M8 Dsnnmtag den 3l- Dezember ALU ls 6 Kl Jahreswende. SilveMr-Roveltette »an Thea von H ar b o n. (Nachdruck ve.boten.) ..Meine Gnädigste?" Möve Hudstone fuhr Wlfamme« und sah tieriuiri't xu Kapitän vvn der Hcyde auf, der, das volle Puiischglas in der erhobenen! Hand, sich über de» Tisch zu ihr neigte. „Auf ein fröhliches Neujahr!" Von allen Seiten streckten sich ihr die Gläser entgegen, beim alle liebten die Karte, junge Frau in Trauer, die mit ihrem rührend hilflosen Kinderlächeln auf die guten Wünsche antwortete, alle fühlten sich verpflichtet, ihr ein herzliches Wort zn sagen. Man hielt ihr verwirrtes Erschrecken für ein Auffahren aus traurigen Erinnerungen und mühte sich, ihr über die gnälenden Gedanken der letzten Jahresstnnden hinwegzuhelfen. Aber Möve Hudstone dachte nicht an den Tod ihres Gatten, Hwch an den Abschied von der zweiten fgcintnt. Sie dachte an einen Silvesterabend, — wie lange war das her? — mein Gott, vier — fünf Jahre! Da war drüben int alten Lande ein Stübchen voller Kerzenschein. Denn sie hatte den Christbaum wieder angezündet. Und die Fenster standen offen — es war eine milde, friedliche Nacht. Und sie stand mit dem Manne, dessen scharfgeschnittenes Profil sich jetzt regungslos gegen den lichten Hintergrund abhob, Schulter an Schulter im Erkerchen, und sie warteten auf Milter-- tzacht. Und sprachen beide kein Mort. Mer dann .... Möve Hudstone schlost die Augen. Und ein Jahr später.... „Ist Ihnen nicht nwhl, gnädige Frau?" fragte Leutnant As- Missen Plötzlich neben ihr, und die besorgte, herzliche Frage nahm ihr den letzten Nest ihrer mühsam behaupteten Fassung. Blind vor Tränen stand sie ans und tastete nach dem zarten, indischen Tuch, das sie um die Schultern zu tragen pflegte. Fred Asmussen gab eS ibr. „Ich danke Ihnen," stammelte sie tonlos. „Und verzeihen Sie mir, — ich kann nicht mehr. Ich hoffe, die Luft wird mir gatt tun . . ." Unwillkürlich hatten sich alle erhoben, auch Heiko Tenhusen. Mer in seinem harten Gesicht rührte sich nichts, als die junge Frau an ihm vorüberging. Möve Hudstone hatte lange allein an der Reeling gestanden sind sich vom Wind die heitzcu Augen kühlen lassen. Nun war es seltsam still geworden in Luft und Meer. Es Nebelte. Fred Asmussen hatte die junge Frau bald entdeckt, als er mit dem Freunde heranfkam. „Hundewetter, elendes! Pardon, Meine Gnädigste!" sagte er und schnupperte wie ein Jagdhund. „Ist denn Gefahr im Anzug?" fragte Möve Hudstone sa,t unbewusst. „Gefahr? M»er keine Spur, meine Gnädigste! beruhigte Fred Asmussen mit seinem hübschen Spitzbubeulächelu, „Sie dürfen ganz vertrauensvoll ins neue Jahr hinüberschlafen, wenn Ihnen die Sirenen keinen zu bollen Spektakel machen. Aber bat Helpt M ntch!. Also — rM gute Nacht l" , v „Gute Nacht!" sagte Möve dankbar und drückte dem junge« Offizier die biedere Seemwmstatze. .Als sie dann auch Tenhusen die Rechte bieten wollte, liest sie sie auf b-ent halben Wege nnebet sinken, erwiderte seine straffe Verneigung mit einem Senken des blonden Kopfes und schritt müde die Treppe zu ihrer Kabine hi«» unter. Asmussen schob seinen Arm in den des Freundes und seufzte melancholisch. „Armes, blasses Frauchen!" meinte er. Als er ferne Antwort bekam, sah er auf. „Mensch, wie sehen Sie den« aus? Wie Grünspan, — pfui Deibel! Fehlt Ihnen 'was?" „Nein," sagte Heiko Tenhusen lakonisch und schraubte an seinem Rachtglas. Asmussen zog d« Augenbrauen in die Höhe und dachte sich! das Seine. Aber er schwieg. Der Nebel lag über dem Wasser wie eine greifbare Lasch nur mühsam schoben die Positionslaternen ihre Lichtkeile in dm graue Dämmerung. Unheimlich warnten die Signale der Sirenen, »nhetmlicher noch klang die Antwort irgend eines vorbeigleitenden Fahrzeugs, das man nur hörte, nicht sah. Tie „Helgoland", ging. mit. halber Fahrt. .Kapitän von dec HeNde