Auf Liebespfaden. Roman von y. Ehrhardt. 'Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Die junge Frau lachte herzlich auf. Es war kein lautes, aber ein frisches-, natürliches Lachen, das ansteckend wirkte. Im Weitergehen lachten sie wie zwei ausgelassene Kinder und wurden auch nicht wieder ernst, selbst dann nicht, als Frau von Rieding erklärte, Hassingen solle sich nicht etwa -einbilden, dast sie beide den Rosenmontag in Mainz allein verleben würden. Nicht nur die ganze Pension „Villa Maria", wo sie wohne, wolle auch hin, sondern auch iwch verschiedene andere Bekannte, ein Zusammentreffen mit diesen oder jenen sei also nicht zu -umgehen. „Die Schleichwege liebe ich nicht, Herr von Hassingen," sagte -sie stolz. „Ich wäre gern mal irgendwo allein und unbeobachtet, obgleich ich auch da nichts täte, was die Welt nicht wissen dürste — es wäre mir nur um das köstliche Gefühl der Freiheit — also ich werde meine Bekannten nicht suchen, aber ihnen auch wicht auswcichen." Der Mann neben ihr war etwas nachdenklich geworden. Die Schleichwege im Buchenwald lagen int Mondesglanz vor ihm. War seine arme, kleine Helene zu verdammen, d-ast sie diese Schleichwege geliebt? Andere können wohl stolz den geraden Weg gehen, auf dem für Stiefkinder des Schicksals kein Platz ist. Ob die Frau neben ihm mit dem unverkennbaren Dufthauch, deut Seidenrascheln der eleganten, verwöhnten Weltdame und dem müden, liebreizenden Lächeln nie ein Gefühl gekannt haben Mochte, chas ins Irre führt, aber in eine köstliche Wildnis? Ihm schiens nicht, als habe sie ihren Gatten sehr geliebt. -„Viel umworben, aber tadelloser Ruf!" hatte der frivole Meisenberg gesagt. War sic vom Kampf gegen lästige Mücken so müde? War darüber Temperament und Jugend, das so ost überraschend aufloderte und so überraschend plötzlich wieder versank, in den Hintergrund getreten? Er hatte oft von dein Rätselwesen der Frau gelesen, von ihrer Sphinxnatur, ihrem Lachen und Weinen zur selben Minute, aber die ihm bis jetzt begegnet waren, hatten ihm nie Grund zum Grübeln und Nachdenken gegeben. Lena von Rieding war ihm- ein Rätsel, das gestand er sich nach diesem Morgenspaziergange. Gelangweilt hatte er sich wahrlich nicht mit ihr. Sie hatte Sinn für Humor, einen scharfen Blick, ein treffendes Urteil. Sie war viel gereist. „Aber ich habe tvenig gesehen!" hatte sie drollig hinzugefügt. Ihr Mann war zuletzt nur noch Rennfahrer gewesen. Nicht mehr, wo er war, hatte ihn interessiert, sondern wie rasch er es erreicht, ivie schwindelnd hoch die Kilometerzahl gewesen, die er an einem Tage durchmessen. Trotzdem ihr diese rasenden Fahrten zum Ekel geworden, hatte sie ihn fast stets begleitet. Warum eigentlich? Das verriet sie weder in Wort noch Blick. Und dasselbe Gefühl, das ihn in der Nacht zur Diskretion gezwungen, band ihm auch jetzt, schon im Begriff zu fragen, die Zunge. ®6f g W ffiuujüi ü Vor dem Bauplatz des neuen Kurhauses, auf dem eben die Grundmauern aus der Erde wuchsen, trennten sie sich mit einem kameradschaftlichen Händedruck und der Parole: Morgen 2 Uhx auf bcni Bahnhof zur Fahrt nach Mainz! Leutnant Kehler sah schon in dcnr überfüllten kleinen Weim lokal, ivo er mit Hassingen für gewöhnlich Mittag zu essen pflegte. Billig und gut. Der Weinzwang beschränkte sich- auf ein Viertel Mosel zu 30 Pfennige. Es war ein gemütliches, altes Lokal, von einer merkwürdigen Bauart, ein langer Gang mit zwei Seitenflügeln, nur eine Reihe Tische an der Fensterseite, alles schon ein wenig verräuchert, eur wenig verbraucht, aber saubere Tischtücher und Servietten, anständige Kellner und gutes Publikum. Hassingen ah, freilich lieber bei Carlton, daraus machte pr kein Hehl, aber die wenigsten Insassen der „Heilmühle" konntest sich, ihm zum Trost, diesen Luxus leisten. Der kleine Artillerist hatte auch nichts als eine ausköntnt- nche Zulage. Sein Vater war Oberst a.D. in Dresden, das urütterliche Vermögen