bictu — zwischen Faltenhemd und Weste, so ist der Anstand aufs schwerste verletzt. In den Augen aller Nachbarn und Nachbarinnen flackert deutlich der Weheruf: „Schauerlich in jedem Falle!" Man lispelt spöttisch von Barbierstube und Eiitseifen, flüstert von Taktlosigkeit und Tölpelhaftigkeit und hält dich für fähig, die Serviette sogar als Schnupftuch zu benutzen. Solche spitzzüngigen ästhetischen Seelen in ihrem heiligsten Empfinden für den Anstand zu kränken, ist nicht ratsam. Also merke dir: Nachdem du die Serviette mit höchster Grazie vom Teller genommen und entfaltet hast, gebietet es dir der Anstand, sie mit ebenderselben Grazie über deine Knie zu breiten. Ja, einzig und allein über die Knie! Siehe, das ist der wahre Anstand ! Und so du anders verfährst, weil es dir vielleicht prattischer erscheint, statt der Knie Faltenhemd, West« und Rock zu schützen, so bist du ein Mensch ohne Anstand, was soviel heißt, daß du nicht wert bist, zur wirklich feinen Gesellschaft gerechnet zu werden. Aber noch tiefer sinkst du, wenn du es wagst, mit der Serviette über den blanken Teller zu fahren, denn man hält ba§ für Zweifel an der Reinlichkeit der Hausfrau, oder wenn du mit der Serviette über dein erhitztes Gesicht streichst, die Finger in ihr säuberst und sie am Schluß des Diners glatt und schön zusaiumenlegst, als solle sie noch fernerhin bei der Tafel benutzt werden, oder als ob dein Hoffen auf eine Ein-, ladung zum Souper gerichtet fei. Bilderrätsel. Auflösung in nächster Nummerst Auflösung des Kapsel-Rätsels in voriger Nummer: WiederLohn, f o d i e A r b e i t. Redaktion: K. Neurath, — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lange, Gießen.