wechselte mit seinen Offizieren ein paar ernste Worte. Keiner dachte ans Schlafengehen. Die abgelöste Wache blieb in beti Kleidern. Ruhe tut Schiff. Heiko Tenhusen aber ging ruhelos auf und ab, die Hände in den Taschen vergraben. Er überzeugte sich mit eigenen Augen, daß die Retinngsbote misterbords klar zum Tieren waren, und sprach mit der Wache. Irgend ettvas hatte die'Ruhe in ihm aufgse peitscht zu siebenider Spannung, und nun wartete er auf die Gefall die er fühlte, wie ein alter Soldat die Schlacht voransahnt. Plötzlich, mit einem Ruck, verhielt er den Schritt. Tief hinein- gedrückt in den Schatten vor ihm lehnte eine dunkle Gestalt, als- ob sie ihn erwartet Hütte. Heiko Tenbnsen wollte rede«, aber die Erregung packte ihm wie eine würgende Faust nach der Kehle. So griff er stumm nach der Mütze und wollte weiter. Aber die Fran fand endlich das erlösende Wort. „Nur drei Worte," sagte sie tonlos. „Nur einen Äugenvltck, Ich ertrage das nicht länger. Ich bin müde, o mein Gott, wen* Sie ahnten, Heiko, wie müde mich das Leben gemacht hat., Aber ich will frei werden von meiner Schuld, so iveit daö möglich ist. Ich will diese Last nicht mit hinüberschleppen, in das neue Jach: was übrig bleibt, ist noch schwer genug.... He--ko, verzerheA tntt Er stand regungslos. „Was soll ich Ihnen verzeihen.? fragte er und sah über sie hinweg. „Daß Sie ein Leben nk Reichtum und Beguemltchkeit einer ungewissen, kleinen, sorgenvolle» Existenz vorzogen? Das habe ich vollkommen begrifsen. Mr. Hudstone bat den Vorzug der sicheren Gegenwart und seiner Millionen, ich den Nachteil der Dienstrersen und der Armut. , Jte Entscheidnng war einfach und daran ist nichts zu verzeihen. „Das meinte ick nicht," murmelte sie, und ihre seinen,, blaffen Hände falteten sich krampfhaft. „Ach, Heck». . - „Und das findere/-' fiel er thr silzraffM Mort, imb_ |iiti5_ 818 ivar'S, als ob die jahrelang binuntergewürgte Bitterkeit in kochenden Weile» hervorbrechen mutzte aus ih:n, „das andere. — das kann ich nicht verzeihen, das kann kein Mensch auf Gottes Welt; das; mir mit diesem erb-ärmlickM Trenbruch alles Gute und Sckwne in Trümmer und Scherben ging, datz mir nichts mehr blieb als Zorn nnd Ekel und Verachtung, dafür konnten Sie nichts, daran war meine eigene Liebe schuld, die Sie zu hoch gestellt hatte und nun stürze» mutzte, was sie zum Götzenbild erhoben hatte, diese Feigstem, diese jämmerliche, gottserbärmliche Feigheit, mit der Sie diesen Treubruch übten, datz Sie mir das offene, lösende Mort nicht gönnten, datz Sie mit diesem Manne flüchteten vor mir, das hat mir den Glauben an die Menschheit zerschlagen, und das ' '''en Sie nie ivieder gut machen und das kann ich nie verzeihen!" ■'Htiiwcn Sie nicht," fragte sie, immer' mit diesem stillen, ■ Mick in sein üraitnes, kantiges Gesicht, „datz ich es 1 fca&e, qualvolle Jahre hindurch, bis mein... bis Mr. ? . ne^ Harb? Ahnen Sie. was eine Fran durchringcn mutz, « Mttelnde vor ihrem Kläger steh! und um Verzeihung steht? ^jch wußte, w-'s ich tat, als ich gerade dieses Schiff zur Heimkehr nach D-" nd wählte. Ich wußte, daß ich Sie hier um ^ergcbv" ^-eigheit bitten würde. Aber daß Sie OTl$ - 'n, das wußte ich nicht, Heiko. Ich toer iälen. Sie haben wohl recht. Mit' '■ o.che Schuld nicht aus. Gute Nacht." 