eine Hoffnung auf Verheiratung zweier Töchter, zu deren Gunsten der Bruder gern verzichten wolltch sobald er eine reiche Frau gefunden. Natürlich sagte er, nachdem Hassingen ihm ganz offen von seinem Spaziergang mit der jungen Witwe, deren Pcrfoualisnj -hm Meisenberg auch schon mitgeteilt, erzählt hatte, mit seinem ruhigen Gesicht, in dessen Augen beständig der Schalk lauerte: „Sehen Sie zu, dast Sic die Frau und ihre Millionen er-? wischen, mein Lieber! Glauben Sic mir, ich, kenne mich darin aus — sie ist reif für eine neue Ehe oder für einen neuen Ge^ liebten — ich will ihr nicht zu nahe treten — ich sage daA ganz unter uns-, selbstverständlich, ich meine es auch nicht so fchwsf — die Fran hat wahrscheinlich nie einen Geliebten gehabt im schlechten Sinne, aber ihre Erfahrungen in der Liebe lMt sie doch nicht ans ihrer Ehe — das steht bombenfest. Sie hat eine Leidenschaft hinter sich, und sie sehnt sich nach der Liebe." Hans von Hassingen säst starr, die eine Hand mit Weinglas, die andere am nachher Mode über den Lippen glatt abgeschnitt-cnc.it Schnurrbart, den er nervös mit dem Zeigefinger überstrich, vielleicht, um das leichte Zucken seines Mundes zu verbergen, das sagen zu wollen schien, was er im Grunde selbst nicht »n-.-hr glaubte, daß er eine Andere liebe und sie ewig lieben werde. Leutnant Keßler schien keine Antwort erwartet zu haben, das Thema war für ihn erledigt, nun nahm ihn das Essen in Anspruch und ein blondes Mädchen am Nebentisch, dessen Haarreichtum ihm verdächtig erschien -oder lvcnn er echt, war, bewundcruugswürdig. Als sie sich, magnetisch angezogen, umwandte, rief er, wie er später behauptete, „im ersten Schreck" nach einem .Kognak, denn ihr Gesicht war sehr häßlich und mit braunroten Sommersprossen bedeckt. „Man erlebt eben nur Enttäuschungen!" sagte er mit scinech resignierten Augenaufschlag. i Nach dem Essen verabredeten sie für den Nachmittag einen gemeinsamen Besuch bei einer Tante Keßlers-, einem sehr lebenslustigen, alten Fräulein in bescheidenen Verhältnissen, aber von schier unverwüstlicher LebeMust und mit einem warmen Herzen für die Jugend. 184 WäHrend der kleine Artillerist sich in seinem Zimmer, bcks> Mich schon nicht mehr im Bereich der „Heilmühle" lag, auss> Bett warf, um die versäumte Nachtruhe cinzuhvlen, säst Hassingen in dein seinen auf 'dein grünen Plüschsofa vor dem runbett Tisch mit der Base voll getrockneter Blumen, die immer umfiel, die er jeden Tag beiseite setzte, und die ebenso getreulich von der „Unschuld vvni Lande" früh wieder hingestellt wurde, und schrieb einen Brief an Helene. Einen langen, zärtlichen Brief.. Vielleicht gerade, weil er Mn so ein dumpfes' Schuldbewußtsein empfand, wurde der Brief leidenschaftlicher, sehnsüchtiger als all seine Vorgänger. Aber wenn er ihr auch von dem Besuch des Maskenballes erzählte, von der Bekanntschaft Lena von Riedings erwähnte er nichts. Er redete sich ein, er wolle das arme, kleine Ting nicht unnötig beunruhigen. X. NM 5 Uhr trat er in Fräulein von Meppens kleinen, altvaterisch ausgestatteten Salon, von dessen Wänden alte AhUeu- bilder ernst und würdig oder schelmisch und leichtsinnig auf die neue Generation blickten, der auch das alte Fräulein mit ihrem rosigen, vollen Gesicht und ihren schneeweißen Wellenscheiteln, sich angepaßt hatte, denn ihre Toilette ,var der neuesten Mode entsprechend, knapp um die üppigen Hüften spannte sich der schwarze Seidenrock und fiel nach unten in weitem Bogen aus, die Taille zeigte eine Spitzenpasse, durch die ihr einst berühmt schöner Hals und Nacken noch jetzt blendend weist leuchtete. Wäre sie weniger stark gewesen, sie hätte trotz ihrer 60 Jahre noch Mit manch junger Frau konkurrieren können, so lebenslustig blitzten ihre hellblauen Augen, so amüsant verstand sie zu plaudern, aber ihre Gesichtszüge waren ganz verschwommen, und die von ;eher etwas zu kleine Nase verschwand jetzt fast zwischen hen Fettpolstern ihrer stark gepuderten Wangen. In ihrem Salon verkehrte die beste Gesellschaft. Sie hatte Werall Beziehungen, knüpfte unentwegt neue Bekanntschaften, die bei Tee und kleinen Kuchen besonders Sonntags gern ein Plauder- Mndchen in dem kleinen Salon verbrachten. Heut fand Hassingen neben dem kleinen Artilleristen Noch zwei Danren vor, Mutter und Tochter, wie er zu seiner Ucber- raschung bei der Vorstellung erfuhr, die Mutter, Exzellenz Schlettau, gute Figur, in etwas geschmackloser rotlila Seidentoilette, mageres, regelmäßiges Gesicht, das in der Jugend bildschön gewesen fern mußte, brennende, dunkle, von bräunlichen Schatten umlagerte Augen („sündige Augen", wie der kleine Artillerist ihm zurannte) und unter einer scharf gebogenen Nase ein boshafter Mund mit schönen, wenn auch vielleicht falschen Zähnen. Die Tochter, klein und rundlich, mit zu langer Taille und zu kurzen Beinen, ein Kokottengesichtchen, die Augen dunkel wie die der Mutter, aber kleiner und länglich geformt und von schwarzen Brauen überwölbt, ein schmaler, brennend roter Mund, ein keckes Stumpfnäschen und über der hohen Stirn eine Fülle von tizianblondem Haar, das zu der dunklen Augenpartie geradezu frappierte. „Echt ist die Farbe ja nicht!" konstatierte der Artillerist später, als er einen Moment mit Hassingen abseits stand. „Aber sie hat den Farbenton recht gut getroffen, und das läßt mich hoffen, daß sie außer dieser verworrenen Spitzenbluse noch etwas Geschmackvolleres zum Anziehen hat." Und er ging, zierlich, elegant, etwas steif, trotz des Sachsen ein wenig zu sehr preußischer Offizier, an die kleine ExzelkenWU- tochter heran, die Erika hieß und eben erst die PcnsionÄKllo abgestreift hatte, aber schon sehr gewitzt und „mit allen Hunden" gehetzt war, was den kleinen Leutnant dauernd an ihre Seiko fesselte. Haus' Hassingen wär von der Mutter mit Beschlag belegt totirben. Sie fragte ihn in der Art der befeh'lsgewohnten Frau nach seinen näheren Verhältnissen, nach seiner Garnison, seinen Eltern, seinem Tun und Treiben in Wiesbaden. Er antwortete offen und ehrlich!, nie ers gewohnt war, mit der Veimischimg von Befangenheit, die ihn gut kleidete, und die ifym1 durchaus nichts Unsicheres, nur etwas nodj- sehr Jugendliches, Unverdorbenes gab. Aus dem runden maurischen Teetisch summte der knp-ferne Kessel über dem blauen Spiritusflämmchen, kostbare, alte Tassen mit reicher Goldverzierung an deut perlmutterartig glänzenden Porzellan! füllten sich unter den weißen, beringten, vollen Händen der ritten Dame mit dem angenehm duftenden, goldbraunen Trank. Eine Hohe Stehlampe mit plumpem Majolikakörper verbreitete durch einen modernen Glühlichpbrenner helles' Licht im Umkreis des Teetisches, aber weiterhin verschwammen Gegen- fliSnbe und Farben, nur eine Ampel glimmte rot im kleinen!,, pflanzengeschmückten Erker, eine altdeutsche Laterne schaukelte mit bunt funkelnden Gläseraugen stber einer Truhenbank mst rot- braunen Kachelofen. Gedämpftes Licht, matte Farbentöne, keine Dissonanzen. Die Unterhaltung angeregt, aber nicht laut, ein unterdrücktes Kichern! des jungen Mädchens, sollst der.glatte, ruhig dahinsließendü Plauderton vornehmer, korrekter Menschen. Fräulein von Meppen blickte zuweilen, intl Gespräch auf- Hvrchend, durch den Spalt der mattfarbigen Portiere ins spärlich erleuchtete Vorzimmer. Dann erhob sie sich interessiert mit einem Entschuldigungs!- wort. Ein leichter Tritt nahte, seidene Frauenröcke knisterten, die Unterhaltung verstummte unwillkürlich, alle Blicke wandten sich nach einer Richtung, so merkte niemand, daß Hans von! Hassingen sehr verwirrt ansfah, als er sich gleich den änderest Herren erhob. Tie schlanke Frau in gelber Seidenbluse und goldbraun,eist Samtrock, die durch die Portiere rasch eintrat nnbi sich mit der rtlhigen Sicherheit der Weltdame Fräulein von Meppen zmvaitdte, verriet dagegeir nichts von Befangenheit, obgleich sie von der Begegnung ebenfalls Überrascht war. Niemand sand es auffallend, daß Frau ton Rieding dis b/iden Offiziere kannte, war sie doch anch mit Schlettaus^ sowiej Fräulein von Meppen schon ton der Riviera her bekannt. Eine so vielgereiste Frau! Wie viel oberflächliche Bezieh!