5*s lyrn vorüber, so dicht, datz der Schleier, den sie seine Wange streifte. Er fuhr zurück, als hätte verbmnnt. Lelstndenlaug schloß er die Augen und in .,.rn Schläfen Nmmerte das Blut in fieberndem Takt: ,Mäve — Möve, — Möve..." ' Und nun wollte er ihrs sagen: „Fühlst duS denn nicht, du, was in mir grollt und zürnt und dich quält, es ist ja nicht der Hatz, Möwe, es ist ja noch die gleiche, zitternde, selige Liebe wie damals, heut wie vor fünf Jahren, da du mein eigen wurdest und alle die jauchzenden Glocken der Neujahrsrmcht unser Glück -einlünteten . . Und nun ivar er allein. Und keine Glocke» läuteten, aber säst ununterbrochen heulten die Sirenen, und der Nebel lag um das Schiff wie ein Hexenschleier. Und das Schift? Was hatte das Schiff? Heiiv Tenhusen fühlte unter seinen Füßen, wie toä ruhige, rollende Heben und Senken des riesigen Körpers kurzer und heftiger -mtrde, er hörte das unruhig spritzende Klatschen der Welten, — mit raschen Sprüngen war er hinaus und beim Lapttmt. Luret, drei Worte hinüber und herüber, ein scharfes Kommando, eine hastige, knappe Meldung, rauschend schtua die Schrauoe nach rückwärts, aber die „Helgoland" war noch in Fahrt, und da..." „Heiliger Gott . . Ein geller, jäher, entsetzter Schrei. Keiner wußte, wer ihn eitogeMen. Jin gleichen Augenblick ging ein erschütternder Stotz dutth das ganze Schiff, daß es krachte und splitterte, — und noch einer, und dann ein seltsamer, pfeifender Gurgeiton Ern Augenblick wahnsinniger Verwirrung folgte. Alles stürzte an Deck. Aber es war nur ein Augenblick. Im nächsten sckw« hatte Kapttan von der Heyde wieder die Herrschaft über sich und die Manttschaft getvonnen, und seine hallende Kommandostimme gab ihre Befehle knapp uitb klar. Die Passagiere, die wie eine Herre, m die der Blitz geschlagen, durcheinander drängten, und d-e Verwirrung zum Unheil zu steigen drohten, überließ er der Sorge seiner^ Offiziere. Heiko Tenhttsen und Asmussen standen Lchulter an epchulter und suchten die fragenden, entsetzten Menschen Mit ihrer eigenen Ruhe zu bändigen. Nach und nach gelang es ihnen, Klarheit in die Situation zu bringen. Das Schiff war verloren, das war ihnen in zwei Minuten klar. Aber die Menschen konnten sicy retten. Im Nu waren die Boote ausgesetzt und be- “lt • :/ "hie Lwauen zuerst!" befahl Tenhusen und riß jeden, der sich thm entgegensetzen nwllre, mit energischer Faust zurück _ Me Kütze war nicht fern, das Schiff lag auf ben Klippen toi Rocky Hell, dessen Blindeuer nicht die Kraft gehabt, den Nebel zu durKmngen. Es war Rettung möglich für alle, wenn fre gruhe und Besonnenheit behielten. Aber.die fehlte den meisten ,nu£ Knuten die Offiziere verhindern, daß die Boote überfüllt nnd für alle der Untergang besiegelt wurde. Heiko kitte mit heißen Augen die Ausbootting überwacht und unter den drängenden, kämpfenden Menschen nach Möve Hudßone gesucht. Er hatte fie nicht entdeckt. Eins rasende Angst Packte ihn. Wo war sie? @r fi-öSte Asmussen nach ihr. Der hatte sie nicht gesehen. Fast alle Passagiere hatten das Schiff verlassen, das letzte Boot harrte aut dre übrigen. Tenhusen stich die Menschen beiseite und hetzte nach unten. . „Aiöve, Möve!" tief er veWseifelt und suchte in allen, I iuümnen nach ihr, wo er sie nur vermuten konnte. Und dis Mi- nuten, die kostbaren Minuten verronnen und er sand sie nicht. „Vielleicht ist sie doch mit den anderen Frauen fort und wir sie nur nicht gesehen," tröstete ihn Asmussen, dem das verstörte Gesicht des Freunde- genug erzählte. HeiL, hörte kaum üvrt also, ohne Abschied, ohne ein letztes Wort, -- tat Zorn ne- schieden und in Bitterkeit... u Mit einem fauchenden Laut sprang der Wind von der Küste auf und peitschte den Neben auseinander. Wie eilt boslmstcs Lchlangenauge blitzte das Blinkfeuer von Rockv Hell herüber zu dem todgeweihten Schiff. Und der Wind wuchs zum Sturm und von den schwachen, überfüllten Booten, — wie viel würden d-e Küste erreichen? Und wer sollte Hilfe bringen für die todesmutige Besatzung des Schisses, um dos die Brandung stieg? Heiko Tenhusen dachte nicht mehr an Rettung. Gedankenlos pruste er das Wachsen der Flut um das Schiff dessen Deck die Sturzseen überspielten. Ties geneigt hrng es an dem tödlichen Rrff. Und die schwere, traurige Silvesternacht deckte die grausige Zerstörung. Heiko fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Er