- ungen Mochte die da und dort geknüpft haben. Sie schien sich übrigens von der Ballnacht völlig erholt zu haben, ihr Gesicht war von seichter Röte überhaucht, der müde Zug um ihren Mund verschwunden. An ihrer rechten Hand blitzte heut neben dem Ehering ein Smaragd von wunderbarer Schönheit aus einem Kranz kleiner Brillanten, ein ebensolcher, nur bedeutend größer in gleicher Uist- rahmung, schloß den ausfallend hohen Kragen her schlichten Seidenbluse. Sie schien eine Vorliebe zu habetr für hohe Halskragen und für Smaragden. Ten Hut hatte sie aufbehalten, den Schleier! jedoch schon draußen abgenommen. Hassingen ertappte sich zuweilen dabei, daß er sie beobachtete und auf ihre Unterhaltung mit deut alten Fräulein horchte, er war dann zerstreut, und die jugendliche Exzellenz sprach für taube Ohren. Sie merkte es nur zu rasch, und ein böses Funkeln trat in ihre dunklen, brennenden Augen. „Kennen Sie Frau von Rieding schon lange, Herr von Hassingen?" fragte sie scheinbar gleichgültig. Der blonde Offizier zögerte. Sollte er tilgen? Eine ausweichende Antwort geben? Seine Ehrlichkeit sträubte sich dagegen. - , So sagte er offen: I „Ich lernte die gnädige Frau auf dem gestrigen Kurhäus-- maskenball kennen!" „Sv, so!" Was lhatte die Frau so boshaft zu lächeln? Warum könnest Frauen wagen, wofür Man einen Mann zur Rechenschaft zöge? Ob das ein Ausgleich war für Rechte, die man ihnen versagte? Tie brünette 'Frau Hatte sich befriedigt in ihren triedrigest Sessel zurückgelehnt, und als im Gespräch drüben eine Pause entstand, rief sie hinüber: „Ich höre eben. Sie waren gestern .auf bein Maskenball, Liebste, warum sagten Sie uns früh kein Wort davon, vielleickst wären wir mitgegangen." (Fortsetzung folgt.) §rederic Stzopin.*) Zum hundertsten Male jährt sich mn 1. März der Tag,- an dem Frädöric Franyois Chopin zu Zelazowci Wola bei Warschau geboren wurde. Französisches und Polnisches Blut mischte sich in seinen Adern, sein Vater war ein eingewau-, derter Franzose, seine Mutter eine Polin. Auch seine Persönlichkeit lvar aus französischem und polnischem Wesen zusammengesetzt, wie seine Kunst einen sinnfälligen Abglanz dieser Bereinigung von verschiedenen Eigenarten darstellt, *) Als Geburtstag Chopins hat lange Zeit hindurch, merk- würdigerlveise auch bei Chopin selbst, der 1. März 1809 gegolten.: Wie aber der jüngste Chopin-Biograph Hugo Leichtentritt unter. Anführung der Quellen mitteilt, haben genaue Nachforschungen ergeben, daß der Geburtstag auf den 22. Februar 1810 fest zu setzen ist. Diese Nachricht würde erst ganz kürzlich mitgeteilt, so daß unser Mitarbeiter von den Ergebnissen dieser Nachforschtmgeit ttoch nicht unterrichtet sein tonnte. Da die Richtigkeit dieser Nachricht von anderer Seite jedoch bestritten wird, haben wir uns -nicht veranlaßt gesunden, den Aufsatz zurückzustellen. Die Red, 'S li a C d il ti z> ir K lt n । ei m K ei m b! ge ar et :bti en chi ge N Le vo ge len art im sch de' en int Je Ko rei do svl gcl zu all ha Er Kll wo Vö! die nti eig kot Po bin die lick igrc mu Wc lick der Ab Hal Na teil Schon in seinen« neunten Lebensjahre spielte Chopin öffentlich; er tvar ein Wunderknabe, der von der Welt mit Recht angestaunt wurde. Die erste musikalische Ausbildung genoß Chopin von den« Böhmen Zhwny rmd von Josef Elsner, dem Direktor der Musikschule zu Warschau. Nachdem er im Jahre 1827 das Gymnasium zu Warschau absolviert, trat er schoir öffentlich als Pianist auf und veranstaltete zwei Jahre später im Wiener Opernhause zwei Akademie«« mit durchschlagenden« Erfolg. Inzwischen hatte er auch schon kleinere Werke veröffentlicht ttitb verließ im