fieberte wo!?!. Lächerlich! Seine eigenen Gedanken narrten ihn Aber das Bild war nickst zu verscheuchen, — das Bild der Frau^ die in tiefster Ruhe da vor ihm saß die Hände um die Knie geschlungen, das schöne, weiße Gesicht ihm zugekehrt, und ein ruhiges Leuchten in den Augen. „Möve," stammelte er und starrte sie an wie eine Erscheinung. „Ja," nickte iie lächelnd. „Nun durstest du mich schon finden. Nun kannst du mich sa nicht mehr zwingen, mich von dir zu trennen und mich allein zu retten. Ich habe so gezittert, daß du mich finden könntest, — vorhin. Aber du sahst mich im Tunkeln nicht, Gott sei Dank. . ." „Möve, Möve," sagte er fassungslos. „warum tust du das?" „Siehst du, Heiko," antwortete sie, immer in der gleichen, stillen Fröhlichkeit. „Ich war so tief in deiner Schuld. Taß ich mit dir leben könnte, das darf ich dir nicht mehr beweifeik, weil ich damals zu feig dazu war. Aber sterben kann ich mit dir, Heiko, das kann ich, das will ich, das mußt du mir schon erlauben ..." „Möve," sagte er, — und plötzlich lag er vor ihr auf den ftnieii und hielt ihr leuchtendes Gesichtchen in beiden Händen und küßte ihren blassen Mund mit (eineu verdursteten Lippen. „Möve, Mvve, wir feiern doch unser Neujahrsfest, — so schön kommt kein Glück, um im Jammer zu enden. . Aber sie horte ihn nicht mehr. Sie wahr ohnmächtig geworden. Als sie wieder erwachte, lag sie in einem hellen, kleinen! Zimmerchen, in dem ein tüchtiges Feuer prasselte, eine vergnügte, kleine Frau stand am Fußende ihres Bettes und nickte ihr strahlend zu, neben ihr stand der Schifssarzt mit der Uhr in der Hand und — ja! Neben dem Bette kniete Heiko, verwildert' wie ein Stromer, ober mit lachenden Augen, glücklich wie ei« Kind. Sic besann sich nicht gleich, ihre Gedanken flatterten noch wie Sommervögel burdjeinanber. „Heiko," murmelte sie und legte die freie Hand auf sein geliebtes Haupt. „Sterben ist so schön. . ." „Wunderschön!" bestätigte der Arzt bereitwillig und steckte die Uhr ein. „Aber leben ist noch viel schöner. Ich würde es einmal erst damit versuchen! Glückliches Neujahr, gnädige Frau!" Das Grakei'püNiöffekchett. Eine heitere Neujahrsgeschichte von Alwin Römer, (Nachdruck verboten.) I. Durch die Breite schneeglatte Waldstraße klingelte ein Schltttenfuhrwerk. Heinz Duveneck, der aus der Großstadt plötzlich zur Siellveriretung eines reiselustigen Oberförsters reiher ur die Waldstille versetzte Forstassessor, saß in seinen btuen Pelz gemummelt, verdrießlich Dann, um von der tomnten n°*^ 00r ^eud an seinen Bestimmungsort zu Welch ein behördlicher Unfug, einen so lebenslustigen Kerl rote ihn just zur Jahreswende ans allen sieben Him- meln des Vergnügens zu reißen! Für neun Bälle hatte 'l’ Einladungen gehabt und rein närrisch waren die hübschen Mädels hinter ihm her gewesen. Nun konnte er in diesem Eulenwinkel sitzen und Trübsal blasen! Das neue Jahr fing, bei Gott, großartig an! Schade, daß er sich nickt wenigstens in eine der reizen- ben Großstädterinnen ernsthast verliebt hatte! Da wär' ihm doch jetzt ab und zu mal ein tröstliches Briefchen ins erusame Horsthaus geflogen! Wer er halte den „rechten 819 SKumtti doch für keine einzige aufbringen können. Die war ihm zu dumm und jene zu klug erschienen. Nun iah er in Wodenbeck rote der Fischreiher, dem auch die Gründ- Unge weggeschwommen sind. Es war wirklich eine erbärmliche Geschichte! vielleicht wenn sie alle nicht gar so entgegenkommend gewe,en waren! Nur halb so kühl und vornehm wie die zum Küssen schone schlanke Holdseligkeit, mit der er vorhin eine halbe stunde lang im Richtrauchereoup« zusammen- «Äessen hatte! Das richtige Prinzeßchen Stacheldraht, das allen fernen bewahrten kleinen Antnüpsungsversuchen geaen- über hart und stumm wie Marmor geblieben war und sofort das Damencouvö aufgesucht hatte, als der Esel von Schaffner mit der N chricht gekommen war. datz jejt Platz geworden jei. Das war eine gewesen, die 's ihm hätte antun können! Emen so schönen seiugeschwungeneri Mund hatte er lange recht tii'^ ^fe braune, geheimnissüße Augen erst Auf den Fichtenwipfeln zu beiden Wegseiten ließ die Abendsonne den Schnee rosig aufjchunmern, während ein schadenfroher Windstoß an den unteren Zweigen hinsuhr und ein altes gebücktes Mütterchen mit einem schweren Handtvrb am Arme in eine richtige Puderwolke hüllte. Gerade hatte der Schlitten sie überholt und klingelte nun, seines nächsten Triumphes sicher, hinter einem tapfer ausschreitenden, schlanken Persönchen her, dessen anmutige Hal- tting in dem jungen Forstmann eine frohe Ahnung aufblitzen ließ. Solch halblangcn, taubengrauen Paletot und K dunkles Pelzbarettchen hatte Prinzessin Stacheldraht vorhin auch getragen? Kutscher, halten!" kommandierte er, als sie das <• l ■ n!em erreicht hatten. Und den Hut höflich schwenkend, wandr er sich an die leise Errötende mit vollendeter Artig- »eit* i f ich Ihnen einen Platz in meinem Schlitten an- In gnädiges Fräulein? Es wird dunkel und . . . ." in Sie so menschenfreundlich sind," entgegnete sie, ihre Verlegenheit schnell niederkämpfend, „warum haben Sie das alte Frauchen nicht dort zuerst auf gefordert? So muß ich bedauern!" Und sie neigte kaum merklich das Haupt und schritt weiter. „Ci verflixt, da sein mer schön abgelaufen!" meinte der etwas redselige Kutscher mit einem dummen Lachen. Aber Heinz Duveneck überhörte es geflissentlich. Er biß sich nur ärgerlich ans die Lippen und brummelte: „Recht hat sie eigentlich; das läßt sich nicht wcgleugnen k" Unb plötzlich gab er Order: „Wenden Sie um, Kutscher! Wir wollen die Alte holen?" Kopsschüttelnd kam dieser dem Befehl nach und half alsbald dem von Dankbarkeit überfließenden Weiblein aus den Sitz neben sich. Wie sie nun jedoch ihren Weg.aufs neue verfolgten, war feine schöne Augenweide plötzlich wie weg- geweht. Sir hatte offenbar einen Seitenweg eingeschlagen, um diesem verdächtig gehorsamen Schlittenkavalier noch rechtzeitig entwischen zu können. Und nun lachte der alberne Kutscher doch wahrhaftig noch dämlicher! . . . II. „Sie kommen natürlich mit zu Pastors, Herr Kollege!" sagte der joviale Oberförster, der seine Ablösung in aller Kürze instruiert hatte. „Helfen Sie der Jugend flott Blei gießen, wenn wir Alten Ihnen zu langweilig sind! Die Pastorskinder sind ein fideles Völkchen und meine Frieda wird Sie schnell mit allem bekannt machen . . . Nicht wahr, Amsel? ... Ich habe vorher nämlich noch ein paar dringende Wege!" Duveneck wollte Einwendungen machen. Wer die Leiden ließen nichts gelten. So fügte er sich ziemlich gleichgültig. Als sie die Pfarre betraten, hallte ein fröhlicher Lärnr aus dem oberen Stockwerk. „Vater arbeitet noch au seiner Predigt!" empfing sie strahlend ein langaufgeschossener, in das muntere Förstersrind unheimlich verliebter Primaner. „Wir gehn, nach oben! Aber leise auftreten. Die Mädels fragen nämlich gerade das Heiratsorakel, das die alte Marlene ihnen angepriesen hat!" Auf Zehen schlichen sie «Ne drei jetzt die Stufen hinaus bis an das Zimmer, ans dem der ausgelassene Jubel drang. .. "'m riß der Schabernack liebende Bruder plötzlich die Tür auf, um sich an dem Wirrwarr zu weiden, den das fremde Glicht in diesem Augenblick unfehlbar hervorrnftn . ^d-r «eugleng gewordene Assessor jedoch Einblick In den unchristlichen Silbe,ter,puk des Pfarrhauses gewinnen konnte, flog ihm als ein etwas sonderbares Willkommen «n zierliches braunes Lederpantöffelchen ins Gesicht, das er verblüfft, aber mit unwillkürlicher Geschicklichkeit anf- slng. Darauf jedoch entstand ein tolles Durcheinander. Schrewud und lachend entwichen die fünf, sechs Madel durch dre Rebenturen und nur Marlene, das alte Faktotum der