Jahre 1830 als fertiger Klaviervirtuose seine Vaterstadt, um sich nach Paris zu begeben. Auf der Reise dahin konzertierte er in Wie«« und München ur«d als Vollendeter kam er nach Paris. Doch nicht mir seine große Kunst als reproduzierender Künstler brachte er nach der französischen Hauptstadt, auch eine große Menge von eigenen Kompositionen führte er n«it sich, die er seinern bald erworbenen Freundeskreise sodann vermittelte. Eine Reihe von bedeutenden Männern jener Zeit wußte Chopin in kürzester Frist um sich zu scharen: Liszt,, Berlioz, Heine, Balzao, der Violinvirtuose Ernst und endlich Meherbeer, Persönlichkeiten, die «nit ihm geistig verbunden waren und die schon damals seine Eigenart als Künstler und Menschen zu würdigen verstanden. Wie ein leuchtender Stern «var er aufgestiegen und alles schien harauf hinzudeuten, daß eine glänzende,Laufbahn dem jungen Künstler beschieden sei. Bald aber senkten sich düstere Schatten auf die frohe Natur des Künstlers, der zwar empfindsam, aber nicht, wie man es so oft liest, von melancholischer Gemütsanlage war. Die Zeichen eines nicht ungefährlichen Brustleidens niachteu sich bemerkbar und im Jhhre 1838 war er genötigt, sich zur Linderung seiner Leiden nach Majoroa zu begeben. Mit George Sand, der von ihm schwärmerisch geliebten Dichterin, war er dghiu gegangen und sie pflegte ihn und sorgte für ihn eine Zeitlang. In den letzten Jahren seines Lebens aber mußte er auch dieser Stütze entraten; dazu bildete sich das liebel immer weiter gefahrdrohend aus. Elf Jahre hindurch schwankte die Gesundheit Chopins einmal zur tiefsten Tiefe der Gefahr, dann wieder in hoffnungsvollem Aufstieg zur endlichen Besserung, und in dem Gefühl, daß das liebel im Schwinden begriffen sei, unternahm der Künstler im Jahre 1849 eine Reise nach London, um dort mehrere Konzerte zu veranstalten. Ohne Rücksicht aus seine bereits völlig untergrabene Gesundheit aber hatte sich Chopin doxt in, die Wogen der Geselligkeit gestürzt, machte auch sogar noch einen Ausflug nach Schottland, und kam völlig gebrochen und aufs äußerste erschöpft «bieder nach Paris zurück. Im Herbst dieses Jahres verschied er. Chopin ist als Musiker und Künstler ein Typus für sich allein geworden und geblieben. Rein theoretisch betrachtet hat seine Wirksamkeit für die musikalische -Kunst zwei positive Ergebnisse gezeitigt: Er wurde zum Schöpfer eines neuen Klavierstils und entwickelte int Anschluß an die neu gewonnenen musikalischen Ausdrucksmittel eine gegen früher völlig veränderte, neue Technik des Klavierspiels. Aber dies allein gibt Chopin die Bedeutung nicht, die er in der musikalischen Kunst besitzt. Diese Bedeutung liegt in seiner eigenen Persönlichkeit, in seiner zur musikalischei« Voll- kommeuheit geläuterten und zum Ausdruck verinnerlichten Poesie und in der Fähigkeit, bewegenden künstlerischen Gedanken eine sinnfällige Form zu geben, lind gerade in. dieser Hinsicht hat das nationale Element in Chopin wesentlich dazu Leigetragen, daß seine Eigenart den Weg fand, greifbar in die Erscheinung zu treten. Die nationalen musikalischen Elemente, die er in seinen Mazurkas und Walzern zum Ausdruck bringt, geben, wenigstens rein äußerlich betrachtet, die an« deutlichsten erkennbare Note, an der das spezifisch Eigentümliche Chopins sich emporrankt. Aber der leicht bewegliche Geist, beit er vom Vater geerbt hatte, vereinigt mit der kapriziösen Art feiner polnischen Nationalität, ließen erst die Blüten erstehen, die seine musikalische Wirksamkeit als Komponist hervorgebracht hat. Ohne Rücksicht auf die Vergangenheit der Musik, inbezng auf Form und Inhalt, ging Chopin als Komponist seinen eigenen Weg. Was bisher als herkömmlich feststehende Form gegolten hatte, dünkte ihm nicht mehr als beengende Grenze, und da seine eigenen musikalischen Gedanken sich in die vorhandenen Formen nicht schicken mochten, so schuf er eben neue, bisher unbekannte. Darum