Fa- milie, stand noch im Zimmer und rief triumphierend: „Ev, du bist die einzige! Tu machst Hochzeit im neuen Jahr! hatte die Pfarrermädel nämlich nacheinander den Pantoffel mit der Spitze rückwärts über den Kopf rversen las,en. Doch nur bei der ältesten war er ans die Stuben- tur zu, ja sogar durch diese hinaus geflogen, ein Anzeichen, von dessen unbedingter Zuverlässigkeit schon Marlenes Großmutter Wunderdinge zu berichten gewußt hatte. • . Es dauerte eine ziemliche Weile, ehe der Mädelschwarm und mitten unter ihm das Glückskind wieder erschien, letzteres noch immer in verräterische Glut getaucht/ „ . »Ich muß sehr um Verzeihung bitten, Herr Assessor!" stotterte sie ganz verlegen und vermochte nicht, die braunen Augen zu ihm aufzuschlagen. Ihm wurde merkwürdig warrtt und weich ums Herz, als er sie nun erkannte. „Ach, was denn," lachte er ein wenig befangen. „Das hat mir nicht weiter weh getan! Aber heute nachmittag —" Da war sie ihm schon leise auflachend entschlüpft. Herr Gott, wie füß konnte sie lachen, seine feine, schlanke Prinzessin Stacheldraht, die von einem Weihrmchtsbesuch bei Verwandten heute im gleichen Zuge mit ihm wieder beim- gskehrt war. III. Eine so gemütliche Neujahrsnacht hatte Heinz Duveneck bisher noch niemals erlebt. Wie waren sie lieb und nett gewesen zu ihm, Mte und Junge! Nur Es, die Aelteste, war bis zuletzt wie in einen unsichtbaren Mantel holder Zurückhaltung gehüllt geblieben. Und als er ihr in der feierlichen Mitternacht Glück gewünscht und dabei etwas verwegen ihren Vornamen gebraucht hatte, waren ihre braunen Augen ernsthaft über sein Antlitz hingeglitten und sie hatte nicht unfreundlich, aber doch abwehrend erklärt: „Eva heiße ich nur für unsere nächsten Bekannten, Her« Assessor!" „Verzeihung," hatte er in drolliger Zerknirschtheit erwidert, „aber wir kennen uns doch jetzt auch schon im zweiten Jahre!" Daraufhin hatte sie doch lächeln müssen. Und von diesem Lächeln hotte er geträumt mit ihrem Pantöffelchen auf dem Herzen. Denn das gab er ganz gewiß nicht wieder heraus, dieses liebe Keine, küssenswerte Orakelzeichen! — Schon in aller Frühe hatte er sich aus dem Gewächshaus des Rittergutes ein paar prächtige Sträuße besorgen lassen. An den mit der einzigen Rose darin aber hatte er seins Karte mit der Aufschrift: „Für Fräulein Eva Damberg mit herzlichen Neujahrsgrüßen!" geheftet. Und nun war dis Kirche aus, und er ging, frohüewegten Herzens, im Pfarrhaus feine Dankvisite abzustatten. Merkwürdig, in dem Hause gab's immer ein Hallo, sogar am Reujahrsmorgen! Aber diesmal kam'S aus dem Erdgeschoß. Deutlich unterschied er das Lachen des Primaners, die etwas beklommenen Stimmen der Mädel, die begütigenden Worte der rundlichen Frau Pastor, die den anscheinend heute etwas kratzbürstig aufgelegten kleinen Pfarrherrn zu beruhigen versuchte. Da er nicht unfreiwilliger Horcher werden wollte, klopfte er an. „Herein!" rief der Hausvater, der wohl einen Bauern seiner Gemeinde vermutet hatte. Wie er jedoch seinen Gast von gestern erkannte, sprang er auf aus seinem Lehnsessel und humpelte ihm, ein bißchen verlegen werdend, entgegen. „Entschuldigen Sie nur, Herr Assessor," sagte er, kläglich auf seine merkwürdig kleinen Füße heruntersehend, von denen der eine in einem kleinen, braunen, Heinz seltsam bekannt amuutenben. Pantöffelchen steckte, während der andere den grauen, hausgestrickten Strumpf ohne Prüderie preisaab, „aber die abscheulichen Mädel haben mir doch, gestern richtig einen meiner Pantoffeln verpvltert l Mr — 820 — haben schon das ganze Haus uingekehrt; er ist lute fort* gehext!. Aber ist das ein Wunder, wenn man solch höllischen Unfug damit in einem christlichen Pfarrhause, treibt?" Unwillkürlich legte Heinz Duveneck die Hand an feine Brust, fest über die Tasche, in der das Pantöffelchen wieder Quartier bezogen