ist Chopin in jedem Betracht so vollständig originell, weil seine Themen, ja seine musikalischen Arbeiten überhaupt Träger von ganz ein» zigartigen Gedanken sind, von künstlerischen Ideen, die zum Ausdruck streben, und die er in feiner genialen Art zu einem überzeugenden logischen Schluß führte, unbekümmert darum, ob die Zusammenfassung ihres Inhalts sich in eine der schon vorhandenen schematischen Formen einfügen könne oder nicht. Aus diesem Grunde entstand die fast rhapsodische Art der Tonsprache Chopins, das, was sich in ihr anscheinend frei und regellos deklamierend darstellt, in Wirklichkeit .aber das künstlerische Gefüge überzeugenden und wirkungsvollen Gedankenflusses einschließt. Dies erklärt auch den Umstand, daß Chopin feine sogenannte „Schule" gemacht Hai. Keiner nach ihm war imstande, die gleiche Diktion des musikalischen Ausdrucks zu gebrauchen wie er, weil er eben sich und seine Seele selbst aussprach, weil das, was er zu sagen hatte, nicht als zu- samniengesuchtes Kunstmaterial ihm zur Verfügnirg stand, sondern weil er es als ungewolltes Ergebnis eines künst- lerischen Denkprozesses durch die ihm allein zugängliche Ausdrucksweise sich äußerte. Die viel gerühmte Originalität Chopins verliert den etwas ominösen Beigeschmack der künst- lerischen Mache, wenn man zur Erkenntnis gelangt ist, daß seine Tonsprache das getreue Abbild seiner Empfindung ist. Diese Empfindung aber strömt aus einer wahrhaft poetischen Natur zum Lichte, in der alles, was sie in deii Kreis ihrer inneren Erlebnisse zog, sich derartig entfaltete, daß es den Schimmer und den Glanz einer seelischen Umwertung erfuhr. Die kleinsten Gebilde seines Wirkens tragen unverkennbar diese Symptome der inneren Umbildung an sich. Aber auch in den großen Formen verlor er niemals den Blick für den Endzweck aller Kunstübung: Erhabene Gedanken in erhabener Weise zum sinnfälligen, Ausdruck zu bringen. DaS treffendste Beispiel hierfür ist die Art, in der er die Tanzformen behandelte. Der festgefügte Rhythmus des Walzers und der Mazurka schmiegt sich unter feinen weichen Händen der fließenden schönen Linie des Künstlerischen an. Was sonst. bei andern etwa in der Trivalität des sich wiederholenden Tanzschrittes uutergehen würde, erhebt sich bei ihm zur ästhetischen Wirkung, insofern, als er es • versteht, die Feinheiten feiner! Sprache dem Endzweck auzupassen. Und so sehen wir diesen Leitgedanken klar überall dort hervortreten, wo er feine eigenartige Kunst wirken läßt. Das trockene und spröde Material der Etüde weiß er zum fruchtbarem Boden umzupflügen, aus dem die zartesten Blüten der Melodik emporsprießen. Immer aber blitzt die Schürfe seines Geistes durch, immer weiß er auf das Glänzende noch besonders! funkelnde Lichter aufzusetzen, immer sprühen sinnverwirrende Funken eines glitzernden Feuerwerkes aus Passagen und Verzierungen auf, die er an gegebenen Stellen einstreut, um das Schöne noch hinreißender und bleibender zu gestalten. s Chopin ist nun schon au die sechzig Jahre „modern". Er ist es geworden und geblieben, weil er eben ein neues! Element in die Kunst des Klavierspiels geworfen hat. Durch feine Kompositionen, durch seinen eigentümlichen Stil hat sich das Klavier zu einem Instrument gestaltet, auf dem ein geistiges freies Musizieren möglich geworden ist. Erst nach Chopin konnten ein Lißt und Robert Schumann, jeder auf seine Weise, die Freiheit des Ausdrucks ans dem Klavier, pflegen, aber unverkennbar ist es, daß Frödsric Chopin der erste war, der dem Klavier seine ganze Fülle von Ausdrucksmöglichkeiten verlieh. Das Bewundernswerteste an Chopins Schaffen ist, daß seine .Eigenart niemals zur Manier wurde. Er ist immer 136 derselbe, aber er wiederholt sich nie. Seine blühende und überzeugende Phantasie sand eben in jedem neuen Gedanken, in jedem neuen Vorwurf den Anreiz zu neuen Produktionen, zu einer neuen Abart des gedanklichen Ausdrucks. Darum ist jedes einzelne Stück, das seinem Geist entsprossen ist, eine stets willkommene Ueberraschung für den Ausnehmenden, eine Quelle des bizarren Reizes, des koketten Spiels zwischen Gedanken und Form. So wie etwa ein geistreicher Causeur mit den Gedanken spielt, sie auf-- leuchten und glitzern läßt, Licht und Schatten verteilt, mit sicherer Beherrschung des Stosses, so weiß auch Chopin die musikalische Phrase zu schleifen und zu formen, hier Licht auf sie fallen zu lassen, dort sie mit denk Düster eines gehet,nnisvollen Schattens zu umgeben und mit den künst- lerischen Mitteln der Gegensätzlichkeit im Ausdruck tiefe Wirkung hervorzubringen. Für die Kunst des Klavierspiels bedeutet Chopins Lebenswerk ein Geschenk des .Himmels. An ihm erlaben sich Generationen von. Musikfreunden und künstlerisch veranlagten Naturen, denn die pianistische Ausdeutung seiner Kunst ist an sich eine Kunst selbst geworden. Eine Kunst, die im Fortschreiten erfreuliches hervorbringt, weil sie den Anstoß gibt' zur Vertiefung in ein weites Reich von schwerwiegenden Gedanken und zur Vervollkommnung der technischen Reproduktionen dankbarer pianistischer Aufgaben. ---— I. C. Lußtig. Beim Schmugglerkönig. Von einem Besuch bei dem berühmten Schmugglerkönig von Savoyen, dem unter dem Kriegsnamen „l'Jso" berüchtigten Führer einer großen Schmugglerbande, die seit Jahrzehnten die Zollwächter an der französisch-italienischen Alpengrenze mit Leid und — wie es scheint — auch mit Freude überhäuft, erzählt ein Mitarbeiter des Matin. In jenen abgelegenen Grenzbezirken, wo der Schmugglerberus von Vater auf Sohn sich vererbt, genießt l'Jsö, der eigentlich Joson heißt, große Popularität, und zahllos sind die Anekdoten, die ,nan von dem kühnen Bandenführer erzählt, der seit nunmehr 56 Jahren sein Handwerk treibt, ohne daß es je den Behörden gelungen wäre, ihn festzunehmen. Er selbst, der heute ein noch rüstiger Greis von 68 Jähren ist, erzählt gern von den mannigfachen romantischen Abenteuern, die er im Lause seines bewegten Lebens erlebt hat, von der Kunst, die Zöllner zu überlisten, von den Aufregungen mancher gefahrvollen Flucht, von Ueberraschun- gen und von Ueberfällen. Wenn er von den Zöllnern spricht, gleitet ein leises Lächeln über seine Züge. Er steht sich sehr gut mit ihnen, und im Grunde ist es sein größter Stolz, die meisten seiner Gegner zu heimlichen Helfershelfern bekehrt zu haben. Aber nicht immer ist ihm das gelungen und oft mußte er List und Kühnheit gegen die Pflichttreue der Zollwächter einsetzen. Er erzählt mit Vergnügen, wie er einmal mit einem Schmuggelwagen, der in geheimen Fächern kostbare Schätze von Spitzen und Tabak barg, die Zollstation Bellegarde passierte, zwei Zollbeamte friedlich bei sich im Wagen, ohne daß man ihm mißtraute. Die beiden Zöllner hatten kurz vorher einen anderen Schmuggler verfolgt und dessen Waren konfisziert. Nun baten sie l'Jss, der gerade des Wegs kam, die beschlagnahmten Güter doch in seinem Wagen mitzuuehmen. Die Zöllner stiegen auf, man lud die Ballen dazu, führ fröhlich plaudernd zur Zoll- wache und leerte dort einen gemeinsamen Schoppen. In ihrer Freude über den gelungenen Fang übersahen es die Zollwächtcr, den Wagen l'Jsös einer Revision zu uirter- ziehen, und erst später erführen sie, welch kostbaren Fang sie sich entgehen ließen. Ein anderes Mal transportierte l'Jse einen Baumstamm über die Grenze, der ausgehöhlt und innen mit erlesenem Tabak gestillt war. Aber diesmal spielte der Zufall ihm einen Streich. Während er im Bureau mit denl Zollbeamten plauderte, kletterte das kleine Mädchen des Zollwächters im Spiel auf den Baumstamm, sprang darauf umher, die dünne Hülle brach und schreiend versank .sie in dem Tabak. Es gelang l'Jso, zu entwischen, aber er scheint schwere Opfer gebracht zü haben, um später das beschlagnahmte Gefährt tviederzuerhalten. Doch nicht alle Geschichten, die der alte Schmuggler erzählt, nehmen