hatte. Er öffnete den Mund, unt etwas zu sagen. Aber die Worte blieben ihm in der Kehle stecken. Dafür stieg ihm jedoch flott und marschsicher das Blut vom Herzen auf über Hals und Wangen, bis in die Schläfen und Ohrzipfel hinein. Sehr viel brauner ivar auch der kleine Lederpantoffel nicht, um den sich'S handelte! Und wie sie den Gast ituit alle erstaunt betrachteten und über Fräulein Evas reizendes Antlitz plötzlich ein Lächeln huschte, ein Grübchen bildendes und doch dabei ein ganz klein wenig mokantes Lächeln voll ahnendenl Verstehen, da griff er plötzlich in die Tasche, holte den intriganten kleinen Gesellen heraus und stammelte mit einem Ausdruck, der fast noch blöder war als das Mienenspiel seines gestrigen Schlittenlenkers: „Bitte, da . . . ja, da ist der. . . der nichtsnutzige. . . äh . . . Ausreißer! . . . Ich habe ihn ... aus Versehen natürlich . . . das heißt. . ." Er brauchte sich nicht weiter Mühe zu geben. Ein schallendes Gelächter erschütterte das allzeit für Fröhlichkeit empfängliche Pfarrhaus. Sie lachten alle, vom Vater an bis zur schnippischen Jüngsten. Und wie Virtuosen lachten sie, herzhaft und lange! Nur eine tat nicht mit. Tie sah mit großen, tröstlich lächelnden Augen in sein verwirrtes, heißes Antlitz. Keine Spur von Spott mehr tvar darin zu lesen! Und das tat ihm so wohl, daß er nicht davon, stürzte, wie's ihm sein Unmut einflüstern wollte, sondern sich zu-- redcn ließ und blieb. Das Pantöffelchen aber, unter das er daraufhin im Lause des Jahres geriet, war noch ein ganz Teil weicher und zierlicher als jenes einst zärtlich geküßte seines trefflichen Schwiegervaters.... UsujKhrtzWünsche in alten Zeiten. Wen» in den nächsten Tagen die Wünsche für „ein glückliches neues Jahr" hin und herüber fliegen oder das kürzere und derbere „Prosit Neujahr" erschallt, wer denkt dann wohl daran, daß er da einer Sitte folgt, die sich durch die Jahrhunderte zurückverfolgen läßt bis in die ältesten Zeiten menschlicher Kulturgeschichte! Nachdent man einmal zu einer geordneten Zeitrechnung gekommen war, stellte sich sehr bald auch die Darbringung guter Wünsche zum Beginn des neuen Jahres ein. lind bereits bei den alten Aegyptern erfolgte, wie Tr. Hans Berger in einer hübschen Plauderei ausführt, die in „lieber Land und Meer" 'veröffentlicht wird, eine in ihrem Wert zweifelhafte Weiterbildung, indem Geschenke an die Stelle des wirklich gefühlten und gedachten Wunsches traten. In der Zeit des Königs Ameuhotep II. (1461—1436 v. Ehr.) hat sich dieser Standpunkt längst eingebürgert, und ein hoher Beamter hält die Gescheute, die er dem Könige als Neu.jahrsgruß überbracht hat, für so wichtig, daß er sie auf seiner Grabinschrift aufzählen läßt: „Wagen aus Silber und Gold, Statuen aus Ebenholz und Elfenbein, Halskragen aus allerhand Edelsteinen, Waffen, Werke aller Künstler." In den ägyptischen Gräbern sind zahlreiche leere, vlauglasierte Fläschchen gefunden worden, die einstmals ohne Zweifel wohlriechende ätherische Oele zum Gebrauche für die Toten im Jenseits enthielten, und auf einem Teil von ihnen liest man Hieroglyphen, durch die diese Fläschchen als Neujahrssenduugen gekennzeichnet werden. Zart und zurückhaltend, wie ein chinesisches oder japanisches Gedicht, mutet eine solche Glückwunschinschrift an: „Tie Blume schließt sich auf. Und siehe da — ein andres Jahr!" Eine besondere Rolle spielt dann der Ncujahrswuusch bei den abergläubischen Römern, bei denen als Beigaben zunächst nur Symbole des Wachstums, der Fruchtbarkeit, der Mehrung des Einkommens und vor allem der Lorbeerzweig hinzugefügt werden. Aber allmählich gesellten sich auch eßbare Früchte und andere Delikatessen dem symbolischen Gruße bei. Bei den Reichen kommt die Sitte auf, die Gluckwunschgaben in wertvollen Nachbildungen aus Edelmetall zu schenken, die ärmeren überziehen die' Früchte wenigstens mit gläirzendem Blattgold. In späteren Zetten entwickelt sich die Unsitte, sich durch kostbare Neujahrsgeschenke den Höhergestellten und insbesondere dem Staatsoberhaupt angenehm zu machen. In den ersten Zeiten des Kaisertums war die Gelegenheit zu Neujahrsgeschenken auch umgekehrt dem Kaiser Augustus erwünscht, indem er sich für die Huldigungen eifriger Anhänger dankbar erwies itnb ihnen das Vierfache an Wert zurückgab. Die römische Sitte des Glückwunsches und Geschenkes zu Neujahr ist dann in das Mittel- alter mit hinübergegangen. Aber nach längerem Schwanken ist erst im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert der 1. Januar des cäsarischen Kalenders wieder allgemein als Jahresanfang zu Ehren gekonnnen. Die Sendung von Beglückwünschungen an die, mit denen man nicht "persönlich! zusammen sein und feiern kann, hat sich auch im Mittelalter erhalten. Teils geschah dies in einem formelhaften; Wunsche „ein gut selig neues Jahr!" oder „ein gottselig Jahr!" oder a ,h „eilt glückselig neues Jahr!" Vielfach trat aber auch an dessen Stelle bei den reimlustigen Deutschen die poetische Begrüßung. Besonders in dem gesellige« fünfzehnten Jahrhundert sind Neujahrswünsche solcher Art sehr beliebt gewesen, Und sie haben schon damals z» einer künstlerischen Industrie für vornehme Kreise geführt; eine ganze Menge betätiget alter Neujahrskarten sind als selbständige Blätter erhalten oder auch mit Kalendern verbunden. Es sind Holzschnitte oder Kupferstiche, oft handkoloriert. Das älteste und zugleich unmutigste Beispiel solcher Wunschverse stammt aus der Zeit vor'den gedruckten Neujahrskarten und ist in einer Sangerhäuser Handschrift erhalten: Mein Trutgeselle, myn liebster Hort, Wisse, daz dir wunscheil myne Wort Uncz (bis) uff den Tag, daz sich dez nuive Jehr erwehrt. Wez ozu Geluck (Glück) ye luert erdacht Dez werde alleczyt in dir vollbracht. Nns daz ich myde (meide), wez dir vvrsmahet ist. So war myn Hertze in Freuden Zeit Und dyn Gelucke daz ist myn Heil; ■ Wan ich by dir nicht mag gefin. So bin ich doch alleczyt daz Din Und du daz Myn. VermiKthSes. * P h i l ister u n d S ch u l f u ch s! Die burschikose Bezeichnung „Philister" hat, so schreibt man der „Boss. Zig." aus Jena, ihren Ursprung in Jena, wo im Jahre 1624 der Leichenrede bei der Beerdigung eines in einer Rauferei erschlagenen Studenten der Text „Philister über dir, ©im* son" (Richter 16, 20) zu Grunde gelegt wurde. Auch her Name „Schulfuchs" ist Jenaischen Ursprungs. Der Professor der griechischen Literatur Justus Ludwig Brysoman (gest. 1585) trug, als er nach Jena kam, einen mit Fuchsfell gefütterten Rock. In seinem Umgang ivar er sehr pedantisch; die Studenten gaben ihm daher den Namen Schulfuchs, der sich bis heute für die Gymnasiasten erhalten hat. * Erkl ä r t. „Warum heißt es denn hier: A. Meters selige Witwe?" — „Na, warum soll denn die Meier nicht selig sein, baß sie jetzt Witwe ist?" Literarisches. — Ein scf)v praktisches Haushaltungsbuch, das wie kein anderes eine genaue Uebersicht über Einnahmen und Ars' gaben ermöglicht, gibt seit 27 Jahren der Verlag von JulstiA Hoffmann in Stuttgart heraus. Es ist mit einer Anleitung und klaren Beispielen versehen, so daß es von jeher Hans- svau mühelos geführt iverden kann. Ncujahrs-Rätfer. Wer all sein Erstes nur nut starrem Sinn Aus eine von den Drillen setzen wollte, Der sah es bald, wie flüchtig ihm dahilr Sein einig unerreichbar Erstes rollte. Und wem nicht alles nach beut Zweiten ging, Wer, angelockt von ialschem Jrrlichtgtanze, An einem Wählt, an einer Torheit hing, Ter wird hem brav verspottet durch das Ganzem Auflösung des Homonyms in voriger Nummer: Richter. . Redaknonl E. Andecsvm — Rolauonsdruck und Berta, de, Brühtstchei, Umoersttcus» Buch- und ©leiiibrudsiei, ist. Lange, Gtetze«.