ein lustiges Ende. An der Grenze war einmal ein Zollbeamter stationiert, der trotz seiner geringen Kenntnisse durch seinen Eifer tind seinen Ehrgeiz rasch avanzierte. Er wurde Leutnant, er wurde Kapitän. L'Jse spricht nicht sehr gern von ihm, denn der Beamte hat ihn 40 000 Frs. gekostet. Die Schmuggler hatten mit ihm ein Abkommen geschlossen: drei Transporte wollte der Kapitän passieren lassen, dafür aber sollte jeweils der vierte Transport beschlagnahmt werden. So genoß 'der schlaue Beamte die Bestechungen der Schmuggler und zugleich das Lob seiner Vorgesetzten. Aber eines Tages wurde der Vertrag nicht genau innegehalten, der Kapitän irrte sich Und konfiszierte statt der vierten die drei anderen Sendungen, kurz die Schmuggler merkten, daß der Beamte ein doppeltes Spiel trieb. L'Jse und die Seinen luden ihn zur Nachtzeit zu einer Unterredung und itt den einsamen Klüften des Saleve trafen sie mit dem verräterischen Bundesgenossen zusammen. Aber was in dieser Nacht geschah, davon spricht der Schmugglerkönig nur wenig. Er senkt dabei die Stimme und am Schlüsse der Erzählung meint er verächtlich: „Es war ein Feigling, ich glaube, man tat ihm nicht allzuviel; es war ein Feigling, er toeiiite." Der Beamte kehrte am Morgen mit blutigem Kopfe nach Hause: durch einen „Unglücksfall" hatte er das eine Ange verloren, das, das er zuzudrücken vergessen hatte . . . Literarisches. — H n m o r i st i s ch e G e d i ch t e („Hausbücherei" Band 29/30. — Deutsche Humoristen 4.—5. Band). Verlag de» Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg-Groß-i borstet. „Nu wüllt toi uns ook mal fix ameseeru!" ruft uns der große freudige Lebensbejaher Detlev von Lilien-? cron in einem seiner Gedichte zu, die in dieseni neuen Doppel-? band der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftuug enthalten sind. Diesen Zuruf könnte man dem stattlichen Bande alÄ Motto vorausgeben und noch dazusetzen, daß das Leben dieses Buches nicht allein ein oberflächliches Vergnügen be-? reitet, sondern vor allem eine tiefe Lebensfreude erweckt. Begonnen mit Gedichten, die uns, als „fliegendes Blatt" oder als „Volkslied" überliefert, keinen Bersasser- namen nennen, über bas Reformationszeitalter (Hans Fleming) und die Vorklassik zu den Klassikern hinüberleitend, dann über die Romantiker, hinüberführend in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, schließt der Band mit den bestell Dichtern unserer Zeit, aus der die bereits verstorbenen Brisch, Fontane, Seidel, JacobowSki sowohl tote die noch lebenden älteren und jüngsten deutschen Lyriker: Falke und! Lilieucron, Trojan und Blüthgen, Flaischlen und Bierbaunt und viele andere zu ttns sprechen. Sie alle geben uns Proben davon, was ihnen die Freude am Dasein für sich und andere in Herz und Mund gelegt hat. Es werden hier nicht lediglich Schnurren geboten, mögen auch solche vertreten sein, aber das Reich des Humors erstreckt sich ja viel, viel weiter, Wo immer der Widerstreit zwischen Idee und Wirklichkeit zutage tritt, da hat er auch sein Banner mit der „lachen-? den Träne" aufgepflanzt. Innerhalb der gesteckteit Grenzen erscheint hier der Humor nach allen Seiten mannigfache^ Ausstrahlungen und Spielarten. humoristisches. * Resignation „Heute hat meine Frau Geburtstag.' — „Gratuliere. Wie alt lvird sic denn übrigens?" — „Fragen Se gar nicht. Der einzige Reiz, beit se noch hat, ist der Hustenreiz.' * Erster Gedanke. „Jetzt ist wieder ein neues Bur gebraut lvordeu. — Herr Wamperl: „So! Kann man da mehr davon trinken?" Rätsel. Werke der Kunst erschaffe ich, ialls mich Meisterhand führet. Raubst du mir aber den Kopf, werd ich vom Erdreich ein Stucr, Auflösung in nächster Nunnner. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Wer einmal lügt, muß ost zu lügen sich gewöhnen, Denn sieben Lügen draucht's, um eine zu beschönen. Rückert. Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange,. Gießen.